Quadriga-Liebe - Jove Viller - E-Book

Quadriga-Liebe E-Book

Jove Viller

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Beschreibung

Zwei Paare lernen sich auf unterschiedlichen Wegen kennen. Tina und Leo finden sich über die Dating-Plattform Tinder, nachdem beide vorher bereits diverse Partner "beschnuppert" haben. Lydia und Sven begegnen sich zufällig bei der Gamescom und sind gleich ganz hin und weg voneinander. Anschließend stehen sie vor der Herausforderung, eine Nord-Süd-Fernbeziehung zu führen. Die vier jungen Leute stammen aus äußerst unterschiedlichen Hintergründen und sind von verschiedenen Erfahrungen geprägt. Als sie bei der Geburtstagsfeier von Marie alle aufeinandertreffen, kommt es zu Verwicklungen, denn das Geburtstagskind hat schon lange ein Auge auf Sven geworfen … Geht's danach trotzdem weiter mit der Quadriga? Ein ebenso spannender wie erheiternder Roman über die wichtigste Sache der Welt!

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EPUB

Seitenzahl: 496

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 5

Vorwort 6

Die Protagonisten 7

Prolog 8

Teil 1 - Ich will Dich! 10

1. Leo 10

2. Lydia 14

3. Tina 18

4. Sven 23

5. Leo 25

6. Lydia 28

7. Tina 31

8. Sven 33

9. Leo 36

10. Lydia 39

11. Tina 42

12. Sven 45

13. Leo 48

14. Lydia 51

15. Tina 55

16. Sven 59

17. Marie 62

18. Leo 64

19. Lydia 67

20. Tina 69

21. Sven 72

22. Leo 75

23. Lydia 78

24. Tina 81

25. Sven 83

26. Leo 85

27. Lydia 88

28. Tina 90

29. Sven 93

30. Leo 95

31. Lydia 97

32. Tina 99

33. Sven 101

34. Leo 103

35. Lydia 106

36. Tina 109

37. Sven 112

38. Leo 114

39. Lydia 116

40. Tina 119

41. Sven 122

42. Leo 125

43. Lydia 129

44. Tina 132

45. Sven 135

46. Marie 138

47. Leo 141

48. Lydia 143

49. Tina 147

50. Sven 150

51. Leo 153

52. Lydia 155

53. Tina 158

54. Sven 161

55. Marie 164

56. Tina 166

57. Sven 172

58. Leo 177

59. Lydia 182

60. Marie 186

Teil 2 - Ich will Dich nicht! 190

61. Tina 190

62. Lydia 193

63. Leo 196

64. Sven 198

65. Tina 201

66. Lydia 204

67. Leo 206

68. Sven 208

69. Tina 212

70. Lydia 216

71. Leo 219

72. Sven 221

73. Tina 224

74. Lydia 226

75. Leo 229

76. Sven 233

77. Lydia 235

78. Tina 237

79. Leo 239

80. Sven 241

81. Lydia 243

82. Tina 247

83. Leo 250

84. Sven 253

85. Lydia 256

86. Tina 260

87. Marie 263

Teil 3 - Ich will Dich doch! 265

88. Leo 265

89. Sven 269

90. Lydia 272

91. Tina 276

92. Leo 278

93. Sven 281

94. Marie 283

95. Lydia 285

96. Tina 287

97. Leo 289

98. Sven 291

99. Lydia 293

100. Tina 295

101. Leo 298

102. Sven 303

103. Lydia 306

104. Tina 309

105. Leo 312

106. Sven 314

107. Lydia 317

108. Tina 319

109. Leo 322

110. Sven 324

111. Lydia 326

112. Tina 328

113. Leo 330

114. Sven 333

115. Lydia 335

116. Tina 337

117. Leo 340

118. Sven 343

119. Lydia 346

120. Tina 348

121. Leo 351

122. Sven 353

123. Lydia 356

124. Tina 358

125. Leo 360

126. Sven 363

127. Marie 364

Danksagung 365

Leseprobe aus dem ersten Buch 366

Prolog 367

Teil 1 - Wörter-Diebe 370

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-123-2

ISBN e-book: 978-3-99131-124-9

Lektorat: Alexandra Eryiğit-Klos

Umschlagfoto: Lembit Ansperi, Pixelliebe, Shvector, Danflcreativo, Davidstiller, Jonatan Stockton, Chetsadakorn Nakhammoon | Dreamstime.com

Layout & Satz: Jove Viller

www.novumverlag.com

Vorwort

Die in diesem Buch erzählte Geschichte ist rein fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Die Protagonisten

Die Protagonisten in diesem Roman in alphabetischer Reihenfolge sind:

Leo: 29, Softwareentwickler, lebt in München noch bei seinen Eltern und fährt gern Motorrad

Lydia: 28, Mediendesignerin, stammt aus Dresden, wohnt seit fünf Jahren in einer WG in München

Marie: 29, Lehrerin in Münster, hat einen kleinen Sohn, lebt aber mit dessen Vater nicht zusammen

Sven: 32, selbstständiger Fotograf und Videograf, wohnt in Hamburg-Stern-schanze und ist beruflich viel unterwegs

Tina:27, Assistentin des Geschäftsführers in einem Beratungsunternehmen, lebt im Hamburger Stadtteil Eppendorf

Prolog

„Was kann ich Ihnen beiden anbieten?“, fragte die Stewardess.

Er: „Für mich einen Tomatensaft, bitte.“

Sie: „Ich hätt gern einen Kaffee mit Milch.“

„Bitte sehr.“

Sie: „Hat die uns jetzt für ein Paar gehalten?“

Er: „Das kam mir auch so vor. Aber wär das so schlimm?“

Sie: „Was meinst du? Suchst du eine neue Freundin?“

Er: „Nein, bin grad auf dem Weg zu meiner derzeitigen Freundin in München.“

Sie: „Na, so ein Zufall, ich fliege auch übers Wochenende zu meinem Freund.“

Er: „Vielleicht sehen wir uns dann auf dem Rückflug wieder. Wann geht dein Flieger am Sonntag?“

Sie: „Ich flieg um 16:15 Uhr zurück. Hab am Sonntag abends noch eine Verabredung mit einer Freundin in Hamburg.“

Er: „Dann passt es nicht, ich nehm den späten Flieger am Sonntagabend.“

Sie: „Was macht ihr denn am Wochenende in München?“

Er: „Wir gehen morgen eine Fotoausstellung besuchen und am Abend sind wir mit Freunden in einem Club verabredet. Und ihr?“

Sie: „Wir wollen morgen Abend ins Kino und den neuen ‚Spider-Man‘ anschauen. Sonst weiß ich nicht, was Leo noch geplant hat.“

Er: „Stehst du auf Spider-Man-Filme?

Sie: „Ja, schon ein wenig. Mich interessiert vor allem die Handlung. Leo ist mehr an der grafischen Umsetzung interessiert.“

Er: „Das würde mich auch mehr interessieren. Ich bin Fotograf und Kameramann und würde gern mal an solch einem Film mitarbeiten. Aber leider mach ich meist nur so stinknormale Reportagen.“

Sie: „Was sind das denn für Reportagen, bei denen du filmst?“

Er: „Sehr oft mache ich kurze Beiträge für Panorama, da komme ich natürlich viel rum und berichte zusammen mit anderen Kollegen über aktuelle Themen. Aber manchmal mache ich auch ganze Filme. Im letzten Herbst war ich mit einer Kollegin aus Köln eine Woche in Südtirol unterwegs. Da haben wir einen 45-Minuten-Film über einen Fotografen gedreht, der seine Bilder auf großen Glasplatten macht. Er fotografiert alte Menschen und Berge und diese Bilder sind dann Unikate, die demnächst in einer Ausstellung gezeigt werden. Das hat großen Spaß gemacht und der Fotograf war wirklich nett.“

Sie: „Das klingt ja spannend. Da bist du sicher viel unterwegs und am Wochenende fliegst du immer nach München?“

Er: „Wenn’s geht, aber manchmal kommt Lydia auch zu mir. Vor zwei Wochen war sie da und wir haben uns Tina angeschaut.“

Sie: „Das Musical von Tina Turner? Und wie war das?“

Er: „Mega. Ich bin ja nicht so ein Fan ihrer Musik, aber Lydia steht da drauf. Sie war ganz hin und weg.“

Sie: „Ich wollte mit Leo auch schon mal hingehen, aber das haben wir noch nicht geschafft.“

Er: „Ich find, das lohnt sich wirklich.“

„Verehrte Passagiere, wir haben unseren Landeanflug nach München begonnen. Bitte schnallen Sie sich wieder an, schalten Sie Ihre elektronischen Geräte aus und verstauen Sie sie. Klappen Sie die Tische hoch, stellen Sie die Rückenlehnen senkrecht und öffnen Sie die Sonnenblenden.“

Er: „Das ist ja jetzt schnell gegangen. War nett, mit dir zu plaudern.“

Sie: „Fand ich auch. Ich wünsch dir ein tolles Wochenende.“

Er: „Ich euch auch:“

Sie: „Man sieht sich.“

Er: „Ciao.“

Teil 1 - Ich will Dich!

