Komparatistik - Peter V. Zima - E-Book

Komparatistik E-Book

Peter V. Zima

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Beschreibung

Die dritte Auflage dieses Standardwerks bietet eine detaillierte Einführung in die Wissenschaftsgeschichte der Komparatistik und geht ausführlich auf ihre wichtigsten Themen ein: Vergleichstypen, interkulturelle Rezeption, literarische Übersetzung, Periodisierung, Gattungsgeschichte, Thematologie und Mythenforschung. Im neuen Schlusskapitel ist die Frage zentral, welche Rolle Komparatistik bei der Definition von Begriffen wie Modernismus, Avantgarde, Literaturwissenschaft und Diskurs spielen kann. Der Band bietet Studierenden der Vergleichenden Literaturwissenschaft eine grundlegende, um die Perspektiven der Semiotik und der Textsoziologie erweiterte Einführung in das Fach.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Peter V. Zima

Komparatistik

Einführung in die vergleichende Literaturwissenschaft

DOI: https://doi.org/10.36198/9783838564678

 

© 2025 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

 

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

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Internet: www.narr.deeMail: [email protected]

 

Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung

 

utb-Nr. 1705

ISBN 978-3-8252-6467-3 (Print)

ISBN 978-3-8463-6467-3 (ePub)

Inhalt

Vorwort zur dritten AuflageVorwort zur ersten und zweiten AuflageEinleitung1. Komparatistik und Ästhetik2. Vergleichende und Allgemeine Literaturwissenschaft3. Komparatistik und Vergleichende Wissenschaften4. Komparatistik und Nationalphilologie5. Komparatistik als Kulturwissenschaft?I Zur Wissenschaftsgeschichte der Komparatistik1. Komparatistik in Frankreich: Die positivistische Tradition2. Szientismus und Positivismus in der englischsprachigen Komparatistik und Soziologie3. Die „französische“ und die „amerikanische Schule“: Neuere Entwicklungen4. Zwei marxistische Beiträge zur Komparatistik: Žirmunskij und Ďurišin5. Die deutsche Komparatistik in der MethodendiskussionII. Komparatistik als dialogische Theorie1. Sprachliche Situationen: Soziolekte und Diskurse2. Nationalkultur und Theoriebildung3. Komparatistik als Ideologiekritik und Dialog4. Für einen dialogischen LiteraturbegriffIII. Der typologische Vergleich1. Die methodologische Bedeutung des typologischen Vergleichs2. Oscar Wilde und Hugo von Hofmannsthal: Drama und mondäne Konversation3. Hašek und Kafka: Ambivalenz, Kritik und KriseIV. Der genetische Vergleich1. Der genetische Vergleich: Sozio-linguistische Situation und Intertextualität2. Pío Baroja als Nietzsche-Leser3. Nietzsche und Camus4. Von Nietzsche zu D. H. Lawrence: Die Ambivalenz der NaturV. Vergleichende Rezeptionsforschung1. Kritik der Rezeptionsästhetik2. Rezeptionssoziologie komparatistisch3. Die Hesse-Rezeption in Deutschland und den USA: Die Rolle des VermittlersVI. Die literarische Übersetzung1. Theorien der Übersetzung: eine kritische Übersicht2. Übersetzung semiotisch: Inhalt-Ausdruck, Monosemie-Polysemie, Denotation-Konnotation3. Übersetzung soziologisch: Kultur und IdeologieVII. Periodisierung1. Periodisierung als soziosemiotisches Problem2. Drei Beispiele: Klassik, Romantik, Realismus3. Moderne / PostmoderneVIII. Vergleichende Gattungsgeschichte: Der Roman1. Roman und Subjektivität2. Der existenzialistische Roman: Krleža, Sartre, Moravia, Camus3. Künstlerroman und Bildungsroman: Von der romantischen Utopie zur postmodernen ParodieIX. Thematologie und Mythenforschung1. Versuch einer Begriffsbestimmung: „Stoff“, „Thema“, „Motiv“, „Mythos“2. Literarische Themen und Motive im komparatistischen Kontext(a) Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht in der Romantik: Novalis und Lamartine(b) „Wasser“ als Thema: Von Baroja zu Thomas Manns „Tod in Venedig“(c) Die Musik als Thema bei Proust, Sartre und Thomas Bernhard3. Komparatistische Mythenforschung(a) Metamorphose: Von Ovid zu Virginia Woolf, Kafka und Ransmayr(b) Androgynie: Von Plato zu Virginia Woolf und Robert Musil(c) Narziss: Ovid, Valéry, Brecht4. Mythos, Ideologie, Theorie: SchlussbetrachtungX. Ähnlichkeit und Differenz in der Komparatistik. Der Vergleich als Begriffsbestimmung1. Typologischer und genetischer Vergleich: Die literarische Moderne (Modernismus) als Ambivalenz2. Kontrastiver Vergleich als Konstruktion: Die Avantgarde als Sprachrevolte3. Literaturwissenschaft – Critique littéraire – Literary criticism: Literaturtheorie4. Diskurs – Discourse – Discours: Eine Doppeldefinition als Rede und Gespräch5. Die theoretische Bedeutung des Vergleichs und der KomparatistikBibliografieI. EinführungenII. SammelbändeIII. Theoretische GrundlagenstudienIV. Vergleichende Periodisierung und LiteraturgeschichteV. Vergleichende Text- und GattungsanalysenVI. Vergleichende RezeptionsforschungVII. Literarische ÜbersetzungVIII. Thematologie und MythenforschungNamenregister

Vorwort zur dritten Auflage

Eine dritte Auflage spricht nicht nur für das sich behauptende Buch, sondern auch für das Fach literarische Komparatistik, das zusammen mit anderen vergleichenden Wissenschaften (Vergleichende Sprachwissenschaft, Vergleichende Soziologie, Vergleichende Politikwissenschaft usw.) für die Theoriebildung auf interkultureller Ebene unverzichtbar ist. Dies ist der Grund, warum auch das neue, zehnte Kapitel, das die dritte Auflage vervollständigt, nach dem Theoriepotenzial der Komparatistik fragt: „Ähnlichkeit und Differenz in der Komparatistik. Der Vergleich als Begriffsbestimmung“.

Es ergänzt und konkretisiert die restlichen Kapitel des Buches, in denen es darum geht, die Vergleichende Literaturwissenschaft soziologisch und semiotisch zu fundieren. Begriffe wie sozio-linguistische Situation, Soziolekt (Gruppensprache), Diskurs und Intertextualität sollen den Brückenschlag vom literarischen Text zu verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten ermöglichen.

So werden beispielsweise die Konversationsdramen Hugo von HofmannsthalsHofmannsthal, H. von und Oscar WildesWilde, O. am ehesten im sozialen Kontext verstanden, wenn sie mit der mondänen Konversation der Londoner und WienerWiener, O.Mußeklasse (leisure class, VeblenVeblen, T.) um 1900 verknüpft werden. (Vgl. Kap. III.) NietzschesNietzsche, F. Einfluss in den Werken Albert CamusCamus, A.’ und Pío BarojasBaroja, P. kann konkreter dargestellt werden, wenn er im Zusammenhang mit den sprachlichen Situationen Frankreichs und Spaniens erläutert und zugleich auf die Erzählstrukturen von Albert Camus’ L’Etranger und Pío Barojas Camino de perfección bezogen wird. Auch für die Komparatistik ist es wichtig, dass literarischer Text und kultureller Kontext über die Sprache miteinander vermittelt werden. Besonders deutlich zeigt sich das bei der literarischen Übersetzung, die von Epoche zu Epoche, von Kultur zu Kultur und von Sprache zu Sprache verschiedenen stilistischen und ästhetischen Normen gehorcht. Diese sind stets auch soziale Normen. (Vgl. Kap. VI.)

Wie sehr Sprache und Sprachkritik soziale Fakten sind, lässt das neue Kapitel erkennen, in dem die europäische Avantgarde als „Sprachrevolte“ definiert wird: als radikale Sprachkritik an Realismus, Klassik und Romantik. Diese Kritik geht jedoch aus grundverschiedenen sozialen und politischen Kontexten hervor, und es ist die Aufgabe der Komparatistik, Begriffe interkulturell zu bestimmen, indem sie Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten auf Abweichungen und Differenzen bezieht.

Dies gilt auch für theoretische Begriffe wie Literaturwissenschaft, Literaturkritik, critique littéraire und literary criticism. (Vgl. Kap. X.) Diese Begriffe überschneiden sich und haben einen gemeinsamen Kern. Sie weichen aber auch voneinander ab, und diese Abweichungen hängen von Traditionen, Institutionen und kulturellen Normen ab. Der literarischen Komparatistik fällt die Aufgabe zu, diese zu reflektieren und dadurch zur Selbstreflexion der Literaturwissenschaft als ganzer beizutragen.

Vorwort zur ersten und zweiten Auflage

Die Vergleichende Literaturwissenschaft, die in den Anfangsphasen ihrer Entwicklung sowohl in Europa als auch in Nordamerika durchaus theoretische Ambitionen hatte und den Anschluss an die sozialwissenschaftliche oder naturwissenschaftliche Diskussion suchte, hat in den vergangenen Jahrzehnten auf ihren theoretischen Anspruch verzichtet. Um dieses theoretische Defizit auszugleichen, wird hier – vor allem im I., II. und X. Kapitel – versucht, die Wissenschaftsgeschichte der literarischen Komparatistik im interdisziplinären Zusammenhang kritisch zu rekonstruieren und eine Brücke zur Soziologie, Semiotik und Wissenschaftstheorie zu schlagen.

Denn wesentliche Fragen, die die institutionelle und theoretische Funktion der Komparatistik betreffen, standen in der Vergangenheit selten oder nie im Mittelpunkt der Debatte:

Wie wirken sich Sprache und Nationalkultur auf die theoretischen Diskurse der literarischen Komparatistik aus?

Kann eine Vergleichende Literaturwissenschaft, die ihre eigene kulturelle und sprachliche Bedingtheit reflektiert, d. h. selbstkritisch über ihre eigene Entstehung und Stellung innerhalb einer Nationalkultur und zwischen den Kulturen nachdenkt, einen Beitrag zur theoretischen Reflexion im Bereich der Kultur- und Sozialwissenschaften leisten? Kann sie dazu beitragen, dass die kulturelle und sprachliche Bedingtheit nicht nur der Literaturen, sondern auch der literaturwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Theorien – etwa der Periodisierungssysteme – erkannt wird?

Kann sie auf diese Art die Ideologiekritik konkretisieren und weiter entwickeln, indem sie den kulturspezifischen Charakter bestimmter (z. B. existenzialistischer oder futuristischer) Ideologien erkennen lässt?

