Koshiro - Sproch Echt - E-Book

Koshiro E-Book

Sproch Echt

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Beschreibung

"Der Weg beginnt! Weit weg von dem, was du kennst. Weit weg von zuhause. Weit weg von deiner Vergangenheit. Doch was passiert, wenn diese dich eines Tages doch einholt? Stell dich deiner Vergangenheit, enthülle deine Geheimnisse, entfessle die Macht und erwecke die alte Legende zu neuem Leben. KOSHIRO Ein Name. Eine Frau. Ein Schicksal."

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Seitenzahl: 704

Veröffentlichungsjahr: 2020

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„Eine Kriegerin kämpft für Stolz und Ehre,

strengen Gehorsam fordert ihre Lehre.

Eine von ihnen ist geboren um sie zu führen,

Anerkennung wird nur ihr gebühren.

Auch wenn das schlimmste Ende droht, sie folgen

ihr bis in den Tod.“

Inhaltsverzeichnis

Das erste Buch – Lernen

Kapitel 1 – Die Fremde

Kapitel 2 – Auf großer Reise

Kapitel 3 – Zeiten der Prüfungen

Kapitel 4 – Der Junge aus dem Reich des roten Phönix

Das zweite Buch – Entscheiden

Kapitel 5 – Zeiten der Veränderung

Kapitel 6 – Sechsunddreißig Monate später

Kapitel 7 – Die Rückkehr

Kapitel 8 – Zwei Brüder

Kapitel 9 – Der Weg zurück

Das dritte Buch – Wachsen

Kapitel 10 – Die große Schlacht

Das Ende?

Das erste Buch –Lernen

Kapitel 1 – Die Fremde

Die Massen hielten den Atem an, als ein kleines, verwahrlostes Mädchen aus dem Kampf um ihr Leben als Siegerin hervorging. Blutverschmiert stand sie mit leeren Augen da. Als sie die leblosen Körper der Angreifer auf der kühlen, nassen Erde liegen sah, stockte ihr der Atem. Ein Schwindelgefühl riss sie zu Boden.

Seit der großen Schlacht vor vielen Jahren wurde in den vier großen Reichen im Land der Morgenröte besonders Wert auf die Ausbildung ihrer Krieger gelegt. Diese ähnelten einer alten längst ausgestorbenen Gesellschaft, den Samurai. Ihre wichtigste Aufgabe galt der Sicherheit des Dorfes. Nur die Besten von ihnen wurden in den Rang eines Meisters erhoben. Ihre Aufträge im Namen des Wächters führten sie oft weit über die Grenzen des eigenen Landes hinaus. Doch nicht jeder hatte die Ehre eine Ausbildung am Treviom abzuschließen und somit den Weg als Krieger zu bestreiten.

Die Schüler des siebzehnten Lehrganges des Trevioms in Hashimoto trudelten langsam in ihren Lehrsaal ein. Ihr erster Tag am Treviom hatte begonnen. Diejenigen, die den Weg eines Kriegers bestreiten wollten, bewarben sich nach der Grundschule mit fünfzehn Jahren am Treviom. Zuvor hatte man die Möglichkeit das Wahlfach in Kriegskunst zu belegen, um erste Erfahrungen zu sammeln. Den Schülern wurde alles über die Grundkenntnisse gelehrt. Die Techniken ihrer Kampfkunst hatten ihren Ursprung im alten Kung Fu, doch über Jahre hatte man diese weiterentwickelt. Mit dem Umgang der Kampfausrüstungen und jeglichen Waffenarten, die ständiger Wegbegleiter waren, hatte man sie vertraut gemacht. Und die Ideale und Werte, die sie für das Leben als Krieger verinnerlichen mussten, wurden ihnen Tag für Tag eingeflößt. Hatte man nach vier Jahren das Treviom positiv abgeschlossen, wurde man als Krieger einberufen. Unabhängig von ihrer weiteren Tätigkeit wurden sie in jeder Einheit in Gruppen eingeteilt. Egal ob zwei oder zehn Personen, ihre Aufgaben bestritten sie nie alleine. Da es in den Einheiten jedoch immer wieder zu Problemen kam, weil in brenzligen Situationen das Vertrauen ineinander fehlte oder es zu Konkurrenzkämpfen innerhalb der Mannschaft kam, beugte, man dem schon in der Ausbildung vor. Deshalb wurden die Schüler schon von Beginn an in Gruppen, anhand ihrer Fähigkeiten, Charaktere und anderen Auswahlkriterien, eingeteilt. Diese Konstellationen blieben, wenn möglich, ihr Leben lang bestehen. Das bedeutete, sollten die Schüler nach dem Treviom in den Dienst eines Kriegers berufen werden, würden sie in ihren Einheiten weiterhin zusammenarbeiten. Deshalb wurde ganz besonders auf die Zusammenstellung der Gruppen geachtet. Nur in besonderen Ausnahmen wurden die Teams gelöst und anders zugeteilt. Für die Ausbildung musste man sein Zuhause verlassen und in das Internat des Treviom ziehen. Dies diente dazu, die jungen Schüler zur Selbstständigkeit zu erziehen. Da es nicht in jedem Dorf ein Treviom gab, verließen manche sogar dafür ihre Heimat. Um die Schüler so gut wie möglich auf ihren späteren Arbeitsalltag vorzubereiten, wurde der Unterricht sehr vielfältig gestaltet. Die Schüler gingen normal zu Schule, hatten dabei aber überwiegend viele Praxiseinheiten mit ihren Gruppen und ihren persönlich zugeteilten Lehrmeistern. Mit diesen durften sie sogar kleine Aufträge bestreiten, meist waren dies jedoch Botengänge. Während den vier Jahren gab es immer wieder praktische oder theoretische Zwischenprüfungen. Bestand man diese nicht, hatten die Lehrmeister die Möglichkeit den Schüler vom Treviom zu verweisen. Früher hatte man im Reich des grünen Drachens strenge Lehrmethoden angewandt, bei denen Bestrafung zum Alltag gehörte. Strenge Disziplin und Gehorsam standen auf der Tagesordnung. In einigen Dörfern der Reiche wurden diese weiterhin noch fortgesetzt, doch im Dorf Hashimoto hatte man über die Jahre davon abgesehen. Es war in den letzten Jahren für die Qualität ihrer Ausbildung bekannt geworden und nur die Besten der Besten wurden am Treviom zugelassen. Den Weg eines Kriegers zu bestreiten war daher alles andere als einfach.

Im Lehrsaal wurde es ganz stumm als Meister Kamekura ihn betrat. Er war ein Mann mittleren Alters, dessen Blick streng wirkte. Seine Stimme klang tief und rau. Er war ein bekannter Krieger, der zahlreiche schwierige Aufträge bestritt. Sein Wissen war daher eine große Bereicherung für das Treviom. Er begann mit seiner Einführung, doch von langer Dauer war diese nicht. Er wurde vom lauten Klopfen an der Tür unterbrochen. Die Sekretärin des Leiters des Trevioms trat herein und erklärte ihm, dass noch eine Schülerin aus einem weit entfernten Dorf eingetroffen war. Alle wurden plötzlich still, denn jeder war gespannt, wer in wenigen Sekunden die Türschwelle überschreiten würde. Danach verließ die Frau den Raum und die neue Mitschülerin trat ein. Alle Blicke waren auf sie gerichtet. Den Jungs fiel die Kinnlade bis zum Boden, da sie der Anblick der Fremden verzauberte und bei den Mädchen machte sich eine große Welle der Eifersucht breit. Ihre Blicke wanderte von ihren Schuhen bis hinauf zu ihrem Kopf. Ihre hellbraunen, mittellangen Haare zierten ihr wunderschönes Gesicht. Ihre Augen schimmerten so blau wie das Meer und ein sympathisches Lächeln strahlte von einer Wange zur anderen. „Das ist Elizabeth Koshiro. Sie wird von heute an ein Teil dieses Lehrgangs sein. Ihr könnt die Pause dazu nutzen, um eure neue Mitschülerin herzlich willkommen zu heißen“, stellte der Meister ihnen das junge Mädchen vor. Die Klasse erstarrte, als sie ihren Namen hörten. Elizabeth begrüßte ihre neuen Mitschüler freundlich und ging langsam auf den leeren Sitzplatz in der ersten Reihe zu. Während das Mädchen Platz nahm, ertönte überall leises Getuschel in den Reihen der Schüler. Die Blicke jedes Einzelnen trafen sie eiskalt, vor allem die des Jungen, der links neben dem Fenster in ihrer Reihe saß.

