Kraft & Stoff - Ludwig Büchner - E-Book

Kraft & Stoff E-Book

Ludwig Büchner

0,0

Beschreibung

In 'Kraft & Stoff' präsentiert Ludwig Büchner seine bahnbrechende wissenschaftliche Arbeit, die die Grundpfeiler der Materie und Energie erforscht. Mit einem klaren und prägnanten Schreibstil erklärt Büchner komplexe wissenschaftliche Konzepte und bringt dem Leser die neuesten Entwicklungen und Erkenntnisse auf dem Gebiet der Naturwissenschaften näher. Das Buch ist ein Meilenstein in der europäischen Wissenschaftsliteratur und hat maßgeblich zur Verbreitung und Popularisierung naturwissenschaftlicher Kenntnisse beigetragen. Büchners Werk reflektiert seinen humanistischen Ansatz und seine Neugierde an den Grenzen der menschlichen Erfahrung. Mit 'Kraft & Stoff' bietet er nicht nur eine umfassende Zusammenfassung der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern regt auch zu weiterführenden Diskussionen und Untersuchungen an. Empfohlen für Leser, die an naturwissenschaftlichen Entdeckungen interessiert sind und sich für die Entwicklung des modernen wissenschaftlichen Denkens begeistern lassen möchten. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 281

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ludwig Büchner

Kraft & Stoff

Einführung, Studien und Kommentare von Teresa Winkler
Bereicherte Ausgabe. Empirisch-naturphilosophische Studien
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2018

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Kraft & Stoff
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen der greifbaren Wirklichkeit von Materie und Kraft und den überlieferten Ideen eines vom Stoff gelösten Geistes entfaltet dieses Buch die beharrliche Frage, ob eine konsequent naturwissenschaftliche Welterklärung nicht ausreicht, um Denken, Leben und Ordnung der Dinge zu verstehen, und lädt dazu ein, vertraute Gewissheiten unter dem Druck von Beobachtung, Experiment und begrifflicher Klarheit zu prüfen, ohne Trostformeln zu bemühen, sondern mit der nüchternen Zuversicht, dass die Einheit der Natur – von den kleinsten Vorgängen bis zu den höchsten geistigen Leistungen – verständlich wird, wenn man Erscheinungen, Ursachen und Zusammenhänge unvoreingenommen zusammenträgt und geduldig ordnet.

Als populärphilosophische und naturwissenschaftlich orientierte Abhandlung gehört Kraft und Stoff zum Kanon des deutschsprachigen Wissenschaftsmaterialismus des 19. Jahrhunderts. Sein Schauplatz ist weniger ein geografischer Ort als die intellektuelle Arena von Hörsälen, Zeitschriften und Lesekreisen, in der neue Befunde der Physik, Chemie und Physiologie gegen metaphysische Deutungen antreten. Das Werk erschien erstmals 1855 und traf einen Nerv einer Öffentlichkeit, die nach verbindlichen, empirisch gestützten Orientierungen suchte. Im Umfeld der zeitgenössischen Debatten über die Reichweite naturwissenschaftlicher Erklärung profilierte es sich als entschlossener Beitrag, der die Autonomie wissenschaftlicher Methode betont und ihr einen klaren, allgemein verständlichen Ausdruck verleiht.

Ausgangssituation ist das Versprechen, Phänomene des Lebens und des Denkens auf die durchgängige Geltung naturgesetzlicher Prozesse zurückzuführen, ohne die Komplexität des Untersuchungsgegenstands zu trivialisieren. Die Autorstimme tritt entschieden, didaktisch und streckenweise polemisch auf, doch bleibt der Duktus erklärend und systematisch. Stilistisch entfaltet das Buch seine Argumente in dichten Reihen von Beobachtungen, Analogien und Belegen, die den Leser schrittweise mitnehmen. Der Ton ist zuversichtlich, bisweilen scharf, stets darauf gerichtet, Unklarheit in begriffliche Disziplin zu überführen. Das Leseerlebnis ist dadurch lebhaft: intellektuell fordernd, aber zugänglich, getragen von der Absicht, populäre Verständlichkeit und wissenschaftliche Strenge zu verbinden.

Im Zentrum stehen die Einheit von Kraft und Stoff, die Gesetzmäßigkeit der Natur und die Ablehnung dualistischer Trennungen zwischen Geist und Materie. Daraus folgt eine konsequente Prüfung spekulativer Annahmen, die nicht auf Erfahrung beruhen, sowie die Forderung, Erklärungen an beobachtbare Zusammenhänge zu binden. Das Buch macht geltend, dass menschliches Erkennen Teil der Naturordnung ist, und diskutiert, wie Begriffe wie Ursache, Notwendigkeit und Entwicklung in einem empirisch gestützten Weltbild zu fassen sind. Indem es religiöse und metaphysische Deutungsmuster kritisch befragt, wirbt es für eine Ethik der Aufklärung, die Verantwortung aus Wissen und nicht aus Autoritätsglauben ableitet.

Methodisch sammelt der Text Beispiele aus den damals dynamischen Feldern der Naturforschung und ordnet sie zu einem zusammenhängenden Argument für die Durchgängigkeit physikalischer, chemischer und physiologischer Prozesse. Er knüpft an zeitgenössische Einsichten wie das Prinzip der Erhaltung der Kraft an, zeigt deren Reichweite an alltagsnahen und experimentellen Fällen und reflektiert zugleich Begriffsgebrauch und Beweisführung. Die Darstellung ist so angelegt, dass fachliche Einzelheiten nicht Selbstzweck sind, sondern Bausteine einer breiteren Verständigung. Dieser Zug verleiht dem Werk seine Popularität: Es will nicht nur überzeugen, sondern befähigen, naturwissenschaftliche Maßstäbe auf drängende Welt- und Lebensfragen anzuwenden.

