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Das vorliegende Werk ist die Fortsetzung des Romans "Krabat oder Die Verwandlung der Welt". Krabat mit seinem Wanderstab, der einmal ein Wunderstab gewesen war, und der Müller mit der Trompete machen sich erneut auf, das Land Glücksland zu suchen. Es liegt hinter den Bergen der Hoffnung und jenseits der Wüste Fata Morgana. Was sie dabei vorfinden, macht Krabat "krank an der Seele". Sein Wanderstab verlernt das Wundern und Jakob Kuschks Trompete vergisst die Fröhlichkeit. Vor dem Hintergrund ökologischer Zerstörung der Umwelt und wirtschaftlicher Machtinteressen entspinnt sich eine philosophische Geschichte, die den Umbruch der Gesellschaft in der Wendezeit und die "Gebrechen der Marktwirtschaft" widerspiegelt.
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Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Print-ISBN 978-3-7420-2187-8
E-Book-ISBN 978-3-7420-2478-7
1. Auflage 2010
© Domowina-Verlag GmbH
Ludowe nakładnistwo Domowina
Bautzen 2010
Gefördert von der Stiftung für das sorbische Volk,
die jährlich Zuwendungen des Bundes,
des Freistaates Sachsen und des Landes Brandenburg erhält.
Umschlag: Sophie Natuschke
1/1721/17
www.domowina-verlag.de
Personen und Handlungen des Romans
sind reine Erfindungen des Autors.
An eventuellen Ähnlichkeiten
in der Wirklichkeit wäre nicht dieser,
sondern der Zufall schuld.
Gegen elf Uhr am Montag nach der Erschaffung der Welt nahm Krabat das Hügelchen, fünf Kornhalme hoch über dem Bach Satkula, in Besitz. Vier oder auch fünf Stunden später erschien Wolf Reissenberg dort und erklärte das Hügelchen zu seinem Eigentum. Gegen Abend dann kam von der Mühle an der Satkula der Müller Jakub Kuschk herauf, erfand die Trompete und wurde Krabats Gefährte.
Krabat mit seinem Wanderstab, der einmal auch ein Wunderstab gewesen war, und der Müller mit der Trompete machten sich auf, das Land Glücksland zu suchen, das hinter den Bergen der Hoffnung und jenseits der Wüste Fata Morgana liegt.
Der Weg dahin – ein Märchen vielleicht aus Schön-Traum und Albtraum und verbuckelter Wirklichkeit – ist weit. Manchmal scheint es: unendlich weit.
Es geschah aber, als die Zeit sich häutete und die Leute glaubten, es sei eine neue Schlange, was da glitzernd hervorkroch – dass der schwarze Mond die Sonne auffraß und die Dinge ihren Schatten verloren. Die Menschen starrten durch dunkle Gläser, der Kauz schrie, die wirkliche Nacht wagte sich heraus, leer, weit und ohne Laut.
Krabat, der das Jahrtausend seinem Ende zu trug, und Jakub Kuschk, der Müller, schritten auf einer leicht abschüssigen Straße abwärts. Sie heiße Libertas-Straße, meinte Krabat, hier habe einmal in der Nummer 8 ein Onkel von ihm gewohnt, vielleicht wohne da noch jemand, der sich erinnere und darum ihnen Quartier für die Nacht gebe. Das Haus Nummer 8 stand allein an der Straße, es war vierstöckig, und seine Fenster waren dunkel, als seien sie mit einer lichtlosen Farbe bestrichen. Krabat hielt es für ein tiefes Blau, Jakub Kuschk für Rußschwärze, er rieche auch kalten Brand, sagte er. Als sie auf die Klingelknöpfe drückten – es waren acht in zwei Reihen, und sie glänzten wie eben geputzt –, öffneten sich alle Fenster, leere Fensterhöhlen, das Haus ausgebrannt oder vielleicht erst im Bau. Vielleicht auch häutete es sich.
Von oben, aus dem unbegrenzten Leeren kam ein Mann hinter ihnen her, eilig, und seine groben Schuhe schurrten über den nun sandigen Weg. Der Mann fragte nach Woher und Wohin, er lachte dabei, als wüsste er eine lustige Antwort im Voraus. Bevor noch Krabat die Wahrheit sagen konnte, über die Libertas-Straße und seinen Onkel, der ein Feldscher Wallensteins gewesen sei, als dieser umgebracht wurde in Eger an der Eger, und nichts mehr für den Feldherrn habe tun können, als dessen halbausgetrunkene Kanne mit Zypernwein auszutrinken – da also gab Jakub Kuschk wahrheitsgemäß Auskunft, dass sie unterwegs seien von dem einen Ende zu keinem Anfang. Der Fremde nickte, als sei ihm erschöpfende Auskunft erteilt worden, und erklärte, er selbst sei ein Trommler, und die große Bauchtrommel stehe auf dem Hof.
Das Hoftor war, wie die Tore in den mährischen Dörfern sind, aus Holz, sparsam geschnitzt und nicht höher, als ein Mann hinauflangen kann. Links hing es an einem gemauerten Pfosten, und rechts lehnte es am Haus. Das Haus war einstöckig und hatte im Dach zwei kleine Fenster, eine schiefwandige Kammer mochte dahinter sein. Krabat ging mit dem Fremden in den Hof und schloss das Tor hinter sich.
Jakub Kuschk blieb auf dem Weg, ihm fiel, ein Hirnzucken, der Wallenstein in Eger ein und gleich darauf, wie sie einen Lachs fingen im Fluss oberhalb der Stadt und ihn am Ufer brieten, Krabat und er und der Holzschnitzer, der ein blutjunges Bauernmädchen zur Frau hatte. Sie war hochschwanger, er schnitt und schnitzte ihre Gestalt aus einem schulterhohen Buchenstamm heraus, später, sagte er, wird man sie vielleicht als Madonna verehren, meine Kindsfrau Smjala. Als wollte er den Namen wegwischen, hatte Krabat schnell gesagt, gestern ist Kolumbus jenseits des großen Meeres an Land gegangen.
