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Zwischen Leben und Tod liegt Unsterblichkeit. Doch wie tötet man jemanden, der nicht sterben kann? Um seine Tochter zu beschützen, muss Anders Clayton, ein Mann am Tiefpunkt seines Lebens, einen Pakt mit der Finsternis eingehen. Denn das albtraumhafte Schattenwesen aus den Träumen seiner Tochter ist real. Um sie zu retten, reist Anders nach Ranulith, einer Welt, in der Finsternis fremd ist. Sein Auftrag: Die Essenz der Dunkelheit zurückholen, die die unsterbliche Königin gestohlen hat. Dort gerät er immer tiefer in die Rebellion, die sich gegen die Königin erhebt. Bald schon findet er heraus, dass die Schicksale beider Welten in seiner Hand liegen. Gelingt es ihm, beide zu schützen oder muss er entscheiden, welche von ihnen er ins Verderben stürzt? Diese Geschichte erzählt von den Fesseln des eigenen Verstandes und einer Welt voller fremdartiger Magie. Hier gibt es keine Helden, kein Gut oder Böse, nur Personen mit Zielen und unterschiedlich viel Macht, sie zu erreichen. Begleite Anders durch Ranulith, eine Welt, in der die Sonne nie untergeht. Schmiede gemeinsam mit Thalar Pläne, eine unsterbliche Königin zu stürzen. Kämpfe zusammen mit Nereida gegen die Schatten ihrer Vergangenheit. Lichttrinker ist der Auftakt einer epischen Geschichte. Es legt den Grundstein für eine Welt voller Gefahr und Magie. Tauche immer tiefer in die Geschichte über Gewirrspinner, Silberzungen, Saltastellari und viele andere. Ein düsterer Fantasyepos fernab von Elfen und Zwergen! Wer Bücher von Jay Kristoff mag, wird auch mit der Nachtkönig-Reihe seine Freude haben.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Lichttrinker
Nachtkönig
Urheberrechtlich geschütztes Material
Alle Rechte am Text liegen bei Veronika Weinseis.
Nachtkönig – Lichttrinker
Band 1
1. Auflage
© 2020 Veronika Weinseis | www.weinseis.de
Brandenburgerstr. 13, 95448 Bayreuth
Lektorat: Anke Höhl-Kayser
Korrektorat: Jessica Weber | www.buchgezeiten.eu
Buchsatz: Veronika Weinseis | www.weltenweber-buchdesign.de
Covergestaltung: Alexander Kopainski
Unter Verwendung von Stockdaten von shutterstock.com
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, sowie Orten und sonstigen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Danke!
Für Sebastian, weil du mein Buch schon mochtest, bevor es gut war.
Die Nachtkönig-Reihe ist düster und komplex und sollte am besten nicht parallel gelesen werden, sondern deine ganze Aufmerksamkeit bekommen.
Das erste Buch musste wegen Überlänge geteilt werden in: Band 1 »Lichttrinker« und Band 2 »Kobaltkrone«, sodass du nach Lichttrinker nicht das Gefühl einer abgeschlossenen Geschichte haben wirst. Außerdem kommen Themen vor, die dir vielleicht Schwierigkeiten bereiten können. Du findest hier eine Liste: https://www.weinseis.de/triggerwarnungen/
Am Ende des eBooks findest du eine Figurenliste und ein Glossar, die dir so manches Mal das Lesen leichter machen können.
Hier findest du die Fantasykarte vom Königreich Vallen: https://www.weinseis.de/fantasykarte
Jahrtausende im Nichts der Zeit dahingetrieben,
im Staub des Vergessens geruht,
tief vergraben lauert es,
reitet auf den Schatten und lacht.
Sieh, o Sterblicher, sieh den wilden Glanz
in den Augen der Macht.
Versteckt, verborgen und vergessen
haben wir es alle.
Doch ich träume nachts
von dunklen Feuerstürmen,
von Flammen gekleidet in Nacht.
Ein Albtraum mit unserem Gesicht.
All die gleißende Pracht,
all das Licht
wird nicht reichen, es zu halten.
Fürchtet den Tag, an dem es erwacht!
Hungrig wird es verschlingen
all unsere Sonnen.
In unsere Realität wird es fließen
sie ins Dunkel kleiden,
das es umhüllt
wie das nächtliche Laken ein Kind.
Die Schatten sind seine Freunde
und wir kriechen zu seinen Füßen,
auf dem Weg zu den Göttern
sie herauszufordern
zum Krieg.
Um Bram Suruk
Numena
Sophia schmeckte Blut, trotzdem kaute sie weiter auf der Unterlippe. Am anderen Ende der Leitung hörte sie gedämpfte Stimmen. Sie fuhr mit dem Daumen über die beiden Eheringe an ihrer linken Hand und starrte aus dem Küchenfenster. Statt die Reifenschaukel am Baum und die liegen gebliebenen Spielsachen vom Vortag zu sehen, starrte sie in die Leere. Sie spürte die Wärme der Herbstsonne nur wie ein fernes Echo auf der Haut. Das alles konnte nicht wahr sein. Sie durfte nicht auch noch Liam verlieren.
Der Polizist am Telefon meldete sich zurück und riss sie aus ihren Gedanken.
»Haben Sie ihn endlich gefunden?« Sophia presste die Worte heraus. Sie schloss die Hand zur Faust und hoffte.
»Frau McMillan, bitte bleiben Sie ruhig. Wir unternehmen alles in unserer Macht Stehende, um Ihren Sohn schnell zu finden. Aber ohne Anhaltspunkte … Wir tun, was wir können. Haben Sie Geduld.«
Dann ist alles nicht genug, dachte Sophia und lehnte die Stirn an das Fensterglas. Gestern noch hatte Liam im Garten Heuschrecken gesammelt und sie ihr geschenkt. Widerliche kleine Krabbelviecher. Sophia hatte sie am Abend angeekelt mitsamt dem Glas in den Müll geworfen. Nun wünschte sie sich, dass Liam mit einem ganzen Schuhkarton voller Insekten vor ihr stünde, solange er bloß bei ihr wäre. Liam war irgendwo da draußen. Allein oder – schlimmer noch – mit einem Fremden, der ihm nichts Gutes wollte. Sophia stand hier in ihrer Küche und tat nichts. Wartete. Hoffte. Fürchtete.
»Ich könnte doch …«, setzte sie an, doch der Polizist unterbrach sie, als wüsste er genau, was sie vorschlagen wollte.
»Bitte bleiben Sie zu Hause, für den Fall, dass er von selbst zurückkommt. Wir übernehmen den Rest.«
Sophia zog die dünne Strickjacke enger um sich. Ihre Hand zitterte. »Aber das wird er nicht! Ich habe es Ihnen schon heute Morgen gesagt. Mein Sohn ist aus seinem Bett verschwunden. Einfach so. Die Fenster waren zu, die Türen verschlossen. Es war ihm gar nicht möglich, allein aus dem Haus zu kommen. Jemand hat ihn entführt!« Als ihre Stimme immer schriller wurde, schlug sie die Zähne aufeinander und brach ab. Für einen Moment bildete sie sich ein, Liam schreien zu hören. Zu sehen, wie er sich gegen einen Unbekannten wehrte. Ihre Knie drohten unter ihr nachzugeben und sie stolperte zum Küchentisch. Mit einem Schluchzen sank sie auf den Stuhl.
»Wir prüfen alle Möglichkeiten, Frau McMillan. Ich weiß, dass Sie in einer schwierigen Lage sind. Soll ich nicht doch eine Polizistin zu Ihnen nach Hause schicken?«
»Nein«, knurrte Sophia. Der Einzige, den sie bei sich haben wollte, war Liam. Sicher und unverletzt. Mehr wollte sie doch gar nicht. »Die soll lieber nach meinem Sohn suchen, wenn ich das schon nicht darf.«
»Bitte sehen Sie von unüberlegten Handlungen ab«, hörte sie noch, dann beendete sie das Gespräch, indem sie das Telefon von sich schleuderte. Der dumpfe Knall von Plastik auf Fliesen sagte ihr, dass das Telefon auf dem Boden gelandet war. Wahrscheinlich in Einzelteilen. Egal. Sie würden Liam doch sowieso nicht finden. Warum nur konnte sie nicht mehr daran glauben? Sie vergrub das Gesicht in den Händen. Die Kälte des Fliesenbodens zog sich von den Füßen durch ihren Körper und höhlte sie von innen heraus aus.
Sophia zog ihre Füße zu sich auf den Stuhl. Sie fürchtete einen weiteren Besuch der Polizei. Zu lebendig waren die Erinnerungen an das Gespräch, als Samuel in einen Verkehrsunfall verwickelt worden und noch auf dem Weg ins Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen war. Sie hielt das kein zweites Mal durch.
»Oh, Liam«, schluchzte sie. Die ersten Tränen benetzten ihre Handflächen. »Wo bist du nur hin?«
Etwas berührte sie am Oberschenkel.
Sie zuckte zusammen und schlug danach, bevor sie die Tränen wegblinzelte, die ihre Sicht verschwimmen ließen. Doch selbst dann traute sie ihren Augen nicht.
Da stand Liam. In seinem hellblauen Schlafanzug, die strohblonden Haare verstrubbelt – genau so, wie sie ihn gestern ins Bett gebracht hatte.