Die Resonanz war groß: Das Buch erreichte zahlreiche Auflagen und Übersetzungen und wurde zum Bezugspunkt heftiger Debatten über Sinn und Grenzen materialistischer Erklärungen. Seine Thesen stießen auf Zustimmung bei jenen, die nach einer säkularen, erfahrungsbasierten Orientierung verlangten, und auf Widerspruch, wo religiöse oder idealistische Traditionen hegten, dass Wissenschaft dem Geist nur bedingt gerecht werde. Gerade diese Spannung machte den Text zu einem Katalysator der öffentlichen Auseinandersetzung und prägte das Selbstverständnis einer modernen Wissenschaftskultur, die ihre Autorität aus methodischer Transparenz und Reproduzierbarkeit bezieht, nicht aus metaphysischer Letztbegründung oder institutioneller Unantastbarkeit und die offene Kritik als Motor des Erkenntnisfortschritts begreift.

Heute bleibt Kraft und Stoff relevant, weil die zugrunde liegende Frage nach dem Verhältnis von Naturerkenntnis, Bewusstsein und Sinn weiterhin offen verhandelt wird. Ob in den Neurowissenschaften, der Klimaforschung oder der Technikethik: Die Forderung, Erklärungen an überprüfbare Daten zu binden und zugleich die normativen Implikationen des Wissens zu bedenken, ist ungebrochen aktuell. Das Buch ermutigt, argumentative Strenge mit Verständlichkeit zu verbinden und Weltbilder an Evidenz zu messen. Zugleich sensibilisiert es für die Grenzen und Verantwortlichkeiten wissenschaftlicher Rede. Als historisch prägnante, klar strukturierte Intervention bietet es einen produktiven Ausgangspunkt, um Gegenwartsfragen nüchtern und erkenntnisoffen zu durchdringen.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

„Kraft und Stoff“ erschien 1855 und legt eine populärwissenschaftlich argumentierte, materialistische Weltanschauung vor. Ludwig Büchner will zeigen, dass Natur und Mensch auf empirisch überprüfbaren Gesetzen beruhen und keine übernatürlichen Instanzen benötigen. Er gliedert seine Darstellung entlang grundlegender Begriffe und entwickelt daraus eine konsequente Folgerungskette: von den Eigenschaften der Materie über physikalische Prozesse bis zu Leben, Bewusstsein und Gesellschaft. Im Vordergrund steht dabei die methodische Orientierung an Beobachtung und Experiment, mit der Büchner spekulative Metaphysik und theologische Erklärungen zurückweist. Der Text verbindet Referate damaliger Forschung mit programmatischen Thesen, um eine einheitliche Sicht auf die Wirklichkeit zu begründen.

Den Ausgangspunkt bildet die Behauptung, dass Materie und Kraft untrennbar verbunden und nachweislich unzerstörbar sind. Büchner stützt sich auf die damals formulierten Erhaltungssätze und beschreibt, wie Energieformen ineinander übergehen, ohne aus dem Nichts zu entstehen oder zu verschwinden. Daraus leitet er einen strengen Kausalismus ab: Natürliche Vorgänge folgen allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten, die weder Ausnahmen noch teleologische Sondergründe benötigen. Diese monistische Grundannahme ersetzt dualistische Welterklärungen und bereitet seine Zurückweisung einer übermateriellen Seele vor. Zugleich markiert sie den Rahmen, in dem alle weiteren Themen verhandelt werden: vom Aufbau der Dinge bis zu den Phänomenen des Lebens und Denkens.

Im naturwissenschaftlichen Teil sammelt Büchner zahlreiche Beispiele aus Physik und Chemie, um die Reichweite dieses Prinzips zu illustrieren. Wärme, Licht, Elektrizität und mechanische Arbeit erscheinen als unterschiedliche Manifestationen derselben Kraft, deren Umwandlungen messbar sind. Analog führt er chemische Bindungen, Reaktionen und Stoffkreisläufe an, um die Regelhaftigkeit materieller Prozesse zu betonen. Ziel ist, vermeintlich rätselhafte Effekte auf nachvollziehbare Ursachen zurückzuführen und der Annahme verborgener Zwecke den Boden zu entziehen. So etabliert er eine Kontinuität zwischen unbelebter und belebter Natur, die als methodische Leitlinie für die anschließenden Erörterungen über Organismen, Sinnesempfindung und geistige Tätigkeiten dient.

Ausgehend davon deutet Büchner die Erscheinungen des Lebens als hochkomplexe, aber gesetzmäßige Organisation von Stoffwechsel, Reizbarkeit und Entwicklung. Er bestreitet, dass eine besondere Lebenskraft nötig sei, und versucht, Vitalphänomene mit physikalisch-chemischen Abläufen in Einklang zu bringen. Beispiele aus Anatomie und Physiologie sollen zeigen, dass Strukturen und Funktionen von Organismen erklärbar sind, ohne zu nichtnatürlichen Ursachen zu greifen. Dabei betont er die Kontinuität gradueller Veränderungen und die Anpassungsfähigkeit lebender Systeme, ohne eine umfassende Theorie der Artentstehung zu entwickeln. Diese Position bereitet seine anthropologischen Aussagen vor: Der Mensch erscheint als Teil derselben Naturordnung, nicht als Ausnahmefall.

Im psychologischen Abschnitt verortet Büchner Bewusstsein, Denken und Gefühl im Nervensystem und argumentiert, dass geistige Zustände an materielle Bedingungen gebunden sind. Er verweist auf Abhängigkeiten zwischen Hirnprozessen, Sinnesorganen und Erfahrung, um die Vorstellung einer immateriellen, eigenständig wirkenden Seele zu kritisieren. Erinnerung, Persönlichkeit und Willensakte werden als Funktionen eines organischen Substrats beschrieben. Daraus ergibt sich eine Neubestimmung von Freiheit: Handlungen entspringen natürlichen Ursachen und sind durch Anlagen, Einflüsse und Gewohnheiten mitbedingt. Diese Sicht zielt nicht auf Fatalismus, sondern auf eine erklärende, verantwortungsbezogene Perspektive, die menschliches Verhalten in seinen Bedingungen verständlich machen will.

