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Wir erleben die größte technologische Revolution aller Zeiten. Zum ersten Mal erschaffen wir eine künstliche Intelligenz, deren Fähigkeiten denen des Menschen in vielen Bereichen erstaunlich nahekommen – mit Folgen, die wir gerade erst zu erahnen beginnen. Künstliche Intelligenz schreibt, spricht, erkennt Bilder und versteht mehr, als wir ihr je zugetraut hätten. Damit hält sie Einzug in immer mehr Bereiche unseres Lebens. Doch wie behalten wir die Kontrolle in einer Welt, die sich schneller wandelt als je zuvor? Wie nutzen wir diese enormen neuen Möglichkeiten, ohne uns von ihnen beherrschen zu lassen? In seinem Buch »Kompass Künstliche Intelligenz« führt uns Marcel Salathé mitten hinein ins Herz der KI-Revolution. Anschaulich und mit klarem Blick erklärt er, wie KI funktioniert, wie tief sie unseren Alltag bereits durchdringt, vor welche Herausforderungen sie uns noch stellen wird, aber auch, welche Chancen sie uns bietet. Ein unverzichtbarer Reiseführer für alle, die verstehen wollen, wie sich unsere verrückte Welt gerade entwickelt, und die ihren eigenen Weg in die Zukunft aktiv mitgestalten möchten. Ursprünglich Biologe, bewegt Marcel Salathé sich heute bewusst im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Praxis: Er erforscht, wie KI unsere Gesundheitssysteme beeinflusst und gesellschaftliche Prozesse verändert, entwickelt digitale Anwendungen und berät Organisationen im Umgang mit KI. Dabei legt er großen Wert darauf, die komplexen Inhalte ohne jedes Fachchinesisch fundiert und verständlich zu erklären.
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Seitenzahl: 288
Veröffentlichungsjahr: 2025
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© 2025 Wörterseh, Lachen
Lektorat/Korrektorat: Brigitte Matern Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina Foto Umschlag: © Petra Schutzlé Layout, Satz und Herstellung: Beate Simson Druck und Bindung: CPI Books GmbH
Print ISBN 978-3-03763-168-3 E-Book ISBN 978-3-03763-867-5
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Für meine Familie, in Dankbarkeit und Liebe.
Dieses Buch ist meinen Kindern gewidmet.
Was auch immer man euch sagt: Die besten Zeiten kommen erst noch. Lasst euch niemals etwas anderes einreden.
Über das Buch
Stimmen zum Buch
Über den Autor
Vorwort
1 Warum alles immer schneller geht
2 Daten, Chips und Energie
3 Die KI findet ihre Stimme
4 Im Labyrinth der Wörter
5 Echte Fälschungen
6 Freie Sicht auf blinde Flecken
7 Meine Arbeit, deine Arbeit, keine Arbeit?
8 Der allgegenwärtige Aristoteles
9 Der Wissensbeschleuniger
10 Diagnose: KI positiv
11 Algorithmen der Macht
12 Verlieren wir die Kontrolle?
13 Unsere verrückte Zukunft
Nachwort
Glossar
Danksagung
Wir erleben die größte technologische Revolution aller Zeiten. Zum ersten Mal erschaffen wir eine künstliche Intelligenz, deren Fähigkeiten denen des Menschen in vielen Bereichen erstaunlich nahekommen – mit Folgen, die wir gerade erst zu erahnen beginnen.
Künstliche Intelligenz schreibt, spricht, erkennt Bilder und versteht mehr, als wir ihr je zugetraut hätten. Damit hält sie Einzug in immer mehr Bereiche unseres Lebens.
Doch wie behalten wir die Kontrolle in einer Welt, die sich schneller wandelt als je zuvor? Wie nutzen wir diese enormen neuen Möglichkeiten, ohne uns von ihnen beherrschen zu lassen?
In seinem Buch »Kompass Künstliche Intelligenz« führt uns Marcel Salathé mitten hinein ins Herz der KI-Revolution. Anschaulich und mit klarem Blick erklärt er, wie KI funktioniert, wie tief sie unseren Alltag bereits durchdringt, vor welche Herausforderungen sie uns noch stellen wird, aber auch, welche Chancen sie uns bietet.
Ein unverzichtbarer Reiseführer für alle, die verstehen wollen, wie sich unsere verrückte Welt gerade entwickelt, und die ihren eigenen Weg in die Zukunft aktiv mitgestalten möchten.
Ursprünglich Biologe, bewegt Marcel Salathé sich heute bewusst im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Praxis: Er erforscht, wie KI unsere Gesundheitssysteme beeinflusst und gesellschaftliche Prozesse verändert, entwickelt digitale Anwendungen und berät Organisationen im Umgang mit KI. Dabei legt er großen Wert darauf, die komplexen Inhalte ohne jedes Fachchinesisch fundiert und verständlich zu erklären.
