Die Erben der Medici - Jean Plaidy - E-Book

Die Erben der Medici E-Book

Jean Plaidy

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Beschreibung

Paris, 1572. Ihr Leben lang musste Katharina de‵ Medici für ihren Platz am französischen Königshof kämpfen. Nun ist sie fest entschlossen, auch die Macht ihre Kinder zu sichern – koste es was es wolle. Während sie alles dafür tut, ihren genauso jungen wie labilen Sohn Karl auf dem Thron zu halten, soll ihre Tochter Margot Heinrich von Navarra heiraten, obwohl deren Herz einem anderen gehört. Noch ahnt Katharina nicht, dass diese Hochzeit zwischen der jungen Katholikin und dem Hugenottenkönig die aufgeladene Stimmung in Paris bald zum Überkochen bringen wird. Durch die Intrigen seiner eigenen Mutter gelenkt, ruft König Karl zu einem Massaker auf, dass ganz Frankreich bald in einen blutigen Krieg zu stürzen droht …

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Seitenzahl: 629

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

 

Paris, 1572. Ihr Leben lang musste Katharina de‵ Medici für ihren Platz am französischen Königshof kämpfen. Nun ist sie fest entschlossen, auch die Macht ihre Kinder zu sichern – koste es was es wolle. Während sie alles dafür tut, ihren genauso jungen wie labilen Sohn Karl auf dem Thron zu halten, soll ihre Tochter Margot Heinrich von Navarra heiraten, obwohl deren Herz einem anderen gehört. Noch ahnt Katharina nicht, dass diese Hochzeit zwischen der jungen Katholikin und dem Hugenottenkönig die aufgeladene Stimmung in Paris bald zum Überkochen bringen wird. Durch die Intrigen seiner eigenen Mutter gelenkt, ruft König Karl zu einem Massaker auf, dass ganz Frankreich bald in einen blutigen Krieg zu stürzen droht …

eBook-Neuausgabe

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1953 unter dem Originaltitel »Queen Jezebel« bei Robert Hale, London. Die deutsche Erstausgabe erschien 1995 unter dem Titel »Die Blutnacht in Paris« beim Hestia Verlag, Raststatt.

Copyright © der englische Originalausgabe 1953 by Jean Plaidy

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1995 by Hestia Verlag KG, Rastatt

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung einer Abbildung des Wappens der Katharina von Medici – Miller Atlas – Wikimedia Commons sowie mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ah)

 

ISBN 978-3-69076-411-7

 

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

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Jean Plaidy

Die Erben der Medici

Historischer Roman

Aus dem Englischen von Ulrich Binder

 

Für

G. P. H.,

dessen Rat und Hilfe

unschätzbar waren

I

 

Von seinen dicken Steinmauern umgeben, stöhnte Paris unter der Sommerhitze. Schon seit Wochen strömten Reisende aus allen Gegenden Frankreichs durch die Tore in die Stadt. Adlige und ihr Gefolge zogen nach Paris, und mit ihnen kamen Bettler, Gauner und Diebe, als würden sie von ihnen magisch angezogen. Ganz Frankreich war fest entschlossen, die Eheschließung der katholischen Prinzessin mit dem König von Navarra, einem Hugenotten, mitzuerleben.

Ab und zu ritt eine schillernde Persönlichkeit mit einer Schar von Gefolgsleuten vorbei, und Hörnerklänge kündigten ihn als Edelmann an. Auf dem Weg zum Louvre durchquerte er die von schmalen, hohen Häusern gesäumten Straßen mit ihren grauen Dächern; war er ein Katholik, so jubelten ihm die Katholiken zu, war er ein Hugenotte, feierten ihn die Anhänger des anderen Lagers.

Spannung lag in den engen, verdreckten und von Fliegen bevölkerten Gassen; man konnte sie in den Straßen und auf den Plätzen wahrnehmen, über denen sich die gotischen Türme der Sainte-Chapelle und von Notre-Dame wie Wachposten erhoben oder die von der schieren Macht der Bastille und der Conciergerie erdrückt zu werden schienen. Die allgegenwärtigen Küchengerüche stiegen den Bettlern in die Nase, denn Paris war eine Stadt der Restaurants, wo die rôtisseurs und pâtissiers von den Edlen, ja selbst vom König gefördert wurden. Die Bettler waren hungrig, aber sie waren auch vorsichtig.

Ab und zu brach in einer Taverne eine Schlägerei aus. Ein Mann sei ermordet worden, erzählte man sich, dann habe man ihn in die Seine geworfen. Er war ein Hugenotte, und es überraschte niemanden, daß er im katholischen Paris den Tod gefunden hatte. Ein Hugenotte unter den Katholiken kam einer Herausforderung gleich, aber in diesem Sommer hielten sich Tausende von Hugenotten in Paris auf. Überall waren sie zu sehen, sie befanden sich vor der Kirche Saint-Germain-l’Auxerrois, der Pfarrkirche der königlichen Familie, und zogen durch die überfüllten Straßen, vorbei an Hütten und Häusern; viele wohnten hinter den gelben Mauern des Hôtel de Bourbon, andere wiederum strömten zum Haus an der Ecke Rue de 1’Arbre Sec und Rue Béthisy, wo sich der Sitz der größten aller protestantischen Leitfiguren befand, von Admiral Gaspard de Coligny.

Weiter östlich, in der Rue Saint Antoine, stand eins der größten Häuser von Paris, das Hôtel de Guise, und an diesem Sommertag ritt ein Mann in die Stadt, dessen Anblick die Herzen der meisten Pariser höherschlagen ließ: der blondhaarige, blondbärtige zweiundzwanzigjährige Henri de Guise. Der Herzog war ihr Held, ihr Idol, der bestaussehende Mann Frankreichs, neben dem jeder andere wie jemand aus dem einfachen Volk wirkte – Könige und Prinzen eingeschlossen.

Die Einwohner riefen ihm ihre Ergebenheit zu; sie schwenkten ihre Mützen; sie klatschten, wenn er vorbeiritt, und sprangen in die Höhe, um einen Blick zu erhaschen; und sie beweinten den Mord an seinem Vater, dem er so ähnelte. Er war eine romantische Figur, dieser junge Herzog de Guise, vor allem jetzt, da die ganze Stadt diese Hochzeit vorbereitete, denn de Guise war der Liebhaber der Prinzessin, die dem Hugenotten zur Frau gegeben werden sollte. Paris hätte es vorgezogen, den katholischen Herzog und seine Prinzessin zum Altar schreiten zu sehen. Aber es wurde gemunkelt, die alte Schlange, die Königinmutter, habe die Verliebten zusammen ertappt und daraufhin angeordnet, den gutaussehenden Herzog mit Cathérine de Clèves, der Witwe des Prinzen de Porcien, zu verheiraten, während die lebenslustige Prinzessin Margot ihren katholischen Henri de Guise gegen den Hugenotten Heinrich von Navarra eintauschen mußte. Diese Reaktion war unnatürlich, aber das Volk von Paris erwartete nichts anderes von der Italienerin Katharina von Medici.

»Hoch!« riefen die Pariser. »Herzog de Guise lebe hoch!«

Würdevoll winkte er ihnen zu, und gefolgt von seinen Leuten und den Bettlern, die sich ihnen auf dem Weg angeschlossen hatten, bog Henri, Herzog de Guise, in die Rue Saint Antoine ein.

 

***

 

In ihren Räumen im Louvre hörten Prinzessin Marguerite und ihre Schwester, die Herzogin de Lorraine, die Jubelrufe in den Straßen und lächelten glücklich, denn sie wußten, wem sie galten. Marguerite, im ganzen Land Margot genannt, war neunzehn Jahre alt; sie neigte bereits zur Fülle, war voller Lebensfreude und wirkte dadurch anziehend. Ihr eilte der Ruf voraus, eine der gebildetsten Frauen des Landes zu sein, aber auch eine der ausschweifendsten. Ihre ältere, gesetztere Schwester, die Gattin des Herzogs de Lorraine, stellte das genaue Gegenteil der jungen Prinzessin dar: Claude war eine ruhige und besonnene junge Frau.

Margots schwarzes Haar umspielte ihre Schultern, nachdem sie gerade ihre rote Perücke abgenommen hatte; ihre dunklen Augen glänzten, wofür, wie Claude wußte, der gutaussehende Herzog de Guise verantwortlich war. Margot und Guise liebten sich, wenn auch die Treue nicht gerade oberstes Gebot für sie war; es gab zu viele Trennungen, und Margot war einfach nicht für die Treue gemacht, sagte sich Claude. Claude sah in allen Menschen immer nur das Beste. Margot hatte ihrer Schwester oft gesagt, daß ihr Leben zerstört worden war, als ihr die Erlaubnis verweigert wurde, den Mann zu heiraten, den sie liebte – den einzigen Mann, dem sie ihre Liebe schenken konnte. Als Henri de Guises Gattin hätte sie treu sein können, hatte sie erklärt, aber sie empfinde es als Entehrung, nur seine Geliebte, nicht aber seine Ehefrau sein zu können. Aus Verzweiflung habe sie sich einen Liebhaber genommen, dann einen zweiten, und schließlich sei dies zu einer Gewohnheit geworden, die sie nicht mehr ablegen konnte, denn sie verliebte sich leicht, und am Hofe gab es viele anziehende Männer. »Aber«, erklärte Margot ihren Kammerzofen, »solange Monsieur de Guise am Hofe weilt, bin ich ihm immer treu.« Und als sie jetzt an ihn dachte, leuchteten ihre Augen, und ein fröhliches, unbeschwertes Lachen kam über ihre Lippen.

