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Die Kurzgeschichten im "König Frosch" handeln von Menschen, die – manchmal völlig unverhofft – in den absurdesten Situationen miteinander in Kontakt kommen. Manchmal knistert es und es entwickelt sich etwas daraus, ein andermal wiederum nicht. In manchen Geschichten bleibt das Ende gänzlich offen. Und immer sind es andere Protagonist(inn)en, deren Namen nicht genannt werden. Manche spielen in der Gegenwart, manche in der Vergangenheit, dabei sind sämtliche Altersgruppen vertreten, vom Teenager bis zum Senior. Der Beginn, die Entwicklung oder das Ende einer Beziehung zwischen zwei Menschen stehen dabei stets im Vordergrund. So erlebt der Leser ein faszinierendes Kaleidoskop von dem unergründlichen Wunder, wie, wo und wann Menschen zueinanderfinden.
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Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Impressum 3
Einleitung 4
Vorwort 5
Das schüchterne Fröschchen 6
Drachenfels 10
Brief an einen Engel 17
Counting the stars 21
Mocambo 26
Charlemagne 32
Mr. Neckermann 38
Du bist eine Sünde wert 44
Süßer die Glocken 48
Traumpaar? 52
Gut Ding will Weile haben 55
Sweet Seventeen 61
König Frosch 65
Wien, nur Du allein! 67
Buena Ventura 72
Klassentreffen 77
So ein Akt 80
Superwoman 85
Pingpong 88
Spiele 91
Ohne Worte 94
Alphabetische Liebhaber 97
Nicht ganz zufällig? 101
Fischköpfe 104
Späte Liebe 107
Heimathafen 53 54 N, 9 97 O 112
Dienst ist Dienst 117
Täterä 121
Gemischtes Doppel 125
Vogelperspektive 133
Eis und heiß 137
Es war Notwehr! 142
Ein guter Tipp 148
Wie man sich täuschen kann 152
Auf Abwegen 158
Seitenwechsel 163
Kommst du jetzt? 167
¡Hola! ¿Qué tal? 171
Du musst ein Schwein sein 176
Kacke am Dampfen 183
Treffen sich zwei … 188
So ein Hundeleben 192
Die gute Fee 198
Größtes Glück! 201
Stella 204
Von null auf hundert 211
Die gleiche Macke 215
Kaminofen und Holzboden 220
Am Gehpunkt 226
Bauer trifft Emanze 230
Viva España 234
Danke 238
Anhang 239
wörter-liebe 240
Quadriga-Liebe 248
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-125-6
ISBN e-book: 978-3-99131-126-3
Lektorat: Alexandra Eryiğit-Klos
Umschlagfoto: Oksanaok, Frizzantine, Aridha Prassetya | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Einleitung
Die in diesem Buch erzählten Geschichten sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Allerdings gibt es bei einigen Erzählungen einen realen Hintergrund, der mir von lieben Menschen erzählt wurde.
Vorwort
In den Kurzgeschichten dieses Buches werden Menschen in diversen Situationen beschrieben, wie sie miteinander in Kontakt kommen, wo es knistert und wo sich etwas entwickelt oder auch nicht. Es handelt sich immer um andere Protagonisten, deren Namen nicht genannt werden. Es gibt aktuelle Ereignisse und solche aus der Vergangenheit und es gibt Erzählungen aus jeder Altersgruppe vom Teenager bis hin zum Senior. Immer stehen der Beginn, die Entwicklung oder das Ende einer Beziehung zwischen zwei Menschen im Vordergrund. Auf diese Weise erlebt der Leser ein Kaleidoskop des unergründlichen Wunders, wie, wo und wann Menschen zueinander finden.
Das schüchterne Fröschchen
Sie kannte dieses Gefühl schon, dieses innere Aufgewühlt sein und diese Unruhe, wenn sich ihr Blick mit einem anderen traf und ihr Puls spürbar in die Höhe schnellte. Sie spürte genau, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, und wollte am liebsten im Boden versinken, weil sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte. Sie war vor Kurzem 17 Jahre alt geworden und hatte bisher noch nie mehr daraus werden lassen als Verliebtheit und erste, vorsichtige körperliche Annäherungen.
Nun saß sie in dieser Straßenbahn, drei Sitzreihen hinter dem Fahrer. Sie war auf dem Heimweg von der Schule und sehr hungrig. Daher hatte sie sich eine Leberkäs-Semmel gekauft, von der sie gerade genüsslich abbiss, als sich der Straßenbahnfahrer in einer Haltestelle den Rückspiegel so einstellte, dass er sie sehen konnte. Dann dieser Moment: Sie wollte eben abbeißen, als ihr Blick auf besagten Spiegel fiel. Sie hielt in der Bewegung inne und starrte in die lächelnden Augen. Ewig, wie es ihr schien. Als sie zu sich kam, setzte sie die Semmel ab und packte sie mit hastigen Bewegungen ein. Sie war sich sicher, dass man in der Bahn essen durfte, aber es war ihr dann doch sehr peinlich. Plötzlich drehte sich der Mann zu ihr um, lächelte freundlich und sagte: „Essen Sie ruhig weiter, junge Frau. Kein Problem. Es hat nur so gut gerochen und ich hab einen Mordshunger.“ Sie konnte nicht mehr weiteressen. Aber ihr Blick schweifte immer wieder zu dem Rückspiegel ab. Diese Augen! Er war sicher viel älter als sie. Der dunkle Vollbart passte gut zu ihm, er ließ ihn sehr sympathisch wirken. Wahrscheinlich erschien er durch den Lockenkopf noch etwas jünger, als er tatsächlich war.
Wie der Zufall es wollte, stieg sie genau da aus, wo der Fahrerwechsel vollzogen wurde. Er war entzückt, als er sah, dass das Mädchen mit dem blonden, langen Haar und dem schüchternen Lächeln zum selben Bus ging wie er. Er hatte Dienstschluss und war auf dem Heimweg. Er konnte nicht anders, er musste sie einfach fragen: „Fahren Sie weit mit dem Bus?“ Wieder wurde sie rot und brachte knapp heraus: „Nein, nur zwei Stationen.“ „Dann haben wir ja Glück, dass hier die Endstation ist. So bleiben uns ein paar Minuten.“ Er spürte ihre Unbeholfenheit und ihre Unsicherheit. Das machte sie irgendwie interessant. In den wenigen Minuten des Gesprächs hatte er erfahren, dass sie ganz in der Nähe wohnte und dass sie die Strecke täglich fuhr. Eigenartig, sie war ihm noch nie aufgefallen. Er fragte sich, wie alt sie wohl sei. Er fürchtete, mit seinen 35 Jahren wäre er wohl jenseits von Gut und Böse für sie. Das Mädchen war sicher noch keine 20. Aber locker ließ er trotzdem nicht. Sie war anscheinend nicht abgeneigt, denn sie stellte sich im Bus gleich neben ihn. Als sie aussteigen musste, wusste er ihren Vornamen und dass sie noch zur Schule ging. „Ich würde mich freuen, wenn wir uns irgendwo wiedersehen!“, rief er ihr noch nach. Dann ging die Tür zu und der Bus fuhr weiter. Sie winkte ihm im Weggehen zu.