Nun sprach er Ähnliches drinnen im Hof, und der Fremde machte ein Geschrei, dass Krabat ihm die Reichsmütze genommen habe. Versehentlich mit seiner Mütze vertauscht, sagte Krabat ruhig, hier sei sie, und nichts für ungut.
Er trat aus dem Hoftor, und Jakub Kuschk, plötzlich ohne Grund zornig, rief in den Hof hinein, die Mütze her, oder ich blase dein Haus um. Der Fremde glaubte der Drohung und warf die Mütze übers Tor, das nun samt dem Haus als ein Stück Schwärze in der leeren Dunkelheit zerfloss.
Die Reichsmütze, von der weder der Reichsgründer Karl noch der Reichsverlierer Wilhelm je gehört hatten, auch keiner ihrer Köche oder Generale, saß Krabat über den Ohren wie eine Nachtmütze, wollig und mit einem bunten Zipfel bis zwischen die Schulterblätter. Sie machten sich lustig darüber, und lachend zog der Müller sie Krabat tiefer in die Stirn. Krabat spürte eine Kälte und Schwere, die Schlafmütze hatte sich in einen Helm verwandelt, gehörnt und mit einem Adlerkopf in der Mitte. Der Müller lachte nicht mehr, und Krabat riss das Doppelding herunter und schleuderte es in die Schwärze.
Auf dem Weg kamen von unten Leute, ein Grüppchen Männer, Frauen und Kinder, leicht vorgeneigt gegen die jähe Steile des Wegs. An der Spitze schritt ein hochgewachsener Mann in einem langen grauen Mantel, er trug auf jeder Schulter ein Kind. Die Leute waren in einer stillen Art fröhlich, als hätten sie einen Ausflug gemacht und kehrten nun heim.
Krabat fragte eine Frau.
Sie sagte: »Wir haben die Arbeit geholt.« Der in dem langen grauen Mantel habe sie, sie alle wohnten zusammen in einem Haus, zehn Klingelknöpfe an der Tür, und einen werde sie nun putzen, bis er glänze wie Hoffnung.
Das Grüppchen zog weiter den Weg hinauf, und Krabat und Jakub Kuschk wandten sich wieder dem Tal zu. Der Weg lief von den Rändern her ein und führte als Pfad in die Bucht, wo sie den Lachs über dem Feuer gebraten hatten, die Steine waren noch warm und die Asche noch nicht tot. Krabat stocherte mit seinem Wanderstab in der Asche, und zuckend erwachte ein Flämmchen. Knüppelholz lag herum, genug, dass sie im Nachtatem des Flusses nicht frösteln mussten. Der Fluss war nicht das Lachswasser der Eger, sondern ein dunkler, säuerlich und wie abgestanden riechender Strom, sein jenseitiges Ufer verlor sich in wabernden Schwaden.
Ohne Verwunderung sah Krabat den Helm, den er weggeschleudert hatte, neben dem Feuer liegen und im Geflacker sein Aussehen wechseln, Kriegerhaube und Schlafmütze.
Jakub Kuschk hockte auf den Fersen, blicklos und stumm. Im Sack auf seinem Rücken hing die Trompete, sie klagte leise. Vielleicht war es auch das Wasser, das sich am Ufer rieb. Krabat saß auf einem Stein, an Knie und Schulter lehnte sein Wanderstab. Die Schlange, darein geschnitzt, ringelte sich um den Baum der Erkenntnis, und Eva bot Adam den Apfel, ein altes Märchen, und dass der Stab ein Wunderstab sei, war es auch. Die Zeit der Märchen war vergangen, die Zeit der Wunder nie gewesen, und der Mensch verkauft die Jahre der Enkel an der Börse des Widersinns. Der Stab war Krabat lästig, ein dummes, mürbendes Erinnern, er hob ihn an, soll das Feuer ihn haben oder der Fluss. Das Holz schmiegte sich ihm in die Hand, verlor die kalte Härte, und seine Finger erkannten die Klarinette. Er war nicht die tote Asche, die er zu sein glaubte und sein wollte, er gehorchte dem nicht benennbaren Zwang und führte die Klarinette an die Lippen. Jakub Kuschk, der Müller und Meistertrompeter, holte sein Instrument aus dem Sack, nahm die Lungen voll Luft und ließ sie in die Trompete strömen. Doch weder Trompete noch Klarinette wussten noch, wie Ton an Ton zu binden sei. Einzeln, unzugehörig fielen die Töne zwischen die Steine, ein Konzert für Taube, und Trompete und Klarinette elektronische Gebilde, chimärisch zerfließend.
Vielleicht hätte die Wirklichkeit sich als trügerische Spiegelung erwiesen, wenn nun Worte gesagt würden, hingesagte Laute, die auf der Zunge nisten. Doch sie kannten keine gedankenlosen Worte, und Gedanken hatten sie nicht, nicht im Kopf und nicht in der Seele. Sie unterhielten das Feuer, wie ein Fuchs eine Höhle gräbt, ein Igel Laub zusammenschiebt.
