Kobaltkrone - Veronika Weinseis - E-Book
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Kobaltkrone E-Book

Veronika Weinseis

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Beschreibung

Treue geboren in Schmerz und Hoffnung. Nereida ist Königin Elrojanas Geheimwaffe. Jahrzehntelang folgt sie den Befehlen ihrer Herrin, die in immer tiefere Abgründe steigt, um ihren größten Wunsch zu erfüllen. Doch nachdem die unsterbliche Elrojana Nereida in das Geheimnis der Kobaltkrieger einweiht, zweifelt Nereida das erste Mal an ihrer Königin und dem Weg, den sie eingeschlagen hat. Prinz Areleas, der mehr Interesse an den unerforschten Tiefen unter dem Palast hat, als gut für ihn ist, bietet ihr einen Ausweg. Ihr Herz gehört dem Prinzen, obwohl sie weiß, dass er ihre Gefühle nie erwidern könnte. Doch ist die Hoffnung auf ein neues Leben stärker als die Ketten ihrer Schuld? Ein Leben, nur einem einzigen Zweck verschrieben. Thalar ist einer der mächtigsten Gewirrspinner Vallens. Unter den wachsamen Augen seiner Lehrmeisterin lernt er alles, was er braucht, um seiner Vorfahrin Elrojana die Unsterblichkeit zu nehmen. An seiner Seite ist der verbannte Prinz Nuallán, ein Erbe des alten Königsgeschlechts und Nachkomme einer Legende – des Skah. Thalar verbietet sich seine Gefühle für Nuallán, denn er lebt nur für diese eine Schlacht, die ihnen bevorsteht: die Ewige Königin zu stürzen und Vallen von seiner Despotin zu befreien. Um ihr Ziel zu erreichen, müssen sie riskante Bündnisse mit gefährlichen Nachbarländern eingehen. Deren Hilfe in der Schlacht ist unersetzlich, die Konsequenzen jedoch größer als anfangs gedacht. Blut und Dunkelheit pflastern seinen Weg. Anders erreicht mit seinen Gefährten endlich die blaue Stadt, Lanukher. Seine Reise durch die lichtdurchwirkte Welt war voller Strapazen. Er stellt schnell fest, dass der letzte Teil seines Auftrags der schwierigste von allen wird: Atlars Seele befindet sich irgendwo im Palast. Noch versteckt in der Unterstadt Lanukhers wird Anders von Elrojanas Geheimwaffe Nereida aufgespürt und steht dieser allein gegenüber. »Kobaltkrone« ist der Folgeband zu »Lichttrinker«. Es ist ein düsteres Abenteuer in einer anspruchsvollen Fantasy-Welt mit neuen Magiearten und kulturellen Eigenheiten. Man folgt moralisch fragwürdigen Figuren, die ihre eigenen Ziele verfolgen und aus Bündnissen ihre Vorteile schlagen. Der Fokus liegt nicht auf Romanzen, aber unterschiedliche sexuelle Orientierungen sind vertreten.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis
Hoffnung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Hoffnung
Figurenliste
Glossar
Danksagung
Über die Autorin
Empfehlungen

Kobaltkrone

Nachtkönig

 

Urheberrechtlich geschütztes Material

Alle Rechte am Text liegen bei Veronika Weinseis.

Nachtkönig – Kobaltkrone

Band 2

 

1. Auflage

© 2021 Veronika Weinseis | www.weinseis.de

 

Lektorat: Anke Hohl-Kayser

Korrektorat: Jessica Weber | www.buchgezeiten.eu

Buchsatz: Veronika Weinseis | www.weinseisdesign.de

Covergestaltung: Alexander Kopainski

Unter Verwendung von Stockdaten von shutterstock.com

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, sowie Orten und sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Ebooks sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin und erwerben eine legale Kopie.

Danke!

 

Impressum

Veronika Weinseis

Hammerstr. 3

92447 Schwarzhofen

www.weinseis.de

Vorwort

 

Die Nachtkönig-Reihe ist düster und komplex. Um dir einen möglichst nahtlosen Anschluss an Band 1 »Lichttrinker« zu ermöglichen und dir noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, was geschehen ist, habe ich ein „Was bisher geschah“ und ein Beziehungsgeflecht der wichtigsten Figuren erstellt. Du findest es unter www.weinseis.de/NK-was-bisher-geschah

Außerdem kommen auch bei Kobaltkrone Themen vor, die dir vielleicht Schwierigkeiten bereiten können.

Du findest hier eine Liste: https://www.weinseis.de/triggerwarnungen/

Wie auch schon bei Lichttrinker findest du am Ende des eBooks eine Figurenliste und ein Glossar.

 

 

 

Für mich und alle, die an sich zweifeln:

Schau, was du geschafft hast.

 

Sie mag das Schönste sein,

was je auf Erden existiert hat.

Ein Blick und ich bin sprachlos,

ein Schritt in ihre Richtung

und ich bin atemlos.

Ihr Alter macht sie nicht hässlich,

es lässt sie erstrahlen.

Sie strahlt so hell,

dass ich die Dunkelheit nicht sehe,

die in ihrem Herzen ruht

wie ein Gefangener,

so lange schon,

dass sich niemand erinnert.

Niemand außer mir

und den Göttern.

Wie ein Mahnmal einer uralten Schlacht,

aus der sie als Siegerin hervorging,

steht sie stolz vor meinem inneren Auge

und ahnt nichts

von dem drohenden Unheil,

von der Zerstörung und den Ruinen,

die sie bereits umgeben,

weil die Dunkelheit nicht länger ruht,

sondern gegen ihre Mauern schlägt.

 

Der Götter größter Fehler

Der kleine Mann

Hoffnung

 

»Was sehe ich da? Ein Flackern.«

»Geht eine Geschichte zu Ende, Herr?«

»Nein, Azariah, eine beginnt.«

 

Gespräche des Kartenspielers

In Nimrods fliegenden Gärten

 

Tenedrest, Hauptstadt der geeinten Frostreiche

Jahr 402 nach der Machtwende

 

 

Nur noch fünfundzwanzig Jahre.

Wenn sie fünfundzwanzig weitere Jahre bei der Izalmaraji überlebte, wäre sie frei. Nereida kam nicht umhin, jede Nacht daran zu denken, wenn sie mit schmerzenden Gliedern und einem neuen blutigen Strich am Bein erschöpft auf das schmale, harte Bett in ihrer Kammer fiel und wusste, dass sie einen weiteren Auftrag überlebt hatte. Mittlerweile trug sie achtundfünfzig dünne Narben am linken Oberschenkel. Achtundfünfzig Leben, die sie im Auftrag der Frostfürsten genommen hatte. Achtundfünfzig dunkle Flecken auf ihrer Seele, die sie von Diabesas liebender Umarmung auf ewig fernhalten würden. Noch fünfundzwanzig Jahre, dann würde sie gehen können, wohin sie wollte.

Einmal war eine ehemalige Izal in Tenedrest gewesen. Sie hatte zu ihnen gesprochen und ihnen bewiesen, dass die Frostfürsten ihr Wort hielten – nach fünfunddreißig Jahren im Dienste der unsterblichen Legion hatte man sich seine Freiheit verdient. Gleichzeitig fragte sich Nereida damals wie heute, wieso diese Izal die Einzige war, die zurückgekehrt war. Wollten die Izal den Ort ihrer Pein nur nicht mehr sehen oder hatten sie Angst, doch wieder eingefangen zu werden, wenn sie nicht so weit weg wie möglich flohen? War Nereida in fünfundzwanzig Jahren ebenso auf der Flucht? Bei dem Gedanken an die Izalerek, die Schattenfänger, die abtrünnige Izal zurückschleiften, erzitterte sie.

Ein Klopfen schreckte sie aus dem Halbschlaf. Im Reflex ging ihr Griff zum Dolch unter dem Kissen, doch sie ließ ihn dort und setzte sich auf. Wer auch immer die Höflichkeit besaß, an ihre Tür zu klopfen, würde ihr entweder nichts tun oder hatte jedes Recht dazu. Es war sehr früh am Morgen, fast noch Nacht. Eigentlich sollte sie zu dieser Zeit niemand besuchen.

Das leise Quietschen ihrer Tür erklang, das sie niemals beseitigen würde, weil es besser als jeder Wachhund war. Flackernder Lichtschein ergoss sich in ihre dunkle Kammer, als Zervos seinen Kopf durch den Spalt steckte und sie angrinste. In seinen Augen blitzte immer ein Funke kindlichen Schalks. Sie fragte sich, ob der auch während seiner Aufträge blieb. Das kurz geschorene Haar schimmerte im Licht, das über seine Adlernase lange Schatten in sein Gesicht warf. Auf sein Zögern gab sie ihm mit einer knappen Geste des Kopfes zu verstehen, dass er eintreten durfte. Sofort schlich er herein. Die quietschende Tür in der Stille ließ ihn zusammenzucken, als er sie wieder schloss.

»Du bist zurück«, flüsterte er und ließ sich neben sie auf ihr Bett fallen. Die einfache Öllampe stellte er neben seinen nackten Füßen ab. Seine Arme und Beine waren lang und erinnerten an einen Storch, wie er so dasaß, in das dunkle Rot der Bestrafer gekleidet.

»Lass mal sehen.« Dabei griff er nach dem Saum ihres alten Nachtgewands und zog es bis zu ihrem Oberschenkel hinauf. Als er die frische Wunde entdeckte, weiteten sich seine Augen. »Tatsächlich.« Aus seiner Stimme klang der Neid. »Du hast es schon wieder geschafft. Bald sind wir vollkommen überflüssig, weil du uns alle Aufträge wegschnappst.

Nereida betrachtete sein linkes Bein nachdenklich. Auch ohne es zu sehen, wusste sie, dass Zervos neununddreißig Narben trug. Er gab mit jeder, die dazukam, vor der Izalmaraji an. Viele taten das, weil sie so erzogen worden waren. Mit jedem Auftrag, den sie erfolgreich beendeten, mit jedem Leben, das sie auf Geheiß der Frostfürsten auslöschten, gewannen sie an Wert und Status. Mit jedem Strich waren sie dem Tod ein weiteres Mal knapp entkommen. Manche von ihnen waren regelrecht süchtig nach diesem Nervenkitzel.