»Liam«, keuchte sie und wirbelte herum. Der Stuhl kippte zurück und knallte auf den Boden. Liam blieb ganz ruhig. Sophia kniete sich vor ihm auf die Fliesen und schloss ihn in die Arme.
Danke, danke, wer auch immer da oben aufpasst! Tränen der Erleichterung liefen über Sophias Wangen. Keine schlimme Nachricht übers Telefon. Keine Beerdigung mit Kindersarg.
Nur langsam löste sie sich von ihm und umfasste seine Schultern. Wo kam er her? Sie hatte die Haustür nicht gehört. »Geht’s dir gut? Alles in Ordnung?«
Er nickte knapp.
Sie atmete zittrig aus. Die ganze Anspannung der letzten Stunden, in denen sie nicht gewusst hatte, ob und in welchem Zustand sie ihren kleinen Jungen wiedersehen würde, fiel endlich von ihr ab.
»Oh, mein Schätzchen«, murmelte sie und hielt sich eine Hand vor den Mund, um die Schluchzer zu dämpfen. »Wo bist du gewesen? Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht.« Sophia wollte ihn gar nicht mehr loslassen, jetzt, wo sie ihn wiederhatte. »Wie bist du überhaupt nach draußen gekommen? Hat dir jemand wehgetan?«
Ein rascher Blick offenbarte keine Verletzungen, seine Wangen waren nicht tränennass und seine Augen nicht gerötet.
Kaum wahrnehmbar schüttelte er den Kopf. Langsam ließ Sophia ihren Sohn los, kniete aber immer noch vor ihm. Sie atmete tief durch. Es kam ihr so vor, als hätte sie die letzten Stunden nicht richtig Luft holen können.
Er war wieder da, alles war gut. Sie war nicht allein.
Aber Liam schaute sie nicht an. Sie sah ihm von unten ins Gesicht. »Was ist los, Schätzchen? Du kannst mir alles sagen.«
Eine Bewegung erregte Sophias Aufmerksamkeit. Die Schatten unter dem Küchentisch wölbten sich. Dunkle Schwaden krochen vom unbeleuchteten Flur über die Türschwelle auf sie zu. Sophia packte Liam und schoss mit ihm auf dem Arm in die Höhe. Sie wich zum Fenster zurück, die Augen schreckgeweitet. Was zur Hölle …?
Die goldene Mittagssonne schien durch das Glas und bildete ein Viereck auf dem Boden. Die Schatten krochen näher. Sie kamen aus jeder düsteren Ritze.
Plötzlich strampelte Liam so stark in Sophias Griff, dass sie ihn nicht länger halten konnte. »Nein, Liam, bleib hier!«
Der Junge landete auf den Füßen und rannte quer durch die belebten, schattenhaften Dunstschleier in den Flur. Sie waberten und türmten sich, bevor sie sich in die Küche ergossen.
Sophia stürmte ihm hinterher.
Nicht noch einmal. »Liam!«
Die Schatten breiteten sich aus, während Sophia durch den Flur rannte. Bald schon nahmen sie den ganzen Raum ein und wurden dunkler, undurchdringlich. Sie taten sich wie ein schwarzes Maul vor Sophia auf, doch sie folgte Liam. Sophia machte nur noch grobe Umrisse aus und rannte der einzigen Bewegung in der Dunkelheit hinterher in der Hoffnung, dass es Liam war. Sie lief weit, viel weiter, als der Flur lang war. Bestimmt einige Hundert Meter. Ihre Schritte riefen nicht mehr das knarrende Geräusch von Holzdielen hervor. Stattdessen wandelte sich der Boden zu einem unebenen, fremdartigen Untergrund. Keuchend trieb sie sich weiter und rief immer wieder Liams Namen. Selbst die vage Bewegung in der Dunkelheit vor ihr verschwand irgendwann. Suchend drehte sie sich um. Absolute Finsternis umschloss sie von jeder Seite. Sie hatte jegliche Orientierung verloren.
Sophia legte eine Hand auf ihren Mund und schluckte die Angst hinunter, die ihre Kehle heraufkroch. Sie blinzelte. Doch nichts. Sie sah absolut nichts, nicht einmal die Hand vor ihren Augen.
»Liam!«
Keine Antwort.
Eine Sekunde, zwei. Ihr Herz hämmerte in ihrem Brustkorb. Sie spürte, wie die Luft ihre Lunge stoßartig verließ, aber sie hörte nichts. Kein Keuchen, kein Pochen hinter ihren Schläfen. Erneut schrie sie Liams Namen. Kein Ton erreichte ihre Ohren.
Sie war allein. Die aushöhlende Kälte kehrte in ihre Glieder zurück und lähmte sie. Panik kroch über ihre Haut wie ein unsichtbares Tier.
Ein Traum. Es musste ein Traum sein. Ein Albtraum. Gleich würde sie aufwachen, bestimmt. Liam läge wohlbehütet in seinem Bett.
Sie schloss die Augen und betete. Die Kälte war das Einzige, was sie wahrnahm.
Dann öffnete sie die Augen. Statt die Decke ihres Schlafzimmers zu sehen, erkannte sie einen fahlen Lichtstrahl in der Ferne.
Die Starre in ihrem Körper löste sich und sie stolperte darauf zu. Die Dunkelheit vor ihr lichtete sich. Wie schwerer Nebel löste sie sich nur zäh auf und Vierergrüppchen quadratischer Lichtpunkte drangen durch das Schwarz. Sophia rannte schneller, um aus diesem Albtraum zu entfliehen. Unter ihren Füßen befand sich harter Boden und ihre Schritte hallten von unsichtbaren Wänden wider. Sie strauchelte vor Erschöpfung. Sobald sie sich wieder gefangen hatte, lösten sich die letzten düsteren Schwaden auf. Die Schatten zogen sich in ihre natürliche, unbewegte Form zurück.
Sophia stand mitten in einem leeren Raum. Es musste ein Keller sein oder eine Fabrik, denn gedrungene, weit oben angebrachte Fenster ließen die dünnen Sonnenstrahlen schräg auf den Betonboden fallen.
Rohre und alte Leuchtstoffröhren verliefen an der Decke.
In einer Ecke, über eine Pfütze gebeugt, stand ihr Sohn.
»Liam!«, rief Sophia und stürzte auf ihn zu. Der Junge sah angestrengt auf das Wasser.
Sie sank vor ihm auf die Knie. »Da bist du ja. Du kannst doch nicht einfach in diese … diese … Dunkelheit laufen!« Was, wenn ich dich nicht wiedergefunden hätte?
Ihr Herzschlag pochte in ihren Ohren. »Und was war … oh Gott, ist das ein Traum?« Sie schüttelte den Kopf, um klar denken zu können. Für einen Moment schloss sie die Augen und konzentrierte sich nur auf den einfachen Prozess des Ein- und Ausatmens. Dann öffnete sie die Augen wieder. Liam. Sie musste ihn in Sicherheit bringen.
Sanft nahm sie sein Gesicht in ihre Hände, damit er sie ansah. Sie strich ihm über die Wange. Seine Haut glich Eis. »Alles wird wieder gut«, sagte sie zu ihm. »Gleich sind wir zu Hause.« Denn sie erwartete, in seinem pausbäckigen Gesicht dieselbe Panik zu sehen, die sie fühlte. Weit aufgerissene, unschuldige Augen. Ein Zittern unter ihren Fingern zu spüren. Stattdessen stand er ganz ruhig da und sah weiterhin aus den Augenwinkeln auf die Pfütze neben ihnen, als hielte Sophia ihn von irgendetwas Wichtigem ab. Vielleicht stand er unter Schock.
Sie blinzelte und schaute sich um. Je schneller sie hier rauskamen, desto eher wusste sie Liam sicher. Dann wäre alles wieder normal. Dann wäre er wieder normal.
»Wo sind wir hier überhaupt?«, fragte sie in die Leere, um die Stille zu durchbrechen, die sie nervös machte.
Weiter hinten führte eine schwere, rote Sicherheitstür aus dem Raum. Sophia atmete einmal tief durch, dann senkte sie ihre Hände von Liams Wangen auf seine Schultern. »Lass uns von hier verschwinden.«
Sie wollte aufstehen, doch Liams Stimme brachte sie ins Stocken.
»Du hilfst mir sehr damit, wenn du von hier verschwindest. Du wirst andernorts gebraucht.«
Sophia musterte ihn.
»Wie?«, fragte sie vorsichtig. So redete Liam sonst nicht.
Der Junge zeigte auf die Pfütze. An den Rändern verliefen regenbogenfarbige Schlieren wie bei einer Ölspur.
»Schau rein«, befahl er.
Sie zog ihre Augenbrauen zusammen. »Da rein? Was soll das bringen?« Sie gab ihm einen sanften Schubs an der Schulter Richtung Tür. »Lass uns gehen.«
Seine Hand lag plötzlich auf ihrer und hielt sie davon ab, ihn noch einmal zur Tür zu dirigieren. In seinen Augen lag eine Schärfe, die kein Achtjähriger besaß. »Tu es einfach.«
Zögerlich beugte Sophia sich vor, um einen Blick hineinzuwerfen. Solange wir dann gehen können. Sie hatte erwartet, das Grau der Betondecke, die Leuchtstoffröhren und Rohre und vielleicht ihr Gesicht darin zu erkennen. Doch ihr sahen kühl beleuchteter Sandstein und der bläuliche Schein einer Laterne entgegen. Das Bild geriet in Wallung, als sie sich fasziniert tiefer beugte. »Was … ist das?«, murmelte sie.