Für sie war dieses Erlebnis sehr verwirrend. In ihrem Kopf ging es drunter und drüber. Sie war schon ein paarmal verknallt gewesen, dachte sie. Aber solche körperlichen Reaktionen waren neu. Sie war richtig nervös gewesen, brachte kaum ein vernünftiges Wort über die Lippen. Heiß war ihr geworden und die Röte stieg ihr ins Gesicht, wenn er sie nur ansah. Seine ruhige, angenehme Stimme wirkte noch nach. Sie schmolz dahin. Als sie zu Hause ankam, verkroch sie sich sofort in ihrem Zimmer, mit der Ausrede, unheimlich viel zu tun zu haben.
In den nächsten Tagen beruhigte sie sich wieder und redete sich ein, dass sie ihn sowieso nie wiedersehen würde, außerdem war das letzte Schuljahr besonders wichtig. Sich jetzt dermaßen ablenken zu lassen, wäre suboptimal. Trotzdem erwischte sie sich immer öfter dabei, wie sie in vorbeifahrende Straßenbahnen schaute, um zu sehen, wer fuhr. Es war eine sonderbare Mischung von Erleichterung und Enttäuschung zugleich, als sie jedes Mal ein anderes fremdes Gesicht erblickte.
Etwa eine Woche später durchfuhr es sie wie ein Blitz, als sie bei derselben Station einstieg wie beim ersten Mal, nur diesmal ohne Verpflegung. Da saß er! In seiner eleganten Uniform, mit dem Wuschelbart und dem treuen Blick eines Teddybären. Als er sie erblickte, blitzten seine Augen auf. „Hallo“, hauchte sie und setzte sich auf denselben Platz wie vor einer Woche, den Rückspiegel im Blick. Er grüßte mit einer lässigen Handbewegung zurück. Ein Wunder, dass er sich trotzdem noch auf die Straße konzentrieren konnte, so wie die beiden flirteten. Kurz vor der Fahrerwechselstation deutete er mit der Hand in Richtung Busstation und warf ihr noch einen fragenden Blick zu, nicht ohne ein Zwinkern hinterherzuschicken. Sie setzte ihr strahlendstes Lächeln auf und nickte.
Im Bus herrschte zuerst betretene Stille. Dann fasste er sich ein Herz und sagte zu ihr: „Das ist ja eine schöne Überraschung! Ich hab gehofft, dass wir uns wiedersehen!“ „Ich auch … irgendwie …“ „Warum irgendwie?“ „Na ja, ich war mir nicht sicher, was das letztens war. Ich hab mir schon gedacht … hm …, aber dann auch wieder nicht.“ Er spürte erneut ihre Unsicherheit und fand sie dabei so süß. Dieses Mädchen hatte noch keine Erfahrung mit Männern, so viel war klar. Aber das war für ihn jetzt auch neu. Da musste er sehr vorsichtig sein. Nur nichts zerbrechen!
Wieder ergriff er die Initiative und wagte einen weiteren Vorstoß: „Hast du am Samstag ein Stündchen Zeit? Hättest du Lust, mit mir spazieren zu gehen? Dann könnten wir ein bisschen plaudern.“ Sie überlegte kurz. Hm, sie müsste sich für zu Hause eine passende Ausrede zurechtlegen … Sie sagte zu.
Nach diesem ersten Rendezvous trafen sie sich einige Wochen lang zum Spazierengehen und redeten miteinander über Gott und die Welt. Dabei tastete er sich ganz langsam und behutsam vor, erst mit zärtlichen Küssen, dann ein bisschen Streicheln. „Du bist etwas ganz Besonderes“, flüsterte er ihr ins Ohr, als sie zum ersten Mal in enger Umarmung am Teichufer standen. „Du bist mein Fröschchen. Das passt zu dir!“
Was ihr trotz ihrer Unerfahrenheit höchst seltsam vorkam, war, dass sie nie zu ihm nach Hause fuhren. Er holte sie immer mit dem Auto vom selben Treffpunkt ab, dann fuhren sie zum nahen Wald, in einen Park oder manchmal sogar in das Tonstudio, in dem er mit seiner Band regelmäßig probte. Ein bequemes Kuschelnest gab es also nicht. Geschmust wurde im Auto, im Gebüsch oder auf der Holzbank im Studio. Hinzu kam, dass er sie manchmal lange warten ließ und zu den Treffen mit recht viel Verspätung erschien. Vermutlich hörte sie auf ihr Bauchgefühl, jedenfalls blockte sie immer ab, wenn es zu mehr kommen sollte, obwohl ihr die Zärtlichkeit guttat und sie ihn wirklich gern mochte. Er verstand es so, dass sie sich noch nicht traute, und wollte nicht zu unwirsch vorgehen. Daher gab er jedes Mal nach und sagte: „Das wird schon, mein Fröschchen. Ich habe so viel Geduld, wie du brauchst.“
Irgendwann sprach sie ihn auf ihre Vermutung an, dass er womöglich zu Hause nicht allein sei. Anfangs stritt er das ab und fand tausend Ausreden, die sie zu glauben versuchte. Als sie aber darauf bestand, jetzt sofort mit ihm nach Hause zu fahren, bekannte er schließlich Farbe. Er war verheiratet, unglücklich zwar und schon länger eigentlich nur auf dem Papier, aber verheiratet. Das machte sie sehr traurig. Einerseits, weil er sie die ganze Zeit belogen hatte, andererseits, weil sie ihn wirklich sehr gernhatte und wusste, dass es nun vorbei war mit ihnen.
Bald darauf begegnete sie der wirklichen ersten Liebe ihres jungen Lebens und knüpfte dort an, wo sie mit dem einfühlsamen, vorsichtigen Kuschelbären aufgehört hatte.
