Königreich des Herzens - Jean Plaidy - E-Book

Königreich des Herzens E-Book

Jean Plaidy

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Beschreibung

Ein opulenter historischer Roman der englischen Bestsellerautorin England war ihre große Liebe …Nach der Hinrichtung ihrer Mutter Anne Boleyn wächst die junge Elizabeth als unbedeutende Bastardtochter des Königs auf. Doch als die anderen Erben Heinrich VIII. früh sterben, stellt sie auf einmal die letzte Hoffnung dar, die Regentschaft der Tudors weiterzuführen. Als Königin von England und Irland ist Elizabeth von nun an stets von Beratern, Hofdamen und Heiratsanwärtern umringt – und kämpft schon bald mit der Einsamkeit ihrer Stellung. Nur in dem charmanten und klugen Lord Robert Dudley findet sie einen Seelenverwandten, auch wenn eine Heirat unmöglich scheint. Als ihre schottische Cousine Maria Stuart ein Auge auf die englische Krone wirft, steht er Elizabeth dennoch bei, während sie alles in ihrer Macht Stehende tun muss, um ihren Thron zu verteidigen …  Ein Historienepos über eine der berühmtesten Königinnen Englands – für alle Fans von Alison Weir und Philippa Gregory. »Ein historischer Roman vom Feinsten.« Goodreads-Leserin

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Seitenzahl: 1099

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

England war ihre große Liebe …Nach der Hinrichtung ihrer Mutter Anne Boleyn wächst die junge Elizabeth als unbedeutende Bastardtochter des Königs auf. Doch als die anderen Erben Heinrich VIII. früh sterben, stellt sie auf einmal die letzte Hoffnung dar, die Regentschaft der Tudors weiterzuführen. Als Königin von England und Irland ist Elizabeth von nun an stets von Beratern, Hofdamen und Heiratsanwärtern umringt – und kämpft schon bald mit der Einsamkeit ihrer Stellung. Nur in dem charmanten und klugen Lord Robert Dudley findet sie einen Seelenverwandten, auch wenn eine Heirat unmöglich scheint. Als ihre schottische Cousine Maria Stuart ein Auge auf die englische Krone wirft, steht er Elizabeth dennoch bei, während sie alles in ihrer Macht Stehende tun muss, um ihren Thron zu verteidigen …

Über die Autorin:

Jean Plaidy – wie auch Philippa Carr und Victoria Holt – ist ein Pseudonym der britischen Autorin Eleanor Alice Burford (1906–1993). Schon in ihrer Jugend begann sie, sich für Geschichte zu begeistern: »Ich besuchte Hampton Court Palace mit seiner beeindruckenden Atmosphäre, ging durch dasselbe Tor wie Anne Boleyn und sah die Räume, durch die Katherine Howard gelaufen war. Das hat mich inspiriert, damit begann für mich alles.« 1941 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, dem in den nächsten 50 Jahren zahlreiche folgten, die sich schon zu ihren Lebzeiten über 90 Millionen Mal verkauften. 1989 wurde Eleanor Alice Burford mit dem »Golden Treasure Award« der Romance Writers of America ausgezeichnet.

Jean Plaidy veröffentlichte bei dotbooks ihre historische Romanreihe »Queens of England« mit den Einzeltiteln »Königreich des Herzens«, »Krone der Liebe«, »Im Schatten der Krone«, »Die Gefangene des Throns« und »Die Tochter der Krone«.

Unter dem Pseudonym Victoria Holt erschien ihr historischer Roman »Das Geheimnis der Engländerin«.

Als Philippa Carr veröffentlichte die Autorin ihren großen neunzehnbändigen Roman-Zyklus »Die Töchter Englands«, der in mehreren Sammelbänden erschienen ist.

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eBook-Neuausgabe Januar 2025

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1985 unter dem Originaltitel »Queen Of This Realm« bei G.P. Putnam's Sons, New York.

Copyright © der englischen Originalausgabe 1984 by Jean Plaidy

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1991 der deutschen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mm)

ISBN 978-3-98952-701-0

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

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Jean Plaidy

Königreich des Herzens

Historischer Roman

Aus dem Englischen von Dr. Maria Rauschenberg

dotbooks.

Kapitel 1:Das Ende eines Königs

Wenn ich auf die ersten fünfundzwanzig Jahre meines Lebens zurückblicke und mir vergegenwärtige, wie oft ich in Gefahr war, mein Leben zu verlieren, dann glaube ich, was ich seit jenem herrlichen Tag geglaubt habe, als ich, hoch zu Roß, in einem Reitkleid aus purpurfarbenem Samt und in Begleitung meines Oberstallmeisters Robert Dudley, des attraktivsten Mannes in ganz England, Einzug in meine Hauptstadt hielt, als ich den Böllerschüssen lauschte, die zu meiner Begrüßung aus den Kanonen vor dem Tower abgefeuert wurden, und als mein Blick auf die Blumen fiel, die als Willkommensgruß auf meinen Weg gestreut worden waren –, ja, dann glaube ich mit glühender Inbrunst, daß es mir vorherbestimmt war, eine große Königin zu sein. Damals schwor ich Gott, daß nichts mich je davon abhalten werde, diesem Schicksal zur Erfüllung zu verhelfen. Und dieses Versprechen habe ich gehalten.

Ich hatte allen Grund, über diese ersten fünfundzwanzig Jahre froh zu sein – und war in der Tat mein Leben lang für diese Zeit dankbar –, denn während dieses Lebensabschnitts habe ich so manche bittere Lektion gelernt, und ich habe mich immer bemüht, niemals auch nur eine davon zu vergessen. Ich war jung damals, unerfahren im Umgang mit den Menschen und wenig vertraut mit ihrer Art zu denken und zu handeln; und wie Damokles unter dem Schwert war auch ich in meiner Schutzlosigkeit von der ständigen Gefahr der Vernichtung bedroht. Ein einziger falscher Schritt, ein unbedachtes Wort, ja sogar ein bloßes Lächeln oder ein mißbilligender Blick hätten mir zum Verhängnis werden und meinem jungen Leben ein Ende setzen können.

Ich war noch nicht drei Jahre alt, als ich zum ersten Mal erfuhr, was es hieß, vom Schicksal geschlagen zu sein, denn es geschah etwas, das mein Leben drastisch veränderte. Zwar kann ich, wenn ich ehrlich sein will, nicht wirklich behaupten, mich gut an meine Mutter zu erinnern, obwohl ich mir das zuweilen einbilde. In Gedanken sehe ich dann die strahlendste und faszinierendste Erscheinung vor mir, die mir je begegnet ist. Ich spüre den weichen Samt ihrer Kleider und höre das Rascheln ihrer seidenen Gewänder; ich sehe ihr langes, schwarzes Haar, dessen betörenden Duft ich wahrnehme, und erlebe ihre ausgelassene Fröhlichkeit, die in Wirklichkeit ein Ausdruck der Verzweiflung war. Aber ein Ereignis gibt es doch, an das ich mich deutlich erinnere und das mir das Bild meiner Mutter unauslöschlich eingeprägt hat; ich werde es, solange ich lebe, nie vergessen. Ich befinde mich in einem Schloßhof, und meine bezaubernde Mutter trägt mich auf dem Arm. Da erscheint an einem Fenster des Palastes eine prächtig glitzernde Gestalt – stattlich, beeindruckend, mit einem roten Bart. Es ist der König, und meine Mutter versucht, ihm durch mich etwas mitzuteilen. Sie hält meinen Arm und veranlaßt mich – flehend, verzweifelt –, ihm zuzuwinken. Für die Dauer eines kurzen Augenblicks schaut er, gleichgültig und verärgert zugleich, zu uns herab. Dann wendet er sich ab. Diese Szene hat tatsächlich stattgefunden. Wie ich später herausfand, ereignete sie sich, drei oder vier Tage bevor meine Mutter verhaftet und in den Tower gebracht wurde. Die Erinnerung an ihre Verzweiflung und an des Königs grausame Gleichgültigkeit wird mich niemals verlassen, und ich habe mir geschworen, keinem Mann jemals zu erlauben, mir das anzutun, was mein Vater damals meiner Mutter angetan hat.

Bevor meine Mutter in Ungnade fiel, war sie eine überaus einflußreiche Persönlichkeit bei Hofe gewesen, und meine Erzieherin, Lady Bryan, die außerdem eine Verwandte meiner Mutter war, hatte sich ganz besondere Mühe gegeben, es ihr recht zu machen – ebenso wie Herr Shelton, der auch zur Verwandtschaft gehörte. Meine Mutter hatte sich stets um ihre Angehörigen gekümmert, solange sie dazu in der Lage war. Doch dann überkam sie diese merkwürdige Traurigkeit, ihre Besuche bei mir nahmen ein Ende, und schließlich wandte Lady Bryan sich nur noch wortlos ab, um ihre Gefühle vor mir zu verbergen, wenn ich sie fragte, wo meine Mutter sei.