»Seht zum Fenster hinaus, Charlotte!« befahl sie. »Sagt mir, könnt Ihr ihn sehen? Beschreibt ihn mir.«

Eine junge Frau erhob sich graziös von ihrem Stuhl und eilte zum Fenster. Mit jeder Bewegung schien Charlotte de Sauves zum Ausdruck zu bringen, daß sie die hübscheste Person am Hof war. Ihr langes, gelocktes Haar war kunstvoll frisiert, ihr Kleid stand den Gewändern von Claude und Margot in nichts nach, und ihr Gesicht mit den blauen Augen wurde von blondem Haar umrahmt. Sie war zwei oder drei Jahre älter als Margot. Ihr schon etwas älterer Gatte besaß den verantwortungsvollen Posten eines Ministers, und wenn sein Amt ihm nur wenig Zeit für seine Gattin ließ, standen viele andere bereit, seine ehelichen Pflichten zu übernehmen. Margots Ruf war schon nicht der beste, aber Charlotte war sozusagen berüchtigt. Wenn Margot sich einen Liebhaber nahm, dann war sie verliebt; es dauerte zwar nur kurz, aber diese Zeitspanne galt ihr jedes Mal als »die Liebe ihres Lebens«. Charlottes Affären waren weniger romantisch.

»Ich kann ihn sehen«, sagte Charlotte. »Wie groß er ist!«

»Man sagt, er sei mindestens einen Kopf größer als jeder seiner Leute«, warf Claude ein.

»Und wie er zu Pferde sitzt!« rief Charlotte aus. »Es ist kein Wunder, daß ganz Paris ihn liebt.«

Margot erhob sich und eilte ebenfalls zum Fenster.

»Es gibt niemanden, der ihm gleicht«, sagte sie. »Ach, ich könnte Euch so viel von ihm erzählen. Sieh mich nicht so entsetzt an, Claude. Ich kann meinen Mund halten. Schließlich bin ich nicht so indiskret wie Charlotte oder Henriette.«

»Ihr solltet es uns erzählen«, meinte Charlotte, »oder die eine oder andere könnte versucht sein, es selbst herauszufinden.«

Margot fuhr zu Charlotte herum, packte ihr Ohrläppchen zwischen Daumen und Zeigefinger und kniff fest zu. Diesen Trick hatte Margot von ihrer Mutter gelernt, und sie wußte aus eigener Erfahrung, wie schmerzhaft das war.

»Madame de Sauves«, sagte sie, nun wieder ganz hoheitsvoll. »Ihr tätet gut daran, Eure Blicke nicht in Richtung Monsieur de Guise schweifen zu lassen.«

Charlotte rieb sich vorsichtig das schmerzende Ohr und erwiderte: »Eure Prinzessin, es gibt keinen Grund zur Furcht. Ich zweifle nicht daran, daß Monsieur de Guise Euch ebenso treu ist wie ... Ihr ihm.«

Margot drehte sich auf dem Absatz um und kehrte zu ihrem Stuhl zurück. Ihr Arger war schnell verflogen, denn sie konnte das Wiedersehen mit Henri de Guise kaum erwarten. Ihre Umgebung kannte sie gut und liebte sie, denn trotz ihrer Fehler war sie die liebenswerteste Person der königlichen Familie. Sie brauste zwar leicht auf, aber ebenso schnell verflog ihr Zorn auch wieder. Sie war großzügig, hatte ein gutes Herz, und wenn jemand in Not war, konnte er immer auf ihre Hilfe zählen. Sie war eitel und ohne Moral; es hatte sogar einmal unschöne Gerüchte bezüglich ihrer Zuneigung zu ihrem Bruder Heinrich, dem Herzog von Anjou, gegeben; als er siebzehn Jahre alt war und als Held von Jarnac und Montcontour gefeiert wurde, hatte sie ihn überschwänglich bewundert. Schön, fröhlich und intelligent wie sie war, erwies sie sich immer als willkommener Gesprächspartner und wurde daher von fast allen geliebt.

Wegen der Äußerung Charlotte de Sauves mußte sie sich nun vor ihren Hofdamen rechtfertigen. Sie erschauerte und wiegte ihren Oberkörper hin und her. »Wenn ich mir vorstelle«, murmelte sie, »daß mich jede Minute der Hochzeit mit einem Mann näher bringt, den ich hasse!«

Sofort versuchten die Frauen, sie zu trösten.

»Er wird dich zur Königin machen, liebste Schwester«, meinte Claude.

Die anderen fielen ein: »Man sagt, Heinrich von Navarra sehe zwar nicht so gut aus wie Monsieur de Guise, habe aber auch seine Qualitäten.«

Auch Charlotte, die noch immer ihr Ohr massierte, stimmte in den Chor mit ein. »Ihr werdet von vielen Frauen hören, wie attraktiv er ist«, murmelte sie. »Er ist etwas grob, etwas plump, erzählt man sich; aber es ist schließlich nicht einfach, jemanden zu finden, der so hingebungsvoll und elegant ist wie Monsieur de Guise. Herzog Heinrich ist ein König unter den Männern; und der König von Navarra, so heißt es, ist nur ein Mann ... unter Frauen.«

»Schweigt, Charlotte«, stieß Margot hervor, mußte dann aber lachen. »Aber dennoch blutet mir das Herz. Was soll ich tun? Ich kann diesen Dummkopf nicht heiraten. Ich habe gehört, daß er eine Vorliebe für Bauernmädchen hat.«

»Nicht mehr als für Damen des Adels«, erwiderte Charlotte. »Er liebt sie einfach alle.«

»Vielleicht verweigert der Papst seine Zustimmung«, sagte Margot nachdenklich. »Dann findet keine Hochzeit statt. Ich bete Stunde um Stunde, daß der Papst die Eheschließung verbietet. Dann könnten wir schließlich nichts dagegen tun.«

Ihre Hofdamen lächelten. Ihrer Meinung nach würde die Mutter der Prinzessin, die diese Heirat schließlich wünschte, sie nicht durch einen Papst verhindern lassen. Aber sie sprachen diese Gedanken nicht aus; es gehörte sich, die Wunschträume Margots zu unterstützen. Und Claude war die letzte Person, die ihrer Schwester weh tun wollte.

»Dann gibt es keine Heirat«, fuhr Margot fort, »und alle Männer und Frauen können dahin zurückkehren, wohin sie gehören. Aber es ist aufregend, so viele Menschen in Paris zu sehen. Ich muß gestehen, daß es mir gefällt. Ich höre gerne die Stimmen der Menschen während der Nacht. Sie machen die Nacht zum Tage – und all das nur, weil sie sehen wollen, wie ich diesen Einfaltspinsel Heinrich von Navarra eheliche. Aber ich werde ihn nicht heiraten; ich habe geschworen, ihn nicht zu heiraten.«

Es klopfte an der Tür.

»Herein!« rief Margot. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich abrupt, als sie Madalenna, die italienische Vertraute ihrer Mutter, erblickte. Claude schauderte es, wie immer, wenn die Wahrscheinlichkeit bestand, zu ihrer Mutter gerufen zu werden.

»Was gibt es, Madalenna?« fragte Margot.

»Ihre Majestät, die Königinmutter, wünscht Madame de Sauves sofort zu sprechen.«

Allen außer Charlotte stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, aber sie ließ ihre Gefühle nicht erkennen.

»Geht gleich zu ihr«, sagte Margot erleichtert. »Laßt meine Mutter nicht warten.«

Alle schwiegen betreten, nachdem Charlotte gegangen war. Nach einer Weile sprach Margot erneut von der ihr verhaßten Hochzeit, aber der Glanz war aus ihren Augen gewichen, und ihr Gesicht glich einer Maske.

 

***

 

Charlotte de Sauves verharrte kniend vor Katharina von Medici, der Königinmutter, bis diese die junge Charlotte mit einer Handbewegung aufzustehen hieß.

