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Karin Bucha ist eine der erfolgreichsten Volksschriftstellerinnen und hat sich mit ihren ergreifenden Schicksalsromanen in die Herzen von Millionen LeserInnen geschrieben. Dabei stand für diese großartige Schriftstellerin die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach Fürsorge, Kinderglück und Mutterliebe stets im Mittelpunkt. Karin Bucha Classic ist eine spannende, einfühlsame geschilderte Liebesromanserie, die in dieser Art ihresgleichen sucht. »Es ist unerhört!« eiferte sich ein kleiner dicker Mann. »Diebstahl an Bord!« Die Passagiere des Luxusdampfers standen in Gruppen zusammen und besprachen das unerhörte Vorkommnis. Ein Diebstahl – um Himmels willen! Es waren durchweg vornehme, zumindest begüterte und elegant gekleidete Menschen – und weit entfernt davon, die eigene Person mit dem überaus peinlichen Zwischenfall in Verbindung zu bringen. Ihre Wohlhabenheit umgab sie wie eine Schutzmauer gegen jeden Verdacht. Immer erregter wurden ihre Reden, tolle Vermutungen tauchten auf. Manche wußten plötzlich Einzelheiten – woher? Wie hieß die Täterin: Ilona Waagen? Das kleine hübsche Mädel? Nein, so was! Stenotypistin war sie? Kaum glaublich! Wie kam eine einfache Stenotypistin auf diesen Luxusdampfer? »Ich habe es gleich gesagt!« behauptete die reichlich angejahrte Gattin des dicken Mannes, der eben gesprochen hatte. »Die Person ist mir gleich verdächtig vorgekommen! Ich…« Sie stockte plötzlich.
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2021
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»Es ist unerhört!« eiferte sich ein kleiner dicker Mann. »Diebstahl an Bord!«
Die Passagiere des Luxusdampfers standen in Gruppen zusammen und besprachen das unerhörte Vorkommnis.
Ein Diebstahl – um Himmels willen! Es waren durchweg vornehme, zumindest begüterte und elegant gekleidete Menschen – und weit entfernt davon, die eigene Person mit dem überaus peinlichen Zwischenfall in Verbindung zu bringen. Ihre Wohlhabenheit umgab sie wie eine Schutzmauer gegen jeden Verdacht.
Immer erregter wurden ihre Reden, tolle Vermutungen tauchten auf. Manche wußten plötzlich Einzelheiten – woher?
Wie hieß die Täterin: Ilona Waagen? Das kleine hübsche Mädel? Nein, so was! Stenotypistin war sie? Kaum glaublich! Wie kam eine einfache Stenotypistin auf diesen Luxusdampfer?
»Ich habe es gleich gesagt!« behauptete die reichlich angejahrte Gattin des dicken Mannes, der eben gesprochen hatte. »Die Person ist mir gleich verdächtig vorgekommen! Ich…«
Sie stockte plötzlich. Auch die anderen brachen ihre Gespräche ab.
Am Ende des Ganges war eine zierliche Mädchengestalt aufgetaucht.
Freundlich grüßend schritt sie durch die Gasse, die sich gebildet hatte.
Ilona Waagen sah nicht die verlegenen und auch feindseligen Gesichter. Mit kleinen festen Schritten näherte sie sich der Kapitänskajüte.
»Guten Morgen!« grüßte sie freundlich die vier Menschen, die nahe an der Tür standen und sich nach flüchtigem Gegengruß abwandten.
Ilona stutzte verwundert. Was hatten die Leute? Ach was, sie hatte sich geirrt, der kühle Gruß war ihr wohl nur so erschienen.
Ilona drückte die Türklinke zur Kajüte des Kapitäns herunter
Was mochte Kapitän Peters von ihr wollen? Er hatte sie rufen lassen.
»Guten Morgen!«
Erstaunt blickte sie auf drei Männer, die ein eifriges Gespräch unvermittelt abbrachen.
Sie hatten von ihr gesprochen, fühlte Ilona.
Etwas beklommen stand sie auf der Schwelle. Ein Sonnenstrahl der sich durch das kleine Bullauge in die Kabine verirrte, verfing sich in ihrem üppigen dunklen Haar und ließ goldene Lichter darauf tanzen. Viel zu schwer die dunkle Pracht für den schmalen Kopf, der so stolz und frei auf dem schlanken Hals saß.