Der Morgen graute, als sie die Frau auf dem Fluss bemerkten. Sie saß, die Hände im Schoß, auf der Heckbank eines Kahns, der wie von selbst zum Ufer her trieb. Auf der Ruderbank stand eine Ziege und meckerte. Das Boot schurrte auf das kieselige Ufer und neigte sich zur Seite. Die Frau schob sich breithüftig mit dem Rücken voran aus dem Kahn und wandte sich dem Feuer zu, massig auch in den Schultern und schwerbrüstig. Ein grob gefalteter, ungemein weiter Rock scheuerte die Schäfte ihrer wadenlangen rötlichen Stiefel, und so verpackt wirkte die Frau schwerfällig und ihr Gang holprig. Kurz und ohne Inte-resse musterte sie die zwei Männer und setzte sich auf den höchsten Stein in der Nähe des Feuers, abwartend oder etwas erwartend. Ihr breitwangiges, flächiges Gesicht mit dem großen Mund, der leicht abgeknickten Nase, der hohen, grausträhnig verhangenen Stirn und dem schwammigen Kinn drückte Unmut aus, vielleicht auch Ungeduld. Sie war gewohnt, als Erstes für freundliche Begrüßung zu danken. Krabat und der Müller sahen sie oder sahen sie nicht, sie waren aus Holz.
Die Frau sagte: »Ich bin die Frau vom Großen Fluss.« Es war leicht zu hören, dass sie ungern ihr eigener Herold war.
Die stummen Männer waren auch taube Männer. Bis die Frau sagte: »Da ist ja mein Hut«, und Krabat ihr den Wechselbalg mit dem Fuß zuschob.
»Ich habe viele Hüte«, redete die Frau, die Stimme schartig in bemühter Bescheidenheit. »Feine und solche, unter den Leuten zu tragen, runde Strohhüte für einen Sommertag und spitze aus gemäßen Feierlichkeiten. Dieser passt hier und dort.«
Das Hier und das Dort umschrieb sie mit einer weiten, runden Geste, wie sie ein geübter Redner stets zur Verfügung hat, wenn es gilt, etwas Bestimmtes nicht ganz genau bestimmbar zu machen.
Die Frau war nicht mehr ungeduldig, die Stimme nicht mehr harsch, biegsam freilich auch nicht, irgendwie ist ihr Öl hineingeraten, dachte Jakub Kuschk.
»Sprich weiter von dir«, sagte er, »du klingst, als wärest du sanft.«
Die Frau lächelte, ihre Augen lächelten nicht mit.
»Ich rede nicht über mich«, sagte sie, »ich rede über die Zeit, und meine Zeit ist nicht ohne mich, und ich bin nicht ohne die Zeit. Wird man morgen und in zehn Jahren über die Zeit reden, wird man über mich reden, ich kann es nicht ändern.« Sie seufzte, zutiefst einverstanden mit sich.
»Über den Fluss wird man reden und auch dabei über mich, gut oder schlecht, das hängt nicht von mir ab, sondern von dem, der redet. Ich bin da hineingeworfen worden, nicht in den Fluss natürlich, sondern in die Umstände. Den Umständen hat man mich zum Fraß ... ihr wisst ja, die Jungfrau an den Felsen geschmiedet und das Ungeheuer. Es fand sich kein Held, der mich errettet hätte, ich nahm die Umstände an und musste eine Heldin werden, obwohl ich nichts mehr hasse als Helden und Heldengetue. Aber was soll’s – da war der Fluss, da war ich und da war die Aufgabe.
Alle sahen es, dass der Wolf und die Ziege und die Kohlköpfe über den Fluss gebracht werden mussten, aber niemand hatte Verstand und Mut genug, das Richtige zu tun. Alle jammerten über die fehlende Brücke. Ich aber nahm den Wolf an den Hörnern – bildlich natürlich, die Hörner hatte ja die Ziege –, zog und zerrte ihn in den Kahn, lud den Kohl dazu und ruderte los. In Gottes Namen, sagte ich mir. Der Fluss war breit, die Strömung stark, aber ich fühlte, dass ich – ich will nicht sagen auserkoren – aber ausersehen doch war für diese Aufgabe. Ich ruderte und ruderte, und auch als ich mir die Hände blutig gerudert hatte, gab ich nicht auf, ließ Wolf und Kohl am Ufer und holte die Ziege. Da überfiel mich die Erkenntnis, dass Wolf, Ziege und Kohl nicht zusammenbleiben dürfen, nicht an diesem und nicht am anderen Ufer, und dass es mir aufgegeben war, sie nicht zu trennen und doch zu verhindern, dass eines das andere frisst. So geschah es also, dass ich den Kohl hüben ließ, den Wolf drüben und die Ziege über den Fluss ruderte, hin und her und her und hin, und die Leute fingen an, mich ›Die Frau vom Fluss‹ zu nennen. Ich schlug drüben einen Haken in die Felsen und hüben einen Haken, ließ ein Stahlseil spannen von Ufer zu Ufer, es lief über die Rolle an meinem Boot, die Strömung trieb mich herüber, hinüber. Nicht wenige Male hockte neben der Ziege ein Mensch, ich war die Fährfrau für viele, nicht, dass ich mich hervortun will, es wird auch ohne mich geschrieben werden über meine Rolle, das Boot und die Strömung. Es kann auch sein – ich stelle es dahin –, dass man mich dafür loben wird, ich sage nicht: über Gebühr. Die Leute werden vielleicht sagen, dass ich eine Heldin sei. Ein Held hat, wenn ich es richtig weiß, keine Angst, ich habe immer Angst gehabt. Dass das Stahlseil reißt, irgendwie, und ich in die Strudel gerate. Und Angst vor dem Wolf. Er fletschte immer die Zähne, heulte wütend, seine Augen funkelten vor Mordlust. Ich weiß, manche sagen, er habe die Ziege fressen wollen. Doch ich war mir stets sicher, dass er sich auf mich stürzen würde, sobald ich vor Angst in die Knie ginge. Mein Herz zitterte wohl, mein Kopf nicht.
Ich rede nicht über mich, ich rede über das Schicksal – oder wie man es sonst nennen mag –, das mich zwang, die Lösung zu suchen für Ziege, Kohl und Wolf. Das hat mein Leben ausgemacht.