Katharina von Medici war dreiundfünfzig Jahre alt; während der letzten Jahre hatte ihre Leibesfülle gewaltig zugenommen, denn sie liebte gutes Essen. Sie trug Schwarz, die Farbe der Trauer, wie stets seit dem Tod ihres Gatten, Heinrichs II., der vor dreizehn Jahren gestorben war. Ihr Gesicht war blaß, ihre Wangen hingen herunter, und ihre Augen schienen leicht aus den Höhlen zu treten; ein langer, schwarzer Trauerschleier bedeckte ihren Kopf und fiel über ihre Schultern herunter. Die karminroten Lippen der Königinmutter lächelten, aber Charlotte de Sauves lief unwillkürlich ein Schauer über den Rücken. So ging es vielen in Gegenwart der Königinmutter, denn trotz einer gewissen Jovialität konnte sie ihr verschlagenes Naturell nach so vielen Jahren nicht vollständig verbergen. Zu frisch war noch die Erinnerung an den Tod Jeanne von Navarras, der Mutter des Bräutigams, die sich wider besseren Wissens hatte überreden lassen, an den Hof zu kommen, um die Hochzeit ihres Sohnes mit Katharinas Tochter zu besprechen. Jeanne war unerwartet und auf mysteriöse Weise gestorben, und da sie kurz vor ihrem Tod noch Katharinas Wünschen zugestimmt hatte, stellte man allenthalben eine Verbindung zwischen ihrem Ableben und Katharina her. Es wurde viel über die Königinmutter geredet, über ihre italienische Abstammung, denn die Italiener waren ob ihrer Künste in der Giftmischerei berüchtigt; man munkelte, ihr Parfümeur und Handschuhmacher, René de Florentine, sei ihr dabei behilflich gewesen, ihre Feinde ebenso wie ihre Falten verschwinden zu lassen, und er habe sie außer mit Parfüms und Kosmetika auch mit Giften versorgt. Jeanne von Navarra war kein Einzelfall – die Witwe in Schwarz wurde vieler heimlicher Morde verdächtigt. Daran mußte Charlotte denken, als sie vor ihrer Herrin stand.

Aber die junge und hübsche Charlotte konnte nicht gerade als ängstlich bezeichnet werden. Sie liebte Intrigen; sie ergötzte sich an der Macht, die ihr ihre unvergleichliche Schönheit verlieh. Sie stand in Katharinas Gunst, denn Katharina erkannte schnell, wer ihr nützen konnte; und für schöne Frauen hatte sie immer Verwendung. Sie hielt sich keinen Harem, um irgendwelche erotischen Gelüste zu befriedigen, wie es bei ihrem Schwiegervater, Franz I der Fall gewesen war. Die Frauen von Franz’ petite bande waren nur seine Mätressen gewesen, deren Aufgabe darin bestanden hatte, ihn mit ihrem Geist und ihrer Schönheit zu amüsieren. Katharina verlangte von ihren Frauen die gleichen Qualitäten: Sie mußten charmant und anziehend sein, mußten Ehemänner ihren Frauen ausspannen und ausländische Botschafter ihren Königen entfremden können. Die Frauen der escadron volant mußten sich Katharina mit Haut und Haaren verschreiben, und keine, die ihren Platz darin gefunden hatte, wagte es, sie je wieder zu verlassen. Charlotte, wie die meisten jungen Frauen, die sich ihr angeschlossen hatten, wollte die escadron auch gar nicht aufgeben; sie liebte die Aufregung, die Intrigen und die erotischen Abenteuer. Sogar den weniger angenehmen Aufgaben ließ sich noch ein gewisses Maß an Spaß entlocken. Tugendhafte Frauen wurden in diesen Bund nicht aufgenommen, denn sie boten keinen Nutzen für Katharina von Medici.

Charlotte konnte sich denken, weshalb sie hierherzitiert worden war. Sicher würde sie damit beauftragt werden, einen Mann zu verführen. Sie fragte sich, um wen es sich wohl handle. Viele Männer edler Abstammung befanden sich im Moment in Paris, aber ihre Gedanken drehten sich nur um den jungen Mann, den sie vom Fenster der Prinzessin Margot aus hatte vorüberreiten sehen. Sollte es sich um Henri de Guise handeln, würde sie sich mit größter Freude an die Arbeit begeben. Und die Wahrscheinlichkeit war groß. Vielleicht wollte die Königinmutter verhindern, daß sich Margot und Henri de Guise erneut skandalös betrugen, womit zu rechnen war, obwohl er mit einer anderen Frau verheiratet war und sie kurz davor stand zu heiraten.

»Setzt Euch, Madame de Sauves.« Katharina wollte nicht sofort zum Thema kommen. »Ihr habt eben die Gemächer der Prinzessin verlassen. Wie fühlt sie sich?«

»Sie ist ganz angetan vom Treiben auf den Straßen, Madame. Sie schickte mich zum Fenster, um den Herzog de Guise vorbeireiten zu sehen. Euer Majestät wissen, wie sie sich verhält, wann immer er sich in Paris aufhält. Sie ist ganz aufgeregt.«

Katharina nickte. »Ach ja, der König von Navarra wird sehr auf sie aufpassen müssen, nicht wahr? Aber er wird ihr die Lüsternheit nachsehen. Leidet er doch an derselben Schwäche.« Katharina lachte lauthals, und Charlotte fiel in das Lachen ein.

Katharina fuhr fort: »Man sagt ihm nach, er sei sehr galant, dieser Mann aus Navarra. Er war schon als Kind so. Ich kann mich gut an ihn erinnern.« Charlotte beobachtete, wie die Königinmutter die Lippen schürzte, und konnte ihre Augen lüstern blitzen sehen. Diesen Charakterzug Katharinas empfand Charlotte abstoßender als alle anderen. Katharina von Medici besaß keine Liebhaber, aber sie verlangte von ihrer escadron, ihr alle Liebesaffären zu beschreiben. Sie selbst blieb dabei kühl und distanziert, ohne sichtbare Gefühle, und schien sich dennoch köstlich über die Geschichten zu amüsieren. »Das Alter«, fuhr Katharina fort, »spielte für ihn nie eine Rolle. Hauptsache, es waren Frauen. Erzählt mir, was Prinzessin Marguerite sagte, als sie Euch zum Fenster schickte, um Monsieur de Guise zu sehen.«

Charlotte wiederholte die ganze Unterhaltung fast wörtlich. Es war wichtig, nichts auszulassen, denn die Königinmutter befragte eventuell noch weitere Personen, die anwesend gewesen waren, und wenn sich die Geschichten nicht deckten, reagierte sie sehr ungehalten. Sie verlangte von ihren Spionen, daß sie genaue Beobachter waren und nichts vergaßen.

»Sie ist nicht mehr so wild auf den gutaussehenden Herzog, wie sie es einmal war«, murmelte Katharina. »Ich kann mich noch erinnern, wie sie einmal ...« Wieder mußte sie lachen. »Egal. Jenes Abenteuer würde Euch vermutlich wenig beeindrucken, da Ihr doch Eure eigenen Abenteuer erlebt habt. Aber die beiden waren unersättlich. Sie geben ein hübsches Paar ab, meint Ihr nicht, Madame de Sauves?«

»In der Tat, Euer Majestät. Sie passen gut zusammen.«

»Und beide nehmen es mit der Treue nicht so genau. Sie geben gern der Versuchung nach, alle beide. Also ist meine Tochter eifersüchtig auf die Wirkung, die Ihr auf den galanten Guise haben könntet?«

Automatisch wanderte Charlottes Hand zu ihrem Ohrläppchen, und Katharina lachte. »Ich habe eine Aufgabe für Euch, Charlotte.«

Charlotte lächelte, und ihre Gedanken wanderten wieder zu dem gutaussehenden Reiter zurück. Man sagte ihm nach, der bestaussehende und charmanteste Mann ganz Frankreichs zu sein.

»Ich möchte das Leben meiner Tochter so angenehm wie möglich gestalten«, fuhr Katharina fort. »Die geplante Ehe widerstrebt ihr, ich weiß, aber da sie sich selbst gerne in der Rolle der verletzten Unschuld sieht, wird sie es bis zu einem gewissen Grad genießen, die unwillige Braut zu spielen. Der junge König von Navarra gehörte immer schon zu den wenigen jungen Männern, die sie nicht interessiert haben; und weil ich es ihr leichtmachen möchte, bitte ich Euch, mir dabei behilflich zu sein.«

»Es ist mein einziger Wunsch, Euer Majestät zu dienen!«

»Eure Aufgabe wird sehr einfach sein. Sie wird Euch keine großen Opfer abverlangen, und da Ihr einen galanten Herrn für Euch gewinnen und an Euch binden sollt, bin ich sicher, daß es Euch leichtfallen wird.«

»Ich versichere Euer Majestät, daß ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um Euch zu gefallen.«

»Ihr werdet es genießen. Der Liebhaber, den ich für Euch im Sinn habe, besitzt einen Ruf, der dem Euren in nichts nachsteht. Mir kam zu Ohren, er wirke ebenso unwiderstehlich auf Frauen wie Ihr auf die Männer.«

Charlotte lächelte. Der hübsche Herzog de Guise spukte ihr schon lange im Kopf herum. Bisher hatte sie es nie gewagt, ihn auch nur anzusehen, denn Margot wachte über ihre Liebhaber wie eine Löwin über ihre Jungen. Aber wenn die Königinmutter befahl, spielte Margots Zorn nur eine untergeordnete Rolle.

»Wie ich sehe, könnt Ihr es kaum erwarten«, sagte Katharina. »Genießt es, meine Liebe, und laßt mich wissen, welche Fortschritte Ihr macht.«

»Ist es Euer Wunsch, daß ich sofort beginne?«

»Das wird nicht gehen.« Katharina lächelte. »Ihr werdet warten müssen, bis der edle Herr in Paris eintrifft. Eure Liebesaffäre sollte nicht auf brieflicher Basis geführt werden.«

»Aber, Madame ...«, begann Charlotte, leicht aus der Fassung gebracht.

Katharinas Augenbrauen hoben sich. »Ja, Madame de Sauves? Was wolltet Ihr sagen?«

Charlotte schwieg und senkte den Blick.