»Marcel Salathé zählt für mich zu den bedeutendsten Stimmen im Bereich der Künstlichen Intelligenz: weitsichtig, inspirierend und mit der seltenen Gabe, komplexe Themen verständlich zu vermitteln. All dies macht das Buch zu einem Muss für alle, die KI nicht nur verstehen wollen, sondern auch ihre weitreichenden Auswirkungen auf unsere Gesellschaft begreifen wollen.«
Mirko BischofbergerWissenschafts- und Kommunikationsexperte
»Sie wollen in die Welt der Künstlichen Intelligenz eintauchen, wissen aber nicht, wo Sie anfangen sollen? Dann lassen Sie sich von Marcel Salathé auf ebenso kompetente wie unterhaltsame Weise begleiten. Für ein echtes Verständnis und einen souveränen Umgang mit KI.«
Alexandra StarkKI-Expertin und Mitglied der Eidgenössischen Medienkommission
»Mit ihren Risiken und Chancen stellt die KI die größte Herausforderung des kommenden Jahrzehnts dar. Sie betrifft uns alle, in unserem Alltag, unserer Arbeit und unserer Freizeit. Wie bereits das Internet innerhalb weniger Jahrzehnte einen enormen gesellschaftlichen Einfluss hatte, so wird jener der KI gigantisch sein. Mit der Geschwindigkeit eines Tsunamis wird sie Teil unseres Lebens werden. Es ist dringend erforderlich, sich darauf vorzubereiten, die Ursprünge und die Entwicklung der KI bis heute kennen zu lernen. Dieses Buch ist zweifellos eine Pflichtlektüre für jeden von uns.«
Daniel BorelGründer Logitech
»Das Buch, das man unbedingt lesen sollte, um zu verstehen, wie Künstliche Intelligenz funktioniert, welches enorme Potenzial sie birgt und vor welche gewaltigen Herausforderungen sie uns stellt. Angesichts der außerordentlichen Geschwindigkeit ihrer Entwicklung geht es uns alle an, diese größte technologische Revolution der Menschheit zu begreifen. Marcel Salathé, Forscher und Dozent an der EPFL, macht dies auf brillante Weise verständlich.«
Patrick Aebischerehemaliger Präsident EPFL
»Marcel Salathé ist einer der führenden KI-Forscher der Welt. Wenn Sie verstehen wollen, wohin sich Künstliche Intelligenz entwickelt, kommen Sie an diesem Buch nicht vorbei – präzise, klarsichtig, absolut unverzichtbar.«
Rolf DobelliAutor des Weltbestsellers »Die Kunst des klaren Denkens«
»Dieses Buch, das sich an ein breites Publikum richtet, kommt genau zur richtigen Zeit, um ein Thema zu beleuchten, das mit vielen Hoffnungen, Begeisterung, aber auch Herausforderungen verbunden ist. Der Autor, bekannt für seine Fähigkeiten als Wissenschaftsvermittler, stellt auf elegante Weise die Vielfalt der Fortschritte und Fragestellungen rund um die Künstliche Intelligenz und deren zahlreiche Anwendungen dar. Das Buch hebt das außergewöhnliche Potenzial der KI hervor, ohne jedoch die sensiblen Fragen rund um ihre Nutzung, ihr Verständnis und ihre Regulierung außer Acht zu lassen. Eine unverzichtbare Lektüre für alle, die neugierig auf diese bedeutende Entwicklung sind, die Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft tiefgreifend verändert.«
Martin Vetterliehemaliger Präsident EPFL
MARCEL SALATHÉ beschäftigt sich seit über fünfzehn Jahren mit Künstlicher Intelligenz (KI), lange bevor ChatGPT Schlagzeilen machte. Heute ist er Professor und Co-Direktor des AI Center EPFL (ETH Lausanne), hat eine der größten europäischen Konferenzen für angewandte KI mitbegründet, mehrere Start-ups ins Leben gerufen und innovative Weiterbildungsprogramme entwickelt. Während der Coronapandemie wurde er der breiten Öffentlichkeit bekannt. Marcel Salathé, geboren und aufgewachsen in Basel, lebt heute in Lausanne.
Es ist morgens, 6:15 Uhr. Mein iPhone spielt den Song »Walt Grace’s Submarine Test, January 1967« von John Mayer. Während eine leichte Trompetenmelodie in eine sanfte Gitarrenbegleitung übergeht, reibe ich mir verschlafen die Augen. Eine Minute später singt John »Cause when you’re done with this world, you know the next is up to you« – oder auf Deutsch: Sobald diese Welt vorbei ist, entscheidest du selbst über die nächste. Zu diesem Zeitpunkt starre ich bereits mein verschlafenes Gesicht im Badezimmerspiegel an und frage mich, was heute wohl auf uns zukommen wird. Ein Tag wie viele andere? Oder wieder einer dieser Tage, an denen sich die Welt verändert?
Mein Name ist Marcel Salathé. Meine Freunde scherzen oft: »Man kennt ihn aus Funk und Fernsehen.« Falls Sie in der Schweiz leben, haben Sie mich vielleicht tatsächlich in den Medien kennen gelernt, als Epidemiologen, der während der Coronapandemie versuchte, zu erklären, was gerade abgeht. Ansonsten haben Sie wahrscheinlich noch nie von mir gehört, und das ist in Ordnung. Ich habe nichts Derartiges geleistet, dass man meinen Namen in jedem Haushalt kennen müsste, und dieses Buch, das Sie gerade in den Händen halten, ist weder eine Autobiografie noch eine nachträgliche Pandemiebewältigung. Im Gegenteil, es geht um das Heute und vor allem um das Morgen; um die Welt, in der wir leben, und um die, die als Nächstes auf uns zukommt.
Vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich wie mir. Früher dachte ich manchmal: Wow, die Dinge verändern sich wirklich schnell – verrückt! Was damals ungewöhnlich schien, wurde in den letzten Jahren fast schon zur Normalität. Die Geschwindigkeit der Veränderungen nahm weiter zu, und ich begann, das mit einer gewissen Faszination zu beobachten. Dann kam die Pandemie, und das Wort »verrückt« bekam plötzlich eine ganz neue Dimension. Doch kaum hatten wir diese Phase hinter uns gelassen, brachte die nächste Revolution, die Künstliche Intelligenz, die Welt erneut ins Wanken. Heute vergeht keine Woche, ohne dass eine Schlagzeile erscheint, die eine neue Ära einläutet. Es ist beeindruckend, wie schnell wir uns an diese Geschwindigkeit gewöhnen, aber es wirft auch die Frage auf: Wie viel Beschleunigung kann eine Gesellschaft wirklich aushalten? Es fühlt sich an, als stünden wir an einem Punkt, an dem der Fortschritt so rasant ist, dass wir kaum die Chance haben, innezuhalten und zu verstehen, was das alles für uns bedeutet. Und doch bleibt diese Neugier, wie weit diese Entwicklung noch gehen kann und wie wir dabei mithalten.