Langsam gingen die ersten Stunden zu Ende und die Glocke läutete die Pause ein. Alle begaben sich in den Garten der Ausbildungsstätte. Die Schüler waren im ganzen Hof verteilt, saßen in ihren üblichen Gruppen zusammen, aßen und unterhielten sich. Der siebzehnte Lehrgang des Trevioms bestand nur aus Schülern aus Hashimoto, deshalb kannten sich alle schon seit der Grundschule, nur ihre neue Mitschülerin war eine Fremde aus einem anderen Dorf. Als Elizabeth den Garten betrat, wurde es wieder ganz still und man konnte die verfolgenden Blicke ihrer Mitschüler allgegenwärtig spüren. Ohne sich von diesen einschüchtern zu lassen, nahm sie auf der Wiese unter der großen Linde Platz. Dabei zog sie ein Buch aus ihrer Tasche. Sie ließ sich in dieses gedanklich hineinfallen, um die Realität auszublenden. Drei Jungs aus Lizzies Jahrgang beobachteten die Schülerin aufmerksam. Jake, Nathan und Leo waren angetan von dem Anblick der jungen Schülerin. „Ihr drei habt die Neue ganz genau im Auge?“, ertappte sie eine Stimme aus dem Hintergrund. „Lexie, ach du bist es nur.“ Es war eine Schülerin aus ihrem Jahrgang, mit der die drei schon seit Kindergartentagen befreundet waren. Unbeeindruckt von Lexies Anwesenheit schmachteten die drei die junge Kriegerin wieder aus der Ferne an. „Sie ist so schön!“, himmelte Leo sie an. „Schön, naja ganz passabel. Außerdem habt ihr ja gehört woher sie ist. Sie ist eine Koshiro und ihr wisst ja, was man über die erzählt.“. Lexie holte sie mit ihren Worten wieder zurück in die Gegenwart. Nun betrachten sie das Mädchen wieder, jedoch mit ganz anderen Augen und wieder zog sich ein eiskalter, verurteilender Blick in die Richtung der jungen Kriegerin.

Einige Meter weiter kam auch ein Junge nicht drum herum das Gespräch von den vier Schülern mit zu lauschen. Jace war der Beste seines Jahrganges in der Grundschule. Man erwartete von ihm schon seit Beginn seiner Ausbildung Großes. Mit seinen schwarzen, leicht verstrubbelten Haaren und seinen großen, dunkelblauen Augen zog er alle Blicke auf sich. Jedes Mädchen lag ihm wegen seines guten Aussehens zu Füßen. Doch ihn interessierte nichts und niemand, er strotze nur so vor Arroganz. Niemand war in seinen Augen gut genug. Betrat er irgendwo den Raum, kreischten ihm die Mädchen hinterher, wie auch heute wieder in der Pause. Die grellen Stimmen der jungen Kriegerinnen rissen die Fremde aus ihren Gedanken. Gestört von diesen verließ sie den Hof. Als sie beim Verlassen an Jace vorbei kam, ließ sie ihm einen abwertenden Blick von oben herab zukommen. Dies blieb nicht unbemerkt. Alle waren wie starr als sie die Geste der Schülerin vernahmen. Noch nie zuvor hatte sich jemand Jace gegenüber so verhalten und schon gar kein Mädchen. Regungslosigkeit fesselte die Schüler an ihre Plätze und mit ihrem Blick verfolgten sie die Kriegerin bis sie verschwand.

Elizabeth suchte verzweifelt einen neuen Platz an dem sie in Ruhe ihr Buch lesen konnte, als sie plötzlich ein lauter Schrei aufhielt. „Vorsicht, ich falle!“ Mit einem lauten Knall krachte ein Junge vor ihren Füßen zu Boden. „Alles in Ordnung? Hast du dich verletzt?“ Lizzie half dem Jungen besorgt hoch. „Nicht passiert, danke.“ Er klopfte sich dabei den Dreck von der Hose. Als er den Anblick der jungen Schülerin vernahm, wurde er etwas verlegen dabei. „Hey, dich habe ich ja noch nie zuvor gesehen. Du bist neu hier, nicht wahr?“ Das Mädchen nickte zustimmend. „Verstehe. Ich kenne das Treviom wie meine Westentasche, ich werde dir alles zeigen. Du hältst dich am besten an mich, dann bist du in sicheren Händen.“ Dabei zeigte er selbstsicher mit seinem Daumen auf sich selbst. „Entschuldige. Wo sind denn nur meine Manieren geblieben? Ich plappere schon wieder viel zu viel. Mein Name ist Eli.“. Er hielt dabei der neuen Schülerin seine ausgestreckte Hand hin. Seiner aufgeweckten Art und netten Geste begegnete die junge Kriegerin mit einem strahlenden Lächeln. „ Hallo, ich bin Lizzie.“

Nachdem die beiden gemeinsam zu Mittag aßen, zeigte Eli Lizzie in der Pause jeden Winkel des Trevioms. Dabei erzählte er ihr alles Wissenswerte über die Schule. Eli kannte wirklich jeden Winkel des Gebäudes. Seinem Wissen darüber nach musste er schon lange am Treviom sein. Eli war ein freundlicher, aufgeweckter Junge, etwas kurz geraten, mit strubbeligem, braunem Haar und immer mit einem breiten Grinsen im Gesicht anzutreffen. Er war ein kleiner Chaot und Kindskopf mit einem bunten Wesen. Eli wurde während der Schulzeit kaum akzeptiert. Seine Noten in der Grundschule und seine Leistungen in der Kampfkunst waren alles andere als herausragend. Kurz gesagt, er war schon immer der Außenseiter seines Jahrgangs. Die beiden hatten großen Spaß zusammen bei ihrer Erkundung. Ihr lautes Lachen schallte durch die Gänge des Gebäudes. Lizzie war etwas enttäuscht, dass er nicht in ihre Klasse ging, nun da sie endlich jemanden gefunden hatte, der nett zu ihr war. Als die Glocke die Pause beendete, trennten sich ihre Wege wieder. „Danke für die Einweisung. Das ist mein Lehrsaal, hier muss ich rein“, verabschiedete sich Lizzie von ihm. „Kein Thema. Habe ich gern gemacht.“ Dabei winkte er ihr zu und wendete sich mit einer Umdrehung von ihr ab. „Eli, warte!“, schrie ihm Lizzie plötzlich hinterher. Auf ihre Bitte drehte er sich zu ihr. „Vielleicht kann ich ja nach dem Unterricht auf dich warten und du zeigst mir noch das Dorf?“ Lizzies Frage wirkte zögerlich. Sie war ihrer Meinung nach nicht besonders gut darin neue Leute kennenzulernen. Elis Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. Er fühlte sich wie auf frischer Tat ertappt und begann vor sich her zu stottern. Dabei griff er sich hinter den Kopf und kratzte sich hektisch am Hals. „Nun ja, das geht leider nicht.“ Lizzie war enttäuscht von seiner Antwort, jedoch wollte sie es Eli gegenüber nicht zeigen. „Entschuldige, wie blöd von mir. Du hast sicher schon etwas anderes vor und ich belästige dich mit meinen Problemen.“ Eli wollte sie nicht beleidigen und schlug plötzlich um. „Es liegt nicht an dir. Ich finde dich prima. Das Problem. Das Problem ist nur - ich bin kein Schüler der Trevioms.“ Als er die Worte aussprach, lief er wie von einer Biene gestochen davon. Dabei drehte er sich zu Lizzie, die ihm verwirrt nachblickte. Ein riesiges Grinsen zog sich über sein Gesicht. „War schön dich kennenzulernen, Lizzie. Vielleicht sieht man sich bald wieder.“ Die Schülerin wusste nicht, was sie über die gerade geschehene Situation denken sollte. Noch einmal ließ sie das Aufeinandertreffen mit Eli Revue passieren und dabei überkam ein flüchtiges Lächeln ihre Lippen.

Während des Unterrichtes konnte sich die junge Kriegerin kaum konzentrieren. Immer wieder dachte sie an den Jungen Eli. Sie wurde aus ihrer Begegnung nicht schlau. Sie war so in ihre Gedanken vertieft, dass ihr die Blicke ihrer Mitschüler unbemerkt blieben. „Bevor der Unterricht endet, habe ich noch eine letzte Ankündigung zu machen. In drei Wochen werden wir eine kleine Prüfungssimulation abhalten. Diese dient dazu euer Wissen, eure Fähigkeiten und eure Fertigkeiten zu testen, damit wir eine ideale Auswahl der Gruppen treffen können. Links neben mir findet ihr eure Lehrbücher, nehmt euch jeder eines davon und passt gut darauf auf. Ihr benötigt es während der ganzen Lehrzeit. Damit ist der erste Tag zu Ende. Ab morgen beginnen wir mit eurer Ausbildung. Auf Wiedersehen!“ Die Worte der Meisters holten Lizzie wieder zurück in die Realität. Die Schüler erhoben sich von ihren Plätzen, schnappten sich ihre Bücher und verließen den Lehrsaal. Lizzie war die Letzte, die nach einem Buch griff, als sie plötzlich Meister Kamekura in ein Gespräch verwickelte. „Ich habe dich heute mit Eli gesehen. Du weißt, dass er nicht am Treviom unterrichtet wird?“ Lizzie nickte ihrem Meister zu. „Wir Lehrmeister des Trevioms kennen ihn alle seitdem er ein kleines Kind ist. Er ist immer von der Grundschule ausgebüchst, um unserem Unterricht zuzuhören und egal wie oft wir ihn zurückgebracht haben, er bestraft worden ist, er ist immer wieder gekommen. Aufgeweckter kleiner Junge. Ich glaube er kennt das Treviom besser als ich.“ Dabei kam Meister Kamekura ein kleines Grinsen über die Lippen Noch bevor Lizzie etwas sagen konnte, fuhr der Meister fort. „Als er endlich die Grundschule abgeschlossen hatte, haben alle von uns gespannt bei der Aufnahmeprüfung auf ihn gewartet. Doch zu unserer Verwirrung kam er nicht. Schade! Er hatte sicher seine Beweggründe dafür.“ Die Geschichte des Meisters sorgte auch bei Lizzie für Verwirrung. Sie bedankte sich höflich mit einer kleinen Verneigung für die Erzählungen des Meisters und verabschiedete sich gleichzeitig damit.