Da spürte sie einen heftigen Stoß im Rücken und warf die Arme nach vorn, um sich abzufangen. Statt nach wenigen Zentimetern unter der Oberfläche auf Beton zu treffen, griff sie ins Leere. Sie verlor das Gleichgewicht und tauchte in das Wasser. Mit ihm kehrte die lähmende Kälte zurück. Sie war allein mit der Dunkelheit.
Der Junge sah gelassen dabei zu, wie sie versank. Konzentrische Kreise oder ein Überschwappen der Flüssigkeit blieben aus. Die Oberfläche lag genauso unbewegt da wie zuvor, als hätte sie die Frau nicht soeben verschluckt.
Das Gesicht des Jungen spiegelte sich darin wider. In seinen Augen fehlte jegliche Emotion.
Er seufzte und dann sanken seine Schultern in so etwas wie Erleichterung ein Stück tiefer.
»Nur noch ein paar mehr. Dann muss ich sie und ihre weiße Hölle nie wiedersehen.« Seine Stimme klang zu tief für einen Jungen. Zu alt für seine geringe Lebenserfahrung. Zu voluminös für den kleinen Körper, aus dem sie kam.
Schatten aus den Ecken des Raumes schlängelten sich in dünnen Linien auf seine Gestalt zu und hefteten sich an seinen Schatten, türmten sich zu seinen Füßen und krochen seine Beine empor. Das Gesicht verlor die kindlichen Rundungen, wurde kantig und hager. Der Körper schoss in die Höhe, die Hautfarbe verblasste zu einem aschfahlen Ton, während die Haare sich an den Schatten satt tranken, bis sie ebenso kohlrabenschwarz waren und hinab auf die Schultern reichten. Er nahm alle Dunkelheit in sich auf. Sogar sein eigener Schatten verschwand. Nachtschwarze Augen spiegelten sich auf der Wasseroberfläche, als die Gestalt sich mit einem letzten verächtlichen Blick umdrehte und mit der Finsternis verschmolz.
»Echte Vesra-Karten, nicht diese billigen Dinger, mit denen die Tölpel Mehir spielen, erkennst du daran, dass sich das Blatt ständig verändert. Es kommen neue Karten hinzu und alte verschwinden. Sie erzählen mir ihre Geschichte, Azariah.«
Gespräche des Kartenspielers in Nimrods fliegenden Gärten
Etwas stimmte mit seiner Tochter nicht. Während die anderen Kinder aus dem Schultor stürmten und entweder in Bussen oder den Autos ihrer Eltern verschwanden, schlurfte Madison mit gesenktem Kopf die breiten Treppen hinunter. Sie wirkte wie ein Zombie. Als sie schließlich ihren Blick hob und sich suchend nach Anders umsah, bemerkte er die tiefen Augenringe. Das sonst so strahlende Lächeln fiel heute deutlich schwächer aus.
Der erste Schnee des Jahres überzuckerte die Dächer und ließ die Welt unberührt erscheinen. Madison kam auf ihn zu. Er trat seine Zigarette mit dem Stiefel auf dem schneebedeckten Asphalt aus.
»Hey, Bärchen«, grüßte er und öffnete die Beifahrertür.
»Hey«, kam nur leise zurück und sie kletterte auf den Autositz.
Anders stieg ebenfalls ein. Bevor er losfuhr, musterte er seine Tochter noch einmal.
»Was ist denn los mit dir?«, fragte er. »Nicht gut geschlafen? Haben die ganzen Süßigkeiten dich wach gehalten?«
Sie schüttelte den Kopf. »Liam ist heute wieder nicht zur Schule gekommen.«
Liam, ihr Klassenkamerad, und seine Mutter waren seit dem Vortag verschwunden. Anders unterdrückte ein schweres Seufzen. Wie erklärte man einer Neunjährigen ein Verbrechen? Falls es sich überhaupt um eines handelte, denn die Umstände ihres Verschwindens blieben weiterhin unklar.
Er reihte sich in den Feierabendverkehr ein. Die Freude darüber, seine Tochter heute einmal pünktlich abgeholt zu haben, verflog langsam, als er sie so geknickt neben sich sitzen sah. »Aber da ist doch noch was anderes.«
»Mami sagt, ich soll dich nicht fragen …«
»Aber?«, bohrte Anders nach.
»Ich träum ganz schlimme Dinge. Kannst du nicht heute Nacht bei mir schlafen?«
Anders wich den flehentlichen Augen seiner Tochter aus und blickte eisern auf die Straße. Nachdenklich strich er über seinen Bart. Er sollte Nein sagen. Victoria wollte ihn gerade nicht im Haus haben, am liebsten überhaupt nicht in Madisons Nähe. Es grenzte schon an ein Wunder, dass er sie von der Schule abholen durfte, aber Victorias Auto war in der Werkstatt. Seine Frau dachte tatsächlich, ein glatter Schnitt wäre das Beste für sie alle. Da hatte sie die Rechnung ohne Anders gemacht. Scheidung, pah! Das war alles nur eine Phase. Eine Pause würde genügen, dann könnte Anders zurück zu seiner Familie und Victoria würde ihren Fehler erkennen.
»Du meinst, wie eine Pyjamaparty?«, erwiderte er schmunzelnd und wuschelte durch Madisons Haare. Er hieße nicht Anders Clayton, wenn er nicht zumindest versuchen würde, für seine Tochter da zu sein. Die Sache mit Victoria würde er schon irgendwie deichseln.
Sofort hellten sich Madisons Augen auf. »Oh ja! Können wir eine Kissenburg bauen?«
Anders lachte und bog in die Straße ein, in der er selbst bis vor Kurzem gelebt hatte. Es kam ihm vor wie ein anderes Leben. Ein Leben, das er sich zurückholen würde.
»Mal sehen, was das Wohnzimmer so hergibt.« So mochte er sein Mädchen viel lieber. Strahlend und glücklich.
Er parkte vor dem Einfamilienhaus in einer der schöneren Gegenden Seattles. Die Häuschen reihten sich ordentlich nebeneinander, weiße, schicke Zäune umspannten viele der Grundstücke. Ein warmer Lichtschein begrüßte sie durch die eingefassten Glasscheiben der roten Haustür. Madison stieg aus und rannte über den schneebedeckten Kiesweg zur Tür, während Anders ihren Schulranzen mitnahm und seinen Wagen abschloss. Wenn alles gut lief, würde er heute nicht mehr weiterfahren. Er zog den grauen Trenchcoat enger um seinen Körper. Der Stoff war für Anfang November viel zu dünn. Vielleicht sollte er die Gelegenheit nutzen und einen seiner Wintermäntel aus dem Schlafzimmer mitnehmen. Egal wie viel Liebe er seinem Trenchcoat entgegenbrachte, bei Minusgraden war Schluss mit lustig.
Madison drückte wie verrückt auf den mit bunten Stickern beklebten Klingelknopf, bis Victoria die Tür öffnete und sie hereinließ. Sie wollte Anders den Schulranzen abnehmen, doch er schob sich nonchalant an ihr vorbei ins Warme. Sofort überkam ihn ein Gefühl der Geborgenheit und er fühlte sich einige Wochen zurückversetzt, als es noch ganz normal für ihn gewesen war, in diesem Haus ein und aus zu gehen. Er spürte seinen alten Haustürschlüssel förmlich in seiner Hand.
»Was soll das?«, fragte seine Frau statt einer Begrüßung und verschränkte die Arme.
»Dir auch einen schönen Abend, Vikky«, grüßte er und zog sich beschwingt den Trenchcoat aus, unter dem ein verschlissenes, weinrotes Hemd zum Vorschein kam. »Ich bin auf Wunsch meiner Tochter hier.«
»Ach, wirklich?« Victoria musterte ihn von oben bis unten und rümpfte die Nase. So etwas wie Mitleid mischte sich in die kühle Wut, die seiner Frau zu eigen war. »Wann hast du das letzte Mal in einen Spiegel gesehen? Du siehst schlimm aus. Wenn du so weitermachst, kann ich dich bald nicht mehr von den Pennern am Straßenrand unterscheiden.« Sie deutete auf den Trenchcoat. »Und mit dem Ding bist du Madison nun wirklich kein Vorbild. Es schneit und du hast nicht einmal ordentliche Kleidung an!«
Anders überging das leichte Brennen in seiner Magengegend, das immer kam, sobald ihm jemand Mitleid entgegenbrachte, das er nicht brauchte. Wenn Victoria so schimpfte, hieß das nur, dass sie sich noch immer um ihn sorgte. Das war ein gutes Zeichen.
Im Blau ihrer Augen tanzten kleine Wutsprenkel.
Er lächelte und ließ einige Strähnen ihres blonden Haars durch seine Hand gleiten. »Aber du siehst immer noch so schön aus wie an dem Tag, an dem du mir das Jawort gegeben hast.«
Victoria schlug seine Hand weg und wollte gerade etwas – wahrscheinlich etwas Bissiges – erwidern, da mischte sich Madison ein: »Kann er mit uns zu Abend essen? Bitte, bitte.« Sie zog sich die dicke Winterjacke aus und sah ihre Mutter mit großen Augen an.
Victoria seufzte und ihre Schultern sanken ein gutes Stück hinunter. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sie sich geschlagen gab. Dann schloss sie die Tür und sperrte den eisigen Wind und die Dunkelheit aus.