Auch Nereida hatte es eine Weile lang getan, bis ihr die finsteren Blicke einiger älterer Izal aufgefallen waren. Weil Nereida mehr Aufträge als sie bekam, was rein dem Fakt geschuldet war, dass Dunkelheit für sie kein Hindernis darstellte. Selbst die ewige, eisige Nacht der Frostreiche behinderte sie in ihrer Arbeit nicht. Was andere mit jahrelangen, mühseligen Anstrengungen versuchten zu erreichen, war ihr durch ihr Blut in die Wiege gelegt.

Einige Mitglieder der Izalmaraji hassten sie dafür, denn ihre Annehmlichkeiten und nicht zuletzt ihre Freiheit standen auf dem Spiel. Ein nützlicher, erfolgreicher Dienst von fünfunddreißig Jahren beinhaltete, dass man Aufträge bekam. Nereida setzte durch ihr Avolkeros-Erbe höhere Maßstäbe an die Übrigen. Vielleicht kamen mit dem nächsten Schiff voller gestohlener Kinder für die folgende Generation der unsterblichen Legion mehr Avolkerosi in die Frostreiche. Ein Kontinent in ewiger Nacht war wie geschaffen für das verfluchte Blut. Wenn es so weiterging, würde Nereidas quietschende Tür ihr in baldiger Zukunft womöglich das Leben retten. Deshalb hatte sie aufgehört, ihre Striche zu feiern. Innerlich jubelte sie immer noch, wenn sie lebend zurückkam.

Doch zu was kehrte sie eigentlich heim? Sie wurde wieder in Ketten gelegt, bis ein neuer Auftrag kam, bei dem sie ihr Leben riskierte. Ihr Leben war eine Aneinanderreihung von Schmerz, Drill, Mord und noch mehr Schmerz. Töten oder getötet werden. Wenn es nach den Frostfürsten ging, würde sie niemals wieder die Sonne sehen.

Sie zog ihr Nachtgewand zurück über ihre Knie. »Es war knapp. Er hatte verdammt gute Söldner angeheuert.«

»Galurs Leute waren schwer zu töten?«

Nereida brummte zustimmend. »Einer war ein Naturformer.«

Zervos’ Mund stand offen. »Nicht dein Ernst.« Er sah sie zweifelnd an. »Den konnte sich dieser Möchtegernfrostfürst doch niemals leisten.«

Nereida zuckte die Schultern. Sie wollte nur noch schlafen. »Anscheinend sind die, die den Frostfürsten nicht dienen, verzweifelt.«

»Bei Keilorn«, stöhnte Zervos. »Du bekommst wirklich immer die besten Aufträge.«

»Wenn du mit besten die gefährlichsten und mit höchster Wahrscheinlichkeit tödlich endenden meinst«, konterte sie gähnend. Davon ließ er sich nicht irritieren und stand energisch auf. Er packte ihre Hand und riss sie mit in die Höhe, wodurch sie sich fast auf die Zunge biss.

»Was soll das?«, fauchte sie.

»Na, was wohl? Nach so einem glorreichen Strich kannst du doch nicht einfach schlafen gehen! Du hast gegen einen Naturformer gewonnen. Das wird gefeiert! Rulenia wird vor Neid erblassen!«

Jammernd und schimpfend ließ sich Nereida mitzerren, nachdem Zervos ihr zumindest noch erlaubt hatte, sich etwas überzuwerfen.

Im von Öllampen beleuchteten Gemeinschaftsraum saßen einige Izal vereinzelt oder in kleinen Gruppen in den alten, aber bequemen Ohrensesseln. Sie trugen Nachtmäntel in Dunkelblau, Dunkelrot oder Anthrazit. Die Farben kennzeichneten den jeweiligen Status. Wer keine Farbe trug, war wertlos, was normalerweise nur die jüngste Generation betraf. Denn wer nach fünf Jahren noch keinen Status erreicht hatte, verschwand. Angeblich wurden jene als Frischfleisch für die Ausbildung der Izalerek benutzt.

Nereida trug Anthrazit, Zervos Dunkelrot. Sie war Nebel, er ein Bestrafer.

Nebel waren häufig. Bestrafer und Ströme nicht, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Ströme wurden selten gebraucht, weil Nebel bereits heimlich genug arbeiteten. Bestrafer brauchten eine besondere Neigung. Deshalb feierte Zervos seine Striche noch mehr als andere. Er war einer der Wenigen, die geeignet waren, eine andere Person mit allen Mitteln der Kunst zu quälen und zu foltern, bis er ihnen erlaubte zu sterben. Wenn Nereida in sein strahlendes Gesicht sah, konnte sie sich trotzdem nicht vorstellen, dass es ihm Freude bereitete. Sie hasste, was die Izalmaraji aus ihnen machte.

Rulenia saß in der Mitte des Raumes auf dem größten Sessel und schien zu schlafen. Obwohl ihre Atemzüge langsam und regelmäßig und ihre Augen reglos hinter den Lidern verborgen waren, zeichnete sich ein sanftes Lächeln auf ihren feinen Zügen ab, als Zervos und Nereida auf sie zugingen. Sie waren die einzigen Izal ihres Alters, die bis zur Aufnahme in die Reihen der Izalmaraji und zur Farbgebung überlebt hatten.

Zu so später Stunde herrschte eine ruhige Atmosphäre im Gemeinschaftsraum. Es war nicht verwunderlich, dass noch jemand wach war, war doch die Nacht für einen Izal die übliche Schaffenszeit. Zumal es in den Frostreichen immer Nacht war – es ging lediglich darum, wie dunkel sie war. Aber um zu feiern, wie Zervos es wohl tun wollte, waren die Falschen hier. Najur und Kaone hatten Aufträge, die sie aus Tenedrest weggeführt hatten, und Mira hatte sich wohl schon zurückgezogen.

Aras’ stechender Blick bohrte sich in Nereidas Rücken. Er wusste auch ohne ein Wort, ohne Prahlerei, dass ihre Rückkehr ihren Erfolg bedeutete. Obwohl er seine Augen, sobald sie sich umdrehte, gelassen über die Seiten seines Buches gleiten ließ, war sie sich im Klaren darüber, dass er sie genau beobachtete. Sie spürte seinen Blick jedes Mal wie ein physisches Brennen. Er war gefährlich. Gefährlicher als die meisten in diesem Haufen ausgebildeter Mörder. Zwar trug er Anthrazit, doch Nereida hatte ihn einst mit Frostfürst Zivetu ins Weiße Zimmer gehen sehen. Dorthin, wo kein normaler Izal Zutritt hatte. Auch wenn es nur eine Vermutung war, die sie mit niemandem teilte, vertraute sie ihrem Bauchgefühl: Aras war für die Frostfürsten etwas Besonderes und ihm missfiel ihr Ansehen, wenn man es denn als solches bezeichnen wollte. Denn ganz gleich welchen Status ein Izal einnahm, er war immer unfrei. Sollte sie jedoch recht haben, so könnte sie ein solches Wissen schnell den Kopf kosten. Wüsste Aras, dass sie ihn damals im Weißen Zimmer gesehen hatte, würde er es vielleicht sogar selbst tun. Er war älter und besser als sie. Gegen ihn hatte sie keine Chance.

Rulenia lümmelte immer noch bequem im Sessel, als sich Zervos neben sie warf und ihr einen Kuss auf die Wange gab. »Stell dir vor …«

»Sie war erfolgreich?«, vollendete sie und schmunzelte. »Sonst wäre sie wohl kaum hier.«

Zervos verzog seinen Mund zu einer Schnute. »Das sollte gefeiert werden!«

»Ich hab dir doch gesagt, du sollst sie schlafen lassen. Sieh doch, wie ihr die Augen fast im Stehen zufallen.«

Nereida richtete ihre Aufmerksamkeit auf die beiden und drehte Aras demonstrativ den Rücken zu. Sie konnte sowieso nichts gegen ihn ausrichten. Wer in der Gunst der Frostfürsten stand, war sicher. Er war unantastbar, solange sein Gönner Zivetu lebte.

Als Zervos ihr ein entschuldigendes Lächeln schenkte, winkte sie ab. »Ich habe den ganzen Tag, um zu schlafen, bis ich wieder für Aufträge offenstehe.«

»Na, wenn das so ist.« Rulenias Augen funkelten und sie griff nach dem Becher, der neben dem Sessel am Boden stand. »Dann musst du zumindest einen mit uns trinken, bevor wir dich wieder gehen lassen, müde oder nicht.« Sie verpasste Zervos einen Tritt, der ihn halb vom Sessel warf. »Wo bleibt der Sidrius, Faulpelz?«

Egal wie zierlich Rulenia war, sie wusste genau, wie sie ihren Körper einsetzen musste. Nereida schätzte ihre gemeinsamen Übungsstunden nicht umsonst.

Während Zervos eilig im Nebenzimmer verschwand, nahm Nereida seinen Platz ein. Rulenia setzte sich ein wenig aufrechter hin und bedachte Nereida mit einem prüfenden Blick.

»War kein einfacher Auftrag, was?«, fragte sie und fuhr über einen provisorischen Verband an Nereidas Handgelenk, der vollgesogen mit Blut war. »Soll ich mir das mal ansehen?«

Nereidas Mundwinkel zuckten. »Bist du neuerdings unter die Heiler gegangen? Ich dachte, wir wären diejenigen, die denen Arbeit machen.«

»Wenn wir unsere Pflichten erfüllen, haben die Heiler gar keine Arbeit mehr zu tun.«

Auf ihren nachdrücklichen Blick hin sagte Nereida: »Ich gehe morgen in den Roten Flügel. Bis dahin verblute ich schon nicht.«

Zervos kam zurück, füllte Rulenias Becher und drückte Nereida einen in die Hand, bevor er sich mit auf den Sessel quetschte und Nereida dazu drängte, etwas von ihrem Auftrag zu erzählen.