Hashimoto war der Sitz des Wächters des Reiches des grünen Drachens. Trotz seiner Größe und seines Ansehens war es jedoch ein recht einfaches Dorf ganz im Westen des Landes. Die Landschaft war eine ruhige Idylle. Wiesen, Wälder und sogar die steingien Klippen strahlten in einem saftigen grün. Kleine Bäche durchzogen das ganze Land, die man über Steinbrücken überqueren konnte. Die Dorfbewohner lebten im Einklang mit der Natur, nicht überall war solch ein harmonischer Anblick vorzufinden. Lizzies Weg in das Zentrum des Dorfes führte sie an Hashimotos Waisenhaus vorbei. Während sie vertieft in ihrem Schulbuch daran vorbei schlenderte, wurde sie durch ein lautes Geheule aus ihren Gedanken gerissen. Ein kleines Mädchen saß auf der Erde vor dem Garten zum Waisenhaus. Da niemand in ihrer Gegenwart zu sehen war, nahm sie sich um das Kind an und hielt ihr ein Taschentuch vors Gesicht. „Na, meine Kleine, was ist denn passiert?“ Das Mädchen bemerkte erst jetzt Lizzies Anwesenheit und hörte abrupt zu weinen auf. Sie verschränkte ihre Arme und stellte sich stur. „Wenn du es mir nicht gleich erzählen willst, ich habe Zeit.“ Lizzie setzte sich ohne zu fragen neben ihr auf den Schotterweg hin und blickte ebenso wie sie in Richtung Straße. Einige Minuten vergingen in denen niemand sprach. Langsam fiel es dem Mädchen jedoch schwer, standhaft zu bleiben und sie versuchte einen flüchtigen Blick von dem Mädchen neben ihr zu erhaschen. Als Lizzie dies bemerkte und sich ihr zuwandte, zuckte sie in ihre verschränkte Haltung zurück. Lizzie reichte ihr wieder das Taschentuch. Etwas frech riss sie es ihr aus der Hand und schnupfte mit einem lauten Getröt hinein. „Na, willst du mir jetzt erzählen, was passiert ist?“ Schüchtern wagte sie sich zu antworten. „Die anderen Kinder wollen mich nicht mitspielen lassen. Sie mögen mich nicht besonders. Einer von ihnen hat mich sogar weggestoßen. Dann habe ich ihn gebissen. Dieser hat mich natürlich verpetzt und Mutter Oberin hat mich zum Nachdenken weggeschickt.“ Als sie das kleine, traurige Mädchen auf dem Boden sitzen sah, erinnerte sie das an Zuhause. Plötzlich sprang sie hoch und packte das Mädchen an ihrem Arm. „Was hast du vor?“, schrie sie die Kleine, die von ihrer Geste verwirrt war, an. „Was glaubst du denn? Wenn sie nicht wollen, dann spiele eben ich mit dir.“ Wieder brach das Mädchen in Tränen aus. Die kleine Rebellin war der Sonderfall im Waisenhaus. Ihre Eltern starben sehr früh an einer schweren Krankheit und sie wurde mit vier Jahren zur Waisen. Man hatte viel Zeit mit ihr verbracht, um diesen Verlust zu bewältigen. Doch sie neigte immer wieder zu Ausfälligkeiten und Reibereien mit den anderen Kindern. Die Schwestern im Waisenhaus hatten es nicht einfach mit ihr, sie mussten sich ja schließlich auch um die anderen Kinder kümmern. So wurde sie langsam zum Störfaktor und Außenseiter, denn nur so erhielt sie die nötige Aufmerksamkeit, die ihr fehlte. Doch nun war jemand gekommen, der sich wieder Zeit nahm, der über ihr Benehmen hinwegblickte und das verletzliche Kind sah. Lizzie bückte sich zu ihr nach unten und mit einem riesigen Grinsen im Gesicht strich sie ihr übers Haar. „Na, willst du mir nicht verraten, wie du heißt?“ Das kleine Mädchen wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und zeigte ihr schönstes Lächeln, das von nun an jede Woche durch das Waisenhaus strahlen sollte. „Peyton.“