Irgendwie hatte ihr Anblick den Männern die Sprache verschlagen, wie ein Bann lag es auf ihnen.
Ilona fühlte plötzlich ihr Herz in wildem Schlag bis in die Kehle klopfen.
Was wollten die Männer von ihr? Warum hatte man sie hergerufen?
Ihre Augen wanderten reihum. Da war Kapitän Peters. Er blickte vor sich nieder, als ihr Blick ihn traf.
Da war weiter Dr. Volkmar, ein Passagier der ersten Klasse. Sein Gesicht schien strenger als sonst.
Und dann war da noch ein spindeldürres Männchen, das den lieben langen Tag immer auf den Beinen war. Ilona hatte sich erzählen lassen, daß es der Schiffsdetektiv sei.
Ein Schreck durchzuckte sie zum Herzen.
Was hatte er hier zu suchen? Galt das ihr?
Sie mußte lächeln bei dem Gedanken, und fand ihre Sicherheit zurück.
»Sie haben mich rufen lassen?« wandte sie sich an den Kapitän.
Peters gab nicht sofort Antwort, sondern brummte nur etwas vor sich hin.
Dr. Volkmar, der in einem der schweren Polsterstühle gesessen hatte, stand umständlich auf.
Es war Unsinn, überlegte er, dieses Mädchen mit einem Diebstahl in Verbindung zu bringen.
Es war ihm förmlich peinlich, der Vernehmung beiwohnen zu müssen. Er war überzeugt, daß sie mit einer Niederlage des Detektivs enden würde.
Ilona fühlte wieder die beklemmende Angst. Sie stand jetzt schon über eine Minute im Zimmer, und keiner sprach.
Wozu hatte man sie hergerufen?
Auch Kapitän Peters fand, daß man in eine ganz verrückte Lage geraten war.
Er setzte zum Sprechen an.
Aber der Schiffsdetektiv kam ihm zuvor. Sehr scharf klang seine Stimme, als er Ilona aufforderte, Platz zu nehmen.
Das Mädchen rührte sich nicht, die Glieder waren ihm wie gelähmt. Peters drückte sie rücksichtsvoll in einen Sessel.
»Es wird Ihnen nicht unbekannt sein«, begann der Detektiv, »daß sich ein bedauerlicher – ehem – Zwischenfall auf diesem Schiff ereignet hat –«
»Ich verstehe nicht – was habe ich damit zu tun?«
Der kleine Mann blickte sie mit einem feindseligen Blick an, der ihr glühende Röte ins Gesicht jagte.
Dann richtete er sich straff auf. Die Verwirrung des Mädchens bestärkte ihn in seinem Verdacht.
»Sollte Ihnen der Diebstahl, der gestern begangen wurde, wirklich unbekannt sein –?« fragte er gedehnt.
»Diebstahl –?« fragte Ilona. Sie verstand nicht sofort.
Aber dann flackerte plötzlich die Angst in ihren großen Augen auf.
Sie hatte begriffen, daß man sie irgendwie mit einem gemeinen Diebstahl in Verbindung bringen wollte.
»Was wollen Sie von mir?«
Sie schrie mehr als sie sprach.
»So reden Sie doch endlich! Was wollen Sie von mir?« Sie zitterte am ganzen Leib vor Erregung.
»Was wollen Sie von mir –? Bitte sagen Sie, was ich hier soll?«
Ihre Stimme war jetzt ganz tonlos, das Herz zuckte in wahnsinniger Angst mit jedem Schlag bis in die Kehle.
Der kleine Detektiv zögerte mit der Antwort. Er verschleppte das Verhör absichtlich. Er hatte seine Methode für solche Vernehmungen. Die Verschleppung zerrte an den Nerven der Vernommenen, machte sie mürbe und eher zu einem Geständnis bereit.
»Was wollen Sie –?« fragte Ilona flüsternd, aber es klang wie ein Schrei.
Peters konnte die absichtliche Quälerei nicht mehr mit ansehen und wollte einschreiten.
Die scharfe Stimme des Detektivs unterbrach ihn sofort: »Mitleid ist hier durchaus nicht am Platze! Bitte, lassen Sie mich die Unterredung weiterführen, Herr Kapitän!«
Einen Augenblick lang schien es, als wolle der Kapitän aufbrausen und dem Detektiv in seiner derben Art über den Mund fahren. Aber dann besann er sich und zuckte nur die Achsel.