An diesem Punkt möchte ich Sie mit einem meiner Lieblingsautoren bekannt machen: Douglas Adams. Viele kennen ihn als den Autor der Romanreihe »Per Anhalter durch die Galaxis«, in der ein Supercomputer die berühmte Antwort »42« auf die ultimative Frage »nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest« berechnet. Douglas Adams hat eine Beobachtung gemacht, die in meinen Augen die beste Beschreibung des technologischen Wandels ist, die ich je gehört habe:
Alles, was bereits existiert, wenn man geboren wird, ist normal, alltäglich und einfach ein natürlicher Teil der Welt.Alles, was zwischen dem fünfzehnten und fünfunddreißigsten Lebensjahr erfunden wird, ist neu, aufregend und revolutionär – und man kann damit wahrscheinlich Karriere machen.Alles, was nach dem fünfunddreißigsten Lebensjahr erfunden wird, verstößt gegen die natürliche Ordnung der Dinge.Ich finde diese Beschreibung einfach herrlich. Auch wenn die Lebensjahre nicht immer exakt passen, beschreibt Adams doch erstaunlich präzise, wie wir auf neue Technologien reagieren. Ich würde deshalb gut verstehen, wenn Sie beim Lesen meines Eindrucks zum rasanten Wandel denken: »Ja, der Salathé, der ist eben auch nicht mehr der Jüngste – für den geht wohl alles ein bisschen zu schnell.«
Aber halt! Ich kann Ihnen versichern, dass ich mich mental immer noch in der zweiten Kategorie befinde. Neue Dinge finde ich grundsätzlich spannend und aufregend, und ich frage mich stets: Wie kann ich eine neue Entwicklung sinnvoll nutzen? Es gibt fast nichts, das ich als Verstoß gegen die natürliche Ordnung der Dinge sehen würde (mit Ausnahme von Pizza mit Ananas). Mir persönlich kann es fast nicht schnell genug gehen. Veränderungen übten schon immer eine riesige Faszination auf mich aus. Hesse, der dichtet: »Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.« Grönemeyer, der singt: »Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders.« Oder Einstein, der sinniert, dass es beim Menschen wie beim Velo ist: Nur wer fährt, kann die Balance halten. Es muss einfach immer vorwärtsgehen.
Und dennoch – irgendetwas ist anders. Die technologische und wissenschaftliche Entwicklung ist heute so schnell, dass es unmöglich geworden ist, überall Schritt zu halten. Weil diese Veränderungen inzwischen jeden Bereich unseres Lebens berühren, kann man sich leicht überfordert fühlen. Gleichzeitig sind die Stimmen, denen man früher vertraute, leiser geworden oder ganz verschwunden. Vor nicht allzu langer Zeit konnten eine Handvoll vertrauenswürdiger Medien uns noch ein einigermaßen klares Weltbild vermitteln, doch heute werden wir von Informationen förmlich überflutet. Das Internet hat die klassischen Medien durcheinandergewirbelt, und in dem Prozess ist ein großer Teil von ihnen verloren gegangen. Auf sozialen Medien und anderen Online-Plattformen hat nun jeder und jede ein Megafon in der Hand. Und nun kommt zu alldem noch die Künstliche Intelligenz (KI) hinzu, vermutlich die wichtigste technologische Erfindung der Menschheit überhaupt. Sie wird alles noch weiter beschleunigen.
Wie gehen wir damit um? Hier setzt dieses Buch an. Ich biete mich Ihnen als Reiseführer in einer scheinbar verrückten Welt an, in der sich alles immer schneller dreht, getrieben von technologischen Entwicklungen und besonders den Fortschritten der Künstlichen Intelligenz, die dieses Tempo stetig erhöht. Lassen Sie mich es gleich im Voraus sagen: Ich habe selbstverständlich auch nicht alle Antworten. Wie wir sehen werden, stehen wir in vielen Bereichen vor neuen, fundamentalen Fragen, auf die wir noch keine Antworten haben – Antworten, die wir als Gesellschaft erst gemeinsam finden müssen. Warum sollten Sie also ausgerechnet mit mir auf diese Reise gehen? Eine sehr gute Frage, auf die ich Ihnen drei Antworten anbiete.
Erstens ist mir die digitale Welt sehr vertraut. Auch wenn ich ursprünglich Biologie studiert habe, bin ich doch schon seit Mitte der Neunzigerjahre ein großer Fan digitaler Technologien. Schon mit Anfang zwanzig habe ich eine eigene Firma gegründet, die auf den Web-Boom aufsprang. Nach kurzer Zeit wurde sie von einem größeren Internet-Start-up übernommen, wo ich noch einige Zeit als Webentwickler tätig war. Zurück in der Wissenschaft habe ich meine technologischen Kenntnisse rasch in meine Arbeit integriert und so das Gebiet der digitalen Epidemiologie miterschlossen. Da dies auch die Arbeit mit großen Datenmengen einschließt, beschäftige ich mich bereits seit über fünfzehn Jahren mit maschinellem Lernen, also genau der Methode, auf der sämtliche KI-Systeme basieren. Vor etwa zehn Jahren habe ich mit Freunden eine der mittlerweile größten Konferenzen für angewandte KI ins Leben gerufen, und heute bin ich Co-Direktor des KI-Zentrums der EPFL, im deutschsprachigen Raum auch als ETH Lausanne bekannt.