»Natürlich, Spätzchen. Wasch dir schon mal die Hände.« Sie rang sich für Madison, die fröhlich quiekend ins Bad lief, ein Lächeln ab. Dann bekam Anders den eisigen Blick zugeworfen, den er mittlerweile zur Genüge kannte.
»Sie hat Albträume«, rief er Victoria in Erinnerung. »Soll ich Nein sagen, wenn sie mich mit ihrem Hundeblick anbettelt? Nur diese eine Nacht. Außer du erkennst endlich, was du an mir hast, dann bleibe ich natürlich gern länger.«
»Ich habe dir gesagt, ich will dich erst mal nicht sehen«, zischte sie leise, sodass Madison sie nicht hörte. Die Schärfe in ihrem Blick wandelte sich in Enttäuschung. War sie enttäuscht von sich selbst oder von Anders? »Ich hätte dich nicht fragen sollen, ob du sie abholst.«
Anders knirschte mit den Zähnen und machte einen Schritt auf sie zu. Ihre Worte hatten ihm einen Stich versetzt. »Sie ist meine Tochter.«
»Gerade weil sie deine Tochter ist, solltest du Rücksicht auf sie nehmen.«
»Nicht ich nehme ihr ihren Vater«, stellte er mit gerecktem Kinn klar.
Victoria sah ihn mit geweiteten Augen an, dann schüttelte sie den Kopf. »Diese Situation ist für niemanden leicht. Wieso musst du sie noch schmerzhafter machen?«
Ohne auf seine Antwort zu warten, drehte sie sich um und verschwand durch die Tür in die Küche, aus der warmes Licht in den dämmrig beleuchteten Flur fiel.
Anders schloss für eine Sekunde die Augen. Das hatte er nicht verdient. Victoria war diejenige, die ihre Ehe aufgegeben hatte. Nicht er. Er hielt an dem Glauben fest, dass ihre Familie stark genug war, zusammenzuhalten. Nicht er riss sie auseinander. Er biss sich auf die Zunge, um ihr das nicht hinterherzurufen. Es war an ihm, seine Karten richtig einzusetzen. Nur so konnte er Victoria dazu bringen, ihn über Nacht bleiben zu lassen. Er wollte seine Chancen nicht gleich wieder verspielen.
Mit festen Schritten folgte er Victoria und lehnte sich an den Türrahmen. Der Duft von Hackbraten und Zwiebeln umwehte seine Nase und der Anblick von Victoria vor dem Ofen weckte Erinnerungen an eine bessere Zeit. Ich bekomme euch zurück, warte nur, Vikky.
Madison schob sich an ihm vorbei und Victoria gab ihr die Teller, um den Tisch zu decken. Das brachte wieder Bewegung in Anders und er öffnete den Besteckkasten. Madisons skeptischer, ja fast anschuldigender Blick ließ ihn stocken.
»Hast du dir denn die Hände gewaschen?«, fragte sie mit geschürzten Lippen.
Victoria schmunzelte mit gehobener Augenbraue und nickte zum Waschbecken. »Noch nicht.«
Anders hielt seine Hand in einer Geste der Bestürzung vor seinen Mund. »Oh, wie konnte ich das nur vergessen?« Dann deutete er eine übertriebene Verneigung in Madisons Richtung an. »Mit Eurer Erlaubnis werde ich meine Verfehlung sofort berichtigen, hochwohlgeborene Prinzessin Madison.«
Seine Tochter kicherte und Victorias amüsiertes Kopfschütteln bestärkte ihn in seiner Überzeugung, dass noch nicht alles verloren war.
Nach dem Abendessen überließ Victoria Anders das Feld und er half seiner Tochter bei ihren Hausaufgaben, während seine Frau den Abwasch machte.
Madison zog das nächste Aufgabenheft aus ihrem Schulranzen, da fielen einige lose Blätter heraus und verteilten sich auf dem Fußboden. Anders beachtete sie erst nicht weiter. Er war auf die Aufgabenstellung konzentriert – seine Schulzeit war einfach zu lange her. Da fiel ihm ein vollkommen schwarzes Bild mit zwei gelben Punkten aus dem Augenwinkel auf und er richtete seinen Blick doch dorthin. Madison griff danach und steckte die Blätter zurück in ihren Ranzen.
»Was ist das?«, fragte Anders und reckte den Hals.
Seine Tochter hielt inne und zuckte die Schultern. »Liams Bilder. Mrs Amberline hätte sie bestimmt weggeworfen, wenn ich sie in der Malecke liegen gelassen hätte.«
Anders winkte sie zu sich. »Zeig mal.«
Sie stand auf und brachte ihm die Zeichnungen. Die zwei ersten überblätterte Anders, aber das dritte hatte ihm eben schon nicht gefallen. Jetzt erkannte er die gelben Punkte als zwei leuchtende Augen in der Dunkelheit. Das letzte Bild zeigte ein Kinderzimmer. Die Schranktür war offen. Vom Fenster, aus dem Schrank und unter dem Bett kam etwas mit schwarzem Buntstift Gemaltes hervorgekrochen und beugte sich über das Bett zu dem darauf sitzenden Kind.
Mit gerunzelter Stirn wandte Anders sich an seine Tochter. »Wann hat er dir die gezeigt?«
Madison lümmelte sich neben ihn, die Wange auf ihre verschränkten Unterarme gedrückt, und fuhr mit dem Finger über das schwarz ausgemalte Bild mit den Augen. »Bevor er verschwunden ist.«
Anders ahnte, woher ihre Albträume kamen. »Und seit wann träumst du schlecht?«
Sie richtete ihren Blick auf ihn, denn sie verstand, was er andeutete. »Seit gestern. Er hat auch schlimme Träume gehabt, bevor er verschwunden ist.« Nun wurden ihre Augen groß. »Papa, heißt das, dass ich und Mami auch verschwinden werden?«
In einer beschützenden Geste streckte er seine Hand aus und drückte Madison enger an seine Seite. Er strich sanft über ihre Schulter. »Unsinn. Euch wird nichts passieren. Schließlich bin ich doch da.« Dabei zwinkerte er ihr zu. Madison musste durch Liams Verschwinden erschüttert sein und die Bilder gaben ihrer kindlichen Fantasie den nötigen Antrieb für ihre Albträume. Er musste sie nur ein bisschen ablenken.
»Weißt du was?« Er deutete auf das Arbeitsheft. »Wenn wir fertig sind, bauen wir gemeinsam eine Kissenburg, ja?«
Ein ansteckendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. »Au ja!«
Victoria schien sich widerwillig mit ihrem freien Abend angefreundet zu haben, denn sie setzte sich mit einer Zeitschrift auf das Sofa.
Sobald die Hausaufgaben erledigt waren, räuberten Anders und Madison alle Kissen aus dem Wohnzimmer. Sehr zum Missfallen von Victoria, die ihnen mit einer skeptisch gehobenen Augenbraue dabei zusah, wie sie Kissen um Kissen in Madisons Zimmer trugen. Auch einige Wolldecken fanden ihren Weg dorthin.
»Räumst du das dann morgen auch wieder auf?«, fragte sie Madison.
»Jaha!«
Victoria schnaubte amüsiert und kämpfte erbittert um das letzte Kissen auf dem Sofa, das Madison ihr auch noch abnehmen wollte.
»Lass Mami das eine«, sagte Anders. »Wir müssen noch ganz viele Lichter zusammensuchen.«
Madison ließ sich mit der Lichtersuche ablenken. Victoria brachte ihnen einige Nachtlichter und Lichterketten ins Zimmer und half sogar beim Aufhängen.
Als sie fertig waren, bedeckten Kissen in den verschiedensten Größen und Farben den Boden neben Madisons Bett, und mithilfe von Decken, die sie zwischen den Schranktüren und dem Schreibtisch gespannt hatten, war eine kuschelige Höhle entstanden. Selbst ohne größeres Licht erhellten die Ketten und Nachtlichter das Zimmer in einem gedimmten, angenehmen Schein.
»Das ist so schön!«, rief Madison mit strahlenden Augen und warf sich lachend in die weichen Kissen. »Ich will, dass mein Zimmer immer so aussieht.« Dann sah sie abwartend zu Anders hoch. »Papa, du musst auch mit rein.«
Anders, der mit in die Hüfte gestemmten Händen davorstand, schüttelte nur den Kopf. »Ach, weißt du, ich überlass das dir. Schließlich ist das deine Burg, Prinzessin.« So sehr er seine Tochter liebte, die Höhle war nicht groß genug, um ihn und Madison zu überleben. Sobald er sich hineinquetschte, würde alles in sich zusammenfallen und er sich in den Lichterketten verheddern. Er sah es jetzt schon.
Madison zog einen Schmollmund. »Aber hier musst du doch heute schlafen!«
Überrascht hob er beide Augenbrauen. Das hatten sie aber nicht so abgemacht. Er würde auf dem Sofa schlafen. Madisons Zimmer bot kaum genug Platz, dass er sich auf dem Boden ausstrecken konnte.
Sie bemerkte sein Zögern und machte ihre Schultern rund. Der Glanz verlor sich aus ihren Augen. »Sonst kommt es wieder«, flüsterte sie.
»Was?«
»Das Monster.« Dabei sah sie sich um, als fürchte sie, die alleinige Erwähnung würde es bereits herlocken.