Drachenfels
„Machst du mal ein Foto von mir?“, fragte sie ihn. „Am liebsten mit dem Drachenfels im Hintergrund.“ Er nahm ihre kleine Kassettenkamera und wollte sie knipsen. „Stell dich mal ein bisschen nach rechts, dann bekomme ich dich mitsamt der Ruine aufs Bild.“ Sie bewegte sich ein wenig in die angegebene Richtung und machte dann einen Kussmund, gerade als er auf den Auslöser drückte. „War der Kuss jetzt für mich?“, fragte er. „Nein, natürlich nicht, das wird ein Foto für meine Eltern zur Erinnerung.“ „Wollen wir dann zur Sicherheit noch eins machen?“ „Ja, das ist eine gute Idee, wo soll ich mich hinstellen?“ „Komm mal mit.“
Er nahm ihre Hand und zog sie zum Geländer am Rand des Platzes vor dem Restaurant. „Schau mal, wenn du hier stehst, sehe ich dich besser, deine Haare strahlen, deine Augen auch und im Hintergrund sieht man den Rhein.“ „Wo soll ich denn jetzt hinschauen?“ „Na, zu mir natürlich. Denk dran, das Bild ist für deine Eltern. Wie schaust du sie denn sonst an? So musst du jetzt auch mich ansehen.“ „Ach du lieber Gott, ich glaub, das kann ich nicht, da muss ich lachen.“ In diesem Moment löste er aus und sagte: „Ich glaub, das war grad richtig. Zeigst du mir die Bilder mal, wenn der Film entwickelt ist, und bekomme ich vielleicht einen Abzug?“ „Wieso willst du ein Bild von mir haben?“ „Na, zur Erinnerung an diesen schönen Tag“, erwiderte er und wurde auf einmal ganz rot im Gesicht, „und weil du mir gefällst.“ Sie prustete los: „Du Spinner, was willst du von mir? Ich bin erst zwölf. Und du bist viel älter, da kann ich mir schon vorstellen, was du im Sinn hast.“ „Blödsinn, mit 15 hat man noch nichts vor, ich hab nur gesagt, was ich empfinde. Deine braunen Augen sind wunderschön und deine in der Sonne schimmernden blonden Haare umrahmen dein Gesicht wie auf den Gemälden von berühmten Malern.“ Jetzt wurde sie ganz rot und wusste keine Antwort.
Auf der Rückfahrt vom Ausflug mit den Messdienern und Vorbetern saßen sie im Bus nebeneinander und redeten die ganze Zeit miteinander. Sie fragte ihn: „In welche Klasse gehst du?“ „In die Obertertia, und du?“ „Ich hätte gewettet, dass du aufs Gymnasium gehst. Ich bin in der Hauptschule in Klasse sieben.“ „Bist du eine gute Schülerin?“ „Na ja, geht so, und du?“ „Meine Mutter denkt, ja. Meine Lehrer sagen, ich bin zu faul. Wenn ich mehr machen würde, könnte ich bessere Noten haben.“ „Unsere Lehrer sagen zu mir immer, ich soll mehr mitmachen in der Klasse. Ich melde mich nie freiwillig, muss immer aufgefordert werden, was zu sagen.“ „Das ist bei mir genauso, in den Pausen quatsche ich stets mit den anderen Jungs, aber in der Stunde bin ich eher still. Der Lateinlehrer sagt immer: ‚Also, dann leg mal los‘. Damit ziehen mich die anderen schon auf.“ „Ich krieg auch immer so Aufforderungen wie ‚Was meinst du denn dazu?‘. Dann laufe ich knallrot an und stottere mir irgendwas zusammen.“ „In welchen Fächern bist du denn gut?“ „In gar keinem, ich hab fast nur Dreien und Vieren.“ „Da sind wir uns sehr ähnlich. Ich hab nur in Erdkunde und Religion eine Zwei, den Rest kannst du vergessen. In Latein habe ich letztens sogar eine Sechs geschrieben, weil ich wieder mal keine Vokabeln gelernt hatte.“ „Schimpfen dann deine Eltern mit dir?“ „Die wissen das gar nicht. Hab die Unterschrift meines Vaters unter der Arbeit gefälscht.“ „Ui, na du machst ja Sachen.“
So verging die Fahrt für beide sehr kurzweilig und er fragte sie, kurz bevor sie wieder zu Hause ankamen: „Morgen ist Sonntag, gehst du auch in die Kirche?“ „Ja, ich muss im Hochamt die Lesung vortragen.“ „Ach schön, dann sehen wir uns ja. Was hältst du davon, nach der Messe zusammen spazieren zu gehen? Hast du Lust?“ „Hm, ja, aber da muss ich mir eine Ausrede ausdenken, meine Eltern erwarten mich sonst um elf zu Hause zurück.“ „Kannst du nicht mit einer Freundin verabredet sein?“ „Doch, das könnte gehen. Ich frag Annemarie gleich mal.“ „Schön, dann bis morgen.“ Sie gaben sich zum Abschied nicht die Hand, weil keiner von beiden sich traute, und so ging jeder mit den Gedanken an den anderen nach Hause.
Seine Eltern wollten wissen, wie ihm der Ausflug gefallen hatte. Er antwortete nur kurz angebunden, dass es ganz nett gewesen sei, und verschwand in seinem Zimmer. Dort blieb er bis zum Abendessen und träumte sich zu ihr. Er stellte sich vor, dass er sie am nächsten Tag küssen würde, und hatte keine Ahnung, wie sich das anfühlte. Er küsste sich selbst auf seine Hand, schleckte dabei die Haut mit der Zunge ab. In einem Film letztens im Fernsehen hatte er gesehen, dass ein Liebespaar beim Küssen nicht nur die Lippen aufeinanderdrückte, sondern dass sie sich offensichtlich auch ihre Zungen gegenseitig in den Mund schoben und sich damit streichelten. Wie würde das sein? Würde sie das auch wollen? Oder war das heute nur ein einmaliges Erlebnis gewesen? Seine Mutter hatte ihm kürzlich ein Buch geschenkt mit dem Titel: „Woher kommen die kleinen Jungen und Mädchen?“. Das hatte er sehr schnell ausgelesen, auch weil er das meiste schon vom Hörensagen kannte. Jetzt dachte er darüber nach, ob denn nach dem Küssen automatisch auch mehr folgen würde oder wie lange man damit warten musste. Im Buch stand, dass man nur mit Mädchen schlafen sollte, mit denen man sich auch vorstellen konnte, zusammenzubleiben. Das zu entscheiden, war nach einem halben Tag noch zu früh. Also wollte er es erst mal langsam angehen lassen. Aber küssen würde doch vielleicht gehen.
