Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Konzentrative Bewegungstherapie (KBT®) ist durch ihre Verbreitung in sechs europäischen Ländern und ihre Mitgliedschaft in EAKBT und EAP eine „europäische Körperpsychotherapie“. Lernen Sie die KBT kennen und lesen Sie über die geschichtliche Entwicklung und die Breite ihrer praktischen Anwendung sowie über den Stand der empirischen Forschung. Die theoretischen Artikel positionieren die Methode in Bezug auf Ausbreitung, Ausbildungsmodalitäten und Evaluation. In den praxisnahen Artikeln mit anschaulichen Fallbeispielen wird die „handfeste“ therapeutische Arbeit mit der Konzentrativen Bewegungtherapie deutlich nachvollziehbar.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Anke Hamacher-Erbguth
Der Körper gewinnt in den Konzepten von Psychotherapie zunehmend an Bedeutung. Körperorientierte Psychotherapiemethoden wurden auf dem Boden der Psychoanalyse, der Verhaltenstherapie und der systemischen Theorie entwickelt.
Die Konzentrative Bewegungstherapie (KBT®) ist ein bereits seit 1958 bewährtes körperorientiertes Psychotherapieverfahren für Gruppen- und Einzeltherapie auf der Basis entwicklungspsychologischer und tiefenpsychologischer Konzepte.
In sechs europäischen Ländern gibt es KBT-Verbände, die Mitglied im Europäischen Arbeitskreis für Konzentrative Bewegungstherapie (EAKBT) sind. Der EAKBT ist Mitglied in der European Association for Psychotherapy (EAP) und hat dort den EWAO-Status als European Wide Accrediting Organisation.
Die Konzentrative Bewegungstherapie hat vor allem in der stationären Psychosomatik einen festen Platz im Behandlungsangebot der Krankenversorgung in Deutschland und Österreich.
Das vorliegende Heft unternimmt den Versuch, die Methode sowohl in ihrer geschichtlichen Entwicklung als auch in der Breite ihrer praktischen Anwendung in Deutschland, Österreich und der Slowakei darzustellen.
Ein Überblick über die empirische Forschung zur Konzentrativen Bewegungstherapie rundet die Darstellung ab.
Anemone Carl zeichnet den Weg der Konzentrativen Bewegungstherapie von den Wurzeln in der Gymnastikbewegung der frühen 1930er Jahre in Deutschland bis heute auf.
Die politischen Veränderungen in Osteuropa ermöglichten und erforderten Pionierarbeit in der Einführung neuer, als „emanzipatorisch“ erlebter Psychotherapieverfahren. Engagierte Lehrtherapeutinnen für Konzentrative Bewegungstherapie aus Österreich und Deutschland trugen die KBT in die Slowakei und etablierten das Verfahren dort in Ausbildung
Heide Häcker beschreibt dieses Unternehmen aus ihrer persönlichen Perspektive.
Die KBT® gehört in 110 psychosomatischen Kliniken in Deutschland zum stationären Behandlungsangebot, so auch im Klinikum Nürnberg.
Dort wurde ein Konzept zur Behandlung des Burnout-Syndroms entwickelt.
Jürgen Schultheiss begründet die Rolle der Konzentrativen Bewegungstherapie im Behandlungsangebot der Station und lässt die Arbeitsweise der KBT in ausführlich geschilderten praktischen Beispielen aus der KBT-Gruppe deutlich werden.
Auch in Österreich hat die Konzentrative Bewegungstherapie ihre Rolle in der stationären Psychotherapie.
Helga Hofinger fokussiert in ihrem Beitrag auf Aspekte der Internalisierung und Externalisierung in der KBT-Behandlung mit einer Patientin der Universitätsklinik Wien.
Der Beitrag von Anton Szugfil über die stationäre rehabilitative Arbeit mit Tinnitus-Patienten aus der Perspektive der Konzentrativen Bewegungstherapie beschäftigt sich erneut mit der KBT als Gruppentherapie.
Deutlich wird in seiner Darstellung die methodisch essentielle Verknüpfung der Erfahrungs- und Wahrnehmungsangebote der praktischen Arbeit mit der verbalen Bearbeitung des Erlebten.
Im klinisch-stationären Setting erleben die meisten Patienten die KBT in der Gruppe, was nicht bedeutet, dass die Methode in der Einzelbehandlung weniger wirksam ist.