Schließlich hatte der Mann recht, der Diebstahl war seine Angelegenheit. In die Aufklärungsarbeit eines an Bord des Schiffes begangenen Verbrechens hatte ihm auch kein Kapitän etwas dreinzureden. Seine Arbeit konnte er erledigen, auf welche Methode er wollte. Hauptsache war, daß sie zum Ziel führte, zur Überführung des Übeltäters.
Widerwillig brummend fügte sich der Kapitän und schwieg.
»Nur einige Fragen sollen Sie uns beantworten, Fräulein Waagen«, erklärte der kleine Mann. »Was sind Sie von Beruf?«
Ilona mußte ihre ganze Kraft zusammennehmen. Eisig und ablehnend antwortete sie: »Meine Personalien sind aus der Schiffsliste ersichtlich. Überhaupt, wollen Sie mir nicht endlich sagen, was Sie mit diesem – Verhör bezwecken?«
»Wir sind auf der Suche nach dem Dieb, der in der letzten Nacht eine – immerhin recht bedeutende – Summe Bargeld aus der Kabine des Herrn Dr. Volkmar entwendet hat!« sagte der Detektiv schonungslos.
»Und da vernehmen Sie ausgerechnet mich?«
Ilonas Stimme starb ab zu einem tonlosen Flüstern. Um Hilfe bittend, blickte sie auf den Kapitän und Dr. Volkmar. Peters wich ihrem Blick in offensichtlicher Verlegenheit aus. Volkmar starrte angestrengt durch das Bullauge.
Nein, keiner von den Männern war gewillt, ihr zu helfen. Sie stand dem Detektiv ganz allein gegenüber. Wahrscheinlich waren sie alle von ihrer Schuld überzeugt. Niemand glaubte ihr!
Ilonas Arme fielen am Körper herab. Der dunkle Lockenkopf senkte sich tief.
In ihrer Mutlosigkeit bot sie tatsächlich fast ein Bild der Schuld.
Der Detektiv räusperte sich ungeduldig.
»Wenn Sie meine Fragen nicht beantworten wollen, werde ich Ihnen eben sagen, was ich weiß. Ich habe mich nach Ihren Personalien erkundigt und bin da auf einige Dinge gestoßen, die wirklich etwas ungewöhnlich sind für einen Passagier dieses Luxusschiffes. Also: Sie sind achtzehn Jahre alt. Stenotypistin und mit einer Freikarte an Bord gekommen. Sie leben in ziemlich – ärmlichen Verhältnissen und sorgen dabei gleichzeitig noch für Ihre Mutter –«
Ilona schaute gequält auf.
Die leidenschaftslose Stimme des Detektivs klang wie eine Anschuldigung.
»Mutter – liebe, liebe Mutter!« flüsterte sie verzweifelt. »Warum kannst du nicht bei mir sein!«
»Halten Sie bitte die Vernehmung nicht unnötig auf!« unterbrach sie der Detektiv scharf. »Antworten Sie lieber auf meine Fragen. Wie sind Sie in Besitz der Freikarte gekommen?«
Ilona hörte nichts mehr. Schluchzend barg sie den Kopf in den Händen. Der Mann – und alle hier in der Kabine hielten sie für schuldig! Würden sie sonst schweigen?
»Ich warte immer noch auf die Beantwortung meiner Frage, Fräulein Waagen!« drängte die erbarmungslose Stimme des Detektivs.
Langsam hob Ilona das tränenüberströmte Gesicht.
»Ich habe keinen Diebstahl begangen!« beteuerte sie leidenschaftlich. »Wenn ich auch in ärmlichen Verhältnissen lebe – das Eigentum fremder Menschen ist mir immer heilig gewesen.« Ihr tränennasses Gesicht glühte vor Erregung. »Meine Arbeit gibt Ihnen nicht das geringste Recht, mich als Diebin zu beschuldigen! Beweise für Ihre Behauptung haben Sie nicht! Können Sie gar nicht haben, denn ich habe ja nichts getan!« Ihre Stimme sank unvermittelt zu einem flehenden Flüstern, sie war ganz erschöpft. »Bitte, glauben Sie mir doch! Ich bin keine Diebin!«
Der Detektiv hatte einen höhnischen Zug um den Mund.