Zweitens bin ich Wissenschaftler. Als solcher bin ich mit dem besten Instrument vertraut, das je entwickelt wurde, um die natürliche Welt zu verstehen: der wissenschaftlichen Methode. Sie hilft uns nicht nur, die Welt zu entschlüsseln, sondern auch uns selbst besser zu verstehen. Das soll keinesfalls bedeuten, dass nur Wissenschaftler die Welt verstehen. Doch eine unserer Stärken ist es, Fakten von Meinungen zu trennen. In einer Welt, in der uns das Internet und soziale Medien Zugang zu einer enormen Vielfalt an Meinungen verschaffen, bleibt der wissenschaftliche Ansatz ein unschätzbar wertvolles Werkzeug, um Fakten von Meinungen zu unterscheiden und so den Überblick zu bewahren. Um es nochmals zu betonen: Weder die Wissenschaft noch Wissenschaftler sind unfehlbar; wo Menschen arbeiten, geschehen Fehler. Doch die Wissenschaft stützt sich auf Selbstkorrektur, auf Zweifel und Prüfung, und genau darin liegt ihre Stärke. Es ist eine fortlaufende Suche nach der bestmöglichen Annäherung an die objektive Wahrheit, und das kann besonders in Zeiten des schnellen Wandels Orientierung bieten.
Drittens habe ich während der Pandemie rasch lernen müssen, wie Wissenschaft, Technologie, Politik, Medien und Kommunikation zusammenwirken. Dabei ist mir eines klar geworden: Wissenschaftliche Kommunikation ist oft völlig anders als die Sprache der Medien oder der Politik. Als Wissenschaftler lernen wir, mit anderen Fachkollegen zu kommunizieren; doch um die Öffentlichkeit zu erreichen, müssen wir eine andere Sprache sprechen. Es geht nicht nur um Vereinfachung, so wichtig sie auch ist. Es geht um den richtigen Kontext, den passenden Ton und den klaren Fokus. Vor allem aber geht es darum, das Publikum zu verstehen – also Sie, liebe Leserinnen und Leser. Wer nicht weiß, mit wem er spricht, wird nicht verstanden. Durch meine Pandemie-Erfahrung habe ich gelernt, wissenschaftliche Inhalte klar und verständlich zu vermitteln, besonders wenn die Themen komplex, politisch heikel oder emotional aufgeladen sind. Diese Erfahrung hat mich zu einem besseren Wissenschaftskommunikator gemacht; eine Fähigkeit, die uns auf der gemeinsamen Reise durch die vielschichtige Welt der KI zugutekommen wird.
Lassen Sie uns also gemeinsam starten. Sie werden schnell merken, ob Ihnen diese Seiten gefallen und ob sie für Sie nützlich sind. Falls nicht, werden Sie das Buch zur Seite legen oder zurückgeben, und das ist völlig in Ordnung. Doch wenn ich meine Arbeit gut gemacht habe, dann werden Sie sich nach der Lektüre dieses Buches etwas besser für die verrückten Zeiten gerüstet fühlen. Und vielleicht, so wage ich zu hoffen, spüren Sie sogar ein wenig mehr Gelassenheit. Denn wie heißt es so schön: Die größte Ruhe findet man im Auge des Sturms.
Vor über zweitausend Jahren schrieb der römische Philosoph Cicero: »Nicht zu wissen, was vor deiner Geburt geschehen ist, heißt, immer ein Kind zu bleiben.« Er wollte damit ausdrücken, dass ohne ein Verständnis der Vergangenheit weder Gegenwart noch Zukunft wirklich begreifbar sind. Keine Sorge, ich habe nicht vor, mit Ihnen eine Geschichtsstunde abzuhalten. Doch um zu verstehen, warum unsere heutige Zeit so verrückt erscheint, lohnt es sich, das Band ein Stück zurückzuspulen. Dabei zeigt sich schnell, dass die eigentliche »Verrücktheit« weniger darin liegt, was passiert, sondern vielmehr darin, mit welcher Geschwindigkeit es geschieht. Genau das macht den Blick in die Vergangenheit so wertvoll: Er zeigt uns, dass das Tempo der Veränderung heute eine völlig neue Dimension erreicht hat – und er hilft uns, zu verstehen, welche Kräfte heute dieses Tempo antreiben.
Uns Menschen gibt es noch gar nicht so lange. Unser Planet, die Erde, existiert seit etwa viereinhalb Milliarden Jahren. Die erste halbe Milliarde Jahre waren relativ langweilig, denn Leben gab es noch keines. Erst vor etwa vier Milliarden Jahren entstanden die ersten Lebensformen in Gestalt einzelliger Organismen, vor allem Bakterien. Die Natur benötigte danach über zwei Milliarden Jahre, um die Mehrzelligkeit hervorzubringen. Eine weitere Milliarde Jahre verging, bevor die ersten Tiere und Pflanzen auftauchten, die jedoch kaum Ähnlichkeit mit den heutigen Formen hatten. Die ersten Säugetiere erschienen vor etwa 300 Millionen Jahren, und Primaten, zu denen auch wir Menschen gehören, existieren seit weniger als 100 Millionen Jahren. Und der Mensch selbst? Die Gattung Homo, zu der auch unsere Art Homo sapiens zählt, ist ungefähr zwei Millionen Jahre alt. Doch Homo sapiens selbst lässt sich erst seit rund 300000 Jahren anhand fossiler Funde nachweisen. Gemessen an der gesamten Geschichte des Lebens macht unsere Art also gerade einmal weniger als ein Zehntausendstel aus.
Angesichts dessen, was wir Menschen in dieser kurzen Zeit erreicht haben, könnte man meinen, wir hätten von Anfang an mit Innovationen voll durchgestartet. Doch das wäre ein Irrtum. In den ersten 250000 Jahren lebte der Mensch weitgehend so, wie er es seit seiner Entstehung getan hatte: in kleinen Gruppen auf dem afrikanischen Kontinent, die ihren Lebensunterhalt durch Jagen und Sammeln bestritten. Erst vor rund 50000 Jahren begannen die ersten Gruppen, sich auf andere Kontinente auszubreiten, doch das grundlegende Lebensmuster blieb unverändert. Dann, vor etwa 12000 Jahren, ereignete sich im Nahen Osten etwas, das den Lauf unserer Geschichte für immer verändern sollte: Der Mensch erfand die Landwirtschaft.