Doch nun haben sie die Brücke gebaut, die Ziege frisst den Kohl, der Wolf die Ziege ... Und mich frisst, dass ich mein Leben lang eine Fährfrau war für viele, doch das zählt nun nicht mehr, und ich zähle nicht mehr ...«
Die Frau sank zusammen, sich und das Vergebliche betrauernd, und Krabat war versucht zu sagen, in deinem Rücken geschieht jetzt, was du vor Augen nicht hast haben wollen – doch wozu, es geschieht, ob zugesehen oder weggesehen. Der Wolf sprang in den Kahn und riss die Ziege auf, der Fluss trocknete aus, auf seinem Grunde lag der Große Sagenschatz, obwohl doch der Fluss gewiss nicht der Rhein war, die Burgen fehlten und die Loreley, und Wein, Weib und Gesang reimten sich nicht, auch nicht als näher benannte Zutaten.
Der Schatz war überzogen mit Schlick und Schlamm, doch wer sich auskannte in Schätzen, sah das Gold glänzen. Dunkelgewandete Männer erschienen auf dem einen Ufer und karrten, wie in Todeseile, den Schatz hinweg, jeder Mann hatte zwei Schatten. Auf dem anderen Ufer standen Männer, in Flickendecken gehüllt, bewegungslos, und hatten ihren Schatten nicht bei sich.
Jählings erhob sich die Frau, straff und gespannt, hob die Arme und sprach mit einer Stimme wie aus Messing: »Sie scharren und karren, treiben den Bohrer in den Bauch der Erde und in das Gewölbe des Himmels. Kaltes Magma bricht hervor, und nackte Sonne schmilzt das Eis der Pole, die Flüsse strömen bergwärts, und die Erde taumelt aus ihrer Bahn.«
Sie schloss die Augen und rief mit großer Stimme: »Wehe!« Die Stimme brach und verhallte echolos. Die schattenlosen, in Flickendecken gehüllten Gestalten falteten in demütiger Ohnmacht die Hände vor der Brust. Die Frau machte sich auf den Weg dahin, wurde kleiner und kleiner, glitt aus im Schlamm des toten Flusses, und einer der Schatzgräber warf sie auf den Karren.
Jakub Kuschk sagte: »Sie hatte kein Echo.«
Krabat sagte: »Deine Trompete weiß keine Melodie«, und warf seinen Wanderstab ins Feuer. Das Feuer spielte mit dem Stab, machte die Schlange am Baum züngeln, leckte Eva die Füße und schmeichelte ihren Brüsten, und als Adam sich reckte, erschrak es und verkroch sich unter die Asche.
Ohne Verwunderung sah Krabat, dass sein Stab nicht einmal mehr taugte, sie zu wärmen.
Der Trompeter hatte einen absonderlichen Einfall.
»Erinnerst du dich, Bruder, an den Wallenstein?«, sagte er.
»Ich war Wallenstein«, sagte Krabat. »Es bedeutet nichts.«
»Du wolltest den Krieg beenden«, sagte der Müller.
»Ich wollte Kaiser sein und jeden Krieg tottreten.«
Jakub Kuschk nickte. »Mit einem starken Heer.«
»Die Sterne waren gegen mich«, murmelte Krabat.
»Du warst gegen dich, Bruder«, sagte Jakub Kuschk.
Wir sind immer gegen uns, dachte Krabat. Immer verlieren wir, töten uns und sind wir, gegen uns seiend ... das ewige Leben, bis dass einer den anderen an den Baum der Geschichte hängt, Wolf Reissenberg oder ich.
»Der Baum der Geschichte ist wahr«, sprach er, »Wolf Reissenberg ist ein Märchen. Ich werde am Baum hän-gen, Henker und Gehängter. Damals in Eger war noch Zeit ...«
Noch ist Zeit, wollte der Müller sagen, aber da sah er den Wald der Schwarzen Fontänen brennen, Rauch wirbelte hoch, fraß die Bläue vom Himmel, das orangene Licht der Wüste, das silbrig-grüne Meer, und stieg und stieg, und die Winde webten ein Band daraus, rund um die Erde ein Trauerband für die Welt. Die Feuer, angezündet für einen Sieg oder eine Niederlage, zerbrannten den Sieg zur Niederlage, töteten die Vögel in der Luft, Muskeln und Fische im Meer, Sandkäfer und Grillen im Sand der Wüste, Aladins Wunderlampe zerbarst, Sindbad der Seefahrer verlor die Sterne und zerschellte an einem Riff. Hans der Sänger erstickte, und der Prophet Mohammed rief vergeblich um Rettung zu Allah.
Jakub Kuschk sagte: »Und doch ist noch Zeit!«
Er riss den Sack auf, nahm die Trompete, dreimal schrie sie kurz und lang und kurz, grell und misstönig.
Sie zerrte Krabat aus der Starre, er griff nach seinem Wanderstab, den das Feuer nicht angenommen hatte, und erhob sich.
»Du glaubst immer noch und trotz allem, Bruder?«, fragte er ohne Anteilnahme.
»Ich glaube, weil ich lebe«, antwortete Jakub Kuschk. Sie verließen den Ort, wo sie einmal, vor langer Zeit, einen Lachs über kleinem Feuer geröstet hatten.
»Damals haben die Menschen einander auch totgeschlagen«, sprach Krabat, wie für sich selbst. »Die Erde nahm ihr Blut auf, und es kümmerte sie nicht. Nun aber erzittert sie öfter und öfter und erbricht ihre Furcht.« Sie spürt, dachte er, das Ende.
»Ich habe Mitleid mit ihr«, sagte er.
»Mit uns?«, fragte der Trompeter.
Krabat schüttelte den Kopf.
Von irgendwoher verhallte ein Ruf. Vielleicht war es das Echo der Frau.
