Königsfluch - Die Empirium-Trilogie (Bd. 2) - Claire Legrand - E-Book

Königsfluch - Die Empirium-Trilogie (Bd. 2) E-Book

Claire Legrand

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Beschreibung

Rielle soll acht verborgene Heiligtümer finden, um die offene Pforte, durch die die Engel in böser Absicht gekommen sind, wiederherzustellen. Eliana wird ein Jahrtausend später als lang ersehnte Retterin der Menschheit empfangen. Während sie an mehreren Fronten kämpft – gegen das Imperium und seine Monster, gegen Simon und gegen sich selbst –, verschieben sich die Grenzen zwischen Freund und Feind. Doch für welche Seite werden die Königinnen ihre außergewöhnlichen Kräfte einsetzen, für das Gute oder das Böse? Band 2 der New-York-Times-Bestsellerserie.

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Seitenzahl: 962

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Claire Legrand

Königsfluch

Die Empirium-Trilogie (Band 2)

Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Rak und Ariane Böckler

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel

Kingsbane – The Empirium Trilogy (Book 2) bei Sourcebooks Fire.

Deutsche Erstausgabe

© by Arctis Verlag

Ein Imprint der Atrium Verlag AG, Zürich 2020

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2019 Claire Legrand

Originally published in the United States by Sourcebooks Fire, an imprint of Sourcebooks, Inc. www.sourcebooks.com

Übersetzung: Alexandra Rak und Ariane Böckler

Lektorat: Petra Deistler-Kaufmann

Covergestaltung: David Curtis

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

ISBN978-3-03880-132-0

 

www.arctis-verlag.com

Folgt uns auf Instagram unter www.instagram.com/arctis_verlag

 

 

 

Für Erica,

mein Licht in der Dunkelheit

EIN REISENDER UND EIN FREMDER

»Durch die Zeit zu reisen, birgt zahllose Gefahren, aber eine, die häufig übersehen wird, ist die Gefahr für den Reisenden selbst. Der Geist ist zerbrechlich und die Zeit erbarmungslos. Selbst mächtige Gezeichnete haben sich in den verheerenden Folgen ihrer Zeitexperimente verloren. Möglicherweise ist es vor diesem Hintergrund tatsächlich gut, dass im Laufe der aufgezeichneten Geschichte nur einige Hundert Geschöpfe diese Macht je besaßen und die meisten von ihnen inzwischen nicht mehr am Leben sind.«

Überlegungen über die Zeit, von Basara Oborao, berühmte Gelehrte aus Mazabat

 

Als Simon wach wurde, war er allein.

Er lag mit dem Rücken auf einer schroffen Ebene, die von braunen Felsen und schmalen weißen Streifen aus Eis durchzogen war. Der Himmel über ihm war blaugrau, davor türmten sich imposante Wolken, die ihn an Wellen erinnerten. Schneeflocken kreiselten in dünnen Schnüren herab.

Ein paar Augenblicke lag er einfach nur da und atmete kaum, der Schnee sammelte sich auf seinen Wimpern. Dann kehrte die Erinnerung an die letzten Stunden zurück.

Königin Rielle gebar ein Kind.

Simons Vater, in dessen Verstand ein anderer eingedrungen war, stürzte sich vom Turm.

Rielle, die Simon erschöpft, aber entschlossen und mit strahlend goldenen Augen ihre kleine Tochter in die Arme drückte.

Du bist stark, Simon. Du schaffst das.

Bänder, die leuchtend um seine Fingerspitzen tanzten – seine Bänder, die ersten, die er ohne Hilfe seines Vaters ganz allein heraufbeschworen hatte. Sie waren stabil und fest und würden ihn und das Kind in Sicherheit bringen.

Aber dann …

Die Königin, die in ihren Gemächern gegen den Engel namens Corien kämpfte. Ihre Stimme verzerrt und göttlich. Ein strahlendes Licht, dass sich in einer Druckwelle von der Stelle, an der sie auf dem Boden kniete, explosionsartig in alle Richtungen ausbreitete, Simons Bänder beiseitefegte und neue herbeirief – dunkle, die die anderen brutal vereinnahmten. Bänder der Zeit, die unberechenbarer waren als Bänder des Raums, und auch hinterlistiger.

Er drückte das schreiende Kind enger an sich, hielt die Decke, in die seine Mutter es gewickelt hatte, krampfhaft fest. Doch dann war da ein mächtiges, dunkles Rauschen, ein Brüllen von etwas Riesigem und Uraltem, das näher kam.

Simon setzte sich mit einem Ruck auf, tränenerstickt schaute er auf seine Hände.

Sie waren leer.

Das Einzige, was von der Prinzessin geblieben war, war ein Fetzen der Decke, an dessen Rändern die kalten Flammen der Zeit geleckt hatten.

Und plötzlich begriff er, was passiert war.

Er begriff das Ausmaß seines Versagens.

Aber vielleicht bestand ja noch Hoffnung. Er könnte seine Kräfte nutzen und zu dem Augenblick auf der Terrasse zurückreisen, als das Baby noch sicher in seinen Armen lag. Und dann würde er sich beeilen und sie beide in Sicherheit bringen, bevor Königin Rielle starb.

Er schob sich auf die Knie und hob seine dünnen Arme in die eisige Luft. In der rechten Hand hielt er noch immer die Babydecke. Er weigerte sich, sie loszulassen. Bestimmt konnte man auch mit einem Stück Stoff in der Faust die Bänder herbeirufen, denn wenn er die Decke nicht mehr festhielt, würde etwas Schreckliches passieren. Diese Gewissheit zog sich immer enger um seine Brust.

Er schloss die Augen, atmete abgehackt und schnell und rief sich die Worte aus seinen Büchern in Erinnerung.

Das Empirium ruht in jedem Lebewesen und jedes Lebewesen ist Teil des Empiriums.

Seine Macht verbindet nicht nur Haut mit Knochen, Wurzeln mit Erde, Sterne mit Himmel, sondern auch Straße mit Straße und Stadt mit Stadt.

Augenblick mit Augenblick.

Aber ganz gleich, wie oft er diese vertrauten Sätze wiederholte, die Bänder kamen nicht.

Sein Körper blieb dunkel und stumm.

Die Magie, mit der er als Gezeichneter, als Kind von Mensch und Engel geboren worden war, die Macht, die er durch den geduldigen Unterricht seines Vaters in ihrem kleinen Geschäft in Âme de la Terre zu schätzen und verstehen gelernt hatte, war verschwunden.

Er schlug die Augen auf und starrte auf den kargen, felsigen Landstrich. In der Ferne erhoben sich schneebedeckte Gipfel. Und ein dunkler Himmel. In der Luft lag kein Funken Magie. Blass war sie und öde. Fahl, wo sie einst vor Lebenssaft nur so gestrotzt hatte.

Mit diesem wolkenverhangenen Ort stimmte etwas nicht. Er wirkte leblos. Vernarbt. Wund.

Früher konnte er durch das Blut, das ihm als Gezeichnetem durch die Adern floss, das Empirium berühren.

Aber jetzt spürte er nichts mehr von dieser uralten Macht. Nicht der kleinste Widerhall war geblieben, keine Spur von einem Geräusch oder Leuchten, dem er folgen konnte.

Es war, als hätte das Empirium nie existiert.

Er konnte nicht nach Hause reisen. Er kam nur so weit, wie seine eigenen Füße ihn trugen.

Einsam und zitternd auf einer riesigen Hochebene in einem Land, das er nicht kannte, und in einer Zeit, die nicht die seine war, vergrub Simon sein Gesicht in das Stück Stoff und weinte.

 

 

Stundenlang lag er dort zusammengerollt auf der Erde, aus den Stunden wurden Tage und der Schnee legte eine dünne Decke über seinen Körper.

Sein Geist war leer, ausgehöhlt von seinen bitteren Tränen. Ein entlegenes Gefühl warnte ihn, sagte ihm, dass er Schutz suchen musste. Wenn er noch länger in dieser Eiseskälte liegen blieb, würde er sterben.

Aber der Tod war eine angenehme Vorstellung. Durch ihn könnte er der schrecklichen Einsamkeit entkommen, die über ihn hinwegstrich.

Er wusste nicht, wo er war oder wann er war. Womöglich war er in die Zeit zurückgeworfen worden, als in Avitas ausschließlich Engel und keine Menschen lebten. Oder es hatte ihn in die ferne Zukunft verschlagen, wo es keine Geschöpfe mehr aus Fleisch und Blut gab und die Welt bis in alle Ewigkeit ein verlassener Ort bleiben würde.

Aber ganz gleich, wo er war oder wann er war, es kümmerte ihn nicht. Ihn kümmerte gar nichts mehr. Er war nichts und er war nirgends.

Er drückte den Stofffetzen über Nase und Mund und atmete den schwachen, sauberen Geruch des Kindes ein, das einmal darin gelegen hatte.

Er wusste, auch dieser Geruch würde bald verfliegen.

Aber im Moment roch es noch nach zu Hause.

 

 

Eine Stimme weckte ihn – schwach, aber deutlich.

Simon, du musst dich bewegen.

Nur unter größter Anstrengung gelang es ihm, seine Augen zu öffnen, sie waren fast zugefroren.

Die Welt war undurchdringlich und weiß; er lag halb begraben unter einer frischen Schneewehe. Er spürte weder Finger noch Zehen.

»Steh auf.«

Die Stimme war ganz nah und so vertraut, dass sich in seinem langsam verblassenden Geist ein kleiner Funke Neugierde regte.

Es dauerte ewig, bis er genügend Kraft fand, um sich aufzurichten.