Dies wird deutlich an den Ausführungen von Ulrike Schmitz zur ambulanten KBT-Einzelbehandlung eines Patienten mit einer Angst- bzw. Somatisierungsstörung. Bedeutsam erscheint hier insbesondere die Berücksichtigung der körperlichen Gegenübertragung in der therapeutischen Beziehung als Diagnostikum und Ausgangspunkt für therapeutische Interventionen. Die praktische Arbeit wird erlebnisnah geschildert und mit dem Transfer in die Lebenswirklichkeit des Patienten verdeutlicht.
Der Deutsche Arbeitskreis für Konzentrative Bewegungstherapie (DAKBT e.V.) wurde 1975 gegründet, der Österreichische Arbeitskreis für Konzentrative Bewegungstherapie (ÖAKBT e.V.) folgte 1980. Die Vereinsgründungen bildeten die Basis für die Organisation der Vermittlung und Lehre der Konzentrativen Bewegungstherapie.
Christine Breitenborn fasst in ihrem Beitrag die Entwicklung des DAKBT, die KBT-Weiterbildung mit dem Zertifikatsabschluss und die Situation der KBT in der Praxis zusammen.
In Österreich ist es seit 2010 möglich, Konzentrative Bewegungstherapie im Bachelor/Masterstudiengang zu studieren. Außerdem ist die KBT in Österreich seit 2001 als wissenschaftlich eigenständiges Verfahren anerkannt. Elisabeth Oedl-Kletter beschreibt diese Entwicklung.
Wie somatische Therapien muss sich auch die Psychotherapie der wissenschaftlichen Evaluation stellen. Die Arbeitsgruppe Forschung des DAKBT e.V. ist seit 15 Jahren tätig.
Klaus-Peter Seidler beschreibt in seinem Artikel die Forschungsergebnisse zur Praxis, Identität, Wirksamkeit und Indikation sowie zu den Wirkfaktoren der Konzentrativen Bewegungstherapie.
Es ist zu hoffen, dass die Auswahl der unterschiedlichen Beiträge dazu geeignet ist, dem Leser ein umfassendes Bild der Konzentrativen Bewegungstherapie zu vermitteln und ihre Rolle innerhalb der körperorientierten Psychotherapien zu charakterisieren. Weitere Informationen zur Methode stehen unter www.dakbt.de zur Verfügung.
Korrespondenzadresse
Dr. med. Dipl.-Psych. A. Hamacher-Erbguth
Vorstand Deutscher Arbeitskreis für Konzentrative Bewegungstherapie (DAKBT) e.V.
Geschäftsstelle: Postfach 910108, 90259 Nürnberg
Kontakt: [email protected]
Anemone Carl
Z
USAMMENFASSUNG
Es wird die Entwicklung der Konzentrativen Bewegungstherapie von ihren Anfängen als „Gindler-Arbeit“ bis zum heutigen Stand als weithin anerkannte Körperpsychotherapie beschrieben. Dabei geht es sowohl um die allmählich voranschreitende theoretische Fundierung als auch um die Verbreitung der KBT im klinischen Bereich wie auch über die Landesgrenzen hinweg ins europäische Ausland.
Schlüsselwörter: Gindler – Stolze – Theoriebildung – Gestaltkreis – Psychosomatik – Vereinsgründung – Forschung
Um die Konzentrative Bewegungstherapie zu beschreiben, wird oftmals der Begriff des „Weges“ oder des „Auf-dem-Weg-Seins“ verwendet. Damit soll angedeutet werden, dass im Mittelpunkt dieser Methode die Bewegung steht, und zwar im doppelten Wortsinn: als körperlicher Vorgang ebenso wie ein Prozess der Entwicklung auf ein jeweils ganz persönliches Ziel hin. Und wenn Prof. Stolze, einer der Wegbereiter der KBT im heutigen Verständnis, am Ende seines persönlichen Lebensweges von dem Wunsch sprach, die KBT möge immer „auf dem Weg bleiben“, so unterstreicht auch dies die Bedeutung dieses Begriffs für die KBT. Somit erscheint es nun auch folgerichtig, die Entwicklungsgeschichte der Methode als eine Art Weg darzustellen, dessen Stationen im Folgenden geschildert werden sollen.