1. Leo

Bin gespannt, wie die Blonde wirklich ausschaut. Wir haben ein paar Mal hin und her geschrieben und dann wollte sie mich treffen. Auf dem Foto schaut sie ja ganz super aus. Hoffentlich ist das im realen Leben auch so. Wenn ich so dran denke, was mir da alles schon passiert ist. Sofie, die Letzte, die ich über Tinder kennengelernt hatte, war ein absoluter Reinfall. Ihr Bild war toll gewesen, aber die muss einen guten Fotografen haben. Denn als wir uns treffen wollten, klappte mir die Kinnlade runter. Ich hätt sie fast net erkannt. Und daher blieb es auch bei einem Kaffee, den wir im „Cotidiano“ getrunken haben. Ich glaub, sie war sehr enttäuscht, denn ich war sicher nicht der Erste, der sich so schnell von ihr verabschiedet hat. Diesmal habe ich mich mit Ariane im „Café Rischart“ am Marienplatz verabredet. Das liegt schön zentral, und wenn’s passt, können wir leicht von dort woanders oder zu mir nach Hause in Neuhausen fahren. Denn meine Eltern sind heute unterwegs. Ich weiß noch nicht, wo sie wohnt, aber vielleicht …

Das Rischart ist ein Traditionshaus, bekannt für seine herrlichen Mehlspeisen. Es wurde modern renoviert und ist in der Gegend total angesagt, also ideal für ein erstes Date. Ich möchte natürlich Eindruck schinden und bin eine Viertelstunde vor dem vereinbarten Zeitpunkt da.‚Ist es jetzt besser, einen Platz auszusuchen, wo wir ein bisschen versteckt sind, um für Stimmung zu sorgen, oder wähle ich besser einen zentralen Platz aus, damit sie mich einfach schnell findet? Ach, da hab ich doch schon den perfekten Mittelweg entdeckt, einen Platz am großen Schaufenster, wo wir ein wenig abgeschieden sitzen, mit feinem Blick über den Marienplatz, aber vom Eingang kann sie mich auch gleich sehen.‘Während ich auf sie warte, trinke ich nur Wasser. Das ist auch gut gegen den trockenen Mund.‚Interessant, es ist doch immer wieder ein wenig Aufregung dabei, obwohl das eigentlich keine neue Situation für mich ist.‘

Da …! Eine Blondine öffnet die Tür und schaut sich unsicher um. Ist sie das? Könnte schon sein. Frisur stimmt. Eine Ähnlichkeit mit den Fotos würde ich schon erahnen. Als sie tatsächlich in meine Richtung kommt, denke ich noch, dass sie aber in Tinder schlanker gewirkt hat. Da schwebt sie auch schon an mir vorbei zu dem Typen zwei Tische weiter hinten. Als ich mich nach dem Irrtum gerade wieder fange, steht sie plötzlich vor mir, kein bisschen unsicher, im Gegenteil. „Hi Leo, ich bin Ariane! Toller Platz hier, ich hab dich gleich gefunden!“, strahlt sie und setzt sich zielsicher auf den Platz mir gegenüber. Also schüchtern ist sie wirklich nicht. Im Chat hat sie ja schon angedeutet, dass sie eine Person ist, die weiß, was sie will. Nach ihrem Auftreten zu urteilen, kann ich ihr das gut glauben. „Hi! Schön, dass du da bist! Find ich echt mega, dass das so geklappt hat“, begrüße ich sie und realisiere, dass ihre Fotos kein Fake waren. Unglaublich hübsch, die Frau! Das blonde, lange Haar fällt über ihre Schultern. Ein paar Strähnchen spielen kess um ihr Gesicht. Die modische Brille mit dem roten Rahmen bringt ihre leuchtend blauen Augen stark zur Geltung. Sie lächelt amüsiert und will gleich wissen: „Gibt’s denn hier Bedienung? Mir wäre nach einem starken Kaffee!“ Ein beflissenes „Ja klar“ huscht über meine Lippen und ich winke der Kellnerin. „Möchtest du Kuchen dazu oder etwas anderes?“ „Oh nein, danke, nur Kaffee bitte. Wir wollen ja auch nicht zu lang hierbleiben, oder?“ Sie zwinkert mir zu und blickt mir tief in die Augen.‚Na gut, dann gibt es für mich eben auch nur Kaffee. Ist doch klar …‘Ich bestelle zwei Espressi, die auch prompt serviert werden.

Ich bin normalerweise auch sehr selbstsicher und weiß mich gut zu präsentieren. Aber diese Dame setzt mir gerade einen Spiegel vor, der mich ein wenig zum Nachdenken bringt. Also versuche ich noch ein bisschen Small Talk, um nichts zu überstürzen und vielleicht doch noch hier die Oberhand zu gewinnen. Mal sehen … „Du hast echt coole Fotos ausgesucht, finde ich. Sie zeigen dich so, wie du bist, sehr hübsch und elegant. Und der Chat mit dir ist spannend. Ich habe mich sehr auf unser Date gefreut!“ „Oh, das Kompliment kann ich zurückgeben“, „meint Ariane, „deine Fotos sind auch vielversprechend, und ich muss sagen, ich bin nicht enttäuscht. Dein wuscheliges dunkles Haar und der Bart … etwas mehr als drei Tage würde ich schätzen … passt gut zu deinem südländischen Typ. Sag, bist du echt von hier?“ Ich muss lachen, denn diese Frage habe ich schon öfter gehört. „Klar bin ich von da. Bin in München geboren und i sag’s glei – meine Eltern sind auch beide Einheimische.“ „Na, dann bist du ihnen aber sehr gut gelungen“, lacht sie und trinkt den letzten Schluck ihres Kaffees. „So, was wollen wir jetzt anstellen?“, fügt sie nahtlos hinzu. „Gehen wir zu dir oder zu mir?“‚Ich hab mir schon gedacht, dass die Frau es eilig hat …‘„Tja“, muss ich da loswerden „bei mir ist es nicht so einfach. Ich wohne noch bei meinen Eltern. Ich weiß, das hätte ich vielleicht früher erwähnen sollen, aber auf Tinder wollte ich das net schreiben.“ „Oh, na, dann müssen wir wohl drei Stationen mit der Straßenbahn fahren. Ich wohne nicht so weit weg von hier. Oder bist du mit dem Auto da?“ „Nein, ein Auto habe ich nicht. Ist bis jetzt nicht notwendig. Mal sehen, vielleicht im nächsten Jahr“, überspiele ich die nächste kleine Unsicherheit. Auf dem Weg zur Bahn prescht sie nach vorn: „Du wohnst noch bei Mami? Du bist doch schon 29. Was läuft da schief?“ „Nichts läuft schief“, rechtfertige ich mich, „mir geht’s gut zu Hause. Ich habe meine kleine Wohnung mit eigenem Zugang von außen und kann machen, was ich will. Nur mit Damen-besuchen ist es halt nicht so leicht, weil meine Mutter meistens zu Hause ist. Die kriegt dann alles mit.“ Dass ich wieder zu Hause eingezogen bin, als ich mich von meiner Freundin getrennt habe, muss ich Ariane ja nicht erzählen. Ich werde das Gefühl nicht los, wir werden nicht alt miteinander.

Sie wohnt in einer kleinen Wohnung in einem Mietshaus. Ich weiß nur, dass das Vorzimmer recht klein und eng ist. Mehr habe ich nicht gesehen. Während die heiße Braut ins Schlafzimmer vorausgeht, ruft sie mir zu: „Rechts hinten ist das Bad. Da kannst du dich schon mal bereit machen. Hast du Kondome mit?“ Das war’s! Leise schließe ich hinter mir die Tür, laufe die zwei Stockwerke hinunter und sehe zu, dass ich Land gewinne. Vielleicht schreibe ich ihr später eine Entschuldigung … oder auch nicht.

2. Lydia

„Wohin gehst du so aufgepimpt?“ fragt mich Wolfgang, mein Zimmernachbar, am Samstagabend, als ich die Wohnung gerade verlassen will. Der ist manchmal echt nervig, ständig wuselt er um mich rum. Hat wohl irgendwie ein Auge auf mich geworfen. Muss ihm mal sagen, dass ich ihn zwar nett finde, aber mehr auch nicht. Soll er es doch bei Lisa versuchen, der Dritten in unserer WG, vielleicht hat er da mehr Erfolg. „Ich bin mit einem Kollegen verabredet, bin schon spät dran“, antworte ich und dann nichts wie durch die Tür. Draußen kann ich meinen Schritt wieder auf normal ändern, denn ich habe Zeit genug. Drei Stationen mit der U1 bis zum Hauptbahnhof und dann noch ein Stück Fußweg, dann sollte ich rechtzeitig im Harry Klein ankommen, wenn sie grad öffnen. Sonst ist ja Techno nicht so mein Ding, aber am Donnerstag, als ich mich mit Frank im Büro unterhalten habe, hatte er vorgeschlagen, sich dort zu treffen. Vielleicht wird das ja ein cooler Abend, denn Frank ist ganz nett. Allerdings wird man sich dort kaum unterhalten können. „Guggn mer mal“, wie sie in meiner Heimat sagen.