Aus den natur- und geistesbezogenen Thesen entwickelt Büchner praktische Konsequenzen für Moral, Erziehung und Gesellschaft. Wenn Handeln gesetzmäßig bedingt ist, dann gewinnen Aufklärung, Bildung und soziale Rahmenbedingungen an Gewicht, weil sie Ursachen verändern. Er befürwortet eine säkulare Ethik, die sich an Wohlbefinden, Mitmenschlichkeit und Nützlichkeit orientiert, und kritisiert religiös begründete Regeln, soweit sie empirischen Erkenntnissen widersprechen. Zugleich plädiert er für Toleranz in weltanschaulichen Fragen, solange diese den Fortschritt der Erkenntnis nicht behindern. Auf diese Weise verbindet das Werk erkenntnistheoretische Grundsätze mit einem reformorientierten Appell an individuelle und kollektive Verantwortlichkeit. Politische Detailprogramme entwirft es nicht, doch es skizziert Leitlinien einer vernunftbasierten Ordnung.

Abschließend reflektiert das Buch die Tragweite seines Ansatzes und stößt damit eine breite Debatte des 19. Jahrhunderts an. Die populäre Darstellung machte die Grundideen des wissenschaftlichen Materialismus weit über Fachkreise hinaus bekannt, rief aber ebenso energischen Widerspruch idealistischer und theologischer Stimmen hervor. Unabhängig von Zustimmung oder Ablehnung prägte es Diskussionen über Naturgesetzlichkeit, Geist und gesellschaftliche Ordnung. Seine nachhaltige Wirkung liegt in der Zuspitzung einer bis heute aktuellen Frage: Ob eine konsequent empirische Erklärung der Welt ausreicht, um Leben, Bewusstsein und Werte zu verstehen. „Kraft und Stoff“ antwortet darauf mit Zuversicht in Methode und Einheit der Natur.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Entstehung von Ludwig Büchners Kraft und Stoff fällt in die Mitte der 1850er Jahre innerhalb des Deutschen Bundes. Geprägt wurde diese Zeit in den deutschen Staaten durch Universitäten wie Gießen und Tübingen, medizinische Kliniken, neu eingerichtete naturwissenschaftliche Laboratorien sowie Gelehrtenvereinigungen wie die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Darmstadt, Büchners Herkunftsort, und Tübingen, sein früher akademischer Wirkungsort, verankern das Werk im südwestdeutschen Raum. Der expandierende Buchhandel und eine wachsende Presseöffentlichkeit verbreiteten wissenschaftliche und philosophische Kontroversen weit über die Hörsäle hinaus. In diesem Umfeld erschien 1855 in deutscher Sprache ein Text, der Naturwissenschaft als weltanschauliche Instanz profilierte.

In den Jahrzehnten vor 1855 konsolidierten sich naturwissenschaftliche Leitideen, die dem Werk einen Resonanzraum gaben. Julius Robert Mayer formulierte 1842 den Energieerhaltungssatz; Hermann von Helmholtz popularisierte ihn 1847, Rudolf Clausius leitete um 1850 thermodynamische Grundsätze her. In der Biologie waren Zelltheorie und experimentelle Physiologie auf dem Vormarsch; Rudolf Virchow prägte ab Mitte der 1850er Jahre eine auf Zellen bezogene Pathologie. Diese Entwicklungen förderten ein mechanistisch geprägtes Erklären, das metaphysische Annahmen zurückdrängte. Kraft und Stoff rezipierte diese Tendenzen, indem es die Unzerstörbarkeit von Materie und Energie als Fundament einer empirisch begründeten Weltauffassung herausstellte.

Das Buch traf auf den sogenannten Materialismusstreit, eine vielbeachtete Auseinandersetzung in den 1850er und 1860er Jahren. Naturforscher wie Karl Vogt und Jacob Moleschott vertraten öffentlich materialistische Deutungen, während der Anatom Rudolf Wagner 1854 auf der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Göttingen warnend gegen „Materialismus“ auftrat. Theologen, Philosophen und Ärzte diskutierten die Reichweite naturwissenschaftlicher Erklärungen in Presse, Vorträgen und akademischen Gremien. Kraft und Stoff wurde in diese frontenreiche Debatte hineingezogen und fungierte als zugespitzte Popularisierung naturwissenschaftlicher Positionen, was Zustimmung unter Freidenkern und scharfe Gegenwehr seitens kirchlicher und idealistischer Kreise gleichermaßen hervorrief.

Politisch stand das Erscheinungsjahr im Schatten der gescheiterten Revolutionen von 1848/49 und der folgenden Restauration. Zugleich beschleunigten Eisenbahnbau, Industrialisierung und Urbanisierung den Strukturwandel in vielen Regionen des Bundes. Mit der Ausweitung der Schulbildung und einer wachsenden Leserschaft florierten populärwissenschaftliche Darstellungen, die naturkundliche Einsichten allgemeinverständlich vermittelten. Zensurregime blieben je nach Staat unterschiedlich streng, doch der öffentliche Austausch über Wissenschaft und Weltanschauung nahm zu. In dieser sozialen Gemengelage konnte ein programmatisches, klar formuliertes Kompendium wie Kraft und Stoff rasch Aufmerksamkeit auf sich ziehen und Debatten über die gesellschaftliche Rolle der Naturwissenschaft befeuern.

Ludwig Büchner (1824–1899) stammte aus Darmstadt und war Arzt. Er habilitierte sich in Tübingen und wirkte dort als Privatdozent, bevor er sich nach Kontroversen vom Universitätsbetrieb zurückzog und in Darmstadt als praktischer Arzt arbeitete. Als Bruder des Schriftstellers Georg Büchner kannte er die Spannungen zwischen politischer Öffentlichkeit und Gelehrtenwelt. Seine Ausbildung und klinische Tätigkeit prägten seinen Zugriff auf naturwissenschaftliche Fragen. 1855 legte er mit Kraft und Stoff ein Buch vor, das nicht primär Forschungsresultate präsentierte, sondern vorhandenes Wissen bündelte, systematisch interpretierte und für ein breites Publikum zugänglich machte. Seine spätere Publizistik vertiefte diese Popularisierungsarbeit.