Entscheidend ist schließlich die Frage nach der Anschließbarkeit der Komparatistik an die Allgemeine Literaturwissenschaft und die vergleichenden Sozialwissenschaften: Wie kann die literaturwissenschaftliche Methodendiskussion der 70er, 80er und 90er Jahre des 20. Jahrhunderts für das Fach fruchtbar gemacht werden, und welche sozialwissenschaftlichen Ansätze aus der Semiotik, der Soziologie, der Anthropologie und der Sozialpsychologie können für eine neue Fundierung dieser Disziplin herangezogen werden?

Die vorliegende Einführung befasst sich zwar – im I., II. und VII. Kapitel – mit den ersten drei Fragen, ist jedoch vor allem als eine Antwort auf die vierte Frage zu lesen: Es geht primär darum, eine soziosemiotische oder textsoziologische Komparatistik zu entwerfen, die sich an der Kritischen Theorie (AdornosAdorno, Th. W., HorkheimersHorkheimer, M.) sowie an BachtinsBachtin, M. M. Dialogbegriff orientiert (Kap. II) und ihren Standort innerhalb der Problematik der Spätmoderne selbstkritisch reflektiert (Kap. VII).

Dieser Versuch, die literarische Komparatistik sozialwissenschaftlich zu fundieren und auf eine besondere gesellschaftskritische Position auszurichten, ist keineswegs als Einengung zu werten, sondern als Aufforderung zum theoretischen Dialog. Dieser ist nur dann möglich, wenn jeder Diskussionsteilnehmer seinen Standpunkt klar bezeichnet und die Partikularität oder Kontingenz seines Diskurses erkennt und mitteilt. Erheblich erschwert wird der Dialog durch Versuche, „objektive“ oder „wertfreie“ Darstellungen vorzulegen, die beim Publikum immer dann ein Gefühl des Unbehagens auslösen, wenn klar wird, dass alle Zusammenhänge subjektiv konstruiert sind und das Aussagsubjekt weit davon entfernt ist, die „Wirklichkeit“ als solche, als „Ding an sich“ erscheinen zu lassen.

Im Gegensatz zu diesem stets irreführenden Objektivismus, der den semiotischen (PrietoPrieto, L. J., PêcheuxPêcheux, M.) und den konstruktivistischen (MaturanaMaturana, H., GlasersfeldGlasersfeld, E. von) Argumenten nicht mehr standhält, wird hier dezidiert ein Ansatz vertreten, dessen hypothetischer und partikularer Charakter vorab feststeht. Das Einbekennen der eigenen Partikularität hat jedoch nichts mit einem dezisionistischen anything goes zu tun, sondern soll in der Komparatistik einen theoretischen Dialog ermöglichen, der bisher nicht stattgefunden hat. Die Erkenntnis, dass der literarische Vergleich auch anders als kritisch-theoretisch und soziosemiotisch aufzufassen ist, sollte zu Gegenentwürfen anregen: etwa in kultursemiotischer (LotmanLotman, J.) oder systemtheoretischer (LuhmannLuhmann, N.) Perspektive.

Solche Gegenentwürfe sind jedoch nur möglich, wenn – wie in diesem Buch – konkrete theoretische und methodologische Vorschläge zur Standorts- und Gegenstandsbestimmung der Komparatistik gemacht werden, die eine komparatistische Methodendiskussion in Gang setzen.

Trotz dieser theoretischen Anliegen ist das vorliegende Buch nicht nur als Beitrag zur Methodendiskussion zu lesen, sondern auch als vergleichende Studie über die Moderne. Obwohl vor allem im I., VII., VIII. und IX. Kapitel historische Perspektiven keineswegs fehlen, geht es immer wieder darum, einzelne Werke und Rezeptionsprozesse der Spät- und Postmoderne auf textsoziologischer Ebene zu vergleichen.

Diese globale Ausrichtung auf spätmoderne (modernistische) und postmoderne Literatur hat zwar den Nachteil, dass die historische Mannigfaltigkeit des Textkorpus geschmälert wird; sie hat zugleich jedoch den Vorteil, dass auf komparatistischer Ebene eine Neubestimmung von Spätmoderne und Postmoderne ins Auge gefasst werden kann, die Modellanalysen (Kap. III, IV, V) mit allgemeinen Überlegungen (Kap. VII, VIII) verknüpft.

Die drei letzten Kapitel, die in der ersten Auflage fehlen (die Gattungsgeschichte wird dort im VII. Kapitel im Zusammenhang mit der Periodisierung behandelt), sind ein Versuch, die vergleichende Literaturgeschichte im gattungsgeschichtlichen und thematologischen Bereich zu konkretisieren. Es soll gezeigt werden, dass Analysen literarischer Gattungen, etwa des existenzialistischen Romans und des Künstler- und Bildungsromans, zur konkreteren Bestimmung einer Periode wie der Spätmoderne (des Modernismus) beitragen können.

Dies gilt auch für die Thematologie und die Mythenforschung: Die Beschreibung des Bedeutungs- und Funktionswandels von Themen, Motiven und Mythen kann wesentlich zur Konkretisierung von Periodenbegriffen wie „Romantik“, „Modernismus“ oder „Postmoderne“ beitragen. Im vorletzten Kapitel wird deutlich, welche Bedeutung das Thema „Musik“ für eine nähere Bestimmung des Künstlerromans zwischen Modernismus und Postmoderne haben kann.

Insgesamt wird hier eine zugleich soziologische und semiotische Komparatistik ins Auge gefasst, deren Themen und Probleme einander ergänzen und aus theoretischer Sicht ein sinnvolles Ganzes ergeben. Dieses kommt nicht dadurch zustande, dass alle denkbaren Bereiche der Komparatistik erfasst werden, sondern dadurch, dass die einzelnen Kapitel theoretisch und terminologisch ineinandergreifen.

Wer sich Terminologie und Methode anhand von konkreten Fallstudien angeeignet hat, der kann hoffen, sie auf andere Bereiche der Vergleichenden Literaturwissenschaft (regionale Interkulturalität, Migrantenliteratur, Reiseliteratur, Kinder- und Jugendliteratur) anzuwenden.

Da der stetig wachsende Objektbereich der literarischen Komparatistik auszuufern droht, wird hier für einen Ansatz plädiert, in dem die Literatur und ihre interkulturelle Entwicklung zentral ist. Eine zeitgemäße literarische Komparatistik wird stets bereit sein, mit angrenzenden Disziplinen wie der Kunstgeschichte, der Kultursoziologie oder der Medienwissenschaft zu interagieren; sie wird aber in keiner dieser Disziplinen aufgehen.

Einleitung

Die Lage der Komparatistik oder Vergleichenden Literaturwissenschaft sollte im Zusammenhang mit dem Prinzip der wissenschaftlichen Arbeitsteilung betrachtet werden, die ein Aspekt der fortschreitenden gesellschaftlichen Arbeitsteilung ist. Denn der literarische Vergleich, der Texte aus verschiedenen Sprachbereichen und Kulturen zum Gegenstand hat, wird häufig – und nicht zu Unrecht – als eine Reaktion auf die nationalphilologische Einengung des literarischen Lebens auf eine Sprache oder Kultur legitimiert. Schon die Begründer der europäischen und nordamerikanischen Komparatistik gingen von der These aus, dass Literatur konkret nur im internationalen, d. h. interkulturellen Kontext zu verstehen sei. (Vgl. Kap. I.)

Von den Nationalphilologen – Anglisten, Germanisten, Romanisten und Slawisten – wird diese These nicht grundsätzlich in Frage gestellt, zumal einige von ihnen (vor allem die Romanisten und Slawisten) es immer wieder mit verschiedenen Sprachen und Kulturen zu tun haben. Das Spannungsverhältnis zwischen Komparatisten und Nationalphilologen geht eher aus dem arbeitsteiligen Prinzip hervor, das eine Spezialisierung des Wissenschaftlers auf die französische Klassik, die deutsche Romantik oder das spanische Siglo de oro zu fordern scheint, während der Komparatist gerade diese Spezialisierung überwinden möchte, weil er weiß, dass die französische Tragödie ohne die griechisch-römische Mythologie nicht zu verstehen ist und dass die deutsche Romantik nur im europäischen Kontext klare Konturen annimmt.

Doch nicht nur dieser Kontext gehört zu ihrer Gegenstandsbestimmung, sondern auch die Symbiose zwischen Literatur und bildenden Künsten, die auf besonders prägnante Art in André BretonsBreton, A. Textexperiment Nadja (1928) zum Ausdruck kommt. Deutlich tritt hier das theoretische und methodologische Dilemma der Komparatistik in Erscheinung: Sie will in allen Fällen über den nationalen Rahmen hinausgehen und strebt den internationalen, den interkulturellen Vergleich an; sie möchte in manchen Fällen die Grenzen des literarischen Bereichs durchbrechen und andere Kunstformen wie Musik, Malerei oder Film einbeziehen.1 Sie kann jedoch nicht das Erbe der philosophischen Ästhetik antreten, deren spekulativer Diskurs über „die Kunst“ sie in den Augen vieler Musikwissenschaftler, Kunstsoziologen und Filmsemiotiker diskreditiert hat. – Die Frage ist daher, ob Komparatistik in arbeitsteiliger Zeit überhaupt möglich sei.

1.Komparatistik und Ästhetik

Leider ist es bisher versäumt worden, die Problematik der Komparatistik, die sich manche Vertreter dieses Fachs als eine vergleichende Wissenschaft der Künste vorstellen, mit den Problemen der philosophischen Ästhetik zu vergleichen, die ebenfalls alle Kunstformen zum Gegenstand hatte. Als Apotheose dieser Ästhetik gelten nicht zu Unrecht Georg Wilhelm Friedrich HegelsHegel, G. W. F. (1770–1831) Vorlesungen (1832–1845), in denen nicht nur alle in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannten Kunstformen, sondern auch alle Epochen der Kunstentwicklung von der frühen Antike bis zur Neuzeit ausführlich kommentiert werden.