Als ich im Harry Klein ankomme, ist es noch nicht ganz elf und einige Leute warten schon vor der Tür. Frank ist nicht dabei.‚Also der Pünktlichste ist er schon mal nicht‘,denke ich bei mir, da öffnen sie die Tür zum Club und ich gehe mit den anderen Wartenden hinein. Sofort werde ich von lauter Musik und Videos umschwirrt und ich setze mich erst mal an die Bar. „Was magst du trinken?“, fragt der Barkeeper. „Einen Hugo, bitte.“‚Das sollte als Einstieg passen. Weiß eh noch nicht, wie lange ich bleiben werde.‘Ich denke ein bisschen über Frank nach. Ich kenne ihn ja schon länger, aber erst am Donnerstag beim Meeting mit dem Team für die geplante neue Fernsehsendung sind wir ein bisschen ins Gespräch gekommen. Genau genommen, danach. Denn er fragte mich am Ende der Besprechung, ob er mit mir noch etwas bereden könne, und lud mich ein, am Automaten schnell einen Kaffee zu trinken. Nach der Klärung des dienstlichen Problems (das ich jetzt gar nicht so dringend fand, das hätten wir meiner Meinung nach auch per E-Mail oder telefonisch erledigen können) fragte er mich, ob ich Lust hätte, mal mit ihm auszugehen. „Wie wär’s am Samstagabend bei Harry Klein?“, meinte er, als ich nicht sofort geantwortet hatte. Ein bisschen überrumpelt sagte ich: „Das ist so ein Technoladen, oder?“ „Ja, magst du das nicht?“ „Techno, na ja. Aber Harry Klein kenne ich nicht, dann lerne ich den Schuppen und dich halt dort ein bisschen näher kennen. Also abgemacht.“ Frank ist sicher ein bisschen älter als ich, sieht gut aus und ist charmant, wie ich bei diversen internen Besprechungen festgestellt habe. Warum sollte ich also nicht mal ein Date mit ihm haben? Wer weiß, nachher ist er sogar netter, als ich denke, und wir kommen uns näher …

Plötzlich steht er neben mir und begrüßt mich mit Küsschen rechts und links. Die Lautstärke der Musik ermöglicht keine großen Dialoge, außer: „Na, wie geht’s?“ „Gut, danke.“ Seine nächste Frage muss er zweimal stellen, bevor ich ihn verstehe: „Gefällt es dir hier?“ „Der Club ist ganz nett, aber mir sind die Bässe zu laut.“ „Willst du lieber woandershin?“, versucht er mir verständlich zu machen, aber ich schüttele nur den Kopf. „Magst du tanzen?“ „Ja, sicher, reden geht ja hier eh schlecht.“ Also gehen wir zur Tanzfläche, auf der zu dieser frühen Stunde noch Platz ist. Frank scheint diese Musik wirklich zu mögen, denn ich habe den Eindruck, dass er sich schon nach kurzer Zeit von dem Sound wegtragen lässt. Ich versuche das auch, aber mir will das nicht so recht gelingen. Ich bin eher Fan von Classic Rock oder Grunge, dieses elektronische Techno­gehämmer löst bei mir eher keine Ekstase aus, wie bei manch anderen. Irgendwann ist Frank wieder auf der Erde angekommen und wir gehen zurück an die Bar. „Wollen wir mal nach draußen gehen?“, fragt er. „Ja klar, da kann man besser reden.“ „Das auch, aber da kann ich eine rauchen.“ Oh, Minuspunkt. Rauchen ist nix für mich. Mein Onkel ist vor einigen Jahren mit 56 an Lungenkrebs gestorben, was bei mir immer noch nachhaltig dafür sorgt, dass ich weder selbst rauchen will noch Verständnis dafür habe, dass andere diesem Laster frönen. Gegen Laster habe ich grundsätzlich nichts, aber rauchen? Igitt!!!

Frank bietet mir draußen eine Zigarette an und ich schüttele nur den Kopf. Irgendwie hat mir das ein wenig die Laune verdorben. „Was ist mit dir?“, fragt er. „Ach, nichts weiter, ich mag Rauchen nicht.“ „Rauchen oder Raucher?“ „Beides!“, antworte ich wohl etwas zu schnell und mit Ablehnung in der Stimme. „Dann hab ich jetzt wohl schlechte Karten bei dir?“ „Wieso, wofür hättest du denn gern gute Karten?“ „Na, ich dachte, wir haben einen schönen Abend und vielleicht mehr.“ „Wie mehr? Wolltest du mich gleich abschleppen?“ „Du gefällst mir sehr, aber ich kann auch geduldig sein.“ „Du meinst bis zum zweiten Date oder was?“ „Nein, ich meine, wir sollten uns zuerst ein bisschen näher kennenlernen.“ „Ja, dann fang mal an, mich kennenzulernen, und erzähl auch was von dir.“ „Was interessiert dich denn?“ „Ich würde gern wissen, ob du außer Rauchen noch andere Laster hast.“ „Na ja, ich trinke Alkohol, aber nicht dauernd, ich könnt sicher etwas mehr Sport machen, aber dazu bin ich oft zu faul, und ich hätte gern eine feste Beziehung.“ „Betrachtest du eine feste Beziehung als Laster?“ „Nein, aber meinen Wunsch danach. Denn bisher haben die meisten Frauen, die ich kennengelernt habe, das eher abgelehnt.“ „Vielleicht weil du gleich mit der Tür ins Haus fällst.“ „Ja, und du, was wünschst du dir?“ „Ich wünsch mir manchmal einen Mann, der mich nicht nur attraktiv, sondern auch intelligent findet und der nicht nur mit mir ins Bett will, sondern mich respektiert und akzeptiert.“ „Und so jemand hast du noch nicht gefunden?“ „Na ja, ich hatte vor einigen Jahren in Dresden mal eine Beziehung, die länger dauerte und bei der ich das Gefühl hatte, das könnte gut passen. Aber dann bin ich nach München umgezogen und er halt nicht, wir haben uns noch ein paar Mal gesehen, aber dann aus den Augen verloren. Und hier scheine ich bisher kein Glück zu haben.“ „Hm, verstehe. Denkst du, wir sollten mal versuchen, wie das bei uns ist?“ „Du, das geht mir jetzt zu schnell, wir gehen zum ersten Mal aus und da fragst du mich gleich so was. Vielleicht ist das ja deine Masche, um Frauen ins Bett zu kriegen.“ „Ja, klar, könnte man denken. Aber dann lass uns noch irgendwo was trinken, wo es leiser ist, wir reden ein bisschen und dann geht jeder nach Hause. Wie klingt das für dich?“ „Das ist okay. Wo wollen wir hin?“

3. Tina

Heute ist so ein Samstagabend, an dem ich in meinen vier Wänden nicht so zufrieden bin wie sonst. Eigentlich liebe ich meine Wohnung auf der Eppendorfer Landstraße im Hamburger Stadtteil Eppendorf. Ich lebe seit drei Jahren hier und habe mir alles so eingerichtet, wie ich es mir gewünscht habe. Der Verkäufer im Möbelhaus Hamburg tut mir heute noch leid, wenn ich daran denke, wie ich den gelöchert habe, bis ich alles so hatte, wie ich es wollte. Ich habe sogar meinen Couchtisch zweimal zurückgeschickt, weil er mir dann in der Kombination mit den anderen Möbeln doch nicht gefallen hat. Der dritte ist nun das Herzstück des Wohnzimmers mit seiner ausgefallenen Form. Er sieht aus wie ein großes halbes Ei in naturweißer Farbe, die gerade Oberfläche ist in verschiedenen Brauntönen gestrichen. Der Tisch passt einfach traumhaft zu der orangebraunen Eckcouch. Ich steh total auf Vintage-Möbel. Manche meiner Freunde meinen, ich hätte einen eher altmodischen Geschmack mit meinen 27 Jahren. Aber das sehe ich nicht so. Ich finde, das hat Stil und ich fühle mich hier geborgen.

Aber heute plagen mich nach langer Zeit wieder einmal Gedanken, die mich daran erinnern, dass dieses Geborgenheitsgefühl täuscht. Vielmehr bin ich hier mutterseelenallein und grüble vor mich hin, was denn bei meinen Beziehungen falsch läuft. Ich habe einen tollen Job und einen ansehnlichen Verdienst. Wenn ich den vielen Komplimenten glauben darf, die ich bekomme, sehe ich nicht übel aus. Für eine Steinbockfrau bin ich recht umgänglich, glaube ich wenigstens. Angeblich neige ich ein wenig zum Klammern und Bevormunden, das könnte sein. Aber vielleicht gibt es ja irgendwo jemand, der auch seiner Partnerin gerne nah ist und der es vielleicht auch genießt, manchmal umsorgt zu werden. Es kann doch nicht immer so weitergehen mit diesen kurzen Episoden und Enttäuschungen.