»Du weißt genau, dass wir das nicht dürfen«, sagte Nereida streng. »Also hab wenigstens den Anstand, mich an einem Ort darum zu bitten, an dem wir nicht unzählige Zuhörer haben.« Dabei lag ihr Blick auf Aras, der mittlerweile in eine Runde Mehir eingestiegen war und die Vesrakarten mischte. Zervos seufzte und begann stattdessen von seinem Training zu erzählen. Er hatte eine angenehme Art zu sprechen und Nereida fragte sich, ob das an seiner Kindheit bei den Sanan im Stromland lag.

Man konnte den Frostfürsten zumindest nicht vorwerfen, sie würden ihre Meuchelmörder nicht ausgezeichnet ausbilden. Selbst ein Jahrzehnt nachdem ihre zehn Jahre währende Lehre bereits vollendet war und sie als vollwertige Mitglieder in die Izalmaraji aufgenommen worden waren, wurden ihnen Lehrmeister zur Verfügung gestellt, um ihre Fähigkeiten noch weiter zu verfeinern. Die meisten waren erfahrenere Izal, die auf diese Weise die letzten Jahre ihrer Sklaverei ungefährlicher verbringen durften. Dies wurde allerdings nur wenigen gestattet.

Sie redeten, bis sich die dunkle Wolkenschicht aufhellte und der Schneesturm zu einem leichten Schneefall wurde. Doch Nereida beachtete das Wetter kaum. Ohne Sonne gab es nichts dort draußen, was sie sehen wollte.

Trotz der ersten Morgenstunden hatten kaum Izal den Gemeinschaftsraum verlassen. Auch Aras saß noch auf seinem Sessel an der langen Seite der Wand und sie spürte den Blick seiner gelben Augen manchmal auf sich. An die weiche Lehne gedrückt und von Rulenias und Zervos’ Wärme umgeben, drohte sie fast wegzudämmern. Das Klacken der Eingangstür und Schritte aus dem Flur wischten ihre Müdigkeit allerdings augenblicklich fort.

In eine teure, blaugraue Robe gekleidet trat ein Azahir in den Gemeinschaftsraum der Izalmaraji. Die Atmosphäre veränderte sich. Obwohl die Izal weiterredeten, weiter Karten ausgaben oder ihre Augen auf die Seiten ihrer Bücher geheftet hielten, hatte jeder von ihnen seine Aufmerksamkeit dem Vertreter der Frostfürsten zugewandt. Normalerweise kamen Azahire nicht zu dieser Stunde. Zudem kannte Nereida den hier nicht. Sein rundes Gesicht mit hängenden Wangen endete in einem Kinnbart und er trug einen Bauch wie ein Fass vor sich. Trotzdem war er eindeutig reinblütig. Ein Jaradai oder zumindest einer, der den Strahlenden aus den früheren Tagen der Frostreiche, als es noch einen tatsächlichen Tag gegeben hatte, am nächsten kam. Seine Haut glitzerte kühl im warmen Schein der Öllampen und erinnerte an funkelnden Schnee im Sonnenlicht, wie Nereida es in ihrer Kindheit gesehen hatte. Seine Augen glichen dem morgendlichen Nadelwald, aus dem sich die grauen Nebel träge erhoben und den Blick auf sattes Grün freigaben. Seine Lippen ähnelten blassen, gefrorenen Rosenblättern und bei einem schöneren Mann hätte das alles ausgereicht, um jeden in Schwärmerei zu versetzen. Nereida verband nichts als Angst, Schmerz und Hass mit diesem Aussehen.

»Nebel«, sagte der Azahir mit einer kratzigen Stimme und jeder einzelne Anthrazitträger im Gemeinschaftsraum sah auf. Der Azahir erwiderte Nereidas Blick. »Komm.«

Nereida sah Rulenia unsicher an, doch die zuckte die schmalen Schultern. Den Frostfürsten wie den Azahiren war genau bekannt, dass sie erst vor wenigen Stunden von einem Auftrag zurückgekehrt war. Das sagten ihnen ihre sorgfältig geführten Unterlagen. Sie konnten Nereida nicht schon wieder losschicken. Doch einem Azahir zu widersprechen, würde ihr mehr Schmerz einbringen, als ihr lieb war, also stand sie auf, strich ihren langen Nachtmantel glatt und folgte ihm barfuß.

Er schien sich darum nicht zu kümmern, drehte sich ohne Weiteres um und ging den langen Flur entlang, den er gekommen war. Nereida spürte Aras’ brennenden Blick in ihrem Rücken.

Die Tür öffnete sich mit einer sanften Geste der Hand des Azahirs, als er den Schatten-Flügel verließ und in die zu dieser Zeit schon geschäftigen Korridore und Hallen des Dvahal trat. Dieser gigantische Palast nahm beinahe das gesamte Zentrum von Tenedrest ein und ermöglichte es der privilegierten Oberschicht, ihren täglichen Geschäften größtenteils außerhalb des ewigen Schnees und des heulenden Windes nachzugehen. Viele Teile des Palastes waren aus Eis gebaut, sodass die Kälte niemals ganz schwand.

Die Leute, an denen sie vorübergingen, verneigten sich vor dem Azahir, Nereida sahen sie nicht an. Sie war schließlich ein Izal, ein Schatten, der eigentlich gar nicht existierte.

Das Herzstück des Dvahal, der Frostsaal, in dem alle wichtigen Zusammenkünfte der sechzehn Frostfürsten stattfanden, lag im Zentrum, hoch oben im Splitterturm, so wie es sich für den Kopf der Schlange ziemte. Die Unterkünfte der Izalmaraji befanden sich in einem deutlich abgelegeneren, entfernten Teil des Palastes, sodass niemand daran vorbeimusste, der nicht zu ihnen wollte.

Sie waren eine ganze Weile unterwegs und der spiegelnde Boden war kalt, doch Nereida verzog keine Miene. Sie kannte den Weg auswendig, war ihn schon achtundfünfzigmal gegangen, teilweise in schlechterer Verfassung als jetzt.

Najur kam ihr entgegen, ebenso erschöpft wie sie. Er schenkte ihr einen fragenden Blick, wagte aber keinen Ton zu sagen in der Gegenwart eines Azahirs. Stattdessen formte Nereida mit den Händen: Besonderer Auftrag, vermute ich. Alles gut gelaufen?

Schon wieder?, fragte Najur mithilfe seiner schlanken Finger, als der Azahir bereits an ihm vorbeigegangen war. Ich lebe noch, oder? Er schmunzelte und nickte ihr aufmunternd zu, ohne langsamer zu werden.

Nach unzähligen Treppenstufen stand Nereida schließlich vor den versammelten Frostfürsten. Als die schweren, aus Eis bestehenden Tore hinter ihr geschlossen wurden, waren ihre Füße taub.

Die sechzehn alten Männer saßen in einer Reihe an einem sehr langen Tisch vor ihr. Ihre dicken, pelzbesetzten, schneeweißen oder grau durchzogenen Roben schützten sie vor der Kälte, die der Saal ausstrahlte. Auch der Rest des perfekt kreisförmigen Raumes an der Spitze des Splitterturms bestand aus Eis. Einst war der Dvahal nur ein einzelner Turm aus Eis gewesen, nicht fast das gesamte Zentrum der Stadt. Doch diese Zeit war so lange her, dass nur noch in den sorgfältig gehüteten Chroniken davon die Rede war.

»Die Nebel«, kündigte der Azahir, der an der Seite stehen geblieben war, sie ein wenig außer Atem an. Dann erst richteten die Männer, die sich angeregt in der Geheimsprache der Frostfürsten unterhielten, ihre Blicke auf sie und unterbrachen ihr Gespräch. Bis auf zwei von ihnen waren sie alle reinblütige Jaradai. Die Augen eines Mannes waren bernsteinfarben, der andere musste ein Avolkeros sein. Nereida konnte sich nicht vorstellen, was einer des verfluchten Blutes tun musste, um ein Frostfürst zu werden. Vermutlich begannen die Elutjen, die Bewohner der Frostreiche – ganz gleich, ob reinblütig oder nicht – nach vier Jahrhunderten umzudenken. Nun, da sie, wie ihr Name sagte, in Nacht und Eis geboren wurden und nicht mehr sonnwärts expandieren konnten, sah man über die schlechte Reputation der Avolkerosi hinweg. Denn sie waren wertvoll. Sie sahen in der ewigen Nacht, die seit dem Beginn des Zeitalters der letzten Sonne angebrochen war.

»Heute in zwei Monaten trifft die vallenische Königin in Tiensedurestia ein«, sagte einer von ihnen. Die Frostfürsten waren wohl die einzigen noch lebenden Valahari, die Tenedrest bei seinem uralten Titel nannten. Heutzutage war die Stadt nur noch ewiges Eis. »Du wirst die nächsten zwei Monate damit verbringen, Viromirs Lehren zu deinen Instinkten zu machen. Dies soll das letzte Mal sein, dass die Lichtmetze einen Fuß auf unser Land setzt.«

»Wir sollten sie mehr leiden lassen«, knurrte der Mann rechts von dem, der gesprochen hatte. Er hatte eingefallene Wangen und sein weißer Schnurrbart zitterte, wenn er sprach. »Lasst uns einen Bestrafer schicken für das, was sie uns angetan hat!«

»Wir haben bestimmt, Braven«, sagte der Sprecher der Frostfürsten kühl und ohne den Unruhestifter anzusehen.

Braven, dessen Titel gesegneter Rabe bedeutete, schnaubte verächtlich. »Wer will sie denn rächen, wenn sie tot ist? Sie war doch die Einzige, die Janabar entgegentreten konnte. Ohne sie sind die Vallenen nichts als Staub, den man wegpustet!«

»Das war vielleicht vor vierhundert Jahren so, aber mittlerweile hat Elrojana Generationen mächtiger Gewirrspinner ausgebildet«, sagte der Sprecher mit gefalteten Händen. »Ohne jemanden wie Janabar würden die Frostreiche ein neues Zentennium der Schande erleben, wenn uns noch einmal die Wut Vallens trifft. Reicht es nicht, dass Janabars Tod in der Machtwende unsere Niederlage bedeutet hat? Nie wieder verlassen wir uns auf Außenstehende. Wir machen es auf unsere Art. Und unsere Vorgehensweise ist leise und undurchsichtig. Wie Nebel. Ein Bestrafer erregt Aufmerksamkeit, die wir uns aktuell noch nicht wieder leisten können.«

»Tze!« Braven warf die Hände frustriert in die Luft.