Nicht nur HegelsHegel, G. W. F. großangelegtes System, das sich mit Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Recht, Religion und Kunst auseinandersetzte, ist bei den Junghegelianern (RugeRuge, A., FeuerbachFeuerbach, L., StirnerStirner, M., MarxMarx, K.) zerfallen, sondern auch die systematische Ästhetik, die noch der Junghegelianer Friedrich Theodor VischerVischer, F. Th. (1807–1887) zu erneuern suchte, fiel der wissenschaftlichen Arbeitsteilung zum Opfer.1 Denn als Bestandteil der Philosophie hatte Ästhetik an deren Peripetien und Widersprüchen teil. Zu den letzteren gehört das Dilemma, dass sich einzelne Philosophen zwar für sprachtheoretische, ästhetische, politische und wirtschaftliche Probleme interessieren, dass sie gegenwärtig aber nicht mehr in der Lage sind, diese Probleme in einem einzigen Gedankengebäude zu bewältigen, weil die rasche Entfaltung der Fachwissenschaften (Soziologie, Linguistik, Psychologie) die Kompetenz des Philosophen relativiert, in Frage stellt.

Angesichts dieser Konkurrenz hat die moderne Philosophie verschiedene Optionen, die sie in der jüngsten Vergangenheit auch wahrgenommen hat: Sie kann den gesamten sozialwissenschaftlichen Bereich den vorrückenden Fachwissenschaften überlassen und sich archaisierend in jene ontologische Enklave zurückziehen, die ihr Martin HeideggerHeidegger, M. (1889–1976) in seinem Hauptwerk Sein und Zeit (1927) zuweist: „Die existenziale Analytik des Daseins liegt vor jeder Psychologie, Anthropologie und erst recht Biologie (…). Die Abgrenzungen der existenzialen Analytik gegen Anthropologie, Psychologie und Biologie beziehen sich nur auf die grundsätzlich ontologische Frage.“2

Diese Frage, deren dominierende Stellung bei HeideggerHeidegger, M. die Philosophie auf eine Seinsphilosophie oder Ontologie reduziert, trennt sie zugleich von den Natur- und Sozialwissenschaften: Während diese die Beziehungen zwischen Dingen und Lebewesen untersuchen, befasst sich Seinsphilosophie oder Ontologie mit dem Sein als solchem, mit den allgemeinen Seinsdeutungen. In ihrem Kontext ist Heideggers Kunst- und Literaturbetrachtung als Ontologie des Kunstwerks, als Lehre von dessen Wesen und Seinsgrund zu verstehen: „Wir fragen nach dem Wesen der Kunst.“3

Im Gegensatz zu HeideggerHeidegger, M., der es auf einen Bruch zwischen Philosophie und Wissenschaft ankommen ließ, haben kritische Rationalisten wie Karl R. PopperPopper, K. R. und andere Erben des WienerWiener, O. Kreises4 eine Verwandlung der Philosophie in Wissenschaftstheorie in die Wege geleitet: Ihnen wird Philosophie zu einer ancilla scientiae, die versucht, wissenschaftliche Entwicklungen nachzuvollziehen und zu erklären. Dabei gibt sie jedoch den Anspruch auf, den sowohl der Positivist ComteComte, A. als auch der Dialektiker MarxMarx, K. erhob, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die auch die wissenschaftliche Entwicklung mitbedingen, kritisch zu reflektieren. Dieser Mangel wird vor allem bei Popper sichtbar, der fast ausschließlich die immanente Entwicklung der Naturwissenschaften verfolgt, ohne nach deren Rationalität und nach den Folgen ihrer Rationalisierungsprozesse für die Gesellschaft zu fragen.

Im Gegenzug zum Kritischen Rationalismus und zu HeideggersHeidegger, M. Seinsphilosophie beziehen Vertreter der Kritischen Theorie (Theodor W. AdornoAdorno, Th. W., Max HorkheimerHorkheimer, M.) eine ambivalente und zugleich paradoxe Position: Es geht darum, dem totalisierenden Systemdenken à la HegelHegel, G. W. F. abzusagen, ohne dabei den Anspruch, die Gesamtheit der gesellschaftlichen Erscheinungen und Prozesse konkret zu erfassen und zu kritisieren, aufzugeben: „Philosophie, die sich noch als total, als System aufwürfe, würde zum Wahnsystem. Gibt sie jedoch den Anspruch der Totalität auf, beansprucht sie nicht länger mehr, aus sich heraus das Ganze zu entfalten, das die Wahrheit sein soll, so gerät sie in Konflikt mit ihrer gesamten Überlieferung.“5

Der Lösungsvorschlag der Kritischen Theorie, der auch in diesem Buch durchgehend beherzigt wird, ist der Versuch, sozialwissenschaftliche Methodendiskussion und philosophische Reflexion aufeinander zu beziehen und die Entwicklung der Sozialwissenschaften kritisch zu hinterfragen. Für die Literaturwissenschaft bedeutet dies konkret, dass ihre soziologischen, semiotischen oder psychologischen Methoden und Terminologien im Zusammenhang mit ihren philosophisch-ästhetischen Grundlagen kritisch zu reflektieren sind.6 Komplementär dazu stellt sich für die Komparatistik die Frage nach ihrer eigenen wissenschaftstheoretischen und wissenschaftskritischen Bedeutung. (Vgl. Kap. I, II und X.)

Das kritisch-theoretische Vorhaben, philosophisch-ästhetische Reflexion und sozialwissenschaftliches Methodenbewusstsein miteinander zu verknüpfen, ist, wie Jürgen HabermasHabermas, J. und Helmut DubielDubiel, H. richtig bemerkt haben7, am ehesten noch in den frühen Phasen der Kritischen Theorie verwirklicht worden (1923–1947). Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich vor allem bei AdornoAdorno, Th. W. ein philosophischer Diskurs durch, der in der Negativen Dialektik (1966) und in der postum veröffentlichten Ästhetischen Theorie (1970) die sozialwissenschaftliche Methodologie und Terminologie preisgab. Wie schon Adornos Philosophie der neuen Musik (1958) ist seine Ästhetische Theorie ein philosophischer Kommentar, der seinen gesellschaftskritischen Auftrag zwar ernst nimmt, auf spezifisch soziologische oder semiotische Probleme jedoch kaum eingeht.

Im Gegensatz zur Ästhetik AdornosAdorno, Th. W., die durchaus Erkenntnisse der Musikwissenschaft und der Kunstsoziologie verarbeitet, versucht Max BenseBense, M., seine semiotische Ästhetik als Fachwissenschaft zu konzipieren. Seine Reaktion auf den Prozess der Arbeitsteilung zeigt, dass eine rein philosophische Ästhetik angesichts fortschreitender wissenschaftlicher Spezialisierung unglaubwürdig wird: „Wir haben also nicht nur eine moderne Kunst, sondern auch eine moderne Ästhetik, und der Ausdruck ‚modern‘ soll bedeuten, daß es sich um eine fachwissenschaftliche, nicht nur philosophisch fundierte Ästhetik handelt, daß sie ein methodisch zugängliches, offenes Forschungsgebiet bezeichnet, darin rationale und empirische Verfahren der Untersuchung gegenüber spekulativen und metaphysischen Interpretationen vorgezogen werden.“8

Nicht zu überhören ist in dieser Passage die unterschwellige Kritik an den „metaphysischen“ Ästhetiken HegelsHegel, G. W. F. sowie des Marxisten und Hegel-Schülers Georg LukácsLukács, G. (1885–1971). Im Gegensatz zu ihnen möchte BenseBense, M. eine zugleich semiotische und mathematische Ästhetik entwerfen, deren Theoreme quantifizierbar und empirisch überprüfbar sind. Benses Hauptproblem scheint darin zu bestehen, dass er es versäumt, seine eigenen theoretischen und methodologischen Entscheidungen philosophisch-kritisch zu reflektieren, etwa wenn er die amerikanische Semiotik des Peirceschen Typs als „natürliche“ Grundlage seines eigenen Ansatzes betrachtet.9 Unreflektiert bleiben in solchen Fällen die philosophischen und ideologischen Aspekte und Folgen dieser Vorentscheidung, die konkurrierende semiotische Theorien vorab ausschließt.

Angesichts solcher Einseitigkeiten und Kurz-Schlüsse im ästhetischen Bereich sollte sich die Komparatistik auf das Programm der frühen Kritischen Theorie besinnen und versuchen, sozialwissenschaftliche Methodologie mit philosophischer Reflexion zu kombinieren. Schon aus diesem Grunde wird sie nicht nur bestrebt sein, die Methodendiskussion der Allgemeinen Literaturwissenschaft für den literarischen Vergleich fruchtbar zu machen, sondern auch die Bedeutung des Vergleichs für die literaturwissenschaftliche und wissenschaftstheoretische Diskussion zu erkennen, in der die literarische Komparatistik einiges von den anderen Komparatistiken (etwa der Vergleichenden Sprachwissenschaft) lernen kann. (Vgl. Kap. X.).

2.Vergleichende und Allgemeine Literaturwissenschaft

Einerseits ist klar, dass der Komparatist es immer wieder mit Gegenständen zu tun haben wird, die über den literarischen Bereich hinausgehen, da Literatur und Musik, Literatur und Film oder Malerei sehr eng miteinander verwoben sind, wie die multimedialen Experimente der Avantgarden zeigen1; andererseits muss jedoch deutlich werden, dass die Komparatistik angesichts fortschreitender wissenschaftlicher Arbeitsteilung nicht das Erbe der philosophischen Ästhetik antreten und zu einer vergleichenden Theorie der Künste werden kann. Sie ist primär vergleichende Literaturwissenschaft und hat es daher mit dem verbalen Text zu tun. Als Texttheorie ist sie in die Allgemeine Literaturwissenschaft eingebettet, die sich mit dem fiktionalen Text und dessen verschiedenen Kontexten befasst.

Sie hat in dem hier entworfenen Zusammenhang nichts mit Paul Van TieghemsVan Tieghem, Ph.littérature générale (siehe Kap. I) gemein, die im Gegensatz zur littérature comparée definiert wird: Während die littérature comparée den binären Vergleich zum Gegen­stand hat (ShakespeareShakespeare, W. und GoetheGoethe, J. W. von, DostoevskijDostoevskij, F. und NietzscheNietzsche, F.), umfasst die littérature générale mehrere Literaturen oder ganze literarische Strömungen wie „europäische Klassik“, „europäische Romantik“ usw.

Wie andere Komparatisten war Van TieghemVan Tieghem, Ph. allzu sehr auf den Gegenstand seines Fachs fixiert und verlor dabei den vitalen Nexus von Gegenstand, Theorie und Methode aus den Augen: d. h. die Frage, wie ein bestimmter Gegenstand im Rahmen einer Theorie mit Hilfe einer Methode konstituiert und untersucht wird. Nicht die Frage ist entscheidend, ob die Vergleichende Literaturwissenschaft zwei oder mehrere Literaturen, ganze literarische Strömungen oder auch nichtverbale Texte (Malerei, Film) untersucht, sondern die Frage, mit welchem theoretischen und methodischen Instrumentarium sie an ihre Probleme herangeht. Dabei versteht es sich von selbst, dass Objektbereich und Problematik die Wahl des Instrumentariums mitbestimmten: Wer ViscontisVisconti, L. Verfilmung von Albert CamusCamus, A.’ L’Etranger kommentiert, wird u. U. versuchen, eine bestimmte Textsemiotik (Narrativik) durch filmsemiotische Ansätze2 zu ergänzen.