Da fällt mir eine Liaison letzte Woche ein, die schon sehr witzig begann, sich dann aber nur als One-Night-Stand herausstellte. Ich bin in der Firma in verschiedenen WhatsApp-Gruppen, die wir immer einrichten, wenn wir an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Letzte Woche war ich ausnahmsweise mit dem Auto auf dem Weg zur Arbeit, weil wir eine Konferenz mit dem ganzen Team und mehreren Vertretern des Kunden aus dem Projekt „TWINGO“ hatten. Als Location hatte ich die Römitzer Mühle in Ratzeburg ausgesucht. Ich war also gegen 8:30 Uhr auf der A 24 auf dem Weg Richtung Ratzeburg. Kurz vor dem Kreuz Hamburg-Ost plötzlich ein Stau. Und ein richtiger. Alle Autos stehen und nichts geht mehr. Ich nehme also mein Handy und schreibe in die WhatsApp-Gruppe TWINGO:

Moin, so ein Mist, stehe auf der A 24 im Stau. Hoffe, ich schaffe es noch pünktlich.

Es dauert nicht lange, da schreibt Carsten aus der Gruppe, den ich nicht persönlich kenne, denn er arbeitet in unserem Büro in Düsseldorf:

Ja toll, ich steh auch auf der A 24 im Stau. Da können wir die Konferenz ja von hier aus weiter vorbereiten.

Carsten, das ist eine Idee. Wo stehst Du denn?

Kurz vor dem Kreuz Hamburg-Ost.

Ich auch. Was für ein Auto fährst Du?

Einen flotten 3er in Schwarz.

Hihi, mit einem D vorne drauf?

Ja, genau.

Ich fahre ein weißes Saab Cabrio.

Das gibt’s ja nicht, stehst Du auf der rechten Spur? Dann schau mal in den Spiegel. Ich bin auf der linken ein wenig versetzt hinter Dir.

Hihi, das ist ja irre. So hab ich noch nie jemand kennengelernt. Bist Du heut früh in Düsseldorf losgefahren?

Ja, um halb 4 und bis Hamburg lief es einigermaßen gut. Wieso muss es jetzt auf den letzten 50 km noch zum Stau kommen? Weißt Du, was da los ist?

Nein, das Navi zeigt den Stau an, der scheint ein paar km lang zu sein, aber im Radio kam noch nichts.

Da bewegt sich auf Carstens Spur der Verkehr ein wenig und er kommt direkt neben mich. Wir drehen die Fenster runter und unterhalten uns von Auto zu Auto. Ein blonder Vierziger mit Hornbrille lacht mich aus dem schwarzen BMW an und ruft: „Hallo Tina, nett, dich hier kennenzulernen. Sollten wir jemals hier rauskommen, müssen wir das aber begießen. Das ist doch wirklich eine verrückte Art, sich zum ersten Mal zu treffen.“ Bevor ich antworte, schreibt Hans in der WhatsApp-Gruppe:

Hallo Tina und Carsten, ist Euch was passiert?

Nein, alles paletti, wir stehen nur im Stau. Keine Ahnung wie lange noch.

Carsten sagt: „Woher kommst du?“ „Aus Hamburg-Eppendorf, ich bin erst 20 Minuten unterwegs und extra rechtzeitig losgefahren. Aber so was kann man ja nicht vorher planen.“ „Planen nicht, aber rechnen muss man auf unseren Autobahnen immer damit.“ Im NDR 2 kommt die Meldung: „Achtung! Auf der A 24 sind zwei Kilometer Stau, wegen eines Unfalls ist die Autobahn kurzzeitig gesperrt. Die Polizei hofft, die Autobahn bald wieder freigeben zu können.“ – „Hast du die Verkehrsnachricht gehört, Carsten?“ „Ja, ich frage mich, was ‚bald‘ bedeuten soll.“

Wir haben uns noch ein Weilchen unterhalten und irgendwann löste sich das Ganze wie von selbst auf. Zur Konferenz kamen wir beide noch rechtzeitig und wir hatten schon im Auto verabredet, dass wir uns abends an der Hotelbar treffen wollten. Der erste Tag der Konferenz verlief zur vollsten Zufriedenheit der Kunden und nach dem Abendessen fuhr ich ins Hotel, weil die Veranstaltung am nächsten Tag fortgesetzt werden sollte. Carsten saß schon an der Bar und nach ein paar Cocktails landete ich in seinem Zimmer. Was dann folgte, war schön, er war sehr zärtlich und ich glaube, ihm hat’s auch gefallen. Aber am nächsten Tag schaute er mich kaum noch an. Hab während der Konferenz eine kurze WhatsApp direkt an ihn geschrieben, die er nicht mal beantwortet hat. Alle weiteren Nachrichten zwischen uns fanden wieder in der TWINGO-Gruppe statt.

Das Erlebnis hat mir wieder mal gezeigt, dass man in der Firma besser nichts mit jemand anfangen sollte. Aber was kann ich tun? In meiner Trauerstimmung beschließe ich, mir ein Glas guten Rioja einzuschenken, mich auf meiner gemütlichen Couch in gedämpftem Licht der Stehlampe in eine Decke zu kuscheln und meine Freundin Klara in Glücksstadt anzurufen. Das tut sicher gut. Klara und ich sind mehr oder weniger miteinander aufgewachsen. Sie war die Nachbarstochter und wir gingen zusammen zur Schule. Bis ich vor drei Jahren wegen der Arbeit den Wohnort wechselte, waren wir unzertrennlich, und auch jetzt sind wir noch füreinander da, wann immer die andere ruft. Und jetzt brauche ich sie einfach!

„Hallo Klara … liebe Klara, hast du gerade Zeit oder wie sieht’s aus?“, frage ich in dem Tonfall, dass sie sofort die Alarmglocken läuten hören muss. Daher lautet die Antwort natürlich: „Klar, das ist schon in Ordnung. Wir gucken gerade ‚How I Met Your Mother‘, aber das ist nicht so wichtig. Ich geh ins andere Zimmer.“ Ach ja, Klara lebt jetzt mit Kurt zusammen, daran habe ich eben gar nicht gedacht. Und ich weiß, dass sie diese Serie sehr gern ansieht. „Süße, was ist los? Dir geht’s doch nicht gut. Das höre ich“, stellt sie fest und dann lege ich gleich los: „Ach, weißt du, Klara, eigentlich geht es mir doch super. Ich habe alles, was ich brauche, ich bin gesund und im Job läuft es auch super. Mein Chef hat erst vor Kurzem Loblieder gesungen, wie froh er ist, dass er mich an seiner Seite hat. Aber dann gibt es so Momente wie jetzt gerade, wo mir bewusst wird, dass ich etwas versäume. Du hast deinen Kurt, fast alle meine Freundinnen haben Partner und wenn ich mit ihnen weggehe, komm ich mir vor wie das fünfte Rad am Wagen. Ich wollte heute gar nicht mit, als Jutta mich fragte, ob ich mit in ihren Club kommen möchte.“ Und dann erzähle ich noch von dem Erlebnis mit Carsten und sie lacht herzhaft über die ungewöhnliche Art des Kennenlernens. „Aber jetzt fühl ich mich wieder so allein. Irgendwie krieg ich es nicht hin, dass ich jemand kennenlerne, mit dem ich auch glücklich sein kann. Verstehst du … nicht für eine Nacht oder für ein paar Wochen … für immer.“

Kurze Pause am anderen Ende der Leitung, dann meint Klara ganz euphorisch: „Tina, ich weiß ja nicht, wie du über so was denkst, aber wie wär’s, wenn du dich bei einer Dating-Plattform anmeldest? Parship, Tinder oder so was …“ „Was, da wollen die Jungs doch sicher alle nur das eine. Du weißt doch, wie sie diese Apps oft nennen …“ „Teilweise ist das wahrscheinlich so, aber ich kenne tatsächlich Paare, die haben sich über Tinder kennengelernt und sind heute miteinander glücklich.“ Diesmal Pause auf meiner Seite der Leitung. „Hm, vielleicht denke ich mal drüber nach, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mich auf so was einlasse“, protestiere ich und frage nach, wie es denn ihr gerade so geht. Ich brauch jetzt unbedingt was Positives!

Nach anderthalb Stunden überfällt uns die Müdigkeit, zwei Folgen von „How I Met Your Mother“ hat Klara versäumt, aber es hat gutgetan, zu reden.

Schnell noch ins Bad und dann ab ins Bett. Decke über den Kopf und Augen zu … für etwa zwei Minuten. Dann komme ich wieder hervor, schalte zuerst mein Nachtlicht ein, dann noch einmal mein Handy. Ich könnte doch … natürlich rein infohalber … gucken, wie das auf Tinder so läuft …

4. Sven

Nun soll ich also heute mit der Redakteurin Stefanie von DIE ZEIT mit, um für ihren Artikel über Plastikmüll zu fotografieren. Kein schwieriger Job, aber einen Tag mit Stefanie unterwegs zu sein, ist eine schöne Aussicht. Sie ist Ende 30, also etwas älter als ich, aber sehr nett. Vielleicht kommen wir uns ja etwas näher.