Immer noch fünf Kornhalme hoch über dem Bach Satkula erhob sich das Hügelchen. Hoch genug, man überschaute die weite Aue, sah sieben Dörfer und im Süden die Hügel, die wie Berge erscheinen, das Land dahinter, die Länder, die sieben Meere, die Himmel darüber und von Pol zu Pol den seidenen Faden – hoch das Hügelchen wie irgendein Punkt, von dem aus die Welt zu sehen wäre.
Auf seiner Kuppe ein Haus, eine Linde und ein Brunnen, an seinem Fuß ein Feldweg, verbuckelt und vernarbt, auch er führt nach Süden und kehrt vom Norden zurück, war einst eine Straße, Jahrhunderte sind auf ihr gekommen und gegangen, und keines, das nicht den Traum von Recht und Freiheit gekannt hätte, ein Flickenteppich aus der Summe erlebter seiner Verneinungen, die Flicken handhabbar und das Ganze ein Widerspiegel des Himmels auf gekräuseltem Wasser.
Am Weg stand – vierhundert Schritt vom Haus auf dem Hügelchen bis dahin – eine Pestsäule, leicht ackerwärts geneigt, und wenn sie fiele, läge Sancta Maria, die die Hoffnung gebiert, unten. Zu betrachten wären noch Sanctus Georgius, der den Drachen erschlägt, Sanctus Sebastianus, der die Pfeile auf sich nimmt, und Sancta Trinitas, die das Kügelchen Welt in den Händen hält, fest und sicher.
Der Bildwürfel war aus Gneis, der Säulenschaft, nach oben sich verjüngend, aus rotem schwedischem Porphyr, den das Eis hergebracht hatte damals, als es das Hügelchen zusammenschob, und der kniehohe Sockel war aus heimischem Granit. Dass die Namen – Namen von Toten, zuletzt, frisch noch, der eines Handrias, Serbin wie alle – in den Granit gemeißelt waren, hatte nur mit dem Sinn für eine gemäße Ordnung zu tun und wollte nichts darstellen, etwa, dass die Härte des Steins ein Bild sei für die Leute vom Hügelchen, denen die Säule gehörte, die Säule, die Namen der Toten und deren Geschichte.
Vergessene Jahrhunderte und unvergessene Not des alten Mannes Handrias Serbin, der allein im Haus auf dem Hügelchen lebte und glaubte, aufgeben zu müssen, was keiner vor ihm aufgegeben hatte. Die Frau war gestorben, eine Tochter lebte reich in Schweden, die andere, nicht reich und nicht arm, in einer Hafenstadt am Meer, und der Sohn Jan war verschollen in dem Versuch, den Menschen aus seinem tierischen Erbe zu erlösen. Drei Männer hatten darauf gewartet, dass der alte Mann aus seinem Hause getragen würde, die Füße voran, und sich gestritten um das Hügelchen, das keinem von ihnen gehörte.
Der eine wollte es plattwalzen, damit seine Maschinen den Auslauf hätten, den sie brauchten, und was sei ein Menschenhaus gegen den Brotgesang der Maschinen.
Der zweite wollte das Haus zu Schutt zusammenstoßen, die mächtige Linde ausreißen, den tiefen Brunnen zuschütten – zu viel blind machende Geschichte und zu viele Geschichten um Himmel und Hölle eines ausgedachten Mannes namens Krabat hingen daran.
Der dritte schließlich wollte Linde und Brunnen erhalten, aus dem alten Haus ein neues Gasthaus machen, es könnte »Krabats Brunnen« heißen, altes Gerät ausgestellt und alte Lieder gesungen unter der Linde oder am elektrischen Kamin, Folklore rührt die Leute und bringt Geld.
Der Erste war ein Bauernvorsitzender gewesen, mächtig und herzkrank schon.
Der zweite doppelt aus einem Holz, Lorenz zum einen, Jurisch zum anderen, Hausdiener im Warenhaus Alleswissen, und verkaufte im Marktwinkel grob gestanzte eigene Sprüche als genormte Wahrheit.
Der dritte ein Bürgermeister, widerspenstig aus eigenem Kopf und hatte einmal die schöne Tochter des Handrias Serbin geliebt. Er kannte die Geschichten von Krabat, der auf die Suche nach dem Land Glücksland ging, und auch einige Seiten aus dem Menschenbuch des Müllers und Meistertrompeters Jakub Kuschk, und ihm hatte es eingeleuchtet, dass der Mensch geändert werden müsse, oder er wird bald das Land Endland für sich finden.
Keiner der drei hatte sein Ziel erreicht, weil die Wirklichkeit sich nicht nach ausgedachten Zielen richtet. Die schwedische Enkelin des Handrias Serbin war heimgekehrt auf das Hügelchen im späten Sommer an einem Mittwoch.
Am Montag darauf lief sie ins Dorf zum Krankenhaus, das zu Beginn des Jahrhunderts die letzte Gräfin Reissenberg »den Armen und Alten des Dorfes« als Erbe und Wiedergutmachung gestiftet hatte, und meldete sich in der Geburtenklinik an. Der Arzt sagte, sie werde es nicht leicht haben, sie sei sehr schmal.
Das Kind kam fünf Tage später, glitt leicht und ohne fremde Hilfe in die Welt und war ein Sohn. Sie nannte ihn Martin, und als der alte Mann fragte, sagte sie, nach seinem Vater. Sagen hätte sie müssen, ich sang ein Lied »Sankt Martin zog den Mantel aus ...« und zog mich aus für einen Mann, dem ich im Haus der Austauschbaren Fröhlichkeiten begegnete, ich wollte, dass er mir Geld auf die Augen legte, und ich wollte in den Spiegel spucken, hundertmal, bis er blind wäre. Als wir dann lagen, war ein Spiegel auch hinter seinen Augen, schattenloses Staunen, und ich sah mich, und er sagte, in seiner heimatlichen Dorfkirche hänge ein altes Madonnenbild, es ähnele mir.