Falls Sie nun denken: Aha, hier kommt der Mensch und erfindet etwas Einzigartiges, das es in der Natur so zuvor noch nicht gab, dann muss ich Sie leider enttäuschen. Landwirtschaft, also die bewusste Bewirtschaftung der Umwelt zur Nahrungsproduktion, existiert bereits seit Millionen von Jahren. Ameisen, Termiten und bestimmte Käfer betreiben seit rund 50 Millionen Jahren Landwirtschaft. Einige Ameisenarten schneiden beispielsweise Gräser und Blätter, bringen diese in ihre Nester und nutzen sie als Nährsubstrat für die Zucht von Pilzen. Diese Pilzzucht ist für sie kein Hobby, sondern eine zentrale Nahrungsquelle, die den Großteil des Energiebedarfs der Kolonie deckt. Landwirtschaft ist also keineswegs einzigartig in der Natur, auch wenn sie für uns Menschen einen entscheidenden Schritt in unserer jüngsten Entwicklung darstellt. Die besondere Auszeichnung – die erste Erfindung, die tatsächlich einzigartig in der Geschichte des Lebens ist und unsere Spezies auf eine unvergleichliche Laufbahn katapultierte – gebührt jedoch einer anderen Errungenschaft, die vor etwa 5000 Jahren in Mesopotamien entstand. Um welche Erfindung handelt es sich? Die Antwort liegt buchstäblich vor Ihrer Nase: Es ist die Schrift.
Um etwa 3000 v. Chr. entstanden die ersten Aufzeichnungen dessen, was wir heute als Schrift erkennen würden. Einfachere Zeichnungen und Symbole existierten zwar bereits viel früher, etwa in Form von Höhlenmalereien. Doch das Entscheidende an der Schrift ist, dass die Zeichen nicht mehr nur Dinge darstellen, die es gibt – beispielsweise ein Tier oder eine Waffe – sondern für gesprochene Laute stehen. Man kann sich den schrittweisen Übergang von Zeichnungen zur Schrift so vorstellen, dass die Zeichen nicht mehr nur Objekte abbilden, sondern zunehmend bestimmten Lauten entsprechen. Stellen Sie sich beispielsweise ein gezeichnetes Hühnerei neben einem Telefon vor. Ergibt das einen Sinn? Ja – wenn wir die Zeichen als Laute lesen: »Ei« und »Phone« – iPhone! Das Ei verliert hier seine Bedeutung als Objekt und wird nur noch wegen seines Lautes verwendet. Diese revolutionäre Idee entstand erstmals im alten Mesopotamien, im Gebiet zwischen Euphrat und Tigris im heutigen Irak. Dort entwickelte das Volk der Sumerer die sogenannte Keilschrift, deren Zeichen kurze Laute wie »mu«, »lu« oder »ki« repräsentierten. In anderen Teilen der Welt wurde diese Idee weiterentwickelt, und Zeichen begannen, nur noch einzelne Konsonanten wie »g«, »f« oder »s« darzustellen. Oft genügte dies, um verständliche Texte zu schreiben: Dsn Stz knn mn nch lsn, ncht whr? Es erfordert zwar etwas mehr Konzentration, doch der Inhalt bleibt erkennbar. Später fügte man noch Vokale wie »o«, »a« und »u« hinzu, um die Lesbarkeit weiter zu verbessern – ein System, das wir in abgewandelter Form bis heute verwenden.
Warum war die Schrift eine so bahnbrechende Erfindung? Vor allem aus zwei Gründen. Zum einen konnten die Menschen damit Dinge festhalten, die sehr abstrakt waren – sogar Gedanken, die zuvor noch niemand ausgesprochen hatte. Man stelle sich vor, wie stark das Innovationen beflügelte! Zum anderen ließ sich Geschriebenes über lange Zeiträume hinweg aufbewahren, zunächst auf Tontafeln, später auch auf Papier. Dadurch konnten neue Erkenntnisse oder Erfindungen rasch verbreitet werden. Stellen Sie sich einmal ein Leben ohne Schrift vor: Jede Idee, die sich nicht einfach in Bildern ausdrücken lässt, müsste mündlich überliefert werden. Würde diese mündliche Weitergabe auch nur einmal unterbrochen, müsste die Idee völlig neu erfunden werden. Die Schrift hingegen ermöglichte es, Wissen präzise festzuhalten und über Generationen hinweg aufzubewahren. So konnte jede neue Generation unmittelbar auf dem Wissen der vorherigen aufbauen. Ein revolutionärer Schritt, der den Fortschritt enorm beschleunigte.
Interessant ist vor allem die Frage, warum die Schrift überhaupt erfunden wurde. Man denkt vielleicht an Wissenschaft oder Literatur, doch die Antwort ist viel nüchterner: Der Ursprung der Schrift liegt in der bürokratischen Verwaltung. Versetzen Sie sich ins Mesopotamien vor 5000 Jahren. Mit dem Aufkommen der Landwirtschaft wuchsen die ersten Siedlungen auf mehrere Tausend Menschen an. Ab einer solchen Gruppengröße wurde es hilfreich, Dinge systematisch aufzuzeichnen. Die Organisation des Zusammenlebens von Zehntausenden erforderte eine sorgfältige Verwaltung: Land musste vermessen, Getreide gewogen und Menschen mussten gezählt werden. Sich allein auf das Gedächtnis oder mündliche Überlieferung zu verlassen, war für solch umfangreiche Aufgaben schlicht nicht praktikabel. Wenig überraschend geben daher die frühesten schriftlichen Aufzeichnungen auf Tontafeln hauptsächlich über Getreide, Steuern und Sklaven Auskunft. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten Zahlensysteme und grundlegende Rechenarten wie Addition, Multiplikation und Bruchrechnung – ebenfalls durch den administrativen Bedarf angeregt.