Wir interviewen ein paar Firmenchefs, um herauszufinden, was sie sich dabei denken, alle möglichen Werbeartikel zu verschenken. Ob sie dabei auch den vielen Plastikmüll in den Weltmeeren im Auge haben? Kaum Unrechtsbewusstsein, einer sagt: „Irgendwas muss man den Leuten ja mitgeben. Was kann ich dafür, wenn die Kunden diese Artikel achtlos wegschmeißen?“

Abends sitze ich mit Stefanie im Español Picasso in der Nähe unserer Redaktion und bei ein paar Tapas unterhalten wir uns über ihr Thema. „Das war doch schlimm heute“, sagt sie, „die verschleudern ihren Plastikkram unter ihren Kunden und denken sich gar nichts dabei. Wer braucht schon so ’n Scheiß wie Knetbälle, Luftballons, Schlüsselanhängerfigürchen, Stofftiere, Jo-Jos, Kreisel und Handwärmer? Das fliegt doch bei nächster Gelegenheit in die Mülltonne.“ „In die Mülltonne geht ja noch, aber manches landet sicher auch direkt in der Elbe und schwimmt aufs Meer hinaus“, antworte ich. „Ja genau, noch schlimmer. Und im Übrigen sind Werbegeschenke doch kleine Bestechungsversuche bei deren Kunden, oder? Frei nach dem Motto: Geschenke befeuern die Freundschaft.“ „Aber du freust dich doch auch, wenn du beim Bäcker zu Weihnachten einen Kalender bekommst, oder?“ „Quatsch, wenn schon, dann soll er mir lieber was aus seinem Sortiment schenken statt irgendein kleines Plastikteil. Davon hab ich was. Wenn er mir zum Beispiel ein Brot gibt, das ich sonst nicht kaufe, oder ein paar Plunderteilchen. Damit kann ich was anfangen und vielleicht kauf ich die dann beim nächsten Mal.“ „Oder hier im Restaurant gibt’s meist am Ende noch einen Schnaps, wie heißt der noch?“ „Hierbas meinst du?“ „Ja genau. So was können wir gebrauchen und das ist dann auch ein bisschen Kundenbindung.“

So plaudern wir noch ein Weilchen weiter und beim Rioja kommt Stefanie so richtig in Fahrt. ‚Ui, ob die im Bett auch so aufdreht?‘,frage ich mich zwischendurch, wenn sie wieder vehement für ein Thema eintritt. Bei der zweiten Flasche versuche ich dann einen kleinen Coup: „Bist du sonst auch so aggressiv oder hast du ebenfalls weiche Seiten?“ „Wie weiche Seiten? Meinst du beim Sex? Da musst du meinen Mann fragen.“ „Ich dachte, ich könnte das selbst herausfinden.“ „Spinnst du? Was soll ich mit einem so jungen Hüpfer wie dir anfangen? Du bist mir viel zu schnell.“ „Das käm auf einen Versuch an.“ „Baggerst du mich grad an?“ „Ja, ich find dich richtig geil und deine vehemente Art, sich für Themen einzusetzen, macht mich echt an. Würde wirklich gern wissen, wie du im Bett bist. Hast du noch was vor oder wollen wir mal zu mir fahren und das ausprobieren?“ „Hey, Sven, nu mal langsam mit die jungen Pferde. Ich glaub, du trinkst jetzt mal besser einen Kaffee, damit du wieder auf den Boden kommst.“ „Warum? Bin grad genauso in Fahrt wie du und würd gern mit dir eine kleine sportliche Runde bei mir zu Hause drehen.“ „Herr Ober, zahlen bitte!“

Das war wohl nix, sie zahlt und rauscht davon. Ja, dann muss ich wohl allein nach Hause gehen. Aber ich schreib mal eben an Manuela, ob sie heut Abend noch Zeit für mich hat.

„Hey Süße, hast Du Lust, noch zu mir zu kommen?

Nach ein paar Minuten kommt ihre Antwort per WhatsApp:

Nö, heut nicht, zieh mir grad die dritte Folge von den Simpsons rein. Morgen vielleicht.

Sehr schade. O. K., dann morgen Abend um 8 bei mir?

Ja, O. K. Bis dann.

5. Leo

Das war ja ein Hammer-Work-out heute Abend im McFit! Bin ich fertig! Es ist erst spät losgegangen, weil im Büro viel zu tun war. Zwei Kumpels ging es genauso, und die wollten es sich scheinbar noch beweisen. So, wie die beiden drauf waren, konnte ich nicht tatenlos zusehen und war ganz schnell bei dem Wetteifern dabei. Also war das Training diesmal zwar nicht länger, jedoch sehr intensiv. Zum Schluss noch ein paar Längen schwimmen und so ist es fast Mitternacht geworden.

Für heute reicht es also und ich überlege, was ich noch trinken möchte. Ein Bier vielleicht? Na … erst Fitnessstudio und dann glei a Bier? Ganz schlecht … Andererseits, ein kleines Helles nach der Anstrengung, das darf doch sein. Etwas enttäuscht bin ich schon, als ich merke, dass ich keines mehr im Kühlschrank hab. ‚Wie nachlässig von mir!‘Meine Getränkevorräte lagern in der Speis, ganz hinten, hinter dem letzten Regal. Die Speis, also die Speisekammer, ist durch die Küche begehbar. Neben der Küche sind das kleine Bad und das WC. Dann gibt es noch ein kleines Schlafzimmer und dafür ein geräumiges Wohnzimmer. Das ist der alte Teil unseres Hauses. Später haben meine Eltern angebaut und diesen Teil immer als Extrawohnung behalten. Da haben nach Familienfesten immer die Überbleibsel übernachtet, zeitweise war sie auch vermietet. Bis ich ins Alter gekommen war, wo andere Burschen ausziehen. Mir reicht das von der Größe her völlig, außerdem hilft mir die Mama beim Sauberhalten und den schönen Garten kann ich auch mitbenützen. Ein herrliches Leben … Nur für das, was im Kühlschrank ist, bin ich selber verantwortlich. Also hole ich jetzt um Mitternacht einmal ein paar Bierflaschen aus dem Depot. Als ich die Tür am Ende der Küche aufmache, ist mir so, als ob da irgendwo etwas geraschelt hätte.‚A, kann gar net sein‘,denke ich,‚das war sicher nur die Tasche am Haken hinter der Tür. Das war ich selber.‘

Drei Flaschen für den Kühlschrank, eine für mich. Ein Glas nehm ich mir mit aus der Küche. Ich trinke Bier nicht gern aus der Flasche, auch nicht mitten in der Nacht und allein. Um diese Zeit stell ich im Wohnzimmer keinen Fernseher mehr an. Ich glaub immer, das hört man drüben bei den Eltern. So lehne ich bequem auf meiner Couch, mein Glas Gerstensaft in der Hand und es ist mucksmäuschenstill. Nicht das Schlechteste nach diesem Abend.

Zum Abschluss könnte ich auch noch nachsehen, was sich auf Tinder so getan hat. Das Tablet liegt griffbereit auf dem Beistelltischchen und da leuchten die Likes auch schon auf, heute nur vier, aber das reicht ja. Ein Mädchen fällt mir gleich ins Auge, vom Aussehen her durchaus der Ariane von vorgestern ähnlich.‚Was schreibt die denn?‘

Hi, ich bin Lucy und würde mich freuen, genau DICH kennenzulernen. Mein Spitzname ist Mickymaus und ich bringe gern den Kater zum Schnurren!

Ich muss lächeln, so was hat ja noch keine geschrieben! Mit der gibt’s sicher viel zu lachen. Irgendwie bin ich plötzlich gar nicht mehr müde. Da ist es auf einmal wieder, das Geräusch. Irgendwas raschelt doch hier! Kaum schleiche ich zur Zimmertür, ist es vorbei. Kein Mucks. Ich schau mal sicherheitshalber nach, ob die Türen zu sind … und die Fenster … Nichts mehr, kein Geräusch.‚Aber ich bild mir das doch nicht ein!‘Na ja, dann werde ich jetzt noch schnell die süße Mickymaus liken, dann haben wir morgen vielleicht ein sehr unterhaltsames Match.