mit der Berliner Gymnastiklehrerin Elsa Gindler. Sie wurde 1885 in Berlin geboren und starb dort 1961. Ihren Wunsch, Ärztin zu werden, konnten ihre Eltern ihr aus wirtschaftlichen Gründen nicht erfüllen, sie blieb jedoch interessiert an allen Themen, die den Körper betrafen, was sie schließlich in Kontakt mit der Gymnastikarbeit Hedwig Kallmeyers brachte. Diese auf „harmonische und schöne Bewegung“ ausgerichtete Ausbildung entsprach jedoch schon bald nicht mehr Gindlers eigenen Vorstellungen, denn sie erkannte, „dass die Bewegungs-, Denk und Ausdruckshemmungen des modernen Menschen nicht durch Körperübungen allein zu beheben seien und wir nur aus einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen dahingeführt werden können, uns unmittelbar mit der Wirklichkeit auseinandersetzen zu können“ (v. ARPS-AUBERT, 2010). 1926 sprach Gindler in einem Vortrag davon, dass ihre Arbeit „nicht in der Erlernung bestimmter Bewegungen bestehe, sondern in der Erreichung von Konzentration“. Neben der Konzentration war ihr aber auch die Förderung der Wahrnehmungsfähigkeit für den eigenen Körper wichtig. Damit entwickelte sie ein völlig neues Verständnis von Körperarbeit, in der es vorrangig darum ging, sich selbst genauer wahrnehmen zu lernen und nicht vorgegebenen Übungen zu folgen. Hieraus entstand der später oftmals verwendete Begriff des „Übens ohne Übungen“. Voraussetzung für ihre Arbeit war für sie vor allem „Erfahrungsbereitschaft“, die sie immer wieder von ihren Schülerinnen einforderte. Im Gegensatz zum heutigen Vorgehen in der KBT war Gindler jedoch eine Versprachlichung der Erfahrungen nicht wichtig und fand in ihren Kursen auch kaum statt. Vermutlich vertraute sie einfach auf die Wirkung dieser Form der Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und verstand ihre Arbeit auch bis zuletzt nicht als Psychotherapie.
Der kaum stattfindenden sprachlichen Bearbeitung der Körpererfahrungen entspricht es auch, dass Elsa Gindler es vermied, ihrer Arbeit einen eigenen Namen zu geben oder sie gar in einen größeren theoretischen Rahmen einzuordnen. Und selbst ihre zahlreichen Schülerinnen wie Charlotte Selvers, Elfriede Hengstenberg, Gertrud Heller u.a. sprachen stets von „Gindler-Arbeit“.
Elsa Gindlers Arbeit verbreitete sich zunächst nur innerhalb relativ enger Grenzen, doch ihre Schülerin Gertrud Heller begann nach dem 2. Weltkrieg in einer psychiatrischen Klinik in Schottland, in Zusammenarbeit mit dem während der NS-Zeit emigrierten Psychiater Mayer-Gross, Gindler-Arbeit bei Patienten einzusetzen und schließlich auch in Deutschland Kurse anzubieten. Ein Teilnehmer an einem dieser Kurse war Prof. Helmut Stolze, Neurologe und Psychiater, der sich 1952 als Psychotherapeut in München niedergelassen hatte. Stolze war fasziniert und versuchte schon bald selbst, diese Arbeit einzusetzen. Für ihn als Psychotherapeut war es jedoch selbstverständlich, die über Körpererfahrungen ausgelösten Gefühle und Assoziationen sprachlich aufzugreifen und damit die Methode zu ergänzen.
1958 stellte er sie schließlich erstmals in einem Vortrag bei der Lindauer Psychotherapiewoche als „Konzentrative Bewegungstherapie“ vor (STOLZE, 1984a). Zwar sprach er dort noch von einer vorläufigen Bezeichnung, doch es blieb dabei, allen späteren Änderungswünschen zum Trotz. Die Vorstellung der KBT in Lindau hatte nun eine deutliche Verbreitung zur Folge. Es herrschte große Nachfrage nach diesen Kursen, die als Selbsterfahrungsgruppen von unterschiedlichen Kursleitern und -leiterinnen angeboten wurden, zumal in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts Gruppenarbeit im Bereich Psychotherapie ohnehin sehr verbreitet war. Eine dieser Kursleiterinnen war die Israelin Miriam Goldberg. Sie hatte in Israel bei Lotte Kristeller, einer Gindlerschülerin, diese Methode kennengelernt. Ihre kreative und intuitive Arbeitsweise, die sie bei den Lindauer Psychotherapiewochen bald sehr bekannt machte, war allerdings nichts, was man „irgendwie lernen“ konnte, doch gerade um die Frage der Lehr- und Lernbarkeit wurde in kleineren Gesprächsrunden zunehmend diskutiert. Die Frage war, ob es für die KBT nicht wichtig wäre, ein theoretisches Fundament zu schaffen, mit dem erklärbar und verstehbar würde, was hier Neues entstanden war.