Meinen Vater habe ich in weitaus lebendigerer Erinnerung. Er erschien mir immer als der mächtigste Mann auf der ganzen Welt – in England war er das ganz sicher. Ich war vierzehn Jahre alt, als er starb, und kann daher wohl behaupten, ihn recht gut gekannt zu haben. Er war ein Mann, der zugleich Furcht erregte und Sympathien weckte, und trotz all seiner Grausamkeit und Skrupellosigkeit gelang es ihm, nie die Liebe seines Volkes zu verlieren. Das war etwas, das mich anspornte, es ihm gleichzutun, denn mein Studium der Geschichte unseres Landes hatte mich gelehrt, daß ein Herrscher, der die Achtung des einfachen Volkes verliert, fürwahr ein törichter Herrscher ist.

Lady Bryan erzählte mir, daß mein Vater früher einmal sehr stolz auf mich gewesen und mit besonderer Vorliebe mit mir auf dem Arm in den Gärten des Schlosses Hampton Court oder des königlichen Palastes von Windsor spazierengegangen sei – je nachdem, wo der Hofstaat sich gerade aufhielt. Es machte mir Spaß, mir das bildlich vorzustellen – ich als Kleinkind, prächtig angezogen, auf dem Arm dieses hochgewachsenen, beeindruckenden Königs, der mich hin- und herschaukelte, während die Höflinge, die ihn auf seinem Spaziergang begleiteten, sich in Komplimenten über meine zahlreichen Vorzüge ergingen.

Diesem Idyll setzte das Schwert des Henkers ein jähes Ende, als es den Kopf meiner schönen Mutter von ihrem gertenschlanken Körper trennte.

Ich erinnere mich deutlich, wie ich nach Lady Bryans Rockschößen griff und fragte: »Wo ist meine Mutter? Warum besucht sie mich jetzt gar nicht mehr?« Und als sie dann versuchte, mich abzuschütteln, um unbeobachtet zu weinen, weigerte ich mich hartnäckig sie loszulassen und bestand auf einer Antwort. Da nahm sie mich auf den Schoß und sagte: »Verehrte Prinzessin, Ihr habt nun keine Mutter mehr.«

»Jeder hat aber eine Mutter«, erwiderte ich, denn ich konnte logisch denken, seit ich gelernt hatte, meine Verstandeskräfte zu gebrauchen.

»Eure Mutter ist jetzt im Himmel«, sagte sie.

»Und wann kommt sie zurück?«

»Aus dem Himmel kommt man nicht zurück.«

»Sie kommt bestimmt zurück, um mich zu besuchen.«

Da drückte Lady Bryan mich an sich und weinte so bitterlich, daß ich ganz verwirrt war.

Ich ahnte allmählich, daß etwas Schreckliches geschehen sein mußte, aber es dauerte noch sehr lange, bis ich die Hoffnung aufgab, meine Mutter je wiederzusehen.

Ich sprach mit Lady Bryan über sie und brachte sie dazu, mir von meiner Geburt zu erzählen.

»Ihr seid im königlichen Palast von Greenwich geboren«, sagte sie, »ein schöner Palast und eine der Lieblingsresidenzen des Königs und der Königin. Ihr erblicktet das Licht der Welt im ›Zimmer der Jungfrauen‹. Dieser Name wurde dem Raum erst später gegeben; vor Eurer Ankunft war er nichts weiter als ein Zimmer, dessen Wände mit Gobelins geschmückt waren, die Szenen aus dem Leben der heiligen Jungfrauen darstellten.«

»Wollte meine Mutter lieber einen Jungen?« fragte ich. Ich mußte wohl irgendwelches Getuschel der Dienerschaft aufgeschnappt haben, daß mir dieser Gedanke nicht aus dem Kopf gehen wollte. Offenbar hatte ich mit meiner Frage einen wunden Punkt berührt, denn Lady Bryan erblaßte und sagte eine Zeitlang gar nichts.

Dann erklärte sie mir: »Eure Mutter wünschte sich einen Jungen. Der König wünschte sich einen Jungen. Aber sobald Ihr das Licht der Welt erblickt hattet, waren sie beide überzeugt davon, daß Ihr und niemand anders das Kind wart, das sie herbeigesehnt hatten.«

Schon bald sollte mir klarwerden, wie wenig diese Auskunft der Wahrheit entsprach, doch ich liebte Lady Bryan dafür, daß sie diese Notlüge für mich erfand. In Wirklichkeit hatte das Leben meiner Mutter von der Geburt eines Sohnes abgehangen. Wäre ich ein Junge gewesen, dann wäre nicht jenes Schwert aus Frankreich angefordert worden, mit dem man meine Mutter enthauptet hat. Dann wäre aus meiner Mutter eine geliebte und verehrte Königin geworden – und nicht ein Leichnam in einem Grab in der Kirche St. Peter ad Vincula nahe dem Tower.

Lady Bryan fuhr fort: »Die Königin sagte nach Eurer Geburt, nun werde jener Raum zu Recht als ›Zimmer der Jungfrauen‹ bezeichnet werden, denn jetzt sei in ihm eine kleine Jungfrau zur Welt gekommen, dazu noch am Vorabend des gnadenreichen Festes, an dem die Kirche der Geburt der Heiligen Jungfrau gedenke.«

»Das hat sie gesagt?« fragte ich staunend.

»Ja, genau das. Ihr habt nämlich am Vorabend des Geburtstages der Jungfrau Maria das Licht der Welt erblickt. Stellt Euch vor!«

Meine liebe Erzieherin gab sich solche Mühe, mich zu trösten, doch selbst sie konnte mir die Wahrheit letztlich nicht verheimlichen. Es blieb mir nicht erspart zu erfahren, daß ich, die einst so wichtige und vornehme Prinzessin, inzwischen völlig unbedeutend war und daß es kaum jemanden kümmerte, was aus mir würde. Meine Mutter war tot, hingerichtet wegen Verrats am König; sie war des Ehebruchs mit fünf Liebhabern beschuldigt worden, von denen einer ihr eigener Bruder, mein Onkel George Boleyn, gewesen sein soll. Thomas Cromwell, der einflußreiche Minister des Königs hatte den Nachweis erbracht, daß ihre Ehe mit dem König gar keine wirkliche Ehe gewesen war, und deswegen war ich für unehelich erklärt worden. Und einem Bastard des Königs stand natürlich nicht der Rang seines ehelichen Nachwuchses zu.

Mein Glücksumschwung wurde mir bewußt, als meine Kleider und Röcke verschlissen und fadenscheinig wurden und Lady Bryan lange Stunden damit zubrachte, sie zu flicken.

»Ich mag dieses schäbige Kleid nicht«, murrte ich. »Warum bekomme ich kein neues?«

Daraufhin wandte die gute Lady Bryan sich ab, um mich nicht merken zu lassen, wie zornig sie auf irgendjemanden war – auf mich gewiß nicht, denn sie nahm mich in die Arme und versicherte mir, ich sei ihre verehrte Prinzessin, und daran werde sich nie etwas ändern.

Sie war sehr böse auf Herrn Shelton, der in meiner Hofhaltung eine bedeutende Stellung innehatte, denn er legte größten Wert darauf, daß meine Mahlzeiten von einem gewissen höfischen Zeremoniell begleitet waren, und er pflegte mir Wein und scharf gewürzte Speisen servieren zu lassen. Ich bekam mit, wie Lady Bryan mit ihm schimpfte. »Solche Speisen sind für ein Kind völlig ungeeignet«, warf sie ihm vor.

Und Herr Shelton erwiderte: »Dieses Kind ist nicht irgendein Kind. Vergeßt nicht, daß sie die Tochter des Königs ist.«

»Oh ja, als solche wird sie ja auch von ihm anerkannt, nicht wahr?« Lady Bryans Stimme ließ keinen Zweifel über ihre Empörung. »Da bin ich aber froh! Ist euch eigentlich klar, Herr Shelton, daß es Monate her ist, seit dieses Kind neue Kleider bekommen hat? Ich kann schließlich nicht endlos fortfahren, die abgetragenen Sachen zu flicken.«

»Ich kann nur wiederholen, daß sie die Tochter des Königs ist, und das sollten wir niemals vergessen. Wer weiß ...«

»Was wollt Ihr denn damit andeuten, Herr Shelton?«

Er antwortete nicht. Ich war ganz Auge und Ohr, und da ich wußte, daß oft seltsame Dinge außerhalb der kleinen Welt meines Kinderzimmers beschlossen wurden, gelangte ich mehr und mehr zu der Überzeugung, daß Herr Shelton – aus welchen Gründen auch immer – eifrig bestrebt war, meine Gunst zu gewinnen und mich außerdem dazu zu bringen, die Zuneigung, mit der ich an Lady Bryan hing, meiner Erzieherin zu entziehen, um sie ihm zu schenken. Er schlug mir nie eine Bitte ab, soweit ihre Erfüllung in seiner Macht stand, und er benahm sich immer äußerst unterwürfig.

Anfangs glaubte ich, er sei ein wirklich netter Mann. Dann aber, als ich begriff, daß Lady Bryan mich nur deshalb kurzhielt und hin und wieder leicht bestrafte, weil sie der Auffassung war, als meine Erzieherin dazu verpflichtet zu sein, mochte ich Herrn Shelton längst nicht mehr so gern. Welcher Art auch immer die gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten zwischen uns sein mochten, es war stets Lady Bryan, bei der ich Trost suchte, wenn ich unglücklich war.

