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Roman, Mit einem Nachwort von Dietrich Scholze Jurij Brězan (1916–2006) gehört zu den bekanntesten sorbischen Schriftstellern. Der 1976 erschienene Roman »Krabat oder Die Verwandlung der Welt«, in dem er die sorbische Sage vom guten Zauberer aufgreift, ist sein bedeutendstes Werk. Sein Held, der Biochemiker Jan Serbin, hat die »Formel des Lebens« gefunden. Um sie zu testen, fasst er den Entschluss, sich in Krabat zu verwandeln. Als einer der Ersten in Deutschland setzte sich Brězan literarisch mit den Risiken von Biologie und Genetik auseinander. In einem Nachwort beschreibt der Autor der Biografie des Schriftstellers »Jurij Brězan. Leben und Werk« Dietrich Scholze die Entstehung und Zusammenhänge des anspruchsvollen Romans.
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Seitenzahl: 660
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Print-ISBN 978-3-7420-2461-9
E-Book-ISBN 978-3-7420-2477-0
1. Auflage 2017
© Domowina-Verlag GmbH
Ludowe nakładnistwo Domowina
Bautzen 2017
Gefördert von der Stiftung für das sorbische Volk,
die jährlich Zuwendungen des Bundes,
des Freistaates Sachsen und des Landes Brandenburg erhält.
Schutzumschlag: Sophie Natuschke
1/1720/17
www.domowina-verlag.de
Genau im Mittelpunkt unseres Kontinents – wie viele hierzulande irrtümlich glauben, also auch der Welt – entspringt die Satkula, ein Bach, der sieben Dörfer durchfließt und dann auf den Fluss trifft, der ihn schluckt. Wie die Atlanten, so kennt auch das Meer den Bach nicht, aber es wäre ein anderes Meer, nähme es nicht auch das Wasser der Satkula auf.
Die sieben Dörfer in der Bachaue sind sauber und gut bewohnbar, doch weder sehr volkreich, wenn auch von besonderer Art der Bevölkerung, noch haben sie es zu irgendwelcher Bedeutung in der Weltgeschichte gebracht, obwohl die Weltgeschichte sie durchaus nicht benachteiligt hat bei der Zuteilung kleiner und großer Kriegszüge, spektakulärer Schlachten, stinkender Pestschleppen, großer Ängste und großer Hoffnungen, auch hat sie sie hin und her gewürfelt zwischen den Herren, von denen ein jeder einen der Hügel links und rechts der Aue zu seinem Galgenberg machte.
Die Kriege, die Schlachten, die Pest sind vergessen, die Herren verwest, die Galgenberge harmlose Hügel ohne Bedeutung, die Weltgeschichte wüsste nichts von den Dörfern an der Satkula, hätte nicht Krabat hier gelebt.
Seine Geburt freilich ist nirgends verzeichnet, und dass er gestorben sein sollte, ist undenkbar. Über sein Dasein gibt es viele Ansichten: ein Held; ein Schelm; ein Bruder Witzig und – Hitzig; ein Philosoph, der nie ein Weib geküsst hat; ein Sänger, dem keine Schürze zu fest gebunden war; einer, der die Welt in den Sternen suchte, und einer, der die Sterne in der Welt entdeckte; ein Ewigjunger; ein alter, müder Mann, der seinen Tod nicht findet – kurz: so viele Leute, so viele Ansichten. Die meisten Leute äußern nun ihre Ansichten nicht knapp und ohne Umschweife in wenigen wohl durchdachten und klar formulierten Sätzen – wie etwa Philosophen und andere, über alle Abteilungen und Verästelungen, Wege und Irrwege des Lebens Bescheid Wissende es tun würden –, sondern sie erzählen weitschweifig – nicht selten recht sonderbare – Geschichten, die sie für wahr halten und auch für wahr gehalten haben wollen, oder sie denken sich Parabeln aus, in denen sie die eine oder andere Ansicht von Krabat darstellen, wobei die Parabeln oft wie grüne Nüsse sind, die noch am Baum hängen. Trotz allem aber erscheint jede einzelne dieser Geschichten und Parabeln vernünftig und der Wirklichkeit zugehörig. Doch sobald man versucht, sie zu einem Ganzen zu vereinigen, widersprechen sie sich nicht nur untereinander, sondern auch der Wirklichkeit; es ist, als wollte man einen unregelmäßig-vieleckigen Körper in einen Schuhkarton gleichen Rauminhalts hineinpressen.
Nun gibt es – und gab es zu allen Zeiten – Leute, die einen Schuhkarton – oder eine Hutschachtel – für einen gleichsam sakrosankten Körper halten und alles, was in einen solchen nicht hineinpasst, für häretisch erklären. Solche Leute bemächtigten sich auch der Berichte über Krabat und schnitten, sägten und hackten sie zurecht, bis sie den Rest mühelos in ihrer Hutschachtel-Realität unterbringen konnten.
Dieser kümmerliche Torso besagt, Krabat sei in den Jahren kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg in einem Dorf namens Jitk aufgewachsen, seine Eltern seien ehrliche, wenn auch arme Leute gewesen. Als junger Bursche dann habe Krabat die Zauberei bei einem Meister seines Fachs erlernt, habe später seinen Lehrherrn in einem Kampf auf Leben und Tod überwunden und sei nun selber ein Zaubermeister geworden, ein lustiger und guter, ein Freund der Armen und des Königs, den er vor einem Giftbecher bewahrte und aus der Gewalt des türkischen Sultans befreite. Nach und nach habe er dann immer weniger gezaubert – sozusagen nur noch in allerdringendsten Fällen – und habe endlich der Schwarzen Kunst gänzlich entsagt und sei gestorben als ein braver, alter Mann. Zum Zeichen der Erlösung seiner Seele sei eine weiße Taube auf dem First seines Sterbehauses erschienen.
Das klingt alles richtig und einleuchtend für Leute, die sich lieber ein rundes Märchen vorsetzen lassen, statt sich an der kantigen Wirklichkeit zu reiben, und die ein solches Zaubermeister-Leben Krabats eben nur für einen Ausbruch aus der Norm halten, sodass seine endliche »Erlösung« im Grunde nichts mit Krabat zu tun hat, sondern nur in Szene gesetzt wird, damit das Außergewöhnliche schließlich doch wieder ins Gewöhnliche verkehrt wird: Ein zähflüssiger Grießbrei, mit Zimt und Zuckerguss garniert, ertränkt ein Kügelchen dunklen, unerforschten Plasmas.
Eine solche Kindermärchen-Version mag auch Leute zufriedenstellen, die – um beim Dreißigjährigen Krieg zu bleiben – zum Beispiel nicht wissen, dass Krabat am Tage des Friedensschlusses zu Osnabrück in einer Sandkuhle einen Igel briet und der Bratenduft drei Jungen aus dem nahen Dorf zu ihm führte. Das Dorf hieß Rosenthal und war das einzige in der Aue, das den Krieg überstanden hatte, ringsum alles Wald und Wüste; aber auch in diesem Dorf lebten nur noch Frauen und Kinder. Krabat teilte sein Mahl mit den hungerbäuchigen Jungen, niemand wurde satt davon, aber auch keiner blieb hungrig, und wen nicht der Hunger eben frisst, der fragt auch anderen Dingen nach als seinem eigenen Bauch. So nahm einer der Jungen neugierig Krabats Wanderstock in die Hände; der Stock war aus Ebenholz mit einem runden schweren Knauf aus Elfenbein; in den Knauf und auch in den Stock selbst waren Adam und Eva, die Schlange der Neugier und der Baum der Erkenntnis geschnitzt. Die Kinder kannten die Geschichte nicht. Krabat erzählte sie ihnen.
»Wenn du Adam gewesen wärest«, fragte der Junge dann, »hättest du den Apfel auch gegessen?«
»Hättest du?«, fragte Krabat zurück.
»Nein«, sagte der Junge. »Wir wären im Paradies, die Soldaten wären nicht gekommen und hätten unsere Väter nicht erstochen.«
In den kümmerlichen Hütten rund um die aus Feldsteinen grob gemauerte Kapelle der Jungfrau Maria vom Walde hatte kein Mann – und kein Greis – den Durchzug der letzten Kriegsrotte überlebt.
»Die Wölfe kommen schon am Tag«, sagte der Junge. »Vor uns haben sie ja keine Angst.«
Krabat nahm seinen Stock, der ihn auf allen Wegen, die Menschenwege sind, begleitet hatte und der manchmal ein Wanderstock war und manchmal eine Keule, gut gegen Wölfe, solche und andere, rammte ihn tief in den Sand und fragte die Kinder, was wohl das Paradies wäre, das Adam und Eva für sie verloren hätten.
Eines sagte: satt zu essen, das andere: keine Soldaten, das dritte: kein Wolf.
Krabat nickte und dachte: das Land Ohnefurcht.
Er schickte die Kinder heim, und als sie gegangen waren, wuchs sich sein Wanderstock aus zu einem Kleiderstock, und daran hing eine härene, braune Mönchskutte.