»Erhebe dich«, sagte die Stimme.

Simon blinzelte mit zusammengekniffenen Augen durch den Vorhang aus Schnee und entdeckte ganz in der Nähe eine Gestalt, die dick in Felle gewickelt war.

Er versuchte, etwas zu sagen, aber er hatte keine Stimme mehr.

»Erhebe dich«, befahl die Gestalt. »Steh auf.«

Simon gehorchte, auch wenn er das nicht wollte. Er hätte sich viel lieber wieder zurück in sein Schneebett gelegt und sich von dort behutsam in den Tod gleiten lassen.

Aber dann kam er doch auf die Füße und stolperte zwei Schritte durch den kniehohen Schnee. Beinahe wäre er gefallen, aber dieser Fremde fing ihn auf. Seine Hände, die in Handschuhen steckten, waren stark. Simon spähte zwischen die Falten der Felle, die das Gesicht des anderen bedeckten, konnte aber nichts erkennen, was ihm irgendetwas verriet.

Die Gestalt schlang einen Arm um Simon, stützte ihn und drehte sich mit ihm in den Wind.

»Wir müssen zu Fuß gehen«, sagte sie, ihre Stimme wurde von den Fellen und dem Schnee gedämpft, klang aber dennoch vertraut, auch wenn Simon nicht einordnen konnte, warum. »Dort gibt es einen Unterschlupf. Es ist weit, aber du schaffst das schon.«

Das werde ich. Simon stimmte den Worten zu. Sie waren in seinen Geist eingedrungen; bestimmt und dennoch behutsam, gaben sie ihm die nötige Kraft, seine Beine zu bewegen. Eine starke Windböe peitschte ihm ins Gesicht und raubte ihm die Luft zum Atmen. Er vergrub sich in die Felle seines Begleiters, um sich etwas aufzuwärmen.

Er wollte leben. Ganz plötzlich wollte er unbedingt leben. Er sehnte sich nach Wärme und Essen und umklammerte mit seinen zitternden, halb erfrorenen Fingern die Babydecke.

»Wer bist du?«, fragte er, als er endlich wieder sprechen konnte.

Der Arm der fremden Gestalt ruhte schwer und beruhigend auf seinen Schultern und selbst im Schnee schritt sie sicher voran. Einen kurzen Augenblick geriet Simon aus dem Gleichgewicht, fast als wäre er gar nicht mehr in seinem eigenen Körper, und er fragte sich, ob dieser andere überhaupt da war.

Gleichwohl antwortete er ihm.

»Du kannst mich den Propheten nennen«, sagte er, »und ich brauche deine Hilfe.«

1RIELLE

 

»Ihre Majestät die Königin erklärt voller Freude, dass Lady Rielle Dardenne, die jüngst unter Zustimmung des Richterrats und der Krone von seiner Heiligkeit dem Archon zur Sonnenkönigin gesalbt wurde, am Morgen des 14. Oktober in der Stadt Carduel eintreffen wird, um sich als Sonnenkönigin vorzustellen, den Heiligen ihre Ehrerbietung zu erweisen und vor all jenen, die den heiligen Prüfungen Anfang des Jahres nicht hatten beiwohnen können, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.«

Von Genoveve Courverie, der Königin von Celdaria, an die Magister von Carduel gesandte Proklamation, 20. September im Jahr 998 des Zweiten Zeitalters

 

Ihre Salbung zur Sonnenkönigin half offenbar nicht im Geringsten gegen die Schmerzen der monatlichen Blutung.

Rielle hatte den halben Vormittag im Bett verbracht und nun beschlossen, gar nicht aufzustehen. Es war ein gutes Bett, breit und sauber, mit Unmengen von Kissen und einer so weichen Daunendecke, dass sie fast versucht war, sie zu stehlen. Und wie der Besitzer des Château Grozant nicht müde wurde zu betonen, war dies das beste Bett seines Gasthofs. Der Mann war ganz aufgeregt gewesen, als er am Vorabend Rielle und ihre Leibwache in ihre Gemächer begleitet hatte. Sie war es ihm fast schuldig, das Zimmer ausgiebig zu genießen, nachdem er und seine Leute es so aufwendig für sie vorbereitet hatten.

Genau das sagte sie Evyline.

Evyline, die Kommandantin der neu gebildeten Sonnengarde, stand in ihrer goldenen Rüstung und einem strahlend weißen Umhang stolz neben der Zimmertür und hob vielsagend eine ihrer unergründlichen grauen Augenbrauen. »Den ganzen Morgen im Bett zu bleiben, ist leider nicht Teil unseres Programms, Mylady.«

»Aber du könntest es zu einem Teil meines Programms machen, oder?« Rielle warf sich einen Arm über die Augen und verzog das Gesicht, als ihre Krämpfe mit enormer Heftigkeit wiederkehrten. Sie verlagerte die Wärmflasche, die ihr Ludivine gebracht hatte, und presste sie sich auf den Unterleib. Dabei fluchte sie leise. »Du kannst alles bewerkstelligen, wenn du es dir in den Kopf setzt, Evyline. Ich glaube an dich.«

»Ich bin gerührt«, erwiderte Evyline trocken. »Aber uns bleiben noch exakt fünfzehn Minuten, Mylady, ehe wir unten erwartet werden.«

An der Tür ertönte ein Klopfen, gefolgt von der dumpfen Stimme Ivaines, einer von Rielles Wächterinnen. »Prinz Audric macht Lady Rielle seine Aufwartung.«

Rielle spähte unter ihrem Arm hervor. »Ich bleibe im Bett! Für immer!«

»Aber ich habe Kuchen mitgebracht«, rief Audric durch die Tür.

Grinsend setzte Rielle sich auf. Evyline wartete ihre Antwort erst gar nicht ab. Sie verdrehte nur die Augen und machte ihm auf.

Audric kam herein. Er trug einen feinen smaragdgrünen Rock und wirkte mehr als zufrieden mit sich. Mit schnellen Schritten trat er zum Bett, kniete sich an Rielles Seite und hielt ihr einen silbernen Teller hin, auf dem eine winzige Scheibe Schokoladenkuchen lag.

»Für die Sonnenkönigin«, flüsterte er und ließ seine dunklen Augen tanzen. »Mit den besten Grüßen vom Küchenchef.«

An ihrem Platz neben der Tür schnalzte Evyline mit der Zunge. »Kuchen zum Frühstück, Mylady? Wir haben einen langen Tag vor uns. Etwas Herzhafteres wäre da doch bestimmt angebrachter?«

»Nichts ist angebrachter als Kuchen, wenn du seit einem Monat auf Reisen bist und dein Körper einfach überall wehtut.« Rielle stellte den Kuchenteller auf ihren Nachttisch und strahlte Audric an. Sie umfasste sein Gesicht mit beiden Händen und genoss den Anblick seiner warmen braunen Haut, seiner dunklen Locken und natürlich sein breites Lächeln. »Hallo, du.«

»Hallo, Liebling.« Sacht drückte er seine Lippen auf ihre. »Soll ich dich mit deinem Kuchen allein lassen?«

»Auf gar keinen Fall. Du musst dich zu mir setzen und allen befehlen, uns für den Rest des Tages in Ruhe zu lassen.« Sie schlang ihm die Arme um den Hals und flüsterte ihm ins Ohr: »Und dann sollst du mich küssen, überall, immer wieder, bis ich genug habe, was nie passieren wird.«

Evyline räusperte sich, ging hinaus und schloss leise die Tür hinter sich.

Audric lachte in Rielles Haar. »Und da habe ich gedacht, du fühlst dich nicht wohl.«

»Tu ich auch nicht. Ich fühle mich schrecklich.« Sie schloss die Augen, während Audric sie auf Wangen, Stirn und die Kuhle an ihrem Hals küsste. »Aber das hilft schon«, murmelte sie. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, während sie die Finger durch seine Locken flocht und ihn sanft an sich zog. Sie drängte sich näher an ihn heran und packte ihn am Hemd. Audric fuhr ihr mit einer Hand über den Rücken, eine zarte Berührung, die ihr wohlige Schauer über die Haut jagte. Mit der anderen Hand umfasste er durch den dünnen Stoff ihres Nachthemds ihre Brust und sie bog sich ihm mit einem leisen Stöhnen entgegen.

Von dem Platz vor dem Gasthof ertönte lautes Lärmen – Feuerwerkskörper, Glockenläuten, die Jubelrufe von Kindern, die gespannt darauf warteten, einen ersten Blick auf die Sonnenkönigin zu erhaschen.

Rielle ignorierte das alles und ließ sich stattdessen von Audric sacht in die Kissen drücken. Sie verflocht ihre Finger mit seinen, knabberte zärtlich an seinem Kinn und ließ dann die Zunge über seine Haut gleiten.

»Rielle«, flüsterte er heiser und fand ihren Mund mit seinem. »Wir haben keine Zeit.«

Es ist mir ein Graus zu stören, erklang Ludivines spröde Stimme. Aber was für eine Ausrede soll ich den freundlichen Bürgern von Carduel auftischen, die so begierig darauf sind, ihre Sonnenkönigin zu sehen? Dass sie momentan unpässlich ist? Dass Prinz Audric seine Zunge in ihrem Hals stecken hat?

Rielle machte sich widerstrebend von ihm los. »Ich bringe sie um.«

Audric hob den Kopf von ihrem Hals, den er gerade mit Küssen bedeckt hatte. »Lu?«

»Sie weist uns zurecht.«

Wäre es dir lieber, wenn stattdessen Tal käme und euch zurechtweisen würde?, fragte Lu.

Allein bei dem Gedanken schnürte es Rielle fast die Kehle zu. Nein!