Anders seufzte und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare, die ihm schon bis auf die Schultern fielen. Anscheinend nahm Liams Verschwinden Madison noch mehr mit, als Anders vermutet hatte. So viel dazu, Madison davon abzulenken …
»Ich bleibe heute hier bei dir«, versprach er ihr. Dann schweifte sein Blick durchs Zimmer, auf der Suche nach etwas, mit dem er sie so kurz vor der Schlafenszeit ablenken konnte, ohne sie zu sehr aufzuregen. Sonst konnte sie später gar nicht schlafen. Er blieb an einem der Bücher in ihrem Regal hängen und zog es heraus. »Was hältst du von einer Gute-Nacht-Geschichte?«
Er saß auf ihrem Schreibtischstuhl und haderte damit, später doch aufs Sofa umzuziehen. Ein kurzer Blick auf Madisons Kissenburg versprach, dass er nach einer Nacht darin seinen Rücken für Tage spüren würde. Doch wenn er später ins Wohnzimmer ging und Madison wachte nachts tatsächlich aus einem Albtraum auf und er wäre nicht hier, würde sie ihr Vertrauen in ihn verlieren. Das überstand Anders nicht. Genug Leute hatten in den vergangenen Tagen ihr Vertrauen in ihn verloren. Wenn Madison aufhörte, in ihm den perfekten Vater zu sehen, bräche ihm das sein Herz. Eine Nacht in einem Berg aus Kissen hingegen überlebte er.
Die Tür zum Flur, die einen kleinen Spaltbreit offen war, ging auf und Victoria steckte ihren Kopf herein. Sie warf einen Blick auf Madisons schlafende Gestalt, bevor sie zu Anders sah.
»Ich gehe jetzt auch schlafen. Leg dich aufs Sofa, Anders.«
»Später«, beruhigte er sie. »Ich bleibe noch etwas, falls sie aufwacht.«
Victoria nickte und zog sich zurück. Bevor sie ganz aus dem Türspalt verschwand, drehte sie sich noch einmal zu ihm um. »Und, Anders?« Er hob den Kopf. »Danke, dass du für sie da bist.«
»Ich bin ihr Vater, wofür wäre ich sonst gut?« Er lächelte und sie ging.
Zufrieden beobachtete er wieder Madison. Fast konnte er sich einreden, der letzte Monat wäre nie passiert.
Das Licht im Flur ging aus und er hörte die Schlafzimmertür, als Victoria zu Bett ging. Wie gern wäre er ihr gefolgt. Sie war immer noch seine Frau. Auch wenn sie das anscheinend dringend ändern wollte. Er dachte mit Abscheu an die Scheidungspapiere, die in einer Schublade der Kommode auf ihn warteten.
Zum Trost fuhr Anders den Adleranhänger seiner Halskette mit dem Finger nach. Sein Vater hatte sie ihm vermacht und seit er denken konnte, hatte sie immer eine beruhigende Wirkung auf ihn gehabt.
Mit jeder Stunde, die verstrich, erschien die Kissenburg verlockender. Er spürte die Müdigkeit in seinen Gliedern und sein Kopf wurde schwer. Madison zeigte keine Anzeichen eines schlechten Traums. Sie lag ruhig in ihre Decke gerollt da, angeleuchtet vom bunten Schein der Lichterkette. Der Vorhang vor dem Fenster wehte sanft im Wind und – Moment. Das Fenster war geschlossen. Woher kam dann der Wind?
Die Lichterketten und Nachtlichter wurden mit einem mal dunkler, als bekämen sie nicht mehr genug Strom. Einige von ihnen flackerten und gingen ganz aus. Madison zuckte und fiel in einen leichteren Schlaf. Dann erklang ein Geräusch, als schabten dünne Äste gegen das Fensterglas. Doch vor Madisons Fenster stand kein einziger Baum. Die Müdigkeit war wie weggefegt. Anders saß kerzengerade auf dem Schreibtischstuhl und blinzelte, um sich an die veränderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen.
Ein pechschwarzer Schatten glitt vom Fenstersims die Wand des Zimmers hinab und erreichte den Boden. Anders’ Hände wurden feucht, als der Schatten sich teilte, eine Hälfte sich am Boden wölbte und eine Gestalt daraus erwuchs. Die andere Hälfte breitete sich auf der Wand gegenüber Madisons Bett aus und das schwache Glimmen der Lämpchen ließ allerhand groteske Schatten über die Wände tanzen.
Vor Anders baute sich eine weit über zwei Meter große Gestalt auf – eine vage menschliche Form aus tiefster Finsternis, an deren Rändern eben jene Dunkelheit in kleinen Nebelschleiern leckte. Ein erschrockener Laut kroch Anders’ Kehle hoch. Er drückte eine Hand auf seinen Mund, um sich nicht zu verraten. Sein Herz schlug so rasend, dass Anders befürchtete, das Monster könnte es hören. Was zur Hölle war das?
Die Schatten wurden dichter, dunkler und etwas in ihnen bewegte sich. Sie hoben sich wie pechschwarze Wellen eines unruhigen Sees. Aus den Ecken des Zimmers wuchsen Schattenfinger, die sich nach Madisons Bett ausstreckten. Die ganze Aufmerksamkeit der Kreatur lag auf dem Mädchen, sie schien Anders hinter sich gar nicht zu bemerken.
Anders’ Körper war wie gelähmt und er wagte nicht, einen Laut zu machen. Hatte Madisons Angst sich auf ihn übertragen? Schlief er und hatte einen Albtraum?
Die schwarzen Finger erreichten das Bett und krochen die Bettdecke entlang. Sie berührten Madison, woraufhin sie sich wild im Bett hin und her warf.
Anders nahm seine Hand vom Mund und streckte sie nach dem Monster aus. Er stand auf, um nicht so klein zu wirken. Traum oder nicht, dieses Ding tut Madison nichts an! Erst griff er ins Leere, während die finsteren Nebelschwaden auseinanderstoben, als hätte ein Windzug sie aufgewirbelt. Dann traf er auf Widerstand. Er hatte anscheinend den Körper erreicht.
»Lass sie«, flüsterte er, wobei ihm seine Stimme vor Angst wegbrach. Adrenalin durchströmte jede Zelle seines Körpers. Noch im selben Moment wirbelte die Gestalt herum und gefährliche, stechend gelbe Augen suchten und fanden Anders. Er stolperte zurück. Es krachte, als er gegen Madisons Schreibtischstuhl stieß. Das Monster hatte kein erkennbares Gesicht. Da waren nur die Dunkelheit und diese leuchtenden Augen.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie Madison sich bewegte. Sie gab gequälte Laute von sich. Doch Anders hatte zu viel Angst, eine Regung des Monsters zu verpassen, wenn er auch nur eine Sekunde wegsah.
»Wenn du ihr etwas tust«, begann er, doch weiter kam er nicht.
Die gelben Augen weiteten sich und das Monster wich rückwärts vor ihm zurück, glitt über die Schatten, als wären sie schwarzes Wasser. Wie ein Seeungeheuer sank es in sie ein und das Letzte, was Anders ausmachen konnte, war blanke Bestürzung. Jegliche unnatürliche Finsternis zog sich in Sekundenschnelle an der Stelle zusammen, wo die Kreatur eingetaucht war. Dann verflüchtigte sie sich durch das Fenster. Die Lichterketten flammten wieder auf. Das alles passierte so schnell, dass Anders dem Monster nur verwirrt hinterherschauen konnte. Er blinzelte mehrmals und schüttelte den Kopf. Was war gerade passiert?
Zwei Herzschläge später richtete er seinen Blick auf Madison, die ruhig atmend im Bett lag. Ein erleichterter Atemstoß drang über seine Lippen. Es ging ihr gut, sie war noch hier. Nicht verschwunden. Plötzlich sah er Liams Verschwinden und das seiner Mutter mit anderen Augen.
Es dauerte einen Moment, bis er seine Beine bewegen konnte, aber dann stürzte er zum Fenster, riss den Vorhang zurück und öffnete es. Er steckte den Kopf hinaus und suchte die von einzelnen Lichtern durchtränkte Dunkelheit der Stadt nach dem tintenschwarzen Schatten ab. Ihn tatsächlich zu sehen, hatte er trotzdem nicht erwartet. Ein Fluch drang über seine Lippen. Unter den Bäumen des Nachbargartens leuchteten gelbe Augen auf, die ihn ansahen. Sofort schob er das Fenster wieder zu, obwohl es das Monster eben nicht aufgehalten hatte, Madisons Zimmer zu betreten.
»Papa?«, fragte ein verschlafenes Stimmchen hinter ihm. In seinen Ohren rauschte das Blut und er hätte sie fast nicht gehört. Er drehte sich zu Madison um, die sich über die Augen rieb. »Ich habe schlecht geträumt, aber du warst auch da und hast das Monster vertrieben.«
Anders atmete aus und fühlte sich, als sei zusammen mit der Luft alle Energie aus seinem Körper gewichen. Er ging zum Bett und sank auf die Bettkante. Madison kroch zu ihm und legte ihren Kopf auf seinen Schoß.
»Keine Sorge, Bärchen. Ich beschütze dich.« Für den Rest der Nacht ließ er das Fenster nicht eine Sekunde aus den Augen und behielt seine Hand auf dem weichen Haarschopf seiner Tochter, deren Albträume Wirklichkeit waren.