Ich habe ihn nicht nach dem Namen gefragt und nicht nach jener Kirche, und als ich sein Bild in den Zeitungen fand mit der Schlagzeile Das Rätsel des Lebens gelöst, erschrak ich nicht, und auch dann nicht, als ich wusste, dass ich schwanger war.
Haben wir ein Tabu verletzt, er und ich, obwohl wir es nicht kannten? Oder nur ich, später, als ich es kannte und nicht anerkannte? Wenn es eines war – indem ich das Kind dort zur Welt brachte, woher es, Genbündel zu Genbündel, gekommen war, sollte das Tabu in eigener Umkehrung sich selbst ungewesen machen.
Sie kannte den Brauch nicht, aber es schien, als hielte sie sich daran, als sie eine Woche nach der Geburt mit dem Sohn auf dem Arm die Madonna besuchte. Sie stand still vor dem Bild, weniger fromm als in schwesterlicher Zuneigung, die Madonna lächelte ihr zu.
Am selben Abend unterschrieb die junge Frau einen Antrag auf Namensänderung. Man sagte ihr, es werde dauern, und der fremde Pass erleichtere es nicht, aus Signe Göranson Signe Maria Serbin zu machen.
Handrias Serbin saß dabei und sah ihr zu, er war nun schon so geübt darin, Freude zu haben, dass er sie auch in dieser Sonnengrelle ohne Schaden überstand. Gegen zu viel Freude konnte man sich mit Besorgnissen helfen, es wog sich aus, der Kopf blieb klar, und das Herz geriet nicht ins Stolpern. Eine solche Besorgnis, eine kleine freilich, hinter der, wie ein Nebelgespenst noch, eine große lauerte, betraf den Mann, der ja wohl irgendwann kommen würde. Am besten, sie wartet damit, bis ich nicht mehr da bin. Oder, es wäre einer, den ich kenne.
Er betrachtete sie, die nie erwartete, unbekannte Enkelin, die so gänzlich unfremd war. Sie sieht aus wie – ein Menschenleben zurück – ihre Mutter, dachte er, aber sie ist ganz anders. Es war absonderlich, was ihm hier einfiel, aber er nahm den Gedanken auf, führte ihn wie eine Schablone hin und her über die Tage seit der Heimkehr der Enkelin – und immer genauer hob es sich heraus, dass die schöne, nach der Geburt wieder schmale, zarte junge Frau eine ins Weibliche gewandelte Wiederkehr ihres Urgroßvaters Peter Serbin, des berühmten Braschka, war.
Er sagte: »Mein Vater war wie du.« Andersherum wäre es richtiger, dachte er, irgendwie aber falsch.
Sie hob den Kopf und lächelte, nahm ihr Kind aus dem Wägelchen und gab ihm die Brust.
Jetzt lächelte Handrias Serbin. »Trotzdem«, sagte er.
Das Kind schmatzte, die Stille war aus Zuckergussrosa, das grün gefilterte Sommerlicht eine singende Hülle aus Zeitlosigkeit, und die Enkelin sagte: »Ich weiß nichts von ihm.«
Sicher ließ sich erzählen über den Braschka Peter Serbin, der ein Anwalt der Leute von der Satkula gewesen war, weithin bekannt und hoch geachtet. Doch nach wenigen dürren Allerweltsworten über Statur und Natur seines Vaters stellte Handrias Serbin verdutzt fest, dass er sich fühlte, als sei er in eine Wüste geraten und müsste über ein Sandkorn reden. Flüchtig, schon auf dem Rückzug aus der Wüste, fiel ihm das Glockenspiel ein, das er einmal gesehen hatte: Hundert Glocken aus Porzellan spielen ein Lied, eine Einzelne macht ping oder pang und sonst nichts. Entschlossen kehrte er zurück auf sein Hügelchen, da liegt die granitene Schwelle, in zwei Jahrhunderten rund getreten in der Mitte, und am Ende wird jeder über sie hinausgetragen, und was bleibt, ist gewesen.
»Manchmal«, sagte er, »denke ich, das Leben ist wie ein Bach.«
Die Enkelin schaute auf.
»Die Ufer machen es aus«, fügte er hinzu und zog die große Lade der Erinnerungen neben seinen Sessel und griff blind hinein und wollte es so haben, ohne Ordnung und Absicht. Doch irgendetwas, etwas Dunkles, das er im Dunkeln beließ, zwang ihn, jede Geschichte, in der der verschollene Sohn Jan vorkam, ungeöffnet zurück in die Lade zu werfen. Da war ein, fast stummes, Gerücht über einen Fremden gewesen, der wenige Tage nach der Heimkehr der Enkelin neben dem verwilderten Apfelbaum am Rande des Hausackers gestanden habe, die junge Frau und der Alte auf der Bank unter der Linde, und sei verschwunden, keine Spur im Sand, kein Zeichen in der Rinde des Baumes, nur das stumme Gerede und dass ein Junge erzählte, Krabat sei bei ihnen stehen geblieben in der Sandgrube unweit des Hügelchens, und er dessen Wanderstab beschrieb, die Geschichte vom Anfang, als der Mensch Das Gebot brach.