Ich kann gerne weiter hier unter diesem Baldachin sitzen, in aller Ruhe meinen Tee trinken und stattdessen ihn hinaufschicken.

Nein, nein, wir kommen schon. Lass uns nur einen Moment.

Ludivine schwieg genau einen Moment lang, ehe sie weitersprach. Das hier ist unsere letzte Station. Wir sind bald wieder zu Hause.

Ich weiß. Rielle seufzte. Danke.

Sie berührte Audrics Wange. »Du musst dich rasieren.«

»Ich dachte, ich gefalle dir so. Wie hast du das genannt?«, fragte er mit einem Lächeln.

»Einen Dreitagebart. Und ja, es gefällt mir. Mir gefällt, wie es aussieht, und mir gefällt, wie es sich an meinen Schenkeln anfühlt, wenn du …«

Mit einem Stöhnen und einem Kuss schnitt ihr Audric das Wort ab. »Ich dachte, wir sollen jetzt vernünftig sein und die jubelnden Massen begrüßen.«

»Sind wir, sind wir, ja, gut.« Langsam löste sich Rielle aus Audrics Armen und ließ sich von ihm aus dem Bett helfen. Als sie sich noch einmal zu ihm umwandte und ihn in all seiner Pracht vor sich sah, stockte ihr der Atem: Seine Lippen waren von ihren Küssen leicht angeschwollen und die Sonnenstrahlen, die nun durch die Fenster fielen, überzogen seine Locken mit einem goldenen Schimmer.

Ludivines Worte von vor wenigen Wochen kamen ihr in den Sinn, scharf und schneidend: Du hast Audric angelogen, was den Tod seines Vaters betrifft. Wir passen gut zusammen.

Ihr Brustkorb zog sich um ihr Herz herum zusammen und auf einmal verspürte sie eine brennende Sehnsucht danach, Audric in die Arme zu schließen und ihn nie wieder loszulassen. »Ich liebe dich«, stieß sie stattdessen hervor.

Er umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen, als wollte er sich diesen Anblick unauslöschlich ins Gedächtnis einprägen. »Ich liebe dich auch«, sagte er und beugte sich zu ihr herab, um sie ein letztes Mal zu küssen. »Mein Licht und mein Leben«, flüsterte er gegen ihren Mund und ging schließlich davon.

Bevor die Tür sich schloss und Evyline, flankiert von zwei Zofen, ins Zimmer zurückkehrte, erschien ein Page auf dem Treppenabsatz. »Mein Prinz und Gebieter«, sagte er völlig außer Atem zu Audric, »ich habe eine Nachricht für Sie, aus dem Norden …«

Doch da fiel die Tür zu und Audrics Antwort war nicht mehr zu hören.

»Welches Kleid heute, Mylady?«, fragte Sylvie, die jüngere ihrer beiden Zofen. Wie alle von Rielles neuen Bediensteten trug sie selbst ein weiß-goldenes Hemdkleid.

Kaum war Audric fort, kehrten Rielles Regelschmerzen zurück. Sie umfasste mit einer Hand ihren Unterleib und stopfte sich mit der anderen den Kuchen in den Mund.

»Etwas Bequemes«, erklärte sie. »Und rot muss es sein.«

 

 

Seit einem Monat reisten sie nun durch das Herz Celdarias, um Rielle als die jüngst gesalbte Sonnenkönigin einzuführen, und der Empfang in jedem der dreizehn Orte, die sie bisher besucht hatten, ganz gleich ob Städte oder Dörfer, war, um es mit Ludivines Worten zu sagen, liebevoll gewesen.

Carduel machte da keine Ausnahme.

Als Rielle aus dem Château Grozant auf die gepflasterte Straße trat, die zu Carduels Haus des Lichts führte, hätte sie der tosende Jubel zu ihrer Begrüßung beinahe umgeworfen.

Carduel hatte knapp tausend Einwohner, von denen jeder erschienen war, um Rielles Einführung beizuwohnen. Die Menschen säumten die Straßen in ihren feinsten Gewändern – bestickte Mäntel mit Goldborten, deren Schnitt schon ein paar Jahre aus der Mode gekommen war; durch lange Lagerung steif gewordene und mit der Zeit ausgebleichte Brokatgewänder; edelsteinbesetzte Kämme, in denen sich die Morgensonne fing und in bebenden Splittern auf die Straße zurückstrahlte. Kinder saßen auf den Schultern ihrer Eltern, streuten weiße Blütenblätter und schwenkten goldene Sonnenmedaillons. Tempeldiener aus Carduels Haus des Lichts waren alle paar Meter postiert und ihre Urformen verbreiteten ein sanftes Leuchten.

Audric führte sie an, am Arm Ludivine, die ein sommerliches Kleid in Lavendel- und Cremetönen trug. Seine Garde bildete einen lockeren Kreis, um sie vor allzu zudringlichem Bewunderern abzuschirmen.

Rielle beobachtete die beiden und ein leises Unbehagen nagte an ihrem Brustbein. Obwohl es keine öffentliche Verlautbarung gegeben hatte, lag die Wahrheit klar auf der Hand. Niemand, der die Augen offen hielt, konnte übersehen, dass sich die Sonnenkönigin und der Kronprinz Nacht für Nacht in die Gemächer des jeweils anderen schlichen. Längst hatte es sich im ganzen Land herumgesprochen. Schon bald würden sie ihr weiteres Vorgehen planen müssen, nämlich zuerst das Haus Sauvillier besänftigen, dann die Nachricht von der gelösten Verlobung offiziell verkünden und schließlich den Menschen die Liebesbeziehung zwischen Rielle und Audric nahebringen.

Aber nicht heute.

Rielle trat aus dem von Wein überwachsenen Spalier hervor, das den Zugang zum Marktplatz bildete, und lächelte der versammelten Menge zu.

Ein durchdringender Schrei von oben verwandelte ihr Lächeln in ein breites Grinsen.

Als sich Atheria herabsenkte, kreischten die Leute in Rielles nächster Nähe auf und liefen davon, um Platz zu machen. Das imposante Göttertier landete beinahe lautlos neben Rielle und faltete artig die Flügel unter seinem Leib.

»Da bist du ja«, gurrte Rielle und stellte sich auf die Zehenspitzen, um Atheria einen Kuss auf die samtweiche Schnauze zu drücken. »Warst du jagen?«

Als Antwort wieherte Atheria und sah sich mit leuchtenden Augen neugierig um.

Lachend machte sich Rielle an den Abstieg zu Carduels bescheidenem Haus des Lichts, Atheria dicht an ihrer Seite. Sie spürte die Blicke der Menge auf sich und streckte den Rücken durch, die Wangen vor Freude gerötet. Manche, an denen sie vorüberging, erwiderten ihren Blick, andere wandten sich zurückhaltend ab, wieder andere verneigten sich, küssten ihr die Finger und berührten dann ihre Augenlider – als Zeichen ihres Gebets zu Ehren von Sankt Katell und dem Haus des Lichts.

Als Rielle am Tempeleingang ankam, waren ihre Arme voller Blumen und ihr Haar war übersät von weißen Blütenblättern.

An der Tür wartete Tal in seiner scharlachrot-goldenen Magisterrobe. »Du kommst zu spät«, sagte er und zupfte ihr ein Blütenblatt vom Kragen.

Rielle sah ihn missbilligend an. »Sonnenköniginnen können sich verspäten, wenn sie wollen, Lord Belounnon«, erwiderte sie, ehe sie sich tief verneigte. Tal umfasste ihre Hände und küsste sie auf die Stirn.

»Letzte Station«, erinnerte er sie leise.

»Na, Gott sei Dank.«

Er warf einen Blick auf ihr rotes Gewand und hob eine Braue. »Ich weiß nicht, ob es klug war, ausgerechnet Rot zu tragen.«

Rielle verdrehte die Augen. Sie hatte sich schon gedacht, dass Tal mit diesem Kleid, dessen Rock blutrot war, nicht einverstanden sein würde. Für ihn war Rot eine Feuerzeichnerfarbe.

An Rielle konnte man es aber auch als Farbe der Blutkönigin verstehen.

Sie nahm Tals Arm und begleitete ihn hinein, an den Altar des Tempels. Als er mit der Begrüßungszeremonie begann, die ihr inzwischen so vertraut war, dass sie das Ganze auswendig hätte herunterbeten können, schweifte sie ab, auch wenn das mangelnden Respekt bewies.

Doch wenn sie noch einmal zuhören müsste, wie Tal ihren Mut und ihre heldinnenhafte Tapferkeit am Tag der Feuerprüfung pries, würde sie die Fassung verlieren und Dinge herausschreien, die sie besser für sich behielt.

Also setzte sie eine Miene demütiger Gelassenheit auf, während er von der Tragödie sprach – von all den unschuldigen Bürgern, die ihr Leben verloren hatten. Den getöteten Soldaten der Sauvilliers, die von Lord Dervin Sauvillier, den der Ehrgeiz vom rechten Weg hatte abkommen lassen, zum Verrat überlistet worden waren.

Ehrgeiz, dachte Rielle. So kann man es auch nennen.

Hör zu, schalt Ludivine. Du siehst gelangweilt aus.

Ich bin gelangweilt. Rielle holte geräuschvoll Atem. Wir sollten ihnen die Wahrheit sagen.

Ah, dass ein Engel die Gedanken ihrer Mitbürger übernommen hat? Dass die Engel zurückkehren? Dass die Pforte schwächer wird? Ja, das klingt nach einer glänzenden Idee.