»Ein Bestrafer würde eine geschundene Leiche zurücklassen und kein Strom ist in der Lage, daraus eine Lüge zu basteln, die die wachen Augen der Thronspinner täuscht.«

Die Thronspinner, jene Diener der vallenischen Königin, die in der Lage waren, Gewirre tatsächlich zu sehen. Nereida kannte nur die Blinden Künste der Naturformer, und deren Macht war schon atemberaubend. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie mächtig Gewirrspinner sein mussten. Deren Königin war die stärkste, die es je gegeben hatte, so hieß es. Nereida gefiel nicht, dass sie diesen Auftrag ausführen sollte. Sie hing an ihrem Leben.

»Sie verdient Schlimmeres als den Tod«, zischte Braven, doch schließlich verschränkte er übellaunig die Arme vor der Brust und verstummte, als der Sprecher eine knorrige Hand hob.

Es war das erste Mal, dass zwischen den Frostfürsten eine Diskussion ausbrach, während sich ein Izal im Saal befand. Normalerweise riefen sie die Izal erst, wenn alles ausreichend diskutiert und einstimmig entschieden worden war. Das hier war ein ganz besonders heikles Thema und Nereida missfiel, dass ihr diese Bürde aufgelastet werden sollte. An diesem Auftrag hing viel. Nicht nur ihr Leben.

»Hast du deinen Auftrag verstanden, Nebel?«, fragte der Sprecher der Frostfürsten, der eindeutig der älteste dieser vertrockneten Herrscher war. Nereida witterte ihre Chance.

»Dieser Auftrag ist wichtig«, stellte sie fest.

»Er ist von äußerster Wichtigkeit.«

»Er ist auch sehr schwer«, vermutete sie.

»Dafür riefen wir eine der Besten.«

»Vom Erfolg dieses Auftrags hängt das Schicksal der Frostreiche ab.«

Nun lehnte sich der Sprecher vor und betrachtete sie einen langen Moment, in dem leises Raunen in den Reihen der Frostfürsten aufkam.

»Du wurdest von Kindesbeinen an darauf abgerichtet, erfolgreich zu sein oder auf die eine oder andere Weise zu sterben«, sagte er schließlich ungerührt.

»Aber in diesem Fall habt Ihr eine eindeutige Präferenz, nicht wahr, Herr? Mein Versagen würde nicht nur meinen Tod bedeuten, sondern auch den Untergang der Frostreiche. Noch einen Schlag der vallenischen Königin würden sie gerade nicht überstehen. Wenn ich versage, gibt es keine zweite Chance.« Ihr Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust.

Braven schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und stand auf. »Tu, was dir befohlen wird, Niu!« Köter.

Nereida verengte die Augen. Es wäre so einfach. Sie könnte diesen Mistkerl mit bloßen Händen umbringen, bevor auch nur eines dieser alten Klappergestelle geblinzelt hätte. Ihr Blick wanderte zu den Azahiren, die an beiden Seiten des Saals standen. So einfach … und wahrscheinlich würde sie es sogar schaffen, bevor einer der Naturformer sie mit seinen Künsten aufhielt. Spätestens nach dem zweiten oder dritten Frostfürsten hätten sie sie. War es das wert?

Jeder Azahir war ein Naturformer, wenngleich nicht jeder Naturformer ein Azahir war. Sechs Männer, fähig, eines der sechs Elemente zu beherrschen, würden sie früher oder später stoppen.

Noch fünfundzwanzig Jahre.

Griff sie einen Frostfürsten an, würden sie dafür sorgen, dass sich Nereida den Tod wünschte. Aber sie würden ihn ihr nicht geben. Sie würden jeden einzelnen Bestrafer all sein Können an ihr ausprobieren lassen, bis auf den finalen Stoß, der sie erlösen würde. Sie würden Zervos zwingen, ihr wehzutun.

Noch fünfundzwanzig Jahre.

Sie hielt ihren Blick stumm auf den Sprecher gerichtet und presste die Lippen aufeinander.

Der schob ein Pergament vor sich beiseite. Die Herrscher über das ewige Eis führten über alles, wirklich alles, Buch. Sie waren so ordentlich.

»Du bist seit zehn Jahren bei der Izalmaraji. Es waren sehr erfolgreiche zehn Jahre, fast doppelt so erfolgreich wie der Durchschnitt.« Seine eisigen, eingesunkenen Augen richteten sich auf sie. »Solltest du den nächsten Auftrag mit ebensolchem vorbildlichen Erfolg abschließen, steht dir wohl eine Belohnung zu.« Das Raunen in den Reihen der Frostfürsten verstummte. Der Sprecher verschränkte seine ledrigen Hände ineinander und stützte den Kopf darauf. »Sagen wir, fünf Jahre?«

Er sagte es wie eine Frage, doch Nereida war schlau genug zu wissen, dass es ein Angebot war, das nicht höher steigen würde. Die Frostfürsten verhandelten nicht mit Schatten.

»Ich habe keine weiteren Fragen«, sagte sie deshalb und verneigte sich. Fünf Jahre. Sie könnte fünf Jahre von ihrer Liste streichen. Das waren nach ihrer Rechnung neunundzwanzig Leben im Austausch für eines. Dafür würde sie jede Königin dieser Welt töten.

»Ein Strom wird dir folgen, um sicherzugehen.«

Nereida konnte ein freudloses Lächeln nicht verbergen. Nebel, der die Sicht verschleierte, und ein Strom, der die Spuren davontrug. Wenn sie bei der Wahl des Stroms genauso bedacht waren wie bei der Wahl des Nebels, würde niemand je herausfinden, was über die vallenische Königin gekommen war. Eine tragische Geschichte, würden die Leute sagen. Sie muss sich eine unbekannte Krankheit eingefangen haben. Wie traurig, dass sie in einem fernen Land und nicht zu Hause bei ihren Liebsten starb.

Nereida verstand ihr Handwerk, und die zwei Monate, in denen sie freien Zugang zum Giftarsenal hatte, würden ausreichen, ein Gift zu mischen, das nicht einmal die schlausten Prudenbitoren Vallens entdecken würden.

Sie verneigte sich ein weiteres Mal und verließ den Saal barfuß und siegreich.

*

Sie war perfekt vorbereitet, als die vallenische Königin ihren Fuß auf elutjenisches Ufer setzte. In unauffällige, beigefarbene Kleider gehüllt stand Nereida am Hafen und beobachtete, wie die mächtigste Frau Eresgals direkt in ihr eigenes Grab stieg. Eresgal umspannte nicht nur Vallen und Galinar, sondern auch die Sonnenlande und das Stromland, und doch glaubte Nereida die Geschichten, die besagten, dass Elrojana die gefährlichste Person dieses Kontinents war.

Nereida kam nicht umhin, von der Ausstrahlung dieser Frau beeindruckt zu sein und sich zu fragen, wie es wohl war, in einem Land zu leben, in dem Frauen mehr als Dienerinnen und Sklavinnen waren. Nicht der Schmuck machte die vallenische Königin zu etwas Besonderem. Es war ihr ganzes respekteinflößendes, erhabenes Wesen.

Nereida folgte ihr einige Tage wie ein Schatten, bevor sie zuschlug.

Fünf Jahre.

Sie hatte gedacht, es wäre schwer, einer Königin Gift unterzumischen. Sie hatte keine Vorstellung gehabt, wie schwer. Unzählige Male entging die Königin vergiftetem Sidrius, tödlichen Speisen und gefährlichen Nachttrünken. Es dauerte beinahe zwei Wochen, bis sie endlich von dem Becher nippte, den Nereida ihr untergejubelt hatte. Endlich war es so weit. Nach dem langen Warten steigerte sich Nereidas Aufregung ins Unermessliche.

Nur eine Stunde später zeigte Elrojana die ersten Symptome: Auf dem Weg zum Händlerrat, mit dem sie über mögliche wirtschaftliche Bündnisse zu sprechen beabsichtigte, wurde ihr schwindelig und sie brach zusammen. Das Geschrei war groß. Einige ihrer Dienerinnen eilten herbei, stützten sie und schirmten sie vor den Augen des Volkes ab. Die Wachen der Königin waren aufgeregt, aber es gab keine Feinde, vor denen sie ihre Majestät schützen konnten. Sie rannten an Nereida vorbei, bemerkten die junge Frau gar nicht, die mühsam den Boden putzte, sodass man sich darin spiegelte. Diese Spiegelung machte es nur noch leichter, die Königin genau zu beobachten, ohne sie anzusehen.

Als Nereida bald darauf mit einem Korb Wäsche an den Gastgemächern vorbeiging, trat soeben der Leibarzt der Frostfürsten durch die Tür. Die Frostfürsten kümmerten sich fürsorglich um ihre Gäste.

»Es muss ein Schwächeanfall gewesen sein«, sagte er zu einer der Dienerinnen. »Vielleicht durch das kalte Klima und das fehlende Sonnenlicht hervorgerufen. Ihre Majestät ist nun bereits zwei Wochen fernab des Tageslichts. Vallenen sind die rauen Wetterumschwünge nicht gewöhnt. Sie sollte das Bett hüten und jede Anstrengung unterlassen.«

Die Dienerin nickte dankbar und schloss die Tür hinter ihm.