»Sie scheinen ja recht sicher zu sein, Fräulein Waagen«, sagte er mit gedehnter Ironie. »Aber ich werde das nötige Beweismaterial schon zusammentragen! Wir sind noch vier Tage unterwegs bis Hamburg. Die Zeit genügt mir, Fräulein Waagen! Darauf können Sie sich ver…«
»Halt!« donnerte gebieterisch Dr. Volkmar dazwischen.
Voller Überzeugung hatte der Detektiv ihm Ilona Waagen als einzige in Frage kommende Täterin geschildert. Als er das Mädchen dann vor sich sah, sah er das Unsinnige dieses Verdachtes sofort ein. Das unmögliche Vorgehen des Detektivs konnte er nicht mehr mit anhören.
»Ich bitte, diese unwürdige Unterredung sofort abzubrechen! Unter diesen Umständen verzichte ich auf die Aufklärung des Diebstahls!« Er wandte sich zu dem kleinen Mann: »Ihre Menschenkenntnis, Herr Detektiv, hat Sie diesmal ganz gehörig im Stich gelassen: Fräulein Waagen ist keine Diebin!«
Zwei von Tränen verdunkelte Augen strahlten in überströmender Dankbarkeit zu ihm auf.
»Ich danke Ihnen – daß Sie mir glauben! Ich versichere Ihnen beim Leben meiner Mutter, ich habe nichts gestohlen!«
Der Glanz in den tränennassen Augen erlosch plötzlich. Ilona ließ den Kopf sinken.
»Durch Ihre Güte«, sagte sie leise, »haben Sie meiner Mutter das Leben gerettet. – Sie hätte es nicht überlebt, wenn ich als Diebin verhaftet worden wäre.«
Ihre Beine versagten plötzlich den Dienst. Mit einem leisen Wehlaut sank sie langsam zusammen.
Kapitän Peters hatte diesen Zusammenbruch kommen sehen. Rasch zog er sie in einen Stuhl. Sie spürte kaum, wie er ihr väterlich über die Locken strich.
»Ich bin keine Diebin!« flüsterte Ilona.
»Beruhigen Sie sich, Fräulein Waagen – es ist alles wieder gut. Wir wissen ja, daß Sie den Diebstahl nicht begangen haben, es war ein Irrtum«, sagte Dr. Volkmar mit merkwürdig eindringlicher Stimme.
Er hätte gern seine Hand auf den dunklen Lockenkopf gelegt. Aber irgend etwas hielt ihn zurück.
Allmählich fand Ilona die Fassung zurück. Sie versuchte, sich zu erheben. Einen Augenblick stand sie schwankend vor dem Sessel, aber dann hatte sie die Schwäche niedergezwungen und ging wortlos zur Tür.
Volkmar stand mit einigen schnellen Schritten neben ihr.
»Gestatten Sie, gnädiges Fräulein, daß ich Sie begleite?«
In den dunklen Augen, die eben noch in tiefer Dankbarkeit zu ihm aufgeleuchtet hatten, zuckte es jetzt feindlich auf: »Sie brauchen sich nicht zu bemühen, Herr Doktor – ich finde meinen Weg allein!« sagte Ilona und schob sich an ihm vorüber durch die Tür.
Draußen verhielt sie einen Augenblick den Schritt. Müde lehnte sie sich gegen den Türpfosten.
»Mutter!« flüsterte sie leise, und wieder begannen die Tränen über die blassen Wangen zu fließen.
Erst nach Sekunden bemerkte sie die neugierig dastehenden Passagiere. Das entsetzlich Peinliche ihrer Lage kam ihr zu Bewußtsein. Und wie gehetzt floh sie an den vielen Menschen vorüber zu ihrer Kabine. Nummer acht! Sie riß die Tür auf und drehte hinter sich den Schlüssel herum.
Dann warf sie sich verzweifelt über das Bett und wühlte den Kopf in die Kissen. Nur nichts hören, nichts sehen!
Vier Tage Demütigungen – bis sie endlich in Hamburg sein würden – standen ihr bevor! Und wer trug die Schuld? Dr. Volkmar!
Der hochgewachsene Mann mit dem ernsten, überlegenen Lächeln um den strengen Mund! Ihm allein verdankte sie, daß sie ausgestoßen war aus dem Kreis froher Menschen.
Wie sie den Mann haßte!
Vor seinem durchdringenden Blick fühlte sie sich befangen und wie gebannt. Eine magische Gewalt ging von diesem Mann aus.