Was meinst du, wie lange sie diese ganzen Lügen noch glauben werden? Wie lange sie sich das Unausgesprochene noch vorenthalten lassen? Rielle sah sich entschlossen in dem geheiligten Raum um, in den sich so viele Menschen gedrängt hatten, dass die Luft schnell stickig geworden war. Unsere Leute sind nicht dumm. Wir müssen aufhören, sie so zu behandeln, als ob sie es wären.

»… und natürlich«, fuhr Tal fort und verlieh seiner ohnedies feierlichen Stimme zusätzliches Gewicht. Die Veränderung in seinem Tonfall ließ Rielle jäh erstarren, da sie wusste, was als Nächstes kam. »Und natürlich trauern wir immer noch um Armand Dardenne, Lord Kommandant der königlichen Armee, und um unseren geliebten verstorbenen König Bastien Courverie, einen mitfühlenden und tapferen Mann, der unser Land in eine Ära nie da gewesenen Friedens und Wohlstands geführt hat.«

Rielle senkte den Blick auf ihre Hände und schluckte schwer. Sie wollte nicht an ihren Vater oder an König Bastien oder Lord Dervin denken. Sie wollte nicht an den glorreichen Augenblick denken, kurz bevor sie die Herzen dieser Männer für immer zum Stillstand gebracht hatte, als das Empirium noch ganz ihrem Befehl unterstand.

Sie schloss die Augen gegen die Erinnerung, aber ihr Geist beschwor sie dennoch herauf: das Gefühl, dass die Welt auf ihr Geheiß entzweibrach. Wie sich die Hitze in ihren Handflächen ballte. Wie eine Explosion ungesehener Macht ihr die Haare aus dem Gesicht fegte. Das Empirium, roh und grell, ein Spiegel ihrer eigenen Wut und Angst.

Corien, wie er von ihr wegkroch, sein geschundener Körper von Verbrennungen überzogen.

Drei Männer, die reglos zu ihren Füßen lagen. Ihr Vater, der mit seinen letzten Atemzügen das Wiegenlied ihrer Mutter sang.

Eine Mutter und ein Vater. Beide durch ihre Hand gestorben.

Rielle öffnete die Augen und starrte auf ihre ineinandergeklammerten Finger. Jedes Mal zwangen Tals Worte sie dazu, sich an diesen schrecklichen, glorreichen Tag zu erinnern – den Tag, an dem ihr Vater gestorben war, den Tag, an dem sie Feuer in Federn verwandelt und einen König getötet hatte, während sie allmählich das wahre Ausmaß ihrer Macht begriff. Jedes Mal zwangen Tals Worte sie dazu, sich der Wahrheit zu stellen, der sie nicht ausweichen konnte: Hätte sie die Wahl, würde sie alles noch einmal genauso machen. Sie würde nichts von dem verändern, was an diesem Tag geschehen war, denn dies würde bedeuten, auf jenen kurzen Augenblick strahlender Erkenntnis zu verzichten, als sie das unverfälschte, reine Empirium berühren und seine prickelnde, sturmdurchtränkte Macht auf ihrer Zunge schmecken konnte.

Selbst wenn das hieße, dass ihr Vater noch am Leben wäre und auch Audrics Vater. Nein, selbst dann würde sie nichts ändern wollen, und ihr Herz bedauerte nichts und schmorte in seiner eigenen schwarzen Freude – beschämt, aber entschlossen.

Dann hörte sie Ludivine sprechen: Vier Männer schleichen sich durch die Menge heran, in der Absicht, dich zu töten.

Rielle zuckte zusammen. Was? Wer sind sie?

Männer, die bei der Feuerprüfung geliebte Menschen verloren haben. Sie machen dich für das Massaker verantwortlich. Sie misstrauen dir. Tu nichts, ehe ich es dir sage. Wir müssen den richtigen Moment abwarten.

Rielle ballte die Finger zu Fäusten. Sag mir, wo sie sind, jetzt sofort, und ich mähe sie nieder, da, wo sie sind.

Das würde bestimmt alle beruhigen, die an dir zweifeln, entgegnete Ludivine trocken.

Haben sie Waffen?

Ja.

Wut zog mit gierigen Klauen ihr Rückgrat hinauf. Audric ist hier und Tal ebenfalls. Du setzt auch ihr Leben aufs Spiel.

Gleich wird eine Frau die Zeremonie unterbrechen. Lass sie sprechen. Sei bereit.

Im nächsten Moment löste sich eine dunkelhäutige Frau in einem azurblauen Gewand mit hohem Kragen aus den vorderen Reihen der Menschenansammlung und ging auf Tal zu, bis dessen Tempeldiener ihr den Weg versperrten.

»Meine Tochter wurde getötet«, rief sie. Ihre Stimme war brüchig und dünn. »Bei der Feuerprüfung ist sie umgekommen. Man hat sie getötet. Meine Tochter.«

Es wurde still. Audric erhob sich.

»Sie war gekommen, um der Feuerprüfung beizuwohnen«, fuhr die Frau fort. In ihren Augen glänzten Tränen. »Sie war gekommen, um der Sonnenkönigin zu huldigen, und wurde von einem Soldaten aus dem Haus Sauvillier getötet.« Die Frau deutete mit zitternder Hand auf Ludivine. »Ihrem Haus. Und jetzt steht sie hier einfach vor uns, quicklebendig.«

Die Menge regte sich tuschelnd. Ludivine erhob sich. Ihre Miene sprach von tiefem Mitgefühl.

Jetzt kommt es, warnte Ludivine.

Rielle spannte ihre Muskeln an, sah sich aber nicht um. Was kommt jetzt?

»Du hast diese da wieder ins Leben zurückgeholt.« Die Frau fixierte Rielle. »Aber du musst auch all die anderen zurückholen. Wenn du das nicht tust, bist du wertlos für uns. Eine Memme und Betrügerin.«

Das Gemurmel der Menge schwoll zu lautem Gezeter an – einige warfen der Frau Beleidigungen an den Kopf, andere äußerten ihre Zustimmung.

Rielle wich einen Schritt zurück. Du hättest sie nicht anlügen dürfen. Wir hätten ihnen die Wahrheit sagen sollen.

Dass ich ein Engel bin?, höhnte Ludivine. Ja, da hätten sie mich gleich voll und ganz ins Herz geschlossen.

Das hätten sie. Ich hätte sie dazu gezwungen.

Ich muss imstande sein, dich zu beschützen, ich kann nicht meine Zeit damit vergeuden, auf allen Seiten die Ängste von Kleingeistern abzuwehren. Rielle, jetzt! Links!

Rielle fuhr herum und riss die offene Hand in die Höhe. Das Feuer der Altarkerzen flog auf sie zu – ein Dutzend Flammen, die zu einem Feuerball verschmolzen. Sie fing die Kugel mit einer Hand auf und schleuderte sie auf einen mit einem Vorhang versehenen Balkon an der Wand gegenüber.

Im Flug verschluckte der Feuerball einen auf Rielle zuschießenden Pfeil und verbrannte ihn zu Asche.

Die Menge brach sich lärmend Bahn. Manche rannten zu den Türen, andere drückten ihre Kinder zu Boden und schützten sie mit ihren eigenen Körpern.

Audric preschte vor Ludivine und zückte sein Schwert Illumenor. Sowie die gewaltige Klinge zum Vorschein kam, erwachte sie zu strahlendem Leben und die Luft um Audric herum knisterte vor plötzlicher Hitze.

Evyline brüllte Befehle und die sieben Frauen aus Rielles Sonnengarde verteilten sich wie goldene Blitze, um einen Schutzwall zu bilden. Rielle vernahm ein pfeifendes Surren und fuhr herum, den Blick erneut zur Wand gegenüber gerichtet. Sie spürte den Pfeil mehr, als dass sie ihn sah, während das Empirium die instinktive Macht in ihrem Blut schneller lenkte, als ihr Verstand Befehle formulieren konnte. Sie griff sich einen Windstoß aus der Luft über ihrem Kopf und ließ mit seiner Hilfe den Pfeil gegen einen der hohen Dachbalken prallen, wo er entzweibrach und harmlos zu Boden fiel.

Ein dritter Mann lief die Stufen zum Altar hinauf, einen blitzenden Dolch in der Hand. Das strahlende Illumenor hoch erhoben, fing Audric ihn ab und schlug ihm die Waffe aus der Hand. Wehrlos fiel der Mann zu Boden, während sein Dolch klirrend auf Steinboden fiel.

»Gnade, Euer Hoheit«, bettelte er händeringend und blickte wild zwischen Audric und Rielle hin und her. »Gnade, ich flehe Euch an!«

Als ein Aufschrei aus der Menge ertönte, drehte Rielle gerade rechtzeitig den Kopf, um zu sehen, wie der vierte Angreifer von einer Gruppe junger Frauen zu Boden gerungen wurde. Drei pressten ihn flach auf die glatten Fliesen, ehe ihm eine den Dolch aus der Hand trat. Eine Fünfte trat ihm mit ihrem brokatverzierten Stiefel brutal gegen den Kopf. Die Menge feuerte sie an und sie versetzte ihm einen zweiten Tritt.

Sei barmherzig, riet Ludivine. Diejenigen hier, die dich lieben – und das sind viele –, werden dich dafür noch mehr lieben.

Rielle hob die Hände. Flammen loderten an ihren Fingerspitzen. »Stopp! Haltet ihn fest, aber tut ihm nichts.«

Die Frauen gehorchten sofort und senkten die Köpfe, als Rielle zu ihnen trat. Sie löschte das Feuer in ihren Handflächen und kniete sich neben den Mann.