Am späten Nachmittag zog ein Dominikanermönch in die leere Hütte neben der verwüsteten Kapelle ein, und etwa zur gleichen Zeit erschien aus der entgegengesetzten Richtung ein bärtiger, in vielen Kriegsjahren zerzauster und zerkratzter Soldat im Dorf. Der Soldat war aber noch jung genug, um ein langes Leben vor sich zu haben, wenn dieses Leben kein Soldatenleben wäre, er war lustig und hatte eine glänzende Trompete bei sich.
Der Mönch und der Soldat trafen einander, und der Mönch nannte den Soldaten, als keine anderen Ohren ihn hören konnten, Jakub.
Am nächsten Tag rief der Soldat mit seiner Trompete die Frauen und Kinder zur Kapelle, und der Mönch predigte ihnen über das Wort: »Man muss den Apfel essen, wenn man muss.« Das Wort war weder in der katholischen noch in der lutherischen Bibel zu finden, es sei ein Menschenwort, sagte der Mönch. Und er redete zu ihnen von ihrem Dorf und nicht von Gottes Himmel, und er machte die Frauen mehr fröhlich als fromm. Danach traute er dem Soldaten elf der jüngeren Frauen und der mannbaren Mädchen an, um die Übrigen kümmerte er sich selbst.
Vor Ablauf eines Jahres trug der Mönch achtzehn Kinder in sein Taufbuch ein, elf auf den Namen Schwede – weil der Soldat vorgab, ein Schwede zu sein – und sieben auf den Namen Domanja, weil die Mönchskutte ja dem heiligen Dominicus gehörte.
Einträchtig bestellten Mönch und Soldat auch andere brachliegende Äcker, säten Hirse und Hanf, erschlugen Wölfe und machten manchem Schnapphans, der langfingrig war, lange Beine.
Eines Tages schließlich begaben sie sich auf die Suche nach dem Bild der Jungfrau Maria vom Walde, das der letzte schwedische Kriegshaufen aus der Kapelle entführt hatte. Eine alte Frau, die den Schweden nachgeschlichen war, um die Madonna zu retten, erzählte, das Bild sei zwar sehr klein gewesen, aber mit jeder Meile schwerer geworden. Als ein Soldat sie entdeckt und lahm geschlagen habe, hätten die Schweden schon sechs Paar Gäule vor den leichten Wagen spannen müssen, auf dem die Madonna lag. Sie hatten aber nur noch zwei weitere Paar zur Verfügung gehabt; sicher seien sie nicht mehr weit gekommen mit ihrer Beute.
Krabat, der Mönch, und der Soldat Jakub mit der Trompete fanden das Bildnis unbeschädigt unter einer Linde. Die Linde, mächtig im Stamm und gewaltig in der Krone, stand auf dem Galgenberg, und Krabat kannte sie, und Jakub, der Trompeter, kannte sie, und Krabat sprach: »Gelebt und gestorben, und gestorben und gelebt«, und sein Freund Jakub blies ein Lied, ein wildes Hussitenlied, niemand hatte es hier gehört seit mehr als zweihundert Jahren. Sie trieben einen starken Nagel in den Stamm des Baumes und hängten das Bildnis der Jungfrau Maria vom Walde daran.
Für die arme, nackte Kapelle malte Jakub, der Trompeter, ein neues Bild. Seine Madonna trug langes, braunes Haar, in ihren Augen konnte man sehen, dass sie die Furcht kannte. Aber manch einer, der in Furcht kam, um sie zu bitten, sah sie lächeln.
Das entführte Bildnis aber hängt immer noch an jenem Baum, und die Leute erzählen, einmal werde ein Krieg sein, und niemand werde sich retten können. Unter der Linde mit dem uralten Bildnis aber würden sich zwei treffen, der eine käme von Ost, der andere von West, der eine trüge einen reich geschnitzten Wanderstock bei sich, der andere eine Trompete, und sie würden einander fragen: »Bruder, wie hast du dich gerettet?«
Keiner würde darauf Antwort wissen, sie würden nur wissen, dass die weiße Taube nicht auf dem First sitzt, noch nicht, immer noch nicht, und dass es ein Anfang ist, ein Anfang wie der Anfang aller Anfänge: Die Erde war wüst und leer.
Daran ist manches wahr und alles falsch.
Die Wahrheit ist, dass Krabat und Jakub, der Trompeter, sich unter dieser Linde treffen werden, der eine kommt von Ost, der andere von West, und der eine bringt das Herz, der andere den Kopf der erschlagenen Furcht. Trotzdem aber ruft Krabats Bruder mit seiner Trompete die Vier Winde, um sie noch einmal zu befragen, und die Winde werden sagen: Die Furcht ist tot.
Am Fuße der Linde verscharrt Krabat dann die tote Furcht wie einen Wolf, und Jakub, der Trompeter, bläst sie zu Grabe, manche sagen: mit dem Brautlied, andere: das Lied sei nie vorher gehört worden; und mit jedem Spatenstich werden sie beide selbst mehr zu Erde werden oder zu Rinde und Stamm des Baumes, niemand weiß es.
Übrig bleiben der Wanderstock aus Ebenholz mit dem Knauf aus Elfenbein und die Trompete, die am Anfang nur ein Blatt war, zwischen zwei Daumen gepresst, ein Blatt, das sang.
Und nun doch im Baum die weiße Taube – was auch immer das bedeuten mag, wer sollte es heute sagen können, wo es noch viele Leben bis dahin ist.
Der Stock wird vielleicht wieder ein Ast sein und die Trompete ein Blatt, der Wind weht und die Geschichte erzählt sich: Am Anfang war, was niemand denken kann. Dann erschien ein Glühwürmchen. Das flog näher und näher, und als es nahe war, war es die Sonne. Die Sonne ging zum ersten Mal auf, und das war der Siebente Tag.
Am Siebenten Tag hatte der HERR alles erschaffen: Weiber und Männer, Gebirge und Meere, die himmlischen Heerscharen und sich selbst, das Immermehr und das Niegenug, die Fische und die Vögel, das Brot und das Salz, was man sich denken kann und was man sich nicht denken kann, und auch den Korn zum Trinken und den Tabak zum Rauchen.
Der HERR selbst und seine Heerscharen hatten den Himmel bezogen, aber alles Übrige stand und lag herum auf einem großen Haufen, und niemand wusste, was damit anfangen. Nicht einmal die Männer wussten, was sie mit den Weibern machen sollten. Der HERR aber war müde von der vielen Arbeit und legte sich ein bisschen hin.
Als er aufwachte, war da ein Heidenspektakel, irgendjemand hatte die Fische in den Schnaps geschmissen, sie waren betrunken und sangen unanständige Lieder. Der HERR donnerte: »Ruhe!«, und da verloren die Fische ihre Sprache für immer.
Die Weiber hatten Sterne haben wollen, um sie sich in die Haare oder sonst wohin zu stecken, und die Männer waren hinaufgeklettert und hatten schon ein paar Sterne abgeschnitten – der HERR hatte sie nämlich am Himmel aufgehängt wie an einem Weihnachtsbaum. Als er nun die Fische andonnerte, ließen die Männer vor Schreck die Sterne einfach los, niemand band sie mehr an, und seither schwimmen sie über den Himmel und sind mal hier und mal da. Mancher Odysseus wäre eher nach seinem Ithaka heimgekehrt, hätten die Weiber nicht die Männer nach den Sternen greifen lassen.
Der HERR, der seinen Kodex vorläufig nur für das Paradies ausgearbeitet hatte, kratzte sich hinter dem Ohr und sagte kurz entschlossen: »Also passt mal auf! Ich verteile jetzt das ganze Zeug, wer was haben will, ruft: Hier! Verstanden?«
Die Leute hatten verstanden. Der HERR griff in den Haufen und hielt hoch, was er gerade erwischte, zum Beispiel einen Elefanten. Ein Neger schrie: »Hier!«, und kriegte den Elefanten.
Nur hielt der HERR ein Pferd hoch. Krabat und ein Mann, der einen vornehmen Jagdanzug trug, standen nebeneinander, und beide riefen: »Hier!«
»Wer war der Erste?«, fragte der HERR. Niemand konnte das mit Bestimmtheit sagen. Darum sprach er: »Schreit noch einmal: Wer lauter schreit, erhält den Gaul.«
Der Vornehme schrie lauter, das hörten alle, also bekam er das Pferd.
»Du kriegst dafür die Kuh«, sagte der HERR und gab Krabat die Kuh.
Nun war der Hund an der Reihe. Wieder wollten ihn die beiden haben.
Der Jäger sagte: »Wenn ich auf die Jagd reite, brauche ich den Hund, Pferd und Hund gehören zusammen.«
Der HERR sagte: »Das stimmt«, gab ihm den Hund und sagte zu Krabat: »Du kriegst dafür die Katze.«
Ganz zuletzt verteilte er Felder, Wiesen und Wälder. Der Vornehme machte geltend, dass logischerweise sie ihm zufallen müssten. Denn wie sonst sollte er frei auf Jagd ziehen können, wenn ihm nicht Felder, Wiesen und Wälder gehörten.
Da hat er recht, dachte der HERR.