Die Erstauflage von 1855 löste eine breite Resonanz aus, die sich in zahlreichen Auflagen und Übersetzungen niederschlug. Befürworter sahen in dem Werk eine verständliche, konsequent naturwissenschaftliche Weltdeutung; Kritiker warfen Büchner Reduktionismus und philosophische Unzulänglichkeit vor. Theologische Repliken und akademische Gegenstimmen folgten rasch, oft mit dem Argument, naturwissenschaftliche Gesetze – etwa die Energieerhaltung – ließen sich nicht ohne Weiteres in weltanschauliche Thesen über Geist und Seele überführen. Die Debatte machte sichtbar, wie eng im 19. Jahrhundert naturwissenschaftliche Popularisierung, Bildungsbewegungen und konfessionelle wie philosophische Konfliktlinien miteinander verflochten waren. Zeitungen berichteten kontrovers und ausführlich.

In den Jahren nach 1855 veränderten weitere wissenschaftliche Impulse die Diskussionslage. Charles Darwins Origin of Species von 1859 stärkte naturalistische Erklärungsansätze; Ernst Haeckel popularisierte in den 1860er und 1870er Jahren einen monistischen Zusammenhang von Natur und Geist und schloss dabei an materialistische Motive an. Zugleich markierten Stimmen wie Emil du Bois-Reymonds Vortrag Über die Grenzen des Naturerkennens (1872) methodische Vorbehalte gegen weltanschauliche Verallgemeinerungen. Friedrich Albert Langes Geschichte des Materialismus (1866) ordnete die Kontroverse historisch. Vor diesem Hintergrund blieb Büchners Buch als früh einflussreiche Popularschrift präsent, auch wo Fachwissenschaftler Distanz wahrten.

Kraft und Stoff fungiert als Kommentar zu einer Epoche, in der sich die Autorität der Naturwissenschaften gegenüber metaphysischen Begründungen neu etablierte. Es bündelt die Energie- und Stoffperspektive der Physik und Physiologie zu einer leicht zugänglichen Weltanschauung und traf damit den Bedarf eines gebildeten Massenpublikums. Als Symboltext des deutschen Materialismus machte es die Spannweite des 19. Jahrhunderts sichtbar: von wissenschaftlicher Präzision bis zu ideologischen Grenzfragen, von Popularisierung bis zur akademischen Abgrenzung. Sein anhaltender Erfolg dokumentiert den Übergang zu einer säkularisierten Wissenskultur, ohne die Vielfalt der damaligen wissenschaftlichen Positionen zu verdecken oder zu vereinheitlichen.

Kraft & Stoff

Hauptinhaltsverzeichnis
Vorwort
Kraft und Stoff
Unsterblichkeit des Stoffs
Unendlichkeit des Stoffs
Würde des Stoffs
Die Unabänderlichkeit der Naturgesetze
Die Allgemeinheit der Naturgesetze
Der Himmel
Schöpfungsperioden der Erde
Urzeugung
Die Zweckmäßigkeit in der Natur (Teleologie)
Der Mensch
Gehirn und Seele
Der Gedanke
Angeborene Ideen
Die Gottesidee
Persönliche Fortdauer
Die Lebenskraft
Die Tierseele
Der freie Wille
Schlußbetrachtungen

»Für den Dialektiker ist die Welt ein Begriff, für den Schöngeist ein Bild, für den Schwärmer ein Traum, für den Forscher allein eine Wahrheit.«

Orges

»Es ist ein spezifisches Kennzeichen eines Philosophen, kein Professor der Philosophie zu sein. Die einfachsten Wahrheiten sind es gerade, auf die der Mensch immer erst am spätesten kommt.«