In den darauffolgenden 4000 Jahren entstehen auf der ganzen Welt große Zivilisationen, die kommen und gehen, in Südamerika, Indien, China, Europa und im Nahen Osten. Sie alle beruhen auf ähnlichen Prinzipien: Landwirtschaft, Krieg und Handel. Die Gemeinschaften wachsen immer weiter und umfassen teilweise Millionen von Menschen. Staaten mit zunehmend komplexeren Strukturen entstehen, und Wissen sowie Technik werden fortlaufend verfeinert. Doch der Fortschritt bleibt noch relativ langsam, denn alles muss von Hand geschrieben werden. Dies ändert sich schlagartig, als Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert den Buchdruck mit beweglichen Lettern in Europa einführt, fast 5000 Jahre nach der Erfindung der Schrift. In den folgenden Jahrhunderten explodiert die Buchproduktion: Schon Ende des 15. Jahrhunderts werden allein in Europa zwölf Millionen Bücher gedruckt sein. Ein Jahrhundert später sind es bereits 200 Millionen. Nun lassen sich Ideen nicht mehr nur für kommende Generationen bewahren, sondern auch rasch einem großen Teil der Menschheit zugänglich machen.
Mitten in dieser Informationsrevolution findet eine weitere Umwälzung statt, die die Welt radikal verändert und bis heute prägt: die wissenschaftliche Revolution. Zwar wurde Wissen schon lange gesammelt, doch mit moderner Wissenschaft, wie wir sie heute kennen, hatte dies bis zum 16. Jahrhundert herzlich wenig zu tun. Bis dahin beschränkte man sich meist auf Spekulationen und logische Herleitungen. Die griechischen Philosophen sind hierfür ein klassisches Beispiel – sie legten wenig Wert auf Datenerhebung oder Experimente. Entsprechend überrascht es kaum, dass das Weltbild großer Denker wie Aristoteles oder Hippokrates, so ausgeklügelt es auch sein mochte, im Großen und Ganzen falsch war. Erst im 16. Jahrhundert begann sich die wissenschaftliche Methode, wie wir sie heute verstehen, zu etablieren. Diese besagt, vereinfacht gesagt, dass nur das als wahr gelten kann, was durch Daten und Experimente belegbar ist. Alles andere bleibt bestenfalls Theorie. Ein Beispiel: In Europa hielt man die Erde jahrhundertelang für das Zentrum des Universums, gestützt auf detaillierte Theorien griechischer Philosophen. Dieses völlig falsche Weltbild hielt sich fast 2000 Jahre, nicht zuletzt dank der Kirche, die es zum Dogma erhoben hatte. Erst im 16. Jahrhundert begannen Wissenschaftler wie Kopernikus und Galilei, diese Vorstellung durch Daten infrage zu stellen. Heute wissen wir längst, dass die Erde weder im Zentrum des Sonnensystems noch des Universums steht. Doch diese Einsicht wurde nicht einfach »hergedacht«, sondern musste durch Beobachtungen und Experimente bewiesen werden.
Erinnern wir uns an den Zeitrahmen: Homo sapiens existiert seit etwa 300000 Jahren, doch erst vor rund 400 Jahren entwickelt er die wissenschaftliche Methode. Wenn wir die gesamte Geschichte unserer Art bis heute in ein einziges Jahr packen, taucht die moderne Wissenschaft erst am 31. Dezember am frühen Nachmittag auf. Was dann geschieht, ist beispiellos. Die wissenschaftlichen und technologischen Durchbrüche schießen wie eine Rakete nach oben, zuerst im übertragenen Sinne, kurz darauf sogar wortwörtlich. Innerhalb von nur dreihundert Jahren verdoppeln wir unsere Lebenserwartung auf achtzig Jahre, rotten Krankheiten aus, landen auf dem Mond und schicken riesige Datenmengen in Sekundenbruchteilen auf die andere Seite des Planeten. Stellen wir uns vor, wir könnten durch die Zeit reisen und eine Person aus dem frühen 18. Jahrhundert in die heutige Welt holen. Diese Person stünde wohl unter einem gewaltigen Schock und würde vielleicht sagen: »Mit Menschsein hat das nichts mehr zu tun.« Doch genauso ginge es uns, wenn wir die Lebensumstände von damals betrachten: ein Leben, das hart und kurz war, geprägt von Hunger, Kriegen, Krankheiten und ständiger Gewalt.
Das sollten wir uns stets vor Augen halten, wenn wir über das Heute und das Morgen diskutieren.
Wer Zukunftsvisionen entwirft, hört oft: »Das ist doch nicht mehr normal.« Aber ist die Welt, in der wir heute leben, überhaupt »normal«? Was bedeutet »normal« denn eigentlich? Im Grunde bezeichnet es nur das, was wir kennen und woran wir uns gewöhnt haben. Eine absolute Normalität gibt es nicht. Natürlich bedeutet nicht jede Kritik an Veränderungen automatisch Angst vor Neuem. Wenn wir etwas als »nicht normal« bezeichnen, drücken wir manchmal nur aus, dass wir eine Veränderung als ungerecht oder schlicht falsch wahrnehmen. Trotzdem macht uns die Vorstellung, dass die Zukunft radikal anders sein könnte als die Gegenwart, oft Angst. Wir fühlen uns im Vertrauten zu Hause; hier kennen wir die Regeln und wissen, wie alles läuft. Eine völlig andere Zukunft würde uns diese Orientierung nehmen. Wir würden uns hilflos fühlen – ohnmächtig.