Die nächsten Schultage vergingen in Windeseile. Lizzie versuchte sich im Unterricht zu öffnen und ließ sich von der abweisenden Art der Mitschüler nicht entmutigen. Sie blieb stets höflich und zuvorkommend, doch noch immer hatte niemand mit ihr gesprochen. Alle fanden die junge Schülerin sympathisch, umwerfend, aber jedem fehlte der Mut sich ihr zu öffnen, denn ihr Name sorgte noch immer für Einschüchterung. Die letzten drei Wochen waren intensiv und anstrengend, so dass Lizzie jeden Abend sofort ins Bett fiel und tief bis zum nächsten Morgen schlief. All das, was sie an der Grundschule erlernt hatten, war ein minimaler Bruchteil vom dem, was sie in dieser kurzen Zeit an Wissen erfuhren. Von Beginn der Zeit, weiter zur Einführung und Entwicklung des Kriegerkults, vom Kampfstil bis hin zur Strategie eines Angriffes hatte man sie die genauen Hintergründe und Details dazu gelehrt. Ja, sogar ihre Verbeugungen vor Erwachsenen, Ranghöheren, Wächtern und anderen Kriegern hatten eine genaue Vorgabe. Sie durfte nur soweit ausgeführt werden, dass sie ihr Gegenüber immer im Blick hatten, falls dieser aus dem Hinterhalt angreifen würde. So erkannten die Schüler schnell, dass es eine große Ehre, aber auch Herausforderung war, hier zu lernen. Das Treviom selbst erinnerte an einen alten Tempel, der zu einer Ausbildungsstätte umfunktioniert wurde. Die Lehrsäle waren nicht besonders groß, da die Aufnahmezahl an Schülern begrenzt war. Darin befand sich ein großer, alter Schreitisch mit einer Kreidetafel für die Lehrmeister, umringt von vielen kleinen Holztischen. Den Schülern wurden Bücher, Pergament, Federn und Tinte zur Verfügung gestellt, um sich genug Notizen während des Unterrichtes machen zu können. Das Treviom war ein gewaltiger Komplex, das auf einem eigenen Areal etwas außerhalb des Dorfes errichtet wurde. Nur Lehrkörpern, Mitarbeitern und Schülern war der Zutritt gestattet. Inmitten des Gebäudes befand sich der Hof, der für alle frei zugänglich war. Um das Treviom herum hatte man jedoch ebenso die Möglichkeit Plätzchen für sich alleine zu finden. Doch nicht nur Lehrsäle, sondern auch eine Bibliothek, verschiedene Übungsräume mit Hindernissen und sogar eine kleine Kampfarena befanden sich darin. Die Schüler hatten damit eine perfekte Stätte zum Ausbau ihres Könnens und Wissens. Rechts neben dem Treviom befand sich das Internat der Mädchen und links das der Jungs. Sie waren mit einem langen Korridor direkt mit dem Treviom verbunden. Jeder Schüler hatte sogar sein eignes Zimmer mit Ausblick, um so etwas Ruhe finden zu können. Als Lizzie nach dem heutigen Unterricht das Treviom verließ, fiel ihr die Geschichte von Meister Kamekura wieder ein. Elis Entscheidung war für sie unverständlich. Es schien, als wäre es der größte Wunsch des Jungen am Treviom zu studieren und dann als er zum Greifen nah war, griff er nicht zu? Wieso? Dann musste sie wieder herzhaft lachen, als sie an ihre erste Begegnung dachte. Er war ihr von der ersten Sekunde an mit seinem buntem Wesen sympathisch. Sie war der Meinung, dass sie gute Freunde geworden wären. Als die Strahlen der untergehenden Sonne auf Lizzies Gesicht fielen, ließ sie sich auf einer Steinbank, mit einem Buch sitzend, von dieser wärmen. „Na, fleißig am Lernen?“ Obwohl sie die Stimme nur einmal gehört hatte, wusste sie sofort, wem sie gehörte. Sie senkte ihr Buch und legte den Kopf zurück. Ein freudiges „Eli!“ lief ihr über die Lippen. Dieser lächelte sie frech an. „Hast du mich vermisst?“ Lizzie zögerte einen Moment mit ihrer Antwort. „Hmmm. Vielleicht?“ Mit Schwung setzte er sich auf den Platz neben ihr. „War mir klar. Ich weiß, dass ich solch eine Wirkung auf die Frauen habe.“ Lizzie kostete seine Bemerkung nur ein Lachen. „Hä? Lachst du mich etwa aus?“. „Das würde ich mich nie trauen, du Frauenheld.“ Dabei zogen sich ihre Lippen zu einem leichten Schmollmund. „Das will ich für dich hoffen.“ Dabei zog Eli eine komische Grimasse und plötzlich brach großes Gelächter aus. Als langsam wieder Ruhe einkehrte, wechselte Lizzie schlagartig das Thema. „Wieso bist du nicht zur Prüfung am Treviom angetreten?“ Eli war überrascht von ihrer Frage, doch seine Antwort blieb aus. „Ich weiß von Meister Kamekura, dass du nicht angetreten bist. Wieso nicht?“ Sie versuchte eine Antwort von ihm zu bekommen, doch Eli senkte nur den Kopf und blockte ab. Lizzie kniete sich vor dem Jungen hin und blickte ihm von unten in die Augen. „Komm schon. Sag es mir!“ Noch immer sagte er kein Wort. Wieder kam sie hoch und schubste ihn mit einem Zwinkern von der Seite an. „Ach, komm schon, erzähl es mir!“ Plötzlich traf sie sein ernster Blick. „Weil ich schon mein ganzes Leben lang ein Versager bin.“ Lizzie war von seiner Antwort überrascht und wusste nicht, was sie sagen sollte. „Ich bekomme nichts auf die Reihe. Ich wollte einmal ein großer Meister werden, doch das werde ich nie erreichen.“ Lizzie blickte in den Himmel und überlegte einen Augenblick bevor sie sprach. „Weißt du, eine weise Frau hat mir mal gesagt: Egal wie oft man auf seinem Weg hinfällt, wichtig ist nur, dass man wieder aufsteht und weiter macht.“ Lizzie versuchte Eli damit Mut zu machen. „Du verstehst das nicht“, antwortete er ihr schnippisch. „Dann erklär es mir?“ Lizzie ließ sich nicht abwimmeln und so begann Eli widerwillig zu erzählen. „In der Grundschule hatte ich mich für das Fach Kriegskunst, so wie neunzehn andere aus meiner Klasse, angemeldet. Meine Künste waren aber nicht auf den Niveau der anderen und deshalb hat man mir am Ende der Ausbildung ans Herz gelegt, dass ich meinen Weg hier als Krieger beenden soll. Sie meinten, es sei keine Schande und es gäbe so viele Berufungen, die ich ausüben kann. Ihr Rat traf mich hart, doch ich akzeptierte ihn. Weißt du, es war schon immer mein Traum ein Krieger zu werden. Ich wollte, seitdem ich denken kann, nichts anderes. Ich hab es ihr doch versprochen.“ Seine Augen spiegelten seine Enttäuschung wider. „Aber…“ Eli unterbrach Lizzie noch bevor sie den Satz zu Ende führen konnte. „Nichts aber. Ich habe versagt. Ich bin nicht wie sie.“ Lizzie starrte ihn verwirrt an, als er vor sich hin jammerte. Als er diesen Umstand bemerkte, klärte er die Situation auf. „Meine Eltern sind beide gestorben, als ich gerade mal ein Jahr alt war. Mein Vater kehrte von einem Auftrag zurück, als er das Dorf in Flammen vorfand. Es wurde von Banditen überfallen. Sie brannten einen Großteil der Häuser nieder. Doch diese Banditen waren keine gewöhnlichen Verbrecher. Meine Mutter konnte rechtzeitig entkommen und flüchtete mit mir in die Wälder. Jedoch tappte sie dabei in eine Falle. Meine Mutter war keine Kriegerin, sie war Kindergärtnerin. Trotzdem kämpfte sie tapfer und beschützte mich mit ihrem Leben. Als sich die Eindringlinge an mir vergreifen wollten, kam mein Vater und rettete mich aus den Fängen der Verbrecher. Er besiegte dreißig Mann ganz alleine, doch meine Mutter starb in seinen Armen. Er nahm mich und brachte mich zu meiner Großmutter in Sicherheit. Mein Vater machte sich wieder auf den Weg zu seinen Gefährten, um ihnen im Kampf zur Seite zu stehen. Als der Sieg fast zum Greifen nah war, zückte einer von ihnen einen Sprengkörper, dessen Kraft das ganze Dorf dem Erdboden gleich machen konnte. Mein Vater stellte sich ihm alleine und konnte die Explosion einkapseln. Er rettete damit das ganze Dorf, doch kam er bei der Explosion ums Leben. In dieser Nacht wurde mein Vater zu einem Held des Dorfes. Meine Großmutter erzählte mir die Geschichte jeden Abend bevor sie mich ins Bett brachte, damit ich sie und ihre Heldentat niemals vergesse. Sie gab mir die Kraft diese schwere Zeit zu überstehen und ermutigte mich jeden Tag meine Träume nicht aufzugeben. Als ich sieben Jahre alt war, erkrankte sie an einer schweren Lungenentzündung. Sie fiel dadurch in ein Koma. Als ich weinend an ihrem Krankenbett stand, gab ich ihr ein Versprechen. Ein Versprechen, dass ich meinen Eltern Ehre erweisen, Respekt ihnen gegenüber zeigen und sie stolz machen werde. Ich möchte für sie ein ebenso großer Held wie mein Vater werden und werde die Dorfbewohner mit meinem Leben schützen, so wie es meine Mutter für mich getan hat. Mein Traum ist es, wenn ich das vollbracht habe, dass man rufen wird: Das ist Eli Yamamoto, der größte Held des Dorfes Hashimoto!“ Eli hatte früh lernen müssen auf eigenen Beinen zu stehen. Er hatte seine Eltern früh verloren und sich, obwohl er noch so jung war, seit seinem siebten Geburtstag um seine schwerkranke Großmutter gekümmert. Da, wo andere einfach nur Kind sein konnten, musste er lernen, erwachsen zu werden. Vielleicht war dieser Umstand der Grund seines jetzigen Verhaltens. Seitdem hatte er sich vorgenommen ein Krieger zu werden, genauso wie sein Vater. Er wollte in seine Fußstapfen treten. Doch leider hatte er nicht seine Talente geerbt. Elis Vater war zu einer Legende des Dorfes geworden. Er war ein großer Meister und sein Name war sogar über die Grenze des Landes bekannt. Angetan von seiner Geschichte erhob sich Lizzie ruckartig. Dabei blickte sie ihm tief in die Augen. „Und was machst du dann noch hier?“ Elis Miene änderte sich schlagartig. Er wirkte nachdenklich. „Denkst du, dein Vater ist einfach nur dagesessen und hat gehofft, dass ihm sein Glück in den Schoß fällt? Nein, er ist aufgestanden und hat weitergemacht, ganz egal wie oft er hingefallen ist. Ja, du hast heute einen Rückschlag erlitten. Doch solltest du dich fragen, ob du in zehn Jahren an diesen Tag zurückdenken und dir sagen möchtest: Hätte ich damals doch nur den Hintern hoch bekommen! Oder möchtest du sagen: Das war der Beginn meines steinigen, jedoch erfolgreichen Weges zum Meister?“ Ihre Worte trafen ihn wie ein Blitz. Lizzie hatte ihm damit den nötigen Ansporn gegeben. Eli sprang sofort auf, umarmte Lizzie und schrie lauthals „Legen wir los!“

Der Tag der Prüfungssimulation war angebrochen. Jedes Reich richtete seine Ausbildung nach den alten Kampfkünsten des jeweiligen Landes. In den vier Nationen wurden andere Kampfarten und Waffentechniken an die neuen Generationen weitergegeben und am Treviom gelehrt. Jedes Reich hatte sich auf Grund seiner Kampfstile einen Namen gemacht. Das Reich des weißen Tigers war für seine erstaunlichen Nahkampfkünste bekannt, wogegen man sich im Reich der blauen Schlange auf den Fernkampf spezialisiert hatte. Die Krieger des Reichs des roten Phönix wurden für ihren geschickten Umgang mit Waffen aller Art verehrt und das Reich des grünen Drachen hatte einige kluge Taktiker unter sich und wies eine Vielzahl an Ausnahmekriegern auf. Einige Krieger aus den vier Ländern waren mit einer einzigartigen Kunst gesegnet. So stachen aus den Reichen außergewöhnliche Krieger hervor, die zu Legenden wurden.