Sie kam freudestrahlend nach Hause und erzählte ihrer vier Jahre älteren Schwester, dass sie einen Jungen kennengelernt hatte. „Und, habt ihr schon geknutscht?“, fragte Erika. „Bist du blöd, wir waren doch die ganze Zeit mit den anderen zusammen. Und der Pfarrer hat uns auch schon komisch angesehen. Aber morgen nach der Messe gehen wir spazieren. Vielleicht küssen wir uns dann.“ „Danach musst du mir erzählen, wie sich das für dich angefühlt hat. Ich war beim ersten Mal ganz hin und weg und konnte nachts nicht schlafen.“ „Du meinst beim ersten Kuss?“ „Ja sicher. Inzwischen habe ich ja schon ein paar Jungs geküsst. Ernst, mein Erster, war dann doch nicht der Richtige. Freddy, mit dem ich grad gehe, ist ihm um Längen voraus. Aber der ist schon 18 und will immer mit mir ins Bett. Bis jetzt konnte ich das noch verhindern. Wir haben nur geschmust und uns gegenseitig ein bisschen gestreichelt. Aber ich glaube, lange wird’s nicht mehr dauern, dann schlafen wir miteinander.“ „Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Hab jetzt schon Bammel vor dem ersten Kuss.“
Am Sonntag saß sie in der ersten Reihe und lächelte ihm zu. Als Messdiener saß er am Altar in einem der Chorstühle. Er schaute nur ganz kurz zu ihr hin, weil er befürchtete, dass es auffallen könnte. Schließlich waren seine Eltern und sein jüngerer Bruder auch in der Messe, allerdings viel weiter hinten. Er hoffte, sie würden es nicht sehen, wenn er heimlich zu ihr hinüber schielte. Nach der Messe machte er sich noch in der Sakristei zu schaffen, räumte den Kelch weg, redete noch ein paar Sätze mit dem Pfarrer und zog ganz langsam sein Messdienergewand aus, weil er hoffte, seine Eltern würden dann inzwischen schon auf dem Heimweg sein. Tatsächlich war der Platz vor der Kirche jetzt fast leer, nur drei ältere Damen debattierten vor dem Portal noch heftig miteinander. Anscheinend hatte es irgendwo einen Einbruch gegeben und sie redeten darüber, dass die Polizei viel zu langsam sei und dass alle jetzt Angst haben müssten, dass sich solche Vorfälle wiederholten. Dann sah er sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite in einem Hauseingang stehen und winkte ihr zu.
„Du hast dir ganz schön Zeit gelassen, ich dachte schon, du wärst heimgegangen und hättest mich vergessen.“ „Wie könnte ich dich vergessen, wo ich mich doch so auf dich gefreut habe! Wollte nur sicher sein, dass meine Eltern weg sind. Wo wollen wir hingehen?“ „Weiß nicht, irgendwo aus dem Dorf heraus, damit uns keiner sieht, oder?“ „Okay, dann lass uns hier die Gasse langgehen, am Ende können wir dann in Richtung des Feldweges abbiegen, der zu dem kleinen Wäldchen führt. Kennst du das?“ „Nein, du?“ „Ja, ich fahre da oft mit dem Fahrrad hin, in der Mitte ist eine Lichtung mit einer Bank. Da könnten wir uns hinsetzen.“
Sie gingen, ohne zu sprechen, und vor allem, ohne sich anzufassen, nebeneinanderher. Nach 20 Minuten kamen sie an der besagten Bank an. Er säuberte die Bank mit seinem Taschentuch, damit sie sich ihr hellblaues Kleid mit den braunen Punkten nicht schmutzig machte. Als sie dort saßen, fiel zunächst keinem von beiden etwas ein. Erst nach einigen Minuten fragte er: „Hattest du zu Hause ein Problem, wegzukommen?“ „Nein, hab gesagt, ich gehe noch zu Annemarie, und sie weiß Bescheid. Aber um halb eins muss ich zu Hause sein.“ „Ja, ich auch, da wird auch bei uns gegessen.“ „Was hast du denn zu Hause erzählt?“ „Nichts bisher. Ich werde nachher sagen, dass ich noch mit Freddy spazieren war, und auch noch hinzufügen, dass wir hierhergegangen sind. Das ist ja dann fast wahr.“
Einige Minuten später fragte er sie: „Hast du schon mal einen Jungen geküsst?“ „Nein, aber du hast sicher schon viele Mädchen gehabt.“ „Na klar, jede Woche eine andere“, erwiderte er und lachte dabei. Sie wusste nicht, ob er das ernst meinte, und schaute ihn mit ihren rehbrauen Augen an. Er grinste immer noch und sagte: „Quatsch, natürlich habe ich nicht jede Woche eine andere. Tatsächlich hätte ich gern eine Freundin. Willst du mit mir gehen?“ Dabei lief er puterrot an. „Oh, du fragst aber ganz schön schnell. Darf ich mir das noch überlegen?“ „Magst du mich nicht oder gefalle ich dir nicht?“ „Doch, schon, aber ich bin sehr unsicher, was das bedeutet, mit dir zu gehen.“ „Na, dass wir uns häufiger treffen und so.“ „Was ist denn und so?“ „Keine Ahnung, was wir eben beide gern machen. Darüber haben wir ja noch nicht gesprochen. Das müssen wir rausfinden.“
Gegen zwölf machten sie sich auf den Rückweg und keiner von beiden wollte den ersten Versuch machen. So fassten sie sich nicht bei den Händen, sondern gingen wieder wortlos zusammen zurück. Kurz bevor sie das Dorf erreichten, fragte er sie: „Wollen wir uns morgen treffen?“ „Morgen kann ich nicht. Montags komme ich erst um zwei aus der Schule und nachmittags habe ich Klavierstunden. Dann muss ich immer pünktlich zurück sein, weil ich danach meine Hausaufgaben machen muss und mein Vater die immer nachschaut.“ „Und am Dienstag?“ „Das geht besser. Da hab ich nachmittags sicher ab drei Uhr Zeit.“ „Und möchtest du, dass wir uns sehen?“ „Ja, wenn du das auch willst.“ „Würd ich sonst fragen?“ „Wo sollen wir uns treffen?“ „Dienstags ist doch immer das Jugendheim offen, da spiele ich manchmal Tischtennis. Wir könnten uns dort treffen und dann zusammen weggehen.“ „Gute Idee. Also dann bis Dienstag um drei.“
Ohne eine Berührung oder ein Wort gingen sie auf der Hauptstraße auseinander, jeder in die andere Richtung. Sie drehte sich nach 100 Metern noch mal um, winkte ihm zu und ging hüpfend nach Hause. Er bekam das Grinsen nicht aus seinem Gesicht und fragte sich: „Wieso hab ich nicht wenigstens ihre Hand genommen?“ Von Küssen konnte ja schon gar keine Rede sein. Er war doch sonst nicht schüchtern, wenn er mit Jungs zusammen war. Aber das hier war etwas anderes. Er hatte nicht den Mut gehabt, sie zu fragen beziehungsweise einfach ihre Hand zu berühren. Wieso war das so schwierig? Na, vielleicht beim nächsten Mal.