Aber Krabat sagte: »Woher nehme ich dann das Futter für meine Kuh? Und gelernter Bauer bin ich auch!«
Der Vornehme sagte: »Das Futter für die Kuh und die Bauernarbeit für dich bekommst du von mir.«
Dem Lieben Gott schien der Handel nicht ganz geheuer, aber es war schon spät am Tage, und er wollte die Sache hinter sich haben. »Also gut«, sagte er ziemlich lustlos, »machen wir es so.«
Er sah, dass Krabat traurig war, beugte sich zu ihm hinunter und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich gebe dir das ewige Leben, bis dass ...« Da brüllte neben ihnen der Löwe auf, und niemand verstand den Rest des Satzes, auch Krabat nicht.
Schließlich, schon im Abgehen, griff der HERR in die Hosentasche und reichte Krabat eine Lerche.
»Die kennt alle Lieder«, sagte er. »Ich schenk sie dir.«
Er lächelte ihm noch einmal zu, ein bisschen traurig, wie es schien: Es war nicht alles so gelaufen, wie er es gern gewollt hätte. Es würde Verwicklungen geben. Dass der Jäger heimlich auch noch das Niegenug und das Immermehr an sich gebracht hatte, hatte der HERR nicht einmal bemerkt.
Der biblische Berg Ararat lag noch in voller Sonne, aber hier unten dufteten Levkojen und Wermut schon so, wie sie vor Sonnenuntergang duften.
Der Mann mit dem Pferd trat zu Krabat. »Halte das Ross!«
Krabat hielt das Pferd am Halfter, und der andere brannte dem Pferd sein Wappen ein: ein Wolfsrachen, aufgerissen vor einem Berg.
Das Tier schrie, es roch nach versengtem Fleisch. Krabat murrte:
»Warum tust du das?«
»Weil es mein ist.« Der Mann griff sich den Hund, der Hund jaulte, als das glühende Eisen ihm das Fell brannte, dann aber leckte er die Hand seines Herrn. Der gab ihm einen Tritt, und der Hund wedelte mit dem Schwanz.
Krabat streichelte dem Pferd die Nüstern.
»Wenn es ein Fohlen hat«, sagte er, »kannst du es mir geben.«
»Dein eines Auge für den Fohlenschwanz, dein anderes Auge für den Fohlenkopf«, sagte der Mann.
Krabat lachte spöttisch, nahm die Katze und setzte sie der Kuh auf den Rücken, nahm die Lerche und setzte sie der Kuh aufs rechte Horn, nahm selbst die Kuh am linken Horn und zog davon, entlang der Mauer des Paradieses. Als hinter dem Berg Ararat der Mond aufging, lagerte er sich zur Nacht.
Im Himmel aber, während der abendlichen Zeremonien, brach der Erzengel Lucifer mit dem HERRN einen Streit vom Zaune. Zunächst kritisierte er nur gewisse, möglicherweise tatsächlich kritikwürdige Einzelheiten der Schöpfung; so hielt er, zum Beispiel, die vorgesehene Entdeckung Amerikas für viel zu verfrüht, tausend Jahre später, meinte er, kämen daraus immer noch Ungelegenheiten genug. Auch nannte er das melodramatische Spiel um den verbotenen Eva-Apfel, das morgen im Paradies über die Bühne gehen sollte, eine Schmierenkomödie: Statt Adam den Apfel zu verbieten, hätte man Eva die Pille erlauben sollen.
Sozusagen als Antifon zu diesen Nörgeleien sang der Erzengel Michael eine endlose Kantate WAS DER HERR TUT, IST WOHLGETAN. Solches Verhalten war schon damals dazu angetan, freie Geister eher zu reizen statt zu besänftigen, und also erklärte auch Lucifer schließlich unverhüllt, er sei grundsätzlich nicht einverstanden mit dem HERRN, insbesondere nicht mit der Verteilung der Welt. Der HERR habe, schlicht und ohne Umschweife gesagt, schon allein durch die Erschaffung dieses Reissenberg – so nannte Lucifer den vornehmen Jäger –, aber auch durch dessen offenbare Begünstigung gegenüber Krabat den Menschen einen Rucksack aufgebürdet, an dem sie sich krumm und krüpplig schleppen würden, bis sie ihn endlich abwürfen.
Der HERR schüttelte, stumm vor Empörung, die Fäuste, und Michael sang eine neue Strophe: Nur Not lehrt beten, und Reissenberg sei der rechte Mann, den Leuten das Beten beizubringen. Er werde schon dafür sorgen, dass die Menschheit nicht in dümmlicher Ruhe dahinlebt und sich zu wohl fühlt auf Erden, um sich in den Himmel zu sehnen. Dabei reckte Michael sein Flammenschwert in einer Weise empor, wie es später Generationen von Reissenbergs teils auf Denkmälern, teils bei Kaiserwahlen, Kriegsausrufungen und ähnlichen Reissenbergischen Höhepunkten zu tun pflegten.
Lucifer spuckte angewidert auf das Flammenschwert – was den Michael in einer Dampfwolke verschwinden ließ – und sagte zum HERRN, dieser fanatische Schlagetot Michael und jener stimmgewaltige Wolf – da wirst du aber sehr aufpassen müssen, dass dir die Welt nicht vorzeitig in Scherben fällt.
Doch der HERR versperrte Lucifer sein Ohr und entband ihn von allen seinen Ämtern, insbesondere entzog er ihm das Recht, den siebenarmigen Leuchter vor ihm herzutragen und seine Wunderstöcke zu verwalten – er hatte sich, mehr aus Spielerei als aus Notwendigkeit, für die Ausführung der verschiedenen Wunder verschiedene Wunderstäbe herstellen lassen, manche glatt wie ein Dirigentenstab, andere reich mit Schnitzereien versehen.
Lucifer, nicht gewillt, sich gänzlich in die Ecke drängen zu lassen, behielt nicht nur heimlich seine Funktion Herr der Schlange der Neugier für sich, sondern entwendete auch von den Stöcken des HERRN einen der stärksten und zugleich schönsten. Wunderstab – Wanderstab, dachte er belustigt und drückte dem schlafenden Krabat den Elfenbeinknauf in die Hand.
Dieser Stab war übrigens der Große Spaß-Wunderstab des HERRN, der zwar sein Fehlen nie bemerkt, nach seiner Entwendung aber auch keine lustigen oder gespenstisch-komischen Dinge wie Dinosaurier, Drachenvögel oder Kängurus mehr hergestellt hat, bloß noch den Gargantua und, vielleicht, den letzten Kaiser Wilhelm, der ihm aber nach keiner Seite hin ganz gelungen ist.
Frühmorgens fand Krabat den Wanderstab in seiner Hand, drehte ihn hin und her, dachte dieses und jenes und auch – als er die geschnitzte Eva betrachtete –, dass er eine Frau haben möchte. Bei diesem Gedanken fühlte er sich irgendwie matt und zugleich bedrängt, als ob Lust und Unlust an ihm zerrten, das ewige Düdeljadü der Lerche ging ihm auf die Nerven, er fand es oberflächlich und seinem Zustand gänzlich unangemessen, er legte sich zurück und schlief noch einmal ein.
Als er aufwachte, saß das Mädchen neben ihm.
Sie trug ein grob gewebtes Leinenkleid, schüttelte ihr langes, braunes Haar zurecht, betrachtete ihn neugierig oder nachdenklich und sagte: »Guten Tag!«
Krabat hätte sie gern berührt, aber vielleicht war sie nur ein Traum, Träume sind nur zum Träumen da und nicht zum Anfassen. Er molk die Kuh und gab dem Mädchen Milch, sie trank, Träume trinken keine Milch.
Sie sagte: »Ich heiße Smjala.«
Als sie aufbrachen, fragte sie: »Wohin gehen wir?«
Weil aber kein Wohin zu erfragen ist ohne das Woher, antwortete Krabat nicht. Freilich schwieg er auch lieber und hörte ihr zu, als dass er redete wie der Wind mit dem Gras und den Bäumen.
Das Mädchen spielte mit der Katze und sang mit der Lerche, aber ihre Frage vergaß sie nicht, sie sagte: »Irgendwohin, wo wir glücklich sind.«
Sie kennt so viele Worte und so seltsame Worte, dachte Krabat und sagte: »Ich werde uns das Land Glücksland suchen.«
»Ist es weit dahin?«, fragte sie.
»Wenn es das Wort gibt, gibt es auch das Land«, sagte er.
Gegen Abend erreichten sie einen Bach, zwei Männersprünge breit, gutes, klares Wasser. Smjala, die alles, was ihr gefiel, mit Namen behing – wahrscheinlich hatte sie auch ihren eigenen Namen erfunden –, nannte den Bach »Satkula«.
Am Bach schien ihnen, als hörten sie eine Mühle gehen, und sie wandten sich dem Hügelchen zu, auf dessen Kuppe eine breitästige Linde stand. Das Hügelchen, kaum fünf Kornhalme hoch, gefiel Smjala sehr, aber ein Name fiel ihr nicht ein.