Daneben gab es jedoch auch viele, die einem theoretischen Erklärungsansatz gegenüber skeptisch waren aus Sorge, damit der KBT ihre Kreativität und Flexibilität zu nehmen.
Den ersten und wahrscheinlich entscheidenden Schritt verdankt die KBT wiederum Prof. Stolze, der sich intensiv mit der Frage nach einer theoretischen Fundierung beschäftigte und schließlich im Gestaltkreis Viktor v. Weizäckers eine Möglichkeit fand, durch die Erweiterung dieses Modells das methodische Vorgehen in der KBT zu erklären. So konnte er zeigen, wie die beiden Gestaltkreise „Bewegen und Wahrnehmen“ (in der KBT das nonverbale Erfahrungsangebot) und „Denken und Sprechen“ (in der KBT die verbale Bearbeitung) miteinander verbunden sind durch den übergeordneten Begriff des „Begreifens“. Diese Verbindung der beiden Regelkreise verweist auf den engen Zusammenhang zwischen körperlich Erlebtem und Reflexion dieser Erfahrung (STOLZE, 1984b).
Einen etwas anderen Aspekt bei der Suche nach einem theoretischen Modell für die KBT verfolgte Hans Becker in seinem 1997 erschienenen Buch über einen „Integrationsversuch von Körperlichkeit und Handeln in den psychoanalytischen Prozeß“. Becker gründete darin als Erster die KBT konsequent auf die Entwicklungspsychologie, sowohl von Erik Erikson wie auch von Margret Mahler. In einer anschaulichen Tabelle beschrieb er, welche Erfahrungsmöglichkeiten die KBT für die einzelnen Entwicklungsphasen bei Erikson und Mahler bereitstellt. Während die Säuglingsforschung die Theorie von Mahler später teilweise revidierte, gilt Eriksons Modell bis heute für die KBT als ein gut brauchbares System. Die Bezugnahme auf entwicklungspsychologische Theorien erwies sich – ebenso wie der erweitere Gestaltkreis – als ein sehr tragfähiges theoretisches Fundament. Hierzu zählt auch das entwicklungstheoretische Konzept Jean Piagets wie die psychoanalytische Phasenlehre nach Freud.
In den 1980er Jahren revolutionierte die moderne Säuglingsforschung die Entwicklungspsychologie. Damit einher ging auch eine weitere theoretische Untermauerung der KBT. Wenn nämlich in der neuen Sichtweise der Säugling als „kompetentes“ und zum aktiven Dialog mit der Umwelt befähigtes Wesen gilt, so gewinnen die Erfahrungsmöglichkeiten im Rahmen der Konzentrativen Bewegungstherapie große Bedeutung. Gerade weil die Körpersprache der Bewegungen, Gesten und Gesichtsausdrücke die Sprache ist, die der Säugling versteht und auf die er reagiert, besteht die Möglichkeit, den Erwachsenen im Rahmen nonverbaler Kommunikation und Interaktion auch auf einer sehr frühen Ebene zu erreichen, auf der seine Mangelerfahrungen und Traumatisierungen stattgefunden haben mögen.
Objektbeziehungstheorien gewannen zunehmend Beachtung bei den mit der KBT arbeitenden Therapeutinnen und Therapeuten, insbesondere Winnicott und Kernberg. Später wuchs dann auch das Interesse an den Ergebnissen der Hirnforschung, die insbesondere im Zusammenhang mit der Entdeckung der Spiegelneuronen wichtige Erklärungen für die Wirksamkeit der KBT liefern konnten (BAUER, 2006).