Der Montag verging für beide schleppend langsam. Sie ertappte sich dabei, dass sie in der Schule und auch nachmittags bei der Klavierstunde dauernd an ihn denken musste und falsche Noten spielte. „Ob er mich morgen küssen wird?“, dachte sie. Ich werde jedenfalls nicht den ersten Schritt tun, das muss schon er machen. Und er schrieb in der Englischstunde wieder mal eine Fünf, nicht weil er nicht gelernt hatte, sondern weil er in Gedanken dauernd bei ihr war.
Am Dienstag nach der Schule zog er seine Jeans aus und seine beste Hose an. Eine apricotfarbene Stoffhose mit weitem Schlag, wie sie gerade modern war. Dazu nahm er ein knallgelb-orange gestreiftes Hemd und machte seine Haare nass, damit sie nicht so widerspenstig vom Kopf abstanden. Seine Mutter fragte: „Wo gehst du denn hin, dass du dich so rausputzt wie ein Papagei?“ „Ich geh ins Jugendheim zum Tischtennis.“ „Aber dann pass auf, dass die schöne Hose nicht schmutzig wird.“ „Mama, das musst du mir nicht sagen, ich werde jetzt erwachsen.“
Brief an einen Engel
Weißt Du, dass ich noch heute an Dich denke? Es ist so lange her, und doch sofort wieder da, wenn ich es aus den Tiefen meiner Erinnerungen hervorhole, wenn ich es zulasse.
So begann sie, einen Brief zu schreiben, an ihn, der schon viele Jahre nicht mehr da war, dem sie aber noch so viel sagen wollte. Sie hatte das schon lange vor, aber es kam nie dazu. Inzwischen war so viel geschehen und sie meinte, es wäre jetzt an der Zeit.
Hast Du es auch so schade gefunden, dass uns die Silberhochzeit nicht gegönnt war, dass Du ein Jahr vorher gehen musstest? Wir waren damals gerade dabei, wieder zusammenzufinden. Ein paar harte Jahre lagen hinter uns. Wir hatten uns erfolgreich zusammengerauft und gemeinsam noch einiges vor. Das Schicksal hat es anders gewollt und mich allein auf den weiteren Weg geschickt. Mit dem Fortschreiten der Jahre haben sich meine Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit verändert. Anfangs, in den schlimmen Monaten der endlosen Trauer, der beklemmenden Träume und des Schocks, jetzt mit allem allein dazustehen, hatte ich nur daran gedacht, dass es gerade wieder begonnen hatte, schön zu werden. Du hattest endlich verstanden, was es heißt, „miteinander“ zu leben. Ich hatte eingesehen, wie wichtig Dir Dein persönlicher Freiraum war. Nach einiger Zeit war alles dem Zorn gewichen. Ich war Monate beschäftigt mit Dingen, die ich noch für Dich erledigen musste. Deine Sammelleidenschaft war mir zum Verhängnis geworden. In meinen Gedanken vermischten sich die guten und die schlechten Zeiten zu einem bunten Wirrwarr der Gefühle. Mit der Zeit kamen zwar immer seltener die Erinnerungen zurück, aber dafür immer schönere. Und heute, es ist ziemlich genau 40 Jahre her, dass wir uns kennengelernt haben, habe ich das Bild vor mir, wie das damals war.
Sie trank einen Schluck von ihrem Kaffee und ließ alles noch einmal an sich vorüberziehen. Und sie schrieb sich alles von der Seele.
Ich war noch nicht ganz 18 Jahre alt. Da kamen meine Schwester und ich auf die Idee mit dem CB-Funk. Jede hatte ein Funkgerät, und in jeder freien Minute waren wir am Breaken, so sagte man, wenn man ein Funkgespräch führte. Weißt Du noch, mein Nickname war Laubfrosch, meine Schwester war schon damals die Eule. Mit der Zeit kamen wir in einige CB-Runden hinein, die regelmäßig auf dem Band waren. Und so brachten wir manchen Abend mit mehr oder weniger sinnigen Gesprächen herum, bis uns die Augen zufielen. Eines Abends war es dann so weit. Ein Funker mit einer Stimme zum Dahinschmelzen mischte sich ins Gespräch, gerade als wir uns zum Schlafengehen verabschieden wollten. Ich glaubte sofort zu erkennen, dass er nicht in unserem Alter war. Durch und durch ging diese männliche Stimme: „Das geht nicht. Ihr könnt jetzt nicht auf zwei Meter gehen! Jetzt wird’s erst lustig!“ Das warst Du. Dein Nickname sorgte bereits für den ersten Lacher: „Ich bin der Nasenbohrer.“ Du lieber Himmel, war das komisch! Als ich Deine Frage beantwortete, ob wir eine Handgurke (Handfunkgerät) oder eine Feststation hätten, warst Du mit Lachen an der Reihe, denn Du wusstest gleich, dass unsere Geräte eine Reichweite von etwa 200 Metern hatten, wenn keine Wand dazwischen ist. Das hieß aber, dass Du nicht weit weg sein konntest. Das war damals richtig aufregend. Irgendwann mussten wir aber doch die noch immer fröhliche Runde verlassen, uns „abklemmen“, denn am nächsten Tag hieß es früh aufstehen. Die Schule rief. Von da an hörten wir uns täglich und bald begannen wir, auch allein zu funken. Dein Ruf „Laubfrosch, Laubfrosch, QRZ“ klingt heute noch in meinen Ohren. Du hattest damals sehr viel Zeit, weil Du gerade von einem Arbeitseinsatz im Ausland zurückgekommen warst und Urlaub hattest. So konntest Du mich auch nach der Schule anfunken und mich heimbegleiten. Wir hatten schon unseren festen Kanal und wussten bald, wann wir erreichbar waren. Wochen später fragte ich Dich endlich, warum Du so oft in der Nähe seist. Ich kam mit meinem Gerät ja nicht weit. Da sagtest Du: „Weil ich gern mit dir plaudere. Es ist lustig und interessant. Macht einfach Spaß!“ Das Kribbeln in meinem Bauch wollte gar nicht mehr aufhören. Es war wie eine Sucht. Ich fieberte jeden Tag unseren Gesprächen entgegen, konnte bald an nichts mehr anderes denken. Ich wollte wissen, wie Du wirklich heißt, wer Du bist, wo Du wohnst. Die Spannung stieg ins Unermessliche. Dann kam der Tag, an dem ich früher als üblich auf dem Heimweg war. Wir unterhielten uns wie gewohnt, doch als ich sagte, ich sei jetzt vor dem Haus, nahmst Du die Sache endlich in die Hand und fragtest: „Wenn du noch Zeit hast, dann könnten wir uns sehen. Möchtest du?“ Mir wurde ganz heiß und ich war froh, dass Du nicht sehen konntest, wie rot ich wurde. Ein bisschen mulmig war mir schon zumute. Sollte ich mich wirklich darauf einlassen? Was, wenn ich dann enttäuscht wäre? Aber die Neugier hat gesiegt. „Das ist eine gute Idee!“, sagte ich. „Wo bist du denn? Wie finde ich dich?“ Deine Erklärung war sehr verwirrend, aber genauso spannend wie unsere Gespräche: „Geh die Straße hinunter. Dort stehe ich mit einem Ruderboot mit Scheibenwischern.“ Ich sah förmlich vor mir, wie Du Dich vor Lachen biegst, weil ich so langsam von Begriff war. Die Straße führte entlang der Donau. Das ließ mich natürlich im ersten Moment wirklich an ein Boot denken. Also hielt ich Ausschau nach einem solchen. Nach ein paar Minuten konntest Du mich schon beschreiben. Du sagtest mir, welches Kleid ich trage, wie ich aussehe und was für eine Schultasche ich habe. „Das kann doch gar nicht sein! Du musst doch da irgendwo stehen!“, brummte ich schon leicht verzweifelt. Und plötzlich standest Du vor mir. Neben einem dunkelbraunen Saab 99. „So sieht also der kleine Laubfrosch aus!“, sagtest Du leise und ich war sprachlos.