Nur Stunden später holte sie den Leibarzt aufgelöst noch einmal. Die Königin zitterte unkontrolliert, während der Blutspinner und der Leibarzt beratschlagten. Angespannt lauschte Nereida von ihrem Versteck im hohen Gebälk und im Schutze der tieferen Dunkelheit, die die Nacht mit sich gebracht hatte. Im kühlen Schein der Nevaretlampen, die in den Gemächern des königlichen Gasts angebracht worden waren, befeuchtete eine Dienerin einen Lappen und legte ihn auf die glühende Stirn ihrer Königin. Nereida lauschte dem Keuchen der Sterbenden und den leisen Worten der Männer. Der Blutspinner, den die vallenische Königin mitgebracht hatte, kniete auf der anderen Seite ihres Bettes und wischte vor sich in der Luft herum.

»So einen Fall hatte ich noch nie«, sagte der Leibarzt. »Normalerweise rappeln sich Besucher bald wieder auf. Das hier ist kein einfacher Schwächeanfall mehr. Vielleicht ist die baldige Abreise zurück ins Sonnenlicht die einzige Arznei, die ihr helfen kann.«

»Da – was ist das?«, fragte der Blutspinner besorgt. Er starrte angestrengt auf einen unsichtbaren Punkt in der Luft vor dem Körper der Königin. »Es schließt sich um die Gewirrstränge. Gift?«

Nereida lehnte sich angespannt weiter vor.

Die Haltung des Leibarztes versteifte sich. »Wollt Ihr damit etwas Bestimmtes andeuten, Blutspinner?«

»Natürlich nicht, ich gehe nur die Möglichkeiten durch«, sagte der Mann ausweichend. Er schenkte ihm einen Seitenblick, bevor er wieder auf das sah, was dem Rest der Anwesenden verborgen blieb.

Der Blick des Leibarztes wurde unterkühlt. »Für eine zukünftige Zusammenarbeit ist es von absoluter Notwendigkeit, dass Vertrauen zwischen den Ländern aufgebaut wird. Beschuldigungen sind keine gute Basis.«

»Ich wollte nichts dergleichen andeuten«, versicherte der Blutspinner wachsam. Er bewegte seine Hände in wirren Gesten und murmelte etwas, was Nereida nicht verstand. Da seine Lippen ihr verborgen waren, konnte sie es auch nicht davon ablesen. Hatte sie versagt? Konnte er die Königin retten?

»Ich kann es nicht entfernen. Ich weiß nicht, was es ist.«

Nereida atmete erleichtert aus. Gut. Sie hatte ihr Gift ausreichend getestet. Wenn der Blutspinner es nicht eindeutig als Gift identifizieren konnte, hatte sie nicht versagt.

Nereida kauerte die nächsten Stunden reglos im Gebälk, um sicherzugehen, dass ihr Auftrag ohne größeres Aufsehen erfolgreich war. Während der ganzen Zeit blieb immer mindestens eine Dienerin bei der vallenischen Königin, und der Blutspinner versuchte unentwegt, zu erkennen, was seiner Herrin fehlte. Nereida hatte Viromirs Lehren anscheinend ausreichend studiert, denn der Mann war ratlos.

Kurz vor Wolkenbruch wurde die Dienerin panisch, als sich die Königin wie wahnsinnig vor Krämpfen im Bett hin und her warf und die Augen so stark verdrehte, dass man nur noch das Weiß darin sah. So endete es also mit der Ewigen Königin, der Lichtmetze, die in einem Krieg vor Jahrhunderten über den Propheten Krabad Janabar gesiegt und die Elutjen zu einem Leben in ewiger Nacht verdammt hatte. Nereida beugte sich gespannt vor. Noch während der Blutspinner hektische Bewegungen vollführte, versuchte, sie im Leben zu halten, erstarben die krampfartigen Bewegungen der Königin und ihre Augen starrten blicklos ins Leere.

»Nein«, japste die Dienerin und tätschelte zaghaft die Wange ihrer Königin. »Nein, Majestät, bitte, seht mich an.«

Der Blutspinner starrte durch sie hindurch, während seine Hände unsichtbaren Linien folgten. Seine Bewegungen waren hektisch und ungenau.

»Ist sie wirklich tot?«, flüsterte die Dienerin, als könnte es nicht wahr sein. Jeder stirbt irgendwann, wollte Nereida ihr sagen. Selbst Gewirrspinner, die nie altern, sind doch sterblich.

Der Blutspinner senkte wie betäubt seine Arme. Sein Blick, der eben noch Dinge gesehen hatte, die für den Rest der Welt unsichtbar blieben, wurde finster.

»Ich kann nichts mehr für sie tun«, flüsterte er, als würde er soeben sein eigenes Todesurteil unterzeichnen. Er sank auf seine Knie, die Dienerin schluchzte. Nereida verkniff sich ein verächtliches Geräusch. Sie würde nie verstehen, wie man einer einzelnen Person so viel Bedeutung zumessen konnte.

Der Brustkorb der Königin hob sich. Senkte sich. Sie atmete. Nereida erstarrte. Der Blick der Ewigen Königin wurde klar und sie hob die Hand. Augenblicklich stürzte die Dienerin zu ihr. »Majestät! Den Göttern sei Dank, Ihr lebt!«

»Hinaus.«

Die Frau hielt stolpernd inne und wechselte einen besorgten Blick mit dem Blutspinner, während sie sich einige Tränen vom Gesicht wischte.

Auch der Mann richtete sich aus seiner zusammengesunkenen Haltung auf, und auf seinem Gesicht lag Hoffnung. »Majestät, mit Verlaub, lasst mich Euch zuerst untersuchen, um sicherzugehen …«

»Hinaus, habe ich gesagt.«

Der Blutspinner verstummte und verneigte sich, dann verließen beide zögerlich den Raum.

Nereida starrte fassungslos auf die Königin, die sich hustend aufsetzte. Sie war immer noch leichenblass, aber sie bewegte sich. Sie lebte. Wie konnte sie leben?

Fünf Jahre.

Ohne nachzudenken, ließ sich Nereida lautlos von ihrer erhöhten Position fallen. Noch während des Falls zog sie ihr Stilett und umfasste das Heft so fest, dass es schmerzte. Sie steuerte direkt von oben auf die noch sitzende Königin zu. Ein korrekter Stich in ihre linke Schulter und Nereida würde mit der Länge der Klinge das Herz treffen. Solange sie sie aufrecht hielt, bis der Strom auftauchte, würde das Blut in ihrem Körper bleiben. Den Einstich konnte der Strom verbergen. Es konnte immer noch funktionieren. Nereida hatte noch nicht versagt.

Eine kleine Handbewegung der Königin schleuderte Nereida in die schweren Vorhänge. Einer davon riss aus seiner Verankerung und sie nahm ihn mit zu Boden.

»So ungestüm«, hauchte die Königin und stand auf. »Dabei wollte ich doch die Tür verschließen, bevor ich dich rufe.« Ohne Nereida anzusehen, tat sie dies auch. Erst nachdem die Tür geschlossen war und sie sicher allein und ohne Zuhörer waren, wandte die sich Ewige Königin Nereida zu.

»Ich habe schon vermutet, dass sie jemanden schicken würden«, sagte sie kühl. »Bist du die Beste?«

Es dauerte einen Moment, bis sich Nereida gefasst hatte. Der Angriff hatte ihr die Luft aus der Lunge gepresst. Nun war alles vorbei. Gegen eine Gewirrspinnerin hatte sie keine Chance. Gegen die mächtigste Gewirrspinnerin der Welt war sie verloren. Langsam befreite sie sich aus dem Vorhang. »Eine der Besten.«

Die Königin schnaubte und kam bedrohlich näher. Dafür reichte es schon, dass sie eine Hand minimal hob. »Nur? Ich bin enttäuscht. Man sollte doch denken, sie hätten aus der Vergangenheit gelernt, dass selbst ihr schärfster Hund nicht ausreicht, um mir entgegenzutreten. Was haben sie dir für meinen Tod geboten? Gold? Titel? Land?« Sie klang gehässig, überheblich. Lange würde sie Nereida nicht mehr leben lassen.

»Fünf Jahre«, gab Nereida zu.

Das brachte die Königin aus ihrem Konzept. »Was?«

»Fünf Jahre«, wiederholte sie. »Fünf Jahre weniger Morden in ihrem Namen.«

»Ich verstehe.« Die Vallenin bewegte ihre erhobene Hand, und für einen Moment dachte Nereida, das wäre bereits ihr Todesurteil. Stattdessen winkte die Königin sie mit einem Finger näher. »Lass dich ansehen.«

Zögerlich trat Nereida weiter ins Licht, das Stilett immer noch fest umgriffen. Es kam ihr vor wie der letzte Halm, an dem sie sich festhalten konnte, bevor sie in den Abgrund stürzte.

»Du bist mir eine Weile gefolgt«, sagte die Königin, nachdem sie Nereida ausführlich gemustert hatte. »Fast hätte ich dich nicht wiedererkannt. Barantal hat dein Gift nicht aufhalten, nicht einmal genau zuordnen können und ich erinnere mich nicht, es zu mir genommen zu haben.«

»Ihr solltet tot sein.«

»Das sollte ich«, stimmte die Königin zu und lächelte zynisch. »Die Welt ist ungerecht, nicht wahr?«

»Sehr.«

»Soll dein Glück sich wenden? Statt fünf Jahren biete ich dir etwas viel Besseres.« Die Königin senkte ihre Hand und Nereida festigte ihren Griff, doch sie zögerte. »Jemanden wie dich könnte ich gebrauchen.«

»Ich bin kein Werkzeug«, betonte Nereida.

»Aber eine Waffe.«

Das war absurd. Die Ewige Königin war ihre Zielperson. Sie würde ihr fünf Jahre einbringen. Die Frostfürsten hassten sie mehr als jeden anderen Valahar.

Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Was hatte Nereida zu verlieren? Sie war doch sowieso schon tot. Der Anschlag war fehlgeschlagen. Wenn die Königin sie bei einer Ablehnung tatsächlich nicht tötete, würden sich die Izalerek an ihrem Blut vergehen und die Frostfürsten grimmig dabei zusehen, bevor ihr Reich von der Ewigen Königin ein weiteres Mal angegriffen werden würde. Alles, wirklich alles war besser, als zurückzumüssen.

Das ist das Seil, auf das du so lange gewartet hast, flüsterte die Hoffnung in ihr. Statt dich damit aufzuhängen, könnte es dich vom Abgrund wegbringen. Ergreife es.