Die Küchentüre bleibt immer offen, die Schlafzimmertür meistens ebenfalls, so auch heute. Langsam immer müder werdend, bin ich etwa zwei Sekunden vor dem endgültigen Einschlafen, als ein lauter Knacks die Stille stört. Ein Geräusch, das ich hier noch nie gehört habe. Kein Knacksen wie das, wenn das Holz der alten Möbel arbeitet oder die Mauern. Das kenn ich schon lang. Es hört sich eher an, als wäre jemand – oder etwas – hier. Und ganz klar, als ich mich blitzschnell aufsetze und die Nachttischlampe einschalte, ist es wieder vorbei. Ich muss nachschauen, es lässt mir ja doch keine Ruhe. Zum Glück habe ich nicht viele Räume, aber wo ich auch hingehe, nirgends irgendein Lebenszeichen. Als ich mir schon denke, es wird sich vielleicht ein Tier im Dachgebälk verirrt haben, werfe ich noch einen flüchtigen Blick in die Speis. Da glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Auf dem hellgrauen Bodenbelag liegen lauter kleine schwarzbraune Krümelchen.‚Ah geh! I hab Mäuse da drin! Na, gute Nacht!‘Dann muss ich aber doch schmunzeln.‚Zuerst die Mickymaus in der App und dann a echte Maus zu Haus. Ein Zeichen?‘

6. Lydia

Die Unterhaltung mit Frank in der Kneipe war ganz nett gewesen, aber irgendwie wurden wir nicht warm. Ich gehe also allein mit meinen Gedanken nach Hause und frage mich, ob ich wohl jemals die einzige größte Liebe finden werde. Davon träumen scheinbar ganz viele, auch wenn nur die engsten Freunde bzw. Freundinnen das wirklich zugeben. Aber warum klappt das bei den meisten nicht? Hab mal gelesen, dass mehr als 70 Prozent der Deutschen an die große Liebe glauben. Wenn man aber die Statistiken anschaut, dass jede dritte Ehe geschieden wird und dass auch die anderen Paare (ob verheiratet oder nicht) nach einiger Zeit Probleme in der Beziehung bekommen, muss doch irgendwas faul sein. In einem Artikel in der ZEIT habe ich letztens gelesen, dass man für eine tiefe und funktionierende Beziehung nur reif ist, wenn man sich selbst akzeptiert und liebt. Tu ich das? Oder bin ich mit mir selbst zu kritisch?

Ich schließe die Haustür auf und gehe langsam die Treppe hinauf in den vierten Stock. Als ich in die Wohnung komme, höre ich Lisa und Wolfgang in der Küche noch reden. Ich gehe hinein und da sitzen die beiden nebeneinander mit einer Flasche Rotwein. Mir scheint, es ist nicht die erste, und ich frage: „Krieg ich auch einen Schluck oder wollt ihr beiden lieber allein sein?“ Wolfgang springt auf und holt mir sofort ein Glas: „Nein, bitte setz dich dazu. Wir haben uns grad gefragt, wie dein Date wohl läuft.“ Ich nehme einen großen Schluck und antworte: „Na ja, Frank ist ganz nett, aber kein wirklicher Partner für mich.“ „Wieso“, fragt Lisa, „was fehlt dir an ihm?“ „Ach, ich weiß nicht, er war mir zu stürmisch, schon im Harry Klein faselte er von ins Bett gehen, was ich vehement abgelehnt habe. Dann sind wir noch ins Shakespeare und haben ein bisschen geredet, aber irgendwie passt das nicht. Er quarzt und ihr wisst, das kann ich nicht ausstehen. Außerdem glaube ich, dass er ziemlich klammern würde. Er macht auf den ersten Blick einen charmanten Eindruck, aber je länger wir redeten, umso mehr habe ich gemerkt, wie sehr er sich eine feste Beziehung wünscht, und das am liebsten gleich.“ „Aber das ist doch okay, das wollen doch die meisten“, kontert Lisa. „Ja, stimmt wohl, aber nicht beim ersten Date gleich bei der Frau ausbaldowern, ob sie das auch will. Hab ihm gesagt, dass ich glaube, er macht das nur, um Frauen in die Kiste zu kriegen.“ „Und was hat er dazu gesagt?“, fragt Wolfgang. „Dass das Quatsch ist und er sehr geduldig sein kann. Fünf Minuten später fing er an, an mir rumzubiebln. Da bin ich heimgegangen.“

Wir debattierten noch eine weitere Flasche Rotwein weiter, kamen aber zu keinem Ergebnis. Außer dass Lisa sagte, wir sollten doch alle spaßeshalber mal ein Dating-Portal ausprobieren. „Du bist meschugge“, sagte ich am Schluss. „Wenn ich auf normalem Wege, also zum Beispiel beim Schwoofen oder in der Arbeit, niemand kennenlernen kann, dann will ich och keenen übers Netz finden. Un jetz geh ich radsn. Gut Nacht, ihr beiden.“ „I mog etz a nimmer“, sagt Lisa und lässt Wolfgang mit dem Rest der Rotweinflasche allein.

Am nächsten Morgen schlafe ich lange und weil es regnet, gehe ich kurz vor Mittag erst mal ins Clever Fit. Da kann ich den Rotwein und das blöde Genuschl von Frank aus mir rausquetschen. Auf dem Laufband und mit Kopfhörern und Rockmusik geht das wunderbar. Plötzlich tippt mich jemand an und deutet an, ich soll die Hörer absetzen. „Was is ’n?“ „Kann ich auch mal auf das Band?“ Ich schau mich um und sehe, dass alle Bänder besetzt sind. „Ja klar“, antworte ich, „gib mir noch zwei Minuten.“ Ich höre noch „Smoke on the Water“ zu Ende und springe dann vom Band. Im Weggehen winke ich dem Typen noch mal zu und gehe in Richtung Sauna.

Dort sitze ich einige Minuten später und schwitze vor mich hin, diesmal ohne Kopfhörer. Da kommt der Typ von eben auch rein und setzt sich gleich neben mich. „Bist du öfter hier?“‚Sehr intelligenter Anfang‘,denke ich und sage nur: „Nö.“ Er weiter: „Magst du nachher noch was mit mir trinken?“ „Nö, hab Wasser dabei und muss dann auch bald weg.“ „Schade, ich finde dich echt nett. Können wir uns denn hier mal wieder treffen?“ „Ja, vielleicht demnächst“, fertige ich ihn ab und verlasse die Sauna in Richtung Damenduschen.

7. Tina

Am nächsten Morgen, beim Frühstück, lasse ich mir noch einmal durch den Kopf gehen, was ich in der Nacht getan habe. Ich konnte es tatsächlich nicht lassen, mich bei Tinder anzumelden. Welchen Floh hat mir Klara da ins Ohr gesetzt! So hin- und hergerissen war ich noch nie. Ich würde doch so gern auf ganz normalem Weg jemand kennenlernen, am besten so mit Liebe auf den ersten Blick, irgendwo, wo man überhaupt nicht damit rechnet. Amors sprichwörtlicher Pfeil! Warum trifft der alle anderen, nur mich nicht? Ich bin doch nicht unsichtbar! Andererseits hat Klara nicht unrecht. Ein bisschen nachhelfen kann auch nicht schaden. Man trifft sich ja schließlich völlig unverbindlich. Ich kann auch sofort sagen: „Du, es tut mir leid, ich möchte kein weiteres Treffen.“ Allerdings, wenn ich mir einzelne Fotos so ansehe … Da wäre optisch schon die erste Hürde überwunden. Deshalb habe ich zu nächtlicher Stunde sicher sehr bereitwillig meine eigene Person beschrieben, selbstverständlich mit einem Hammer Foto von mir als Zugabe. Frisch vom Friseur mit dem flotten Kurzhaarschnitt. Schon ein bisschen aufgepimpt, aber nicht zu viel. Ich habe angegeben, dass ich Chefsekretärin in einer großen Firma bin, aber nicht in welcher, dass ich Radfahren und Schwimmen liebe und dass ich hobbymäßig fotografiere. Ach ja, wo ich studiert habe, wollten die auch wissen. Zum Schluss sollte man etwas Persönliches schreiben. Da musste ich einige Zeit nachdenken. Dann tippte ich folgende Zeilen:

Hallo, ich bin Tina! Hast Du Lust, Deine Freizeit mit mir zu teilen? Dann kann es losgehen! Ich freue mich auf Dich!

Nach dem Klick auf „Profil erstellen“ war es fix und ich konnte in Ruhe einschlafen. In meinem Traum änderte ich den Text wohl zehnmal um. „Hi, ich bin’s, Tina, noch immer nicht am Ziel der Wünsche. Hilf mir dabei!“ oder „Hallo, ich bin Tina, noch auf dem Weg zu dir. Hol mich ab!“ So in der Art ging es weiter, bis ich wach wurde.

Jetzt, so vor meinem Frühstückskaffee sitzend, bin ich mir nicht mehr sicher, welche Version wohl die beste gewesen wäre. Mal sehen, ob es schon ein erstes Ergebnis gibt. Aufgeregt öffne ich die App, gebe mein Passwort ein und bin ziemlich überrascht, als ich 99 Likes finde. ‚Na hallo, wer sagt’s denn!‘Nun bin ich erst mal beschäftigt mit Wischen. Nach links die Uninteressanten und nach rechts die, die ins Auge springen. Es sind schon unterschiedliche Fotos, die mich ansprechen, also es kommt für mich nicht immer nur derselbe Typ infrage. Trotzdem sind die Jungs mit dunklem Haar und Bart bald leicht in der Überzahl. Als ich mit den 99 Bildern durch bin und etwa 20 Fotos übrig habe, klicke ich den ersten an, um mehr über ihn zu erfahren. Jürgen, 25 Jahre, Elektrotechniker noch in Ausbildung, möchte gern Erfahrungen sammeln. Oje, weiter nach links mit ihm. Jochen, 32 Jahre, geschieden, eine kleine Tochter, sucht Lebenspartnerin. Du lieber Himmel … weiter nach links. Eine halbe Stunde später:

‚Oh, was haben wir denn da! Ein sehr ansprechendes Foto!‘Das Lächeln wirkt natürlich, sein Blick trifft mich genau ins Herz. Den würde ich gern kennenlernen. Da schaue ich genauer hin. Andreas, 30 Jahre, tätig in der IT-Branche, sucht Partnerin, die mit ihm das Leben entdeckt. Das ist es: LIKE … Bingo! Mein erstes Match!