»Ich bedauere den Verlust, den du erlitten hast«, sagte sie mit sanfter Stimme, obwohl es sie danach gelüstete, ihr Feuer abermals aufflammen zu lassen und dem Mann noch mehr Tränen abzuringen. »Ich lerne noch und hoffe, dass eines Tages in Celdaria niemand mehr den Schmerz über einen unnötigen Tod erfahren muss. Ich werde unermüdlich an der Seite von unserer Majestät Königin Genoveve dafür kämpfen.«

Der Mann starrte Rielle einen Moment lang zornig an, während ihm das Blut noch über Stirn und Nase rann – doch dann veränderte sich sein Gesicht und seine Züge wurden mit einem Mal überraschend weich und seine Augen trüb. Seine Miene wirkte plötzlich verschlagen und vertraut zugleich.

Eine der Frauen, die ihn zu Boden drückte, kreischte auf und sprang zurück.

Rielles Haut kribbelte.

Der Mann öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Rielle erkannte seine Sprache nicht. Die Worte klangen rau, aber auch irgendwie poetisch, jedenfalls fremd in Rielles Ohren. Gleichwohl verstand sie den Inhalt des Gesagten recht gut.

Es war eine Verhöhnung.

Eine Provokation.

Eine Aufforderung.

Unter der Stimme des Mannes schwang eine andere mit, eine altbekannte, die Rielle schon seit Wochen nicht mehr vernommen hatte.

Sie erstarrte. Corien?

Der Mann grinste und auf einmal wurden seine Augen wieder klar. Sein Körper verkrampfte sich, er zuckte kurz auf und blieb dann reglos liegen.

Rielle erhob sich und wich langsam zurück. Das wilde Trommeln ihres Herzens übertönte die Geräusche der Zuschauer, die herandrängten, um besser sehen zu können, und Tal, Audric sowie einander Fragen zuriefen.

Die Sonnengarde verteilte sich, bildete einen engen Kreis um Rielle und geleitete sie rasch aus dem Tempel, dicht gefolgt von Audric und seinen Wachen.

Ludivine sprach beschwörend auf sie ein. Wir müssen verschwinden. Sofort.

Rielle protestierte schwach und versuchte den Schock abzuschütteln, während sie nach draußen traten. Atheria tänzelte nervös im Garten vor dem Tempel umher, die Flügel gespreizt und bereit zum Abflug.

Als Rielle sich umwandte, sah sie, wie Ludivine Audric zu ihr führte. Die Menge drängte immer näher, von den Wachleuten ringsum nur mit Mühe im Zaum gehalten.

»Wir müssen bleiben«, protestierte Rielle und sah sich um. Ein Mann stieß sein kleines Kind nach vorn und das Mädchen klammerte sich sogleich schluchzend an Rielles Rock. »Sie haben Angst!«

Nein.

Steig auf.

Ludivines Stimme war messerscharf. Rielle stolperte weiter vorwärts und fiel gegen Atherias Brust. Das Göttertier kniete sich vor sie. Benommen erklomm Rielle Atherias Rücken und registrierte kaum, dass Audric und Ludivine hinter ihr aufstiegen. Audric schlang ihr die Arme um die Taille.

»Lass sie losfliegen«, befahl Ludivine gepresst. »Wir müssen weg.«

Er wird dich nicht anfassen. In Rielles Gedanken war Ludivines Stimme leise und bebend wie nahendes Donnergrollen. Nie wieder wird er dich anfassen.

Rielle begriff entfernt, dass sie keine Kontrolle über ihren Willen hatte. Ludivine war da, in ihren Gedanken, besänftigte sie, beruhigte sie, obwohl sie gar nicht ruhig sein wollte.

Trotzdem packte sie mit beiden Händen Atherias Mähne und krächzte: »Flieg, Atheria.«

Und das Göttertier gehorchte.

2ELIANA

 

»An Träumen findet der Kaiser den größten Gefallen. In ihnen bist du am verletzlichsten und darin liegt für ihn der Reiz. Leere deinen Geist vor dem Schlafengehen. Spreche deine Gebete. Und sage dir Folgendes: Ich bin ich selbst. Mein Geist gehört mir. Und ich habe keine Angst.«

Die Worte des Propheten

 

Anfangs war der Traum vertraut.

Eliana durchsuchte die schwelenden Ruinen auf dem Außenposten des Imperiums, wo sie mit Lord Morbrae gespeist hatte. Gefangene, die unter den Trümmern festsaßen, schrien ihren Namen, ein Chor der Qualen.

Eliana.

Die Stimmen überlagerten sich, zersplitterten und schwollen an. Eliana drückte die Hände auf die Ohren und rannte, aber die Schreie bohrten sich durch ihre Handteller und drangen weiter in sie wie Tiere auf der Suche nach einem Versteck.

Eliana.

Vom Himmel fielen zitternd Flocken, ein zarter grauer Vorhang aus Asche. Schon bald atmete sie mehr Rauch ein als Luft. Sie stolperte über einen Arm, der aus einer schwarzen Verwehung herausragte. Hellbraune Haut.

Sie wollte lauthals protestieren, aber sie hatte keine Stimme mehr.

Sie wollte wegrennen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht. Ihr Körper war nicht mehr ihr eigener.

Sie packte die kalte, totenstarre Hand und zog, bis die Leiche ihrer Mutter zum Vorschein kam. Sie war monströs, entstellt, erstarrt, als der Körper sich verkrampfte – das war nicht Rozen Ferracora, sondern der brutale Kriecher, zu dem das Imperium sie gemacht hatte.

»Eliana.«

Die Stimme war ganz nah und unverwechselbar. Über Elianas Schulter strich ein kühler Atem. Ein schwacher, wohlriechender Duft – Gewürze und Weihrauch.

Sie wirbelte herum.

Sie war nicht länger auf einem Schlachtfeld voller Asche.

Sie stand in einem endlos langen Flur, der Teppich unter ihren Füßen so rot wie ein aufgerissener Schlund. Zwischen den geschlossenen Türen summten leise elektrische Lampen, die mit schmiedeeisernen Bügeln an den Wänden befestigt waren. Die holzvertäfelten Wände waren auf Hochglanz poliert. Als Eliana den Gang entlangging, wurde sie von ihrem verschwommenen Spiegelbild begleitet.

Sie öffnete die erste Tür, an der sie vorbeikam. Hoch und schmal lief der gewölbte Türrahmen zu einer Spitze zusammen, die sie an ihre Dolche erinnerte.

Sie fasste nach ihrem Gürtel, aber ihre Waffen hatte sie nicht bei sich. Sie trug ein einfaches schwarzes Nachthemd; ihre nackten Füße waren nass.

Sie blickte auf den kostbaren roten Teppich und betrachtete ihre Füße. Sobald sie das Gewicht nur ein wenig verlagerte, veränderte sich die Farbe des Teppichs.

Zwischen ihren Zehen quoll es rot hervor.

Ihr Magen zog sich zusammen, und als sie plötzlich ein lautes Jammern hörte, wusste sie, dass sie fortlaufen musste, aber genau wie zuvor konnte sie sich nicht rühren und blieb, wo sie war. Ihre Füße waren mit dem aufgeweichten Teppich fest verbunden. Und als sie nach Hilfe rufen wollte, brachte sie keinen Ton heraus.

Dann gab es einen gewaltigen Knall und die Tür neben Eliana zitterte, als hätte jemand mit Macht dagegengeschlagen.

Eliana stierte auf die Tür, ihr brach der kalte Schweiß aus.

Es knallte wieder und wieder – schneller, lauter, bis der Lärm einem pochenden Herzschlag glich, doch dann veränderte sich der Rhythmus und wurde zu einem Hagelsturm aus zwei hämmernden Fäusten, dann waren es ein Dutzend und dann zwei Dutzend und sie alle trommelten gegen die verschlossene Tür.

Eliana zog verzweifelt an ihren Beinen, um sie vom Boden zu lösen.

In ihrer Kehle steckten stumme Schreie fest, wie Essen, das man nicht schlucken konnte, weil es zu scharf oder zu heiß war. Die Tür bebte noch immer und klapperte in ihrem Rahmen. Jemand schrie. Leise, tief, dann wurde der Schrei immer lauter und verschmolz mit dem Lärm der trommelnden Fäuste, bis er sie irgendwann vollkommen übertönte. Inzwischen bebte die Tür, aber nicht durch die Wucht der Fäuste, sondern vielmehr durch den Schmerz, der nun als verzweifeltes, wütendes Heulen gegen sie schmetterte.

Eliana konnte ihren Blick nicht abwenden, ihre Augen tränten, ihre blutig gekratzten Beine brannten. Es war noch gar nicht lange her, da hatte sie einen Sturm heraufbeschworen und die kaiserliche Kriegsflotte versenkt. An diesem mit Eis überzogenen Strand in Astavar, in den kalten Untiefen der Karajakbucht, hatte sie mit flammenden Fingern einen peitschenden Wind und stürmische Wellen erschaffen, und während sich diese fremde, neue Macht mit Wucht in ihrem Körper ausbreitete, schrien ihre Muskeln vor Schmerz.

Aber hier, auf diesem Flur, blieb die Welt unscheinbar und hielt sich vor ihren Augen verborgen. Ihre Hände zitterten und ihre Knie bebten und es gelang ihr nicht, sich genügend zu sammeln, um den schrecklichen Moment am Strand wieder aufleben zu lassen, als ihre Mutter tot zu ihren Füßen lag und Elianas herausgeschriene Trauer die Welt entzweiriss.

Gleich würde die Tür auffliegen und dann würde, was auch immer auf der anderen Seite auf sie lauerte, sie in Schweiß gebadet und barfuß, vollkommen hilflos und verlassen vorfinden –

Eliana wurde wach.