»Dachtet Ihr, ich hätte von einem Herrn gesprochen, der sich bereits in Paris befindet ... der gerade in Paris eingetroffen ist?«

»Ich ... ich dachte, Euer Majestät hätten ... an jemanden gedacht ... der bereits hier ist.«

»Es tut mir leid, wenn ich Euch enttäuscht habe.« Katharina betrachtete ihre zarten Hände, die dank Renés Hautemulsionen jung und geschmeidig blieben. »Eure Liebesaffäre sollte sich nicht zu schnell entwickeln. Ich möchte, daß Ihr Euch während der ganzen Zeit, in der Ihr den Herrn umgarnt, dessen bewußt bleibt, daß Ihr eine pflichtbewußte Ehefrau seid. Ihr müßt ihm zu verstehen geben, daß Euer Respekt gegenüber dem Baron de Sauves, meinem Staatssekretär und Eurem liebevollen Ehegatten, Euch davon abhält, ihm das zu geben, was er zweifellos schon bald von Euch verlangen wird.«

»Ja, Madame.«

»Das ist alles. Ihr könnt gehen.«

»Euer Majestät haben mir noch nicht den Namen des Mannes gesagt.«

Katharina lachte laut. »Ein wahrhaft grobes Versäumnis meinerseits. Es ist in der Tat nicht unerheblich, daß Ihr ihn kennt. Aber – habt Ihr es noch nicht erraten? Es handelt sich selbstverständlich um unseren Bräutigam, den König von Navarra. Ihr seht überrascht aus. Es tut mir leid, falls Ihr Euch Hoffnungen auf Henri de Guise gemacht habt. Wieviel Liebe Ihr Frauen für diesen Mann hegt! Meine Tochter würde wegen Monsieur de Guise eine Krone zurückweisen; und Euch schwanden fast die Sinne, als Ihr für einen Augenblick glaubtet, ich hätte Ihn als Euren Liebhaber auserkoren. Nein, Madame, wir müssen unserem jungen Eheglück das Leben etwas erleichtern. Überlaßt Monsieur de Guise meiner Tochter und kümmert Ihr Euch um ihren Gatten.«

Charlotte war wie betäubt. Sie war alles andere als tugendhaft, aber es gab Augenblicke, da sie sich angesichts der Intrigen der Königinmutter wie in den Händen eines Abgesandten der Hölle fühlte.

 

***

 

Trauer lag über dem herrlichen alten Château de Châtillon. Der Kummer paßte nicht recht hierher, denn in diesem Schloß lebte eine der glücklichsten Familien Frankreichs. Während der letzten Wochen jedoch wirkte das Oberhaupt des Hauses, der Mann, der von seiner gesamten Familie verehrt und geliebt wurde, rastlos und unruhig. Man fand ihn sonst oft im Garten, wo er viele Stunden damit zubrachte, mit seinen Gärtnern den Standort für neue Obstbäume zu bestimmen; er war immer bereit, mit allen zu plaudern oder mit seiner geliebten Gattin durch den Garten zu spazieren; er lachte und scherzte mit seiner Familie oder las etwas vor. Dieses Haus war reich vom Glück beschenkt.

Aber gerade weil alle bisher so glücklich gewesen waren, breitete sich nun Besorgnis aus. Keiner sprach von ihrer geliebten Freundin, der Königin von Navarra, die vor kurzem auf so mysteriöse Weise in Paris verstorben war, aber ihre Gedanken weilten ständig bei ihr. Immer wenn die Rede auf den Hof, den König oder die Königinmutter kam, klammerte sich Jacqueline de Coligny an den Arm ihres Gatten, als könne sie ihn auf diese Weise bei sich und von allem Bösen fernhalten. Dann drückte er ihre Hand und lächelte sie an, obwohl er wußte, daß er ihr die stumme Bitte abschlagen mußte; er konnte ihr nicht versprechen, der Aufforderung, an den Hof zu kommen, nicht Folge zu leisten, wenn sie an ihn erging.

Gaspard de Coligny hatte eine einzigartige Stellung erreicht, doch da er von den Hugenotten geliebt wurde wie kein anderer, mußte er den Katholiken verhaßt sein. Er war dreiundfünfzig Jahre alt. Seit seiner Bekehrung zum »Neuen Glauben« während seiner Gefangenschaft in Flandern hatte er sich mit Leib und Seele der neuen Religion verschrieben. Er hatte ihr alles geopfert, und wie es schien, würde er ihr auch noch das Glück seiner Familie opfern müssen. Er fürchtete sich davor, wie Jeanne von Navarra zu sterben, aber der Gedanke an seine trauernde Familie betrübte ihn. Hierin lag der Ursprung seiner Trauer. Er lebte gefährlich; dem Tod hatte er während seines Lebens oft genug ins Auge geblickt, und er war bereit, sich ihm noch oft zu stellen. Erst vor kurzer Zeit wäre er beinahe vergiftet worden – ein Anschlag, den vermutlich die Königinmutter angeordnet hatte. Er durfte dieser Frau nicht trauen; aber wenn er ihr nicht trauen konnte, wie sollte er dann darauf hoffen, eine Lösung für die Probleme zu finden, die ihn beschäftigten? Er wußte, auch der Tod seiner Brüder Andelot, des Regimentskommandanten der Infanterie, und Odet, des Kardinals von Châtillon, waren mit großer Wahrscheinlichkeit auf Katharina von Medicis Befehl zurückzuführen. Odet war in London gestorben, Andelot in Saintes. Die Spione der Königinmutter waren überall, und sie ließ durch Dritte morden. Dennoch mußte er gehen, wenn er an den Hof gerufen wurde, denn sein Leben gehörte nicht ihm, sondern seinem Ziel.

Während er im Garten spazierenging, kam seine Gattin Jacqueline auf ihn zu. Er beobachtete sie mit großer Zärtlichkeit, sie erwartete ein Kind – was sie beide mit Freude erfüllte. Sie waren noch nicht lange verheiratet, und sie hatten aus Liebe geheiratet. Jacqueline hatte ihn bereits geliebt, bevor sie ihn persönlich kennenlernte; wie viele hugenottische Frauen hatte sie ihn über Jahre hinweg bewundert, und als seine Frau starb, war sie fest entschlossen gewesen, ihm Trost zu spenden, falls er sie gewähren ließ. Also hatte sie sich auf die lange Reise von Savoyen nach La Rochelle gemacht, wo er sich aufhielt, und gerührt von ihrer Hingabe, hatte der einsame Witwer ihren Bemühungen nicht widerstehen können. Nicht lange nach Jacquelines Ankunft in La Rochelle stürzte sich Gaspard de Coligny erneut in die Ehe.

»Ich bin gekommen, um deine Rosen zu betrachten«, sagte sie und hakte sich bei ihm unter.

Sofort wußte er, daß etwas vorgefallen sein mußte, denn er konnte ihre Unruhe spüren. Sie hatte ihre Gefühle noch nie vor ihm verbergen können, und seit sie das Kind erwartete, schien es ihr ganz unmöglich geworden zu sein. Er fragte jedoch nicht, was sie bedrückte, obwohl er es ahnte; er wollte die unangenehme Nachricht noch etwas hinauszögern.

»Du hast dir die Rosen doch erst gestern angesehen, meine Liebe.«

»Aber sie sehen jeden Tag anders aus. Ich möchte sie noch einmal anschauen. Komm. Gehen wir in den Rosengarten.«

Keiner von beiden warf einen Blick zurück zu den grauen Mauern des Schlosses. Gaspard legte seinen Arm um ihre Schultern.

»Du bist müde«, meinte er.

»Nein.«

Es muß die Aufforderung sein, an den Hof zu kommen, ging es ihm durch den Kopf. Sie kommt entweder vom König oder von der Königinmutter. Jacqueline wird weinen und mich anflehen, nicht zu gehen. Aber ich muß gehen. So vieles hängt davon ab. Ich muß es für mein Volk tun; Gespräche und Konzile sind besser als ein Bürgerkrieg.

Er hatte lange von einem Krieg geträumt, der den Hugenotten in Frankreich und Flandern Freiheit bringen, die Religionsfreiheit sichern und so schrecklichen Massakern wie dem von Vassy ein Ende setzen würde. Konnte er das erreichen, war ihm egal, was aus ihm wurde – mit Ausnahme der Trauer, die sein Tod hervorrufen würde.

Seine Söhne, der fünfzehnjährige François und der siebenjährige Odet, gesellten sich zu ihnen. Sie wußten, was ihm bevorstand, das merkte Gaspard sofort. François’ Gesichtsausdruck verriet nichts, aber der kleine Odet starrte seinen Vater pausenlos mit großen Augen an.

»Was gibt es denn, mein Junge?« wollte Gaspard von Odet wissen; während er die Worte aussprach, konnte er die warnenden Blicke Jacquelines und seines älteren Sohnes sehen.

»Es ist nichts, Vater«, erwiderte Odet mit seiner hellen Kinderstimme. »Mir fehlt nichts. Es geht mir gut, danke.«

Gaspard strich dem Jungen durch das dunkle Haar und mußte an den anderen Odet denken, der nach London gegangen und nie zurückgekehrt war.