Dann begann es zu regnen, leicht und aus einem hellen, warmen Himmel. Sie saßen unter der Linde, die Katze neben ihnen, der Kuh war es wohl im Regen, unter ihrem Bauch stand ein Huhn und pickte nach schillernden Fliegen. Aus den sanft zur Satkula hin fallenden Wiesen stiegen Dunstschleier. Krabat sagte: »Das ist unser Land.«
Das Mädchen Smjala nickte, dass es nun ihr Land sei, oder vielleicht auch, dass die Linde gut roch, sie summte ein Lied, das keine Worte hatte; es war fröhlich, aber nicht nur fröhlich. Krabat runzelte die Stirn, er wollte etwas sagen, etwas zu dem Lied Passendes, aber zugleich Vernünftiges, es war schwierig. Er war auch versucht zu sagen, dass Smjala ihn an jemanden erinnere, das aber wäre eine Lüge, und ihm war nicht nach Lügen zumute, ein Traum noch nicht ausgeschlossen, und alles noch ganz frisch; alle werden mich an dich erinnern, das wäre eine Wahrheit, aber eine vom Ende und nicht vom Anfang. Er sagte nichts.
Smjala stand auf, geschmeidig und mühelos aus den Hüften heraus, Krabat versuchte, auch so auf die Füße zu kommen, fiel auf die Seite, blieb liegen, nahm das Lied ohne Worte auf, jetzt war es nicht ohne Worte. O Smjala, du bist schön.
Smjala öffnete ihr braunes Haar, wusste sie es, wofür, für den warmen Regen oder den Lindenduft vielleicht oder das heisere Lied Krabats, sie öffnete das Haar mit beiden Händen im Nacken, der Regen wusch ihr das Kleid vom Leibe. Komm, sagte sie, vielleicht sagte sie es auch nicht, aber Krabat hörte es.
Komm, lockte sie und lief vor ihm davon in weiten Sätzen, und einmal schrie sie auf. Sie saß auf einem Stein, das rechte Bein hoch über das linke gekreuzt, seitlich auf der Schulter und tief geneigt der Kopf, mit der linken Hand hielt sie den schmalen Knöchel, mit der rechten suchte sie den Dorn in der Fußsohle. Krabat sah den gespannten Bogen ihres Rückens, den sanften Schwung der Hüfte hin zum hoch liegend gestrafften Bein und spürte den Dorn in ihrem Fuß wie zehn Dorne in seiner Brust; er kniete nieder und wollte den Dorn ziehen. Smjala gurrte, sanft oder auch gar nicht sanft, schlang ihr Haar um ihn und sprang auf, er rollte ins Gras, und sie tanzte davon. Kein Dorn in ihrem Fuß, aber ein Stachel in seinem Fleisch, er verfolgte sie, sie lachte zwar, aber ihr Atem hetzte, und ihr braunes Tierkleid flog hinter ihr her.
Am Fuße des Hügels stand ein Apfelbaum, seine Äste reichten tief hinab. Smjala umarmte den rindigen Stamm, und als Krabat sie erreichte, glitt sie zu Boden, über ihr wuchs der Baum, die Knospen sprangen, und unter ihnen trocknete das Gras, und über ihnen behing sich der Baum mit Früchten.
Am Waldrand erschien ein Reiter, er trug Waffen und hatte einen Hund bei sich. Der Hund schlug an, Krabat richtete sich auf. Der Mann betrachtete das Land und nickte sich zu, es gefiel auch ihm. Er ritt heran, beachtete den Mann und die Frau nicht, er riss einen Apfel ab und biss hinein.
»Gehört ihr hierher?«, fragte er mit kehliger Stimme. Er aß den Apfel langsam auf, während er Smjala anstarrte. Seine Augen standen seltsam nah beieinander, in einem breiten Gesicht enge, harte Augen. Der Hund hechelte, feuchte Zunge über scharfem Gebiss.
Krabat sagte, sie wohnten auf dem Hügel.
Der Mann stieg vom Pferd und schlang die Zügel um den Stamm. Smjala sah, dass das Tier auf der linken Hinterhand ein Wappen eingebrannt trug: ein Wolfsrachen, aufgerissen vor einem Berg. Sie lachte den Mann aus, ein Wolf wäre wohl nicht groß genug, einen Berg zu verschlingen.
Krabat wollte, dass der Mann weiterritte, er sagte: »Nimm die Berge, das Hügelchen gehört uns.«
Der Reiter trat mit dem Stiefelabsatz auf, und die Erde trug sein Wappen. Smjala lachte nicht mehr, und Krabat wusste nun, was Furcht war.
Oben auf dem Hügel, als es dunkel war, liebten sie sich, Krabat sah das Wolfsmal auf Smjalas, sie sah es auf seiner Schulter, sie hockten, ihre Brüste an seiner Brust und er in ihrem Schoß, sie brauchten Augen im Rücken.
Der Müller vom Bach kam herauf, auch er trug das Wappen des Wolfs; er riss ein Blatt von der Linde, es sang zwischen seinen Daumen, der Müller wachte für sie.
Smjala lag neben Krabat, über ihnen hing die Furcht. Sie atmeten sie ein.
Als der Morgen graute, verließ Krabat Smjala und setzte sich, Schulter an Schulter, zu dem Müller. Es war nicht nötig, dass sie Worte machten oder einige Tropfen Blut mischten zum Zeichen verschworener Bruderschaft.
Die Lerche stieg auf.
Krabat sagte: »Ich schenke sie dir.«
Der Müller schaute dem schwirrenden Ding nach und nickte. Das Blatt, das zwischen seinen Daumen gesungen hatte, wurde eine Trompete. Er hob sie an die Lippen und blies, es hörte sich nicht schön an.
Smjala erwachte, setzte sich zu ihnen und meinte, der Müller solle Jakub Kuschk heißen: Jakub klingt zuverlässig und Kuschk lustig, sagte sie.
Das mag stimmen oder nicht stimmen – nicht alle Ohren hören gleich –, aber dieser Einfall Smjalas verursachte später eine gewisse Verwirrung.
Denn ein Jakub Kuschk, Müller und auch ein Meister auf der Trompete, wurde samt seinem Instrument auf dem hiesigen Amtsgericht aktenkundig wegen Sitzens in einem Heuhaufen, und zwar im Sommer 1908.
Eigener Aussage nach schlief dieser Jakub Kuschk friedlich und nichts Böses denkend in jenem Heuhaufen, bis ein Gaul seine Schnauze in das Heu steckte. Der Müller erschrak und stieß gewaltig in seine Trompete, ohne zu ahnen, dass auf dem Gaul der zweite Kaiser Wilhelm saß, der seinerseits des Müllers Trompete für die biblische von Jericho hielt.
Mit letzter Gewissheit freilich ließ sich während der Verhandlung ein kausaler Zusammenhang zwischen der wirklichen oder der vermeintlichen Trompete von Jericho und dem scheuenden Kaisergaul nicht herstellen, und nur deswegen sprach der Amtsrichter, der den Müller Kuschk wegen Gefährdung Seiner Majestät und Störung des Manövers ins Gefängnis einwies, nicht von jenem biblischen Ereignis, sondern von den Künsten. Die Künste, führte er aus, wenn sie ohne das sichere Netzwerk anständiger Gesinnung und eng geknüpfter Gesetze, gleichsam wild betrieben würden, vermöchten mehr als nur die Mauern einer simplen Stadt, einer jüdischen obendrein, zum Einsturz zu bringen.
Der Richter, einmal im abgesteckten Fahrwasser, ruderte heftig darin herum und brachte so schließlich die Rede auf die achtundvierziger Revolution, bei der sowohl der Müller Kuschk als auch ein gewisser Krabat die Hand im Spiel gehabt hätten – es sei höheren Orts sehr wohl bekannt, dass diese beiden Kumpane seien und bei jeder Gelegenheit wider den Stachel der Obrigkeit löckten.
Leute, die – aus Neigung oder von Berufs wegen – viel reden, lieben eine reich bebilderte Sprache, da aber Liebe nicht immer mit Richtig im Gespann geht, bringen sie ihre Zuhörer nicht selten zum Lachen. Auch hier lachten die Leute, die den Saal des Amtsgerichts füllten, nur der Anwalt des Kaisergefährders nickte ernsthaft und nachdenklich zustimmend dem Amtsrichter zu. Aber gerade das trieb dem Richter die Röte ins Gesicht, denn er achtete diesen Anwalt persönlich höher, als er es als Richter tun durfte.
Dieser Mann, kein gelernter Jurist, sondern von Beruf Maurer, hieß Peter Serbin und war ein berühmter Braschka, ein Hochzeitsmeister und außerdem der gewählte und auch von der Obrigkeit anerkannte Sprecher der Satkula-Dörfer.
Das Letzte nun hatte tatsächlich etwas mit der achtundvierziger Revolution zu tun.
Die Leute waren damals vor das Schloss gezogen und hatten Einlass begehrt für ihre Delegation. Als sich nichts rührte, hatten sie angefangen zu schreien, hatten sich schließlich heiser geschrien, aber das Schloss blieb taub und stumm. Die Gräfin Reissenberg legte im Gartensalon weiter ihre Patience und nahm ab und zu ein Silberlöffelchen Heringsaugen zu sich, die Gräfin konnte nichts anderes essen oder aber sie bekam Migräne. Der Graf las in der Familienchronik.
Vor dem Schloss zündete sich der Anführer der Delegation, Bastian Serbin, seine Pfeife an, der Rauch zog zum Schloss, es war Ostwind, was selten vorkam zu dieser Jahreszeit.