Aus dieser Sicht kann die Allgemeine Literaturwissenschaft als das theoretische und methodologische Repertoire der Vergleichenden Literaturwissenschaft definiert werden. Im Rahmen und mit Hilfe der Allgemeinen Literaturwissenschaft kann der Komparatist entscheiden, mit welcher Theorie und Methode er seinen Objektbereich absteckt und untersucht. Dabei sollte er bedenken, dass jede theoretische und methodologische Vorentscheidung eine zugleich ideologische und ästhetische Entscheidung ist: Stelle ich mich auf den Standpunkt der Kritischen Theorie – wie es hier der Fall ist, – dann beziehe ich eine andere gesellschaftliche Position, als wenn ich die eher zum Kantianismus tendierenden Theorien der Prager Strukturalisten oder den marxistischen Strukturalismus eines Lucien GoldmannGoldmann, L. anwende. Das theoretische Repertoire der Allgemeinen Literaturwissenschaft erweist sich somit als ideologisch heterogener Bereich, der nicht rein instrumentell (was leistet diese Theorie?), sondern auch dialogisch-kritisch (welche Positionen und Interessen artikuliert diese Theorie und mit welchen Folgen?) betrachtet werden sollte.3

Im Mittelpunkt steht allerdings die Frage, wie literatursoziologische, literaturpsychologische, semiotische und textlinguistische Theorien und Methoden den literarischen Vergleich konkretisieren und nuancieren können. In diesem Zusammenhang erscheint beispielsweise die Kultur- und Textsemiotik eines Jurij LotmanLotman, J. als besonders fruchtbar, weil sie u. a. zeigt, dass in verschiedenen Kulturen nicht nur verschiedene Literaturbegriffe, sondern auch verschiedene Textbegriffe dominieren. Während in einem bestimmten Kulturtyp nur mündlich vorgetragene Texte die Funktion von Texten erfüllen, werden in einem anderen Kulturtyp nur geschriebene Texte als solche erkannt und anerkannt: „Die Äußerungen ‚Er ist ein wirklicher Dichter, man druckt ihn‘ und ‚Er ist ein wirklicher Dichter, man druckt ihn nicht‘ sind in gleicher Weise möglich.“4

Diese Beobachtung wird an anderer Stelle zugleich erweitert und konkretisiert, wenn LotmanLotman, J. bemerkt: „So stellt in einer Reihe antiker und mittelalterlicher Kulturen die religiöse Weihe eine Weihe zum schriftlichen Text dar (wie die Erlaubnis, den entsprechenden Text zu lesen), z. B. im lamaistischen Buddhismus; in noch älteren Kulturen aber fungiert die Weihe als mündliche Mitteilung des Sinns der Schrift, so in den Upanischaden.“5

LotmansLotman, J. Ausführungen zeigen dreierlei: erstens, dass nicht der Gegenstand des Vergleichs entscheidend ist, sondern der theoretische Kontext, in dem ein Vergleich angestellt wird, und zweitens, dass jede Textwissenschaft – also auch die literarische Komparatistik – in den Sozialwissenschaften verwurzelt ist: in der Kultursemiotik, der Anthropologie und der Soziologie. Er lässt – drittens – erkennen, wie sehr Vergleichende Literaturwissenschaft und Vergleichende Religionswissenschaft aufeinander angewiesen sind, weil sich die Religionswissenschaft mit den heiligen Texten verschiedener Kulturen befasst, aus denen die weltlichen Texte der Nationalliteraturen teilweise hervorgehen.6

LotmansLotman, J. Überlegungen betreffen unmittelbar den Objektbereich der Komparatistik, die bei manchen ihrer amerikanischen Vertreter als „Vergleichende Wissenschaft der Künste“7, und bei René EtiembleEtiemble, R. gar als Theorie der „Weltliteratur“ erscheint.8 Etiemble, der meint, dass die „echte“ Komparatistik die Literaturen der gesamten Menschheit zum Gegenstand hat, übersieht, dass die von GoetheGoethe, J. W. von in humanistischer Absicht geprägte Bezeichnung „Weltliteratur“ ein ideologischer Ausdruck mit geringer theoretischer Tragweite ist, weil er keinen konkreten Gegenstand bezeichnet. Konkreter scheint in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Kulturtyp (Lotman) und den Auswirkungen der Globalisierung auf die literarische Evolution in bestimmten Kulturen zu sein.9

Wie schon Van TieghemVan Tieghem, Ph. ist EtiembleEtiemble, R. auf den dehnbaren Objektbereich der Komparatistik fixiert und vernachlässigt ihre theoretisch-methodologische Problematik. Selbstverständlich hat er recht, wenn er vom Komparatisten fordert, er solle über den europäischen Kulturkreis hinausgehen; er übersieht jedoch, dass dies nur im Rahmen einer theoretisch fundierten Gegenstandsbestimmung gelingen kann. Die „Weltliteratur“ als ganze oder „der Roman und das Epos in der Weltliteratur“ können nicht zum Objekt einer wissenschaftlichen Untersuchung werden; sehr wohl aber „der französische (europäische) und japanische Text- und Literaturbegriff in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts“.

LotmansLotman, J. Ausführungen deuten an, dass dieses Thema mit Hilfe einer anthropologisch und soziologisch ergänzten Kultursemiotik zu behandeln ist. Seine Analysen verschiedener (mündlicher, schriftlicher) Kulturtypen münden in die Frage nach dem Verhältnis von Komparatistik und Sozialwissenschaften.

3.Komparatistik und Vergleichende Wissenschaften

Die von LotmanLotman, J. aufgeworfene Frage nach der gesellschaftlichen Funktion des geschriebenen Wortes weist über die Grenzen der Vergleichenden Literaturwissenschaft hinaus, da sie Probleme des gesellschaftlichen Systems, der Institutionalisierung von Textsorten und der sozialen Kommunikation berührt. Sie lässt die enge Bindung der Literaturwissenschaft an die Sozialwissenschaften erkennen, ohne die in den 60er und 70er Jahren eine literaturwissenschaftliche Methodendiskussion gar nicht hätte stattfinden können. Fächer wie Literatursoziologie, Anthropologie oder Semiotik der Literatur gehören allesamt in den Bereich der Sozialwissenschaften, ohne die sie sich nicht hätten entfalten können. Eines der besten Beispiele ist Jurij Lotmans literatursemiotischer Ansatz, der als Synthese von anthropologischen und linguistischen Terminologien und Theoremen zustande kam.1

Die Komparatistik ist jedoch nicht nur als Literaturwissenschaft mit den Sozial- und Kulturwissenschaften verflochten, sondern auch als Theorie des literarischen Vergleichs: Als solche ist sie mit der Vergleichenden Erziehungswissenschaft, der Vergleichenden Sprachwissenschaft, der Kontrastiven Linguistik, der Vergleichenden Soziologie und Politologie sowie mit der Vergleichenden Verfassungslehre verwandt.

Besonders deutlich tritt diese Verwandtschaft im Zusammenhang mit der Vergleichenden Erziehungswissenschaft in Erscheinung, die sowohl die Rolle des Literaturunterrichts als auch die des Sprachunterrichts in den verschiedenen nationalen Erziehungssystemen untersucht.2 Der Literaturunterricht nimmt deshalb eine Schlüsselstellung im Erziehungssystem ein, weil literarische Texte (ähnlich wie Zeitungen, Zeitschriften und Filme) bestimmte Vorstellungen von fremden Völkern und Kulturen vermitteln, die sich unmittelbar auf die Erziehung von Kindern und Jugendlichen auswirken.

Schon aus diesem Grunde sind Komparatistik und Vergleichende Erziehungswissenschaft aufeinander angewiesen, zumal der Komparatist als Imagologe oder Image-Forscher3 nicht nur erfahren möchte, wie fremde Kulturen in einer bestimmten Literatur dargestellt werden, sondern auch der Frage nachgeht, wie die Literatur im Rahmen bestimmter Institutionen (Schule, Hochschule) auf das Kollektivbewusstsein einwirkt.

Auf methodologischer Ebene wird klar, dass Komparatistik und Vergleichende Politikwissenschaft4 sich ähnliche Ziele setzen, wenn es beispielsweise gilt, kontrastiv vorzugehen, um zu erfahren, wie sich das Fehlen einer geschriebenen Verfassung auf das britische politische System auswirkt und – analog dazu – welche Folgen die Abwesenheit einer avantgardistischen Bewegung (des Futurismus, des Surrealismus) in der niederländischen literarischen Entwicklung zeitigt: Hat die britische Öffentlichkeit andere Vorstellungen vom verfassungsmäßigen Handeln als die französische, die eine geschriebene Verfassung gewohnt ist? – Stößt ein experimenteller Autor wie J. F. VogelaarVogelaar, J. F. mit seinem avantgardistischen Roman Vijand gevraagd (1967) beim niederländischen Publikum auf Unverständnis, weil dieses Publikum im Gegensatz zum französischen, belgischen und italienischen bisher nicht mit einer nennenswerten literarischen Avantgarde konfrontiert wurde?

Solche Fragen, die der Komparatistik und der Vergleichenden Politikwissenschaft gemeinsam sind, lassen nicht nur eine gemeinsame Problematik (und die Bedeutung des kontrastiven Vergleichs) erkennen, sondern zeigen auch, dass beide Disziplinen auf die Soziologie angewiesen sind: Um die Einstellung bestimmter britischer und französischer Gruppen zur Verfassung und zum verfassungsmäßigen Handeln untersuchen zu können, muss ich mich bestimmter Methoden der empirischen Soziologie bedienen; diese Methoden werden auch von der Leser- oder Rezeptionssoziologie angewandt, wenn es gilt, die Reaktionen des niederländischen Publikums auf Experimente der Avantgarde mit denen des belgischen oder französischen Publikums zu vergleichen.5

Schließlich sind literarische Komparatistik und Politikwissenschaft auch auf die Semiotik angewiesen, denn beide Fächer werden mit den sprachlichen Problemen des Bezeichnens, des Definierens und des Klassifizierens konfrontiert: Sind Schweizer, waren Jugoslawen eine Nation? Gibt es eine schweizerische, belgische Kultur? Oder kann in der Schweiz6 nur von einem deutschen, französischen, italienischen und rätoromanischen, in Belgien nur von einem flämischen, deutschen oder wallonischen Bereich die Rede sein? Gibt es oder gab es – wie manche Ideologen in den 1980er Jahren noch behaupteten – eine sowjetische Literatur und Kultur? – Wie wird definiert und klassifiziert? Und: Welches Aussagesubjekt definiert und klassifiziert – und mit welcher Absicht, von welcher ideologischen Warte aus?