Diesen Stab kannte Handrias Serbin, es war der schönste Hochzeitsstab seines Vaters gewesen, das einzige Erbe, das Jan, der Sohn, angenommen hatte. Von dem Stab freilich erzählte er bunte Geschichten und dunkle Geschichten, doch ob bunt oder dunkel, er erzählte, um die Enkelin zu unterhalten, und nicht, um sie an eine fremde Vergangenheit zu binden. Manchmal geschah es dabei, dass er unvermittelt abbrach, verwirrt, weil er in einer alten Geschichte unversehens sich entdeckte oder aber sich in einer eigenen, nach Jahr und Tag bekannten, als ein Fremder umsah. Dieses sonderbare Verhalten der Geschichten und der Leute darin beschäftigte ihn sehr, und er dachte viel darüber nach. Am Ende kam er zu dem Schluss, dass alle Geschichten eine Haut aus Vergangenheit und eine Seele aus Gegenwart haben und dass man darum Zeit an Zeit knüpfen muss, damit das Leben nicht abreißt.
Als Handrias Serbin sich neunzigjährig auf die letzte Reise begab, dreimal abgesetzt auf der Hausschwelle, war Zeit an Zeit geknüpft worden und das Unverlorene als das anders zu Bewahrende an die Enkelin übergeben. Es war nicht das Haus, ungeräumig und abgewohnt, und schon gar nicht die Handbreit Ackerkrume über dem Kies des Hügelchens. Auch nicht der Trittstein, in den ein Wenzel Serbin 1385 seine Initialen eingehauen hatte und der beim Bau des jetzigen Hauses – im Jahr, als Napoleon auf Elba starb – ins Mauerwerk über der Tür eingefügt worden war. Nicht die Linde, die schon am Tage nach der Erschaffung der Welt hier gestanden hatte, und immer wieder trieben die Wurzeln einen neuen Stamm in der Höhlung des vermorschenden alten. Unter ihr hatte damals, zu Beginn der Zeiten, Krabat mit Smjala gelegen, der Müller von der Satkula saß bei ihnen, und Wolf Reissenberg ritt heran und trat mit dem Stiefel dem Hügelchen sein Wappen ein: ein Wolfsrachen, aufgerissen vor einem Berg. Die Linde war ein Stück Märchen, Honigduft im Sommer und kühler Schatten für die Bank um ihren Stamm – das wäre zu bewahren, aber mehr war es nicht.
Auch der Brunnen war ein Märchen: dass Krabat ihn zwölf Männer tief durch Sand und Kies getrieben habe. Der Brunnen versiegte nie, sein Wasser war kühl und klar und gut versehen mit allem, was berühmte Heilwasser haben – diesen Brunnen zu behalten, war vernünftig, mehr war es nicht.
Die Pestsäule am Feldweg, der vom Hügelchen in die Welt und aus der Welt zum Hügelchen führte, war, für sich genommen, ein totes Stück Stein, ihr Bildwürfel fände wohl in jedem Museum einen guten Platz, und zur Erläuterung stünde dabei, dass vor Jahrhunderten ein Serbin – Jakub vielleicht oder Bastian oder Michael – seine Ängste und seine Hoffnungen in den Stein gehauen habe. Auch sie war kein Mythos und kein Sacrum, obwohl die alten Ängste kein Märchen »Es war einmal« geworden waren und die alten Hoffnungen auf die Besiegung der Drachen der Linde in den Jahrhunderten glichen: immer aus sich selbst neu erwachsend.
Gänzlich unvernünftig klänge es, wollte man gar den verwilderten Apfelbaum am Rande des Hausackers zum Behältnis – oder zum Bild – des zu Bewahrenden machen. Obwohl es von ihm seit grauen Zeiten her hieß, dass er – der jedes Jahr blühte, weiß und rot, und nie Früchte trug – Frucht tragen werde, wenn Krabat das Land Glücksland gefunden habe. Doch wie unvernünftig auch immer – an diesem Baum hingen die Geschichten des alten Mannes, als wären sie vorweggenommene einer Zeit, die kommen wird, irgendwann. Oder aber wir werden nicht mehr sein.
Das eigentlich war es, was Handrias Serbin der Enkelin übergab, die Dinge waren nichts als die Haut, und nur die konnte er benennen. In den Nächten, in denen er ohne Bedürfnis nach Schlaf im hochgetürmten Bett mehr saß als lag und sich in der mächtigen hallenden Stille frei durch seine Räume und seine Zeiten bewegte, und der Raum war die Zeiten zurück bis zum ersten Tropfen Wasser aus dem tiefen Brunnen und voran weit über sich selbst hinaus, ein österliches Lied von der Auferstehung aus aller Unvernunft – da schwammen ihm die Worte für das zu Bewahrende zu, unbegreifbare einfache. Am Morgen aber wusste er wieder nur die Wörter für die Haut und erzählte vielleicht von einer Eiche, die er an seinem letzten Schultag gepflanzt hatte, am Waldrand, aber noch auf Eigenem. Die Eiche tauge jetzt noch nicht einmal für die Bretter zu seinem Sarg, sie gehöre ja auch nicht ihm, sondern dem Enkel eines Urenkels, der Balken für ein Haus brauchen wird. Gestorben und gelebt.
Als der Antrag der Signe Göranson auf Namensänderung über hundert Bürotische gewandert war und sie und ihr Sohn nun hießen, wie seit undenklichen Zeiten die Leute auf dem Hügelchen geheißen hatten, wurde in der Kirche einer kleinen nordschwedischen Stadt eine neue Orgel eingeweiht. Der Stifter Thomas Göranson spielte eine Tokkata von Johann Sebastian Bach, seine immer noch schöne Frau Ursula saß neben ihm auf dem Bänkchen und legte die Notenblätter um, der Bischof machte sich bereit zu predigen: Selig sind die, die ... Da explodierte eine Bombe, zerriss die Orgel und die Orgelbank, und tags darauf veröffentlichte eine große Zeitung in der Hauptstadt ein Schreiben der Bombenbauer, worin es hieß, die kleine Plastikbombe sei ein Aufschrei gegen die große Bombe, die die Mächtigen gegen das Leben auf der Erde bauten.