Wenn wir die Geschichte der Menschheit mit ihren gewaltigen Zeiträumen besser verstehen, erkennen wir auch, warum wir so empfinden und reagieren, wie wir es tun. Die Veränderungen von einer Generation zur nächsten waren über den Großteil der Existenz von Homo sapiens hinweg kaum spürbar. Selbst vor wenigen Tausend Jahren konnten unsere Vorfahren davon ausgehen, dass das Leben in hundert Jahren mehr oder weniger dasselbe sein würde. Erst vor wenigen Jahrhunderten wurden Menschen geboren, die erstmals damit rechnen mussten, dass sich ihre Welt im Laufe ihres Lebens grundlegend verändern könnte. Doch selbst dann verlief der Wandel noch so langsam, dass die ältere Generation ihr Leben weitgehend wie gewohnt führen konnte, während sich die jüngere allmählich an neue Umstände anpasste. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein war es üblich, dass jemand sein gesamtes Berufsleben im selben Job verbrachte, auch wenn sich die Art der Arbeit langsam veränderte. Heute ist das eher die Ausnahme: Jobwechsel und sogar komplette Karrierewechsel werden zunehmend zur Regel. Vor einigen Jahrzehnten gaben nur wenige die Prognose ab, dass wir einmal nicht wissen würden, welche Jobs unsere Kinder haben werden. Heute ist dies längst Realität.
Es lohnt sich, diesen Kontrast nochmals zu betonen: Über den größten Teil unserer Existenz hinweg war Wandel kaum vorhanden oder verlief so langsam, dass er das Leben einzelner Menschen praktisch nicht berührte. Heute hingegen wissen wir nicht einmal, wie die Welt in zehn Jahren aussehen wird – außer, dass sie völlig anders sein wird. Wie sollen wir mit einer solchen Geschwindigkeit umgehen? Wird alles immer schneller, oder stoßen wir irgendwann an eine Grenze?
Werfen wir nochmals einen Blick auf einige der Kräfte hinter dieser Beschleunigung. Am Anfang stand die Schrift, mit der neue Ideen über Generationen hinweg festgehalten werden konnten. Die aufkommende Landwirtschaft ermöglichte das Leben in immer größeren Gemeinschaften und führte zur Arbeitsteilung. Einige Menschen konnten sich dadurch ein Leben lang der Bewahrung und Entwicklung von Ideen widmen. Der moderne Buchdruck beschleunigte die Verbreitung neuer Gedanken, und die wissenschaftliche Methode erlaubte es, diese Ideen systematisch zu überprüfen und praktisch anzuwenden. Auch der soziale Wandel trug zur Beschleunigung bei: Vor allem in freien Marktwirtschaften begann sich die Generierung neuer Ideen finanziell zu lohnen. Während früher Ideen oft aus reiner Neugier oder zur Unterstützung von Verwaltung und Staat entstanden, wurde es nun auch wirtschaftlich attraktiv, selbständig an neuen Ideen zu arbeiten. Und je mehr Menschen es gab, desto mehr Ideen und parallele Innovationen entstanden.
Es ist möglich, dass die Beschleunigung durch diese Faktoren ihren Höhepunkt bereits erreicht hat. Das Bevölkerungswachstum verlangsamt sich, und es gibt sogar Szenarien, nach denen die Zahl der Menschen ab etwa 2050 leicht abnehmen könnte. Auch die Ausbreitung liberaler Marktwirtschaften verläuft nicht mehr so stark wie in den vergangenen zwei Jahrhunderten.
Doch den wichtigsten Faktor, der die Beschleunigung in jüngster Zeit angetrieben hat, haben wir bisher nicht angesprochen: den Computer. Elektronische Computer sind eine relativ neue Erfindung, noch keine hundert Jahre alt. Die ersten Modelle wurden in den 1940er-Jahren, mitten im Zweiten Weltkrieg, gebaut. Diese Maschinen füllten damals ganze Hallen. Doch durch die fortschreitende Miniaturisierung entstand innerhalb weniger Jahrzehnte der PC – der »persönliche Computer«. Die ersten PCs kamen in den 1970er-Jahren auf den Markt, und in den 1980ern begann ihr weltweiter Siegeszug durch Macs und Windows-PCs. 1989 entwickelte Tim Berners-Lee am CERN in Genf das World Wide Web (WWW). Bald darauf begannen Millionen Menschen, über dieses Netzwerk von Computern zu kommunizieren. Diese Revolution war in ihrer Bedeutung vergleichbar mit Gutenbergs Buchdruck: Plötzlich hatten Menschen Zugang zum gesamten Wissen der Menschheit, und jede neue Idee konnte in Sekundenschnelle um die Welt reisen.
Die globale Digitalisierung ist zweifellos heute der stärkste Beschleuniger. Das liegt vor allem daran, dass viele Innovationen heute in digitaler Form existieren und sich dadurch in kürzester Zeit weltweit verbreiten können. Bei nicht digitalen Erfindungen dauert dieser Prozess deutlich länger. Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine hochinnovative Maschine entwickelt, die weltweit gefragt ist. Sie beginnen sofort mit der Massenproduktion, doch das braucht Zeit und Rohstoffe. Jede Maschine muss einzeln hergestellt und verschickt werden. Zudem sind viele neue Erfindungen erst ab einer bestimmten Mindestverbreitung wirklich nützlich. Denken Sie zum Beispiel an das Internet selbst. Die Infrastruktur musste zuerst aufgebaut werden, und anfangs war das Netz nur bedingt hilfreich, weil es nur wenige nutzten. Über die Jahre entstand ein Kreislauf, in dem mehr Nutzer und eine bessere Infrastruktur zu neuen Diensten führten, was wiederum weitere Nutzer anzog und zusätzliche Infrastruktur erforderte. Solche Kreisläufe brauchen Zeit und entwickeln sich meist über Jahrzehnte hinweg.