Ludwig Feuerbach

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Now what I want, is – facts

Boz

Die folgenden Blätter machen keinen Anspruch darauf, ein erschöpfendes Ganze oder ein System zu sein; es sind zerstreute, wen auch untereinander mit Notwendigkeit zusammenhängende und sich gegenseitig ergänzende Gedanken und Anschauungen aus dem fast unendlichen Gebiete empirisch-naturphilosophischer Betrachtung – welche wegen des für einen Einzelnen nur schwer zu beherrschenden materiellen Umfangs naturwissenschaftlicher Gebiete eine milde Beurteilung von seiten der Fachgenossen für sich in Anspruch nehmen. Wenn die Blätter es wagen dürfen, sich selbst zum voraus ein Verdienst oder einen Charakter beizulegen, so mag sich derselbe in dem Entschlusse ausdrücken, vor den ebenso einfachen als unvermeidlichen Konsequenzen einer empirisch-philosophischen Naturbetrachtung nicht zimperlich sich zurückzuziehen, sondern die Wahrheit in allen ihren Teilen einzugestehen. Man kann einmal die Sachen nicht anders machen, als sie sind, und nichts erscheint uns verkehrter als die Bestrebungen angesehener Naturforscher, die Orthodoxie in die Naturwissenschaften einzuführen. Wir berühmen uns dabei nicht, etwas durchaus Neues, noch nicht Dagewesenes vorzutragen. Ähnliche oder verwandte Anschauungen sind zu allen Zeiten, ja zum Teil schon von den ältesten griechischen Philosophen, vorgetragen worden; aber die notwendige empirische Basis zu denselben konnte erst durch die Fortschritte der Naturwissenschaften in unsern Jahrhunderten geliefert werden. Daher sind auch diese Ansichten in ihrer heutigen Klarheit und Konsequenz wesentlich eine Eroberung der Neuzeit und abhängig von den neuen und großartigen Erwerbungen der empirischen Wissenschaften. Die Schulphilosophie freilich, wie immer auf hohem, wenn auch täglich mehr abmagerndem Rosse sitzend, glaubt derartige Anschauungen längst abgetan und mit den Aufschriften »Materialismus«, »Sensualismus«, »Determinismus« usw. in die Rumpelkammer des Vergessenen geschoben oder, wie sie sich vornehmer ausdrückt, »historisch gewürdigt« zu haben. Aber sie selbst sinkt von Tag zu Tag in der Achtung des Publikums und verliert in ihrer spekulativen Hohlheit an Boden gegenüber dem raschen Emporblühen der empirischen Wissenschaften, welche es mehr und mehr außer Zweifel setzen, daß das makrokosmische wie das mikrokosmische Dasein in allen Punkten seines Entstehens, Lebens und Vergehens nur mechanischen und in den Dingen selbst gelegenen Gesetzen gehorcht. Ausgehend von der Erkenntnis jenes unverrückbaren Verhältnisses zwischen Kraft und Stoff als unzerstörbaren Grundlage muß die empirisch-philosophische Naturbetrachtung zu Resultaten kommen, welche mit Entschiedenheit jede Art von Supranaturalismus und Idealismus aus der Erklärung des natürlichen Geschehens verbannen und sich dieses letztere als gänzlich unabhängig von dem Zutun irgendwelcher äußeren, außer den Dingen stehenden Gewalten vorstellen. Der endliche Sieg dieser realphilosophischen Erkenntnis über ihre Gegner kann nicht zweifelhaft sein. Die Kraft ihrer Beweise besteht in Tatsachen, nicht in unverständlichen Redensarten. Gegen Tatsachen aber läßt sich auf die Dauer nicht ankämpfen, nicht »wider den Stachel löcken.« – Daß unsere Auseinandersetzungen nichts mit den leeren Phantasien der älteren naturphilosophischen Schule zu tun haben, braucht wohl kaum angedeutet zu werden. Diese sonderbaren Versuche, die Welt aus dem Gedanken, statt aus der Beobachtung, zu konstruieren, sind dermaßen mißlungen und haben ihre Anhänger so sehr in den öffentlichen Mißkredit gebracht, daß das Wort »Naturphilosoph« gegenwärtig fast allgemein als ein wissenschaftliches Scheltwort gilt. Es versteht sich indessen von selbst, daß sich dieser unangenehme Begriff nur an eine bestimmte Richtung oder Schule, nicht aber an die natürliche Philosophie überhaupt anknüpfen kann, und gerade die Erkenntnis beginnt jetzt allgemein zu werden, daß die Naturwissenschaften die Basis jeder auf Exaktheit Anspruch machenden Philosophie abgeben müssen. »Natur und Erfahrung« ist das Losungswort der Zeit. – Das Mißlingen jener älteren naturphilosophischen Versuche kann zugleich als der deutlichste Beweis dafür dienen, daß die Welt nicht die Verwirklichung eines einheitlichen Schöpfergedankens, sondern ein Komplex von Dingen und Tatsachen ist – den wir erkennen müssen, wie er ist, nicht wie wir ihn gerne möchten. – Wir werden uns bemühen, unsere Ansichten in allgemein-verständlicher Weise und gestützt auf bekannte oder leicht einzusehende Tatsachen vorzutragen und dabei jede Art philosophischer Kunstsprache zu vermeiden, welche die Philosophie, namentlich aber die deutsche, mit Recht bei Gelehrten und Nichtgelehrten in Mißkredit gebracht hat. Es liegt in der Natur der Philosophie, daß sie geistiges Gemeingut sei. Philosophische Ausführungen, welche nicht von jedem Gebildeten begriffen werden können, verdienen nach unserer Ansicht nicht die Druckerschwärze, man daran gewendet hat. Was klar gedacht ist, kann auch klar und ohne Umschweife gesagt werden. Die philosophischen Nebel, welche die Schriften der Gelehrten bedecken, scheinen mehr dazu bestimmt, Gedanken zu verbergen als zu enthüllen. Die Zeiten des gelehrten Maulheldentums, des philosophischen Charlatanismus oder der »geistigen Taschenspielerei«, wie sich Cotta sehr bezeichnend ausdrückt, sind vorüber oder müssen vorüber sein. Möge unsere deutsche Philosophie endlich einmal einsehen, daß Worte keine Taten sind, und daß man eine verständliche Sprache reden müsse, um verstanden zu werden! –

An Gegnern wird es uns nicht fehlen. Wir werden nur diejenigen beachten, welche sich mit uns auf den Boden der Tatsachen, der Empirie begeben; die Herren Spekulativen mögen von ihren selbstgeschaffenen Standpunkten herab untereinander weiterkämpfen und sich nicht in dem Wahne beirren lassen, allein im Besitze der echten Philosophie zu sein. »Die Spekulation«, sagt Ludwig Feuerbach, »ist die betrunkene Philosophie; die Philosophie werde daher wieder nüchtern. Dann wird sie de Geiste sein, was das reine Quellwasser dem Leibe ist.«

Kraft und Stoff

Inhaltsverzeichnis

Tres physici, duo athei

»Die Kraft ist kein stoßender Gott, kein von der stofflichen Grundlage getrenntes Wesen der Dinge. Sie ist des Stoffes unzertrennliche, ihm von Ewigkeit innenwohnende Eigenschaft.« – »Eine Kraft, die nicht an den Stoff gebunden wäre, die frei über dem Stoffe schwebte, ist eine ganz leere Vorstellung. Dem Stickstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, dem Schwefel und Phosphor wohnen ihre Eigenschaften von Ewigkeit bei.« (Moleschott[1].)

»Geht man auf den Grund, so erkennt man bald, daß es weder Kräfte noch Materie gibt. Beides sind von verschiedenen Standpunkten aus aufgenommene Abstraktionen der Dinge, wie sie sind. Sie ergänzen einander und sie setzen einander voraus. Vereinzelt haben sie keinen Bestand usw.« »Die Materie ist nicht wie ein Fuhrwerk, davor die Kräfte, als Pferde, nun angespannt, dann abgeschirrt werden können. Ein Eisenteilchen ist und bleibt zuverlässig dasselbe Ding, gleichviel ob es im Meteorsteine den Weltkreis durchzieht, im Dampfwagenrade auf den Schienen dahinschmettert oder in der Blutzelle durch die Schläfe eines Dichters rinnt. – Diese Eigenschaften sind von Ewigkeit, sie sind unveräußerlich, unübertragbar.« (Dubois-Reymomd.) »Aus Nichts kann keine Kraft entstehen.« (Liebig.)