Wo wir heiser sind, soll er husten, sagte der Pfeifenraucher. Sie schleppten altes Mietenstroh und vorjähriges Laub heran, es qualmte und stank, als ob Teufel auf dem eigenen Rost brieten, und als nun die Gräfin trotz der Heringsaugen Migräne bekam, kein reitender Bote des Königs erschien und auch kein Detachement berittener Königlich-Sächsischer Jäger, als draußen Bastian Serbin das Lied anstimmte: »... der Wolf Reissenberg war ein gar grausamer Herr« – es ist Jahrhunderte alt das Lied, sie bringen es ihren Kindern schon in der Wiege bei, obwohl es doch längst antiquiert ist, murrte der Graf –, und als schließlich der Schmied die Ramme in Stellung brachte, öffnete Friedrich Wilhelm Graf Wolf Reissenberg der Revolution das Portal.
Die Revolution ließ es weiter anqualmen und anstinken gegen das Schloss, bis der Graf ihren Sieg unterschrieben hatte, siebzehn Punkte, lächerliche oder nicht lächerliche: Das Hüterecht ab Michaelis auf der großen Bachwiese, die Streichung aller Loskaufschulden, das Recht, in der Satkula zu fischen, in den Wäldern Pilze zu sammeln, kein fremder Handwerker darf ins Schloss, wenn seine Zunft schon im Dorf vertreten ist, und dies und das und schließlich Brief und Siegel darauf, dass jedermann sich einen Hund halten darf und ihn rufen, wie er will – auch Wolf –, und dass das Dorf sich einen wählt, der es vertritt im Streit um den Wahrgehalt der siebzehn Punkte auch vor Gericht, wenn einer es wünscht.
Der Graf, Wolfshaut noch, aber längst kein Wolfsherz mehr, unterschrieb das Papier, auch Bastian Serbin malte seinen Namen darauf, erst wollte er einen Punkt dahintersetzen, aber dann ließ er es sein. Der Punkt kommt später, dachte er, Punkt und Schluss.
Als dieser Bastian Serbin starb – noch kein Punkt und Schluss –, wählte man seinen Sohn Peter zum Vertreter des Dorfes, und der nun bewies jetzt mit amtlichem Papier dem Richter, dass der Müller Kuschk noch volle acht Jahre nach jenem Ereignis vertrödelt habe, bis er auf die Welt gekommen sei.
Was aber Krabat beträfe, der freilich sei damals wirklich dabei gewesen ...
Also doch!, rief der Amtsrichter.
Sicher, sagte der Anwalt und Braschka und hob dabei – wie zur Bekräftigung – den schönsten seiner fünf BraschkaStäbe, den er bei wichtigen Anlässen immer bei sich hatte: Ebenholz, mit Silber beschlagen, dareingetrieben und in den elfenbeinernen Knauf geschnitzt die Geschichte von Adam und Eva. Sicher, sagte er also, aber auch Napolium hat da nichts machen können.
Die Leute im Saal setzten sich gemütlich zurecht und legten, soweit sie es nötig hatten, eine Hand ans Ohr, der Müller Kuschk blinzelte seinem Freund zu, und der Amtsrichter fragte: Napoleon?
Peter Serbin nahm Anlauf zu erzählen, wie im Mai 1813 die Verbündeten nach der Schlacht bei Bautzen so eben noch mit heiler Haut davongekommen seien, weil Napoleon, statt ihre Verfolgung zu organisieren und zu befehlen, auf Krabats Veranlassung im Prunkzimmer des Hartmann’schen Patrizierhauses in der Lauengasse die ganze Nacht mit der Magd Lubina tanzen musste, ob er wollte oder nicht.
Daran anschließend wollte Peter Serbin berichten, wie Napoleons Schimmel, der doch nun wirklich kriegs- und schlachterfahren gewesen sei, auch gelegentlich schwache Nerven gezeigt habe, um so von dem einen Kaisergaul auf den anderen Kaisergaul zu kommen und für die Unschuld des Jakub Kuschk zu plädieren.
Doch als er eben ansetzte zu seiner ausführlichen Darlegung, schlug es vom benachbarten Rathausturm blechern viermal. Um vier Uhr war Gerichtsbeschluss, der Richter meinte sich sowieso unterbesoldet und sah keinen Anlass für nicht bezahlte Überstunden, er stand kurzerhand auf und verkündete das Urteil: Ein Jahr Gefängnis für den Attentäter war höheren Ortes anbefohlen worden, aber – in Assoziation zur eben geschlagenen Stunde vielleicht – der Richter schickte den Jakub Kuschk nur für vier Wochen hinter Gitter.
An einem der nächsten Tage fand er einen Anlass, auf dem Hügelchen bei Peter Serbin vorbeizuschauen, und ließ sich die Geschichte von Napoleon und der Magd Lubina erzählen.
Peter Serbin – er band eben Besen, dabei stört Reden nicht – erzählte, gepfeffert und gesalzen, und der Richter hörte zu, belustigt, aber je weiter, desto mehr auf eine seltsame Weise verstört: Ihm war, als wäre er zugleich anwesend in jenem Prunkzimmer vor hundert Jahren und hier auf der hölzernen Bank unter der Linde, vor ihm saß auf einem Hackklotz Peter Serbin, der Braschka, und schlang die biegsame Rute um die Reiser, und vor ihm saß auf der breiten Fensterbank Krabat und schwang seinen Stab mal langsam, mal schneller, und mal langsam, mal schneller tanzte Napoleon mit der Magd rund um den Tisch, auf dem die Karten der Schlacht ausgebreitet lagen.
In einiger Verwirrung verabschiedete sich dann der Richter, er wusste selbst nicht, von wem: von Krabat, von Napoleon oder dem Braschka; die beschlagnahmte Trompete des Müllers ließ er ohne jede Erklärung auf der Bank zurück.
Er war nie in dem Haus gewesen, in dem Napoleon damals übernachtet hatte, aber nun fuhr er hin und bat unter irgendeinem Vorwand, das Prunkzimmer sehen zu dürfen, und es war alles so, wie er es schon kannte: von jener Nacht im Mai 1813 her.
Der Richter sprach mit niemandem darüber, dass er einmal in zwei Räumen und zwei Zeiten zugleich gewesen war, es gelang ihm auch, das nach und nach zu vergessen, aber er fragte nie wieder nach Krabat, und von dem Braschka Peter Serbin behauptete er gelegentlich, der könne Geschichten erzählen, dass einer am Ende glaube, er wäre sein eigener Urgroßvater.
Peter Serbin drängte aber niemandem seine Geschichten auf und schon gleich gar nicht das, was er über Krabat wusste; er wurde gefragt und er antwortete.
Niemand fragte so viel wie sein Enkel Jan: Er fragte die Sterne vom Himmel und die Steine aus der Erde, das Wasser aus dem Brunnen und das Grün von den Bäumen.
Die Antworten des Großvaters waren immer Geschichten, und die Geschichten waren anfangs bunte Wirklichkeit für den Knaben, später verblassten ihm die Farben, und eine nüchterne Wahrheit trat zutage, und wieder später – als der Großvater längst im Grabe lag – zeigte sich ihm auch die Wahrheit verschiedenfarbig, ein Regenbogen vielleicht, der nichts ist als die Sichtbarmachung eines Ganzen in seinen Teilen.
Die Sichtbarmachung begann – ohne dass Jan es gewahr wurde – frühzeitig, als alles noch einfach und frei beweglich in Räumen und Zeiten war, als ein Wort noch ein Ding benannte und kein Ding zugleich ein anderes war. Damals war Krabat für den Enkel des Peter Serbin Ali Baba der Furchtlose, war er sein Sindbad der Seefahrer, Till Ulenspiegel, der Schelm, und Till, der Geuse, sein Drachentöter, edler Prinz, gewaltiger Held – Vollbringer großer Taten.
Aber erst als Krabat auf die Suche nach dem Land Glücksland ging, wurde er ein naher Mensch, und ihm wuchsen die Jahre zu, die dem Jungen zuwuchsen, und seine noch zu vollbringende Tat. Dieser neue – und nahe – Krabat kannte die Tiefen der Jahrhunderte, die Wüsten der Ohnmacht, die Ozeane des Unrechts, das unendliche Land der Auferstehung, die Horizonte des Glücks. Er war dabei, als Amerika entdeckt wurde, als die Türken vor Wien lagen, die Hussiten die Stadt Budissin stürmten. Er erfand das Rad und die Sonnenuhr, erstieg den Gaurisankar, entdeckte den Nordpol, er führte die Schweden ins Moor und er stürmte die Bastille und starb auf dem Friedhof Père-Lachaise.
Aber er war kein Irgendwo-Nirgendwo, er war hier daheim, hier auf Serbins Hügelchen. Er grub den Brunnen und säte Korn, er kämpfte gegen Wolf Reissenberg mit Klugheit und List, manchmal auch mit dem Stahl. Er wurde getötet und lebte, er starb und war sein eigener Sohn. Er errichtete die Pestsäule und ließ sie erneuern, in jedem Jahrhundert einmal. Für Jan nahm er die Gestalt des Großvaters an, und die Wirklichkeit des einen und die des anderen waren wie Seerosenblätter, die ein jagender Hecht aus dem Grund gerissen hat und die nun aufeinander zu und voneinander weg treiben; es geschieht auch, dass sie sich übereinander schieben und ein Blatt zu sein scheinen.