So hat das damals mit uns angefangen. Niemand konnte wissen, was sich daraus entwickeln würde. Auch dass Du 15 Jahre älter warst als ich, konnte man damals nicht als gut oder schlecht für uns werten. Es war, wie es war. Ich habe vieles genossen und manches hat mich gestört. Aber so wie Du gewesen bist, als Mensch, als Kumpel für Deine Freunde und zuletzt auch als Vater für Dein Kind, hast Du für mich zu den Guten gehört. Daher bin ich ganz sicher, dass Du jetzt ein Engel bist, wahrscheinlich sogar einer meiner fleißigen Schutzengel. Darum möchte ich auch nur mehr die guten Erinnerungen behalten und danke Dir für die schöne Zeit, die wir miteinander hatten!
Als sie die letzten Zeilen schrieb, sah sie ihn vor sich und erinnerte sich, was er zwei Wochen vor seinem Tod gesagt hatte. Er hatte sie in den Arm genommen und geflüstert: „Ich würde dich sofort wieder heiraten, wenn ich noch einmal die Wahl hätte.“ Sie spürte, wie er sie fest an sich drückte. Und sie erinnerte sich, dass sie in dem Moment nachgedacht hatte, ob sie auch noch einmal diesen Schritt mit ihm machen würde. Es tat ihr jetzt leid, dass sie diesen Satz nicht erwidert hatte. Jetzt tropfte eine Träne auf den Brief, den sie gerade zusammenfaltete und in ein Kuvert steckte.
Dann fuhr sie zum Friedhof und stellte eine Kerze in die Laterne. Es wurde diesmal ein langes Gespräch mit dem Engel. Sie las ihm den Brief vor und wartete irgendwie auf eine Antwort.
Counting the stars
Die Jugendherberge in Bakkum in Holland war ein sehr altes Gebäude. Er war mit seinen beiden Freunden Erwin und Benno vor drei Tagen mit dem Fahrrad hier angekommen. Der Hintern tat ihm immer noch weh, denn die mehr als 300 Kilometer waren für ihn ungewohnt. Auch wenn er zu Hause immer mit dem Fahrrad in die circa zehn Kilometer entfernte Stadt zur Schule fuhr, so waren doch jeweils etwa 100 Kilometer an drei Tagen hintereinander ein heftiger Ritt gewesen. Beim Frühstück konnte er kaum ruhig sitzen und war froh, dass er danach zum Strand laufen konnte. Dort breitete er sein Handtuch aus, legte sich darauf und schaute in den Himmel. Die Wellen der Nordsee kamen seinen Füßen ziemlich nahe und er verlegte seinen Standort weiter weg. Benno und Erwin hatten nicht mitkommen wollen. Sie hatten sich gestern einen Sonnenbrand geholt. Er drehte sich auf die Seite und beobachtete eine Gruppe Mädchen, die etwas weiter weg auch im Sand lagen oder saßen. Sie waren ihm schon gestern Abend in der Jugendherberge aufgefallen, als sie alle aus einem Bus gestiegen waren. Etwa 20 Engländerinnen, die scheinbar mit einem Lehrer oder Betreuer hierhergekommen waren.
Jetzt am Strand konnte er erkennen, dass nur etwa die Hälfte der Gruppe hier war. Es war kein Begleiter dabei und entsprechend ausgelassen und kichernd unterhielten sich die Mädels. Manchmal hörte er Wortfetzen zu ihm herüberwehen. „Hey, let’s go swimming.“ „No, it’s too cold.“ „Come on, you frozen turkey, let’s give it a try.“ Er beobachtete, wie drei Mädels eine andere an Armen und Beinen packten und zum Wasser schleppten. Sie wehrte sich heftig, konnte aber nicht verhindern, dass die drei sie in die erste ankommende Welle warfen. Dabei waren die drei nur bis zu den Oberschenkeln im Wasser und lachten sich krank, als die Untergetauchte wieder aufstand. „You silly bitches“, prustete diese, „I will kill you.“ Sie stapfte langsam zurück zu ihrem Platz und fing an sich abzutrocknen. Die anderen schauten ihr feixend und kichernd zu.