»Wie schön es hier draußen ist!« meinte er dann. »Es widerstrebt mir richtig, mich innerhalb dicker Mauern aufzuhalten.«

Er konnte ihre Erleichterung spüren. Seine geliebten Kinder! Seine Frau, die er über alles liebte! Fast wünschte er sich, daß Gott ihm nicht so viel Glück geschenkt hätte, denn es brach ihm das Herz, das Glück zu zerstören; daß er ihn nicht zum Führer der Menschen auserkoren hätte, sondern ihn das süße Familienleben genießen ließe.

Nun kam auch seine Tochter Louise mit ihrem jungen Gatten Téligny in den Garten. Es war eine Freude, die beiden Verliebten zu sehen, und Téligny, der edle junge Mann, war für Coligny mehr als ein Sohn. Denn Téligny, ein überzeugter Hugenotte, war inzwischen einer der verläßlichsten Führer der Bewegung geworden – ein Schwiegersohn, auf den Gaspard de Coligny, Admiral von Frankreich und Anführer der Hugenotten, stolz sein konnte.

Jacqueline und die Jungen wußten, daß sie das Geheimnis nicht länger vor Gaspard verbergen konnten.

Téligny sprach es aus: »Es sind Befehle vom Hof gekommen.«

»Vom König?« fragte Gaspard.

»Von der Königinmutter.«

»Hat man sich um den Boten gekümmert?«

»Er ißt gerade«, antwortete Louise.

»Meine Befehle lauten, so schnell wie möglich an den Hof zurückzukehren«, sagte Téligny. »Die Euren werden zweifellos das gleich enthalten.«

»Das werden wir später prüfen«, antwortete Gaspard. »Im Moment genieße ich es, hier im Garten zu sein.«

Aber die Stunde der Wahrheit ließ sich nicht ewig aufschieben, und für Jacqueline war es offensichtlich, daß die Gedanken ihres Gatten ständig zu dem Boten schweiften. Sie wußte, daß es nicht half, die Botschaft zu ignorieren. Téligny hatte seine Befehle bekommen; ihren Gatten erwarteten ähnliche.

Und so war es auch. Die Königinmutter wünschte seine Anwesenheit am Hof.

»Warum so traurig?« fragte Gaspard und lächelte seine Frau an. »Ich bin geladen, zum Hof zu kommen. Es gab eine Zeit, da glaubte ich, nie wieder eine solche Einladung zu erhalten.«

»Ich wünschte, es wäre so gekommen«, brach es aus Jacqueline heraus.

»Aber, Liebes, du vergißt, der König ist mein Freund. Unser König Karl hat ein gutes Herz. Ich bin überzeugt, er ist der gütigste Regent, der je den Thron der Valois bestiegen hat.«

»Ich dachte an seine Mutter und unsere teure Freundin, Jeanne von Navarra.«

»Du solltest Jeannes Tod nicht mit der Königinmutter verbinden. Jeanne war krank und ist an ihrer Krankheit gestorben.«

»Sie wurde vergiftet, und zwar von ...«

Aber Gaspard hatte bereits beschwichtigend eine Hand auf ihren Arm gelegt. »Überlasse es den Leuten in Paris, solche Auffassungen zu verbreiten. Wir sollten es nicht tun. Aus ihrem Munde sind es nur Gerüchte, aus unserem käme es einem Verrat gleich.«

»Also ist die Wahrheit Verrat? Jeanne ging zum Giftmischer der Königinmutter, um Handschuhe zu kaufen, und ... sie starb. Für mich ist das Beweis genug.«

»Sei vorsichtig, Liebes. Du fürchtest, ich sei in Gefahr. Vielleicht redest du dir das nur ein. Laß uns nicht durch solche Worte eine wirkliche Gefahr heraufbeschwören.«

»Ich werde vorsichtig sein. Aber mußt du wirklich nach Paris gehen?«

»Ich muß, Liebes. Denke daran, was es für uns bedeutet ... für unsere Sache. Der König hat versprochen, den Prinzen von Oranien zu unterstützen. Wir werden über Spanien siegen, und dann können die Anhänger unseres Glaubens in Frieden ihre Religion ausüben.«

»Aber, Gaspard, es ist die Königinmutter, der man nicht trauen darf. Jeanne hat das immer gesagt, und sie wußte, wovon sie sprach.«

»Wir haben es mit dem König zu tun, Liebes. Der König besitzt ein gutes Herz. Er hat gesagt, daß die Hugenotten genauso zu seinem Volk gehören wie die Katholiken. Ich bin voller Hoffnung.«

Seinem Schwiegersohn Téligny gegenüber gab er sich weniger optimistisch. Mit ihm allein, sagte er: »Manchmal frage ich mich, ob einige unserer Getreuen Gottes Hilfe wert sind; ich frage mich, ob sie sich der Bedeutung unserer Mission bewußt sind. Ist ihnen klar, daß es an der Zeit ist, der neuen Religion in unserem Land einen Platz einzuräumen, damit spätere Generationen sie in Frieden ausüben können? Manchmal scheint es, als ob die Liebe der meisten unseres Volkes zur Religion nicht echt ist. Sie bedienen sich ihrer, um ihre Feinde zu bekriegen, und streiten sich lieber um das Dogma, als ein ehrbares Leben zu führen. Die Männer unseres Landes sind dem Protestantismus eher abgeneigt, mein Sohn, anders als die Männer Flanderns, Englands und der deutschen Gebiete. Unser Volk liebt den Frohsinn und die Feste. Die Menschen ergötzen sich daran, zu sündigen, Absolution zu erhalten und anschließend erneut zu sündigen. Für unser Volk als Nation birgt das ruhige, friedliche Leben keinen Reiz. Das dürfen wir nie vergessen. Die beiden Konfessionen waren für viele bisher nichts anderes als ein Grund, sich untereinander zu bekämpfen. Ich bin beunruhigt, mein Sohn. Der Stil der Botschaften weist eine Kälte auf, wie ich sie bei Hof nie kennengelernt habe. Aber ich bin fest entschlossen, mein Versprechen, das ich dem Prinzen von Oranien gegeben habe, einzulösen, und der König muß dazu gebracht werden, sein Wort zu halten.«

»Alles, was Ihr sagt, ist wahr«, warf Téligny ein. »Aber, Vater, was können wir tun, falls der König sein Wort nicht hält?«

»Wir können versuchen, Einfluß auf ihn zu nehmen. Ich glaube, er wird auf mich hören, vorausgesetzt, ich kann allein mit ihm sprechen. Aber auch ohne seine Hilfe haben wir immer noch unsere Anhänger, unsere Soldaten, unsere eigenen Männer ...«

»Die Hilfe Châtillons wäre nichts, wo doch die Hilfe Frankreichs versprochen war.«

»Ich gebe dir recht, mein Sohn; aber falls Frankreich sein Wort nicht hält, muß wenigstens Châtillon zu seinem stehen.«

»Ich habe von Freunden bei Hof warnende Briefe erhalten. Sie bitten uns, nicht zu kommen, Vater. Die Guises führen etwas gegen uns im Schilde, und die Königinmutter ist mit ihnen im Bunde.«

»Wir können nicht wegen einiger Briefe fortbleiben, mein Sohn.«

»Aber wir müssen uns in acht nehmen.«

»Das werden wir, dessen sei versichert.«

Während der gemeinsamen Mahlzeit wurde die bevorstehende Abreise mit keinem Wort erwähnt, aber keiner konnte an etwas anderes denken. Gaspard war im Umland sehr beliebt, denn jeder, der Hunger hatte, bekam im Château de Châtillon etwas zu essen. Der Admiral selbst hatte diese für alle offenen Mahlzeiten, die mit einem Psalm begannen und mit einem Tischgebet endeten, ins Leben gerufen.

Als Gaspard an dem großen Tisch Platz nahm, mußte er an den langen Kampf denken, der vor ihm und all denen lag, die sich ihm angeschlossen hatten. Da war der junge Prinz de Condé, der so sehr seinem fröhlichen und galanten Vater nachgeriet, der für ihre Sache im Kampf gestorben war; aber trotz seiner Tapferkeit konnte man den jungen Prinzen nicht gerade als starke Persönlichkeit bezeichnen. Dann war da noch der junge König, Heinrich von Navarra, der mit seinen neunzehn Jahren zwar ein guter Kämpfer, aber auch ein Lebemann war, ein Mann, den es eher nach den Freuden des Lebens als nach Rechtschaffenheit dürstete. Er konnte dem Reiz der Frauen nicht widerstehen; er liebte die Zechgelage, gutes Essen und Trinken; sich vollständig einer religiösen Sache zu verschreiben, dazu war er zu sehr Frohnatur. Téligny? Nicht nur wegen ihrer verwandtschaftlichen Beziehung ruhten Gaspards Hoffnungen auf diesem jungen Mann. In Téligny erkannte er seine eigene Entschlossenheit, seine Hingabe wieder. Es gab noch weitere Männer, wie den Herzog de la Rochefoucauld, der hoch in der Gunst König Karls stand; aber er war noch jung und mußte sich erst bewähren. Dann war da noch der Schotte Montgomery, dessen Lanze versehentlich König Heinrich II. getötet hatte. Montgomery würde vermutlich die Führung der Hugenotten übernehmen, sollte der Tod den Admiral ereilen, aber er war nicht mehr der Jüngste, und er mußte unter den Jungen suchen. Normalerweise mußte die Führung dem jungen König von Navarra zufallen.