Wie Lady Bryan war auch Herr Shelton mit meiner Mutter verwandt, und das war auch der Grund, weshalb beide meiner Hofhaltung in Hunsdon angehörten. Sie waren wie Hund und Katze zueinander. Einmal bekam ich mit, wie Lady Bryan Herrn Shelton gegenüber erklärte: »Ihr tut alles, um der Prinzessin so lange wie möglich einen königlichen Lebensstil zu ermöglichen, nicht wahr, Master Shelton? Aber ich sage Euch eins: Es wird Euch wenig nützen. Seit Königin Annes Tod gibt es bei Hofe eine neue Königin, und die erwartet nun ein Kind, und sollte dieses Kind ein Junge werden ... was wird dann aus unserer Prinzessin?«

»Und wenn es kein Junge wird, was dann?« entgegnete Herr Shelton. »Was dann, wenn Königin Jane dasselbe Schicksal wiederfährt wie Königin Anne?«

»Pst!« unterbrach ihn Lady Bryan. »So etwas zu sagen, ist Verrat. Solche Worte sollte man nie in den Mund nehmen. Alles, worum ich Euch bitte, ist, das Kind nicht so zu verwöhnen. Ist Euch denn nicht klar, daß diese scharf gewürzten Speisen nicht gut für ihre Verdauung sind? Außerdem habe ich Euch im Verdacht, daß Ihr der Kleinen außerhalb der Mahlzeiten Süßigkeiten zusteckt; wenn Ihr damit nicht aufhört, sehe ich mich gezwungen, offiziell Beschwerde zu erheben, und zwar so, daß sie auch dem König zu Ohren kommt.«

Herr Shelton zeigte sich von ihren Drohungen unbeeindruckt; wie ich später erfuhr, schrieb sie daraufhin tatsächlich einen Brief an Thomas Cromwell persönlich, in dem sie ihm mitteilte, daß ich weder Kleid noch Rock zum Anziehen und nicht einmal mehr Unterwäsche besäße, und ihn bat, etwas Kleidung für mich zu schicken. Außerdem beklagte sie sich in dem Brief über Herrn Sheltons Angewohnheit, mir bei Tisch scharf gewürzte Speisen servieren zu lassen, und regte an, dafür Sorge zu tragen, daß in Zukunft einfache, aber nahrhafte Speisen für mich zubereitet würden, die für ein Kind meines Alters bekömmlicher seien.

Ich bekam schließlich einige neue Kleider, aber ich vermute, daß das möglicherweise auf die Vermittlung meiner Schwester Mary zurückzuführen war. Sie war damals zwanzig Jahre alt, was mir sehr alt vorkam. Sie sah nett aus und hatte ein sehr ernstes Wesen; wie man hörte, verbrachte sie viel Zeit knieend im Gebet. Ein leuchtendes Vorbild für mich, meinte Lady Bryan, denn ich ginge meinen religiösen Studien mit weitaus geringerem Eifer nach, als Mary es als Kind getan habe. (Lady Bryan war bereits Marys Erzieherin gewesen und daher in der Lage, begründete Vergleiche anzustellen.) Ich sei an so vielem interessiert und stellte einfach zu viele Fragen, sagte sie. »Dabei gibt es Dinge, zu denen man sich ohne Wenn und Aber bekennen muß«, belehrte mich Lady Bryan, »und dazu gehört der Glaube ebenso wie der Gehorsam gegenüber dem König.« Obwohl ich damals noch so klein war, kamen mir bereits erste Zweifel hinsichtlich meines Eintretens für die eine wie für die andere Forderung.

Lady Marys Mutter, Katherine von Aragon, war wenige Monate vor meiner Mutter gestorben, und meine Schwester war ganz untröstlich, denn sie und ihre Mutter hatten einander immer besonders nahegestanden. Vor dem Tod ihrer Mutter hatte Mary mich gar nicht gemocht, und jedes Mal, wenn wir uns begegnet waren – was selten genug vorkam –, hatte ich, so jung ich auch noch war, gespürt, daß meine Anwesenheit sie ärgerte. Das hatte sich inzwischen geändert. Wir hatten beide unsere Mutter verloren; beide Mütter waren beim König in Ungnade gefallen und gestorben, ohne seine Gunst wiedererlangt zu haben; wir waren beide zu Bastarden erklärt worden. Marys fragwürdiger Status war auch der Grund dafür, daß sie noch nicht verheiratet war; es kam selten vor, daß eine Königstochter das Alter von zwanzig Jahren erreichte, ohne daß ein Ehemann für sie gefunden worden war. Jedenfalls behandelte sie mich inzwischen recht liebevoll, und da ich mir Mühe gab, ihr zu gefallen, freundeten wir uns zunehmend miteinander an. Wenn man schon keine Mutter mehr hat – und einen König zum Vater, den man selten zu Gesicht bekommt –, ist es sehr erfreulich, zumindest eine Schwester zu haben. Ich hoffte, Mary möge auch dieser Ansicht sein.

Ich war sehr traurig, als Mary Hunsdon verließ; sie selbst war jedoch sehr glücklich darüber, denn Königin Jane hatte sie an den Hof zurückholen lassen. Die genaueren Zusammenhänge erfuhr ich zum Teil erst später; aufgrund meines sehr jugendlichen Alters muß mir damals so manches verborgen geblieben sein. Viele wichtige Entdeckungen, die ich mit der Zeit machte, begannen mit dem Tag, als Katherine Champernowne meine Erzieherin wurde – ihr hatte ich sie zu verdanken. Katharine, die ich schon bald Kat nannte, war die klatschhafteste, unbesonnenste und wunderbarste Person, die mir bis dahin begegnet war, und ich schloß sie zunehmend ins Herz.

Allem Anschein nach konnte der König seiner neuen Frau keine Bitte abschlagen. Königin Jane, die ebenso blond war wie meine Mutter dunkelhaarig und ebenso zurückhaltend wie jene lebhaft, war das völlige Gegenteil von Königin Anne, für die der König zum Schluß nur noch abgrundtiefen Haß empfunden hatte, nachdem er anfangs in ebenso glühender Leidenschaft zu ihr entbrannt gewesen war. Außerdem war Jane sogleich nach ihrer Heirat schwanger geworden – die Eheschließung hatte nur schamlose zehn Tage nach der Hinrichtung meiner Mutter durch das Schwert stattgefunden. Königin Jane hatte also, wie es schien, den König gebeten, Mary an den Hof zurückzuholen, damit sie ihr bis zur Geburt ihres Kindes Gesellschaft leisten könne.

»Sie soll kommen und dir Gesellschaft leisten, mein Liebling«, soll der König ihr – wie Kat mir berichtete – versichert haben, und Mary folgte der Aufforderung mit großer Freude.

Ich vermißte Mary, aber wie alle anderen erwartete ich mit Spannung die Nachricht von der Geburt des Kindes.

Als Lady Bryan mich zu sich in ihr Privatgemach holte, war mir sogleich klar, daß sie mir etwas Wichtiges mitzuteilen hatte. Sie legte die Arme um meine Schultern und zog mich an sich.

»Die Königin hat einem Sohn das Leben geschenkt«, sagte sie. »Der König und alle Menschen im ganzen Land sind sehr glücklich.«

Ich spürte, wie meine Gesichtszüge versteinerten – wie immer, wenn ich mich ärgerte. Lady Bryan hatte mich schon oft deswegen getadelt. »Eine schlechte Angewohnheit«, pflegte sie zu sagen, »und zudem eine, die Euch mehr schaden als nützen wird.« Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, doch diesmal fiel es mir besonders schwer, denn wie sollte ich des in mir aufsteigenden Zorns Herr werden, wenn ich mitanhören mußte, wie eine andere Frau ›Königin‹ genannt wurde – ein Titel, der meiner Mutter gehört hatte? Überdies hatte diese neue Jane einen Jungen zur Welt gebracht – wo doch eigentlich ich dieser Junge hätte sein sollen.

»Im ganzen Land läuten die Glocken«, sagte Lady Bryan, »und der König ist so glücklich. Dieser kleine Junge wird eines Tages Englands König sein, obwohl – so Gott will – noch viele Jahre vergehen mögen, bevor es soweit ist. Seine Majestät, der König, hat Herrn Shelton und mich wissen lassen, daß Euch die besondere Ehre zuteilwerden soll, bei der Taufe des kleinen Prinzen das Taufkleid zu tragen. Na! Was haltet Ihr davon?«

Ich hielt eine Menge davon. Endlich wurde auch ich an den königlichen Hof gerufen.

Wie glücklich ich doch an jenem Oktobertag war, als ich auf der Themse in Richtung Schloß Hampton Court fuhr, überaus prächtig gekleidet, wie es sich für jemanden gehörte, der einer so wichtigen Zeremonie beiwohnen sollte.

