Krahadnir - Malou Theisen - E-Book

Krahadnir E-Book

Malou Theisen

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Beschreibung

Hannah wächst ohne Geschwister auf, und ihre Eltern sind beide berufstätig, weshalb sie oft auf sich allein gestellt ist. Durch Zufall trifft sie auf Krahadnir, einen Drachen, und freundet sich mit ihm an. Bald findet sie einen Weg, ihn ins geplante Ferienlager zu schmuggeln und fühlt sich sicher. Im Zug trifft sie Stephan, und die beiden jungen Leute reisen fortan gemeinsam. Krahadnirs Leben ist jedoch in Gefahr: Sein langlebiger Erzfeind hat erneut von ihm erfahren, und die drei Freunde müssen untertauchen. Die Flucht aus dem Zeltlager fordert ihren Einfallsreichtum und Mut. Sie müssen alle Stärken, die ihnen zur Verfügung stehen, geschickt kombinieren, um zu entkommen. Wird es ihnen gelingen, ihre Verfolger abzuschütteln?

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EPUB
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Seitenzahl: 398

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Impressum

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Seitenliste

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Cover

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2025 novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-7116-0968-7

ISBN e-book: 978-3-7116-0969-4

Lektorat: novum Verlag

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Vorwort

Es wurde dunkler und kälter. Seine Augen schlossen sich, und er spürte, wie die Flamme in seinem Inneren schwächer und schwächer brannte. Seine Bewegungen verlangsamten sich, bis er in seiner halb zusammengerollten Position erstarrte. Der letzte Funke erlosch schließlich; alles, was blieb, war Kälte und Dunkelheit.

Kapitel 1

„Dort ist es längst nicht immer kalt und dunkel, jetzt sei doch bitte einmal vernünftig! Wir wollen doch im Sommer dahin!“

Hannahs Mutter sah sie verständnislos an. Es ging mal wieder um ihre Reise nach Island, diesen Traum, den sich ihre Eltern endlich erfüllen wollten.

„Warum kann ich nicht zu Hause bleiben?“, fragte Hannah erneut, so wie jedes Mal, wenn sie an diesem Punkt angelangt waren. Obwohl sie es sich nicht recht erklären konnte, spürte sie einen sehr starken inneren Widerstand beim Gedanken an diesen bevorstehenden Aufenthalt.

„Weil du noch nicht volljährig bist, weil du keinen im Haus haben möchtest, um dir Gesellschaft zu leisten, während wir weg sind, und weil wir dich dabeihaben wollen.“ Ihre Mutter ging mit raschen Schritten zwischen Spüle und Küchentisch hin und her. Sie war bereits fertig angezogen; in ihrem modisch geschnittenen Hosenanzug und mit ihrer teuren Kurzhaarfrisur wirkte sie wie immer kompetent und erfolgsorientiert. Hannah, die noch im Schlafanzug war, konnte sich nicht daran erinnern, ihre Mutter während der Woche je in Freizeitkleidung gesehen zu haben, von Morgenmantel oder Schlafanzug gar nicht zu reden.

„Aber zur Ferienkolonie lasst ihr mich alleine hin. Wie soll ich das begreifen?“

„Das kann man doch gar nicht vergleichen. Schließlich gibt es dort Aufsichtspersonen und ein gut strukturiertes Programm.“

Hannah richtete ihren Blick nach draußen. Vor dem Küchenfenster stand ein alter Birnenbaum, an dessen Ästen sich die ersten Knospen öffneten. Der Winter war gerade erst vorbei, und schon ging es um den Sommer. Warum wurde so schnell gelebt in dieser Familie? Man konnte doch den Frühling nicht einfach ausklammern. Dieses ewige Rennen von einem Wochenende zum nächsten, von einem Urlaubsziel zum nächsten, von einer Versetzung oder Beförderung zur nächsten. Und dann immer dieser Leistungsdruck, schön geschminkt mit Begriffen wie ‚Ehrgeiz‘, ‚Anerkennung‘ und ‚Erfüllung‘, so als ob das Leben sich einzig und allein aus der Einschätzung von außen zusammenstellen ließe.