Es war falsch, über seinen eigenen Tod nachzudenken; die angstvollen Blicke seiner Familie und Freunde hatten seine Gedanken in diese Richtung gelenkt. Selbst die Dienstboten warfen ihm angsterfüllte Blicke zu. Sie alle schienen ihn stumm anzuflehen, die Aufforderung zu ignorieren, sich dem Befehl der Königinmutter zu widersetzen.

Nur Téligny zeigte keine Angst; und Téligny wußte ebenso wie der Admiral, daß sie so bald wie möglich zum Hof aufbrechen mußten.

Gaspard war der Einzige, der redete; er sprach von der bevorstehenden Hochzeit, die nicht nur die Verbindung einer katholischen Prinzessin mit einem protestantischen Prinzen darstellte, sondern, wie er hoffte, auch die Vereinigung aller Katholiken und Protestanten Frankreichs symbolisierte.

»Wären der König und die Königinmutter nicht bereit, uns zu akzeptieren, hätten sie dann eine solche Heirat gewollt? Hat nicht der König selbst gesagt, daß im Falle einer Ablehnung der Eheschließung durch den Papst Prinzessin Marguerite und Prinz Heinrich en pleine prêche heiraten würden? Was hätte er mehr sagen können? Zumindest er ist unser Freund. Er ist jung und von unseren Feinden umgeben; aber wenn ich zu ihm gehe, werde ich ihn von der Rechtmäßigkeit unserer Sache überzeugen können. Er liebt mich. Wir sind einander eng verbunden. Ihr wißt, wie man mich behandelt hat, als ich das letzte Mal am Hof war. Er holte bei allem meinen Rat ein. Er nannte mich Vater. Er möchte Gutes tun, und er wünscht Frieden in seinem Königreich. Und, meine Freunde, zweifelt nicht daran, daß ich ihm dabei helfen werde.«

Andere Stimmen wurden am Tisch laut. Am Hof war auch die Italienerin, und ihr konnte man nicht trauen. Hatte der Admiral bereits vergessen, daß sie schon einmal einen ihrer Spione losgeschickt hatte, um ihn zu vergiften? Und fast wäre es ihr auch geglückt. Der Admiral vergab zu schnell, war zu vertrauensselig. Und einer Schlange vergab man nicht, noch schenkte man ihr Vertrauen.

Etienne, einer der Reitknechte des Admirals, begann sogar zu weinen. »Wenn Ihr uns jetzt verlaßt, werdet Ihr nicht zurückkehren«, prophezeite er. »Diesmal wird ihr böser Plan gelingen, und das Böse wird über das Gute triumphieren.«

Man hieß ihn schweigen, aber seine Tränen fielen weiterhin auf den Tisch.

Als Coligny und Téligny sich wenige Tage später auf den Weg machten, wurden sie von Etienne im Stall erwartet. Er hatte dort seit dem frühen Morgen auf sie gewartet, und als der Admiral sein Pferd bestieg, warf er sich auf die Knie und jammerte wie ein Besessener.

»Monsieur, mein teurer Herr«, flehte er, »geht nicht zu Eurem Untergang, denn der Untergang erwartet Euch in Paris. Wenn Ihr nach Paris geht, werdet Ihr dort sterben ... und alle, die Euch begleiten, werden mit Euch sterben.«

Der Admiral stieg ab und umarmte den weinenden Mann.

»Mein Freund, böse Gerüchte haben dich beunruhigt. Sieh meinen starken Arm an. Sieh die Leute an, die mir folgen. Du weißt, daß wir auf uns achtgeben können. Geh in die Küche und laß dir einen Becher Wein geben. Trinke auf meine Gesundheit und laß den Kopf nicht hängen.«

Etienne wandte sich ab, aber seine Trauer hielt an. Und dem Admiral, der mit seinem Schwiegersohn gen Paris ritt, gelang es nicht, die Szene aus seinen Gedanken zu streichen.

 

***

 

Nachdem sie Charlotte de Sauves entlassen hatte, gab sich Katharina von Medici ihren Gedanken hin. Was den jungen König von Navarra anbelangte, hatte sie noch keine genauen Pläne, aber sie ging davon aus, daß es von Vorteil sei, wenn Charlotte sich gleich nach seiner Ankunft mit ihm beschäftigte. Schließlich konnte es schwerwiegende Folgen haben, wenn er sich einer anderen zuwendete und diese Verbindung sich als stärker erwies als jene, die sie ihm zugedacht hatte. Sie war sicher, in Heinrich von Navarra das Ebenbild seines Vaters, Antoine de Bourbon, zu sehen – eines Mannes, der von den Frauen gelenkt wurde; und sie war fest entschlossen, dafür zu sorgen, daß die Frau, die ihren zukünftigen Schwiegersohn steuerte, ihren Befehlen gehorchte. Er durfte sich keinesfalls in seine Braut verlieben. Das war allerdings auch wenig wahrscheinlich, denn Margot würde sich so abweisend wie möglich zeigen, und Heinrich von Navarra, dem die Frauen förmlich nachliefen, würde wohl kaum Liebe für eine Frau hegen, die ihn zurückwies. Aber sie konnte Margot nicht trauen. Margot war eine Ränkeschmiedin, eine Intrigantin, die ihrem jeweiligen Liebhaber näherstand als ihrer Familie.

Während sie vor sich hinbrütete, betrat ihr Sohn Heinrich den Raum. Er kam unangekündigt und ohne Beachtung der Etikette. Heinrich war die einzige Person am Hof, die das wagen durfte.

Sie sah auf und lächelte ihn an. Hier war ihr geliebter Sohn, und jedes Mal, wenn sie ihn ansah, stieg die Verärgerung darüber in ihr hoch, daß nicht er ihr Erstgeborener war. Ihr größter Wunsch war es, seinem Bruder die Krone abzunehmen und sie auf Heinrichs Kopf zu setzen.

Sie hatte ihren Gatten Heinrich trotz aller Vernachlässigungen und Erniedrigungen geliebt und diesen Sohn nach ihm benannt. Es war nicht der Name, auf den er getauft worden war. Eigentlich hieß er Edouard Alexandre, aber er war zu ihrem Heinrich geworden; und ihr Ziel war, ihn eines Tages als Heinrich III. von Frankreich zu sehen.

Franz, ihr Erstgeborener, war tot; und nach seinem Tod hatte sie sich sehnlichst gewünscht, die Krone wäre an Heinrich gegangen und nicht an den geisteskranken Karl. Es ärgerte sie besonders, daß zwischen den beiden nur ein Jahr lag. Warum, hatte sie sich schon so oft gefragt, hatte sie nicht diesen Sohn an jenem Tag im Juni 1550 zur Welt gebracht! Wie viele Probleme hätte es dann gar nicht gegeben.

»Mein Liebling«, sagte sie, während sie seine Hand ergriff und an ihre Lippen führte. Der Geruch von Moschus und Veilchenpastillen umgab ihn. In seinem modisch geschnittenen maulbeerfarbenen Umhang über seinem perlgrauen Gewand war er in ihren Augen das schönste Wesen, das sie jemals gesehen hatte; der Kragen seines weißen Leinenhemdes war mit unzähligen Edelsteinen besetzt, sein Haar quoll in herrlichen Locken unter seiner kleinen, juwelenbesetzten Kopfbedeckung hervor, und seine langen, weißen Finger waren unter der Fülle der vielen Ringe kaum noch zu erkennen. Diamanten blitzten an seinen Ohrläppchen, und an den Handgelenken trug er breite Armreife.

»Komm näher«, sagte sie, »setz dich zu mir. Du siehst verärgert aus, mein Liebling. Was bedrückt dich? Du wirkst müde. Du hast dich doch nicht zu sehr mit Mademoiselle de Châteauneuf verausgabt?«

Er winkte ab. »Nein, das ist es nicht.«

Sie tätschelte seine Hand. Es beglückte sie, daß er sich endlich eine Geliebte genommen hatte; das Volk erwartete es von ihm und freute sich darüber. Außerdem würde eine Frau bei ihm nicht den Einfluß erlangen, wie ihn die parfümierten jungen Männer besaßen, mit denen er sich zu umgeben pflegte. Renée de Châteauneuf gehörte nicht zu denen, die sich in Dinge einmischten, die sie nichts angingen, und entsprach der Art von Frau, die sie für ihn ausgewählt hätte. Dennoch machte sie sich wegen seiner Liebesnächte mit Renée Sorgen, denn hinterher mußte er vor Erschöpfung immer ein bis zwei Tage das Bett hüten, während er sich von seinen jungen Freunden die Haare eindrehen ließ. Sie brachten ihm dann das auserlesenste Gebäck in den Palast, lasen ihm Gedichte vor, holten seine Hunde und Papageien und amüsierten ihn damit, daß sie ihm die verschiedensten Tricks vorführten.

Er war ein seltsamer junger Mann, ihr Sohn. Halb Medici, halb Valois, waren Geist und Körper schon von vornherein geschädigt wie bei allen Söhnen von Heinrich II. und Katharina von Medici. Es war ihnen bereits in die Wiege gelegt; die Sünden ihrer Großväter – Katharinas Vater ebenso wie Heinrichs – machten sich in ihnen bemerkbar.