Sie riss die Augen auf. Fünf Sekunden verstrichen, erst dann holte sie endlich tief Luft. Allmählich verloren die Engel ihre Fremdheit, wurden wieder vertraut – über ihr die Gewölbedecke, die veilchenblau gestrichen und mit silbernen Sternen überzogen war. Dort die dicke, mit Perlen bestickte Decke auf ihrem Bett. Und der kleine Alkoven, der von einem flackernden Kerzenstummel erhellt wurde.

Sie war in ihrem Schlafgemach, in dem astavarischen Palast namens Dyrefal – dem Zuhause der Könige Tavik und Eri Amaruk, ihres Sohnes Malik und dreier anderer Kinder, die auf fernen Gewässern, weit weg von zu Hause, die Rote Krone unterstützten.

Und ihrer jüngsten Tochter, Navi.

Navi.

Eliana setzte sich auf, schwang ihre Beine aus dem Bett und tapste über den nachtblauen Teppich zur Wand gegenüber. Sie spähte durch die angelehnte Tür und beim Anblick von Remy, der in dem angrenzenden Zimmer schlief, fiel ein Teil der Anspannung von ihr ab. Holzscheite glühten sanft im Kamin und Remy schlief ganz friedlich, die mit Pelz umrandete Decke bis zum Kinn hochgezogen –

Sie musste ihm bald vom Tod ihrer Mutter erzählen – einen Teil der Wahrheit, oder vielleicht sogar die ganze. Er hatte ein Recht, das zu erfahren.

Bisher hatte ihr der Mut gefehlt, ihm zu erzählen, wie Rozen gestorben war.

Aber jetzt war nicht der richtige Moment.

Sie zog die Tür zu, streifte sich ihre Stiefel über, warf einen schweren Morgenrock aus Samt über ihr kurzes Nachthemd und trat aus dem Schlafzimmer.

Die zwei Wachen, die an der gegenüberliegenden Wand lehnten, nahmen sofort Stellung an und neigten ihre Köpfe.

Eine von ihnen, eine kleine, kompakte Frau mit dunkelbrauner Haut und kurz geschorenen weißen Haaren, ging einen Schritt auf sie zu.

Wie hieß sie noch gleich? Eliana zermarterte sich das Gehirn, aber ihr kamen nur die Traumbilder in den Sinn: ein Schrei hinter einer verschlossenen Tür. Ein blutdurchtränkter Teppich, der schäumend zwischen ihren Zehen hindurchquoll.

»Gibt es irgendetwas, was wir für Euch tun können, Mylady?«, fragte die Wache. »Sollen wir nach dem Hauptmann rufen?«

»Himmel, nein!«, platzte Eliana heraus. Nicht auszudenken, wenn Simon sie in ihrer jetzigen Verfassung sähe!

Dann riss sie sich zusammen und brachte ein höfliches Lächeln zustande. »Ich möchte einfach nur ein wenig spazieren gehen. Bitte keine Umstände.«

Doch kaum war sie ein paar Schritte den Flur entlanggegangen, folgten ihr die Wachen.

Seufzend drehte sie sich zu ihnen. »Keine Umstände, habe ich gesagt.«

»Ich bitte um Verzeihung, Mylady«, sagte die Wache, »aber uns wurde befohlen, Euch zu begleiten, falls Ihr Euer Zimmer verlassen müsst.«

Meli. So hieß die Frau.

Eliana gab sich alle Mühe, freundlich zu bleiben. »Meli, stimmt’s?«

Die Frau drückte den Rücken durch, sie fühlte sich eindeutig geschmeichelt. »Ja, Mylady.«

»Also gut, Meli, auch wenn ich deine Ergebenheit durchaus zu schätzen weiß, wäre es nach allem, was ich für deine Leute getan habe, eventuell möglich, heute einmal mir einen kleinen Gefallen zu tun?« Obwohl sie ihre Hand bewusst sanft auf Melis Unterarm legte, zuckte die Frau zusammen. Sie starrte auf Elianas Hand, als wäre sie ein Stern, der allein für sie herabgefallen war.

»Natürlich, Mylady«, sagte Meli und neigte abermals den Kopf. »Ich bitte um Entschuldigung.«

»Du musst dich nicht entschuldigen. Ich brauche lediglich eine Stunde oder so, in der ich ungestört im Schloss umherstreifen kann.«

Und damit ließ Eliana die Wachen stehen. Noch lange nachdem sie um die Ecke gebogen war, spürte sie deren ehrfürchtige Blicke. So gut es ging, versuchte sie ihre Verärgerung darüber von sich fortzuschieben. Wenn sie darauf bestanden, sie anzustarren, als wäre sie wirklich irgendeine lang erwartete Königin, die endlich gekommen war, um sie vor den Übeln der Welt zu retten, dann sollten sie das tun. Ihre Bewunderung änderte nichts an der Wahrheit: Die Macht, die Eliana in jener Nacht am Strand heraufbeschworen hatte, war nicht wieder zurückgekehrt.

Und sie hatte es nicht eilig, sie zu finden.

 

 

Nachdem sie eine Dreiviertelstunde lang über die samtweichen Böden der dunklen, nur von wenigen Kerzen und der Nacht beleuchteten Flure des Palastes gestreift war, trat Eliana in die Säulenhalle mit den hohen Fenstern, die den Palast mit Navis Turm verband. Weit über ihr wölbte sich die Decke, Fackeln in Wandhalterungen warfen zitternde Lichtkegel über den polierten Steinboden.

Sie zögerte.

Aus den Augenwinkeln nahm sie flüchtig eine Bewegung wahr. Das Aufblitzen von Farbe vor dem Glas aus dunklem Obsidian.

Als Eliana sich umwandte, stieß jemand brutal gegen sie und warf sie um. Ihr gelang es gerade noch, sich zu drehen und auf die Seite zu fallen, da spürte sie schon eine Faust auf ihrem Kinn. Ihr Kopf knallte auf die Steinplatten.

Keuchend lag sie da. Früher hätte sie kurz den Kopf geschüttelt und wäre sofort wieder auf die Füße gesprungen. Jetzt bekam sie keine Luft und konnte sich nicht rühren. Sterne tanzten vor ihren Augen. Ein beißender, brennender Schmerz schoss durch ihren Schädel. Sie fasste sich an den Kopf; ihre Finger waren voller Blut.

Ihr fiel ein, was Remy eine Woche zuvor zu ihr gesagt hatte: »Dein Körper hat sich immer selbst geheilt und wir wussten nie, warum. Dabei lag es nur daran, dass diese ganze Macht eingeschlossen in dir schlummerte und nichts zu tun hatte, also hat sie dich stattdessen einfach verarztet.«

Und jetzt?

Sie versuchte sich aufzurichten, aber um sie herum drehte sich alles. Dieses Gefühl der Orientierungslosigkeit kannte sie nicht. Verwirrt taumelte sie abermals zu Boden.

Ein wilder Schrei zerschnitt die Stille und schon wurde sie erneut heftig attackiert und blieb auf dem Boden liegen. Jemand setzte sich rittlings auf sie, zwei Hände legten sich um ihre Kehle.

Eliana blinzelte und erkannte schließlich Navi, die mit funkelnden Augen grimmig auf sie herabstarrte, ihr Gesicht war wutentbrannt.

»Navi?«, keuchte Eliana.

Navis Finger schlossen sich um ihren Hals, ihre Nägel bohrten sich in Elianas Haut. Sie knurrte unverständliches Zeug. Eliana krallte sich in die Arme ihrer Freundin und versuchte, sie wegzuschieben, aber der Schmerz in ihrem Schädel breitete sich wie ein Nebel aus und betäubte ihre Sinne. In ihrem Kopf staute sich das Blut; ihr Gesicht fühlte sich an, als würde es jeden Moment platzen.

Jemand näherte sich im Laufschritt, packte Navi und riss sie fort. Es war Simon – mit zerzausten Haaren, den Waffengurt eilig über Hose und Schlafhemd gezogen. Eliana schnappte hustend und würgend nach Luft. Als sie mit tränenden Augen aufblickte, kauerte Navi ein paar Meter entfernt auf dem Boden und fletschte Simon an. Er umkreiste sie langsam, die Hand schwebte über dem Holster an seinem Gürtel.

»Nicht«, krächzte Eliana. »Tu ihr nicht weh.«

Simon schaute kurz zu ihr, Sekunden, die Navi genügten. Sie katapultierte sich regelrecht vom Boden und flog in Simon hinein. Er krachte gegen eine Fensterscheibe, die Risse bekam, dann schwankte er ein Stück weg und schüttelte mit einem leisen Knurren den Kopf.

Navi hatte es indes wieder auf Eliana abgesehen, aber die war diesmal vorbereitet. Sie ließ zu, dass Navi sie abermals auf den Boden presste, und legte ihre Arme ganz still neben sich.

»Navi, ich bin’s«, sagte sie. »Eliana.«

Navis Blick huschte unruhig und ohne Erkennen über Elianas Gesicht.

Simon wollte sich erneut auf Navi stürzen.

»Nein, warte!«, rief Eliana.

Er gehorchte, ballte aber die Fäuste.

»Hör mir zu«, sagte Eliana eindringlich zu Navi und versuchte, das Schwarz wegzublinzeln, das sich über ihre Augen schob. »Erzähl mir etwas Echtes. Erinnerst du dich?«

In Navis Gesicht blitzte für den Bruchteil einer Sekunde ein Wiederkennen auf.