Wie oben schon erwähnt, gab es in den 1970er Jahren durchaus unterschiedliche Meinungen bei der Frage nach der Institutionalisierung der KBT. Doch schließlich setzte sich die Erkenntnis durch, dass ohne einen solchen Schritt die Lehr- und Lernbarkeit der Methode und letztlich ihre wissenschaftliche Anerkennung nicht möglich sein würde. Die Reutlinger Psychotherapeutin Dr. Ursula Kost war hier die treibende Kraft zur Gründung des Deutschen Arbeitskreises für Konzentrative Bewegungstherapie (DAKBT) 1975. Damit war der Weg frei für die Erarbeitung von Weiterbildungsrichtlinien und einem geordneten Curriculum. Wesentliche Beiträge zu diesem Schritt lieferten Christine Gräff mit ihrem 1983 erstmals erschienen Buch „Konzentrative Bewegungstherapie in der Praxis“ und viele andere, die sich bei dem Aufbau des Vereins engagierten (siehe hierzu den Beitrag „Die Fort- und Weiterbildung im Deutschen Arbeitskreis für Konzentrative Bewegungstherapie [DAKBT] von Christine Breitenborn).
Bedingt durch die räumliche Nähe zu München, wo durch Prof. Stolze, Christine Gräff, Renate Schwarze u.a. eine hohe Dichte an Lehrtherapeutinnen bestand, entstand in Österreich schon bald ein wachsender Kreis an Interessenten, angeführt von Sylvia Cserny, die 1980 für die Gründung des österreichischen Schwestervereins ÖAKBT sorgte. Ihr ist es auch zu verdanken, dass mit ihrer Dissertation „Das Leib-Seele-Problem“ (CSERNY, 1989) und später mit ihrem gemeinsam mit Christa Paluselli verfassten Buch „Der Körper ist der Ort des psychischen Geschehens“ (CSERNY & PALUSELLI, 2006) wichtige Schritte bei der Theoriebildung für die KBT getan wurden. Wie erfolgreich dieser Verein im Dienste der KBT war, zeigt die 2001 erfolgte Anerkennung durch das Bundesministerium für Gesundheit als wissenschaftlich eigenständiges Verfahren. Damit war in Österreich der in Deutschland bisher noch nicht erreichte Schritt geschafft, die KBT auch als Kassenleistung zu etablieren.
Auch in anderen Ländern fasste die KBT Fuß, so z.B. in der Schweiz mit der Gründung des CHKBT, in der Slowakei, wo 2001 der SSKPT gegründet wurde sowie 2001 durch den Europäischen Arbeitskreis für KBT (EAKBT). Darin vertreten sind Belgien, Deutschland, Österreich, Italien, die Schweiz und die Slowakei (zur Weiterbildung in Österreich und zur Einführung der KBT in die Slowakei siehe auch die Artikel von Dr. Elisabeth Oedl-Kletter und Heide Häcker).
Kannte man die KBT zunächst vor allem als wirksame Selbsterfahrungsmethode, so sahen einige schon bald ihre Bedeutung in der Psychosomatik. Vor allem die Universitätskliniken Freiburg und Heidelberg waren hier die Pioniere. In Freiburg fand sich unter der Leitung des damaligen Oberarztes Dr. S.O. Hoffmann eine Gruppe von Therapeuten, die sich für das Zusammenwirken von KBT und Analytischer Gruppentherapie in der Psychosomatik interessierten und hierzu eine der ersten Studien zu diesem Thema veröffentlichten (CARL, FISCHER-ANTZE, GAEDTKE, HOFFMANN & WENDLER, 1982). Ebenfalls in Freiburg entwickelte der damalige Oberarzt Dr. Thomas Herzoggemeinsam mit der Autorin und anderen Therapeuten ein Behandlungskonzept für Anorexia nervosa, das später auch auf Bulimie und Adipositas ausgeweitet wurde (CARL & HERZOG, 1996).
Schon bald gehörte die KBT in zahlreichen psychosomatischen Kliniken zum selbstverständlichen Therapieangebot. Denn gerade bei psychosomatischen Störungen erwies sich die KBT als äußerst wirksam, was auch bei Patientenbefragungen, z.B. in Heidelberg, immer wieder seine Bestätigung fand.
In der Psychiatrie dauerte es etwas länger, bis auch hier die KBT Einzug halten konnte. Da sich die KBT jedoch entsprechend dem Strukturniveau des Patienten unterschiedlich methodisch einsetzen lässt, entstanden auch hier erfolgreiche Behandlungsansätze (HEUER & KRIETSCH, 1997; BAYERL, 2002). Weitere Indikationsbereiche kamen im Lauf der Jahre hinzu, wie z.B. Schmerzbehandlungen, Depression (GRÄFF, 2005) oder Trauma (SCHMITZ, 2004).