In allen diesen Fragen gehen Probleme der Komparatistik, der Politikwissenschaft, der Soziologie und der Semiotik ineinander über, und ihr Verschmelzen zeigt, dass die Sozialwissenschaften, zu denen auch die Komparatistik als Kulturwissenschaft gehört, nicht auseinander zu dividieren sind.7

Es bleibt ein Verdienst der vielgeschmähten positivistischen Komparatistik Frankreichs, dass sie vor allem in den Anfangsphasen ihrer Entwicklung den Dialog mit den anderen Wissenschaften suchte. (Vgl. Kap. I.) Zu Recht wurde ihr Positivismus in der Vergangenheit beanstandet; er wird auch im ersten Kapitel dieses Buches als entscheidendes Manko dargestellt. Ihr Interesse für die wissenschaftliche Entwicklung soll hier jedoch in einem neuen Kontext aktualisiert werden: denn die traditionelle Komparatistik leidet nicht nur unter ihrem Positivismus, sondern auch an ihrer geistesgeschichtlichen Allergie gegen den sozialwissenschaftlichen Diskurs.

4.Komparatistik und Nationalphilologie

Im Anschluss an die zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen der Komparatistik und den Nationalphilologien, die, wie Hugo DyserinckDyserinck, H. gezeigt hat, im Deutschland der Jahrhundertwende auf einen Konflikt zwischen Komparatistik und Germanistik hinausliefen1, ist die Versuchung groß, die vergleichende gegen die nationale Literaturwissenschaft auszuspielen. Tatsächlich könnte nachgewiesen werden, dass z. B. Germanisten nicht im Bereich ihrer Nationalliteratur verharren können, weil sie vom Gegen­stand selbst gezwungen werden, den nationalen Rahmen zu sprengen und vergleichend vorzugehen: Es ist eine Binsenwahrheit der Mediävistik, dass es zumindest unbefriedigend ist, das Werk Wolfram von EschenbachsEschenbach, Wolfram von aus sich selbst deuten zu wollen, ohne den Einfluss des um etwa zwei Jahrzehnte älteren Chrestien de TroyesTroyes, Chrestien de zu berücksichtigen.2 Unbefriedigend, weil unvollständig ist auch eine Darstellung von Stefan GeorgesGeorge, S. Ästhetizismus, die Stéphane Mallarmés und Charles BaudelairesBaudelaire, Ch. nachhaltige Wirkung auf George und seinen Kreis unerwähnt lässt.

Insofern mag Ulrich Schulz-BuschhausSchulz-Buschhaus, U. recht behalten, wenn er von der „Unvermeidlichkeit der Komparatistik“ spricht: „Will sich die literarhistorische Erkenntnis nicht selbst schädigen, wird ihr Komparatistik doppelt unvermeidlich, weil sie (…) einerseits aus den Eigentümlichkeiten der einzelsprachlichen Literaturen das Gemeinsame gewinnt, andererseits die Eigentümlichkeit einer einzelsprachlichen Literatur nachprüfbar aber auch nur durch kontrastive Differenzierung aus dem Bestand des Gemeinsamen umreißen kann.“3 Mit anderen Worten: das Spezifische der deutschen oder niederländischen Literatur wird erst im kontrastiven Vergleich wahrnehmbar, und erst der Vergleich lässt den gemeinsamen Nenner der verschiedenen europäischen Romantiken, Symbolismen und Avantgarden zutage treten.

Wer seine Unvermeidlichkeit nachgewiesen hat, der sollte nicht zusätzlich Monopolansprüche erheben, sondern versuchen, sich dem Andersartigen gegenüber aufgeschlossen und versöhnlich zu zeigen: Die Daseinsberechtigung der Nationalphilologien soll hier nicht geleugnet, sondern lediglich komparatistisch konkretisiert werden. Denn wie es Erscheinungen und Ereignisse gibt, die nur im komparatistischen Rahmen zu verstehen sind, so gibt es auch Vorgänge, die primär im Kontext einer Nationalliteratur erklärt werden müssen.

Obwohl in CervantesCervantes, M. de’ Don Quijote zahlreiche antike Einflüsse nachgewiesen werden können, sollte sein Roman in erster Linie als eine parodistische Reaktion auf den spanischen Ritterroman gelesen werden, also im Rahmen der kastilisch-spanischen literarischen Evolution. Ähnlich verhält es sich bei der deutschen Sturm-und-Drang-Bewegung, die zwar durchaus als eine Aktualisierung ShakespearesShakespeare, W. und als polemische Reaktion auf den erstarrenden französischen Klassizismus zu deuten ist, in erster Linie jedoch im Gegensatz zur deutschen Aufklärung verstanden werden sollte.

Ein letztes Beispiel aus dem französischen Sprachbereich: Der Nouveau Roman (ButorsButor, M., Cl. SimonsSimon, Cl. und Robbe-GrilletsRobbe-Grillet, A.) hätte sich ohne die Experimente FaulknersFaulkner, W., KafkasKafka, F., JoycesJoyce, J. und BeckettsBeckett, S. wahrscheinlich nicht entwickeln können; die theoretischen Kommentare Alain Robbe-Grillets (Pour un nouveau roman, 1963) und Jean RicardousRicardou, J. (Pour une théorie du nouveau roman, 1971) zeigen indes mit aller Deutlichkeit, dass diese neue Romanform primär als kritisch-polemische Reaktion auf die Schreibweise der Existenzialisten SartreSartre, J.-P. und CamusCamus, A. und als Auseinandersetzung mit Marcel ProustProust, M. zu verstehen ist. Nationaler und internationaler Kontext greifen also ineinander und sollten nicht voneinander isoliert werden.

Dies ist der Grund, weshalb Komparatistik und Nationalphilologie einander in den Institutionen ergänzen und unterstützen sollten. Solange es nationale Gesellschaften gibt, die legitime Objekte (Objektkonstruktionen) der Wirtschaftswissenschaft, der Soziologie und der Politologie sind, weil sich z. B. die französischen politischen Institutionen in ihrer Eigengesetzlichkeit grundsätzlich von den deutschen unterscheiden (Unitarismus vs. Föderalismus), wird es auch vernünftig sein, Literatur aus nationaler (nicht nationalistischer) Sicht zu betrachten.4

Auch die literarischen Institutionen Frankreichs (z. B. die Académie française) unterscheiden sich von den deutschen, niederländischen oder englischen. Die nationalphilologische Ausrichtung erscheint also auch im sozialwissenschaftlichen Kontext sinnvoll; doch dieser Kontext lebt vom Vergleich, von der Analogie, vom Kontrast, und er wäre zur Unfruchtbarkeit verurteilt, wenn Wissenschaftler die in ihm angelegten Vergleichsmöglichkeiten nicht wahrnehmen würden.

5.Komparatistik als Kulturwissenschaft?

In neuester Zeit wird in regelmäßigen Abständen die Frage diskutiert, ob sich die Vergleichende Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft definieren oder ob sie gar in einer Vergleichenden Kulturwissenschaft aufgehen soll. Der Einfachheit und Eindeutigkeit halber soll die Antwort hier nicht auf sich warten lassen.

Nach dem, was bisher über die sozialwissenschaftliche und kultursemiotische Ausrichtung der literarischen Komparatistik gesagt wurde, kann der erste Teil der Frage nur bejaht werden. Obwohl „Kultur“ ein schillernder Begriff ist, ist dieser dem noch vieldeutigeren Wort „Geist“ (Geisteswissenschaft) vorzuziehen, denn die Bezeichnung „Kulturwissenschaft“ scheint sowohl die Ausrichtung als auch die Problematik der literarischen Komparatistik adäquat wiederzugeben. Die Vergleichende Literaturwissenschaft ist nur als Kulturwissenschaft zu verstehen, die den soziokulturellen Kontextder Literatur berücksichtigt.

Der zweite Teil der Frage kann nach dem bisher Gesagten nur verneint werden: Im Zeitalter fortschreitender Arbeitsteilung und Spezialisierung kann Vergleichende Literaturwissenschaft nicht zu einer „Kulturwissenschaft“ im Singular werden, die, wo sie eingerichtet wird, zu einem Konglomerat heterogener Entwürfe verkommt. Ebenso gut könnte sich die Komparatistik vornehmen, sich in Kunst- oder Kulturphilosophie zu verwandeln. Im Folgenden sollen beide Antworten näher ausgeführt werden.

Die Forderung, die Vergleichende Literaturwissenschaft möge sich selbst – zusammen mit den anderen Philologien, der Sprachwissenschaft und der Geschichtswissenschaft – als eine Kulturwissenschaft unter anderen auffassen, macht sich auch ein Literaturwissenschaftler wie Pascal NicklasNicklas, P. zu eigen, wenn er bemerkt: „Die Exegese des literarischen Textes geht deshalb traditionellerweise über das Literarische selbst hinaus: Textverstehen ist Weltverstehen. Der literarische Text wird damit als eine Form des kulturellen Textes betrachtet.“1 Genau das geschah im vorigen Abschnitt, als Literatur in semiotischer Perspektive als Bestandteil des Kulturtextes dargestellt wurde.

Schon die russischen Formalisten nahmen sich eine Einbettung literarischer Werke in den sozialen und kulturellen Kontext vor, den sie als literarisches Leben bezeichneten.2 Der Brief, der in Kommunikationssystemen des 18. und 19. Jahrhunderts eine zentrale Stellung einnimmt, wird – bei Nikolaj KaramzinKaramzin, N. – literarisiert (z. B. in Reiseberichten), so dass Jurij TynjanovTynjanov, J. feststellen kann: „Der Brief, der ein Dokument war, ist zum literarischen Faktum geworden.“3 Zum literarischen und strukturierenden Faktum wurde der Brief bereits in RousseauRousseau, J.-J.s Briefroman Julie ou Lanouvelle Héloїse (1761) sowie in GoethesGoethe, J. W. vonDie Leiden des jungenWerthers (1774), einem Werk, das als Replik auf Rousseaus Roman gelesen werden kann.