Da lag der Palast in seiner majestätischen Schönheit, die vom Fluß aus besonders eindrucksvoll war. Kein Wunder, daß mein Vater damals, als das Schloß noch Kardinal Wolsey gehört hatte, gesagt haben soll, es sei eine viel zu prächtige Residenz für einen Untertan, und sich selbst des Palastes bemächtigt hatte! Ich war wie verzaubert von seinem riesigen Torhaus, seinen Privatgärten, seinen Tennisplätzen und seinen offenen Kaminen, von denen jeder einzelne so groß war, daß man einen Ochsen darin hätte braten können. Das war die Kulisse, die mir angemessen war!

Der Respekt, der mir hier entgegengebracht wurde, versetzte mich in helles Entzücken, und ich gab mich der Illusion hin, daß dies möglicherweise der Beginn eines neuen, besseren Lebens für mich sei; ich fragte mich, ob wohl die blasse Königin dafür verantwortlich war, die den Platz meiner Mutter eingenommen hatte.

Rückblickend fällt es mir schwer zu sagen, ob ich mich an die Einzelheiten der Taufe tatsächlich erinnere oder ob sie mir im Nachhinein geschildert wurden. Immerhin war ich damals erst vier Jahre alt. Aber ich weiß noch genau, welches Glück – oder, genauer gesagt, welche Genugtuung – ich empfand, unter all diesen mächtigen und bedeutenden Leuten zu sein. Der König selbst war in der Kapelle nicht anwesend. Er war im Palast bei der Königin geblieben, die, wie man erzählte, von der Geburt sehr geschwächt gewesen sein soll. Dafür waren mehrere hohe Würdenträger versammelt. Der Herzog von Suffolk, der Marquis von Exeter, der Graf von Arundel und Lord William Howard hielten den Baldachin über das Kind; die Marchioness von Exeter hielt den kleinen Prinzen im Arm. Ich hörte, unter den anwesenden Angehörigen des Adels befinde sich auch mein Großvater Thomas Boleyn, der Graf von Wiltshire, der, mit einer Wachskerze in der Hand und einem Handtuch über dem Arm, die ihm zugedachte Rolle in der Zeremonie spielte. Ich begegnete ihm jedoch nicht und war später froh darüber, als mir der Gedanke kam, daß es eigentlich ziemlich charakterlos von ihm war, an einer solchen Zeremonie teilzunehmen, nachdem seine eigene Tochter vom König umgebracht worden war, damit die Mutter des zu taufenden Kindes ihren Platz einnehmen konnte. Damals jedoch war ich restlos glücklich. Ich hatte teil an all dem Glanz und der Pracht, und das herrlich gekleidete Kind, das im Mittelpunkt der feierlichen Handlung stand, war mein Bruder.

Da ich noch klein war und die Zeremonie sich hinzog, trug Edward Seymour, ein Bruder von Königin Jane, mich auf dem Arm. Es war mein erstes Zusammentreffen mit der Familie, die später eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen sollte. Die Heirat des Königs mit ihrer Schwester hatte den Brüdern Seymour zu einem kometenhaften Aufstieg bei Hofe verholfen. Bereits wenige Tage nach der Taufe wurde Edward Seymour zum Grafen von Hertford ernannt.

Meine Schwester Mary, die als Patin des kleinen Prinzen auserwählt worden war, lächelte mir aufmunternd zu, als Edward Seymour mich am Taufbecken absetzte. Ich erwiderte ihr Lächeln dankbar und sah und hörte aufmerksam zu, als der kleine Junge in das Taufkleid gehüllt und sein Rang verkündet wurde:

»Gott in seiner Allmacht und unendlichen Güte möge dem mächtigen, vortrefflichen und edlen Prinzen, dem Herzog von Cornwall und Grafen von Chester, dem ersehnten und überaus geliebten Sohn unseres erhabenen und gnädigen Herrschers, König Henrys VIII., ein langes Leben gewähren.«

Trotz der Aufregung fühlte ich mich zunehmend schläfrig, denn die Zeremonie dauerte nun schon drei Stunden, und es war fast Mitternacht. Meine Schwester Mary muß meine Müdigkeit bemerkt haben; als die Prozession sich anschickte, die Kirche zu verlassen und Lady Herbert die Schleppe meines prächtigen Gewandes aufhob, nahm Mary meine Hand, um mich vor dem Stolpern zu bewahren. Ich sah, wie glücklich sie aussah. Der Grund für ihr Strahlen war, daß sie endlich an den königlichen Hof zurückgeholt worden war und die große Ehre hatte, die Patin dieses wichtigen Prinzen, unseres Bruders, zu sein. Ich hatte ihn bereits ins Herz geschlossen. Schließlich war er der Grund dafür, daß ich hier sein durfte. Seine Geburt hatte meinen Vater so froh gestimmt, daß er sich sogar dazu herabließ, meiner Schwester Mary und mir huldvoll zuzulächeln, obwohl wir doch den unverzeihlichen Fehler begangen hatten, als Mädchen auf die Welt zu kommen.

Königin Jane lag, von Kissen gestützt, in ihrem Bett. Sie trug ein wunderschönes Nachtgewand, aber ihre Blässe und ihre hohlen Wangen ließen deutlich erkennen, wie erschöpft sie war.

Als wir ihr Gemach betraten, erschallten die Trompeten so laut, daß ich, schon halb vom Schlaf übermannt, entsetzt zusammenfuhr; Mary konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.

Und da stand nun unser Vater. Es war mit funkelnden Juwelen behängt und sah sehr prächtig aus; auch schien er alle anderen Männer um Haupteslänge zu überragen. Wie jovial er doch wirkte – ein mächtiger, wohlwollender Gott, so ganz anders als der Mann, den ich damals vom Hof aus am Fenster des Palastes gesehen hatte! Mein Vater ist der bedeutendste Mann auf der Welt, dachte ich. Seine Augen waren sehr klein, sein Mund ebenfalls, aber vielleicht kam mir das nur so vor, weil sein Gesicht so großflächig war. Während ich zu ihm aufsah, mußte ich unwillkürlich an meine Mutter denken, und so sehr er mich auch beeindruckte, so sehr ich ihn auch bewunderte, ich fürchtete mich vor ihm.

Der kleine Prinz wurde seiner Mutter in die Arme gelegt, und sie segnete ihn.

Damit war die Zeremonie beendet und wir fuhren nach Hunsdon zurück.

Die folgenden Jahre brachten bedeutende Veränderungen mit sich.

Der König zeigte sich von seiner gütigeren Seite, nun da er den ersehnten Sohn bekommen hatte. Ihm war die Freude an dem Kind deutlich anzumerken, wenngleich Edwards Geburt Königin Jane das Leben gekostet hatte; die arme, blasse Frau starb etwa eine Woche nach jener Zeremonie, die in ihrem Schlafgemach stattgefunden hatte.

Für mich war das bedeutendste Ereignis jedoch die Ankunft von Katharine Champernowne.

Lady Bryan, deren Bemühungen um die Erziehung meiner Schwester Mary und danach um meine eigene Erziehung als höchst verdienstvoll gewürdigt worden waren, war zur Vorsteherin der Hofhaltung meines kleinen Bruders ernannt worden, und eine solche Position in der Hofhaltung des Thronerbens angetragen zu bekommen, war natürlich eine große Ehre. Eine Zeitlang übte sie ihre erzieherische Tätigkeit im Schloß Hampton Court aus, danach war sie vorübergehend in Ashridge und später in Hatfield tätig. Wann immer es sich ergab, daß auch ich mich in diesen Residenzen aufhielt, durfte ich zu meiner großen Freude meinem Bruder Gesellschaft leisten, und obwohl er noch so klein war, bewies er mir gegenüber von Anfang an große Zuneigung und Anhänglichkeit.

Der große Einschnitt in meinem Leben aber kam mit Katharine – meiner Kat, wie ich sie nannte. Sie muß damals etwa fünfzehn oder sechzehn Jahre alt gewesen sein, und sobald ich ihr zum ersten Mal begegnete, wußte ich, daß ich sie ins Herz schließen würde. Sie war eine junge Frau von bemerkenswerter Bildung – sonst wäre sie wohl auch kaum zu meiner Erzieherin ernannt worden –, aber ihre Gelehrsamkeit hinderte sie nicht daran, spontan und unbekümmert zu sein; sie neigte zur Unbesonnenheit, aber ihre Fröhlichkeit und Herzenswärme waren der Grund, daß ich mich zu ihr hingezogen fühlte. Sie bereicherte mein Dasein um etwas, das ich bislang schmerzlich vermißt hatte, ohne mir seines Fehlens bewußt zu sein.

Also trat Kat in mein Leben, die liebe, klatschsüchtige Kat, die mir so vieles erzählte, was mir bisher verheimlicht worden war; ich sollte ihr für den Rest meines Lebens dafür dankbar sein.

Das Leben wurde endlich spannend – und es unterlag weniger Einschränkungen als zur Zeit von Lady Bryans strengerer Herrschaft. Kat erzählte mir von allen möglichen Ereignissen, die draußen in der Welt stattfanden, und das gefiel mir sehr, denn ich haßte nichts mehr, als über etwas im Unklaren gelassen zu werden.