Mit dem zunehmenden Einsatz der KBT im klinischen Bereich bei immer mehr Störungsbildern erwies es sich auch als notwendig, die KBT als Einzelbehandlung zu entwickeln. Während Patienten mit einem reiferen Strukturniveau von den vielfachen Erfahrungsmöglichkeiten in einer Gruppe und der sich dabei entwickelnden Gruppendynamik profitieren konnten, war dies für früh gestörte Patienten meist nicht möglich. Für sie eignete sich die KBT aber durchaus im Rahmen einer Einzelbehandlung, in der die Angebote zur Körpererfahrung den individuellen Möglichkeiten und Grenzen angepasst werden konnten.
Die Arbeit mit KBT blieb nicht auf den klinischen Bereich beschränkt. Immer häufiger fand sie auch Anwendung im ambulanten Bereich, z.B. in physiotherapeutischen oder ergotherapeutischen Praxen, und zwar sowohl als Gruppen wie auch als Einzeltherapie.
Im Kreis des DAKBT fanden sich Therapeuten mit wissenschaftlichem Interesse wie Dr. Karin Schreiber-Willnow (2000) und Prof. Klaus-Peter Seidler (1995), die daran interessiert waren, Psychotherapieforschung für die KBT im Verein zu verankern. 1999 wurde die Arbeitsgruppe Forschung eingesetzt, die seither zahlreiche Untersuchungen durchgeführt hat. Auf einer jährlich stattfindenden Tagung werden Forschungsfragen diskutiert und Ergebnisse von Untersuchungen zur Wirksamkeit von KBT in Gruppen und Einzelbehandlungen vorgestellt (siehe hierzu auch den Beitrag von Klaus-Peter Seidler).
Natürlich endet der beschriebene Weg der KBT bis heute hier nicht. Das würde auch dem Wesen der Methode nicht entsprechen, in der es ja stets um Beweglichkeit und Entwicklung geht, die aber ihren Platz als weithin anerkanntes körperpsychotherapeutisches Verfahren gefunden hat. Von diesem Standort aus scheint derzeit vieles möglich, und es wird interessant sein, gestaltend und begleitend dabei zu sein. Das ungebrochene Interesse an der KBT-Weiterbildung zeigt dies und wird dafür sorgen, dass die Konzentrative Bewegungstherapie auch in Zukunft ein Markenzeichen bleibt.
v. Arps-Aubert, E. (2010). Das Arbeitskonzept von Elsa Gindler. Hamburg: Dr. Kovac.
Bayerl, B. (2002). Konzentrative Bewegungstherapie bei der Behandlung schizophrener Ich-Störungen.
Berlin: Selbstverlag. Bauer, J. (2006). Warum ich fühle, was du fühlst. München: Heyne.
Becker, H. (1997). Konzentrative Bewegungstherapie. Integrationsversuch von Körperlichkeit und Handeln in den psychoanalytischen
Prozess. Gießen: Psychosozialverlag. Carl, A., Fischer-Antze, J., Gaedtke, H., Hoffmann, S.O. & Wendler, W. (1982). Vergleichende Darstellung gruppendynamischer Prozesse bei Konzentrativer Bewegungstherapie und Analytischer Gruppentherapie.
Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik, 21 (1), 52-72.
Carl, A. & Herzog. T. (1996). Konzentrative Bewegungstherapie. In W. Herzog, D. Munz & H. Kächele (Hrsg.), Analytische Psychotherapie bei Essstörungen. Stuttgart: Schattauer.
Cserny, S. (1989). Das Leib-Seele-Problem. Salzburg: Selbstverlag.
Cserny, S. & Paluselli, C. (2006). Der Körper ist der Ort des psychischen Geschehens. Würzburg: Königshausen & Neumann.
Gräff, C. (2008). Konzentrative Bewegungstherapie in der Praxis. Stuttgart: Klett-Cotta.
Gräff, C. (2005). Aus dem Tunnel der Depression. Gießen: Psychosozialverlag.
Heuer, B. & Krietsch S. (1997). Schritte zur Ganzheit – Bewegungstherapie mit schizophrenen Kranken. Stuttgart: Fischer.