Mit der Post, die er von seinem ehemaligen Haus mitgenommen hatte, kam Anders zu Ronans Tabakwarenladen. In einem Apartment eine Etage darüber hauste er, seit Victoria ihn rausgeworfen hatte. Sein Freund gab ihm das Rattenloch umsonst – wahrscheinlich aus Mitleid. Anders hätte es abgelehnt, wenn er die Energie aufbringen könnte, nach einem anderen Schlafplatz zu suchen. Aktuell schaffte er es nicht einmal, sich zu rasieren, ohne dass es sich wie vergebliche Liebesmüh anfühlte, also beließ er es dabei. Es war nur vorübergehend. Anders hielt an dem Gedanken, Victoria zurückzubekommen, fest wie ein Terrier an seiner Beute. Wenn erst mal die ganze Sache mit der Suspendierung geklärt war, würde sie erkennen, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Der Vorfall hatte sie nur im Glauben bestärkt, dass Anders labil war.
Mit der freien Hand rieb Anders sich über die müden Augen, holte dann eine Zigarette aus seiner Manteltasche und nahm sie zwischen die Lippen. Er klemmte sich die Post unter den Arm, ohne sie genauer zu betrachten, und betrat schließlich den Tabakwarenladen.
Ronan, ein hünenhafter Mann mit Bierbauch, reckte beim hellen Geräusch der Türklingel den Kopf hinter dem Tresen hervor. Das freundliche Begrüßungslächeln für Kunden wandelte sich in ein breites Grinsen, als er Anders erkannte. Dann jedoch runzelte er die Stirn.
»Du siehst aus wie zweimal gegessen und wieder ausgekotzt«, grüßte er und Anders hob eine Augenbraue.
»Dir auch einen guten Morgen.«
»Na, ein guter Morgen scheint das nicht zu sein«, stellte Ronan fest. »Du bist doch sonst nicht so früh hier. Ich habe noch nicht einmal Hunger.«
»Ich habe auch nichts dabei. Wollte nur wissen, ob du mit mir eine Zigarettenpause machen willst«, Anders zog die Briefe hervor. Aus dem weißen Einheitsbrei stach ein blassrosa Umschlag heraus, der ihm bisher gar nicht aufgefallen war. Anders fischte ihn aus dem Stapel. Er kannte nur eine Frau, die ihm so etwas sandte.
»Ich habe eben erst den Laden aufgemacht. Da kann ich nicht gleich wieder Pause machen.« Ronan schnaubte amüsiert und nahm seine Arbeit von vorhin wieder auf. Er räumte einige Zigarettenschachteln in die unteren Regale. »Aber später können wir das machen.«
Abwesend schüttelte Anders mit der Zigarette im Mundwinkel den Kopf. »Ich muss dann weiter. Habe heute was vor.« Dabei hielt er sich den Briefumschlag unter die Nase und roch daran. Zarter Lavendelduft. Die auf dem Papier in dunkelroter Schnörkelschrift verfasste Adresse versetzte ihn zurück in seine Kindheit, als sein Vater ab und zu ebensolche Briefe bekommen hatte. Ungeduldig riss er ihn auf und ignorierte dabei, dass das Briefpapier allein wohl mehr gekostet hatte als sein durchschnittliches Mittagessen.
»Ach ja? Das ist … gut. Bringt ja nichts, wenn du nur an die Suspendierung und Vikky denkst. Das ist bestimmt eh bald vom Tisch und du hast deine Marke und deine Frau wieder.«
Anders faltete das schwere Büttenpapier auseinander.
Mein lieber Anders,
ich hoffe, du hast mein Paket erhalten und den Inhalt genossen – am besten nicht allein, denn das Trinken ist seit jeher ein gesellschaftlicher Anlass. Aber genug Geschwätz über Wein. Was würde dein Vater sagen, wenn wir zu weintrinkenden Schnöseln ohne das Auge für den wahren Göttertropfen verkämen? Ich komme in Kürze in die Stadt, familiäre Bande erneuern und deinem Vater meine Ehre erweisen. Unser freundschaftliches Band benötigt dringend ebenfalls eine Auffrischung und ich kenne dich doch: Wenn ich nicht aufpasse, verkommst du mir zu einem miesepetrigen Alleintrinker. Ich kann das billige Bier in deiner Hand förmlich sehen. Deswegen möchte ich dir gern mein neuestes Projekt zeigen. Genaueres folgt, sobald ich den Kaufvertrag in Händen halte.
Auf bald,
Gloria Laurey
Anders dachte mit Wehmut zurück an den köstlichen Tropfen, den Gloria ihm vor Kurzem geschickt hatte. Er hatte ihn mit Victoria genießen wollen, doch dann war alles anders gekommen und er hatte den Wein allein in Ronans heruntergekommener Wohnung über dem Laden getrunken.
Ein anerkennendes Pfeifen schreckte Anders auf. Ronan grinste ihn an. »Eine Verehrerin? Ich bin beeindruckt.«
Anders winkte mit dem Brief in der Hand ab. »Eine alte Freundin meines Vaters. Sie kommt mal wieder zu Besuch und will mir irgendeine Kneipe zeigen, die sie neu aufmacht.« Gloria hatte ebenso viel Klasse wie schrullige Interessen. Lokalitäten zu renovieren war noch das Normalste.
»Auch ältere Damen haben etwas für sich«, meinte Ronan und zuckte die Achseln.
Anders schüttelte den Kopf und zog die Zigarette aus seinem Mundwinkel. »Na, wenn du keine Zeit hast, muss ich wohl allein rauchen. Leihst du mir kurz ein Feuerzeug?«
Gerade als er sich umdrehen und eines der Feuerzeuge von der Auslage auf der Theke nehmen wollte, fiel ihm ein silbernes Sturmfeuerzeug ins Auge, das an der Ecke der Theke lag. Es sah nicht aus wie die, die Ronan sonst verkaufte. Nachdenklich hob er es hoch.
»Hat das einer deiner Kunden vergessen?« Währenddessen drehte er es in der Hand. Es war schwer, musste teuer gewesen sein. Auf dem mattsilbernen Zippo erkannte er eine Gravur. Silberstreif.
Er stockte.
»Ronan …«, fing er an, aber sein Freund ließ ihn mit einer erhobenen Hand verstummen. Er nahm das Zippo und sah weg, als hätte Anders es noch nicht finden sollen.
»Ich dachte mir … Wenn dir ein Feuerzeug was bedeutet, verlierst du es vielleicht nicht so leicht.«
Ronan griff nach Anders’ rechtem Arm und schob den Ärmel seines grauen Trenchcoats bis zum Ellbogen hoch. Er legte Anders’ Tattoo frei. Dort war derselbe Schriftzug in schwarzer Tinte verewigt. »Sieh es dir an.«
»Das geht doch nicht«, sagte Anders verlegen. Geschenke waren ihm unangenehm. Sie gingen meist mit der Erwartung eines Gegengeschenks einher.
»Doch, das geht«, beharrte Ronan. »Irgendwann kannst du mich nicht mehr zum zweiten Frühstück einladen, weil du dein Geld immer für neue Feuerzeuge ausgegeben hast.« Er beugte sich über den Tresen nach vorn und sah Anders ernst in die Augen. »Weißt du, woran es dich erinnern soll?«
Anders schüttelte langsam den Kopf. Er wusste, wofür sein Tattoo stand: dafür, dass er ein verdammt guter Schütze war. Oder gewesen war. Seine Dienstwaffe war weg und wenn die polizeilichen Untersuchungen negativ für ihn ausfielen, bekam er sie auch nicht wieder. Wut stieg in Anders auf. Alles nur wegen dieses verfluchten Parker! Ein dreckiger Lügner, der damit sein Geld verdiente. Die Wut bestärkte Anders in seinem Vorhaben für den Tag. Er würde diesem Kerl schon klarmachen, was es ihm brachte, Anders anzuschwärzen. Das Gewicht der alten Pistole seines Vaters drückte im Holster an seine Brust. Er würde sie nicht benutzen. Es wäre besser, wenn er sie gar nicht erst zum Treffen mitnahm, damit er nicht auf dumme Gedanken kam. Aber so wie die Halskette wirkte auch eine Waffe an seinem Körper beruhigend auf ihn. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal ohne Pistole unterwegs gewesen war. Nachdem man ihm seine Dienstwaffe genommen hatte, hatte Anders sich nackt und angreifbar gefühlt. Mit der Pistole seines Vaters fühlte er sich stark.
Ronan deutete sein Schweigen als Ratlosigkeit. Sein Gesichtsausdruck wurde weich und verständnisvoll.
»Du hast dein Können nicht verloren, Anders. Du darfst dich selbst nicht verlieren, nur weil es gerade schwer ist. Selbst wenn Victoria dich nicht zurücknimmt – nur mal angenommen«, schob er hinterher, um Anders’ Protest im Keim zu ersticken, »bist du deswegen immer noch derselbe feine Kerl wie vorher. Und es gibt andere Frauen. Gib ihr nicht die Macht, dir wegzunehmen, was dich ausmacht. Du bist auch ohne sie klargekommen, früher, bevor du sie kanntest. Du bist ein guter Kerl und daran ändert sich nichts. Außer du lässt es zu.« Ronan nahm seine Hand und Anders spürte das kühle Gewicht des Sturmfeuerzeugs darin. Sein Freund schloss Anders’ Finger darum.
»Also pass gut darauf auf.«
Und Anders wusste, dass er nicht nur vom Feuerzeug sprach.