Ilona fühlte sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen, obwohl sie ihn haßte. – Oder haßte sie ihn nicht?
Sie versuchte, den Gedanken in ihrem Herzen gewaltsam zu ersticken. Dieser große schlanke Mann, fühlte sie, war ihr Schicksal.
Aber warum verfolgte er sie? Was hatte sie ihm getan?
Er war schuld, daß alle Passagiere auf dem Schiff sie für eine Diebin hielten. Daß sie sich in ihrer Kabine verkriechen, sich vor den anderen verstecken mußte!
Nie im Leben hatte sie sich so einsam gefühlt wie an diesem Tag auf dem großen Luxusschiff, inmitten Hunderter fröhlicher Menschen.
Riesengroß stand die Sehnsucht nach ihrer geliebten Mutter in ihr auf.
»Mutter – liebe Mutter!«
Jetzt in Mutters gütige, verstehende Augen schauen können! In die zärtlichen Arme flüchten und sich ausweinen, sich die Qual von der Seele sprechen!
Die Mutter würde sie verstehen, ohne zu fragen. Die Mutter wußte, daß ihre Tochter keine Diebin war.
»Mutter, liebe, liebe Mutter –«
*
Stille herrschte zwischen den drei Männern, nachdem sich die Tür hinter Ilona geschlossen hatte.
Am ungemütlichsten fühlte sich der Detektiv. Aber gleichzeitig spürte er auch eine kaum bezähmbare Wut, weil Volkmar ihm ohne triftigen Grund den Fall plötzlich aus der Hand genommen hatte.
Warum nur?
Hatten die Tränen tatsächlich solchen Eindruck auf ihn gemacht? Es war doch ganz klar zu sehen gewesen, daß diese Ilona Waagen sich am Ende ihrer Beherrschung befunden hatte. Nur ein paar Minuten hätte es noch dauern können, bis sie sich zu einem Geständnis bequemte!
Nach dieser unterbrochenen Vernehmung war der Detektiv mehr denn je von der Schuld des Mädchens überzeugt.
Er zuckte die Schultern.
Nachdem Volkmar seine Anzeige zurückgezogen hatte, durfte er nichts mehr in dieser Sache unternehmen. Aber heimlich, nahm er sich vor, würde er weiterforschen, bis er den Beweis für die Schuld dieser Ilona Waagen in der Hand hatte! Vier Tage hatte er ja noch Zeit.
Er streifte den Anwalt mit einem unfreundlichen Blick.
»Verdammte Schlappe!« entfuhr es ihm halblaut.
Auch der Kapitän war wütend und ging aufgeregt umher. Breitbeinig pflanzte er sich schließlich vor dem Detektiv auf.
»Sie sind der größte Trottel, der mir jemals begegnet ist!« In den wettergefurchten Zügen konnte man ungeheure Erregung lesen. »Statt dem wirklichen Dieb die Beute abzujagen, peinigen Sie dieses Kind bis aufs Blut! Könnte mich ohrfeigen, daß ich Ilona Waagen hierhergeladen habe!«
»Außer Fräulein Waagen kommt niemand als Täter in Frage!« verteidigte sich der Detektiv hartnäckig. »Die Vernehmung hat mich darin noch bestärkt. Die anderen Passagiere sind alle über jeden Zweifel erhaben, das Personal ist jahrelang erprobt. Sehen Sie sich die Schiffsliste an: lauter Leute mit guten und bekannten Namen, deren Papiere ohne Zweifel in Ordnung sind. Dieses Fräulein Waagen ist das einzige unbeschriebene Blatt sozusagen. Herr Doktor«, wandte er sich an Volkmar, »als Rechtsanwalt sind Sie doch auch sozusagen vom Fach. Habe ich nicht recht?«
Volkmar machte eine heftige, abwehrende Bewegung.
»Bleiben Sie mir um Gottes willen mit Ihren kriminellen Weisheiten vom Hals!« unterbrach Kapitän Peters den Detektiv. »Unsinn war das ganze Verhör, ausgemachter Unsinn! – Haben Sie dem Mädel überhaupt einmal in die Augen gesehen – he? Suchen Sie unter sämtlichen weiblichen Passagieren eine Frau mit solchem klaren Blick, wie dieses Mädel ihn hat! Sie…«
Er unterbrach sich, weil Volkmar ihm eine Hand auf die Schulter legte.