Eliana klammerte sich an diesen Anblick. »Ich bin in Freistatt zu dir gekommen. Weil ich einen Albtraum hatte. Du hast mich gehalten. Du hast mich getröstet.«

Navi lockerte den Griff. Der grimmige Gesichtsausdruck verschwand.

»Du hast mir gesagt, dass ich dir etwas Echtes erzählen soll. Und ich habe dir von Harkan erzählt.«

Navis Augen leuchteten wie zwei Kerzen, die in einem dunklen Raum aufflackern. Sie kroch davon und schüttelte den Kopf.

»Nein, nein, nein.« Zitternd drückte sie ihre Finger gegen die Schläfen und zog die Knie an die Brust. »Oh Gott, was ist los?«

Noch etwas wackelig, kroch Eliana zu ihr. »Alles in Ordnung. Ich bin hier, ich bin bei dir, mir geht es gut.«

»Was haben sie mit mir gemacht?« Navi saß zusammengekauert an einer Steinsäule zwischen dem zersprungenen Fenster und seinem unbeschadeten Nachbarn. Ihr Gesicht war vor Müdigkeit völlig ausgezehrt, auf ihrem rasierten Kopf sah man noch immer die Spuren, die Fidelia mit ihren Messern dort hinterlassen hatten. Ihr Körper bebte, während sie Eliana flehend anblickte. Und dann durchbrach ihr Aufschluchzen die Stille wie das Splittern von Glas.

»Was haben sie mit mir gemacht?«, weinte sie.

Hinter Simon bogen vier Wachen in den Säulengang und eilten zu ihnen, aber Simon funkelte sie nur einmal eisig an und sie blieben stehen.

Eliana näherte sich Navi wie einem verletzten Tier, in ihrem Hals pochte es noch immer. Blut rann ihre Wange hinab. Sie wischte es ab und plötzlich wurde ihr komisch, denn zum ersten Mal in ihrem Leben schloss sich eine Wunde nicht.

Aber dann sah Navi auf und schrie und für Eliana zählte nur noch das tränenüberströmte Gesicht ihrer Freundin. Navi streckte die Hände aus und Eliana nahm sie in die Arme drückte sie eng an sich.

»Schickt nach Prinzessin Navanas Heilern«, befahl Simon den Wachen.

Eliana legte ihr Kinn auf Navis Kopf und begegnete Simons wütenden blauen Augen. Sie erkannte den Vorwurf in ihnen – und das Mitleid.

»Sprich es nicht aus«, bat sie ihn leise. »Nicht heute Nacht.«

Er neigte seinen Kopf und wandte sich ab, um Wache zu halten, bis die Heiler kamen.

Aber Eliana hörte seine unausgesprochenen Worte so deutlich, als hätte er sie ihr ins Ohr geflüstert: Es besteht keine Hoffnung für sie. Die Navi, die wir kannten, wird es bald nicht mehr geben.

3RIELLE

 

»Sankt Grimvald der Mächtige zähmte als Erster die großen Eisdrachen des hohen Nordens, obwohl er in jener Zeit weder heilig noch mächtig war. Er war ein Träumer, ein Metallmeister, dessen Herz noch nicht vom Krieg verhärtet war. Er bereiste die dunklen Hänge der Villmark, versessen darauf, mit eigenen Augen ein Göttertier zu erblicken, auch wenn die Geschöpfe seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gesehen worden waren. Und es war dieses Staunen, diese Reinheit des Geistes, die ihn zu ihren hoch im Eis verborgenen Nestern führte und ihm das Leben rettete.«

Das Buch der Heiligen

 

Sie befanden sich bereits seit einer knappen Stunde in der Luft, ehe Rielle endlich wieder klar denken konnte.

Hinter ihr rief Audric gegen den Wind: »Wo sind wir?« Er klang verwundert, benommen, als wäre er soeben erst aus tiefem Schlaf erwacht.

Rielle war zu wütend, um ihm zu antworten, und lenkte das Göttertier in ein Wäldchen, das sich auf einer flachen Hügelkette erstreckte. Atheria reagierte sofort auf die kleinsten Bewegungen ihrer Reiterin, und sowie ihre Hufe auf dem Boden auftrafen, rutschte Rielle von ihrem Rücken und ging voller Groll auf Ludivine los.

»Wie kannst du es wagen? Du hast uns zum Verschwinden gezwungen! Ich wollte das nicht, aber du bist ohne meine Erlaubnis in meine Gedanken eingedrungen und hast mich gezwungen.« Rielle beobachtete, wie Audric abstieg. Er wirkte etwas benebelt, trotzdem gelang es ihm, Ludivine seinerseits einen bösen Blick zuzuwerfen. »In Audrics Gedanken warst du auch, stimmt’s? Lu, ich bin so wütend, ich kann dir kaum ins Gesicht sehen.«

Ludivine stieg als Letzte ab. Kaum hatte sie sich von Atheria gelöst, warf die Chavaile den Kopf herum und schnaubte. Sie fletschte die scharfen Zähne und spreizte die breiten schwarzen Flügel, bis sie doppelt so groß wirkten, wie sie waren.

Ludivine strich ihre Röcke glatt und entfernte sich eilig. »Das ist jetzt ein bisschen theatralisch, findest du nicht? Du hättest ja bleiben können, wenn du gewollt hättest. Ich hätte dich zu nichts gezwungen.«

»Vielleicht«, meldete sich Audric mit gepresster Stimme zu Wort, »könntest du, wie wir bereits vereinbart haben, davon absehen, in unsere Gedanken einzudringen, wenn es nicht gerade absolut notwendig ist. Wie zum Beispiel uns rechtzeitig zu warnen, wenn jemand in mörderischer Absicht auf uns losgeht?«

»Theatralik hat manchmal auch etwas für sich«, erwiderte Ludivine ungerührt. »Ich wollte, dass alle Versammelten eine spontane Demonstration deiner Macht zu sehen bekommen.« Sie musterte Rielle. »Von euch beiden gemeinsam. Die Menschen von Celdaria müssen so oft wie möglich an eure Kraft und Freundschaft erinnert werden.«

Audric verzog den Mund und verschränkte die Arme. »Sie müssen daran erinnert werden, dass Rielle der Krone loyal ergeben ist und dass die Krone ihr vertraut.«

Ludivines starre Haltung lockerte sich kaum merklich. »Genau.«

»Eine Botschaft, die zweifellos viel von ihrer Wirkung verloren hat, als wir uns fünf Minuten später davongemacht haben«, fauchte Rielle, »und die Leute von Carduel inmitten der Gefahr ihrem Schicksal überlassen haben.«

»Bedrohlich war die Situation in Carduel nur für dich«, sagte Ludivine und musterte Rielle gelassen. »Es war das erste Mal, dass Corien seit der Feuerprüfung zu dir gesprochen hat. Nicht wahr?«

Rielle spürte Audrics Blick auf sich und ihre Wangen begannen zu glühen. Sie hob das Kinn und fing Ludivines Blick auf, ohne mit der Wimper zu zucken. »Ja. Er war komplett aus meinem Geist verschwunden.«

Was der Wahrheit entsprach – einer Wahrheit, die in Rielles Brust allerdings einen Wust aus widersprüchlichen und verwirrenden Gefühlen hinterließ.

»Und dass er beschlossen hat, heute durch diesen Mann zu dir zu sprechen, ist eine Ankündigung.« Ludivine berührte Rielles Hand. »Er kündigt seine Rückkehr an. Vielleicht nicht für sofort, aber für die nahe Zukunft. Deshalb, nein, ich bereue unsere Flucht nicht. Dich und Corien auf Abstand zu halten, ist eine der wichtigsten Maßnahmen, die ich treffen kann, um dich zu beschützen und alle anderen auch.«

»Auch wenn unsere Flucht ihm den Eindruck vermittelt haben könnte, dass ich Angst vor seiner Rückkehr habe?«, gab Rielle zu bedenken. »Dass ich verletzlich bin und mich leicht von ihm beeindrucken lasse?«

Stimmt das etwa nicht?, fragte Ludivine sanft.

Rielle ging davon, ehe die Wut, die hinter ihren Augen aufwallte, sich auf eine Art manifestierte, die sie bereuen würde.

Sie legte die Hand gegen den Stamm einer Eiche mit zitternden Blättern und blickte über die weite Flusslandschaft vor sich. Das Tal war unbesiedelt und leuchtete in frischem Grün, abgesehen von ein paar dunklen, bewaldeten Flecken, einer einsamen Straße und einem kleinen Dorf am Horizont, das sich ans Ufer des schmalen Flüsschens drängte. In der Ferne ragten die Varisischen Berge, an deren südlichem Ende die Hauptstadt Âme de la Terre lag, streng in den Nachmittagshimmel.

Eine ganze Weile sprach niemand ein Wort.

Schließlich räusperte sich Audric. »Auch wenn ich deine Vorgehensweise nicht gutheiße, Lu, könnte sie sich eventuell doch zu unseren Gunsten auswirken. Ich hatte mich tatsächlich schon gefragt, wie wir uns von den anderen loseisen können, ohne eine entsetzliche Szene zu machen. Und«, fügte er ironisch hinzu, »ohne dass Lu eingreifen muss.«

Er zog ein Blatt aus der Tasche und faltete es auseinander. Rielle wandte sich ihm zu.

»Was ist das?«, fragte sie, ehe es ihr wieder einfiel. »Dein Page ist vorhin gekommen und hat dir eine Nachricht überbracht. Aus dem Norden, hat er gesagt.«

Ludivine, die ein paar Schritte entfernt stand, zuckte zusammen. Ihr Blick umwölkte sich kurz, dann wurde er wieder klar. Sie musterte Audric scharf.