Immer hatte der Junge gewollt, Krabat zu sein, einmal, am Tage von dessen Begräbnis, wollte er sein, wie sein Großvater gewesen war.
Das Kirchdorf war schwarz von Menschen, auch jener Amtsrichter gab Peter Serbin das letzte Geleit. Die Regierung schickte zwei Lastautos grüner Polizisten; um die Ordnung aufrechtzuerhalten, sagte man. Die anderen Satkula-Dörfer waren so menschenleer, dass der Zigeuner Bogaz in aller Ruhe die, wie er meinte, berühmte Trompete des Müllers Kuschk stehlen konnte. Er blies darauf zwei Jahre, dann zersprang sie, und der Zigeuner wurde wieder ein Scherenschleifer.
Es war aber nicht die echte Trompete des Müllers Kuschk gewesen, die echte hatte der Müller Kuschk bei sich, er blies mit ihr seinen Freund zu Grabe, in dem Bericht der Polizei an die Regierung hieß es, er habe unchristlich und barbarisch lustig geblasen.
Der Müller Kuschk hatte keinen Grund, etwa der Regierung zu erklären, warum er so blies und nicht anders. Vor drei Tagen war er vormittags zu Peter Serbin gekommen und hatte ihm eine Schüssel Kirschen gebracht.
Gut, dass du kommst, Jakub, sagte der, ich mache mich nämlich nun auf den Weg. Das Begräbnis wird ja am Dienstag sein, an dem Tag habe ich eintausendvierhundertundneunundvierzig Hochzeiten gefeiert, soll die Zahl rund werden, spiel mir auf wie zur Hochzeit.
Jakub Kuschk, der Müller, versprach es, sie tranken noch einen Schnaps zusammen, und der Müller ging nach Hause. Der Großvater rief seinen Enkel und reichte ihm seinen schönsten Hochzeitsstock, den elfenbeinernen Knauf mit blauer, roter und weißer Seide bebändert. Der Stock weiß alles, was ich dir nun nicht mehr erzählen kann, behalte ihn, sagte er, winkte dem Enkel zu gehen, aß ein paar Kirschen, dachte nach, ob er etwas zu sagen vergessen hatte, es schien ihm, er habe alles getan und alles gesagt, er legte sich zurück und starb.
Jan war zehn Jahre damals, die Leute begleiteten ihren treuen Anwalt und berühmten Braschka zu Grabe, der Enkel warf drei Hände Erde auf den Sarg dessen, der das große Weltbuch seiner Kinderjahre gewesen war. Der Pfarrer nannte den Toten klug und weise, gerecht und furchtlos vor Menschen, die ihr Recht über die Gerechtigkeit stellten – hier nahmen die Polizisten vorsichtshalber ihre Gummiknüppel in die Hand –, der Enkel sah die weißen Tauben auf dem Kirchendach sitzen, wie ist das, Großvater: tot sein?
Da gab der Müller Kuschk, feierlich und lustig, Großvaters Antwort: Als sie mich ins Grab senkten, blies der Müller Kuschk das Brautlied, tot ist, wer nicht gelebt hat.
Der Junge vermeinte, weder verwirrt noch sonderlich verwundert, Krabat diese Worte sagen zu hören, und als nun die Tauben aufflogen und eine allein sitzen blieb, war es für seine Augen Krabats Taube, und der stand neben ihm, und Großvater war nicht tot, und beide gingen ineinander über und waren nun er. Auch das verwirrte ihn nicht, es war eine einfache Wirklichkeit, auch wenn er sie nicht zu begreifen vermochte.
Er begriff sie später, hinter sich tausend Träume und Taten, Gedanken und Erfahrungen, die sich ineinander verflochten, vielschichtig, vielgesichtig wurden. Mit den Jahren bildete sich, immer klarer umrissen, darin eine Schicht, die er zur eigenen Verständigung Krabats Realität – Gegenraum und Gegenzeit umfassend – nannte. Er war sich sicher, dass diese Realität die seine an tausend Punkten tangierte und an tausend Punkten bis zur Umkehrung von ihr abwich.
Manchmal glaubte er, er brauchte nur die Hand auszustrecken, um Krabat zu berühren. Doch er hob die Hand nicht: Er sah keinen Nutzen darin.
Und manchmal glaubte er, er könne und müsse in die andere Realität eindringen, Krabat werden und, den Wunderstab in der Hand, das Wunder der Erlösung vollbringen.
Aus solchen Empfindungen und Gedanken schrieb er einmal in sein sporadisch geführtes Tagebuch: »Aber wenn einmal der Siebente Tag zu Ende geht, dann wird es notwendig sein – als ein letzter Akt freier Vernunft –, sich auch der ungebundenen Zeit zu bemächtigen, um alle Zeit aufnehmen zu können für den Achten Tag, der damit beginnt, dass der Mensch endgültig entscheidet, was er sein wird: NICHTS oder nun endlich doch DER MENSCH ohne Furcht vor dem Mensch-Sein und ohne Hoffnung auf Erlösung daraus.«
An anderer Stelle bezeichnete er den »Siebenten Tag« als den Zeitraum der Nichtselbstbestimmung des Menschen, dem der der vollkommenen Selbstbestimmung folgen werde. Diese Zeit könnte Äonen umfassen oder auch nur die Weltsekunden der Selbstvernichtung; ob das eine oder das andere: das hinge davon ab, ob im gegebenen Augenblick die moralische Qualität der Menschheit ihrer technischen Machtvollkommenheit nicht nur adäquat, sondern überlegen sei.
Er, der erlebte, wie der eine Große Krieg mit der Atombombe endete und der andere durch die Bombe nicht stattfand, wie sich in Reagenzgläsern und Retorten ein dritter, unvorstellbar grausiger, unblutiger bereit machte und zur gleichen Zeit tödlicher Wetteifer die Erde schwängerte, ihr Bauch sich wölbte mit Bomben und Raketen, wer wollte wissen, wann die Fruchtblase springt – er verlor nach und nach allen Glauben an eine weltumfassende und mit der Schnelligkeit der technischen Entwicklung Schritt haltende Wirkung von Ideen und Morallehren. Im gleichen Maße festigte sich in ihm die Überzeugung, dass es seiner Wissenschaft, der Biologie, bestimmt sei, die Menschheit zu retten. Sie wird die Grundprinzipien des Lebens finden, seine Detailstrukturen aufdecken und seine Bausteine in ebenbürtiger Qualität herstellen, um so schließlich, Gen zu Gen, den Menschen neu einzurichten, programmiert für die Beherrschung seiner eigenen Zukunft. Dieser Mensch wird, behauptete Jan Serbin, sowohl vernünftig als auch moralisch sein, allerdings: nicht aus Moral vernünftig, sondern aus Vernunft moralisch.
In diesem Zusammenhang wollte er die »ungebundene Zeit« verstanden wissen als das, was er gelegentlich Antizeit nannte, zugleich aber auch als den gesamten Fragen- und Erfahrungsinhalt der Vergangenheiten. Sein Ausgangspunkt dabei war, dass, solange man an der Vorstellung einer möglichen sinnvollen Zukunft festhalte, es keine sinnlose Vergangenheit geben kann. Ließe man aber diese Vorstellung fallen, ergäbe sich notwendigerweise eine Sinnlosigkeit der Gegenwart, des Daseins überhaupt, die Fehlerhaftigkeit der bestehenden Welt würde zu einem unkorrigierbaren Gesetz zufälligen Chaos.
Aus solchen Erwägungen heraus begann Jan Serbin, sich außer mit der biologischen auch mit der moralischen Kategorie Mensch zu befassen, und ohne dass er es gewahr wurde, nahmen darin Bilder, Erfahrungen, Vorstellungen seiner Kindheit und frühen Jugend einen wachsenden Raum ein.
Zu den wenigen Dingen, die er aus jenen Jahren in seinem Besitz hatte, gehörten der Hochzeitsstock aus Ebenholz und ein schwarzes Pappdeckelheft mit Eintragungen seines Großvaters und des Müllers Jakub Kuschk.
Die letzte Eintragung darin, von der Hand des Großvaters, hieß: Ich habe einen seltsamen Traum gehabt. An dem verwilderten Apfelbaum hingen drei Äpfel, sie waren gleich groß. Unter dem Baum saß Smjala, sie spielte mit meiner Uhr. Einen darfst du pflücken, sagte sie. Ich wusste nicht, welchen. Sie sagte, der eine ist die Sonne. Wenn sie aufgeht, wird es Nacht. Der andere ist die Erde. Gewonnen ist nicht zerronnen. Der dritte ist deine Uhr. Sie geht oder steht. Ich musste einen Apfel pflücken, ich wusste nicht, welchen. Ich pflückte einen, er war schwer auch für zwei Hände: ich hielt die Erde in der Hand. Smjala freute sich, und ich war ganz jung. Ich wurde immer jünger, zuletzt war ich mein Enkel Jan. Meine Uhr tickte im Baum. Ich habe nicht mehr viel Zeit.
Darunter schrieb JanSerbin:Wir haben nicht mehr viel Zeit zu überlegen, ob wir die Erde in unsere Hand nehmen oder die Schwarze Sonne aufgehen lassen. Die Zeit schrumpft uns zusammen wie ein Chagrinleder: jeden Tag um die Hälfte.