Sie dachte an Zervos und Rulenia, an Najur und ihre quietschende Tür. Nereida würde sie zurücklassen. Sie alle würden genauso entscheiden, wenn sie nur könnten. Wenn jemand Nereida vor dem Zorn der Frostreiche beschützen konnte, dann die mächtigste Frau Eresgals.

»Ein weiterer Izal ist auf dem Weg hierher. Ihr solltet sofort abreisen.«

Ihre Königin lächelte. »Dann sollten wir unsere Sachen packen.«

Nereida atmete aus und fühlte, wie sich die schweren Eisenketten ihrer Gefangenschaft auflösten. Sie würde die Sonne sehen. Sie durfte ihr Leben behalten. Dafür sollte es der Ewigen Königin gehören.

 

 

Kapitel 1

 

Vorwärts, mein Krieger.

Augen nach vorn,

du wurdest auserkor’n

zu erleiden die Qual,

zu verlieren deine Skrupel und Moral.

Vorwärts, sonst ringt deine Macht dich nieder.

Triff deine Wahl.

Zerbrochen deine Seele und dein Herz.

Ignorier den Schmerz.

Sieh zurück ins Dunkel

und spür meinen Zorn.

Augen nach vorn.

Vorwärts, mein Sieger.

 

Sanfte Befehle

Aus den Chroniken der Rebellion

 

Iamanu, Versteck des Erbengefolges in Vallen

Jahr 447 nach der Machtwende

 

 

Das feine, lumineszierende Knäuel drehte sich sanft um seine eigene Achse. Thalars Hände zitterten. Jedes weitere Zögern bedeutete verlorene Zeit und mit Elrojanas Augen auf dem Erbengefolge mussten sie schneller wachsen, als die Königin ihnen zutraute. Thalar zwang sich, Ambrals Gesicht auszublenden. Er sah nur noch das leuchtende, weiß strahlende Gebilde, das den Kern eines lebenden Wesens ausmachte. Das Herzstück. Es gab nur einen Versuch.

Mit einem langen Atemzug beruhigte er seine rasenden Gedanken und glättete die nervösen Wellen in seinem See der Macht. Auch die Hände hörten auf zu zittern. Vorsichtig streckte er seinen Geist aus und berührte das Seelengewirr. Es war warm und eine Woge der Macht durchzog ihn. Die Potenz, die sich darin verbarg, musste unvorstellbar sein. Plötzlich ergab es Sinn, dass Janabar sie so gern in seinen Experimenten benutzt hatte. Mit präzisen Bewegungen seiner Finger zog Thalar an den Stellen, die er sich während des Studiums ausersehen hatte. Während der Prozedur war in seinem Kopf kein Platz für andere Gedanken, und Ablenkung hätte fatal enden können, weshalb Thalar sichergestellt hatte, nicht gestört zu werden.

Die Fäden glühten noch heller, je mehr Thalar daran zog und sie aufspannte. Sie blendeten ihn, sodass er die Augen zusammenkniff.

Er sah zu spät, dass sich einer der Fäden überspannte. Aus dem Riss drang ein gleißendes Licht, das wie eine riesige Welle auf Thalar zuschoss. Sie erfasste ihn, presste die Luft aus seiner Lunge und drohte ihn mit sich zu reißen. Thalar stolperte zurück und griff nach der Kante des Schreibtisches hinter sich, um nicht zu stürzen.

Für einen Moment schaffte er es nicht, Ambrals Gesicht auszublenden.

Tränen liefen dessen Wangen hinunter.

Thalar fühlte sich, als würde er in Schuld ertrinken.

»Mach weiter«, presste sein Kronenbrecher durch zusammengebissene Zähne. »Hör nicht auf.«

Wellen brandeten über Thalars See der Macht, denn er hörte die Verzweiflung in Ambrals Stimme. Was tat er ihm gerade an? Konnte die Seele wehtun? Doch Thalar zwang sich, nicht darüber nachzudenken. Wenn er nun aufhörte, war alles umsonst gewesen. Der Schaden war bereits angerichtet. Er konnte ihn nicht zurücknehmen. Es gab nur eine Richtung: vorwärts.

Thalar stellte sich wieder hin und benutzte seine Hände, um den Faden an der gerissenen Stelle loszulassen. Wie abgestorbenes Gewebe trieb er schlaff und dunkler als der Rest in der Materie.

Er dachte nicht darüber nach, was er damit beschädigt hatte. Ambrals Gesicht durfte ihn nicht noch einmal ablenken. Stattdessen griff er nach einer anderen Stelle und fuhr fort. Noch nie war es ihm so schwergefallen, ein Gewirr zu öffnen. Selbst für das Wunderkind, wie er von Elrojana voller Stolz genannt worden war, schien eine Seele nicht auszureichen. Thalar wollte niemand Weiterem das antun müssen, was er Ambral gerade zumutete, um sich mit dem Seelengewirr vertraut zu machen. Ambral sollte sein einziges Opfer bleiben. Wahrscheinlich waren es jene moralischen Skrupel, die Meristate ihm austreiben wollte, die ihn davon abhielten, schneller zu arbeiten und mehr zu erreichen. Doch für welchen Preis?

Krabad Janabar musste unzählige Seelengewirre zerstört haben, bevor er das erste aufgefächert vor sich gehabt hatte, um es zu studieren. Der Gedanke, dieses Wissen auf Ambrals Kosten zu erhalten, hielt Thalar zurück, zwang ihn zu einer möglichst vorsichtigen Vorgehensweise. Trotzdem rissen weitere Gewirrfäden, und Thalar krümmte sich innerlich bei jedem einzelnen zusammen.

Schließlich ereilten Thalar die ersten Ermüdungserscheinungen und dumpfe Kopfschmerzen. Doch er machte weiter, bis sich das Seelengewirr endlich vor ihm aufspannte. Mit großen Augen bestaunte er, was ihm zu sehen erlaubt war.

Thalar kannte die verworrene Komplexität der Naturgewirre; die leichten, sprunghaften Netze der Luft, die bodenständigen Linien der Erde. Dazwischen lag die unaufhaltsame Strömung des Wassers. Das pulsierende, lebendige Gewirr des Blutes oder das starre Gewirr der Knochen. Jedes Gewirr war für sich genommen einzigartig und benötigte ausführliche Beschäftigung, um es aufzuspannen und auch im Detail sehen zu können, geschweige denn es zu verändern. Das, was sich vor ihm ausbreitete, glich nichts von allem, was er bisher kannte.

Strahlend, heller als die Sonne, und kraftvoll schien ihm das warme Silber der Seele entgegen. Die Komplexität übertraf alles, was Thalar bisher kennengelernt hatte, und er fühlte sich in der Unendlichkeit der einzelnen Stränge, Verknüpfungen und Irrpfade völlig verloren. Die Eindrücke überschwemmten ihn und er musste sich zurückziehen und das Gewirr schließen. Mit zittrigem Atem und unsicherem Stand stolperte er nach hinten, bis seine Oberschenkel das solide Holz des Tisches berührten. Wie ein Ertrinkender krallte er sich in die Tischplatte und sank kraftlos und erschöpft zu Boden. Nur am Rande nahm er wahr, dass Ambrals Gesicht merkwürdig zuckte. Seine Augen waren leer und ausdruckslos.

Nachdem Thalar das Seelengewirr mit erheblich mehr Schaden geöffnet hatte, als er wollte, hörte Ambral auf zu sprechen. Wenn er ihn ansprach, erhielt Thalar kein Zeichen, dass Ambral ihn verstand. Er kümmerte sich nicht länger um seine körperlichen Bedürfnisse und schien jeglichen Lebenswillen verloren zu haben. Sein Blick blieb teilnahmslos. Thalar hatte ihm sein Feuer genommen.

*

Am darauffolgenden Morgen stand Thalar auf den Hochwiesen über Iamanu und beobachtete ihren Gast.

Der sonnenländische Mittelsmann Nillius Tur Hadin war überraschend angenehme Gesellschaft. Nachdem das Saradun von Kallial Tur Sedain, zu dem auch er gehörte, während Jalalverun so einen Aufruhr verursacht hatte, kam dies unerwartet, aber nicht unerwünscht. Er ließ die Frauen und Mädchen in Ruhe und sprach nur wenig. Frühmorgens stand er auf und verließ das Dorf, um zu den Wiesen über den Klippen zu gelangen. Er hielt sich vom Erbengefolge fern, oft kam er erst abends zurück, um kräftig zu essen – an seinem Appetit hatte sich nichts geändert. An den Wiesen hatte er Gefallen gefunden, besonders nahe der Pferdekoppel, deren Begrenzung er intuitiv zu kennen schien. Dort verbrachte er seine Tage meist mit Leibesertüchtigung und vielseitigen Übungen, die nur erahnen ließen, zu was das Sarahadim imstande war.

Thalar hatte viel über das sonnenländische Talent für die Kampfkunst und die einzigartige Ausprägung der Blinden Künste der Saltastellari gehört, aber gesehen hatte er sie noch nie.

Es war wie ein schöner, kraftvoller Tanz, wenn sich Nillius Tur Hadin mit seinen Klingen bewegte, ganz gleich, ob es das Guandao, der Eineinhalbhänder oder der Einhänder war. Sogar mit dem Dolch in seiner Rückhand und den Wurfmessern war sein Kampfstil nicht grobschlächtig wie der der Vallenen, sondern glich einer einzigen geschmeidigen Bewegung.

Das Guandao kreiste um seinen Körper und schwang über seinen Kopf, als handle es sich um eine Erweiterung seiner Arme und nicht um das komplexe Handhaben einer schwer beherrschbaren Waffe, das Jahre bis zur Meisterung kostete. Die Bewegungen des Saltastellars gingen fließend ineinander über. Die Klinge wirbelte so schnell durch die Luft, dass sie zu einem unscharfen Schimmer verschwamm. Das Sausen klang fast wie Musik, zu der Nillius Tur Hadin tanzte. Seine rote, gelbe und orangefarbene Kleidung vermischte sich zusammen mit dem Silber der Klinge und seinen weißen Haaren zu einem lebendigen Farbenspiel. Die Eleganz und Schönheit dieser morgendlichen Übungen übertrafen die Schaukämpfe jedes anderen Volkes.