Die Schüler des siebzehnten Jahrganges saßen angespannt auf ihren Plätzen vor dem Prüfungsraum. Sie wurden nacheinander in den Saal gebeten. Eli konnte vor Aufregung nicht ruhig sitzen. Lizzie versuchte ihn zu beruhigen und sprach ihm Mut zu. „Du wirst dort hineingehen, um eine Chance bitten und sie dann vom Hocker reißen.“ Alle hatten sich gewundert, was Eli bei der Prüfung machte, nun herrschte Klarheit. „Wer´s glaubt!“, schallte eine Stimme aus dem Hintergrund. Als Lizzie bemerkte, dass Jace es sich nicht verkneifen konnte, seine Meinung kund zu tun, sprang sie blitzartig auf und stellte sich ihm gegenüber. „Ich weiß nicht, was dein Problem ist und will es auch gar nicht wissen, aber du kannst dir deine Kommentare sparen!“ Ihr Tonfall schlug plötzlich um. Die anderen verkrochen sich auf ihren Plätzen, als sie Lizzies Worte vernahmen. „Er ist ein Versager, war er schon immer. Eli, kannst du dich nicht mal mehr selbst wehren? Muss deine neue Anstandsdame für dich sprechen?“ Eli und Jace konnten sich schon von klein auf nicht ausstehen. Jace machte sich immer über seine Fähigkeiten lustig und Eli ließ sich mit seiner großen Klappe nichts gefallen. So kam es das sich die beiden bei jeder Kleinigkeit immer und immer wieder in die Harre bekamen. Wegen Jace‘ arroganter Art platze Lizzie der Kragen und sie wurde immer lauter: „Du denkst wohl, du kannst dir alles erlauben! Was glaubst du denn, wer du bist? Und wenn du auch der Jahrgansbeste bist, gibt dir das noch lange nicht das Recht der größte Arsch der Welt zu sein. Und bevor du jetzt überlegst noch einen schlauen Spruch loszulassen, behalt ihn lieber für dich und warte wie alle anderen bis du an der Reihe bist!“ Jace sah Lizzie mit einem starren, verwirrten Blick an und wurde still. Die anderen Schüler konnten kaum glauben, was gerade passiert war. Niemand zuvor hatte es gewagt so mit Jace zu sprechen. Als Lizzie sich wieder setzte, wurde es ganz still im Raum. Die Prüfung war fast vorbei, nun war Elis Chance gekommen. Als alle Schüler an der Reihe waren und sich die Lehrmeister zur Beratung zogen, klopfte Eli zögerlich an der Tür zum Prüfungsraum. Ein leises „Ja, bitte?“ war zu hören. Nun war Elis Chance gekommen. Nun durfte er nicht versagen. Nun ging es um alles oder nichts. Er atmete ein letztes Mal tief durch, bevor er hinter der großen Pforte verschwand.

„Warum sollten wir dir eine zweite Chance gewähren? Du hättest dich wie alle anderen bewerben können. Ein Krieger muss zuverlässig sein, muss oft blitzschnell wichtige Entscheidungen treffen können. Denkst du, dass deine Tat dafür spricht?“, wies Meister Kamekura Eli zurecht. „Ich kann Ihre Bedenken verstehen.“ Demütig senkte er dabei den Kopf. Die Worte der Prüfer begannen Eli zu verunsichern. Wieder war die Angst zu versagen größer als sein Mut. Er war dem Scheitern nah. „Eli, mein kleiner Schatz, wir Yamamotos geben nicht auf.“ Die Worte seiner Großmutter schwirrten durch seinen Kopf, ließen ihn sein Versprechen nicht vergessen und er schöpfte dadurch wieder Mut. Er war nicht der Mensch, der aufgab. Das passierte ihm genau einmal und er wollte es nie wieder zulassen. „Hatten Sie noch nie einen Traum? Einen Traum, für den sie bereit sind alles zu tun? Ich weiß, ich bin nicht der beste, der klügste oder der talentierteste Krieger in Hashimoto, aber ich bin sicher der Krieger, der es am meisten will. Und deshalb bin ich hier. Auch wenn ich versage, werde ich mir eines nicht vorwerfen können: aufgegeben zu haben.“

Am nächsten Morgen versammelten sich die Schüler wieder in ihrem Lehrsaal. Alle waren eingetroffen, doch jemand fehlte: Lizzie. Meister Kamekura begann bereits mit dem Unterricht, als Lizzie ins Zimmer stürmte. „Entschuldigen Sie die Verspätung, Meister Kamekura. Die Sekretärin des Leiters des Trevioms wollte noch einige Unterlagen von mir für die Schülerakte.“ Er nickte und bat sie auf ihren Platz neben ihrem neuen Kameraden. Eli hatte es geschafft. Er hatte die Meister überzeugt und eine zweite Chance erhalten, die er unbedingt nutzen wollte. „Liebe Schüler, ich möchte hiermit dem ganzen Jahrgang zur ersten Prüfungssimulation gratulieren. Von nun an wird sich der Unterricht ändern. Der Hohe Orden der Meister hat sorgfältig die Teilnehmer bei den Prüfungen beobachtet und die Teams nach Leistung, Können und Fähigkeiten zusammengestellt und den dafür geeigneten Lehrmeister für eure Ausbildung ausgewählt.“ Plötzlich räusperte sich jemand aus der ersten Reihe und eine tiefe Stimme meldete sich zu Wort: „Meister Kamekura, wäre eine Änderung der Gruppen noch möglich?“ Der Meister war neugierig geworden über die Aussage seines Schülers. „Nein Jace, die Konstellationen stehen fest. Wieso fragst du, mein Junge?“ Seine Antwort war für den Schüler enttäuschend. „Schade. Dann muss ich wohl hoffen, dass unsere Neue in meine Gruppe gewählt wurde“, bekrittelte er. Seine Mitschüler und der Meister starrten Jace verwundert an. Dieser bat Jace mit einer kurzen Handbewegung um Erklärung. „Um das Dorf Koshiro werden viele Geschichten erzählt, doch niemand kennt die ganze Wahrheit. Gerüchten zufolge wird in diesem Dorf nur den Besten der Besten die Möglichkeit einer Ausbildung zur Kriegerin gewährt und angeblich können auch nur Frauen diese Chance ergreifen. Die Kinder des Dorfes werden bereits mit sechs Jahren einer harten Ausbildung unterzogen. Doch wer diese schafft, wird in die tiefsten Geheimnisse des Dorfes eingeweiht. Laut Erzählungen sind einige wenige Kriegerinnen bereits im zarten Alter von zehn Jahren schon so mächtig, wie manche Meister der anderen Länder. Nun, ich würde ganz gerne sehen ob diese Gerüchte der Wahrheit entsprechen.“ Die Schüler verstummten und richteten ihre Blicke auf ihre neue Kameradin. Wie schon von Beginn an waren sie von den Gerüchten über die Koshirokriegerinnen eingeschüchtert. Diese wurden für ihr angebliches Können verehrt, aber auch auf eine gewisse Art und Weise gefürchtet, ebenso wie Lizzie von ihren Mitschülern - von allen außer von Eli und Jace. Ihre Blicke wanderten von ihm zu Lizzie, die sie genau im Visier hatte. Ihr Gesicht war auf den Boden gerichtet, doch jeder konnte ihre ernste Miene durch den ganzen Raum spüren. Als Meister Kamekura einwenden wollte, meldete sie sich mit einem leichten Schmunzeln im Gesicht zu Wort. „Du willst also gegen mich kämpfen, wenn ich das richtig verstanden habe? Herausforderung angenommen. Wir Koshirokriegerinnen haben uns noch nie vor einem Kampf gedrückt.“ Die Schüler waren sprachlos und die Anspannung der beiden war zu spüren. „Ich finde eure Begeisterung bewundernswert und ihr werdet noch genug Zeit haben eure Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Doch würde ich gerne mit dem Verlesen der Teamzusammenstellung beginnen“, unterbrach der Meister die hitzige Diskussion der beiden. Nach und nach wurden die Gruppen verlautbart, bis nur noch acht Schüler übrig waren. Lizzie hatte in ihrem Augenwinkel Jace immer im Blickfeld. Obwohl sie ihn nicht leiden konnte, war er der Erste, der sich nicht von ihrem Namen beeindrucken ließ und dies rechnete sie ihm auf eine eigene Art positiv an. „Kommen wir zu den letzten zwei Einheiten. Das Team von Meister Ethan Hoshide. Die Mitglieder sind Eli Yamamoto, Alice Nishimura, Jace Aoki und Elizabeth Koshiro. So, Jace, deine kleine Einführung hättest du dir sparen können, denn nun kannst du dir selbst ein Bild von deiner neuen Kameradin machen.“ Lizzie ignorierte die Tatsache, dass sich Jace für sie interessierte. Sie und Eli waren begeistert, dass sie es gemeinsam in ein Team geschafft hatten. „Das gehört gefeiert, das heutige Abendessen geht auf mich!“, lachte er vor Freude. „So, meine Lieben, das war es für heute. Ihr werdet noch einige Theorieeinheiten am Treviom absolvieren, bevor euch der erste Praxisunterricht erwartet und ihr eure anderen Lehrmeister kennenlernt. Denkt bei den praktischen Übungen daran, was ihr im Unterricht gelernt habt. Jedoch vergesst nie: Theorie und Praxis gehen nicht immer im Einklang miteinander. Viele Herausforderungen und noch schwerere Prüfungen warten jetzt auf euch, denn auf das, was draußen passiert, kann euch kein Unterricht vorbereiten. Hört gut auf eure Anführer und knüpft ein starkes Band mit euren Teamkameraden. Hiermit möchte ich mich bei euch verabschieden.“ Mit diesen Worten beendete Meister Kamekura den heutigen Unterricht. Er war gespannt, von welchen Abenteuern seine Schüler ihm schon bald berichten würden.