Ich erfuhr zunächst einmal, daß mein Vater sich trotz all seiner Überschwänglichkeit zur Schau getragenen Trauer um Königin Jane händeringend bemühte, einen Ersatz für sie zu finden.

»Erben, Erben, Erben!« ereiferte sich Kat. »Das ist der größte Wunsch eines Königs. Weshalb er allerdings jetzt immer noch so verzweifelt auf einen Thronerben aus ist, ist mir nicht ganz klar. Schließlich hat er doch nun seinen heißersehnten Jungen, und außerdem ist ja noch Lady Mary da, von meiner geliebten kleinen Elizabeth einmal ganz zu schweigen. Beide sind immerhin die Töchter des Königs – das zumindest hat er nie bestritten, wenn er auch alles darangesetzt hat, ihre Mütter loszuwerden, die eine im Gerichtssaal, die andere auf dem Richtblock. Wie auch immer die Methode, losgeworden ist er sie.«

Das war Kats Art zu reden – weniger zu Anfang, während ich noch sehr klein war, aber später, als ich älter wurde. Für mich war sie damals das faszinierendste Wesen, das ich je kennengelernt hatte, und wäre sie weniger impulsiv und weniger klatschsüchtig gewesen, so wäre ihre Gesellschaft längst nicht so fesselnd gewesen.

Als mein Vater im Begriff war, die Prinzessin Anna von Cleve zu heiraten, erwies Kat sich als eine wahre Quelle des Wissens. »Wer weiß«, verkündete sie, »diese Eheschließung könnte für Euch ein völlig neues Leben bedeuten, meine Prinzessin.«

»Wieso denn?« fragte ich.

»Nun ja, die neue Königin könnte den Wunsch äußern, ihre Stieftöchter kennenzulernen. Sie brennt sicher schon vor Neugier, sie zu sehen.«

Ich war noch keine sieben Jahre alt, als es zu jener verhängnisvollen Heirat kam, und zu der Zeit war ich längst nicht mehr das Kind, das die Taufe seines Bruders im Schloß Hampton Court miterlebt hatte. Ich veränderte mich zusehends und fand das Leben überaus interessant, vor allem dann, wenn Edward und ich derselben Hofhaltung angehörten, was recht häufig der Fall war. Wir wurden von denselben Lehrern unterrichtet und hatten viel gemeinsam, denn wir lernten beide ausgesprochen gern. Ich hatte zum Beispiel keinerlei Mühe, mir Fremdsprachenkenntnisse anzueignen – Edward ebensowenig; und mir schien, als seien selbst unsere Lehrer ein wenig erstaunt darüber gewesen, mit welcher Geschwindigkeit es mir gelang, das Französische, das Lateinische und das Italienische zu beherrschen. Ich konnte mich in allen drei Sprachen fließend unterhalten. Edward war genauso bestrebt wie ich, unsere Lehrer durch seine Leistungen zu überraschen. Er war verblüffend altklug und bereits mit vier Jahren ein richtiger kleiner Gelehrter. Ich freute mich jedes Mal, bei ihm zu sein und ihn als kleinen Bruder behandeln zu können; und auch Edward genoß das sehr, denn er war ein einsames Kind, obwohl er von so viel Prunk und Pomp umgeben war. Niemand vergaß auch nur für einen Augenblick, daß er der Thronerbe und sein Leben eine sorgsam zu hütende Kostbarkeit war; schon ein Niesen von ihm reichte aus, um seine Umgebung in helle Panik zu versetzen.

»Sie haben alle Angst«, erklärte mir Kat. »Falls unserem verehrten Prinzen irgendetwas zustoßen sollte, könnten die Köpfe der für ihn verantwortlichen Bedienten nicht mehr ganz so fest auf ihren imposanten Schultern sitzen.«

»Was redet Ihr nur für ein wirres Zeug, Kat«, tadelte ich sie.

Da fiel sie vor mir auf die Knie und rief – halb spöttisch, halb ernsthaft – aus: »Ihr würdet Eure arme Kat doch niemals verraten, nicht wahr, Herrin?«

Es war schon merkwürdig, daß jemand, der so gebildet war wie Kat, gleichzeitig eine so leichte Ader haben konnte. Aber so war Kat nun einmal, und seit sie gekommen war, war mein Leben wesentlich vergnüglicher geworden.

Wir erfuhren bald darauf, daß mein Vater die Heirat mit Anna von Cleve bereits bereute. Angeblich besaß sie nicht die Schönheit ihrer Vorgängerinnen, und nachdem der König Holbeins zauberhaftes Portrait von ihr bewundert hatte und wahre Lobeshymnen auf die Vorzüge der Prinzessin ihrer Ankunft vorausgegangen waren, war er, als er sie schließlich persönlich kennenlernte, bitter enttäuscht. Er fand sie durch und durch abstoßend.

Zwischen ihr und mir entwickelte sich später eine langjährige Freundschaft, und ich habe mich oft gefragt, warum mein Vater sie wohl so sehr verabscheut haben mag. Sie war klug und liebenswürdig und keineswegs häßlich. Ich kann nur vermuten, daß er, was Frauen betraf, einen ganz besonderen – wenn auch nicht auf einen bestimmten Typ festgelegten – Geschmack hatte, und daß sie einfach nicht seinen höchst persönlichen Vorstellungen entsprach. Also trennte mein Vater sich von der armen Anna von Cleve, wie er sich zuvor bereits von zwei seiner Königinnen getrennt hatte. Allerdings hatte Anna Glück im Unglück, denn ihr blieb das Schicksal erspart, das für meine Mutter oder für Marys Mutter auf diese Trennung erfolgt war, und nach allem, was Kat zu berichten wußte, muß sie ebenso froh gewesen sein, den König loszuwerden, wie er offenbar froh war, sie loszuwerden. Ihre Ehe wurde für null und nichtig erklärt. Thomas Cromwell, der das Zustandekommen der Heirat ermöglicht hatte, verlor seinen Kopf. Er hatte sich damals als Feind meiner Mutter erwiesen und auf der Seite derer gestanden, die die Hinrichtung dieser schönen jungen Frau gefordert hatten; deshalb bereitete mir sein Ende durchaus eine gewisse Genugtuung.

»Vier Frauen bis jetzt«, sagte Kat. »Ich wüßte zu gerne, wer die fünfte sein wird. Ihr auch?«

Ich antwortete, ich fände es interessant, abzuwarten und die Entwicklung im Auge zu behalten.

»Ich glaube, da werden wir nicht lange zu warten brauchen! Der König hat bereits ein Auge auf eine Verwandte von Euch geworfen, die junge Katharine Howard. Sie ist eine jugendliche Schönheit von unvergleichlichem Liebreiz.«

»Ihr seid eine schreckliche Klatschbase.«

»Oh, heute sind wir also ganz Königliche Hoheit, ja? Nun gut, dann behalte ich meine Neuigkeiten eben für mich.«

Natürlich tat sie nichts dergleichen. Ich hätte es auch gar nicht zugelassen. Und auf diese Weise erfuhr ich alles über die Romanze meines Vaters mit Katharine Howard. Er war angeblich rettungslos in sie verliebt. Sie war ein sehr schönes Mädchen, und sie interessierte sich für mich, weil ich nicht nur ihre zukünftige Stieftochter war, sondern weil sie außerdem eine leibliche Cousine meiner Mutter war. Ich ging davon aus, daß sie ihr Möglichstes tun werde, das Verhältnis zwischen meinem Vater und mir zu verbessern, und ich hatte recht mit dieser Vermutung. Sie bat den König, mir zu erlauben, an den Hof zurückzukehren, und da er es nicht fertigbrachte, ihr einen Wunsch abzuschlagen, konnte ich schon bald voller Vorfreude die Reise antreten.

Ich war gerade sieben Jahre alt geworden, und obwohl ich viel gelesen hatte und alle meine Lehrer der Ansicht waren, daß ich für mein Alter außergewöhnlich begabt sei, war ich andererseits doch noch recht kindlich, denn ich war wenig bewandert in weltlichen Dingen. Als ich die Cousine meiner Mutter kennenlernte und Gelegenheit hatte, mich von ihrer jugendlichen Schönheit, ihrer Lebhaftigkeit und der Warmherzigkeit zu überzeugen, mit der sie all denen begegnete, die sich um ihre Zuneigung bemühten, da hatte ich das Gefühl, alles werde noch gut werden. Mein Vater schien nur Augen für Katharine zu haben. Ich hörte, wie man davon sprach, daß er vor Katharine nur eine Frau mit solch verzehrender Leidenschaft geliebt habe, und das sei meine Mutter, Anne Boleyn, gewesen – damals, bevor sie bei ihm in Ungnade fiel.

Die Erinnerung an meine Mutter und ihr Schicksal verließ mich nie; wenn ich meinen Vater sah, mußte ich oft an jenen verächtlichen Blick denken, den er uns seinerzeit von dem Fenster des Palastes aus zugeworfen hatte, und dann überlief es mich kalt. Ihn so glücklich in Gesellschaft dieses jungen Mädchens zu erleben, beruhigte mich irgendwie. Sie war eine Howard und – wie allgemein behauptet wurde – meiner Mutter ein wenig ähnlich; und wenn sie auch nicht über die umfassende Bildung, die geistsprühende Kultiviertheit, den Schalk und den Witz ihrer Cousine verfügte, so glich sie diese Unzulänglichkeit durch unendliche Liebenswürdigkeit und Herzenswärme aus.