Dass Literatur nicht nur auf das geschriebene, sondern auch auf das gesprochene Wort reagiert, wird hier im dritten Kapitel deutlich, wo gezeigt wird, wie die Konversationsdramen Oscar WildesWilde, O. und Hugo von HofmannsthalsHofmannsthal, H. von – The Importance of BeingEarnest (1895) und Der Schwierige (1921) – aus der mondänen Konversation der Londoner und WienerWiener, O. Salons der Jahrhundertwende hervorgehen. Diese Dramen sind nicht unabhängig von der damaligen Salonkultur und dem literarischen Salon zu verstehen, dem auch die mondänen Gedichte eines Robert de MontesquiouMontesquiou, R. de einiges verdanken.

Beide Beispiele veranschaulichen Pascal NicklasNicklas, P.’ These, dass „die Exegese des literarischen Textes (…) traditionellerweise über das Literarische selbst hinaus[geht]“. Literaturwissenschaftler, die neuerdings auf den Gedanken kommen, dass sie eigentlich vergleichende Kulturwissenschaftler sind, erinnern an Monsieur Jourdan in MolièresMolière (Jean Baptiste Poquelin)Le Bourgeois gentilhomme, der plötzlich entdeckt, dass er schon immer Prosa gesprochen hat. Vor allem die Literatursoziologie – von LukácsLukács, G. bis BourdieuBourdieu, P. – lässt die seit langem thematisierte Verflechtung von Text und sozialem Kontext erkennen.

Obwohl die Vergleichende Literaturwissenschaft stets den gesellschaftlichen und kulturellen Kontext einbeziehen und dabei nicht vergessen wird, dass die gesellschaftlichen Beziehungen die Grundlage der Kultur bilden (vgl. Kap. III), wird sie sich nicht in eine Kulturwissenschaft verwandeln lassen, die die Kultur schlechthin zum Gegenstand hat. Auch in diesem Punkt ist Pascal NicklasNicklas, P. zuzustimmen: „Doch im Unterschied zur Kulturwissenschaft (im Singular) darf die Komparatistik, will sie eine Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft bleiben, den eigentlichen Gegenstand ihrer Forschung, die Literatur, nicht aus dem Zentrum ihrer wissenschaftlichen und didaktischen Tätigkeit rücken lassen.“4

Es mag durchaus sinnvoll sein, die literarische Komparatistik soziologisch, systemtheoretisch zu fundieren, wie es sich etwa Steven Tötösy de ZepetnekZepetnek, T. de vornimmt, aber eine allzu starke Orientierung an den Cultural Studies bringt die Gefahr mit sich, dass sich die historischen Kontextanalysen verselbständigen und die Literatur zu kurz kommt.5 Anhaltspunkte für die Vergleichende Literaturwissenschaft sollten eher die anderen Komparatistiken sein – etwa die Vergleichende Sprachwissenschaft, die Vergleichende Verfassungslehre oder die Vergleichende Politikwissenschaft –, die ihre Gegenstände seit langem kennen.

I Zur Wissenschaftsgeschichte der Komparatistik

Die meisten Einführungen in die Komparatistik oder Vergleichende Literaturwissenschaft (Littérature Comparée, Compara­tive Literature) stellen die Entstehung dieses Faches in den europäischen und nordamerikanischen Universitäten dar. Zu Recht heben ihre Autoren die unterschiedlichen institutionellen Rahmenbedingungen hervor, in denen sich die deutsche, französische, britische oder amerikanische Komparatistik entwickelt hat, und versuchen, die bisweilen divergierenden Definitionen des Objektbereichs und die ihnen entsprechenden Methoden im Zusammenhang mit den besonderen nationalen Institutionalisierungsprozessen zu verstehen.1

Dabei werden nicht nur die Kontroversen zwischen der „amerikanischen“ und der „französischen Schule“ hervorgehoben, die auch in diesem Kapitel zur Sprache kommen, sondern es wird in regelmäßigen Abständen das theoretische Defizit der Vergleichenden Literaturwissenschaft beklagt, einer Disziplin, die es immerhin seit der vorigen Jahrhundertwende gibt, als die ersten bahnbrechenden Arbeiten von H. M. PosnettPosnett, H. M. in Großbritannien, Wilhelm WetzWetz, W. in Deutschland und Joseph TexteTexte, J. in Frankreich erschienen. Trotz des angehäuften Wissens eines ganzen Jahrhunderts scheint die zeitgenössische Komparatistik – im Gegensatz etwa zur Linguistik oder Soziologie – ohne ein eigenes theoretisches Repertoire auszukommen. Denn der Konsens, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet hat, wird in Erwin KoppenKoppen, E.s Aufsatz „Hat die Vergleichende Literaturwissenschaft eine eigene Theorie?“ (1971) in einer Antwort auf die Titelfrage lapidar zusammengefasst: „Nun, die Antwort kann auf Grund unseres bisherigen Befundes nur negativ sein.“2

Bei diesem Befund wird jedoch übersehen, dass sowohl die französische als auch die amerikanische Komparatistik in der Anfangsphase ihrer Entwicklung, die vom Szientismus und Positivismus beherrscht wurde, durchaus wissenschaftliche und wissenschaftstheoretische Ansprüche erhob, die sie nur deshalb nicht einlösen konnte, weil sie im Laufe der Jahrzehnte den Kontakt zu den Sozialwissenschaften und zur literaturwissenschaftlichen Methodendiskussion verlor. So litt beispielsweise noch die neuere französische Komparatistik an ihrem Unvermögen, die theoretischen Probleme der Nouvelle Critique der 60er und 70er Jahre in ihre eigenen Fragestellungen aufzunehmen und für den literarischen Vergleich fruchtbar zu machen.

Es ist deshalb ein Anliegen dieses Kapitels, die Entwicklung der Komparatistik auf wissenschaftstheoretischer Ebene in aller Knappheit kritisch zu rekonstruieren, um zu zeigen, dass die oft beklagte theoretische Harmlosigkeit dieser Disziplin neueren Datums ist: Ihre Begründer nahmen sich im ausgehenden 19. Jahrhundert durchaus vor, in Anlehnung an den Comteschen Positivismus Hippolyte TainesTaine, H. (1828–1893), den darwinistischen Szientismus Ferdinand BrunetièresBrunetière, F. (1849–1906) und den soziologischen Positivismus Gustave LansonsLanson, G. (1857–1934) eine exakte Literaturwissenschaft zu konzipieren, die in Übereinstimmung mit den Naturwissenschaften nach Fakten und Gesetzen Ausschau hielt. Ähnliche Bestrebungen sind auch in den Arbeiten der frühen amerikanischen Komparatistik zu beobachten.

Der positivistische und szientistische Wissenschaftsbegriff war noch in der französischen Komparatistik der 50er und 60er Jahre herrschend, als er in anderen Wissenschaftsbereichen – etwa in der Semiotik, der Soziologie und der Psychologie – längst zerfallen war. Die theoretische Orientierungslosigkeit der zeitgenössischen Anhänger dieser Wissenschaft ist in diesem Zusammenhang zu verstehen: Sie huldigten bis vor kurzem einem diskreditierten Wissenschaftsideal, das von so verschiedenen Wissenschaftlergruppen wie den kritischen Rationalisten (K. R. PopperPopper, K. R., H. AlbertAlbert, H.), den Anhängern der Kritischen Theorie (Th. W. AdornoAdorno, Th. W., J. HabermasHabermas, J.) und den radikalen Konstruktivisten (H. MaturanaMaturana, H., E. von GlasersfeldGlasersfeld, E. von) mit Erfolg kritisiert worden war.3

In dieser Situation genügt es nicht, im Anschluss an die Methodendiskussionen in der Allgemeinen Literaturwissenschaft4 einem vagen Methodenpluralismus das Wort zu reden und sich eine Komparatistik vorzustellen, die sich – wenn auch zaghaft – hermeneutischer, soziologischer und semiotischer Begriffe bedient. Weder Jurij LotmansLotman, J. Kultursemiotik noch Niklas LuhmannsLuhmann, N. Theorie sozialer Systeme wird eine Disziplin retten, die nicht in der Lage ist, ihr eigenes theoretisches Potenzial im Lichte der neuesten sozialwissenschaftlichen Diskussionen zu reflektieren. (Vgl. Kap. X.)

1.Komparatistik in Frankreich: Die positivistische Tradition

Der Hinweis auf die soziologischen Debatten der 60er und 70er Jahre ist hier kein Zufall, sondern erfüllt im Argumentationszusammenhang dieses Kapitels eine besondere Funktion: Es soll gezeigt werden, dass die frühe französische und amerikanische Soziologie von ähnlichen methodologischen Prämissen ausging wie die frühe Komparatistik, dass sie jedoch in späteren Stadien ihrer Entwicklung das positivistische Denkmuster der frühen Jahre sprengte, während die Vergleichende Literaturwissenschaft der 50er und 60er Jahre – vor allem in Frankreich – weiterhin im positivistischen Denken verharrte. Anders als die Soziologie, die nach dem Niedergang des von Auguste ComteComte, A. inspirierten Positivismus hermeneutische (Norbert EliasElias, N.), dialektische (Kritische Theorie), phänomenologische (Alfred SchützSchütz, A.), semiotisch-marxistische (Pierre BourdieuBourdieu, P.), kritisch-rationalistische (Hans AlbertAlbert, H.) und systemtheoretische (Niklas LuhmannLuhmann, N.) Modelle entwickelte, zeigte sich die Komparatistik nach dem Zerfall des neopositivistischen Modells in den 50er und 60er Jahren überfordert.

Nur allmählich fand sie – vor allem in Deutschland, Kanada und den Vereinigten Staaten – Anschluss an die literaturwissenschaftliche Methodendiskussion. So haben in Deutschland vor allem Autoren wie Gerhard R. KaiserKaiser, G.R., Manfred SchmelingSchmeling, M. und Erika Fischer-LichteFischer-Lichte, E. versucht, soziologische (Kaiser) und semiotische (Schmeling, Fischer-Lichte) Ansätze für den literarischen Vergleich fruchtbar zu machen1, während in Kanada Literaturwissenschaftler wie Wladimir KrysinskiKrysinski, W. und Darko SuvinSuvin, D. semiotische Theorien im komparatistischen Kontext angewandt und weiterentwickelt haben.2

Doch auch in ihren – z. T. sehr wertvollen – Beiträgen wurde die wesentliche Frage nach dem wissenschaftstheoretischen Potenzial der Komparatistik und der Stellung dieser Disziplin im Bereich der Sozialwissenschaften nicht aufgeworfen. Übersehen wurde dabei die Tatsache, dass die literarische Komparatistik und die Komparatistik allgemein – als Vergleichende Soziologie, Vergleichende Politologie oder Vergleichende Erziehungswissenschaft – eine dialogische, reflexive und dialektische Wissenschaft par excellence ist, deren Gegenstände den interkulturellen Dialog und die Selbstreflexion des Wissenschaftlers voraussetzen.