„Wir reden später weiter, ich bin spät dran.“ Ihre Mutter kramte abgelenkt in ihrer Tasche nach den Autoschlüsseln, dann drückte sie Hannah einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und war zur Tür hinaus. Sekunden später rollte der Zweitwagen der Familie aus der Einfahrt, und Hannah war allein. Ihr Vater war schon vor zwei Stunden zum Flughafen aufgebrochen; er musste mal wieder auf Geschäftsreise. Das Haus fühlte sich leer und öde an, ein wenig wie Hannahs Inneres. Sie müsste sich eigentlich auch endlich für die Schule fertigmachen, doch sie war so etwas von unmotiviert, dass selbst der Gedanke an Dusche und Kleidung beinahe Übelkeit auslöste. Wenn sie doch wenigstens ein Haustier halten dürfte, dann wäre ihr Leben nicht so einsam. Doch ihre Eltern waren dagegen, denn Tiere verursachten Schmutz, Arbeit und Ausgaben. Hannah hatte bereits mehrmals überzeugend argumentiert, dass sie sich selbst darum kümmern würde, doch da war leider gar nichts zu machen. Sie hatte für den Moment wieder einmal aufgegeben und gab sich die größte Mühe, ihr Leben zu schätzen. Es war ihr klar, dass es ihr vergleichsweise gut ging in diesem netten Vorstadthaus mit Vater und Mutter und Zweitwagen und Familienurlaub. Gegen ihre innere Leere konnte all dieser Wohlstand dennoch nichts tun. Sie fühlte sich oft alleine und unverstanden.

Seufzend räumte sie die Küche auf und schleppte sich dann nach oben; jetzt war sie auch spät dran, obwohl sie schon seit Stunden wach war. Wie sie das wohl wieder hingekriegt hatte? Manchmal machte die Zeit seltsame Sprünge, dann wieder vergingen die einzelnen Minuten wie zäher Kleister. Am glücklichsten fühlte sie sich, wenn ihr ein gutes Buch in die Hände fiel. Da gab es Auswege aus ihrer Wirklichkeit, sie vergaß alles um sich herum und konnte sich auf ganz besondere Art auf die Geschichten, die sie las, einlassen und sich auch zum Teil darin wiederfinden. Ihr ganzes Leben hatte sich bisher in einer gesicherten Existenz abgespielt; sie wusste wohl, dass nicht jeder es so gut hatte wie sie, und doch wünschte sie sich nichts sehnlicher, als aus dieser Welt auszubrechen, um in ein anderes Universum einzutauchen. Wenn sie versuchte, davon zu erzählen, dann nannte ihr Vater sie liebevoll sein ‚Strohköpfchen‘ und war ganz zuversichtlich, dass sie eines Tages aufwachen würde und die Werte und Bestrebungen ihrer Eltern ganz und gar teilen würde. So ganz von selbst. Ohne, dass sich ihre Eltern dafür bemühen müssten. Schließlich lebten sie ihr ja beide vor, worauf es im Leben ankam. Und sie hatte doch alles, was man sich nur wünschen könnte, oder etwa nicht?

Was sollte Hannah auf solche Totschlagargumente auch antworten? Es war besser, sich zu fügen und keine Probleme zu bekommen. Geschwister hatte sie keine, denn auch das war die Entscheidung ihrer Eltern gewesen. Kinderwunsch erfüllen, ja. Überbevölkerung des Planeten verschärfen, nein. Dabei wäre es vielleicht doch einfacher für Hannah, wenn die elterlichen Erwartungen nicht nur von ihr alleine erfüllt werden müssten. An diesem Punkt angelangt, kam sie immer wieder zum Schluss, dass ihre Eltern durchaus davon überzeugt waren, ihr das bestmögliche Leben zu schenken. Dann fühlte sie sich zu allem Übel auch noch beschämt und undankbar, und sie musste sich irgendwie von ihrem Gefühlschaos ablenken.