Er hatte Mitleid mit ihr und wollte zu ihr hingehen, um ihr zu helfen, aber er traute sich nicht. Immerhin waren es acht Mädels und wer weiß, was sie mit ihm anstellen würden. So schaute er dem Treiben der Gruppe weiter zu. Zwei andere Mädchen gingen jetzt zum Wasser und tauchten ihre Füße ein. Weiter als bis zu den Knien wagten sie sich nicht vor und standen bibbernd da. Kurz darauf stakten sie zu den anderen zurück und es dauerte nicht lange, da bewarfen sich alle mit Sand. Die kleine Dunkelhaarige, die sie zuvor ins Wasser geschleppt hatten, saß immer noch zitternd am Rand der Gruppe. Als die anderen begannen, auch sie mit Sand zu traktieren, wurde es ihr zu bunt und sie nahm ihre Sachen und lief davon. „Hey, are you still angry with us?“, rief ein anderes Mädchen hinter ihr her. Sie schaute sich um und rief zurück: „No, I am only very cold and want to take a hot shower.“
Er folgte ihr. Kurz vor der Jugendherberge holte er sie ein. „Hi, I saw the girls threw you into the sea. Can I help you somehow?“ „No, thanks. I need a hot bath only. Then I’ll be fine.“ „Can we meet after dinner?“ „Maybe, let’s see. Do you also live here in the hostel?“ „Yes, upstairs, with the other boys. So, shall we meet around eight outside the building?“ „Okay, but now I need to run to get warm again.“
Nach dem Abendessen wartete er vor dem Haupteingang, aber sie kam nicht. Nach einer halben Stunde ging er zurück ins Haus und als er durch die Eingangshalle spazierte, sah er, dass im Hof viele Leute saßen und standen und er hörte auch Musik von dort. Der Betreuer der englischen Mädchen hatte eine Gitarre dabei und spielte die letzten neuen Songs von den Kinks. „Sunny Afternoon“, grölten gerade alle mit und er ging langsam zu den anderen.
Sie saß im Halbdunkel in der Ecke bei der Küche und schnatterte aufgeregt mit den anderen Mädchen. Dabei schaute sie in seine Richtung und er hatte das Gefühl, sie spreche über ihn. Das ließ seinen Blutdruck steigen und sein Gesicht lief rot an. Gut, dass es inzwischen fast dunkel war und nur ein wenig Licht vom Lagerfeuer auf ihn fiel, so konnte man nicht erkennen, woher die Farbe in seinem Gesicht kam.
Seine beiden Freunde kamen auch dazu und sie setzten sich zu den Übrigen auf den Boden. Als dann der Gitarrenspieler „You really got me“ anstimmte, sprangen alle Mädels auf und tanzten wie wild dazu. Er kannte den Text nur zum Teil, aber er hatte das Gefühl, das Stück würde für ihn gespielt. Beim Refrain sang er laut mit und schaute dabei in ihre großen, strahlenden Augen. „You really got me, you really got me, you really got me, so I can’t sleep at night …“ Sie sah ihn an und lächelte.
Später, als der Mann mit der Gitarre aufhörte zu spielen, legte jemand die Platte der Kinks auf und es wurde wieder getanzt. Er hörte die Musik und den Text:
Dandy, where you gonna go now?
Who you gonna run to?
All your little life you’re chasing all the girls
They can’t resist your smile
Oh
They long for. Dandy …
Er fühlte sich komisch, als er diese Worte mitsang, denn er meinte nicht, dass er ein solcher Dandy sei. Sie kam zu ihm herüber und fragte: „Do you listen to these songs in Germany as well?“ „Sure, we do. We don’t have something similar in German, so English and American pop music is what most of us listen to. Are the Kinks your favorite group?“ „Not really, but I like them. I prefer the Beatles. What about you?“ „At the moment, my favorites are the Rolling Stones. Their latest single, ‚Paint it black‘, is running all day on my recorder. I think it is a great piece of music.“ „Hm, the Stones are a bit too rough for me; I prefer the softer style by John Lennon and Paul McCartney. Do you know ‚Paperback Writer‘?“ „Yes, sure, that is also nice.“
So tauschten die beiden sich rege miteinander aus und Erwin und Benno gingen nach einiger Zeit weg, weil ihr Englisch nicht so gut war und sie nicht wirklich mitreden konnten. Ihm war das ganz recht und er trank ein paar Bier mit ihr. Nach einiger Zeit merkte er, dass sie leicht angetrunken war. Er fragte sie: „Shall we go for a walk somewhere?“ „Ugh, I don’t know. I think I better go sleep.“ „Oh, come on, you can sleep later. Let’s go and have a look at the stars.“
Er nahm sie bei der Hand und führte sie durch die Halle zum Haupteingang und dann nach draußen. Dort schlug er den Weg in Richtung eines kleinen Wäldchens ein und zog sie einfach mit. Er merkte, dass sie manchmal schwankte, und nahm sie in den Arm. „Hey, what are you doing?“, rief sie. „I am just holding you so you don’t stumble.“
Nach ein paar Hundert Metern kamen sie an einen Platz, an dem er sie fester in den Arm nahm, ihr Gesicht zu sich drehte und sie vorsichtig küsste. Sie erwiderte den Kuss nicht wirklich und schaute ihn nur aus großen Augen an. Er fragte sie: „Do you feel sick?“ „I think I am bit dizzy.“ „Let me hold you and let’s have a look at the magnificent sky.“
Sie schauten beide in den Himmel und sahen Zigtausende von Sternen, weil der Abend so wunderbar klar war, was in der dunklen Umgebung, in der sie sich befanden, umso mehr zur Geltung kam. „Oh, what a marvelous heaven!“, rief sie plötzlich aus. „I think I have never seen so many stars at the same time!“ „Can you count the stars?“ „Not really. They are too many.“ „Look at the bright one there, it is sparkling like your eyes, I would like to remember this moment forever.“ Dann küsste er sie noch einmal und diesmal fühlte es sich richtig an. Etwas später gingen sie zurück zur Herberge.
Am nächsten Morgen machten die Mädels alle zusammen einen Ausflug nach Alkmar und er sah sie erst abends wieder. Es ergab sich aber keine Gelegenheit für ein Gespräch. Erst am folgenden Morgen beim Frühstück ging er wie zufällig an ihrem Tisch vorbei und flüsterte ihr ins Ohr: „Hey darling, it is such a wonderful day today. You want to join me to the beach?“ „Sure, the other girls also want to go. We will meet there.“
Eine halbe Stunde später trabte er zum Strand. Kurz darauf hörte er das Gebrabbel der Engländerinnen und sie kam direkt zu ihm hin. Sie zeigte ihm eine Postkarte, die sie an ihre Eltern geschrieben hatte. Er las:
Dear Mom and Dad,
We have a great time here in Holland. The weather is fantastic and we have a lot of fun with the other girls. I also met some boys from Germany. One of them is really very nice.
Love, L.
Er blickte sie an, sah das Strahlen in ihren blauen Augen und sagte: „The star from the other night is again in your eyes. I have never seen this before. You really got me.“
Mocambo
Er sah sie zum ersten Mal auf dem Kastell. Er war mit seinem Freund von Taormina auf ihrem Roller nach Castelmola gefahren. Sie war mit ihrer Freundin zu Fuß die steilen Treppen hochgekommen. Als er genauer hinschaute, entdeckte er ihre Sommersprossen, ihre braunen Augen, die kleinen Schweißperlen auf der Stirn und es traf ihn wie der Blitz. Er lächelte sie an, sie schaute ihn nur aus ihren dunkelbraunen Augen an und er beobachtete ein leichtes Zittern ihrer Lippen.