»Beruhigen Sie sich, Kapitän. Daß der Detektiv die schönen Augen des kleinen Fräulein Waagen übersehen hat, können Sie ihm wirklich nicht zum Vorwurf machen, er tat nur seine Pflicht obwohl ich ganz Ihrer Meinung bin: dieses Mädchen ist niemals eine Diebin!«
»Na also«, brummte Peters, »weiter wollte ich ja auch nichts wissen.« Er kraulte sich bedächtig in den Haaren. »Aber eine verflixt unangenehme Geschichte bleibt es doch! Sie wird jetzt einen schweren Stand haben. Ich kenne meine Gäste, leider, und kann mir ein Bild machen, wie sie sich in Zukunft Fräulein Waagen gegenüber einstellen werden. – Leicht wird sie es bestimmt nicht haben bei der ekligen Bande. – Entschuldigen Sie, Doktor«, unterbrach er sich. »Sie gehören ja auch zu den Passagieren.«
Volkmar überhörte den Einwurf. An die mißliche Lage, in der das Mädchen sich jetzt befand, hatte er noch gar nicht gedacht. Und nur durch seine Schuld war sie in dieses Bedrängnis hineingeraten! Er hätte seine Anzeige sofort zurückziehen müssen, als der Detektiv den Verdacht auf Ilona Waagen lenkte. Er, Volkmar, kannte das Mädchen doch, von der gemeinsamen Tafel her, und aus gelegentlichen Unterhaltungen. Sie war ihm durch ihre erfrischende Natürlichkeit aufgefallen. Sie kam doch als Diebin gar nicht in Frage!
»Man müßte noch einige andere Passagiere hereinbitten und ihnen ein paar Fragen stellen«, schlug er vor.
Wenn mehrere Leute in der Kapitänskabine vernommen wurden, wurde der Verdacht von Ilona Waagen abgelenkt.
Aber Kapitän Peters lehnte energisch ab.
»Ausgeschlossen! Unsere Passagiere sind unsere Gäste. Ich bedanke mich dafür, wenn sie sich bei der Reederei über die Schiffsführung beschweren!«
Volkmar zuckte enttäuscht die Schultern.
»Ich hätte dem Mädel gern geholfen. Aber ich sehe ein, daß die Angelegenheit nur noch peinlicher würde, wenn wir sie weiter aufbauschen wollten. An dem verlorenen Geld liegt mir nichts. – Ich darf mich wohl jetzt zurückziehen?«
Er reichte dem Kapitän die Hand, verneigte sich knapp vor dem Schiffsdetektiv und verließ den Raum.
Kopfschüttelnd sah Peters ihm nach. Wer war der Mann, der, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Summe aufgab, die für andere ein Vermögen bedeutete?
Zweifellos war er die interessanteste Erscheinung an Bord. In New York hatte er das Schiff betreten, um, wie er sagte, nach Deutschland zurückzukehren.
Nur eines wußte Peters von ihm: daß er ein berühmter und gesuchter Anwalt war und sich in einer schwierigen Angelegenheit, die bis nach Amerika führte, selbst an Ort und Stelle begeben hatte.
Ob Dr. Volkmar wohl ahnte, daß seinetwegen beinahe einige Ehen in die Brüche zu gehen drohten? Daß sich hinter den so unschuldig aussehenden weißen Türen die heftigsten Eifersuchtsszenen abspielten?
Anscheinend völlig unberührt schritt er durch das Kreuzfeuer der heißen, werbenden und schmachtenden Blicke der Damenwelt. Selten genug geschah es, daß er einmal unter den Gästen weilte.
Oft sah man ihn an der Reling stehen und stundenlang dem immer wechselnden Spiel der Wellen zusehen.
Aber ein verdammt hübscher Kerl war er, sann Peters jetzt weiter, das mußte der Neid ihm lassen. Hochgewachsen, breitschultrig, mit einem Paar heller grauer Augen, das tief bis auf den Grund der Seele zu forschen schien.
Die reiche, verwöhnte Mabel Walker, die ihn einmal mit einem Scherzwort zum Flirt hatte animieren wollen, hatte er angesehen, daß sie wie ein Schulmädchen dastand. Wie ein Blitz war sein Blick über sie hingezuckt. Wie ein Schulmädel ließ er sie stehen. Aber wenn man nun annahm, daß sie durch das Zwischenspiel ernüchtert war, so hatte man sich geirrt. Nur noch heller brannte ihr Herz für ihn.