Es nimmt nicht wunder, dass der dialogisch-dialektische Charakter der Vergleichenden Literaturwissenschaft in der positivistischen Phase dieser Disziplin nicht wahrgenommen wurde, wenn man die Entstehungsgeschichte des Fachs näher betrachtet. Denn als im ausgehenden 19. Jahrhundert in Frankreich, Großbritannien und Deutschland die „Klassiker“ der Komparatistik erschienen – etwa Hutcheson Macaulay PosnettsPosnett, H. M.Comparative Literature (London, 1886), Wilhelm WetzWetz, W.’ ShakespeareShakespeare, W. vom Standpunkte der vergleichenden Literaturgeschichte (Worms, 1890) und Joseph TexteTexte, J.s Jean-Jacques Rousseau et les origines du cosmopolitisme littéraire (Paris, 1895) –, war es den Autoren primär um das Finden von Fakten und das Aufzeigen von Gesetzen zu tun. In dieser Hinsicht waren sich die „founding fathers“ der amerikanischen und der französischen (der Durkheimschen) Soziologie mit den Begründern der Komparatistik einig.

Wie sehr in Frankreich, wo Madame de Staël (Baronne de Staël-HolsteinStaël-Holstein, G. de, 1766–1817) mit ihrem Buch De l’Allemagne (1810) das Interesse am Kulturvergleich weckte, die „littérature comparée“ nach positivistischer Manier im naturwissenschaftlichen Kontext gesehen wurde, fiel Hugo DyserinckDyserinck, H. auf: „In Frankreich kam noch zu Lebzeiten der Mme de Staël der Begriff ‚littérature comparée‘ (wahrscheinlich in Analogie zur ‚anatomie comparée‘) im Wortschatz der offiziellen Literaturgeschichtsschreibung und des Unterrichtswesens auf.“3

Es blieb nicht bei dieser oberflächlichen Analogie: Ferdinand BrunetièreBrunetière, F., der im Jahre 1900 auf dem „Congrès d’Histoire Comparée“ in Paris einen Vortrag mit dem Titel „La Littérature européenne“ hielt, versuchte, die Evolutionstheorie Charles DarwinsDarwin, Ch. (1809–1882), die u. a. besagt, dass nur die tüchtigsten Lebewesen den natürlichen Ausleseprozess überleben, auf die literarische Entwicklung anzuwenden. In L’Evolution de la poésie lyrique en France au XIXesiècle (1894) versucht er beispielsweise zu zeigen, wie literarische Gattungen – ähnlich wie Tiergattungen – entstehen und untergehen und wie ihre Zerfallsprodukte neuen Textsorten als Rohmaterial dienen.

In Anlehnung an den Positivisten und ComteComte, A.-Schüler Hippolyte TaineTaine, H. (1828–1893) schlägt BrunetièreBrunetière, F. in L’Evolution des genres (1892) eine Anwendung der naturwissenschaftlichen Methoden DarwinsDarwin, Ch. und HaeckelsHaeckel, R.4 auf die Literaturgeschichte vor. Er spricht von einer „critique littéraire“, „die auf der Naturgeschichte Darwins und Haeckels gründen würde“ („qui se fonderait sur l’histoire naturelle de Darwin et de Haeckel“).5 Den zweiten wesentlichen Bezugspunkt dieses Buches bildet Taines soziologische und recht deterministische Theorie der Rasse, des Milieus und des Augenblicks (race, milieu, moment), zu der Brunetière bemerkt: „Weshalb haben die Semiten oder die Chinesen kein Epos? Weshalb kennen die Germanen die Kunst des Dramas nicht? Wenn die Rasse zur Begründung nicht ausreicht, so wird uns vielleicht der Einfluss der Umgebungen (milieux) die Erklärung liefern (…).“6 Wie Taine versteht Brunetière unter milieu die geographischen und sozialen Faktoren.

TainesTaine, H. positivistischer Einfluss macht sich auch in den Arbeiten Joseph TexteTexte, J.s bemerkbar, der im Jahre 1896 an der Universität von Lyon den ersten französischen Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft bekam. In einem Artikel, der 1896 in der Revue de philologie française et de littérature erschien, geht er indirekt auf die Beziehung zwischen Taines Soziologie und der vergleichenden Methode ein, wenn er bemerkt: „Unentbehrlich für diejenigen unter den Schülern Taines, die glauben, dass das literarische Werk ein Produkt der Umgebung, des Moments und der Rasse ist, wird die vergleichende Methode auch denjenigen als unentbehrlich erscheinen, die vor allem danach streben, das Persönliche eines jeden Werkes und das Originelle einer jeden Literatur aufzufinden.“7 Noch nachhaltiger als der Einfluss Taines wirkte die Evolutionstheorie BrunetièresBrunetière, F. auf Texte, den man ohne Übertreibung als einen Schüler Brunetières bezeichnen kann. (Der erste Kontakt kam in Rochefort-sur-Mer zustande, wo Texte das Gymnasium besuchte, an dem Brunetière lehrte.)

In Übereinstimmung mit Texte, der im Jahre 1900 starb, vertrat sein Nachfolger, der Elsässer Fernand BaldenspergerBaldensperger, F. (1871–1958), einen positivistischen Standpunkt im Sinne von ComteComte, A., TaineTaine, H. und BrunetièreBrunetière, F.. Stärker noch als in seinem Buch GoetheGoethe, J. W. von en France (1904) tritt sein Positivismus in einem programmatischen Artikel „Vergleichende Literaturwissenschaft – Das Wort und die Sache“ (1921) zutage. Die Bedeutung dieser Publikation besteht nicht nur darin, dass sie einen Überblick über die Entwicklung der Komparatistik bis 1920 vermittelt, sondern auch darin, dass sie – zumindest ansatzweise – die wissenschaftstheoretische und wissenschaftspolitische Lage dieses Faches schildert: „Die ‚komparativen‘ Wissenschaften in der Biologie hatten sich im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zu speziellen Disziplinen konstituiert, und die Literaturgeschichte konnte nicht umhin, sich auf ihre Weise davon anregen zu lassen. CuvierCuvier, G. in vergleichender Anatomie (1800–1805), Blainville in vergleichender Physiologie (1833), CosteCoste, D. in vergleichender Embryogenese (1837), sie alle hatten, mit verschiedenen Zielen, ihre Arbeiten unter dem Blickwinkel der vergleichenden Untersuchung veröffentlicht (…).“8

Hier wird deutlich, dass die „vergleichende Methode“ als Bestandteil des biologischen Paradigmas (im Sinne von Thomas S. KuhnKuhn, Th.)9 von der Literaturgeschichte und der sich konstituierenden Vergleichenden Literaturwissenschaft übernommen wurde. In diesem Zusammenhang nimmt es nicht wunder, dass sich in dieser Disziplin vor allem der Einfluss von Autoren wie Auguste ComteComte, A., Hippolyte TaineTaine, H. und Ferdinand BrunetièreBrunetière, F. bemerkbar machte, die die Entwicklung der Sozial- und Humanwissenschaften nach naturwissenschaftlichen Kriterien beurteilten: Comte rechnete die Soziologie zusammen mit der Biologie zu den „organischen Wissenschaften“.10 Dies ist der Grund, weshalb in diesem Kapitel eine systematische Neuorientierung der Komparatistik an der Problematik der zeitgenössischen Methodendiskussion vorgeschlagen wird. Diese radikale Umorientierung, die implizit oder andeutungsweise auch in anderen komparatistischen Arbeiten befürwortet wird11, soll dazu beitragen, dass die moderne Komparatistik nach dem Zerfall positivistischer Modelle von ihrem – noch immer lebendigen – Faktenfetischismus befreit wird und ihre Orientierungslosigkeit überwindet.

Trotz BaldenspergersBaldensperger, F. Kritik an BrunetièresBrunetière, F. „Formalismus“12 macht sich in seinem Artikel aus dem Jahre 1921 immer wieder der übermächtige Einfluss TainesTaine, H., Brunetières und DarwinsDarwin, Ch. bemerkbar. Einerseits wird Brunetières historischer Gattungstheorie „kraftvolle Logik“ bescheinigt, andererseits heißt es vom literarischen Darwinismus, den Brunetière in Frankreich einführte: „Und sicher konnte sich dieser literarische Darwinismus im Rahmen einer einzelnen Tradition bewegen und bestätigen; aber der hier angesprochene Daseinskampf führte ganz notwendig die vitalen Kräfte einer Gattung dazu, sich durch Übernahmen und Nacheifern zu kräftigen, und das konnten die nationalen Grenzen nicht aufhalten.“13 Anders gesagt: Das parasitäre Vermögen einzelner literarischer Gattungen, vor allem des Romans, sich fremde Gedanken und Verfahren anzueignen, erzeugt eine Vitalität (im Sinne von Darwin), die die nationalen Grenzen sprengt. Der vergleichende Literaturwissenschaftler hat dieser „darwinistischen Tatsache“ Rechnung zu tragen.

Nach dem Ersten Weltkrieg spielte in Frankreich zwar die Suche nach Gesetzen im Sinne von Comte,Comte, A. DarwinDarwin, Ch. und Brune­tièreBrunetière, F. nur noch eine untergeordnete Rolle, aber die zweite, die empiristische Komponente des Positivismus war stärker ausgeprägt denn je. Dies zeigt u. a. Paul Van TieghemsVan Tieghem, Ph. Standardwerk La Littérature comparée (1931), in dem nicht nur die bekannte Trennung zwischen littérature comparée und littérature générale (vgl. weiter unten) vorgenommen wird, sondern in dem auch – vor allem in Anlehnung an Gustave LansonLanson, G. – immer wieder die Bedeutung des Faktischen hervorgehoben wird. Dort wird nicht nur für das Sammeln der „größtmöglich(en) Anzahl von Fakten“ und den Verzicht auf ästhetische Werturteile plädiert14, sondern allgemein für eine empiristische Ausrichtung der Wissenschaft. Diese ist auch für Lansons Werk, etwa für seine Studie „La Méthode de l’histoire littéraire“ (1910), charakteristisch, in der eine affekt- und ideologiefreie („wertungsfreie“) Betrachtung der Tatsachen befürwortet wird: „Unser Ideal ist, den Bossuet und den VoltaireVoltaire (François-Marie Arouet) zu rekonstruieren, den weder der Katholik noch der Antiklerikale wird ablehnen können (…).“15

Das Problem besteht darin, dass es einen solchen Bossuet oder VoltaireVoltaire (François-Marie Arouet) nicht gibt, weil es sich in beiden Fällen – wie LansonLanson, G.sagt, aber nicht sieht – um nur mögliche (d. h. kontingente, partikulare) Objektkonstruktionen handelt16, die aufgrund bestimmter affektiver (individueller) und ideologisch bedingter (kollektiver) Selektionen und Klassifikationen zustande kommen. Die „faits“ oder „faits généraux“, von denen Van TieghemVan Tieghem, Ph. und Lanson sprechen, sowie die „influences reçues et exercées“17, von denen bei Van Tieghem die Rede ist, sind eben konstruiert oder gar vorkonstruiert, und eines der Probleme des älteren Positivismus besteht in seiner Unfähigkeit, den Konstruktionsprozess zu reflektieren. (Vgl. Kap. II.)