Als der Unterricht zu Ende war, gingen Eli und Lizzie wie versprochen abendessen. Beide waren gespannt, wie ihr zweiter Meister sein würde. Um ihn kursierten die wildesten Gerüchte. Er war als ruppiger, verschlossener und kühler Zeitgenosse bekannt, jedoch sollte er ein außergewöhnlicher Krieger sein, der im Dorf für seine Taten sehr geschätzt wurde. Der Leiter des Trevioms wollte ihn schon seit Jahren als Ausbildner für sich gewinnen, doch dieser lehnte den Job immer und immer wieder ab. Nun sollte er sich unerwartet doch dafür entschieden haben. Diese Tatsache bereitete Eli doch etwas Sorgen. Selbst wenn die Schüler alle Prüfungen am Treviom bestanden, konnten ihre Lehrmeister jederzeit die Gruppe auflösen, sollten sie seiner Meinung nach nicht den Weg eines Kriegers bestreiten können. Trat dies in Kraft, wäre die Ausbildung und ihr Traum ein Krieger oder eine Kriegerin zu werden vorbei. Deshalb legte man besonders viel Wert auf die Auswahl der Lehrmeister. Auch die Tatsache, dass Jace mit ihnen in einem Team war, machte die Situation nicht freudiger. Um deshalb nicht weiterhin Trübsal zu blasen, wechselte Eli das Thema. „Lizzie, eine Frage hätte ich da doch noch. Stimmt das, was Jace heute von sich gegeben hat?“ Eli hatte die Geschichten über die Koshiros zuvor noch nie gehört. Er war nach der Diskussion neugierig geworden, jedoch wirkte er bei der Frage kleinlaut, ja gar schüchtern so wie alle anderen. Lizzie begann zu grübeln. „Weißt du, wenn ich dir das erzählen würde, müsste ich dich töten“, und begann dabei herzhaft zu lachen. Elis Blick wirkte für einen kurzen Moment ängstlich. Doch als er endlich verstand, dass es sich um einen Scherz handelte, kam ihm ein kleines, jedoch skeptisches Lächeln über die Lippen. Sie saßen noch einige Zeit plaudernd da und langsam ging der Abend zu Ende.

Eli lag im Bett und konnte kein Auge zu machen. Er war aufgeregt. Nun musste er endlich sein Können unter Beweis stellen, um seinen Traum in die Wirklichkeit umzusetzen. Dann dachte er an Lizzie, wie sie ihn in den letzten Tagen ermutigt hatte nicht aufzugeben. Obwohl sie sich kaum kannten, verstanden sich die beiden auf Anhieb. Noch nie zuvor hatte er solch einen Menschen kennengelernt. Noch nie hatte er jemanden, der sich für ihn interessierte und sich mit ihm unterhielt. Er war froh, dass sie an seiner Seite war. Plötzlich schweiften ihm Jace‘ Worte in seine Gedankenwelt. War es wirklich wahr, was er gesagt hatte? War sie wirklich so mächtig? Er wusste gar nichts von ihr oder ihrer Vergangenheit. Wenn Jace‘ Erzählungen wirklich der Wahrheit entsprachen, wie sollte er da jemals mithalten können? Würde sie auch noch an seiner Seite bleiben, wenn er keine Fortschritte machte? Seine Gedanken stifteten Chaos in seinem Kopf und grübelnd schlief Eli langsam ein.

Einige Tage am Treviom vergingen. Vieles hatte sich über die Jahre verändert, die Lehrmethoden, die Ausbildung selbst. Die vier mächtigen Krieger, die als glorreiche Sieger aus der großen alten Schlacht hervorgingen, gründeten die Reiche und förderten den alten Kriegerkult zur Sicherung des Friedens. Das Sein eines Kriegers, das seit Anbeginn der Zeit Bestand hatte, wurde vom ersten Commander zum Schutz seines Volkes ausgerufen. Ein Krieger zu sein, sollte mehr als ein Beruf sein, es sollte zur Lebensaufgabe eines Menschen werden und dieser durften auch nur Männer folgen. Man hielt Frauen für zu schwach, zu mitfühlend für diese Aufgabe. Erst die vier großen Wächter erkannten, dass auch Frauen sich als wahre Krieger erweisen konnten, manchmal oft mehr als ein Mann. Jedoch blieb die Dominanz des Kriegerkults eher bei den Männern. Auf die Frage was ein Krieger tat, was ihn ausmachte, wofür er kämpfte, lebte und starb, hatte der Commander eine klare Vorstellung, die er seinen Nachkommen lehrte und in Schriften festhielt. Diese Zusammentragungen seiner Vorstellungen und Weisheiten aus vergangenen Zeiten unterteilte er in drei Werke: das erste Buch – Lernen; das zweite Buch - Entscheiden und das dritte Buch – Wachsen. In ihnen wurde verdeutlicht was oder wer der Mensch hinter dem Krieger war: von seiner Geburt an, über seine Ausbildung, die weiteren Schritte, bis hin zu seinem letzten Atemzug. Über die vielen Jahre gerieten die Worte des Commanders langsam in Vergessenheit, nur wenige trugen diese weiter. Manche lehnten diese Wege irgendwann in ihrer Laufbahn völlig ab und wurden zu Verrätern, zu herrenlosen Kriegern. In allen Dörfern wurde die Kunst eines Kriegers anders gelehrt. Früher setzte man die Entscheidungen einer Strategie, eines Auftrages, sogar eines Kampfes auf einzelne Männer. Sie wurden zwar ebenso ausgebildet, jedoch war es eher ein Kräftemessen zwischen den Einzelnen. Die große Schlacht hatte jedoch gezeigt, dass Zusammenhalt größere Ergebnisse erzielen konnte. Deshalb warf man die alten Lehrmethoden um und führte ein neues System mit Gruppen ein, das bis heute Fortbestand hatte. Zusammenhalt wurde seitdem her in den Methoden verankert und dieser stand auch an erster Stelle der Ausbildung der Schüler des siebzehnten Jahrganges. Verstand und Wissen war das Thema der Unterrichtseinheiten am Treviom, denn sie waren genauso scharfe Waffen wie Messer und Schwert. Ebenso mussten sie den Ehrenkodex der Krieger verinnerlichen, an den alle bedingungslos gebunden waren. Dieser enthielt die Tugenden, die ein Krieger besitzen musste: Treue, Mut, Menschlichkeit und Ehre. Sie bilden die Basis des Lebens eines Kriegers. Würde diese nicht vorhanden sein, war der Weg zu Ende.

In dem neuen Jahrgang hatte sich in den paar Tagen seit Beginn nicht viel geändert. Die Schüler waren in ihren alten Gruppen unterwegs und gegenüber Lizzie verhielt man sich noch immer distanziert, außer Eli. Langsam ging die Stunde zu Ende und die Glocke läutete die Pause ein. Wie in jeder Pause im Sommer begaben sich die Schüler in den Garten des Trevioms. Wie immer hatten sich alle im ganzen Hof in den üblichen Gruppen verteilt. Doch heute war etwas anders. Die drei Jungs aus Lizzies Jahrgang, die sie so oft von der Ferne beobachteten, hießen sie herzlich willkommen und baten ihr einen Platz in ihrer Mitte an. Nach Tagen der Überwindung hatten sie sich endlich dazu durchgerungen. Bevor sie antworten konnte, sah Lizzie Eli ganz alleine im Gras sitzen, daher lehnte sie das Angebot der drei freundlich ab und machte sich zu ihm auf den Weg. „Hallo, darf ich mich zu dir setzen?“ „Aber natürlich.“ Er war erleichtert zu sehen, dass sich Lizzie nicht von ihm abwendete. Sie packte ihr Mittagessen aus und bat ihm ein Stück davon an. Eli griff zögerlich zu und bedankte sich. Er hatte noch nie zuvor etwas so Leckeres gegessen und stieß deshalb ein „Wow, das ist ja köstlich“ hervor. Lizzie begann herzhaft zulachen. Elis Blick wirkte darüber verwirrt und er zog den Kopf dabei ein. Leise begann er vor sich her zu stammeln: „Darf ich dich etwas fragen?“ „Aber klar doch.“ „Wieso bist du so nett zu einem Außenseiter wie mir? Und wieso suchst du nicht wie alle anderen die Aufmerksamkeit von Jace?“, fragte er zögerlich. Lizzie blickte zu Jace, der umringt von Mädchenschwärmen auf seinem üblichen Fleck Platz genommen hatte und überlegte kurz. „Bevor du kamst, war ich auch ein Außenseiter und die müssen doch bekanntlich zusammenhalten. Und außerdem: Warum sollte ich jemanden mit ernster Miene dem wohl sympathischsten Jungen, den ich je gesehen habe, vorziehen?“ Als sie sprach, strahlte sie ihn dabei an. Eli war verlegen von Lizzies Worten. Er wechselte sofort das Thema und fing an seine besten Witze von sich preiszugeben. Die beiden amüsierten sich köstlich und ihr Lachen hallte durch den ganzen Hof. Schon lange hatte es im Treviom solch einen Anblick nicht mehr gegeben. Alle Blicke waren deshalb auf die zwei gerichtet. „Ich kann gar nicht verstehen, warum sich Lizzie mit dieser Knalltüte abgibt“, sprach Nathan verärgert zu den anderen. „Hmmmm. Vielleicht hat unsere Neue auch nicht alle Tassen im Schrank?“, warf Lexie ein, als sie das Gespräch der Jungs mithörte. Alle schüttelten nur ratlos den Kopf und gingen verwirrt zurück ins Gebäude.