Dann ließ Ronan ihn los und räumte einige hochwertige Zigarren fein säuberlich in ein Etui. Anders betrachtete das Sturmfeuerzeug und sein Tattoo einige Herzschläge lang, ehe er es wegsteckte und seinen Ärmel wieder herunterschob. Dann schloss er für einen langen Moment die Augen und atmete tief durch. Nichts kann je wieder so sein wie früher. Sie hat mich verändert, mein Freund.
»Danke, ehrlich. Wenn wir beide keine Frauen hätten, würde ich um deine Hand anhalten.«
Ronan runzelte die Stirn. »Na, dann bin ich ja froh um meinen Hausdrachen. Und wehe, du kommst nicht später mit etwas Süßem vorbei. Du weißt doch, ich leide an Unterzucker. Sonst kannst du gleich meinen Grabstein bestellen.« Er machte ein todernstes Gesicht.
Anders winkte ab und verließ den Laden.
Es ging nicht darum, sich selbst nicht zu verlieren. Anders wusste genau, wer er war und was er nicht war. Er war kein Schläger. Gewalt war ein letzter Ausweg, eine präzise angewandte Methode der Schadensreduzierung in seinem Beruf. Er hatte Joshua Parker nichts angetan. Das wusste er. Allerdings schien ihm sonst niemand zu glauben. Das alles nur, weil er nach Feierabend die Geister, die ihn bis in die Nacht verfolgten, im Alkohol ertränkte. Dabei war er nicht der einzige Polizist, der Dinge in seinem Beruf erlebte, die er nicht ohne ein paar Gläser Scotch vergessen konnte.
Eigentlich hatte er kurz in die Wohnung hochgehen und frische Kleidung anziehen wollen, doch ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er spät dran war. Deshalb schlug er eine andere Richtung ein. Anders zündete sich die Zigarette an und schob seine Hände tief in die Taschen seines Trenchcoats. Mit hochgezogenen Schultern, um dem kalten Wind zu trotzen, ging er den Gehsteig entlang.
Heute würde er ein Wörtchen mit Parker reden. Dieses Mal wirklich. Dieser verfluchte Bastard wollte Anders’ Leben ruinieren. Er hatte eine Chance für sich gesehen, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Alles nur wegen der Politik. Anders taumelte am Abgrund und Parker hatte ihm den letzten Stoß verpasst, um sich selbst über die Klippe hinaufzuziehen. Anders knirschte mit den Zähnen und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette.
Er bog um die Ecke des nächsten Gebäudes und betrat den schäbigen Parkplatz, auf dem sein Wagen stand. Während er einstieg, glitten seine Gedanken kurz zu den gelben Augen in der Dunkelheit zurück. Ein Zittern durchzog seine Glieder und er nahm einen weiteren Zug an seiner Zigarette, um sich zu beruhigen. Er würde auch in dieser Nacht dafür sorgen, dass Madison sicher war. Er wusste nur noch nicht, wie.
Ein Mädchen lehnte auf der anderen Seite des Zaunes, der den Parkplatz vom nächsten Gelände abtrennte, und schaute ihm beim Ausparken zu. Anders sah sie durch den Rückspiegel. Nachdem sie sich nicht bewegte und somit auch nicht in sein Auto zu laufen drohte, war sie schon fast wieder vergessen. Nur ihre Klamotten blieben ihm im Gedächtnis. Mit den kleinen Tieren – es könnten Affen oder Teddys gewesen sein – hatten sie wie ein Pyjama ausgesehen.
Anders fuhr über winterliche Straßen, vorbei an Schaufenstern, die farbenfroh das kommende Weihnachtsfest verkündeten. Nur dass er dieses Fest der Familie allein verbringen sollte, wenn es nach Victoria ging. Eine Vorstellung, die ihm den Magen umdrehte. Er gab Gas. Die Schaufenster zogen an ihm vorbei und wurden bald schon von Fassaden gepflegter Vorstadthäuser abgelöst. Am Anfang einer Allee hielt er den Wagen an, machte den Motor aus und kontrollierte seine Uhr. 7:45 Uhr. Gleich würden Mrs Parker und der Hund zu ihrer morgendlichen Runde um den Block aufbrechen. Mr Parker würde solange noch am Frühstückstisch sitzen und die Zeitung fertig lesen. Danach kam seine Frau zurück, verabschiedete ihn und er würde von seinem Chauffeur abgeholt werden. Ab da wäre er außerhalb von Anders’ Reichweite. Anders war in den letzten Tagen so oft hier gewesen, dass er die morgendliche Routine des Ehepaars kannte.
Die Tür des Hauses auf der gegenüberliegenden Straßenseite ging auf und Mrs Parker führte den Hund hinaus. Anders beobachtete, wie sie mit ihm den Weg entlangging.
Mit einer Hand rieb er sich über die Augen. So ungern er es zugab, er gehörte nicht mehr zu den Jüngsten. Eine schlaflose Nacht hatte er mit zwanzig so viel leichter weggesteckt als heutzutage. Sein Bett rief nach ihm. Sobald die Sache geklärt ist, leg ich mich hin.
Durch das große Fenster, das in den Vorgarten zeigte, sah er den Mann mit seiner Zeitung. Ergraute Schläfen, ein hageres Gesicht. Er trug einen Anzug mit Krawatte. Allein der Anblick des Wirtschaftsmoguls machte Anders rasend. Man sah die Verfärbung an seinem Unterkiefer und gerade wünschte Anders sich, er wäre wirklich derjenige gewesen, der Joshua Parker verprügelt hatte. Er umgriff das Lenkrad fester, bis seine Knöchel weiß hervortraten.
»Ich will nur mit ihm reden«, erinnerte Anders sich.
Bedacht öffnete er die Tür, atmete durch und stieg aus. Aus dem Augenwinkel erhaschte er noch einen Blick auf eine kleine Gestalt mit schwarzen Haaren, doch dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf das Haus und ging darauf zu. Die Waffe in seinem Holster wog mehr als sonst. Während er das Gewicht seiner Dienstwaffe kaum noch bemerkte, war die Pistole seines Vaters schwerer. Es fühlte sich wie eine stumme Versicherung an, dass Anders als der Sieger aus diesem Zusammentreffen herausgehen würde, auch wenn er den Beigeschmack dieses Gedankens nicht mochte. Er wollte Parker nichts antun – er wollte nur, dass der seine Anschuldigungen zurückzog. In seinem Kopf schrillten ein Dutzend Alarmglocken und Victorias Stimme schalt ihn einen Vollidioten, weil er dachte, dass eine persönliche Konfrontation die Sache zu seinen Gunsten verschob. Sogar Prudence’ Stimme mischte sich auf dem kurzen Weg zur anderen Straßenseite mit ein. Wenn niemand für Anders einstand, musste er es eben selbst in die Hand nehmen.
Ein Wagen blieb neben ihm stehen. Anders beachtete ihn erst nicht, doch als die Haustür aufging und Parker eilig herauskam, erstarrte Anders. So war das nicht geplant gewesen. Eine Frau eilte an ihm vorbei und ging Parker entgegen. Sie schien Anders gar nicht zu bemerken.
»Sir, Ihre Tochter ist in der Leitung«, sagte sie und reichte ein Smartphone an den Mann weiter.
Parker nahm es entgegen und hielt es sich ans Ohr. »Liebes, beruhige dich«, sagte er. »Wir werden sie finden.« Er wandte sich an seine Assistentin: »Du bleibst und sagst meiner Frau Bescheid. Kümmere dich um sie, sie regt sich immer so schnell auf.«
In Anders’ Körper kam gerade rechtzeitig wieder Leben, sodass er zwei Schritte zurückmachte, um eine Hecke zwischen Parker und sich zu bringen. Der Mann bemerkte ihn nicht, als er in das wartende Auto einstieg. Der Wagen fuhr mit quietschenden Reifen los und Anders konnte nichts anderes tun, als ihm hinterherzusehen.
Er stand eine ganze Weile da und fragte sich, ob er es als Wink des Schicksals verstehen sollte. Bevor Mrs Parker mit dem Hund zurückkommen konnte, schob er seine Hände tief in die Manteltaschen und entschied sich gegen sein Auto. Er musste den Kopf freibekommen. Ein Spaziergang würde ihm helfen, die Dinge wieder klarer zu sehen. Es war ja nun nicht so, als hätte er etwas anderes zu tun, solange die Untersuchungen liefen …
Mit einer Zigarette zur Beruhigung stapfte er durch das verschneite Viertel und fror. Die Kälte half ihm, wieder zu sich zu finden und sich neu zu sortieren. Noch war nichts verloren. Er konnte am nächsten Morgen genau da weitermachen, wo er heute so jäh unterbrochen worden war. Hinter ihm knarzten Schritte im Schnee. Er drehte sich um und sah ein Mädchen in einigen Metern Entfernung. Sie erinnerte ihn ein wenig an Madison, wahrscheinlich hatten sie dasselbe Alter. Etwas an dem Mädchen war auffällig, aber Anders ließ das Gefühl an sich vorüberziehen und sah wieder nach vorn. Madison. Was sollte er heute Abend tun? Würde das Monster wiederkommen?