Mit Software geht alles nochmals schneller, vor allem, wenn sie direkt über das Internet genutzt werden kann. Ein modernes Beispiel ist ChatGPT, die weitverbreitete KI, die von OpenAI im November 2022 online gestellt wurde. Dank der globalen Vernetzung konnte ein Großteil der Menschheit sofort auf diese KI zugreifen, ohne Verzögerung. ChatGPT brauchte weniger als zwei Monate, um hundert Millionen registrierte Nutzerinnen und Nutzer zu erreichen – ein absoluter Geschwindigkeitsrekord, der inzwischen allerdings bereits wieder gebrochen wurde. Diese Dynamik wird zunehmend zur Normalität: Ein digitaler Service kann in kürzester Zeit riesige Menschenmengen erreichen. Manchmal haben solche Dienste einen tiefgreifenden Einfluss auf die Arbeitswelt oder unser digitales Verhalten, wie es bei KI der Fall ist. In diesen Momenten scheint es nicht nur so, als hätte sich die Welt über Nacht verändert – es ist tatsächlich so.
Mit dieser kurzen Zeitreise wollte ich zeigen, wie wir Menschen in einer derart schnellen Zeit gelandet sind. Dieses Phänomen ist relativ neu, und unsere Körper – vor allem aber unser Gehirn – hatten bisher kaum Gelegenheit, sich biologisch an diese neuen Realitäten anzupassen. Es ist wohl kein Zufall, dass Krankheiten wie Burn-out oder Angstzustände Rekordwerte erreicht haben, auch wenn diese natürlich nicht allein durch technologischen Wandel verursacht sind. Doch wir Menschen sind kulturell äußerst anpassungsfähig und konnten uns immer wieder erstaunlich gut auf neue Umstände einstellen. Diese Anpassung erfolgt jedoch oft nur sehr langsam. Der Physiker und Nobelpreisträger Max Planck bemerkte einmal: »Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass ihre Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.« Selbst in der ansonsten rasanten und innovationsfreudigen Wissenschaft sind einzelne Forschende oft nicht bereit, ihre Überzeugungen aufzugeben. Veränderungen gehen ihnen zu schnell, und es fällt ihnen schwer, neue Erkenntnisse zu akzeptieren. Das System als Ganzes passt sich zwar an, aber nur langsam und über Generationen hinweg.
Und genau hier liegt ein Grundproblem: Die Welt verändert sich durch die Kombination aus Internet und KI mittlerweile so schnell, dass wir uns ständig anpassen müssen – und zwar nicht mehr über Generationen hinweg, sondern innerhalb eines einzigen Lebens. Zu Max Plancks Zeiten (und vielleicht auch noch heute) konnten sich Wissenschaftler in bestimmten beruflichen Positionen noch leisten, an ihren Überzeugungen festzuhalten. In der marktwirtschaftlichen Welt ist das jedoch kaum möglich. Wer sich nicht anpasst, ist oft in wenigen Jahren »weg vom Fenster«. Die meisten von uns müssen daher lernen, mit diesen neuen Dynamiken umzugehen. Aber wie? Ein perfektes Rezept, das für alle funktioniert, gibt es nicht. Ein wichtiger erster Schritt ist jedoch, überhaupt zu verstehen, was um uns herum geschieht. Und nichts prägt diese Veränderungen derzeit so stark wie die Künstliche Intelligenz. Sie ist die treibende Kraft hinter dem rasanten Wandel unserer Zeit, und deshalb werden wir uns in diesem Buch intensiv mit ihr beschäftigen. Denn wer versteht, wie KI funktioniert, hält einen Kompass in Händen, mit dem man sich in diesen verrückten Zeiten zurechtfinden kann.
Das Thema Künstliche Intelligenz – oder eben KI – bewegt die Welt wie kaum eine Erfindung zuvor. Die Meinungen darüber, wie KI unsere Zukunft beeinflussen wird, reichen von düsteren Warnungen vor dem Ende der Menschheit bis hin zu visionären Vorstellungen, in denen KI alle Probleme der Menschheit löst. Man kann wohl ohne Übertreibung sagen, dass KI die wichtigste Erfindung der Menschheit ist. Doch ganz gleich, was die Zukunft bringt: KI ist bereits Teil unseres Alltags, wird aktiv eingesetzt und beeinflusst unser Leben schon heute. Höchste Zeit also, dass wir uns genauer ansehen, was KI eigentlich ist.
Beginnen wir mit dem Begriff »Künstliche Intelligenz«. Dieser ist leider etwas irreführend, denn erstens hat KI wenig mit »künstlich« zu tun, und zweitens bleibt »Intelligenz« ein unklar definiertes Konzept, über das sich Biologen und Verhaltensforscherinnen bis heute streiten. Der Begriff wurde 1955 von vier US-amerikanischen Computerwissenschaftlern geprägt, als sie eine Finanzierung für eine zweimonatige Studienphase erbaten. In ihrem Antrag stand folgender Text (Hervorhebung hinzugefügt):
Wir schlagen vor, im Sommer 1956 am Dartmouth College in Hanover, New Hampshire, eine zweimonatige Studie über künstliche Intelligenz mit 10 Personen durchzuführen. Die Studie soll auf der Grundlage der Vermutung durchgeführt werden, dass jeder Aspekt des Lernens oder jedes andere Merkmal der Intelligenz im Prinzip so genau beschrieben werden kann, dass eine Maschine dazu gebracht werden kann, es zu simulieren. Es wird versucht, herauszufinden, wie man Maschinen dazu bringen kann, Sprache zu benutzen, Abstraktionen und Konzepte zu bilden, Probleme zu lösen, die bisher dem Menschen vorbehalten waren, und sich selbst zu verbessern. Wir glauben, dass ein bedeutender Fortschritt in einem oder mehreren dieser Probleme gemacht werden kann, wenn eine sorgfältig ausgewählte Gruppe von Wissenschaftlern einen Sommer lang daran arbeitet.