Smjala war das Geschöpf der ersten Sehnsucht Krabats; das Leben erst einen Sonnenuntergang alt und das Paradies noch in Sichtweite. Dann versank das Paradies im Niegewesenen, und Krabat verlor Smjala in einem Herbst. Manche sagen: lange vor Erfindung des Rades, andere meinen, es sei in der Zeit der Sintflut gewesen.
Es ist müßig, über das Jahr solcher Geschehnisse zu streiten, die ebenso gut gestern wie vor tausend Jahren hätten eintreffen können, wichtig allein ist, ob das, was geschah, immer noch als geschehen gilt; und als geschehen gilt, was wirkt. Wichtig ist weiter, warum etwas geschieht. Das Warum hat mehr Wurzeln als der Mensch Zähne und tiefere als Moosgeflecht auf einem Felsen. Das Wo ist auch von Bedeutung, wenn auch von untergeordneter.
Man kann zum Beispiel nicht sagen, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren: An den Iden des März im Jahre minus 44 säte Krabat Hirse am Südpol. Einmal, weil damals die Erde noch ein Teller voller Wasser war, in dem die Kontinente schwammen, keine Rede also von Polen, und zweitens, weil auch in nächster Zukunft noch nicht an Hirseanbau am Südpol zu denken ist. Drittens aber – und das vor allem zählt –, weil Krabat an ebenjenem Tag seinen Dolch in Cäsars Leib stieß, im Glauben, fließendes Blut vermöchte das Mühlrad der Zeit in ihre Gegenrichtung zu drehen. Im Glauben auch, die Vergottung und Allmacht eines Menschen – unmenschlich auch dann, wenn sie nicht grausam ist – seien nur dessen eigenes Werk und Wollen.
Noch am Abend zuvor war er bei Cäsar gewesen und hatte ihn gebeten: »Stürze deine eigenen Denkmäler, o Cäsar, bevor du Menschenopfer brauchst, um sie nicht stürzen zu lassen!«
CäsarsAntwort istnicht aufgezeichnet worden,wahrscheinlich zuckte er nur mit den Schultern. Spätere Cäsaren beantworteten eine solche Bitte mit dem Wink an den Henker, jener Cäsar aber wurde Stunden später ein toter Menschengott, und Menschengötter aus Marmor oder Gold richten weniger Schaden an als gipserne Denkmäler Lebender.
Cäsar also und Krabat – aber wo war Smjala? Irgendjemand begnügte sich zu sagen, es sei in der Männerwelt der unvernünftigen Vernunft kein Platz mehr gewesen für Smjala, das Mädchen Reine Freude.
Eine andere, gleich lapidare Nachricht besagt, Smjala sei Krabat davongelaufen, weil er ein Philosoph geworden sei.
Auffällig ist, dass es weder zu dem einen noch zu dem anderen eine Geschichte oder auch nur eine Parabel gibt; dies deutet darauf hin, dass beide Begründungen nicht aus dem Volk stammen, das auch – übrigens – den Beruf eines Philosophen nicht für etwas von vornherein Ehrenrühriges hält, freilich auch nicht für das Gegenteil.
Natürlich kann man in allen Schichten Leute finden, die noch niemals einem nützlichen Philosophen in Tätigkeit von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden haben, von Sokrates nur die Xanthippe wissen, von anderen nicht einmal das und darum aus purem Selbstschutz behaupten, dass ein Philosoph an sich ein Mann sei, der verschnörkelt und verschlüsselt Dingen nachfragt, nach denen entweder keine Nachfrage besteht oder hinter denen keine Antwort zu finden und also auch nicht zu suchen sei.
Die Behauptung, dass Krabat ein Philosoph – natürlich dieser Art – war, findet sich in den Aufzeichnungen eines Reissenbergischen Schreibers, der an anderer Stelle Krabat auch einen »Hanswurst von der Satkula« nannte und eine Anzahl dümmlicher Geschichten dazu erfand. Dieser Mann lebte zu Bismarcks Zeiten und bekam monatlich den für derartige Dienste ausgeworfenen sogenannten »Satkula-Taler« über neun Jahre lang ausbezahlt.
Aus einer schmutzigen Quelle aber kann man kein sauberes Wasser schöpfen.
Es gibt auch Stellen, aus denen gutes, klares Wasser sprudelt, und doch sind sie keine Quellen: Eine Wasserleitung wurde unterirdisch verlegt und ein Ursprung vorgetäuscht, wo eine Absicht verborgen bleiben sollte.
So verhält es sich mit einem zweiten, auch von vielen gutwilligen Leuten als wahr angenommenen Bericht darüber, wie Krabat Smjala verlor.
Am Morgen nach der fünften Nacht mit Smjala holte Krabat – der Brunnen auf dem Hügelchen war noch nicht tief genug ausgeschachtet – Wasser aus der Satkula, als eben ein Mädchen in den Bach stieg, um zu baden. Das Mädchen war überall dort blond, wo Smjala braun war, ihre Brüste schienen heller, das Rot ihrer Spitzen aufreizender, und ohne Zeit mit Denken zu verlieren, sprang auch Krabat ins Wasser. Das Mädchen schwamm wie ein Fisch. Krabat schwamm wie ein Fischotter, der Otter zog das Fischlein ans Ufer, und das Fischlein war kein Fisch, die Bachkühle verdampfte, und bevor noch oben auf dem Hügelchen der Hahn dreimal gekräht hatte, hatte unten am Bach das Fischlein dreimal die Sprache gefunden und wieder verloren.
In der Nacht jedoch dachte Krabat, braun ist doch wärmer als blond, um am nächsten Morgen wiederum zu meinen, aber blond ist frischer und leuchtender in der Sonne als braun unter den Sternen.
Einmal in solche Farbgedanken geraten, und weil Neugier den Mann macht, dehnte er seine Gänge nach Wasser weiter und weiter aus und ließ Smjala dürsten.
Eines Morgens schlug er einen Bogen um die Stelle, wo das blonde Mädchen badete, und zog bachaufwärts bis in die Waldhügel im Süden, die von Weitem wie Berge erschienen. Dort traf er, schon tief im Wald, ein Mädchen, das Beeren sammelte. Ein dicker schwarzer Zopf baumelte ihr über die Schulter nach vorn, als sie sich bückte; ihre Hüften erschienen rund und fest, und ihre dunklen Augen wurden noch dunkler, als Krabat nach ihren Beeren griff. Die Beeren waren süß und schwer wie Tokaier Wein, und Krabat wurde davon so taumelig und wirr, dass er den Pfad nicht mehr fand und sich verirrte.
Als die Sonne unterging, geriet er auf eine Lichtung, eine Hütte stand dort mitten in einem Urwald von Blumen aller Art, und vor der Hütte saß auf einem Birkenbänkchen ein Mädchen und kämmte sein Haar, das Haar lohte wie die Abendsonne.
Das Mädchen sang das Lied von der Lorelei, und wie der Fischer in seinem Kahn, so trieb Krabat durch das Blumenmeer auf sie zu, ertrank nicht im Rheinstrom, sondern in der roten Flut ihrer Haare und dem Tausendblumenduft ihrer Haut. Die Nacht lang zählte er ihre Sommersprossen und verzählte sich siebenmal. Bei Sonnenaufgang taumelte er aus der Hütte, fand die Satkula und an ihr entlang seinen Weg nach Hause, halb wie ein redlicher Zecher, halb wie ein unredlicher Buchhalter.
Als er heimkam – und auch den Wasserkrug hatte er vergessen bei der Lorelei –, war der Brunnen tief in die Erde gegraben, mit groben Steinen eingefasst, waren die Steine in der kühlen Tiefe grün bemoost, trieb die Linde, mächtig ausgewachsen, mitten aus ihrem hohlen Leib einen neuen Stamm, und aus der Hütte trat ein Mann – Krabat glaubte, sich selbst zu sehen.
Wer bist du, fragte Krabat den nicht-anderen-Mann, der sich noch nie im Spiegel erblickt hatte und darum sich vor Krabat nicht verwunderte. Ich bin ich, antwortete der Mann, manche nennen mich Serbin.
Krabat bat um einen Schluck Wasser. Der Mann reichte ihm einen Becher, das Wasser aus dem tiefen Brunnen war klar und kalt wie Tautropfen im Oktober.
Krabat saß auf dem Brunnenstein, sah in der Ferne die blauen Hügel, hier die Wiesen, sanft zur Satkula fallend, und in der Aue sieben Dörfer.
Er saß, bis vom Bach die Nebel stiegen, dann ging er zur Mühle hinab. Der Müller dort war ein lustiger, fremder Mann.
Krabat setzte sich an den Bach, sah den Wasserläufern zu, die hin und her rannten, es schien, als spännen sie ein Netz, das Wasser darin zu fangen. Aber das Wasser rann hinweg unter dem Netz, nicht einzufangen, nicht festzuhalten.
Als das Käuzchen jagte und der Uhu über die Felder strich, hockte der Wassermann auf dem Stamm einer hohlen Weide, er brach kleine Stücke aus ihrer Borke und ließ sie murmelnd in den Bach fallen.