Endlich war Stille in Hashimoto eingekehrt. Die Uhr schlug Mitternacht, als ein leises Knacksen die junge Koshirokriegerin aus dem Schlaf riss. Ein Fremder war in ihr Zimmer in den Quartieren des Trevioms eingedrungen. Dieser war maskiert und schlich sich an das Bett des Mädchens heran. Als er nah genug war um nach ihr zu greifen, öffnete sie blitzartig die Augen und überwältigte ihn. „Was willst du? Haben sie dich geschickt?“ Sie zog seinen rechten Arm nach oben und drückte mit ihrem linken Knie gegen den Rücken des Fremden, um ihn so am Boden festzuhalten. „Nicht schlecht, Kleine, aber so einfach mache ich es dir nicht!“ Schlagartig konnte er sich befreien. Die beiden umkreisten sich und jeder wartete ruhig den nächsten Schritt des anderen ab. Doch plötzlich tat der Angreifer etwas Unerwartetes. Er ergriff die Flucht und floh durch das Fenster, durch das er gerade eingedrungen war. Ohne zu zögern, folgte Lizzie ihm. Ihre Verfolgungsjagd führte sie über die Holzdächer des Dorfes. Die Geschwindigkeit, die sie an den Tag legte, beeindruckte ihn. Sie verfolgte den Mann durch ganz Hashimoto. Irgendetwas kam Lizzie an der Situation merkwürdig vor, denn niemand der Wache hatte ihren Kampf bemerkt. Doch bevor sie genauer darüber nachdenken konnte, wurde sie von einem Sprengkörper aufgehalten. Sie konnte diesem knapp ausweichen, wurde jedoch von der Druckwelle zur Seite geschleudert. Lizzie landete unversehrt hockend am Boden. Als sich die Rauchschwade verzog, hatten sich vier weitere maskierte Männer um sie herum versammelt. Plötzlich wurde es ganz ruhig, so ruhig wie ihre Bewegungen, wie ihr Atem. Langsam schloss sie die Augen. Ein letztes Mal atmete sie tief durch, bevor sie sich den Kampf widmete.

Endlich war der erste Praxistag angebrochen, nun würde die Gruppe endlich ihren persönlichen Lehrmeister kennenlernen. Auf Grund der anstrengenden und vielen Unterrichtseinheiten hatten sie kaum Zeit sich in ihrem Team auszutauschen. Sie hatten von ihren Meistern Informationen erhalten, wo und wann sie sich mit ihnen treffen würden. Meister Hoshide wählte einen Platz an einer kleinen Waldlichtung am Ende des Dorfes aus. Als Lizzie kam, waren die anderen drei dort bereits eingetroffen, nur von ihrem Meister war weit und breit keine Spur zu sehen. Als sie Elis blaue Flecken und Schrammen überall wahr nahm, hatten sich ihre Vermutungen bestätigt. Nicht nur sie wurde gestern überfallen. Doch niemand verlor ein Wort über die Nacht. Die Minuten vergingen und niemand kam. Das neuformierte Team saß nur da und niemand wagte es ein Wort zu sprechen. Plötzlich landete eine Taube auf Alice‘ Schoß. Sie begann laut zu schreien: „Nehmt sie weg!“ Als sie sich bewegte, bemerkte Lizzie ein Stück Papier am rechten Fuß des Tieres. „Halt kurz still, sie hat eine Nachricht gebracht.“ Sie ging auf den Vogel zu und entfernte die Nachricht vorsichtig von seinem Bein. „Das ist eine Nachricht von Meister Hoshide“, verkündete sie ihren Kameraden.

Liebe Schüler,

Es tut mir leid, dass ich euch bei unserem ersten Treffen versetzten muss. Jedoch hat mir der Wächter eine wichtige Aufgabe zugeteilt und dieser Bitte nicht nachzugehen, wäre ein Verstoß gegen die Gesetze unseres Dorfes. Da ihr trotzdem heute zusammengekommen seid, um uns kennenzulernen, erteile ich euch folgenden Auftrag. Nutzt die Zeit und erzählt euren neuen Kameraden einige persönliche Dinge über euch, wie z.B. was ihr für Ziele anstrebt, was ihr mögt oder was euch noch so einfällt. Wir treffen uns morgen um 13:00 Uhr nach dem Unterricht am gleichen Ort. Vergesst nicht, eure Ausrüstung mitzunehmen.

Meister Hoshide

Ärger machte sich in den Gesichtern der Schüler bemerkbar. Jace erhob sich von seinen Platz, um die Gruppe zu verlassen. „Was machst du da?“, schrie ihm Lizzie hinterher. „Ich hab echt keine Lust mit euch zu plaudern. Da hab ich eindeutig etwas Besseres zu tun!“, maulte er zurück. „Halt!“, rief sie noch lauter. „Dein Meister hat dir einen Auftrag erteilt und den hast du zu befolgen.“ Die anderen beiden bekräftigten ihre Aussage mit einem zustimmenden Nicken. Jace zögerte einen Moment, setzte sich letztendlich gelangweilt wieder auf seinen Platz. „Lizzie hat Recht. Wir müssen den Auftrag erledigen, deshalb fang ich mit der Vorstellungsrunde mal an“, sprach Eli enthusiastisch. „Mein Name ist Eli Yamamoto. Ich mag gute Geschichten und will einmal der größte Held des Dorfes werden.“ Als Jace das hörte, belächelte er ihn nur und warf Eli einen abwertenden Blick zu. Dieser drehte sich mit geballter Faust um. „Ich werde es dir schon zeigen, Blödmann!“ „Da bin ich aber gespannt“, antwortete Jace mit einem arroganten Grinsen im Gesicht. „Hey Jungs, könnt ihr euch einmal benehmen?“, kritisierte Lizzie die beiden. Auf einmal meldete sich Alice das erste Mal zu Wort, um die Diskussion zu unterbrechen. Sie war ein schüchternes, unsicheres Mädchen mit rehbraunen Augen und braunem, schulterlangen Haar. „Dann bin wohl ich an der Reihe. Mein Name ist Alice Nishimura, ich mag den Duft von Flieder und ähm, naja.“ Auf einmal wurde sie knallrot, als sie bemerkte, dass sie alle ansahen. Plötzlich wurde sie still. Lizzie bemerkte die für Alice unangenehme Situation und lenkte sofort vom Thema ab. „Na, Jace, möchtest du jetzt nicht etwas von dir erzählen?“ Widerwillig antwortete er: „Ihr kennt meinen Namen und mehr hat euch nicht zu interessieren. Ich bin hier um was zu lernen und nicht um zu plaudern.“ Sein Desinteresse war für alle anderen einfach nur nervtötend. Um die Stimmung etwas zu lockern, hakte Lizzie ein. „Dann fehle ja nur mehr ich. Ich bin Lizzie Koshiro. Ich freue mich hier zu sein, um in eurem Dorf meine Ausbildung fortzuführen.