8. Sven

Die Bearbeitung der Bilder von gestern war nicht besonders schwierig und damit bin ich jetzt schon fertig. Jetzt kann ich mich noch mal in die Serie von letzter Woche knien. Da war ich auf Sylt gewesen und hatte im Naturschutzgebiet Vögel fotografiert. Diese Bilder müssen nächste Woche fertig sein, denn die sollen ins übernächste Magazin der ZEIT. Da muss ich also auf gute Qualität achten, denn der Druck ist aufwendiger und die Bilder nehmen oft eine ganze Seite ein. Ich öffne also Photoshop und Lightroom und beginne die Fotos zu sichten und zu sortieren. Meine Gedanken schweifen noch mal zu gestern Abend.‚Was hat mich da bloß geritten, bei Steffi so einen plumpen Annäherungs-versuch zu machen? Da sind wohl die Pferde oder die Promille mit mir durchgegangen. Was würde Manuela denken, wenn sie das wüsste? Und was würde sie erst sagen, wenn Steffi tatsächlich mitgegangen wäre und wir hätten die Nacht zusammen verbracht? Ich glaub, dann wär’s aus mit uns. Sie versteht mein unstetes Leben sowieso nicht und beklagt sich immer, dass wir uns zu selten sehen.‘

Abends, als Manuela kommt, sitze ich immer noch am PC, und sie fragt, was ich den ganzen Tag gemacht habe. „Ich habe Vögelbilder bearbeitet. Möchtest du welche sehen?“ „Wie, Vögelbilder? Von uns? Hast du uns mal im Bett fotografiert? Ich mag solche Pornobilder nicht.“ „Unsinn, ich war doch letzte Woche auf Sylt und hab im Naturschutzgebiet Vögel beim Brüten fotografiert. Das hab ich dir doch erzählt.“ „Ach so, entschuldige, das hatte ich vergessen.“ „Möchtest du ein paar Bilder sehen?“ „Ja sicher, gern.“ Ich schlage die Dateien auf, die schon fertig sind, und zeige ihr die Brandgänse, Austernfischer und Brachvögel. Besonders stolz bin ich auf einen Kormoran, den ich gerade beim Ausbreiten seiner Flügel erwischt habe. Manuela findet die Bilder auch sehr gelungen. Dann fragt sie: „Hast du was zu trinken da?“ „Oh, entschuldige bitte, ja sicher. Was magst du denn? Ich hätte noch ein paar Bier und einen Weißwein im Kühlschrank, Riesling glaube ich, aber ich habe auch Rotwein.“ „Nein, kein Alkohol, ich bin mit dem Auto direkt von der Arbeit hergekommen, machst du mir einen Kaffee und dann vielleicht noch ein Wasser, bitte?“ „Na das ist ja leicht zu erfüllen“, ich verschwinde in die Küche, schalte den Kaffeeautomaten an und bringe ihr schon mal das Wasser. „Macht es dir was aus, wenn ich ein Glas Rotwein trinke?“ „Nein, mach nur.“

Kurz darauf sitzen wir mit unseren Getränken auf meinem Sofa und ich nehme sie in den Arm und fange an, sie zu küssen und zu streicheln. Irgendwie sind aber meine Gedanken plötzlich bei gestern Abend mit Steffi und Manuela reagiert auch sehr zurückhaltend. „Was ist los?“, frage ich sie. „Ach, keine Ahnung, ich habe dir schon mal gesagt, dass ich mit unserer Beziehung nicht so ganz glücklich bin. Fast immer, wenn wir uns treffen, springen wir ins Bett und danach sehen wir uns wieder für ein paar Tage nicht. Das finde ich zu wenig. Wir machen kaum etwas anderes zusammen, weil du auch so viel unterwegs bist. Können wir nicht mal für ein paar Tage zusammen wegfahren?“ „Hm, ja sicher können wir das, woran denkst du denn? Ein Wochenende oder länger?“ „Na, ein verlängertes Wochenende von Donnerstag bis Montag wär doch ganz schön. Irgendwo an der Ostsee in Meck-Pomm, da war ich noch nicht so oft und ich hör immer wieder, dass es da ganz schöne Orte geben soll.“ „Gute Idee. Ich war letztes Jahr mal zu einem Shooting in Schwerin, da haben die Leute alle von Rügen geschwärmt. Wie wär das denn?“ „Wie lange fährt man dahin?“ „Wenn wir dein Auto nehmen, circa drei Stunden, schätze ich.“ „Na, das ist doch für ein verlängertes Wochenende nicht so schlecht. Was meinst du?“ „Ich schau gleich mal in meinen Terminplan für die nächsten Wochen. Also, ich könnte am übernächsten Wochenende, da liegt bisher kein Auftrag vor und ich kann ja morgen in der Redaktion Bescheid geben, dass ich vom 25. bis 29. unterwegs sein werde. Passt das für dich?“ „Ja, an den Tagen kann ich sicher freinehmen. Soll ich später nach einem Hotel in Rügen schauen?“ „Warum machen wir das nicht gleich? Dann buchen wir das auch sofort.“

Eine halbe Stunde später haben wir uns für ein Fünftagesprogramm „Fit in den Frühling“ im Bernstein-Hotel in Sellin entschieden. „Ich freu mich schon sehr darauf, mit dir ein paar Tage dort zu entspannen und nichts anderes zu hören und zu sehen“, sage ich zu Manuela. „Ja, das wird sicher megaschön.“ Und sie umarmt und küsst mich plötzlich ganz wild. Das fühlt sich vielversprechend an und ich erwidere nicht nur ihren Kuss, sondern ziehe ihr gleich mal das T-Shirt über den Kopf. Sie lässt es geschehen, wir wechseln ins Schlafzimmer und so wird es noch ein sehr schöner Abend.

9. Leo

Wenn man einmal weiß, woher ein ungewohntes Geräusch kommt, stört es einen nicht mehr beim Schlafen. Die Tür vom Schlafzimmer habe ich sicherheitshalber zugemacht, dann war es eine ruhige Nacht.

Am nächsten Tag führt mich der erste Weg natürlich in den Baumarkt. Als tierlieber Mensch entscheide ich mich für eine Lebendfalle, die ich gleich in der Speisekammer platziere. Als Köder nehme ich Freilandfutter für Vögel, davon habe ich genug zu Hause, und Körner fressen Mäuse sicher auch. Tür zu und jetzt heißt es abwarten.‚Das ging ja flott‘,denke ich, ‚da hab ich noch Zeit, Lucy zu schreiben, bevor ich ins Büro fahre.‘ Die Neugier lässt mich irgendwie nicht mehr los.

Das Match mit Lucy beginnt nett. Ich möchte den Chat nicht mit einer abgedroschenen Floskel starten und überlege, wie ich die Mickymaus kommentieren könnte, ohne abwertend oder gekünstelt witzig rüber­zukommen. Ein gewisser Ernst sollte dahinter sein. So schreibe ich schließlich:

Hi Lucy! Könnte ich der sein, den Du kennenlernen möchtest? Ich würde Dir gern mehr von mir erzählen. Ich bin auch neugierig, wie Du zu Deinem Spitznamen gekommen bist. Der ist ja recht außergewöhnlich!

Das war eine gute Formulierung, wie sich eine Stunde später herausstellt. Gleich als ich im Büro ankomme, sehe ich am Handy, dass sie geantwortet hat. Ihre Zeilen wirken auch sehr freundlich und ehrlich:

Lieber Leo!

Das kann ich Dir gern erzählen. Vor ein paar Jahren nahm ich mit Freunden an einem Faschingsumzug teil, und zwar als Mickymaus kostümiert. Es dauerte zwei Stunden, bis sie draufkamen, wer ich bin. So gut war ich geschminkt und verkleidet. Das war ein Spaß, von dem wir alle noch heute reden. So blieb mir der Spitzname. Einfach, aber so war es. Wie geht es Dir? Hast Du Osterurlaub oder musst Du arbeiten?

So kommen wir ins Plaudern und es macht richtig Spaß. Lucy ist witzig und wirkt sehr offen in ihren Ansichten. Weil ich aber noch zu arbeiten habe, vereinbaren wir, am Abend weiterzuchatten. Deshalb beeile ich mich auf dem Heimweg. Meine Mutter hat mir noch Abendessen aufgehoben, das soll ich mir auch vorher abholen. Und ich muss Mama dringend von der Maus erzählen. Nicht, dass sie sich noch erschreckt, wenn sie einmal rübergeht!