»Nichts in der Welt berechtigt uns, die Existenz von Kräften an und für sich, ohne Körper, von denen sie ausgehen und auf die sie wirken, vorauszusetzen.« (Cotta.)

Mit diesen Worten anerkannter Naturforscher leiten wir ein Kapital ein, welches an eine der einfachsten und folgewichtigsten, aber vielleicht gerade darum noch am wenigsten bekannten und anerkannten Wahrheiten erinnern soll. Keine Kraft ohne Stoff – kein Stoff ohne Kraft[1q]! Eines für sich ist so wenig denkbar als das andere für sich; auseinander genommen zerfallen beide in leere Abstraktionen. Man denke sich eine Materie ohne Kraft, die kleinsten Teilchen, aus denen ein Körper besteht, ohne jenes System gegenseitiger Anziehung und Abstoßung, welches sie zusammenhält und dem Körper Form und Gestaltung verleiht, man denke die sogenannte Kohäsionskraft hinweggenommen, was würde und müßte die Folge sein? Die Materie müßte augenblicklich in ein formloses Nichts zerfallen. In der sinnlichen Welt kennen wir ein Beispiel irgendeines Stoffteilchens, das nicht mit Kräften begabt wäre, und vermittels dieser Kräfte spielt es die ihm zugewiesene Rolle bald in dieser, bald in jener Gestaltung, bald in Verbindung mit gleichartigen, bald in Verbindung mit ungleichartigen Stoffteilchen. Aber auch ideell sind wir in keiner Weise imstande, uns eine Vorstellung einer kraftlosen Materie zu machen. Denken wir uns einen Urstoff, wie wir wollen, immer müßte ein System gegenseitiger Anziehung und Abstoßung zwischen seinen kleinsten Teilchen stattfinden; ohne dasselbe müßten sie sich selbst aufheben und spurlos im Weltenraume verschwimmen. »Ein Ding ohne Eigenschaften ist ein Unding, weder vernunftgemäß denkbar noch erfahrungsgemäß in der Natur vorhanden.« (Droßbach.) – Ebenso leer und haltlos ist der Begriff einer Kraft ohne Stoff. Indem es ein ausnahmsloses Gesetz ist, daß eine Kraft nur an einem Stoff in die Erscheinung treten kann, folgt daraus, daß Kraft nichts weiter sein kann und nicht anders definiert werden darf, denn als eine Eigenschaft der Materie, als eine »unzertrennliche, ihr von Ewigkeit innewohnenede Eigenschaft.« Deswegen lassen sich auch, wie Mulder richtig auseinandersetzt, Kräfte nicht mitteilen, sondern nur wecken. Magnetismus kann nicht, wie es wohl scheinen möchte, übertragen, sondern nur hervorgerufen, aufgeschlossen werden dadurch, daß wir die Aggregatzustände seines Mediums ändern. Die magnetischen Kräfte haften an den Molekülen des Eisens, und sie sind z.B. an einem Magnetstabe gerade da am stärksten, wo sie nach außen am wenigsten oder gar nicht bemerkbar werden, d.h. in der Mitte. Man denke sich eine Elektrizität, einen Magnetismus ohne das Eisen oder ohne jene Körper, an denen wir die Erscheinungsweisen dieser Kräfte beobachtet haben, ohne jene Stoffteilchen, deren gegenseitiges molekuläres Verhalten eben die Ursache dieser Erscheinungen abgibt; es würde uns nichts bleiben als ein formloser Begriff, eine leere Abstraktion, der wir nur darum einen eigenen Namen gegeben haben, um uns besser über diesen Begriff verständigen zu können. Hätte es nie Stoffteilchen gegeben, die in einen elektrischen Zustand versetzt werden können, so würde es auch nie Elektrizität gegeben haben, und wir würden mit alleiniger Hilfe der Abstraktion niemals imstande gewesen sein, die geringste Kenntnis oder Ahnung von Elektrizität zu erlangen. Ja, man muß sagen, sie würde ohne diese Teilchen nie existiert haben! Darum definieren die genannten Forscher mit Recht die Kraft als eine bloße Eigenschaft des Stoffs. Es kann eine Kraft so wenig ohne einen Stoff existieren, als ein Sehen ohne einen Sehapparat, als ein Denken ohne einen Denkapparat. »Es ist nie jemanden eingefallen, sagt Vogt, zu behaupten, daß die Absonderungsfähigkeit getrennt von der Drüse, die Zusammenziehungsfähigkeit getrennt von der Muskelfaser existieren könne. Die Absurdität einer solchen Idee ist so auffallend, daß man nicht einmal den Mut hatte, bei den genannten Organen an dieselbe zu denken.« Von je konnte uns nichts anderes über die Existenz einer Kraft Aufschluß geben als die Veränderungen, die wir an der Materie sinnlich wahrnahmen und die wir, indem wir sie nach ihren Ähnlichkeiten unter bestimmten Namen subsummierten, mit dem Worte »Kräfte« bezeichneten; jede Kenntnis von ihnen auf anderem Wege ist eine Unmöglichkeit.

Welche allgemeine Konsequenz läßt sich aus dieser Erkenntnis ziehen?