Schmitz, U. (2004). Konzentrative Bewegungstherapie (KBT) zur Traumabewältigung Ein handlungsorientierter Ansatz. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Seidler, K.-P. (1995). Das Gruppenerleben in der Konzentrativen Bewegungstherapie. Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Schreiber-Willnow, K. (2000). Körper-, Selbst- und Gruppenerleben in der stationären Konzentrativen Bewegungstherapie. Gießen: Psychosozialverlag.
Stolze, H. (1984a). Psychotherapeutische Aspekte einer Konzentrativen Bewegungstherapie. In H. Stolze (Hrsg.), KBT. Die Konzentrative Bewegungstherapie. Berlin: Springer.
Stolze, H. (1984b). Selbsterfahrung und Bewegung. In H. Stolze (Hrsg.), KBT. Die Konzentrative Bewegungstherapie. Berlin: Springer.
Korrespondenzadresse
Dipl. Päd. Anemone Carl
Lehrtherapeutin und Supervisorin im DAKBT
Johann-Mohr-Weg 5, 22763 Hamburg, Tel. +49 +40-81952957
[email protected], www.kbt-carl.de
Heide Häcker
Z
USAMMENFASSUNG
Aus einfachen Anfängen mit viel Improvisation, vor allem aber mit viel Herzblut und Engagement auf allen Seiten sowie großer Spendenbereitschaft, ist in der Slowakei ein eigener, arbeitsfähiger Arbeitskreis für KBT entstanden sowie eine solide Arbeit angebunden an die psychotherapeutische Vereinigung der Slowakei. Die KBT in der Slowakei genießt hohe Anerkennung und hohes Ansehen sowie staatliche Anerkennung. Seit den Anfängen vor 17 Jahren setzt der SSKPT seine Arbeit autonomer, jedoch noch unterstützt von den österreichischen und deutschen Lehrtherapeuten fort. Der Glaube aller Beteiligten an die Wirksamkeit der KBT half sprachliche und andere Grenzen zu überwinden. Ich wünsche dem slowakischen Verein für KBT weiter gutes Wachsen was Autonomie betrifft, in der die freundschaftlichen Beziehungen weiter lebendig gedeihen.
Schlüsselwörter: Pionierarbeit – Engagement – Gastdozenten – Spenden – Übersetzungsarbeit
Als im November 1989 der Eiserne Vorhang fiel, war das Klima in der damaligen Tschechoslowakei kommunistischer Herrschaft gekennzeichnet durch Misstrauen und Verdächtigungen, auch gegenüber der Psychotherapie. Der Suche nach der Wahrheit im psychotherapeutischen Geschehen standen die damaligen Machthaber eher feindlich gegenüber. Es gab eine offizielle Meinung, wie Medizin und Psychotherapie zu verstehen seien.
So entstand immer mehr das Bedürfnis nach ehrlicher Einsicht in menschliche Zusammenhänge, besonders auch bei Psychotherapeuten, und es wurde vor allem in tschechischer Sprache einiges an sog. Schwarzer Literatur verfasst. Auch das Buch von Christine Gräff, „Die Konzentrative Bewegungstherapie“, erschien in dieser Zeit in tschechischer Sprache, die von den Slowaken verstanden wird.
Als dann der Eiserne Vorhang gefallen war, setzte eine große Begeisterung für die Weiterbildung in psychotherapeutischen Methoden ein: tiefenpsychologisch und psychodynamisch.
Schon im Jahr 1980 hatte der slowakische Psychiater Dr. Josef Hasto die Lindauer Psychotherapiewochen in Deutschland besucht. Seine Erfahrung mit der KBT bei Dr. Helmut Stolze (Begründer der KBT) und Dr. Ursula Kost (Gründerin des DAKBT – Deutscher Arbeitskreis für Konzentrative Bewegungstherapie) weckte in ihm den Wunsch, diese Methode in die Slowakei zu bringen. Als es nach 1989 endlich infolge der politischen Veränderungen möglich war, lud er Lehrtherapeuten aus Deutschland und Österreich in die Slowakei ein. So entstand im Dezember 1996 die erste Weiterbildungsgruppe in der Slowakei, geleitet von österreichischen Lehrtherapeuten: Dr. Veronika Pokorny und DSA Markus Hochgerner, beide wohnhaft in Wien und damit eine Autostunde von Bratislava, der Hauptstadt der Slowakei, entfernt.