»Ja, aus dem Norden«, bestätigte er, ehe Ludivine etwas sagen konnte. »Eine Nachricht von Prinz Ilmaire aus Borsvall. Er und ich haben seit Prinzessin Runas Tod heimlich korrespondiert. Über ihren Tod natürlich, aber auch über anderes.«

Ludivine betrachtete ihn eingehend. »Ist das klug?«

»Es wundert mich, dass du nicht längst über unseren Austausch informiert bist«, entgegnete Audric mit bitterem Unterton.

Ludivine reckte die Schultern. »Ich habe dir gesagt, dass ich nicht in deinen Gedanken herumwühle, solange es nicht unbedingt nötig ist, und das habe ich auch so gemeint.«

Es tut mir ehrlich leid. Ludivines Stimme drang niedergeschlagen und gedämpft zu Rielle durch. Dich aus Carduel wegzulotsen, war ein Fehler. Es hat mir Angst gemacht, Corien im Gesicht dieses Mannes zu sehen. Verzeih mir.

Rielle fehlte die Geduld für tröstende Worte. »Warum schreibt dir Prinz Ilmaire von seiner toten Schwester?«, fragte sie Audric.

»Wer auch immer unsere Grenzposten angreift, greift auch die von Borsvall an«, erwiderte er. »Ilmaire will das Blutvergießen stoppen und den Ursachen dafür auf den Grund gehen, genau wie ich auch. Obwohl unsere Länder nicht mehr die Verbündeten sind, die sie einst waren, wollen Ilmaire und ich alle beide, dass dies eines Tages wieder möglich sein wird. Deshalb hielt er es für klug, einen Briefwechsel zu beginnen und so den Weg für eine zukünftige Freundschaft zu bahnen.«

Audric holte tief Luft, bevor er weitersprach. »Da ist noch etwas anderes. Seit Wochen toben heftige Stürme an Borsvalls Westküste und sie werden immer schlimmer. Städte und Häfen liegen in Ruinen. Man bringt so viele Bürger wie möglich in der Hauptstadt in Sicherheit, doch auch dort gehen allmählich die Nahrungsmittel zur Neige, nachdem die meisten Handelsschiffe beschädigt sind und die Kaufleute um jeden Preis die Wasser um Borsvall vermeiden wollen.«

Audric hielt inne und sah Rielle an. »In seinem letzten Brief bittet er uns um Hilfe. Er bittet dich um deine Hilfe.«

Ludivine schnaubte skeptisch, doch Rielle ignorierte sie.

»Kann man ihm trauen?«, fragte sie.

»Ich glaube schon. Alles, was ich über seinen Charakter gehört habe, bestätigt sich durch den Inhalt dieser Briefe, seinen Schreibstil und die Ideen, die er vermittelt. Seine Leidenschaft für den Frieden wirkt überzeugend.«

Ludivine schüttelte den Kopf. »Glauben ist das eine, Audric. Angesichts der Geschichte unserer beiden Länder könnten manche das, was du hier tust, als Verrat betrachten.«

»Und ich betrachte es als Diplomatie«, entgegnete er scharf. »Ganz zu schweigen davon, dass es richtig ist, einem Land voller unschuldiger Menschen in Not zu helfen, ob wir nun mit ihren Führern auf freundlichem Fuß stehen oder nicht.«

Rielle schüttelte lächelnd den Kopf und zog dann sein Gesicht an ihres. »Wenn du so etwas sagst«, murmelte sie gegen seinen Mund, »wird dein Gesicht ernst und tiefsinnig und dann kann ich dem Verlangen, dich zu küssen, nicht mehr widerstehen.«

Er packte sie an den Handgelenken und fuhr mit den Lippen über die Stellen, an denen ihr Puls pochte. »Eine willkommene Ablenkung.«

»Audric«, unterbrach ihn Ludivine, »ich verstehe ja, warum du so handeln möchtest, aber ich halte es für unklug. Vielleicht ist Ilmaire uns wirklich freundlich gesinnt, aber das können wir nicht für die Menschen um ihn herum garantieren. Seinen Vater, seine Berater. Und seine Schwester, die das Kommando über die königliche Armee innehat.«

Auf einmal konnte Rielle es nicht mehr ertragen, Ludivine auch nur noch ein Wort in diesem vorsichtigen Tonfall reden zu hören – als wären Audric und sie Kinder, denen man möglichst schonend eine Enttäuschung beibringen musste.

»Wir reisen sofort hin«, sagte sie zu Audric. »Wir helfen dort, wo Not hervor, und wenn das Verrat ist, dann trete ich stolz deiner Mutter und dem Rat gegenüber und nehme meine Bestrafung auf mich.«

Audrics ernste Miene ging in einen so verliebten Blick über, dass Rielle rot anlief. »Und dann bedrohst du jeden, der versucht, die besagte Strafe durchzusetzen, ja?«

Mit leichtem Unmut ergriff sie seine Hand. »Du nimmst mich wohl nicht ernst?«

»Ganz im Gegenteil«, erwiderte er und schlang seine Finger durch ihre. »Ich finde deinen Einsatz großartig.«

Rielle dachte daran, dass sie bald zu Hause wären, ihre Blutung ein Ende hätte und sie Audric eine ganze Nacht lang ununterbrochen für sich haben konnte, und wandte sich mit einem triumphierenden Lächeln an Ludivine. »Also? Kommst du auch mit oder willst du lieber hierbleiben und im Wald schmollen?«

Ludivine sah die beiden finster an. »Tal wird fuchsteufelswild sein, wenn wir zurückkommen.«

»Mit Tal werde ich fertig.«

»Ganz zu schweigen vom Archon.«

»Mit dem werde ich auch fertig.« Rielle stieg auf Audrics gefaltete Hände und weiter auf Atherias Rücken. »Ich werde mit allen fertig.«

Ludivine sprach kein Wort mehr, bis sie alle abermals das riesige Göttertier bestiegen hatten.

»Beim ersten Anzeichen von Ärger«, sagte sie schließlich, »übernehme ich die Kontrolle über euch beide und bringe uns nach Hause.«

Rielle warf ihr einen vernichtenden Blick zu und fauchte: »Wenn du das tust, bist du genauso schlimm wie Corien.«

Ludivines Geist zuckte zurück, als hätte man sie geohrfeigt, doch Rielle wartete ihre Antwort nicht ab. Sie lehnte sich vor und vergrub die Finger in Atherias Mähne.

»Flieg, Atheria«, befahl sie und die Chavaile lief durch die Bäume an den Rand des Hügels, breitete ihre Schwingen aus und erhob sich in die Lüfte. Audric legte die Arme fester um Rielles Taille und küsste sie in den Nacken.

Es tut mir leid, Rielle, erklang Ludivines Flüstern. Ihre Reue schwappte gegen Rielle wie ein Meer der Entschuldigung. Du hast recht. Natürlich werde ich das nicht tun. Ich bin nicht wie er. Ich dachte nur …

Du machst dir Sorgen.

Ludivine nickte unglücklich. Rielle sah sie in aller Klarheit vor ihrem geistigen Auge – das blasse Gesicht, der Mund eine schmale Linie. Ja.

Und dafür liebe ich dich.

Dann stellte Rielle sich vor, dass sie alle zu Hause wären, in Audrics Gemächern auf Baingarde, vor dem Kaminfeuer aneinandergekuschelt, wie sie es jahrelang zu tun pflegten, bevor ihre Welt so fremd und Furcht einflößend geworden war.

Sie schickte das Bild an Ludivine, die nur leise seufzte und mit vor Erleichterung zitternder Stimme flüsterte: Danke.

 

 

Ilmaire hatte vorgeschlagen, dass sie sich in einem Dorf an der Küste trafen, in der Nähe von Borsvalls Hauptstadt Styrdalleen. Atheria landete auf einem von verkrüppelten Bäumen umgebenen, flachen Hügel. Rielle drückte ihr einen Kuss auf die Schnauze und schickte sie in das Dickicht aus verdrehten Ästen. Sie waren zu dem Schluss gekommen, dass der Anblick eines Göttertiers jegliche diplomatischen Bemühungen im Keim ersticken könnte.

Das Dorf lag auf einem ausgewaschenen Landstück, auf dem offensichtlich mehrere Erdrutsche alles verwüstet hatten, was einst Straßen und Weiden gewesen waren. Lediglich ein paar eingefallene Gebäude standen noch. Die Stranddünen waren eingeebnet worden und die Luft war nass und stürmisch.

Auch der Strand selbst strotzte nur so vor Schlamm und Zerstörung: zerbrochenes Geschirr, umgekippte Truhen und von Fäulnis schwarze Kleidungsstücke lagen verstreut zwischen ausgeblichenen Bildern und verwesten Kadavern von Nutzvieh und Vögeln. Die verlassenen Häuser hoch über dem Strand in den Hügeln boten ein weiteres Bild des Jammers.

Rielle lenkte ihre Aufmerksamkeit hinaus aufs Meer. Wie ein schwarzer Teppich lag es vor den Bergen und raste vor Wut. Mit voller Wucht krachten die Wellen gegen die felsige Küste. Weiter oben reckte sich die sicher in den Bergen liegende Hauptstadt stolz und weiß einem Himmel entgegen, an dem sich gelbe Gewitterwolken ballten. Weiße Gischtfontänen, hoch wie Häuser, tosten durch den breiten Hafen, der mit der eigentlichen Stadt durch tiefer gelegene Viertel verbunden war, die bereits komplett zerstört waren. Am Horizont stand dräuend eine Wand aus schwarzen Wolken und versprach noch mehr Wind.