Daß diejenigen, welche von einer Schöpferkraft reden, welche die Welt aus sich selbst oder aus dem Nichts hervorgebracht haben soll, mit dem ersten und einfachsten Grundsatze philosophischer und auf Emipirie gegründeter Naturbetrachtung unbekannt sind. Wie hätte eine Kraft existieren können, welche nicht an dem Stoffe selbst in die Erscheinung tritt, sondern denselben willkürlich und nach individuellen Rücksichten beherrscht? – Ebensowenig konnten sich gesondert vorhandene Kräfte in die form- und gesetzlose Materie übertragen und auf diese Weise die Welt erzeugen. Denn wir haben gesehen, daß eine getrennte Existenz dieser beiden zu den Unmöglichkeiten gehört. Daß die Welt nicht aus dem Nichts entstehen konnte, wird uns eine spätere Betrachtung lehren, welche von der Unsterblichkeit des Stoffs handelt. Ein Nichts ist nicht bloß ein logisches, sondern auch ein empirisches Unding. Die Welt oder der Stoff mit seinen Eigenschaften, die wir Kräfte nennen, mußten von Ewigkeit sein und werden in Ewigkeit sein müssen – mit einem Worte: die Welt kann nicht geschaffen sein. Freilich ist der Begriff »Ewig« ein solcher, der sich schwer mit unsern endlichen Verstandeskräften zu vertragen scheint; nichtsdestoweniger können wir diese Vorstellung nicht abweisen. In wie vielen anderen Beziehungen noch die Vorstellung einer individuellen Schöpferkraft an Absurditäten leidet, werden wir im Verlaufe unserer späteren Betrachtungen einigemal gewahr werden. Daß die Welt nicht regiert wird, wie man sich hin und wieder auszudrücken pflegt, sondern daß sie Bewegungen des Stoffs einer vollkommenen und in ihm selbst begründeten Naturnotwendigkeit gehorchen, von der es keine Ausnahme gibt – welcher Gebildete, namentlich aber welcher mit den Erwerbungen der Naturwissenschaften auch nur oberflächlich Vertraute wollte an dieser Wahrheit zweifeln? Daß aber eine Kraft – um einmal diesen Ausdruck in abstracto zu gebrauchen – nur dann eine Kraft sein, nur dann existieren kann, wenn und solange sie sich in Tätigkeit befindet – dürfte nicht minder klar sein. Wollte man sich also eine Schöpferkraft, eine absolute Potenz – einerlei, welchen Namen man ihr gibt – als die Ursache der Welt denken, so müßte man, den Begriff der Zeit auf sie anwendend, von ihr sagen, daß sie weder vor noch nach der Schöpfung sein konnte. Vorherkonnte sie nicht sein, da sich der Begriff einer solchen Kraft mit der Idee des Nichts oder des Untätigseins nicht vertragen kann. Eine Schöpferkraft konnte nicht sein, ohne zu schaffen; man müßte sich denn vorstellen, sie habe sich in vollkommener Ruhe und Trägheit dem form- und bewegungslosen Stoff gegenüber eine Zeitlang untätig verhalten – eine Vorstellung, deren Unmöglichkeit wir bereits oben nachgewiesen zu haben glauben. Eine ruhende, untätige Schöpferkraft würde eine ebenso leere und haltlose Abstraktion sein, als die einer Kraft ohne Stoff überhaupt. Nachher konnte oder kann sie nicht sein, da wiederum Ruhe und Tatenlosigkeit mit dem Begriffe einer solchen Kraft unverträglich sind und sie selber negieren würden. Die Bewegung des Stoffs folgt allein den Gesetzen, welche in ihm selber tätig sind, und die Erscheinungsweisen der Dinge sind nichts weiter als Produkte der verschiedenen und mannigfaltigen, zufälligen oder notwendigen Kombinationen stofflicher Bewegungen untereinander. Nie und nirgends, in keiner Zeit, und nicht bis in die entferntesten Räume hinein, zu denen unser Fernrohr dringt, konnte eine Tatsache konstatiert werden, welche eine Ausnahme von dieser Regel bedingen, welche die Annahme einer unmittelbar und außer den Dingen wirkenden selbständigen Kraft notwendig machen würde. Eine Kraft aber, die sich nicht äußert, kann nicht existieren. Dieselbe in ewiger, in sich selbstzufriedener Ruhe oder innerer Selbstanschauung versunken vorzustellen – läuft eben wiederum auf eine leere und willkürliche Abstraktion ohne empirische Basis hinaus. So bliebe nur eine dritte Möglichkeit übrig, d.h. die ebenso sonderbare als unnötige Vorstellung, es sei die Schöpferkraft plötzlich und ohne bekannte Veranlassung aus dem Nichts emporgetaucht, habe die Welt geschaffen (woraus?) und sei mit dem Moment der Vollendung wieder in sich selbst versunken, habe sich gewissermaßen an die Welt dahingegeben, sich selbst in dem All aufgelöst. Philosophen und Nichtphilosophen haben von je diese Vorstellung, namentlich den letzteren Teil derselben, mit Vorliebe behandelt, weil sie auf diese Weise die allzu unbestreitbare Tatsache einer einmal festgesetzten und unabänderlichen Weltordnung mit dem Glauben an ein individuelles, schaffendes Prinzip vereinigen zu können glaubten. Auch alle religiösen Vorstellungen lehnen mehr oder weniger an diese Idee an, nur mit dem Unterschiede, daß sie den Weltgeist nach der Schöpfung zwar ruhend,aber doch als Individuum, das seine gegebenen Gesetze jederzeit wieder aufheben kann, denken. Es können uns diese Vorstellungen nicht weiter beschäftigen, da sie keine philosophische Denkweise befolgen, sondern individuell-menschliche Eigenschaften und Unvollkommenheiten auf absolute Begriffe übertragen. Was demnach die letztgenannte Vorstellungsweise in ihrer philosophischen Bedeutung anlangt, so hieße es Eulen nach Athen tragen, wollten wir uns bemühen, ihre Halt- und Nutzlosigkeit darzutun. Schon die Anwendung des endlichen Zeitbegriffs auf die Schöpferkraft enthält eine Ungereimtheit; eine noch größere ihre Entstehung aus dem Nichts. »Aus Nichts kann keine Kraft entstehen«, sagt Liebig. Wenn aber die Schöpferkraft nicht vor Entstehung der Dinge da sein konnte, wenn sie nicht nach derselben sein kann, wenn es endlich nicht denkbar ist, daß sie nur eine momentane Existenz besaß; wenn der Stoff unsterblich ist, wenn es keinen Stoff ohne Kraft, keine Kraft ohne Stoff gibt – dann mag uns wohl kein Zweifel darüber bleiben dürfen, daß die Welt nicht erschaffen sein kann, daß sie ewig ist. Was nicht getrennt werden kann, konnte auch niemals getrennt bestehen! Was nicht vernichtet werden kann, konnte auch nicht geschaffen werden! »Die Materie ist unerschaffbar, wie sie unzerstörbar ist« (Vogt).