»Stell dir nur vor«, sagte sie zu mir, »ich bin deine Stiefmutter. Ich hoffe, du gestattest mir, auch deine Freundin zu sein.«

Wer hätte erwartet, eine Königin so mit einem kleinen Mädchen sprechen zu hören, dem es nur dank ihrer Fürsprache gelungen war, sein unauffälliges Leben als bedeutungsloser Bastard gegen ein Leben am Hofe einzutauschen?

Der König schenkte mir nun häufiger ein huldvolles Lächeln, weil die Königin mich in ihr Herz geschlossen hatte. Sie sprach bewundernd von meinen Leistungen und dem Lob, das meine Lehrer mir zollten, und sie erklärte mit großen, staunenden Augen, daß der bloße Gedanke an so viel Gelehrsamkeit ihre Vorstellungskraft übersteige. Worauf der König bemerkte, er sei dankbar dafür, denn für ihn sei sie vollkommen – seine Rose ohne Dornen.

Als sie zum ersten Mal in Gesellschaft des Königs an einem offiziellen Bankett teilnahm, bestand sie darauf, daß auch ich eingeladen würde. Und so kam es, daß ich ihr tatsächlich gegenübersaß, unfähig, den Blick von ihrem bezaubernden, lachenden Gesicht abzuwenden, und wie gebannt von der offensichtlichen Verliebtheit des Königs, der zärtlich und überglücklich ihren Arm und ihre Hand berührte und sie mit unendlich sanfter und liebevoller Stimme seine Herzallerliebste nannte.

Kat sagte: »Nun wird alles anders werden. Nun wird uns bald der Rang zuerkannt werden, der uns rechtmäßig zusteht. Wir werden endlich als Tochter des Königs anerkannt werden, was wir ja in der Tat auch sind.« Und sie fügte hinzu: »Unsere neue Königin hat eine Schwäche für Euch, My Lady, und wenn sie den Wunsch nach Eurer Gesellschaft äußert, dann könnt Ihr ganz sicher sein, daß ihr dieser Wunsch auch erfüllt wird – so vernarrt ist der König in sie.«

Wenn doch nur alles so hätte bleiben können, dann, glaube ich, wäre uns allen geholfen gewesen. Dann wäre auch der König glücklich geworden, denn es konnte kein Zweifel darüber bestehen, daß er Katharine liebte, und überdies war die junge Königin, wie Kat betonte, nicht der seelischen Belastung ausgesetzt, möglichst bald einen Sohn zur Welt zu bringen, wie es von meiner Mutter erwartet worden war. »Außerdem«, erklärte Kat wissend, »ist der König nicht mehr der Jüngste. Aber verratet ja niemandem auch nur mit einem Sterbenswörtchen, daß ich Euch das gesagt habe, denn es könnte mich den Kopf kosten. Aber es ist die Wahrheit, und daran können auch Könige nichts ändern. Nein, Seine Majestät, der König, hat wirklich eine entzückende Frau. Hoffen wir, daß er nie auf den Gedanken kommen möge, eine andere haben zu wollen!«

Dennoch schien es unvermeidlich, daß Gerüchte in Umlauf gebracht wurden. Kat berichtete mir davon.

»Gehässige und skrupellose Menschen sind dabei, Komplotte zu schmieden, um die Königin in Verruf zu bringen«, sagte sie.

Das konnte ich zuerst nicht verstehen, doch Kat erklärte mir, daß die Königin, als sie noch ein ganz junges Mädchen gewesen war, ihrer Umwelt ein verschwenderisches Maß an Zuneigung entgegengebracht habe. Sie sei äußerst liebevoll und großzügig gewesen – und solche Frauen zögen die Männer an wie Blumen die Bienen und Honig die Wespen. Die Königin sei von Natur aus so zärtlich und anhänglich, daß es ihr schwerfalle, zu Männern, die sich um sie bemühten, ›nein‹ zu sagen. Anscheinend habe sie als ganz junges Mädchen einmal, ›ja‹ gesagt, als sie besser ›nein‹ gesagt hätte; und nun schnüffelten diese grausamen Leute in ihrer Vergangenheit, um irgendwelche alten Skandale ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren.

»Wie es scheint, werden ihnen die Howards zu mächtig«, sagte Kat. »Wer hätte das für möglich gehalten! Vor kurzem waren es noch die Seymours, jetzt sind es die Howards. Es gibt nichts Gefährlicheres im Leben, als mit einem König verheiratet zu sein. Da kommt man als Frau besser allein zurecht. Wer weiß, vielleicht wäre unsere kleine Königin an der Seite Tom Culpeppers glücklicher geworden als an der Seite des Königs von England; dieser Culpepper soll sie geradezu anbeten – und angeblich ist er auch ihr nicht gleichgültig.«

Ich sah Katharine nie wieder. Stattdessen erfuhr ich Entsetzliches über sie. Sie wurde des Verrats beschuldigt – dieses harmlose junge Mädchen, fast noch ein Kind, das nur den Wunsch hatte, glücklich zu sein und andere glücklich zu machen. Wie konnte man nur so grausam sein? Doch selbst sie, die nie jemandem etwas Böses angetan hatte, hatte ihre Feinde. Thomas Cranmer stellte ihr Fragen, die ihre Vergangenheit betrafen, und beschuldigte sie, mit einem gewissen Francis Dereham eine Ehe eingegangen zu sein und folglich bei der Heirat mit dem König Ehebruch begangen zu haben. Außerdem war die Rede davon, daß sie auch mit anderen Männern Liebesbeziehungen gehabt habe, und auf der Grundlage dieser Anschuldigungen wurde sie festgenommen.

Kat sagte, der König sei darüber ganz unglücklich gewesen und habe die Anschuldigungen, die gegen sie erhoben wurden, zunächst gar nicht glauben wollen. Das stimmte mich zuversichtlich, und ich hoffte, er werde ihr verzeihen; andererseits muß das Gefühl, sich in ihr getäuscht zu haben, ihn ziemlich erbost haben, zumal er geglaubt haben muß, daß er selbst – und er allein – Anlaß und Ziel all ihrer Liebesbeweise gewesen sei. Der Gedanke, daß andere Männer in den Genuß ihrer Zärtlichkeit gekommen sein könnten, muß einen Mann wie ihn erbittert haben.

Katharines Schicksal ging mir sehr nahe. Es erinnerte mich schmerzlich an das, was meiner Mutter widerfahren war. Ich fragte mich, wie ihr damals in ihrem Quartier im Tower wohl zumute gewesen sein mochte – ihr, der es so lange Zeit gelungen war, der glühenden Leidenschaft des Königs auszuweichen, bevor sie seinem Drängen schließlich nachgegeben hatte. Sie muß gewußt haben, daß ihr der Tod bevorstand, obwohl die Vorwürfe gegen sie boshaft und erlogen waren. Und nun ging es der armen kleinen Katharine genauso. Auch sie muß geahnt haben, welches Schicksal ihr drohte. So wiederholen sich historische Ereignisse.

Katharine war völlig verstört und hysterisch vor Angst. Sie war doch noch viel zu jung, um zu sterben, und außerdem glaubte sie einfach nicht, daß der König ihrer Hinrichtung zustimmen könnte. Sie war überzeugt, daß alles gut werden würde, wenn es ihr nur gelänge, mit dem König zu sprechen und ihm zu erklären, was sich wirklich damals im Schloß ihrer Großmutter zugetragen hatte, deren Obhut sie als kleines Mädchen anvertraut gewesen war. Sie würde ihm von all den lebenslustigen jungen Leuten berichten, in deren Gesellschaft sie aufgewachsen war, die immer so belustigt Anteil an ihren Romanzen genommen hatten, auch – und erst recht – dann, als diese Romanzen längst keine harmlosen kleinen Flirts mehr waren, und die ihr geholfen hatten, die strenge Hausordnung zu umgehen, die von ihrer Großmutter, der Herzogin von Norfolk, festgelegt worden war. Sie muß das sichere Gefühl gehabt haben, den König davon überzeugen zu können, daß sie inzwischen älter und vernünftiger geworden war und daß sie ihn aufrichtig liebte und nur den Wunsch hatte, ihm eine gute Ehefrau zu sein. Eines Morgens, als er sich gerade in der Kapelle aufhielt, gelang es ihr, den Wärtern zu entkommen, die ihr Zimmer bewachten; sie versuchte verzweifelt, den König zu erreichen und rannte laut schreiend die Galerie entlang. Sie wurde jedoch gefaßt und gewaltsam zurückgebracht, noch bevor sie den König auf sich aufmerksam machen konnte. Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn es ihr gelungen wäre, mit ihm zu sprechen. Ob er sie vor der Axt bewahrt hätte? Ich würde so gerne glauben, daß es vielleicht ihre Rettung gewesen wäre.