An einer Straßenlaterne blieb er stehen und drückte die Zigarette aus. Einige Autos schossen schneller als erlaubt an ihm vorbei. Er hob den Kopf und sah in den bewölkten Himmel. Wenn es so weiterging, gab es heute Abend Neuschnee. Würde Victoria überhaupt verstehen, wieso Anders erneut bei Madison sein musste? Er seufzte. Wahrscheinlich nicht. Sie würde darin den traurigen Versuch seinerseits sehen, sich wieder in ihr Haus zu schleichen – in sein eigenes Haus.
Erst als er über die Straße weiterging und hinter ihm ebenfalls wieder Schritte einsetzten, fiel ihm auf, dass es eben still gewesen war. Das Mädchen war nicht an ihm vorbeigegangen. Sie war stehen geblieben, als er an der Laterne angehalten hatte, und nun ging sie ebenfalls weiter. Verfolgte sie ihn?
Anders warf einen Blick über die Schulter. Tatsächlich. Das Mädchen folgte ihm über die Straße.
Anders versteifte sich. Sobald er den Gehsteig erreicht hatte, blieb er stehen und drehte sich ganz zu dem Kind um.
Es hielt mitten auf der Straße inne.
Nun erkannte Anders, was ihm zuvor merkwürdig an dem Mädchen vorgekommen war: Sie war barfuß. Barfuß im Winter? Was sollte das? Und sie trug einen Pyjama. Irgendwoher kannte er dieses Kind.
Das Mädchen legte den Kopf schief und sah ihm direkt in die Augen. Einige schwarze Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht.
»Komm besser von der Straße runter. Das ist zu gefährlich!« Er winkte dem Mädchen zu. Sie regte sich nicht. Nun wusste er, wo er das Kind schon einmal gesehen hatte: Es war dasselbe Mädchen wie auf dem Parkplatz. Wie konnte sie so nahe bei Ronans Laden gewesen sein und jetzt vor ihm stehen? Auf der anderen Seite der Stadt?
Sie musterte Anders von oben bis unten. Der Ausdruck der Augen wirkte suchend und zu erwachsen. Dann öffnete sie den Mund und sagte: »Wie kann es sein, dass du …«
Sie unterbrach sich, als ein Auto um die Kurve raste. Der Wagen schlitterte, ein Hupen durchbrach das Geräusch der quietschenden Reifen. Anders wollte das Kind von der Straße ziehen, aber es war zu weit weg und das Auto schoss heran.
»Nein!«, rief Anders. Der Fahrer des Autos versuchte zu bremsen.
Das Mädchen drehte langsam den Kopf, dann erfasste die Breitseite des Wagens das Kind und schleuderte es durch die Luft. Der Wagen blieb abrupt stehen. Anders hörte den Aufprall in der entstandenen Stille nachhallen. Dann ging die Beifahrertür auf.
»Scheiße, Eddy, scheiße!«, schrie eine Frau und lehnte sich über das Auto, aus dem nun auch ein Mann mit Goldkettchen stieg. »Du hast sie voll erwischt.«
»Ey, sie stand da plötzlich. Ich habe sie gar nicht gesehen. Fuck, meinst du, sie ist …?«
Anders blinzelte. Das Mädchen lag merkwürdig verdreht auf dem Boden und regte sich nicht.
»Oh Himmel, nein«, stieß er hervor. Wie betäubt stolperte Anders auf das Mädchen zu. Die junge Frau stürzte ihm hinterher.
»Ist sie tot?«, wollte der Kerl wissen. »Verdammt, was steht sie auch mitten auf der Straße!« Er raufte sich die Haare. Die Frau kniete sich neben Anders.
Der rechte Arm des Mädchens zeigte verdreht in den Himmel, ihr Rücken machte eine unnatürliche Biegung. Ihr Gesicht, das größtenteils durch die Bauchlage und die schwarzen Haare verdeckt blieb, zeigte tiefe Schürfwunden. Unter dem Mädchen breitete sich eine zunehmend größer werdende, rote Pfütze aus. Anders griff ohne nachzudenken nach seinem Handy und wählte mit klammen Fingern den Notruf. Während es klingelte, lag sein Blick starr auf dem Kind. Die Blutlache breitete sich aus.
»Notrufzentrale?«, meldete sich eine warme Frauenstimme.
Anders beobachtete, wie das Blut sich langsam schwarz färbte.
»Ähm … ein Unfall«, stammelte er.
Die junge Frau streckte ihre Hände vorsichtig nach dem Mädchen aus. Die Form des Kindes fiel bei der ersten Berührung in sich zusammen, als hätte man rapide Luft aus einer Luftmatratze gelassen.
Anders und die Frau zuckten zurück.
»Was ist passiert?«, fragte die Frauenstimme durchs Telefon.
»A-Autounfall. Ein Mädchen ist angef…« Der Rest blieb ihm im Halse stecken. Der eingefallene Kinderkörper färbte sich dunkler und dunkler, bis er ebenso schwarz wie das Blut war. Er schien sich zunehmend zu verflüssigen und dem Blut zu folgen, das ein Rinnsal bildete. Wie ein schwarzer Faden zog es über die Straße, durch den Schneematsch, bis zu einem Abflusskanal, der in der Straße verbaut war.
»Was zur Hölle …?«, rief der Kerl und zerrte schockiert die Frau weg, die sich die Hände vor den Mund geschlagen hatte. Anders hörte die Frau der Notrufzentrale durchs Telefon etwas sagen, aber nichts davon drang zu ihm durch. Seine Hand mit dem Handy sank schlaff zu Boden. Er starrte auf die grässliche Szene, bis nichts mehr vom Blut und dem Körper übrig war.
Ein Hupen riss ihn aus der Starre. Hinter dem quer stehenden Unfallwagen warteten zwei weitere Autos, die nicht vorbeikamen, weil der Wagen beide Fahrbahnen blockierte. Die tiefe Mulde an der Hintertür zeugte vom Geschehen, doch von dem Mädchen fehlte jede Spur.
Anders saß auf steinernen Treppen nicht weit vom Unfallort entfernt, als die Polizei kam. Er hob den Kopf aus seinen Händen und verfluchte sich innerlich, hiergeblieben zu sein, als er sah, wer aus dem Polizeiwagen stieg. Neben Prudence, seiner Partnerin, und deren aktuellem Partner Zaremba hatte es Hubert Brown mit angeschwemmt. Anders verzog das Gesicht. Noch bevor Brown beide Füße auf dem Gehsteig hatte, bekam er schon einen seiner Sprüche entgegengeschleudert.
»Habe ich mir deine Suspendierung nur eingebildet, Clayton?« Anders’ Mundwinkel verzogen sich minimal, aber er ermahnte sich, seinen Unmut nicht weiter zu zeigen. Stattdessen ignorierte er seinen ehemaligen Kollegen und sah zu Prudence. Sie versuchte mit einem schnellen Blick, die Lage zu erfassen, und hielt dann überrascht inne, als sie ihn erkannte. Das Leben hatte ihr übel mitgespielt und so sah sie mit dreiundvierzig schon wie Mitte fünfzig aus, ihr Haar war fahrig zurückgebunden.
»Anders? Du hier?«, fragte sie und kam auf ihn zu. Anders sah, wie sie den einzig logischen Schluss zog, warum er hier war, und Sorge in ihr Gesicht trat. »Bist du verletzt?« Sie kniete sich neben ihn und suchte nach möglichen Blessuren. Anders starrte vor sich hin. Er wollte nicht mit ihr reden – nicht über den Unfall und erst gar nicht über das, was zwischen ihnen stand. Obwohl nun Prudence’ Sorge überwog, hatte er nicht vergessen, dass selbst sie an ihm zweifelte.
»Hast du den Unfall beobachtet?«, fragte sie.
Anders entwand sich ihren Händen und schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, was passiert war. Er war dabei gewesen, aber was er glaubte, gesehen zu haben, war unmöglich. »Muss wohl gerade weggeschaut haben, als es passiert ist«, log er.
Prudence durchschaute ihn sofort.
Die beiden jungen Leute saßen in ihrem Auto. Der Mann redete leise auf seine Freundin ein, die hysterisch den Kopf schüttelte und auf die Stelle starrte, an der das Mädchen gelegen hatte. Ein Sanitäter kam dazu und redete mit ihnen. Zaremba, ein junger Mann mit sehr kurz rasiertem Haar, schenkte Anders und Prudence einen Blick, dann ging er zu den anderen. Brown allerdings folgte seinem Fingerzeig nicht und kam stattdessen auf Prudence und Anders zu. Er schlenderte gemächlich, so als hätte er alle Zeit der Welt.
»Was ist los, Clayton? «, meinte er hämisch. »Hat es dir die Sprache verschlagen?«
»Anders«, drängte Prudence, aber er bekam kein Wort heraus. Er sah ihre besorgte Miene, die Falten auf ihrer Stirn und las die Fragen, die sie ihm nicht stellte, von ihrem Gesicht ab.
»Früher warst du nicht so ein Waschlappen«, machte Brown weiter. »Obwohl, wenn ich darüber nachdenke, eigentlich schon. Ein Säufer mit kurzem Geduldsfaden.«
Anders konnte sich nicht dazu aufraffen, ihm zu antworten. Obwohl Browns Provokationen ihn sonst immer auf die Palme brachten.
Prudence’ böser Blick traf Brown. »Hubert«, knurrte sie, »bist du nicht für etwas anderes mitgekommen?«
»Oh nein, ich bin genau dafür mitgekommen«, schnurrte der Mistkerl und schenkte ihnen ein selbstgerechtes Grinsen.