Es war den Leuten unverständlich, daß ein junger Mann wie dieser Heinrich, Herzog von Anjou, jener große General gewesen sein sollte, der sich in den Schlachten von Jarnac und Montcontour behauptet hatte. Es schien unmöglich, daß dieser Geck, dieser träge, weibische junge Mann, der sich das Gesicht bemalte, das Haar eindrehen ließ und sich mit einundzwanzig Jahren im Bett erholen mußte, nachdem er mit einer Frau geschlafen hatte, Männer wie Louis de Bourbon oder den Prinzen von Condé geschlagen haben sollte. Katharina gestand sich realistischerweise ein, daß Heinrich bei Jarnac und Montcontour auf eine prächtige Armee und ausgezeichnete Berater hatte zurückgreifen können. Wie all ihre Söhne reifte er früh heran, verfiel aber dafür körperlich umso schneller. Mit einundzwanzig war er schon nicht mehr der Mann, der er mit siebzehn gewesen war. Geistreich war er noch immer; er würde auch immer seinen Sinn für das Schöne bewahren, aber seine Neigung zur Ausschweifung, sein pervertierter Geschmack raubten ihm seine Kraft. Er war alles andere als ein großer General, als er nun vor seiner Mutter stand. Seine Unterlippe hatte er trotzig nach vorne geschoben, und Katharina glaubte zu wissen, weshalb.

»Laß dich nicht durch die Schwangerschaft der Königin irritieren, mein Sohn, Karls Kind wird nicht leben.«

»Es gab einmal eine Zeit, da sagtet Ihr, er würde nie einen Sohn haben.«

»Noch hat er keinen Sohn. Woher wollen wir wissen, welches Geschlecht das Kind hat?«

»Was spielt das für eine Rolle? Selbst wenn es ein Mädchen ist, ändert das nichts an der Tatsache, daß sie beide noch jung sind und weitere Kinder haben können.«

Katharina spielte mit ihrem Armreif, den sie als Talisman trug. Er war mit verschiedenfarbigen Steinen besetzt, auf denen Zeichen eingraviert waren, von denen behauptet wurde, sie seien Zeichen des Teufels und der Hexer; die Verbindungsglieder waren aus dem Schädel eines Menschen geschnitzt. Das Armband rief in allen, die es sahen, Ehrfurcht hervor, wie Katharina es auch bezweckte. Ihre Magiere hatten es für sie angefertigt, und sie glaubte, es besäße besondere Macht.

Als er zusah, wie sie damit spielte, verspürte Anjou Erleichterung. Er wußte, seine Mutter ließe es nie zu, daß sich jemand zwischen ihn und den Thron drängte. Trotzdem empfand er es als leichtsinnig, daß sie Karls Heirat zugestimmt hatte, und war entschlossen, ihr das auch zu sagen.

»Auch diese werden nicht leben«, sagte Katharina.

»Könnt Ihr dessen so sicher sein, Mutter?«

Sie schien sich ganz auf ihr Armband konzentriert zu haben. »Sie werden nicht leben«, wiederholte sie. »Du wirst bald die Krone Frankreichs tragen, mein Sohn. Dessen bin ich mir sicher. Und wenn es soweit ist, wirst du nicht vergessen, wem du dafür Dank schuldest, nicht wahr?«

»Nie, Mutter«, erwiderte er. »Aber es gibt Neuigkeiten aus Polen.«

»Ich muß gestehen, ich sähe dich gerne als König, und zwar so schnell wie möglich.«

»Als König Polens?«

Sie legte ihren Arm um ihn. »Ich möchte dich als König Polens und Frankreichs sehen. Würdest du nur König von Polen, bedeutete dies, daß du Frankreich verlassen und in das Land dieser Barbaren gehen müßtest. Das bräche mir das Herz.«

»Das ist es aber, was mein Bruder will.«

»Ich lasse es nicht zu, daß du von mir getrennt wirst.«

»Sehen wir den Tatsachen ins Auge, Mutter: Karl haßt mich.«

»Er ist eifersüchtig auf dich, weil es dir so viel besser anstünde, Frankreichs König zu sein.«

»Er haßt mich vor allem, weil er weiß, daß Ihr mich am meisten liebt. Er würde mich lieber heute als morgen das Land verlassen sehen. Karl war schon immer mein Feind.«

»Der arme Karl, er ist wahnsinnig, er ist krank. Wir können von ihm keine Vernunft erwarten.«

»Nein. Wo soll das nur enden? Ein irrer König auf dem Thron Frankreichs.«

»Aber er hat viele, die ihm regieren helfen.«

Das brachte beide zum Lachen, aber sofort wurde Heinrich wieder ernst. »Was, wenn sein Kind tatsächlich ein Junge ist?«

»Es wird auf keinen Fall ein gesunder Junge sein. Glaube mir, du hast von deines Bruders kränklichem Nachwuchs nichts zu befürchten.«

»Und wenn er von mir verlangt, Polens Krone anzunehmen?«

»Noch ist der Thron nicht frei.«

»Aber die Königin ist tot und der König schwer krank. Meinem Bruder und seinen Freunden paßt es nicht, daß ich mich geweigert habe, die Königin von England zu heiraten. Was ist, wenn sie jetzt darauf bestehen, daß ich Polens Thron besteige?«

»Wir müssen dafür sorgen, daß man dich nicht aus Frankreich fortschickt. Das könnte ich nicht ertragen; und du glaubst doch nicht im Ernst, so etwas könnte geschehen, solange ich es nicht wünsche?«

»Madame, ich bin davon überzeugt, daß Ihr es seid, die dieses Königreich regiert.«

»Dann hast du nichts zu befürchten.«

»Dennoch, mein Bruder wird immer gehässiger. Vergebt mir, wenn ich es anspreche, Mutter, aber in letzter Zeit scheinen andere immer mehr Einfluß auf ihn zu gewinnen.«

»Dieses Problem läßt sich aus der Welt schaffen.«

»Trotzdem stellen sie eine Gefahr dar. Ihr wißt, wie mein Bruder über den Tod der Königin von Navarra denkt.«

Katharina erinnerte sich nur zu gut daran. Wie viele andere hatte auch der König sie verdächtigt, für den Mord Jeanne von Navarras mitverantwortlich zu sein, und eine Autopsie angeordnet. Hätte man dabei Gift gefunden, wäre die Hinrichtung Renés, des Florentiner Giftmischers, unausweichlich gewesen. Karl hatte nicht gezögert, das Risiko einzugehen, sie bloßzustellen. Daß ihr eigener Sohn sie derart verraten hatte, würde sie nie vergessen.

»Wir wissen, wer für seine Haltung verantwortlich war«, gab Katharina zurück. »Und kennt man erst einmal den Grund, ist es ein leichtes, ihn zu beseitigen.«

»Coligny ist zu mächtig«, gab Anjou zu bedenken. »Wie lange wird er diese Macht behalten? Wie lange wollt Ihr es zulassen, daß er Gedanken des Königs ... gegen uns vergiftet?«

Sie gab keine Antwort, aber ihr Lächeln schenkte ihm wieder etwas Vertrauen.

»Er ist auf dem Weg hierher«, fuhr Anjou fort. »Diesmal dürfen wir nicht zulassen, daß er den Hof wieder verläßt.«

»Ich denke, wenn Monsieur de Coligny am Hof eintrifft, wird dein Bruder ihm nicht mehr so wohlgesonnen sein«, meinte Katharina gedehnt. »Du sprichst vom Einfluß, den der Admiral auf deinen Bruder hat, und vergißt dabei, daß es seine Mutter ist, an die der König sich wendet, wenn er Probleme hat.«

»So war es früher. Ist es immer noch so?«

»Coligny ist schlau. Seine Rechtschaffenheit und seine Frömmigkeit zeigen Wirkung auf den König. Dies konnte geschehen, weil ich nicht gleich erkannte, wie sehr der König von seinem hugenottischen Freund angetan war. Seitdem ich die Macht des Hugenotten und Karls Wahnsinn kenne, weiß ich, was zu tun ist. Ich spreche jetzt mit Karl. Wenn ich ihn wieder verlasse, wird er nicht mehr ganz so vertrauensselig gegenüber seinem Freund Coligny sein. Ich gehe davon aus, daß ihn bei seiner Ankunft ein kühler Empfang erwartet.«

»Ich komme mit Euch, um Euch zu unterstützen.«

»Nein, mein Liebling. Vergiß nicht, daß der König auf deine überlegenen Fähigkeiten eifersüchtig ist. Laß mich allein zu ihm gehen; ich werde dir dann Wort für Wort berichten.«

»Ihr werdet doch nicht zulassen, Mutter, daß er mich in das Land dieser Wilden schickt?«

»Habe ich dich nach England geschickt? Hast du bereits vergessen, wie nachsichtig ich war, als du der Königin von England so ungalant einen Korb gegeben hast?« Katharina prustete vor Lachen. »Du hast sie so sehr beleidigt, daß sie beinahe Krieg gegen uns geführt hätte. Du weißt doch, welch eitle Frau sie ist. Ich werde nie vergessen, wie du sagtest, wenn du die Geliebte des Grafen von Leicester heiraten würdest, stünde es Leicester an, die deine zur Frau zu nehmen. Du bist immer gut für einen Schabernack, und ich bewundere dich dafür. Wie könnte ich mein Leben genießen, wenn du mich nicht mehr zum Lachen brächtest? Jedes Mal, wenn du in den Krieg ziehen mußtest, war es für mich unerträglich. Nein, mein Liebling, ich lasse es nicht zu, daß er dich nach Polen schickt ... oder sonst irgendwohin, wo du mir fern bist!«

Er küßte ihre Hand, während sie ihm mit der anderen über sein gelocktes Haar strich, ganz zärtlich, denn er liebte es nicht, daß man ihm das Haar zerzauste.