Ich mag den Duft von frischgemähtem Gras und den Geruch nach heftigen Regenfällen. In meiner Freizeit lese ich bis zum Umfallen gerne Bücher, weil man mit ihnen an die entlegensten Orte reisen kann, und zwar wann, wie und wohin man will. Mein Ziel ist es, irgendwann frei zu sein. Wie ein Vogel und einfach dorthin zu gehen, wohin mich der Wind trägt.“ Plötzlich wurde es still. Lizzie blickte in den Himmel. Sie war davon wie hypnotisiert. Mit ihren verträumten Augen zog sie sogar Jace‘ Aufmerksamkeit auf sich. Als Lizzies Gedanken wieder zurück in die Gegenwart kehrten, saß die Gruppe wieder wortlos da. „Ich denke wir haben jetzt die Aufgabe vom Meister erfüllt, dann kann ich ja gehen, um nicht noch mehr Zeit zu verschwenden“, maulte Jace. „Du Blödmann, was glaubst du denn eigentlich wer du bist? Du hast die Übung doch nicht einmal mitgemacht und jetzt haust du ab?“ Eli konnte Jace einfach nicht ausstehen. Sein negatives Verhalten machte ihn rasend. Doch dieser fand es nicht mal die Mühe wert ihm zu antworten. „Hey, ich rede mit dir!“ Als Eli ihn angreifen wollte, verspürte er einen kurzen Schmerz in der Magengegend. Lizzie hatte ihn mit ihrer Hand zurückgehalten, bevor er etwas Dummes anstellen konnte. „Lass mich! Ich werde ihm eine Lektion verpassen.“ „Lass ihn gehen.“ Ihr Blick war dabei ernst, doch strahlte er trotzdem dabei völlige Ruhe aus. Als Jace bemerkte, dass Lizzie sich eingemischt hatte, blieb er plötzlich stehen. „Sei froh, dass sie dich aufgehalten hat. Du hättest keine Chance gegen mich.“ Seine Worte brachten Eli zum Schäumen. „Eli, lass dich nicht von ihm provozieren. Er ist den Ärger nicht wert“, versuchte Lizzie die brisante Situation zu entschärfen. „Du solltest lieber auf sie hören.“ Jace schwieg einen Moment. „Es gibt hier nur eine Person, die mich besiegen kann.“ Obwohl er sich nicht umdrehte, war jedem bewusst an wen sich seine Worte richteten. Jedoch sorgten diese für Verwunderung, denn das erste Mal hatte er eine Schwäche gegenüber einem anderen Schüler zugegeben. Niemand im Treviom hatte es geschafft ihn bei einer Kampfeinheit zu schlagen, selbst die älteren Jahrgänge nicht. Er war ein außergewöhnlich talentierter junger Krieger. Plötzlich riss sich Eli frei. „Dieses Mal bin aber ich dein Gegner!“ Eli hatte sich so oft von ihm beleidigen lassen und jedes Mal hatte er sich so gut es ging zurück gehalten. Er hatte sich vorgenommen zu warten bis sie sich in einem richtigen Kampf gegenüberstanden. Doch nun konnte er sich nicht zügeln. Eli sprang mit geballter Faust auf Jace zu. Dieser drehte sich blitzartig um und stieß ihn mit nur einem Schlag zu Boden. Bevor Eli sich erheben konnte, war Jace bereits über ihm und drückte ihn mit seinem Fuß zu Boden. „Lass es lieber sein.“ Er versuchte Eli damit zu stoppen. „Nein, ich gebe nicht auf!“ Er wollte sich nicht mit dem Gedanken abgeben, dass er schwächer war. Jace kniete sich zu ihm auf die Erde. „Nun, du willst es ja nicht anders.“ Dabei erhob er die Hand, um auf ihn einzuschlagen. Doch plötzlich wurde er gestoppt. Jemand hielt seinen Arm fest. Sie war so schnell, dass Jace nicht mal bemerkte, was sie vorhatte. „Genug jetzt!“ Lizzie konnte den beiden nicht mehr zusehen. Es reichte ihr. Das Benehmen der zwei war für sie unerträglich. Jace schlug seine Hand frei. Als er aufstand, sah er dabei Lizzie tief in die Augen. Man konnte die Anspannung zwischen den beiden spüren. Sie wussten genau, dass irgendwann der Tag gekommen war, wo sie sich im Kampf gegenüberstehen würden, um herauszufinden, wer der bessere von ihnen war. Eli war wütend, dass Lizzie ihn aufgehalten hatte. „Wieso mischst du dich ein? Das war mein Kampf und der geht dich nichts an!“ „Halt den Mund!“, wies ihn Jace zurecht. Lizzie war überrascht, dass er sie verteidigte. „Sie hat dir gerade den Arsch gerettet. Wie ich gesagt habe, sie ist die Einzige, die mich aufhalten kann.“. Als Jace den Ärmel seiner Kleidung nach oben schob, kamen vereinzelte blauen Flecken zum Vorschein. „Wir wurden gestern alle getestet. Sieh dich nur an! Dein ganzer Körper ist von blauen Flecken und Kratzern übersät. So sieht mein Arm aus. Und nun sieh sie dir ganz genau an.“ Eli wurde aus seinen Worten nicht schlau, doch als er Lizzie genau beobachtete, sah man den Schock in seinen Augen. „Verstehst du es jetzt endlich?“ Lizzies Körper war fast unberührt. Nur ab und zu war ein dunkler Fleck zu sehen. Niemand konnte sich vorstellen, welches Ausmaß an Kraft ihre Kameradin besitzen musste und welchen Ausgang der gestrige Abend genommen hatte. Es schien als wäre jedes einzelne Wort über die Koshirokriegerinnen wahr. Als die erschrockenen, eingeschüchterten Blicke von Alice und Eli sie trafen, war es wie ein Urteil, das über Lizzie fiel und sie lief einfach davon. Ihr unerwartetes Benehmen machte jedoch die Situation nicht besser. Durch die Verwirrung, die Jace‘ Worte stifteten, hielt sie die beiden nicht auf. Denn die Tatsache, dass sich hinter solch einem Lächeln eine Gewalt an Kräften verbergen könnte, hätte niemand vermutet.

Langsam zog die Dämmerung ins Land. Um sich von dem heutigen Tag abzulenken, schlenderte Lizzie mit einem Buch in der Hand durch das Dorf. Heute waren die Straßen regelrecht überfüllt, doch nichts konnte sie aus ihren Gedanken reißen, wenn sie sich über ein Buch stürzte. Sie ging teilnahmslos durch die Menschenmengen, so als wäre niemand außer ihr hier. Ein Junge, der am Tresen einer Schenke saß, nahm Lizzie in der von Menschen überströmten Straße wahr. Er war von ihrem vertieften Anblick neugierig geworden. Sie ging weiter und weiter, bis zum Ende des Dorfes. Lizzie hatte von Hashimoto noch nicht allzu viel gesehen, doch als sie an den Klippen ankam, riss dieser Anblick sie aus ihren gefesselten Gedanken. Noch nie zuvor hatte ein Ort solch eine magische Wirkung auf sie. Die letzten Sonnenstrahlen färbten den Himmel in ein helles Orange mit dunkelroten Schatten und eine warme Brise durchzog ihren ganzen Körper. Sie setze sich auf das weiche Gras und genoss den Moment des Sonnenunterganges. Lizzie schloss die Augen und lauschte dem Flüstern des Windes. Schon lange nicht mehr hatte sie solch einen Augenblick erleben dürfen und deshalb strahlte ihr Lächeln noch heller als sonst. Jace, der Lizzie von der Schenke aus bis hierhin gefolgt war und sich im Hintergrund versteckt hielt, war wie gefesselt von dem magischen Anblick. Dieses Bild erinnerte ihn an seine Mutter, denn schon damals hatte er nie verstanden, wie solch eine Einfachheit eines Momentes die Zeit still stehen lassen konnte.

„Was soll ich nur mit ihr machen, Lia?“. Die Kriegerin aus Koshiro schüttelte nur den Kopf über das Benehmen ihrer Tochter. „Sie ist wie du, immer auf der Suche nach einem Abenteuer, mit dem Blick nach vorne gerichtet, um ihre Träume zu verfolgen. Wir waren doch auch nicht anders als wir Kinder waren.“ Ein Schmunzeln überkam die Kriegerin. Sie wusste, dass ihre Freundin recht hatte. Ihre Tochter war wie sie - ein Freigeist, eine Träumerin.

Nach der heutigen Unterrichtseinheit trafen die vier Gefährten erneut am vereinbarten Treffpunkt ein, doch schon wieder war weit und breit keine Spur vom Meister zu sehen. Noch bevor einer von ihnen ein Wort sagen konnte, hörten sie eine Stimme aus dem Wald rufen. „Hallo, meine Schüler, seid ihr auch endlich eingetroffen?“ Ein gutaussehender, großer und muskulöser Mann mit kurzem, aufgestelltem, schwarz und weiß meliertem Haar und stechend grünen Augen sprang von einem Baum am Rande des Waldes. Sie waren von seiner plötzlichen Anwesenheit überrascht. „Ich bin euer neuer Meister, Ethan Hoshide.“ Noch immer verblüfft schwenkte Lizzie ein und begrüßte den Meister. „Ich bin kein Mann der langen Reden, deshalb möchte ich gleich zum Punkt kommen. Wir werden in nächster Zukunft sehr viel Zeit miteinander verbringen und daher möchte ich folgendes festhalten. Ich werde diese Zeit nutzen, um eure Fähigkeiten zu testen und zu verbessern. Ich werde euch Kampfkünste lehren, die jenseits von dem liegen, was ihr in der Grundschule gelernt habt, um euch somit auf den Echtkampf vorzubereiten. Mein Training wird hart und anstrengend sein, aber wer einmal in den Rang eines Meisters erhoben werden möchte, muss täglich dafür arbeiten. Wenn wir zu einem Auftrag geschickt werden, befolgt ihr meine Befehle ausnahmslos. Ich werde euch helfen, euch unterstützen, jedoch akzeptiere ich niemanden in meinem Team, der aufgibt. Und wenn wir schon beim Thema Team sind: Das ist meine wichtigste Aufgabe - euch dazu zu bewegen, eines zu werden. Denn nach dem, was ich gestern gesehen habe, sind wir davon meilenweit entfernt.“ Mit seinem Vortrag versuchte der Meister seine Schüler einzuschüchtern, was ihm gelang, denn diese hatten regungslos vor ihm Platz genommen. „Überrascht? Ja, ich habe euch gestern beobachtet und die Vorstellung, die sich mir geboten hat, war furchtbar. Deshalb möchte ich euch gleich eine erste Lektion erteilen. Egal, was passiert, ihr seid da draußen nichts ohne euer Team. Die Welt da draußen ist anders als ihr es euch vorzustellen vermögt. Wenn ihr in einer aussichtlosen Situation steckt, verwundet seid oder noch Schlimmeres, müsst ihr auf euer Team blind vertrauen können. Und bei dieser Lektion kann ich euch nicht unterstützen. Das ist die einzige Kunst, die ich euch