Unsterblichkeit des Stoffs

Inhaltsverzeichnis

»Du betest einen Gott an, der am Kreuze gestorben ist, aber ich bete die Sonne an, die nie stirbt.«

Peruanischer Inka zu einem Missionar.

»Der große Cäsar, tot und Lehm geworden, Verklebt ein Loch wohl vor dem rauhen Norden. O daß die Erde, der die Welt gebebt, Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt!«

Mit diesen tiefempfundenen Worten deutete der große Brite schon vor 300 Jahren eine Wahrheit an, welche trotz ihrer Klarheit und Einfachheit, trotz ihrer Unbestreitbarkeit heutzutage noch nicht einmal unter unseren Naturforschern zur allgemeinen Erkenntnis gekommen zu sein scheint. Der Stoff ist unsterblich, unvernichtbar, kein Stäubchen im Weltall, noch so klein oder so groß, kann verlorengehen, keines hinzukommen[2q]. Nicht das kleinste Atom können wir uns hinweg- oder hinzudenken, oder wir müßten zugeben, daß die Welt dadurch in Verwirrung gesetzt werden würde; die Gesetze der Gravitation müßten eine Störung erleiden, das notwendige und unverrückbare Gleichgewicht der Stoffe müßte Not leiden. Es ist das große Verdienst der Chemiein den letzten Jahrzehnten, uns aufs klarste und unzweideutigste darüber belehrt zu haben, daß die ununterbrochene Verwandlung der Dinge, welche wir täglich vor sich gehen sehen, das Entstehen und Vergehen organischer oder unorganischer Formen und Bildungen nicht auf einem Entstehen und Vergehen vorher nicht dagewesenen Stoffes beruhen, wie man wohl in früheren Zeiten ziemlich allgemein glaubte; sondern daß diese Verwandlung in nichts anderem besteht, als in der beständigen und unausgesetzten Metamorphosierung derselben Grundstoffe, deren Menge und Qualität an sich stets dieselbe und für alle Zeiten unabänderliche bleibt. Mit Hilfe der Waage ist man dem Stoffe auf seinen vielfachen und verwickelten Wegen gefolgt und hat ihn überall in derselben Menge aus irgendeiner Verbindung wieder austreten sehen, in der man ihn eintreten sah. Die Berechnungen, die seitdem auf dieses Gesetz gegründet worden sind, haben sich, überall als vollkommen richtig erwiesen. Wir verbrennen ein Holz, und es scheint auf den ersten Anblick, als müßten seine Bestandteile in Feuer und Rauch aufgegangen, verzehrt worden sein. Die Waage des Chemikers dagegen lehrt, daß nicht nur nichts von dem Gewicht jenes Holzes verloren worden, sondern daß dasselbe im Gegenteil vermehrt worden ist; sie zeigt, daß die aufgefangenen und gewogenen Produkte nicht nur genau alle diejenigen Stoffe wieder enthalten, aus denen das Holz vordem bestanden hat, wenn auch in anderer Form und Zusammensetzung, sondern daß in ihnen auch diejenigen Stoffe enthalten sind, welche die Bestandteile des Holzes bei der Verbrennung aus der Luft an sich gezogen haben. Mit einem Wort, das Holz hat bei der Verbrennung sein Gewicht nicht vermindert, sondern vermehrt. »Der Kohlenstoff, der in dem Holze war«, sagt Vogt, »ist unvergänglich, er ist ewig und ebenso unzerstörbar als der Wasserstoff und Sauerstoff, mit welchem er verbunden in dem Holze bestand. Diese Verbindung und die Form, in welcher sie auftrat, ist zerstörbar, die Materie hingegen niemals.« – Mit jedem Hauch, der aus unserm Munde geht, atmen wir einen Teil der Speisen aus, die wir genießen, des Wassers, das wir trinken. Wir verwandeln uns so rasch, daß man wohl annehmen kann, daß wir in einem Zeitraum von vier Wochen stofflich ganz andere und neue Wesen sind; die Atome wechseln, nur die Art der Zusammensetzung bleibt dieselbe. Diese Atome selbst aber sind an sich unveränderlich, unzerstörbar, heute, in dieser, morgen in jener Verbindung bilden sie durch die Verschiedenartigkeit ihres Zusammentritts die unzählig verschiedenen Gestalten, in denen der Stoff unseren Sinnen entgegentritt, in einem ewigen und unaufhaltsamen Wechsel und Fluß dahineilend. Dabei bleibt die Menge der Atome eines einfachen Grundstoffes im großen ganzen unveränderlich dieselbe; kein einziges Stoffteilchen kann sich neu bilden, keines, das einmal vorhanden, aus dem Dasein verschwinden. Die Beispiele und Beweise hierfür ließen sich in Menge beibringen. Es genüge, zu bemerken, daß die Wanderungen und Wandlungen, welche der Stoff im Sein des Alls durchläuft und welchen der Mensch zum Teil mit Waage und Maß in der Hand gefolgt ist, millionen- und abermillionenfach, daß sie ohne Ziel und Ende sind. Auflösung und Zeugung, Zerfall und Neugestaltung reichen sich aller Orten in ewiger Kette einander die Hand. In dem Brot, das wir essen, in der Luft, die wir atmen, ziehen wir den Stoff an uns, der die Leiber unserer Vorfahren vor tausend und abertausend Jahren gebildet hat; ja, wir selbst geben tagtäglich einen Teil unseres Stoffs an die Außenwelt ab, um denselben oder den von unseren Mitlebenden abgegebenen Stoff vielleicht in kurzer Zeit von neuem einzunehmen.

Von den Engländern kann man wörtlich sagen, daß sie ihre Voreltern, die im Kampfe für sie und ihre Freiheit gegen die französische Herrschaft gefallen sind, zum Danke dafür in ihrem täglichen Brote aufessen. Man hat die Knochen des Schlachtfeldes von Waterloo in großer Menge nach England geführt, um die Felder damit zu düngen, und den Ertrag derselben dadurch um das Doppelte erhöht. – Diesen ewigen und unaufhaltsamen Kreislauf der kleinsten Stoffteilchen hat der Gelehrte den Stoffwechsel