Jener Tag im Februar ist mir noch deutlich in Erinnerung. Seit ich wußte, daß der König ihrer Verurteilung offiziell zugestimmt hatte, mußte ich unentwegt an sie denken. Bereits zwei Tage später wurde sie zum Schafott geführt.

Wie man sich erzählte, soll das arme Kind sich ergeben in sein Schicksal gefügt haben, fast so, als habe sie gar nicht begriffen, worum es eigentlich ging.

Sie wurde ganz in der Nähe meiner Mutter in der Kirche St. Peter ad Vincula beigesetzt.

Ich fühlte mich noch Tage nach ihrer Hinrichtung ganz elend. Ich träumte von ihrem verstümmelten Körper, und es überlief mich kalt bei dem entsetzlichen Gedanken an das Schicksal, das Frauen drohte, die gefühllosen Männern ausgeliefert waren.

Im Jahr darauf heiratete mein Vater, der König, erneut, und diese neue Eheschließung hatte zur Folge, daß ich, ehe ich mich versah, von meiner Außenseiterrolle befreit und in den Schoß der Familie aufgenommen wurde. Seit dem Tod meiner Mutter hatte ich zum ersten Mal wieder das Gefühl, jemand von Bedeutung zu sein; zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, einer Familie anzugehören.

Katharine Parr war vor ihrer Heirat mit meinem Vater bereits zweimal verheiratet gewesen, und natürlich wußte Kat eine Menge über sie zu berichten.

»Kein sehr lustiges Leben«, meinte sie. »Zuerst hat man sie mit Lord Borough verheiratet, der so alt gewesen sein soll, daß er ihr Großvater hätte sein können ... Nun ja, zumindest war er so anständig, das Zeitliche zu segnen, bevor sie älter als siebzehn war. Und was haben sie dann mit dem armen Mädchen gemacht? Sie haben sie mit Lord Latimer verheiratet, der schon zwei Ehefrauen überlebt hatte. Er ist erst dieses Jahr gestorben, und mit dreißig Jahren ist sie nun endlich frei ... oder glaubt es zumindest zu sein. Ich verrate Euch etwas ... Sie hatte sich bereits Hoffnungen auf eine Heirat mit Thomas Seymour gemacht ... Ja, ganz recht, der schneidige Onkel unseres kleinen Prinzen, ein hochgewachsener, gutaussehender Herr, darüber sind sich alle einig, und die arme Katharine Parr soll bis über beide Ohren in ihn verliebt sein, was ja auch nur zu verständlich ist.«

»Dann muß es sein Bruder gewesen sein, der mich bei Edwards Taufe auf dem Arm getragen hat«, sagte ich.

»Wie man hört, ist Thomas ganz anders als Mylord, der Graf von Hertford. Hertford ... der soll streng und ernst sein ... und nach immer höheren Ämtern streben ... und dabei niemals auch nur einen Augenblick vergessen, daß er der Onkel des Thronerben ist. Nun ja, vielleicht vergißt Thomas das ebensowenig ... Jedenfalls ist er ein unglaublich gutaussehender Mann! Ich bin ihm einmal begegnet ...«

»Und wird Katharine Parr ihn heiraten?«

»Wer weiß ... Es geht das Gerücht, der König selbst habe ein Auge auf sie geworfen.«

»Das kann nicht sein. Er ist doch ... alt!«

»Wenn der König etwas will, dann gibt es niemanden, der ihn daran hindern könnte, es sich zu beschaffen. Vielleicht hält das Schicksal nun eine Krone für die Witwe Parr bereit. Ich wette, ein schlichter goldener Ring von Thomas Seymour wäre ihr lieber! Eine Frau, die sich darauf einläßt, die Ehefrau Eures königlichen Vaters zu werden, geht immerhin ein ziemliches Risiko ein. Aber was rede ich denn da! Vergeßt ganz schnell, was ich soeben gesagt habe.«

»Aber es stimmt doch, Kat«, entgegnete ich nüchtern.

Mein Vater heiratete Katharine Parr im Juli, knapp fünfzehn Monate nachdem Katharina Howard ihren hübschen Kopf auf den Richtblock gelegt hatte.

Wie sich bald herausstellte, unterschied Katharine Parr sich grundlegend von all den anderen Ehefrauen, die mein Vater bisher gehabt hatte. Ich glaube, ihre herausragendste Eigenschaft war ihre Mütterlichkeit. Sie war von Natur aus dazu bestimmt, Mutter zu sein, und sehr traurig darüber, daß ihre beiden Ehen mit viel älteren Männern kinderlos geblieben waren. Daher bemutterte sie den König, und bemuttert zu werden war vermutlich genau das, was er zu der Zeit brauchte. Er war jetzt zweiundfünfzig Jahre alt; er hatte all die Jahre dem Wohlleben und den irdischen Genüssen gefrönt, und sein Alter war ihm inzwischen anzusehen. Wahrscheinlich hatte auch Katharine Howards Tod seine Spuren hinterlassen. Während der kurzen Zeit, die sie seine Frau gewesen war, war er mit ihr sehr glücklich gewesen. Zwar mag sie nicht so betörend wie meine Mutter gewesen sein, doch ihre sanfte Anpassungsfähigkeit und ihre überströmende Herzlichkeit hatten ihm gefallen; er hatte im Grunde genommen gar nicht den Wunsch gehabt, sie loszuwerden, aber er kannte nun einmal keine Gnade, wenn er überzeugt war, getäuscht worden zu sein. Von seiner unverwüstlichen Gesundheit war nicht viel übriggeblieben; sein massiger Körper hatte Fett angesetzt, und er hatte am Bein ein Geschwür, das ihm große Schmerzen bereitete und ihn überaus reizbar machte. Katharine Parr verstand es, die Wunde zu behandeln und geschickt zu verbinden; er setzte sich oft zu ihr und legte das Bein auf ihren Schoß – das verschaffte ihm vorübergehend ein wenig Erleichterung. Katharine Parr hatte reichlich Übung im Umgang mit kränklichen Ehemännern, und sie war eine sehr tüchtige Krankenpflegerin. Der König empfand für sie Dankbarkeit und Sympathie – die Jahre der glühenden Leidenschaften waren offenbar für ihn vorüber.

Es war Katharine Parrs Mütterlichkeit, die sie veranlaßte, den König um einen Gefallen zu bitten. Sie erinnerte ihn daran, daß er eine Familie habe und wie traurig es doch sei, daß sie nicht unter einem Dach vereint sei. Mary Tudor sei inzwischen eine erwachsene Frau, aber zumindest die beiden jüngeren Kinder, Elizabeth und Edward, sollten doch zusammen aufwachsen. Sie wolle ihnen eine gute Mutter sein, und der König solle sich als wirklicher Vater erweisen.

Er gab ihrem Wunsch nach, und zum ersten Mal im Leben war ich Mitglied einer richtigen Familie. Ich war entzückt darüber, zumal ich nun mehr mit Edward zusammen sein konnte, der nicht nur mein Bruder, sondern auch der zukünftige König war. Ich war zu der Zeit zehn Jahre alt und wurde mir von Tag zu Tag deutlicher der Intrigen bewußt, die um mich herum ersonnen wurden. Mir wurde zunehmend klar, daß allein aufgrund der Tatsache, daß ich die Tochter des Königs war, jedes belanglose Vorkommnis zu einem Ereignis von größter Tragweite werden konnte.

Das friedliche Leben, das ich damals genoß, hatte ich dem Einfluß meiner Stiefmutter zu verdanken. Doch ich war noch ein Kind und vergaß daher bald, wie schnell aus heiterem Himmel ein Unwetter aufziehen kann; ich kam gar nicht auf den Gedanken, daß irgendetwas geschehen und die neugewonnene Harmonie zerstören könne. Was mir an meinem neuen Leben ganz besonders gefiel, war die Gesellschaft meines Bruders. Er war ein recht blasses und schmächtiges Kind und nicht übermäßig interessiert an Sport und Spielen im Freien, was meinem Vater mißfiel –, aber er liebte wie ich die Bücher. Oft liefen wir schon vor den Unterrichtsstunden in unser Klassenzimmer, weil wir es kaum abwarten konnten, endlich mit dem Lernen zu beginnen. Wir unterschieden uns in mancherlei Hinsicht voneinander, obwohl wir uns äußerlich ähnlich waren – wir hatten die gleiche blasse Haut und das gleiche rotblonde Haar, wir hatten beide helle Augen mit einem Stich ins Bernsteinfarbene, wache Augen, denen nichts entging und die alles in sich aufnahmen. Vielleicht war Edward der gelehrigere Schüler von uns beiden. Er besaß die Fähigkeit, Wissen in sich aufzunehmen, es zu speichern und es nie wieder zu vergessen. Er übernahm, was seine Bücher ihn lehrten, ohne es je in Zweifel zu ziehen, während ich mich mit jedem einzelnen Problem kritisch auseinandersetzte. Ich fragte ständig: Warum?