Signe Serbin fuhr in den Norden, begrub ihre Eltern und kaufte ihren Bruder Christer aus dem vornehmen geistigen Gefängnis frei, wohin man ihn verbracht hatte, als er die Bergpredigt des Menschensohnes aus Nazareth wörtlich nahm und danach leben wollte. Das Attest, das ihm völlige Gesundung bescheinigte, kostete etwa das Gleiche, was Thomas Göranson drei Jahre zuvor für das ärztliche Gutachten über die »geistige Umnachtung« seines Sohnes hatte bezahlen müssen.
Christer Göranson hatte viel Zeit gehabt, in Ruhe und unbehelligt durch Psychopharmaka über seine überschaubare Welt und sich in ihr nachzudenken, weil der für ihn zuständige Arzt sein Gewissen nicht auch verkaufte und die verordneten Injektionen in den Ausguss spritzte. Das Ergebnis war sein Entschluss, nicht zurückzukehren in ein Leben, das ihm nur die Alternative beließe, entweder Tag um Tag an Verbrechen beteiligt zu sein oder als Narr in Christo zu gelten. Von seinem Erbe behielt er einzig die Wälder weit im Norden und die Jagdhütte darin. Dort werde er nicht leben als ein Armer, sagte er, aber auch nicht mit neuer Schuld an der Verarmung der Armen. Er sprach klar und überzeugt von seiner Einsicht, dass weder die Gesellschaft hier noch die globalen Verhältnisse reformierbar seien.
»Die Menschheit wird zugrunde gehen an der Lüge, dass der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen sei«, sagte er, »und eine Wahrheit, die diese Lüge aus der Welt schaffen könnte, gibt es nicht. Eine Wahrheit ist die Lehre Christi, ich will sie leben, ohne Hoffnung auf Veränderung von irgendetwas. Außer dass ich mich ändere. Und meine Änderung bewirkt nichts.« Er lächelte, ein schüchternes, fremdes Lächeln. »Erinnerst du dich an die riesige Fichte, die unweit der Hütte allein mitten auf der Geröllwiese steht? Ihr Sinn ist, dass sie dasteht. Ich werde ihr Bruder sein. Mein Sinn ist ich, Bruder einer Fichte.«
Er sprach ohne Leidenschaft, ohne Auflehnung und ohne Klage und auch jenseits aller Trauer.
Signe sagte: »Ich habe einen Sohn, und ich will nicht, dass es so ist, wie du sagst, dass es sei.«
»Es ist dein Recht, das zu wollen«, antwortete der Bruder ruhig.
»Zu wollen ist die letzte Freiheit des Menschen.« Er sah sie, die lange vor ihm aus ihrer unheilbaren Welt aufgebrochen war, forschend oder auch nur in barmherziger Zuneigung an, vielleicht ist es, weil sie das Kind hat, dachte er, dass sie wider alle Vernunft hofft. Er hielt ihr beide Hände offen hin. »Nimm alles und setze es ein. Ich werde ein Bruder der Fichte sein, und du, wessen Schwester bist du?«
Aus ungeweinten Tränen heraus lächelte Signe: »Schwester der Geschichten eines alten Mannes und eines verwilderten Apfelbaums, der nicht sterben darf, sonst müssen wir sterben, sagen die Geschichten.«
»Kleine Schwester ...«, sagte Christer Göranson sanft. »Selig sind, die da glauben, denn sie leben ihren Sinn.«
»Es heißt: ... denn ihrer ist das Himmelreich«, entgegnete die junge Frau. »Glaubst du an den Himmel?«
»Die Bergpredigt gilt – nicht anders als damals – denen, die auf der Erde zu leben haben«, antwortete er.
Signe weinte, als er ging, um nicht mehr da zu sein.
Auf der Heimfahrt zurück auf das Hügelchen sah sie eine Buche im Feld stehen, und in einer fröhlichen Trot-zigkeit dachte sie, ich Schwester der Geschichten eines alten Mannes ...
Der Apfelbaum, der jedes Jahr blüht und keine Früchte trägt, solange das Wappen des Wolf Reissenberg nicht von der Erde getilgt ist.
Es war erzählt worden, einmal – vielleicht in dem Jahr, als der Große Krieg auf einer grünen Wiese am Ufer der Satkula verröchelte, – habe der Baum voller Früchte gehangen. Die Leute sahen, dass die Zeit des Wolfes vorbei war oder der Wolf ein Lamm geworden. Sie sangen Lieder von der Auferstehung des Menschen und vom Weihnachtsstern der Erlösung, und als der Winter einfiel mit Frost und Schnee, hingen die Früchte weiter am Baum, glänzend und gesund. Sie hingen dort auch, als im Frühjahr die erste Lerche stieg und der Baum wieder blühte. Da begannen die österlichen und die weihnachtlichen Lieder im Unglauben zu vertröpfeln, die Leute gingen hin und pflückten die Früchte und sahen, es waren Lügenfrüchte aus Kunststoff, schön bemalt und mit Apfelduft aus der Retorte besprüht. Solange man aber den Apfelbaum als Ganzes gesehen hatte, war die Täuschung echt gewesen und die Lieder ehrlich. Der künstliche Apfelduft oder die Farbe auf den falschen Früchten oder vielleicht die Lieder, die gesungen worden waren, als Kanon auch – irgendwo war Gift gewesen, ein langsames, das sich von Zelle zu Zelle fraß, und es war nicht Ostern gewesen, sondern Karfreitag, die Erlösung ans Kreuz genagelt, und die Henker würfeln um ihre Kleider.
Signe Serbin hatte den Baum blühen gesehen und taub verblühen. Als der Sommer dörrte, war der Baum getränkt worden, der Lehrer Holka kam täglich deswegen, aber nicht nur deswegen.