Thalar hatte ihm nicht lange zusehen wollen, doch der Klingentanz fesselte seinen Blick. Nillius Tur Hadin bemerkte ihn wahrscheinlich aus den Augenwinkeln, doch er ließ sich eine ganze Weile nicht in seinen Übungen stören. Irgendwann jedoch verlor selbst der Saltastellar die Geduld.

»Kann ich Euch helfen, Erbe des neuen Thrones?«

Thalar schreckte innerlich hoch und lockerte seine starre Haltung. »Die Legenden über Eure Kampfkunst sind also wahr.«

Nillius Tur Hadin lachte, unterbrach seine Bewegungen allerdings nicht. »Welche meint Ihr?«

»Dass andere Völker solche Bewegungsabläufe Tanz nennen.«

Jetzt senkte der Saltastellar sein Guandao und legte es behutsam auf das noch vom Wolkenbruch feuchte Gras. Er trug keine Schuhe. »Es ist ein Tanz«, beteuerte er. »Jeden Kampf, den wir schlagen, schlagen wir für unsere Götter, nur für ihre Ziele leben wir. In jedem Augenblick, den wir für sie kämpfen, zollen wir ihnen Ehrerbietung.«

Thalar stieg den kleinen Hügel hinunter und musterte die Waffen des Sonnenländers, die ordentlich aufgereiht im Gras lagen. »Ich würde gern mehr über Eure Art der Blinden Künste erfahren, die so anders ist als unsere. Das Flüstern ist keine reine Kampftechnik, das Sarahadim schon.«

Nillius Tur Hadin legte den Kopf mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen schief. »Fremde in die Geheimnisse unseres Volkes einweihen? Na, ich weiß ja nicht.«

»Nun sind wir Verbündete«, gab Thalar zu bedenken.

»Nichtsdestotrotz seid Ihr fremd.«

Sie sahen einander einen langen Moment in die Augen, keiner gewillt, von seinem Standpunkt abzuweichen. Schließlich schaute Nillius Tur Hadin zur Seite. »Nun denn … es könnte im kommenden Kampf von Vorteil sein, wenn Ihr etwas mehr darüber wisst, wenngleich mir ein Partner zur genauen Demonstration ungemein helfen würde.« Er sah Thalar erwartungsvoll an.

Thalar hob abwehrend die Hände. »Mein Gebiet ist nicht die körperliche Auseinandersetzung. Ich wäre Euch mehr im Weg als eine Hilfe.«

In Nillius Tur Hadins Brust vibrierte ein tiefes Brummen, das gleichermaßen Zustimmung wie Beschwerde hätte sein können. In den Sonnenlanden waren Frauen den Männern in jeder Domäne mindestens gleichgestellt, wenn nicht überlegen. Männer hatten nur eine einzige völlig für sich: den Krieg. Gerade deshalb half Thalars Aussage wohl nicht besonders, sein Ansehen bei Nillius Tur Hadin zu steigern.

Der Saltastellar trat von seinen Waffen weg. »Wisst Ihr, wie einfach es ist, eine Feder zu heben?« Nillius Tur Hadin deutete mit einer allumfassenden Geste auf sich. »Ihr geringes Gewicht ermöglicht ein müheloses Handhaben und eine ungemeine Präzision. Den eigenen Körper zu bewegen erfordert Muskelkraft und Ausdauer, damit man nicht ermüdet. Selbst dann gibt es eine Grenze, die jeder irgendwann erreicht. Was wäre nun, wenn der Körper das Gewicht einer Feder hätte?« Er sah Thalar eindringlich an und zeigte auf seinen Einhänder. »Natürlich wäre er auch jedem noch so kleinen Windstoß ausgesetzt. Hebt mein Schwert.«

Thalar zögerte einen Augenblick, eine irdische Waffe anzufassen, dann bückte er sich und ergriff das Heft. Er wusste, dass es ihm an Körperkraft mangelte und er niemals an einen Krieger heranreichen würde, doch dass er das Schwert kaum heben konnte, versetzte seiner Selbsteinschätzung einen weiteren Stoß. Mit großer Mühe schaffte er es, den Einhänder mit beiden Händen zu heben.

»Es liegt nicht an Euch«, beruhigte der Sonnenländer ihn, »sondern daran, dass Ihr das Sarahadim nicht beherrscht.«

Nillius Tur Hadin legte einen einzelnen Finger an die Klinge. Das reichte aus, um das Gewicht der Waffe zu verringern, sie wurde leichter und leichter, bis Thalar das Gefühl hatte, eine Feder zu halten. Er nahm eine Hand weg und hielt das Schwert so, wie es gedacht war. Im nächsten Moment riss ihn das Gewicht unerwartet mit zu Boden, weil der Sonnenländer seinen Finger weggenommen hatte. Nillius Tur Hadin lachte und hielt ihm entschuldigend eine Hand hin. Thalar ergriff sie und stand wieder auf.

»Und das ist nur einer von vielen Aspekten des Sarahadim«, erklärte Nillius Tur Hadin. »Zur richtigen Zeit in einem Kampf angewandt ermöglicht das Sarahadim einem Saltastellar, ohne Erschöpfung zu kämpfen und den Gegner mit der Wucht einer Waffe, die das Gewicht eines Pferdes hat, in der Mitte zu zerteilen. Natürlich benötigt dies Jahrzehnte an gezielter Einweisung und eisernen Übungseinheiten.«

»Könnt Ihr dasselbe mit Eurem Körper machen?«

Nillius Tur Hadin nickte. Im nächsten Moment gab die Erde unter seinen Füßen knirschend nach. »Ich bin ein Fels, den niemand umstoßen kann.«

»Das würde ich nur zu gern überprüfen.« Der Wind trug Nualláns Stimme über die Wiese. Nillius Tur Hadin und Thalar wandten sich ihm gleichzeitig zu. Nuallán näherte sich ihnen, eine Handvoll Männer vom Erbengefolge folgten ihm mit etwas Abstand.

Der Saltastellar musterte Nuallán von oben bis unten. »Seid Ihr sicher?«

Er nickte. »Wir müssen schließlich wissen, wie viel wir von Euch im Kampf erwarten können. All das Klingengewedel bringt nichts, wenn keine Kraft dahintersteckt.«

Nillius Tur Hadin zuckte die Schultern und ging ein Stück zurück, während sich die Männer in einem groben Halbkreis um sie scharten. »Es wäre mir eine Ehre.«

Thalar packte Nuallán am Oberarm, als der folgen wollte. »Wenn er dich verle…«

Doch Nuallán unterbrach ihn mit leiser Stimme: »Ich wurde seit meiner Kindheit auf einen Krieg vorbereitet. Wenn es hier einen Mann gibt, der gegen einen Klingentänzer bestehen kann, bin ich es. Ich will sehen, zu was sie in der Lage sind.«

Daraufhin ließ Thalar ihn los. Bei derlei Belangen musste er sich auf Nualláns geschultes Auge verlassen. Er war Gewirrspinner, kein Krieger.

Beide stellten sich in Position, Nuallán mit seinem selten genutzten Schwert, das in den wenigen Anlässen eines Nahkampfs zur Anwendung kam. Eine angespannte Stille entstand, ein Windzug blies über die Berge. Zu aller Überraschung hob der Saltastellar nicht das Schwert auf, sondern die Scheide.

Auf Nualláns irritierten Blick hin sagte er: »Glaubt mir, ich kann auch so noch genug Schaden verursachen. Wir wollen doch nicht, dass einem der Erben etwas geschieht.« Dabei zeigte Nillius Tur Hadin seine Zähne und nahm eine lockere Kampfhaltung ein. »Euch gebührt der Anfang.«

»Ich werde mich nicht zurückhalten.« In Nuallán kochte sichtbar die Wut über diese Demütigung und Arroganz.

»Ich bitte darum«, antwortete Nillius Tur Hadin mit einer neckischen Verneigung.

Nuallán festigte den Griff um sein Schwert, ehe er einen Ausfallschritt nach rechts machte und kraftvoll nach dem Sonnenländer schlug, doch der parierte den Schlag mit der Schwertscheide, als hätte er eine ebenbürtige Waffe in Händen. Der Klang des Aufpralls breitete sich aus wie der Gong zum Auftakt.

Nillius Tur Hadin griff an. Er führte eine Finte aus, gefolgt von einem Stoß, den Nuallán parierte. Nuallán machte einen Ausfallschritt, dann einen schnellen Hieb gegen die Schwertscheide, um Nillius Tur Hadins Stand zu erschüttern. Mit einer Drehbewegung um den Gegner herum versuchte er ihn zu Fall zu bringen. Der Saltastellar drehte sich ebenfalls, schwang ein Bein und hätte Nuallán um Haaresbreite in den Kniekehlen erwischt und umgeworfen. Seine Bewegungen waren schnell und Thalar merkte Nuallán an, dass er Mühe hatte, mitzuhalten. Obwohl er regelmäßig übte, war das Schwert nicht seine beste Waffe. Als sie wieder einmal mit gekreuzten Klingen für einen winzigen Augenblick stillstanden, sah Thalar das Lächeln in Nualláns Augen: Er hatte Spaß mit einem solchen Gegner. Es war eine Herausforderung.

Nuallán fand bald wieder in die flinken Bewegungen, um dem Sonnenländer ebenbürtig zu sein. Ihre Hiebe kamen immer schneller, wuchtiger und präziser. Man konnte zwischen dem Klirren und Klingen der Angriffe Nualláns Knurren und leise, erstickte Flüche hören.

Nuallán täuschte einen Schlag auf Nillius Tur Hadins linke Flanke an, nur um im letzten Moment mittels schneller Beinarbeit zur Seite einen Schlag auf dessen Oberschenkel zu platzieren. Obwohl er nur mit dem stumpfen Ende zuschlug, hätte es zumindest wehtun müssen. Der Saltastellar allerdings zuckte nicht einmal. Dank des Sarahadim oder der Abhärtung?, fragte sich Thalar.