Zu jener Zeit, als Edward etwa sechs oder sieben Jahre alt und ich vier Jahre älter war, unterhielten wir uns oft miteinander; dabei äußerte ich gewöhnlich meine Zweifel, die – wie ich mit Belustigung feststellte – bei Edward immer leises Entsetzen hervorriefen. Kat pflegte uns bei unseren Gesprächen zuzuhören und zu sagen, wir seien zwei Neunmalkluge, wie sie im Buche stünden; und obwohl wir nicht immer einer Meinung waren, stritten wir uns doch nie. Uns verband eine tiefe geschwisterliche Zuneigung, die täglich größer wurde. Ich glaube, der Gedanke daran, wieviel Verantwortung auf seinen schwachen Schultern lastete, beunruhigte Edward; er war unsicherer als ich, suchte meine Gesellschaft und in gewisser Weise bei mir auch Schutz.

Da Edward ein so überaus wichtiges Kind war, konnte er nicht von jemandem wie Kat unterrichtet werden; offen gestanden fühlte sogar ich mich ihr bereits ein wenig überlegen. »Ihr wißt inzwischen mehr als ich«, sagte Kat selbst manchmal etwas wehmütig. Die Königin erkannte dies und unterhielt sich mit meinem Vater darüber, mit dem Ergebnis, daß die besten Lehrer im ganzen Land in den Palast geholt wurden, um meinen Bruder zu unterrichten; und da ich seine Räumlichkeiten teilte, widerfuhr mir das große Glück, auch seine Lehrer teilen zu dürfen. Das war zunächst Dr. Richard Cox, Leiter eines Colleges in Eton und ein sehr gebildeter Herr, und später kam noch Sir John Cheke aus Cambridge hinzu. Er brachte Roger Ascham mit, der sich sehr für meine Arbeit interessierte und mich in zahlreichen Briefen zu vertieften Studien anspornte.

Viele Menschen bei Hofe staunten über den unermüdlichen Wissensdurst, den mein Bruder und ich an den Tag legten. Sie hielten ihn für unkindlich, doch Kat erklärte ihnen, er sei darauf zurückzuführen, daß mein Bruder bei den Spielen im Freien so schnell ermüde, was bei der Beschäftigung mit seinen Büchern nie der Fall sei; was mich angehe, so habe ihre Art und Weise, mich zu unterrichten, meine Liebe zum Lernen vertieft. »Ich habe Euch nie zum Lernen gezwungen«, verriet sie mir. »Roger Ascham hat einmal zu mir gesagt: ›Wenn Ihr zuviel Flüssigkeit auf einmal in einen Becher gießt, verschüttet Ihr den größten Teil, und der Becher läuft über; gießt Ihr aber behutsam, so könnt Ihr den Becher sogar bis zum Rand füllen. Daher zweifle ich auch nicht daran, daß es gelingen wird, das Wissen Ihrer Hoheit‹ – damit hat er Euch gemeint, My Lady – ›durch stetige Fortschritte so zu vergrößern, daß das Resultat eine Gelehrsamkeit ist, wie sie umfassender nicht erworben werden kann.‹ Das habe ich mir gemerkt, und ich habe doch auch immer dafür gesorgt, daß Euch das Lernen Spaß gemacht hat, nicht wahr? Ihr und ich – wir haben es geschafft, Lernen zu einem Spiel zu machen, das wir miteinander spielen konnten ... bis zu dem Tag, an dem Ihr so klug geworden seid, daß ich nun nicht mehr mithalten kann.«

Ich weiß noch, wie ich sie gefragt habe: »Und wer ist dieser kluge Mann? Roger Ascham, sagtet Ihr?«

Das war, bevor Sir John Cheke ihn mitbrachte, und das erste Mal, daß ich seinen Namen hörte.

Kat antwortete ein wenig verschämt, er sei ein Freund von Herrn Ashley, und der wiederum sei ein guter Bekannter von ihr. »Und er ist außerdem mit den Boleyns verwandt«, fügte sie stolz hinzu.

Damals dachte ich nicht weiter über diesen Herrn Ashley nach, denn das, was um mich herum geschah, nahm meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Ein neuer Lehrer war zu uns gekommen. Es war William Grindal, ein Gelehrter aus Cambridge – wir wurden also auch weiterhin von den besten Lehrern im Lande unterrichtet.

Unsere Stiefmutter richtete es so ein, daß sie soviel Zeit wie möglich mit uns verbringen konnte. Sie war eine tiefreligiöse Frau und der festen Überzeugung, der neue reformierte Glaube sei der einzig wahre Glaube. Sie sprach so beredt von ihren Überzeugungen in dieser Frage, daß Edward vor Begeisterung ganz hingerissen war; ich dagegen war weniger als Edward geneigt, Theorien kritiklos zu übernehmen – ich hatte jedoch großen Respekt vor der Tiefe und Aufrichtigkeit der religiösen Überzeugungen meiner Stiefmutter und hielt viele ihrer Argumente für einleuchtend.

Seit mein Vater mit der Kirche Roms gebrochen hatte, um sich von Katharine von Aragon zu trennen und meine Mutter heiraten zu können, war es zu einem großen Umbruch in Glaubensfragen gekommen. Es war eine Zeit, in der es als unklug galt, solche Fragen allzu offen zu erörtern, weil nur zu leicht etwas gesagt werden konnte, das der einen oder anderen Gruppierung nicht gefiel. Ich hatte Streitgesprächen jedoch noch nie widerstehen können und verkündete nun, daß es meiner Ansicht nach nur einen Gott und eine Kirche gebe und daß das ganze Gezänk um verschiedene Lehren reine Zeitverschwendung sei.

»Ich glaube an das Christentum«, sagte ich, »und es erscheint mir völlig unwichtig, nach welcher Methode man zu Gott betet, solange man ihn nur mit Andacht verehrt.«

Diese Bemerkung löste bei meinem Bruder und meiner Stiefmutter einen wahren Sturm der Entrüstung aus, und so fuhren wir damit fort, uns gegenseitig unsere Argumente zu erläutern und zu versuchen, einander zu überzeugen. Das waren Gespräche, wie ich sie liebte.

Unglückseligerweise muß mein Bruder wohl eine meiner Äußerungen jemanden gegenüber erwähnt haben, der sie seinerseits dem König zutrug. Offenbar versetzten meine Ansichten ihn in großen Zorn. Die Folge war jedenfalls, daß ich vom königlichen Hof fortgeschickt wurde.

Kat und William Grindal schlossen sich meinem kleinen Gefolge an, und gemeinsam gingen wir nach Hunsdon zurück. Ich war am Boden zerstört. Die Tage schleppten sich in trostloser Eintönigkeit dahin. Ich vermißte meinen Bruder schmerzlich. Der Unterricht ohne ihn war nicht mehr der Unterricht, den ich so liebte, denn es fehlte das freundschaftliche Wetteifern. Was war ich doch für ein Dummkopf gewesen, frei heraus zu sagen, was ich dachte! Aber ich hatte eine wertvolle Lektion gelernt: Sage nie etwas, das denjenigen mißfallen könnte, die Macht über dich haben. Ich machte mir große Vorwürfe, und mein einziger Trost waren meine Bücher und Kats Gesellschaft.

Zum Glück war die Verbannung von nicht allzu langer Dauer, denn meine Stiefmutter, die noch immer das uneingeschränkte Wohlwollen des Königs genoß – sie war eine so vorzügliche Krankenpflegerin, niemand konnte das Bein des Königs so gut verbinden wie sie –, legte ein gutes Wort für mich ein. Sie bat den König, mich wieder an den Hof zu holen, und führte als Entschuldigung für meine unbedachte Äußerung meine Jugend und meine Aufgewecktheit an, die ich, wie sie hinzufügte, eindeutig von meinem Vater geerbt hätte. Edward schloß sich ihren Bitten an und beklagte sich darüber, daß der Unterricht ohne mich nur halb so interessant sei. Und so erlaubte der König mir schließlich zurückzukehren.

Was war das doch für ein fröhliches Wiedersehen! Der liebe Edward! Die liebe Katharine Parr! Ich habe in den folgenden Jahren noch oft an diese glückliche Zeit denken müssen, und dann erfüllte mich der Gedanke an Katharine jedes Mal mit großer Traurigkeit. Zunächst war ich jedoch erst einmal an den Hof zurückgekehrt.

Meine Stiefmutter sagte zu mir: »Deine Lehrer sind so voll des Lobes über deine Arbeit, daß ich das Gefühl habe, als sei dein Vater recht stolz auf seine Tochter.«

Der Gedanke, er könne auf mich stolz sein, erfüllte mich mit unvorstellbarer Freude – mehr noch als das Wiedersehen mit Katharine und meinem Bruder. Das war eigentlich seltsam, denn mein Vater zeigte sich mir gegenüber wenig freundlich. Manchmal träumte ich, ich befände mich in der Kirche St. Peter ad Vincula und sähe in verschwommenen Umrissen die geisterhafte Gestalt meiner Mutter und Katharine Howards. Auch mußte ich oft daran denken, mit welch kalter Gleichgültigkeit er vor all den Jahren auf meine Mutter herabgeschaut hatte, als sie mit mir auf dem Arm im Schloßhof auf sein Erscheinen gewartet hatte. Ja, er war grausam und rücksichtslos – und dennoch war er der große König, und sein Wohlwollen war mir wichtiger als das Lob von irgendjemandem sonst.