Der Gong, der die Gäste zur gemeinsamen Mittagstafel rief, riß Kapitän Peters aus seinen Gedanken. Er sah sich um. Er war allein.
Wieder kam er ins Grübeln. Welcher unter den Gästen war wohl fähig, sich am Eigentum seiner Mitmenschen zu vergreifen? Der Reihe nach ließ er sie vor seinem geistigen Auge aufmarschieren.
Viele waren ihm schon jahrelang bekannt, hatten immer seinen Dampfer gebucht; er hatte die besten Erfahrungen mit ihnen gemacht. Nur einige waren neu dazu gekommen. Ein Professor, der zu Studienzwecken nach Deutschland reiste, ein vornehmer älterer Herr, der sich sehr zurückhaltend benahm und den größten Teil seiner Reise in seiner Kabine verbrachte. Dann ein schwerreicher Viehhändler, der eine Erholungsreise nach Deutschland unternahm, und schließlich die schöne blonde Baronin Strehlen. Sie kamen alle nicht für einen Diebstahl in Frage.
Endlich erhob er sich. Es wurmte ihn, dieses Vorkommnis ungesühnt zu wissen, aber im Augenblick trieb ihn die Sorge um die kleine Ilona Waagen vorwärts.
Als er sich der Tür näherte, stürmte gerade sein Junge herein, ein frischer, natürlicher Bursche von fünfzehn Jahren. Durch ewiges Drängeln hatte er es durchgesetzt, daß der Vater ihn auf diese Reise mitnahm.
»Kommst du endlich zu Tisch?« fragte er.
»Sofort, mein Junge, geh schon voraus. Ich möchte nur noch einen kurzen Besuch machen.«
»Kann ich mitkommen –?« bettelte Dieter Peters.
»Gut, Junge, begleite mich. Ich gehe zu Fräulein Waagen.«
Gemeinsam schlenderten sie den Gang entlang. Dieter plauderte lebhaft und bemerkte erst, als sie an Ilonas Kabinentür angekommen waren, daß der Vater auffallend ernst war.
»Hast du Ärger gehabt, Vater?« fragte er.
»’s langt, mein Junge. Aber das werde ich dir später erzählen. Jetzt wollen wir uns erst einmal nach dem Befinden deines Lieblings erkundigen.«
Dieters frische Jungenaugen strahlten. Zutraulich neigte er sich an des Vaters Ohr.
»Ilona Waagen ist mir die liebste von deinen Gästen«, gestand er offen.
»Hast keinen schlechten Geschmack, Dieter«, lachte Peters gutmütig.
Er klopfte an Ilonas Tür, erhielt aber keine Antwort.
Bestürzt sah er auf den Jungen und drückte dann kurz entschlossen die Klinke nieder – verschlossen.
Er winkte die Stewardeß herbei.
»Haben Sie Fräulein Waagen gesehen?«
»Das gnädige Fräulein läßt sich entschuldigen; ihr sei nicht wohl, sie wolle ruhen«, lautete der Bescheid.
Peters winkte ab und wandte sich an den erwartungsvoll dreinblickenden Jungen.
»Komm, Dieter, dann wollen wir das kleine Fräulein auch nicht stören.«
Nur zögernd folgte Dieter dem Vater.
»Fräulein Waagen ist – doch nicht krank?«
Kapitän Peters klärte den Jungen über das Vorgefallene auf.
Dieter war entrüstet.
»So ein Blödsinn! Ein Blinder sieht doch, daß Fräulein Waagen kein Dieb ist! – Sie tut mir so leid. Du –«, sagte er mit erhobener Faust, »diesem Detektiv könnte ich eine tüchtige Portion verabreichen!«
»Pst –!« warnte Peters und zog ihn mit sich nach dem Speisesaal.
Höflich grüßte der Kapitän nach allen Seiten und ließ sich dann nieder.
Bis auf Dr. Volkmar und Ilona Waagen waren sämtliche Gäste anwesend.
Peters wurde mit Fragen über den Verlauf der Untersuchung bestürmt. Besonders waren es die Damen, die nicht genug hören konnten, und die kamen Peters gerade richtig. Er wußte, daß man der kleinen Ilona die Schönheit mißgönnte, und er erteilte eine Abfuhr über die andere, als sie ihre Entrüstung über Ilona laut werden ließen.