 

***

 

König Karl befand sich in dem Teil des Louvre, wo er sich am liebsten aufhielt – in dem Appartement von Marie Touchet, seiner Mätresse, die er liebte.

Er war zweiundzwanzig, wirkte jedoch älter, denn sein Gesicht war faltig und seine Haut blaß; er litt ständig an irgendwelchen Krankheiten. Er besaß schönes, aber bereits schütteres Haar und ging leicht gebückt. Mit zweiundzwanzig wirkte er wie ein alter Mann. Dennoch besaß er ein ansprechendes, manchmal fast schön zu nennendes Gesicht. Die goldbraunen Augen glichen denen seines Vaters; sie blickten wachsam und intelligent, und solange er nicht an einem Anfall von Wahnsinn litt, drückten sie Freundlichkeit und Charme aus. Es waren die Augen eines starken Mannes, und der Kontrast zu seinem schwachen, fast kindlichen Mund und dem fliehenden Kinn ließen sie so ungewöhnlich wirken. Das Gesicht des Königs spiegelte zwei Charaktere wider: den Mann, der er hätte sein können, und den Mann, der er war, den starken und freundlichen Humanisten einerseits und den Mann mit dem vergifteten Blut, der während seines kurzen Lebens die Last der Ausschweifungen seiner Großväter tragen mußte. Woche für Woche verschlechterte sich der Zustand seiner Lunge, und je unbarmherziger die Kraft aus seinem Körper wich, desto schwieriger wurde es für ihn, seinen Geist zu beherrschen. Seine Anfälle kamen immer häufiger, ebenso wie seine melancholischen Stimmungen. Wenn er spürte, wie ihn nachts der Wahn überkam, verließ er sein Bett, weckte sein Gefolge und begab sich mit diesem in die Räume eines seiner erwählten Freunde; seine Höflinge packten dann diesen Mann und verprügelten ihn. Dies war eine seiner Lieblingsbeschäftigungen während seiner Anfälle, und die Freunde, die er verprügeln ließ, waren meist seine engsten. Mit seinen Hunden ging er ähnlich um. Wenn er bei Sinnen war, vergoß er bittere Tränen über die, die er in seinem Wahnsinn zu Tode geprügelt hatte.

Er befand sich ständig in einem Zustand von Unsicherheit und Angst. Er fürchtete sich vor seinen Brüdern Anjou und Alençon, besonders jedoch vor Anjou, dem seine Mutter völlig ergeben war. Er wußte, daß seine Mutter Heinrich auf dem Thron sehen wollte, und er fragte sich ständig, was die zwei gegen ihn im Schilde führten. Zur Zeit war er sicher, daß die Schwangerschaft der Königin den beiden großes Kopfzerbrechen bereitete.

Und er fürchtete die Familie Guise. Der gutaussehende, junge Herzog war einer der ehrgeizigsten Männer im Land; unterstützt wurde er von seinem Onkel, dem Kardinal de Lorraine, diesem hinterhältigen, geilen Bock, dessen Zunge ebenso schwere Wunden zufügen konnte wie sein Schwert. Darüber hinaus halfen ihm die beiden Brüder des Kardinals, der Kardinal de Guise, der Herzog d’Aumale, der Grand Prior und der Herzog d’Elbœuf. Diese mächtigen Männer Lothringens schielten pausenlos nach dem Thron Frankreichs, und sie ließen keine Gelegenheit verstreichen, ihren jungen Neffen Henri de Guise nach vorne zu bringen, der dank seines Charmes und seines Auftretens bereits die gesamte Pariser Bevölkerung hinter sich hatte.

Aber es gab auch Menschen, denen der König trauen konnte. Zu ihnen gehörte überraschenderweise seine Frau. Er liebte sie zwar nicht, aber ihre Sanftmut hatte sein Herz gewonnen. Die arme, kleine Elisabeth war wie viele andere Prinzessinnen auf dem Altar der Politik geopfert und von Österreich nach Frankreich geschickt worden, um ihn zu heiraten; sie war ein zerbrechliches Geschöpf, das vor Angst wie gelähmt gewesen war, als es erfuhr, daß es den König von Frankreich heiraten sollte. Doch dann hatte sie einen Knaben mit weichem, goldenem Haar und schwachen Lippen vorgefunden, der sich ihr gegenüber zärtlich gezeigt hatte, weil sie so schüchtern war. Sie hatte seine Güte mit Hingabe vergolten, und nun überraschte sie ganz Frankreich mit der Hoffnung, Mutter eines Thronfolgers zu werden.

Bei dem Gedanken an sein Kind zitterte Karl. Was würde seine Mutter unternehmen? Würde sie ein morceau italianizé verabreichen, für das sie so berüchtigt war? Der König war überzeugt: Sie würde es nie zulassen, daß das Kind am Leben blieb, um den Thron zu besteigen. Er würde das Kind in die Obhut seiner alten Nährmutter Madeleine geben. Madeleine gehörte ebenfalls zu seinen Vertrauten. Sie hatte ihm in den schweren Zeiten seiner Kindheit beigestanden und heimlich ihr Bestes getan, den perversen Lehren seiner pervertierten Lehrer entgegenzuarbeiten – heimlich deshalb, weil seine Mutter die Lehrer für ihn ausgesucht hatte, damit sie seinen Wahnsinn schürten. Hätte Katharina erfahren, daß Madeleine ihre Arbeit zunichte zu machen suchte, wäre Madeleine schon sehr früh einem morceau zum Opfer gefallen. Nicht selten war er im Anschluß an die schrecklichen Lehrstunden nachts hochgeschreckt und in das Vorzimmer geeilt, in dem Madeleine schlief – nie ließe er es zu, daß man sie von ihm trennte –, um bei ihr Schutz zu suchen. Dann wiegte sie ihn in den Armen, spendete ihm Trost, nannte ihn ihr Baby und gab ihm das Gefühl, nicht König, sondern wieder ein kleiner Junge zu sein. Selbst heute, da er erwachsen war, nahm sie eher die Stelle einer Mutter für ihn ein, und er bestand darauf, daß sie immer in seiner Nähe war, Tag und Nacht.

Seine Schwester Margot? Nein, Margot vertraute er nicht länger. Sie war inzwischen unverschämt, nicht mehr seine liebe, kleine Schwester. Sie hatte Henri de Guise zu ihrem Liebhaber genommen, und in seinen Armen würde sie jedes Geheimnis des Königs ausplaudern. Ihr würde er nie wieder völlig vertrauen können, und er konnte nur diejenigen lieben, denen er auch vertraute.

Aber dann war da noch Marie – Marie, die Beste von allen. Sie liebte und verstand ihn, wie es kein anderer vermochte. Ihr konnte er seine Gedichte vorlesen; ihr zeigte er das Buch über die Jagd, an dem er schrieb. Für sie war er wahrlich der König.

Und Coligny. Coligny war sein Freund. Er schätzte es, den Admiral um sich zu haben; dann fühlte er sich sicher. Obwohl einige von ihm behaupteten, er verrate Frankreich, hatte Karl in ihm immer nur einen Freund gesehen. Coligny würde nie etwas Unehrenhaftes tun, davon war er überzeugt. Wäre Coligny nicht auf seiner Seite, würde er ihm das sofort mitteilen, denn Coligny spielte nie falsch. Er war ehrlich; und wenn er ein Hugenotte war, so konnte Karl nur sagen, daß es bei den Hugenotten vieles gab, was ihm gefiel. Eine ganze Reihe seiner Freunde waren Hugenotten; nicht nur Coligny, auch Madeleine, seine Kinderfrau, war eine Hugenottin, ebenso wie Marie. Auch der beste seiner Leibärzte, Ambroise Paré, und sein treuer Freund Rochefoucauld gehörten dazu. Er wünschte, es gebe nicht diesen Zwist zwischen Hugenotten und Katholiken. Er selbst war natürlich Katholik, aber viele seiner Freunde nahmen den neuen Glauben an.

Ein Page kam, um ihm die Ankunft seiner Mutter zu melden, und Marie begann zu zittern.

»Marie, du brauchst keine Angst zu haben. Sie wird dir nichts tun. Sie mag dich. Sie hat es selbst gesagt. Wäre es nicht so, würde ich dich nicht am Hof lassen. Dann gäbe ich dir ein Haus, wo ich dich besuchen kann. Aber sie mag dich wirklich.«

Marie ließ sich aber nicht beruhigen.

»Page«, rief der König, »teile der Königin, meiner Mutter, mit, daß ich sie in meinen Gemächern empfangen werde.«

»Jawohl, Sire.«

»Nun«, meinte der König, zu Marie gewandt, »ist das besser? Auf Wiedersehen, meine Geliebte. Ich werde später wieder zu dir kommen.«