Endlich alles erledigt, komme ich zu Hause an und bin mit den Gedanken schon beim Chat, als ich aus der Speis ein lautes Scharren höre. Da habe ich aber schnellen Jagderfolg gehabt. In der Falle sitzt eine Hausmaus, zittert ein wenig und zieht sich in den letzten Winkel der Falle zurück. „Du hast mir grad noch gefehlt, Mäuschen! Du machst gerade mein Date zunichte!“, zische ich das arme, unschuldige Ding an. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als noch in den nahen Park zu gehen und das Tier dort auszusetzen. Ich wusste gar nicht, wie schnell so eine Maus laufen kann …

Endlich kann ich mich bei meiner Mickymaus melden, beschließe aber, ihr nicht zu erzählen, dass ich gerade mit einer anderen Maus beschäftigt war. Für mein Zuspätkommen muss leider die Mama als Alibi herhalten. Und Lucy meint, das ist doch kein Problem. Wir haben ja Zeit. Die nehmen wir uns auch. Die halbe Nacht wird geschrieben und gelacht, bis uns schon die Augen zufallen. Bevor wir uns verabschieden, wage ich noch die vorsichtige Frage:

Was hältst Du davon, wenn wir uns diese Woche noch sehen? Nur kurz vielleicht, auf einen Kaffee oder so …

Ihre Antwort ist kurz und bündig:

Tolle Idee! Reden wir morgen drüber! Gute Nacht, lieber Leo, bis morgen!

Zufrieden lege ich das Handy weg und mache einen Kurzbesuch im Bad. Ich lege mich mit den allerfriedlichsten Gedanken in mein Bett, mache die Augen zu … Da ist es wieder, das Knacksen und Scharren.‚Nein, nicht schon wieder!‘

10. Lydia

Am Montag im Büro ruft Frank mich an und fragt: „Bist du noch sauer auf mich?“ „Nein, schon vergessen.“ „Wollen wir uns dann noch mal treffen?“ „Ich weiß nicht, Frank, was soll das bringen?“ „Na, wir wollten uns doch näher kennenlernen, und das könnten wir jetzt nachholen.“ „Hältst du denn ein längeres Gespräch ohne Rauchen und Antatschen aus?“ „Ich denke schon. Gib mir halt noch eine Chance.“ „Lass mich noch mal drüber nachdenken. Ich sag dir in den nächsten Tagen Bescheid.“

Meine Gedanken sind anschließend nicht bei der Arbeit, sondern bei Frank:‚Will ich ihn sehen? Wohin führt das, wenn wir uns näher kennenlernen? Früher hätt ich gesagt, Rauchen ist ein K.O.-Kriterium. Und wieso jetzt nicht? Irgendwas verbindet uns. Ist es auf beiden Seiten der Wunsch nach einer festen Beziehung? Reicht das aus?‘Da schaut meine Kollegin Sandra kurz rein und fragt: „Lydia, hast du den Entwurf für die Sendung am Mittwoch fertig?“ „Noch nicht ganz, aber du kriegst ihn bis Mittag.“ „Stimmt was nicht mit dir?“, fragt sie. „Nein, alles paletti. Kam bloß noch nicht dazu. Aber ich mach mich gleich dran.“ Das fehlt noch, dass ich wegen Frank Ärger kriege! Die Gedanken müssen warten.

Kurz vor Mittag ruft Frank schon wieder an: „Wollen wir zusammen was essen?“ „Hör mal, du hast gesagt, du kannst geduldig sein. Dann zeig mal, dass das stimmt, und warte, bis ich mich melde, okay?“ „Hm, okay.“‚Wenn der so weitermacht, wird das nix mit uns. Dann soll er sich eine andere suchen.‘Ich beschließe, nicht zum Essen in die Kantine zu gehen, nachher seh ich ihn da noch. Stattdessen mache ich einen Spaziergang. Es ist sonnig und schon recht warm, und heute mal wieder das Essen ausfallen zu lassen, schadet meiner Figur auch nicht. Trinke ich halt nachher einen Saft oder zwei, das wird dann schon reichen bis heut Abend. Dann koche ich mir was Schönes. Jetzt laufe ich zur Isar hinunter und überlege dabei, was ich machen will mit Frank.

Als ich wieder ins Büro zurückkomme, habe ich einen Entschluss gefasst: Eine Chance kriegt er noch, und zwar irgendwo, wo wir Ruhe haben und uns unterhalten können. Ich werde ihm vorschlagen, dass wir uns am Freitagabend beim Vietnamesen „Quan Com“ zum Essen treffen. Da werden wir sehen, wie das läuft, und wenn es nicht passt, bin ich von dort in ein paar Minuten zu Hause. Aber ich werde ihn erst morgen anrufen.

Am Freitagabend fangen wir mit einem Tee an, während wir die Speisekarte studieren. Ich muss nicht lange lesen, denn ich kenne das Lokal recht gut und werde mit einer sup chua tom anfangen und danach einen cha kho tieu nehmen. Frank bestellt Frühlingsrollen und Rindfleisch. „Ich würde am liebsten zum Essen ein Glas Pinot Grigio trinken“, schlage ich ihm vor, „aber das passt nicht zu deinem Rindfleisch.“ „Macht doch nichts, ich nehm ein alkoholfreies Helles, bin ja mit dem Auto gekommen.“ „Warum das denn?“ „Ich wohne ziemlich weit draußen in Germering.“ „Geht da nicht die S8 hin?“ „Ja, stimmt schon, aber von meiner Wohnung in der Dorfstraße ist mir das zu Fuß zu weit zum Bahnhof. Und wenn ich das Auto zur Bahn nehme, kann ich auch gleich in die Stadt weiterfahren.“ „Hast du denn hier einen Parkplatz gefunden? Das ist doch nicht so leicht.“ „Da hatte ich Glück, in der Nibelungenstraße fuhr grad einer weg, als ich kam. Wo wohnst du denn?“ „In der Schulstraße, das ist nur ein paar Hundert Meter zu Fuß von hier. Ich bin hier in dem Lokal auch öfter mit Freunden oder meinen Mitbewohnern. Es schmeckt gut und ist nicht zu teuer.“ „Du wohnst also in einer WG?“ „Ja, mit Lisa und Wolfgang. Das passt ganz gut. Und du?“ „Ich habe eine kleine Wohnung, zwei Zimmer, Küche und Bad. Reicht für mich allein. Und es ist ruhig dort und man kann mit dem Fahrrad oder zum Joggen in die Natur. Welchen Sport machst du?“ „McFit und im Winter Skifahren. Joggen oder Radfahren mitten in der Stadt mag ich nicht. Fahre höchstens mal zum Einkaufen mit dem Fahrrad.“ Unsere Vorspeisen werden gebracht und wir schweigen für einige Minuten. Das gibt mir Gelegenheit, Frank ein bisschen näher zu betrachten, und ich bin ganz zufrieden mit seinem Aussehen. Er ist dunkelblond, etwa 1,85 Meter groß, schlank und sieht recht gut aus, finde ich. Auch seine Kleidung finde ich sehr geschmackvoll und bisher ist er auch zurückhaltend. Kann also noch was werden. Schau mer amal.

Nach dem Essen haben wir uns noch mehr voneinander erzählt. Ich weiß jetzt, dass er aus Würzburg stammt und seit über zehn Jahren in München wohnt. Er hat schon hier studiert und hat dann gleich bei ProSieben angefangen. Ich bestelle mir noch ein zweites Glas Wein und Frank einen Espresso. Wir plaudern locker weiter und ich fühle mich sehr wohl. Gegen halb elf zahlt Frank unsere Rechnung und fragt, ob wir noch woanders hinwollen. Ich lehne ab und sage ihm, dass ich ihn lieber ein andermal treffen möchte. „Heute bin ich zu müde.“ Er ist nur kurz ein bisschen unschlüssig oder beleidigt, sagt aber dann mit einem Lächeln: „Wollen wir uns beim nächsten Mal in Germering treffen? Es gibt da einen sehr guten Italiener. Du magst doch auch italienisch?“ „Ja, sehr.“ „Wie wär’s morgen Abend?“ „Da kann ich leider nicht, Wolfgang feiert seinen Geburtstag. Aber Sonntagabend würde gehen.“ „Der Italiener heißt „Casale“. Aber wenn du magst, hole ich dich an der S-Bahn in Unterpfaffenhofen ab. Sagen wir gegen acht?“ „Lieber sieben, sonst wird es mir am Sonntag zu spät.“ „Great, dann bis Sonntag.“ Draußen versucht er noch, mich zu küssen, aber ich lasse es bei Küsschen, Küsschen enden. Vielleicht am Sonntag …

11. Tina

‚Da bin ich jetzt aber in eine Zwickmühle geraten!‘Während ich mit Andreas einen äußerst unterhaltsamen Chat am Laufen hatte, klickte ich noch bei zwei anderen ansprechenden Fotos auf Like und wartete, was kam. Und ehe ich michs versah, steckte ich in drei Chats gleichzeitig. Schon komisch, dass ich mit allen so leicht ins Gespräch gekommen bin.

Andreas wirkt eher vorsichtig zurückhaltend und ist sichtlich bemüht, auf nichts zu drängen. Er erzählt gern von sich, ist aber auch interessiert an meinen Erlebnissen. Es fühlt sich so an, als würden wir ganz gut miteinander harmonieren.