Bruder Wassermann ..., sagte Krabat.
Dreiundvierzig, vierundvierzig, fünfundvierzig, murmelte der Wassermann nun deutlicher, und Krabat verstand, dass er nicht gestört werden wollte.
Das letzte Stück Borke fiel ins Wasser, hundert, sagte der Wassermann, hundert Jahre, er riss ein Blatt von einem Zweig und ließ es hinabsegeln, und ein Tag. Keine Spur im Wasser, keine Spur im Wind. Weggeschwommen, weggeweht.
Krabat begriff, dass er Smjala verloren hatte. Aber der Schmerz war noch nicht da, er hat langsamere Beine als der Verstand.
Wozu bin ich wiedergekommen, fragte er.
Der Wassermann spielte mit seinem grünen Bart, als hätte er nicht gehört.
Antworte!, schrie Krabat, plötzlich zornig, sprang auf und griff ihm grob in den Bart. Wo ist Smjala?
Der Wassermann ließ sich in den Bach gleiten, Krabat hielt ein Büschel Binsen in der Hand.
Hundert Borkenstückchen in den Bach, hundert in den Wind. Bruder Krabat, sagte der Wassermann. Das Wasser trübte ein wenig auf, die Trübung zerfloss, und der Bach war leer.
Hundert Borkenstückchen im Bach, hundert Worte im Wind, wiederholte Krabat, und irgendwann, vielleicht in der gleichen Nacht, im frühen Morgen oder vielleicht viele Tage später machte er sich auf, Smjala zu suchen, wo das Wasser fließt, wo der Wind weht.
Manchmal war Jakub Kuschk bei ihm, manchmal war Krabat allein. Er fand viele Mädchen und lag mit ihnen im Bett, wie es gerade war: aus Daunen oder Stroh, duftendem Heu oder harzigen jungen Fichtenzweigen; federnde Matratzen der Erbsen-Prinzessin und gestampfter Lehmboden des Aschenbrödel, warmer Sand am Meeresufer, parfümiertes Wasser in gekachelter Wanne, und eine stand einmal vor ihm, nackt, die Hände unter den Brüsten, die Haut brennend, sie sagte, was habe ich nicht, das Smjala hatte.
Sie hatte mit Smjala gemeinsam, dass er sie verließ, wie er alle verlassen hatte und alle verlassen würde, und allmählich verlor er die Verlorene gänzlich.
Sogar ihren Namen verlor er und nannte sie Die helle dunkle Gabelung. Endlich geriet er auch wieder auf die Lichtung mitten im Wald, trieb wieder durch das bunte Blumenmeer, und je tiefer er eindrang, desto weiter wichen alle Ufer von ihm zurück, und das Lied von der Lorelei hörte er von überall her, und es war nirgends.
Was dann aus Krabat geworden ist, weiß niemand. Manche vermuten, er sei der alte Mann, der an jedem Samstag in einer Pfeilernische an der Dommauer Blumen verkauft, ungesehen kommt und ungesehen verschwindet. Ab und zu soll ein Käufer mitten in einem Strauß simpler Astern eine sternförmige, in keinem Katalog aufgeführte Blüte von eigenartiger Schönheit gefunden haben. Andere versichern, Krabat habe nie mehr aus dem Blumenmeer herausgefunden und müsse bei dem rothaarigen Mädchen bleiben, bis er sich Smjalas wieder erinnere: ihres Namens, was sie flüsterte, wenn sie ihn liebte, und wie die Träne schmeckte, wenn sie weinte.
Der Müller Jakub Kuschk behauptete zeitlebens, wie glaubhaft auch das eine oder das andere Ende dieser Geschichte erscheinen möge – die ganze Geschichte bleibe ein Märchen, erfunden von jemandem, der nicht weiß, dass alle Schönheit des Lebens aus dem Geheimnis des Weibes und der Neugier des Mannes kommt. Aus dem Märchen jedoch machte er ein Lied, mit dem er hundert Mädchen ins Brautbett spielte, wo – wie er sagte – das Märchen seinen Platz habe, für eine Nacht oder auch für drei.
Die Wahrheit fand der Müller Kuschk eines Tages, als er nichts zu mahlen hatte und auf einen Schwatz und – wenn es der gute Himmel so schickte – auch auf einen Schnaps zu Peter Serbin, dem Braschka, ging und von ihm erfuhr, wie es wirklich gekommen war, dass Krabat Smjala verlor.
Zunächst sprachen sie nicht über Krabat, sondern über den Zeppelin, der tags zuvor über ihren Köpfen nach Norden gezogen war, um sich dem Kaiser Wilhelm vorzustellen.
Peter Serbin, im Augenblick weder als Braschka noch als Maurer benötigt, hatte Farbtöpfe und Pinsel zur Hand und malte den besonders verblichenen – weil auf der Pestsäule nach Westen zu stehenden – Sanctus Georgius samt Pferd und Drachen frisch auf.
Peter Serbin stand auf der Leiter, und Jakub Kuschk reichte ihm diesen oder jenen Farbtopf zu, je nachdem, ob Gutes oder Schlechtes zu bemalen war. Als der Erneuerer des heiligen Ritters den Drachen anging, kam Jakub Kuschk ein Einfall. Er hielt den Topf mit schwarzer Farbe hoch und sagte, mal ihm einen Schnurrbart an.
Peter Serbin dachte: dem Georgius.
Dem Drachen, sagte der Müller, er sieht dann dem Kaiser noch ähnlicher.
Der Braschka malte dem Drachen keinen Kaiserschnurrbart auf, aber er nickte, als Jakub Kuschk sagte, wenn der den Zeppelin in die Hände kriegt, macht er ein Stück Krieg daraus.
Als sie später im Gras neben der Säule saßen, um Ritter und Drachen Gelegenheit zu geben, in der Nachmittagssonne zu trocknen, damit der schützende Lack noch vor dem Abendtau aufgetragen werden könnte, war immer noch die Rede von Erfindungen, die große Männer machten, und warum immer sowohl Gutes als auch Schlimmes für die kleinen Leute dabei herauskäme.
Der Müller, der seit jenem Manöver hinter jedem Busch einen Kaiser sitzen sah und hinter jedem Kaiser einen Krupp witterte, seitdem er aus der Zeitung erfahren hatte, dass der Kaiser gelegentlich eines einfachen Jagdessens den Krupp zum erblichen Kanonenkönig ernannt hatte, behauptete, es gäbe nur zwei Erfindungen, die solcherart Potentaten nicht an sich gebracht, sondern den Leuten überlassen hätten: die Mausefalle und das Holzbein.
Der Braschka Peter Serbin hörte dem Müller zu, sah die Sonne gleichermaßen freundlich den heiligen Ritter und den unheiligen Drachen bescheinen und meinte, Gut und Schlecht stecken nicht in den Dingen, sondern in den Menschen, eine Gauklermünze, beiderseitig mit dem Adler.
Die Dinge sind, wie sie sind, sagte er. Solange Krabat nicht um die seltsame, geheime Kraft seines Wanderstabs wusste, war der Stab nichts als ein Stück Holz, gut in der Hand zu halten, und schön, die geschnitzte Eva mit Smjala zu vergleichen, mag sein, die Eva hatte eine feinere Nase, aber Smjala war warm in der Haut und warm unter der Haut. Jetzt freilich, da die Sonne tief stand, fröstelte sie in ihrem leichten Leinenkleid, und nichts darunter. Sie müsste etwas haben, was sie wärmt, Krabat dachte an eine schöne, bunte Wolldecke, mit Fransen vielleicht, aber es ginge auch ohne Fransen, Hauptsache, es wärmt.
Es war nicht einfach, über eine solche Decke nachzudenken, wenn man – abgesehen von der, die sich der HERR während der Verteilung der Welt gegen Abend über die Knie gelegt, schwarz und mit komplizierten Planetensystemen goldbestickt – weiter keine zu Gesicht bekommen hatte. Krabat stieß seinen Stab in die Erde und schlenderte den Hügel hinab, er hatte das Gefühl, im Gehen fiele ihm eher etwas ein als im Sitzen.
Es fiel ihm auch im Gehen nichts anderes ein als der Wunsch, etwas Wärmendes für sie zu finden. Er kehrte um und sah von Weitem, dass auf seinem Stab ein wunderliches Etwas hing, ein Bär etwa, in dem kein Bär mehr steckt. Nah besehen, blieb vom Bärenfell nur das Zottelige und das Weiche, aber sonst kein Gedanke an einen Bären, denn wie hätte der aus dieser Haut schlüpfen können, die keinen Eingang und keinen Ausgang hatte?
Smjala tanzte vor Freude, fragte, woher hast du das, Krabat, und sagte im gleichen Atemzug, ich werde mir einen Mantel daraus machen, die Abende sind recht kühl in diesem Sommer.
Krabat überhörte ihre Frage, Frauen glauben ja doch nie an die seltsamen Zufälle, die Männern über den Weg laufen, er sagte, ich dachte, du würdest dich vielleicht freuen.
Eine Woche lang schnitt, heftete und stichelte Smjala, dann war der Mantel fertig, knielang. Hinten zipfelte er, Krabat hätte darauf hinweisen können, aber er wurde nicht befragt.