Am nächsten Tag waren er und sein Freund am Strand von Naxos. Er holte gerade zwei Bier von der Bar, als er an den Liegestühlen vorbeikam, in denen sie und ihre Freundin lagen. „Mögt ihr auch ein Bier?“ Sie kicherte und meinte: „So früh am Tag trink ich noch kein Bier. Aber du kannst mir eine Cola bringen.“ Das machte er und sie unterhielten sich ein wenig übers Wetter und Italien. Sie fragte ihn, ob er noch woanders hinwolle. Er erzählte, dass sie morgen mit dem Roller zur Alcantara-Schlucht fahren wollten. Sie sagte, dass sie in drei Tagen mit ihren Bekannten den Ätna auf dem Plan hatten.
Abends ging er allein in die „Mocambo“-Bar im Zentrum von Taormina. Sein Freund war müde und wollte nicht mit. Zufällig traf er sie zum dritten Mal, denn sie war mit ihrer Freundin auch in der Bar. Er fragte, ob er sich dazusetzen dürfe, und sie unterhielten sich lange. Die Freundin merkte, dass sie überflüssig war, und ging ins Hotel. Sie blieb noch und dann erzählten sie sich vieles aus ihrem Leben und von ihren Träumen. Sie erklärte ihm, dass sie mal heiraten wolle und am liebsten zwei Kinder hätte. Er sagte, dass er noch verheiratet sei, aber von seiner Frau getrennt lebe und schon eine Tochter habe.
Später begleitete er sie ins Hotel. Vor der Tür verriet sie ihm, dass sie am nächsten Tag für vier Tage nach Syrakus fahren würde. Er musste in zwei Tagen nach Hause fliegen. Zum Abschied küssten sie sich und das schmeckte nach mehr.
Im Hotel konnte er nicht schlafen und fing an zu lesen. Sein Freund maulte, er solle das Licht ausmachen, so könne er nicht schlafen. Er löschte das Licht und war dennoch die ganze Nacht wach, spürte ihre Lippen auf seinen und wollte sie wiedersehen. Da fiel ihm ein, dass er nichts von ihr wusste, nicht einmal wie sie hieß. Wie sollte er es also anstellen, sie wiederzusehen? Er zermarterte sich das Hirn und plötzlich hatte er eine Idee.
Am nächsten Morgen ging er um sechs zur Busstation. Die Bar nebenan machte gerade auf und er holte sich einen Espresso. Als er die vierte Tasse trank, kamen die Mädels die Straße entlang. „Was machst du hier?“ „Wir haben vergessen, Adressen und Telefonnummern auszutauschen.“ „Wieso, was willst du damit?“ „Na, dir schreiben und dich anrufen, wenn du wieder zu Hause bist.“ „Aha, dann schreib mal schön.“ Er notierte sich ihre Kontaktdaten und fragte: „Wie lange bleibt ihr noch hier?“ „Zehn Tage“, antwortete sie. Dann wünschte er den beiden noch einen schönen Urlaub.
Zurück in Deutschland, dachte er ein paar Tage nach. Immer war sie in seinen Gedanken, nachts träumte er von ihr. Dann schrieb er ihr einen Brief.
Hallo meine Liebe, wie geht es Dir? Waren die restlichen Urlaubstage noch schön für Euch? Jetzt wieder zu Hause, muss ich Dir was gestehen. Ich habe mich schon auf dem Castello in Dich verknallt und die weiteren Treffen haben mein Gefühl bestätigt. Ich konnte kaum was anderes denken als an Dich. Ich möchte Dich sehr gern wiedersehen und werde Dich am Mittwoch anrufen. Denk doch bis dahin mal bitte drüber nach, ob Du mich auch sehen möchtest.
Sie fand den Brief, als sie zu Hause eintraf, und riss ihn gleich auf. Diese Liebeserklärung hatte sie nicht erwartet. Aber sie musste sich eingestehen, dass sie auch viel an ihn gedacht hatte. Sie überlegte kurz, ob sie ihn wiedersehen wollte. Auf alle Fälle wollte sie mehr von ihm wissen und ihn näher kennenlernen. Mal sehen, was er am Telefon vorschlagen würde. Sie malte sich schon aus, wo sie mit ihm hingehen wollte, wenn er sie besuchen käme, und ob sie ihn ihrer Mutter vorstellen wollte. „Ach Quatsch“, dachte sie, „ich kenn ihn ja selbst kaum. Da muss er nicht gleich in die Familie eingeführt werden.“ Das mit seiner Nochehefrau und der Tochter hatte er nur kurz erwähnt, und sie wollte mehr dazu erfahren. Ihre Neugier war schon sehr groß.
Als er am Mittwoch anrief, war sie ganz aufgeregt und plapperte zuerst nur wirres Zeug von Italien, wo sie noch gewesen waren, dass sie schönes Wetter gehabt hatten, dass es auf dem Ätna kalt gewesen war. Die letzten Tage der Woche habe sie noch Urlaub und wolle das schöne Wetter ausnutzen und sich im Freibad weiterbräunen. Er ließ sie geduldig ausreden und fragte dann: „Hast du drüber nachgedacht, ob du mich wiedersehen willst?“ „Hm, eigentlich schon, aber ich hör an deinem Akzent, dass du doch ziemlich weit weg wohnst.“ „Ja, ich weiß, und ich kann schlecht zu dir kommen, weil ich noch ein paar Termine habe, die ich hier wahrnehmen muss. Was hältst du davon, wenn du am Freitag mit dem Zug herkommst und bis Sonntag bleibst?“ „Oh, das sind gleich drei Tage. Darüber muss ich mal nachdenken.“ „Ich hab schon einen Zug rausgesucht, du könntest am Freitag um 10:07 Uhr abfahren und wärst dann planmäßig um 16:23 Uhr hier. Nur in Köln müsstest du einmal umsteigen. Also alles ganz einfach. Ich hol dich dann am Bahnhof ab.“ „Ja, verstehe, aber lass mich mal drüber nachdenken. Ich rufe dich heute Abend zurück und sag dir Bescheid. Okay?“ „Du rufst an und sagst, dass du kommst?“ „Vielleicht.“ „Vielleicht rufst du an?“ „Nein, vielleicht komme ich.“ Na gut. Ich bin ab sieben zu Hause. Dann erwischst du mich sicher. Bis dann.“