An dieser Stelle erscheint ein Exkurs zur französischen Soziologie der Jahrhundertwende sinnvoll. Es ist wohl kein Zufall, dass Emile DurkheimDurkheim, E. (1858–1917), der Begründer der modernen französischen Soziologie, im Jahre 1904 Gustave LansonLanson, G. einlud, an der Ecole des Hautes Etudes einen Vortrag mit dem Titel „L’Histoire littéraire et la sociologie“ zu halten. Denn in diesem Vortrag kommt das dem Soziologen und dem Literaturhistoriker gemeinsame Anliegen zum Ausdruck, den Impressionismus und Subjektivismus der Philosophen und Literaturkritiker zu überwinden, um der Fakten habhaft zu werden. Dem Vortrag kommt nicht nur deshalb große Bedeutung zu, weil Lanson sich auf TaineTaine, H., BrunetièreBrunetière, F. und BaldenspergerBaldensperger, F. beruft und auf die Wirkung ausländischer Werke in der französischen Literatur hinweist18, sondern auch – und vor allem – deshalb, weil er in Übereinstimmung mit Durkheim die Suche nach kollektiven Fakten einleitet.

Wie DurkheimDurkheim, E., der es in seiner Kritik am britischen Soziologen Herbert SpencerSpencer, H. (1820–1903) ablehnt, die Gesellschaft als Ansammlung von Individuen zu deuten und stattdessen versucht, individuelles Verhalten – etwa den Selbstmord19 – als Ausdruck kollektiver Probleme zu verstehen, schlägt LansonLanson, G. vor, die Werke und die Persönlichkeiten von Philosophen und Schriftstellern als kollektive Erscheinungen aufzufassen. „Unsere Studie“, betont er, „neigt dazu, aus dem Schriftsteller ein soziales Produkt und eine soziale Ausdrucksweise zu machen (un produit social et une expression sociale).“20 Er veranschaulicht diesen Gedanken, wenn er hinzufügt: „Der DescartesDescartes, R. und der RousseauRousseau, J.-J., der wirkt, ist weder Descartes noch Rousseau, es ist das, was das Publikum in ihren Büchern liest und mit ihren Namen bezeichnet; und dies hängt vom Publikum ab und ändert sich mit dem Publikum. Jede Generation liest sich selbst in Descartes und Rousseau, gestaltet einen Descartes und einen Rousseau nach ihrem Gleichnis und für ihre Bedürfnisse. Das Buch ist daher eine soziale Erscheinung, die sich entwickelt.“21 Das Soziale wird hier nicht im Text selbst, sondern in dessen Wirkung angesiedelt.

Zu Unrecht wird LansonLanson, G. von vielen zeitgenössischen Literaturwissenschaftlern als „Positivist“ achtlos beiseite geschoben: Denn seine methodologischen Schriften lassen nicht nur ein reges Interesse für die damaligen Sozialwissenschaften (Soziologie, Sozialpsychologie) erkennen, sondern bestätigen die Vermutung, dass die Literaturwissenschaft als Literaturgeschichte um die Jahrhundertwende den Dialog mit den Sozialwissenschaften nicht nur suchte, sondern auch bereicherte. Lansons in Anlehnung an DurkheimDurkheim, E. entwickelte Theorie der kollektiven Fakten antizipiert Jan MukařovskýsMukařovský, J. Begriff des „ästhetischen Objekts“22 sowie wesentliche Einsichten der Konstanzer Rezeptionsästhetik.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab die französische Komparatistik LansonsLanson, G. avancierte Position auf, als sie, in BaldenspergersBaldensperger, F. und Paul Van TieghemsVan Tieghem, Ph. Faktenfetischismus verharrend, den Kontakt zur Soziologie, zur Semiotik (des Prager Linguistenkreises) und zu den anderen Sozialwissenschaften verlor. Rund zwei Jahrzehnte nach der Entstehung einer phänomenologischen Soziologie bei Alfred SchützSchütz, A. (1932), einer Wissenssoziologie bei Karl MannheimMannheim, K. (Ideologie und Utopie, 1929) und einer radikalen Kritik an positivistischen Ansätzen in der Kritischen Theorie und im Kritischen Rationalismus23 legte Marius-François GuyardGuyard, M. F. im Jahre 1951 sein Buch La Littérature comparée vor. Bekannter als der Haupttext ist das kurze Vorwort des damals einflussreichsten französischen Komparatisten: Jean-Marie CarrésCarré, J.-M., des Autors von GoetheGoethe, J. W. von en Angleterre (1920). Dieser lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass er alles ablehnt, was über das empirisch Nachweisbare hinausgeht: Internationale Strömungen wie Humanismus, Romantik oder Symbolismus sind ebenso wenig Gegenstand der Littérature comparée wie typologische Ähnlichkeiten zwischen Gattungen oder Einzelwerken.

Der eigentliche Gegenstand der Komparatistik sind – wie schon bei Paul Van TieghemVan Tieghem, Ph. und Fernand BaldenspergerBaldensperger, F. – die tatsächlichen Beziehungen: „Die vergleichende Literaturwissenschaft ist ein Zweig der Literaturgeschichte: Sie ist die Untersuchung der internationalen geistigen Beziehungen, der tatsächlichen Beziehungen (rapports de fait), die zwischen ByronByron, G. G. N. und PuschkinPuschkin, A., GoetheGoethe, J. W. von und CarlyleCarlyle, Th., Walter ScottScott, W. und VignyVigny, A. bestanden, zwischen den Werken, den Inspirationen, ja sogar den Lebensläufen von Schriftstellern, die mehreren Literaturen angehören.“24

Im übernächsten Abschnitt wird sich zwar zeigen, dass CarrésCarré, J.-M. bekanntes Vorwort nicht das letzte Wort der französischen Komparatisten war. Es wird aber auch deutlich werden, dass in Frankreich – trotz verschiedener ermutigender Versuche und trotz der Parallelentwicklung von Komparatistik und Nouvelle Critique in den 1960er Jahren – noch immer keine überzeugende Alternative zu BaldenspergersBaldensperger, F., Van TieghemsVan Tieghem, Ph. und Carrés vereinfachendem Positivismus vorgeschlagen wurde.

2.Szientismus und Positivismus in der englischsprachigen Komparatistik und Soziologie

Auch in der englischsprachigen Welt beherrschten um die vorige Jahrhundertwende Positivismus (Ausrichtung auf Tatsachen) und Szientismus (Orientierung an den Naturwissenschaften) die Diskussionen in der Soziologie und der Vergleichenden Literaturwissenschaft. Sowohl in der britischen als auch in der amerikanischen Soziologie war im ausgehenden 19. Jahrhundert der Sozialdarwinismus zur herrschenden Ideologie geworden. Herbert SpencerSpencer, H. (1820–1903), einer der Begründer der britischen Soziologie, fasste die Gesellschaft analog zum biologischen Organismus auf und entwickelte einen gemäßigten und recht nuancierten Sozialdarwinismus, in dem auch Begriffe wie System, Struktur und Funktion nicht fehlten. Er ging von der szientistischen Annahme aus, dass sich Soziologie und Sozialpsychologie nur auf naturwissenschaftlicher Grundlage entfalten können.

Ideologisch wesentlich skrupelloser und entsprechend radikaler waren DarwinDarwin, Ch.- und SpencerSpencer, H.-Schüler wie Benjamin KiddKidd, B. (Social Evolution, 1894) und Karl Pearson (National Life from the Standpoint of Science, 1901), deren Sozialdarwinismus in der imperialen Phase der europäischen Kolonialpolitik nach außen als Apologie wirtschaftlicher und politischer Expansion und nach innen als Rechtfertigung eines ungezügelten Konkurrenzkampfes fungierte.

Hier zeigt sich, dass BrunetièresBrunetière, F. literaturwissenschaftlicher Darwinismus in der damaligen politischen und wissenschaftlichen Situation kein isoliertes Kuriosum war, sondern Symptom einer (zeitlich begrenzten) ideologischen Hegemonie: der Hegemonie des Sozialdarwinismus, der so verschiedene Wissenschaften wie Soziologie, Staatstheorie, Wirtschaftswissenschaft und Literaturwissenschaft auf einen „ideologischen Nenner“ brachte. (Dass diese Hegemonie keine uneingeschränkte Herrschaft war, zeigt u. a. die radikal-liberale Kritik eines Leonard T. HobhouseHobhouse, L. T. an Sozialdarwinismus und Imperialismus. Zu dieser Kritik, die hier aus Platzgründen nicht erörtert werden kann, bemerkt Stefan ColliniCollini, S.: „Wie viele andere liberale Reformer vor und nach ihm, vertrat Hobhouse die Ansicht, dass ‚der Glaube an die Rasse eine reaktionäre Tendenz enthält, und ein solcher Glaube wird durch die moderne Biologie ins Leben gerufen‘.“1 Gemeint ist natürlich die darwinistische Biologie um 1900.)

Die Auseinandersetzungen um Sozialdarwinismus, Szientismus und Biologismus beherrschten nicht nur die britische, sondern auch die amerikanische soziologische Diskussion. Robert C. BannistersBanniser, R. C. umfangreiche und gründliche Studie über die Anfänge der amerikanischen Soziologie (Sociology and Scientism, 1987) lässt zwei Komponenten dieser Wissenschaft klar zutage treten: ihren Sozialdarwinismus („survival of the fittest“) und ihren positivistischen Glauben an die Exaktheit der Naturwissenschaften, einen Glauben, der nur Fakten gelten lässt.

Über die Fakteneuphorie der „founding fathers“ – SmallSmall, A. W., BernardBernard, L.L., WardWard, L. F., GiddingsGiddings, F. H., SumnerSumner, W. G. und OgburnOgburn, W. F. – schreibt BannisterBanniser, R. C.