Nillius Tur Hadin nutzte die Öffnung in Nualláns Deckung, um ihm mit der Scheide in die Seite zu schlagen. Thalar bemerkte deutlich das kurze Zucken seines Freundes, obwohl Nuallán seine Verteidigungshaltung nicht aufgab. Doch der Saltastellar schien nicht gewillt, den Kampf fortzusetzen, und gab seine Kampfhaltung auf. »Hätte ich eine Klinge geführt, wärt Ihr tot. Ich denke, das genügt. Am besten, Ihr sucht Euren Heiler auf.«

Nuallán steckte sein Schwert weg und ging ohne ein Wort zurück zu Thalar. Dort hob er behutsam sein Hemd und zum Vorschein kam ein tiefroter Bluterguss, der von zerquetschtem Gewebe und vielleicht sogar inneren Verletzungen sprach. Thalar sog scharf die Luft ein.

»Verflucht, wie kann er mit der Schwertscheide allein so einen Schaden anrichten?«, raunte Nuallán und ließ das Hemd wieder sinken.

»Seid Ihr zufrieden, Erbe?«, fragte Nillius Tur Hadin mit einem herausfordernden Blick, nachdem das Schwert wieder in der Scheide steckte, und kam ebenfalls näher.

Nuallán nickte. »Ihr seid sehr begabt mit Euren Waffen.«

Der Widerwille in Nualláns Lob schien Nillius Tur Hadin zu erfreuen. »Nun, ich bin hier, falls Ihr noch einen Nachschlag wünscht.« Er entfernte sich und nahm seine Übungen wieder auf. Damit schien er das Gespräch und die Einsichten in das Sarahadim für beendet zu erklären.

»Komm«, sagte Thalar und ging mit Nuallán zurück nach Iamanu. Auch der Rest der Schaulustigen folgte ihnen ins Dorf und ließ ihren Gast allein zurück.

*

Im Turm erwartete sie Meristate. Sie saß auf den Treppenstufen. In ihrer Hand schwenkte sie einen Glaskelch mit Sidrius. Ihr Blick lag auf der intensiv gelben Flüssigkeit. Die Falten auf ihrer Stirn waren tief, als würde sie angestrengt über etwas nachdenken, und in ihrem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Frustration und Ernüchterung wider. Seit wann trank sie schon so früh am Morgen? Meristate war keine Frau, die den körperlichen Freuden besonders zugetan war. Thalar hatte sie nie mit einem Mann gesehen, nie beobachtet, wie sie aus reiner Freude am Essen einen Nachschlag verlangte, und ganz sicher nie erlebt, dass sie betrunken war. Vielleicht war das alles Teil ihrer Jugend gewesen und Alter wie Erfahrung hatten sie von der Askese überzeugt. Obwohl Thalar Meristate seit seiner Kindheit kannte, besaß er nur einen kleinen Einblick in das Leben dieser Frau, in ihr letztes Kapitel. Momente wie dieser erinnerten ihn daran, dass Meristate Jahrhunderte vor ihm erlebt hatte, die sie geformt hatten. Er würde sie nie ganz kennen.

Kaum hatten Thalar und Nuallán die Halle betreten, hob sie ihren Blick und senkte den Glaskelch. Ihr Gesicht war eine Maske.

»Wir müssen reden.« Mit einer knappen Geste, ihr zu folgen, stand sie auf und ging.

Thalar und Nuallán wechselten einen raschen Blick, dann eilten sie ihr nach.

»Du solltest wirklich Rafail aufsuchen«, murmelte Thalar und deutete auf Nualláns Seite.

»Das kann doch bis nachher warten.«

Sie betraten Meristates Arbeitszimmer und sahen sie erwartungsvoll an. Der Raum war eng und vollgestopft, im Gegensatz zu den meisten anderen Zimmern des Turms, die zu groß und unpersönlich wirkten. Thalar hatte sich in seiner Kindheit nur hier wirklich wohlgefühlt – oder bei Teltira in der Küche. Es blieb kaum genug Platz, damit sie alle drei stehen konnten, also sank Thalar auf einen der Sessel, die hier und da in das Zimmer gequetscht worden waren. Nuallán lehnte sich an den Türrahmen.

»Es geht um den Kobaltkrieger«, erklärte Meristate, den Blick auf den Sidrius gesenkt, bevor sie den Kelch auf eine freie Stelle des Regals stellte und tief durchatmete. »Ich weiß nicht, was ich noch versuchen soll.« Ratlos hob sie die Schultern. Sie wirkte alt. Neben Nuallán sah sie klein aus – und dieses Mal schaffte es ihre Ausstrahlung nicht, dieses Bild zu zerstören.

»Du willst aufgeben?«, fragte Nuallán perplex. »Ausgerechnet du?«

Etwas Eisiges funkelte in Meristates Blick. »Du kannst mir gern beweisen, dass ich noch nicht alles versucht habe.« Sie streckte eine Hand in die ungefähre Richtung, in der der Kobaltkrieger sein Dasein fristete. Ihre Mundwinkel hoben sich zu einem grausamen Lächeln. »Töte ihn. Erwürge ihn mit bloßen Händen, reiß ihm das Herz heraus. Zerfetze ihn.« Es klang wie eine Herausforderung.

Mit einem Satz stand Nuallán direkt vor ihr, ein tiefes Grollen auf den Lippen, die hinter der Maske versteckt blieben. Er ragte über ihrer Gestalt auf, beugte sich vor. »Willst du mich reizen?«

Thalar seufzte. Wie Kinder. Er konnte es ihm nicht verübeln, denn Meristate verglich ihn durch die Anspielung auf sein Avolkeros-Gebiss nicht nur mit einem Raubtier, sondern schlimmer: mit einer Kreatur, die ohne Sinn und Verstand mordete.

Wieso gehen sie sich ständig an die Gurgel, wenn es Probleme gibt?

»Hast du versucht, die Flüssigkeit zu zerstören?«, fragte Thalar.

Meristate drehte den Kopf zu ihm und ignorierte Nuallán direkt vor sich. »Natürlich. Sie brennt nicht. Sie läuft von selbst zusammen, sobald ich sie aufteile. Wenn wir nicht mitten auf dem Schlachtfeld anfangen wollen, Gläser auszuteilen und den Boden zu wischen, müssen wir eine andere Möglichkeit finden.«

Thalar fuhr sich mit dem Daumen über die Unterlippe. »Er hat eine besondere Verbindung zu seinem Schwert. Könnte sein Leben an einen Gegenstand statt an seine eigene physische Gestalt gebunden sein?«

»Möglich«, sagte Meristate. Sie legte Nuallán eine Hand auf die Brust, schob ihn zur Seite und setzte sich Thalar gegenüber auf einen Schemel. Fast befürchtete Thalar, Nuallán würde ihr Handgelenk packen, denn das Zucken in seinem rechten Arm blieb ihm nicht verborgen. »Aber darüber habe ich bereits nachgedacht und den Verdacht überprüft. Ich habe das Schwert einschmelzen lassen.«

»Und?« Thalar beugte sich gespannt vor.

»Nichts. Ich habe ihm gesagt, dass es im Nebenraum liegt. Er ist halb wahnsinnig geworden und verlangt es noch erbitterter zurück als zuvor, aber er scheint nicht einmal zu wissen, dass es zerstört wurde. Auf seine Wiederauferstehung hatte es keinen Einfluss.«

Thalar sank in sich zusammen. »Ist es möglich, dass sie wahrlich unsterblich sind? Sie altern nicht. Sie kommen ins Leben zurück. Etwas, das nicht möglich sein dürfte. Wir sollten mehr über ihren Ursprung herausfinden.« Was Zeit bräuchte. Zeit, die sie nicht hatten.

»Wir müssen uns mit dem Gedanken anfreunden, dass wir für den Krieg gegen die Despotin noch nicht bereit sind«, sagte Meristate mit leiser Stimme. Damit sprach sie aus, was Thalar befürchtet hatte. Sie betrachtete den staubigen Boden.

»Ach, plötzlich?«, fragte Nuallán und kam näher. »Du warst es doch, die zur Eile gedrängt hat. Und jetzt, wo du nicht weiterkommst, willst du weglaufen? Wir haben die Saltastellari auf unserer Seite. Der Munor wird bald seine Goldfinger und Silberzungen in die Bucht der letzten Tage senden. Ich zermartere mir jeden Abend den Kopf, wer durch ein Bündnis gegen die Despotin einen Vorteil haben könnte und uns unterstützen würde. Soll ich sie alle zurückpfeifen?«

Meristate beachtete ihn nicht. Stattdessen sah sie Thalar eindringlich an. »Wie weit bist du mit dem Seelengewirr?«

»Teile davon sind dabei zerrissen«, gab Thalar zu. »Aber es ist offen.«

Nuallán schnaubte wütend und ging zur Tür. Fast hätte Thalar das kurze, zufriedene Aufleuchten in Meristates Augen übersehen.

»Wohin gehst du?«, fragte er.

»Zu Rafail. Meine Meinung scheint sowieso niemanden zu interessieren.« Damit schloss Nuallán die Tür hinter sich.

Meristate sah ihm irritiert hinterher. »Er ist verletzt?«

»Nillius Tur Hadin hat ihn im Zweikampf getroffen.«

Nun schmunzelte sie. »Natürlich hat er das. Er ist ein Saltastellar.«

»Mit der Schwertscheide.«

Sie sah ihn überrascht an. »Er hat nicht einmal sein Schwert benutzt?«

Thalar schüttelte den Kopf.

»Das ist gut«, versicherte Meristate und nickte mehr zu sich selbst. »Das zeugt von der Stärke, die für den Krieg gegen die Despotin auf unserer Seite stehen wird. Wir sollten sie gegen die Kobaltkrieger in die Schlacht ziehen lassen.«

»Für diesen Krieg«, widersprach Thalar. »Danach kämpfen wir wieder gegen sie.«

»Darum kümmern wir uns, wenn es so weit ist.«