Das Ferienlager war ihre Idee gewesen, denn die Aussicht auf einen weiteren Sommer, ohne arbeiten zu dürfen – das brauchte sie doch nicht, sagten ihre Eltern – machte ihr beinahe Angst. In letzter Zeit war es ihr immer schwerer gefallen, sich zusammenzureißen und nicht zu streiten. In der Schule lief alles reibungslos, denn sie war weder dumm noch faul – sagten ihre Eltern – und sie wich allen Konflikten aus. Davon gab es genug, denn viele Gleichaltrige trugen ihre Auflehnung wesentlich öffentlicher durch die Gegend als Hannah. Es gelang ihr immer wieder, sich total unauffällig zu benehmen und keine Aufmerksamkeit zu erregen. Sie kleidete sich auf eine Art, die sie nicht aus dem Pulk des Pausenhofes hervorhob, ihr dunkelblondes Haar trug sie meistens in einem halbhohen Pferdeschwanz, sie war weder besonders groß noch besonders dick oder dünn, und sie konnte sich gut tarnen. Wenn man sich allerdings die Mühe machte, sie anzusehen und ein Wort mit ihr zu wechseln, so konnte man schnell feststellen, dass weitaus mehr hinter ihrer langweiligen Maske verborgen war. Leider wussten nicht viele, dass die winzigen goldenen Flecken in ihren ansonsten blau-grünen Augen vor Begeisterung funkeln konnten, dass ihre Stimme angenehm dunkel und sanft klang und sie erstaunlich stark war. Dass sie außerdem hübsch war und mit jedem Jahr schöner wurde, war weder ihr noch den meisten in ihrem Umfeld bewusst. Ihr Blick fiel auf ihren Wecker auf dem Nachttisch. Oh nein, jetzt war das schon wieder passiert! Sogar im Hubschrauber würde sie es nicht mehr rechtzeitig schaffen! Die Woche konnte nur noch besser werden.

Da es Hannah nicht gelungen war, ihre Eltern umzustimmen, was den Islandurlaub anging, befanden sie sich Anfang des Sommers alle drei am Förderband in der Ankunftshalle wieder, wo sie auf ihr Gepäck warteten. Der Flug war ereignislos gewesen und länger, als Hannah es für möglich gehalten hätte. Als sie zur Landung angesetzt hatten, war es immer noch hell gewesen, obwohl es bereits nach zehn Uhr abends war. Das Licht war ungewöhnlich, und Hannah hatte sich über ihre Mutter gelehnt, um zur ovalen Luke nach draußen zu sehen. Da sie über der Tragfläche saßen, war allerdings nicht viel zu erkennen. Sie wollte nicht hier sein, doch sie hatte sich vorgenommen, ihren Eltern diesen langersehnten Aufenthalt nicht zu vermiesen. Solange sie keinen Gammelhai essen musste! Das würde sie auf gar keinen Fall probieren; sie wollte nicht einmal in der Nähe sein, wenn es so weit war.

Die erste Nacht wollten sie in der Hauptstadt verbringen, wo ihre sechstägige Reise auch zu Ende gehen würde. Natürlich war ihr gesamter Aufenthalt bis ins kleinste Detail durchgeplant; alles war schon im Vorfeld gegoogelt, besprochen und gebucht, sodass kaum Überraschungen zu erwarten waren. Das Programm war anspruchsvoll. Es gab eine Menge Kulturplätze, die besucht werden wollten, aber auch Fahrten zu abgelegenen Naturschauplätzen und sogar eine mehrstündige Wanderung durch irgendwelche Geröllfelder mit seltsamen Namen waren vorgesehen. Zu diesem Zweck würden sie morgen ihren Vierradantrieb an der Autovermietung abholen und fünf, sechs Stunden einmal quer durch das Landesinnere nach Akureyri fahren, was auch als Hauptstadt des Nordens bekannt war. Dass man für die etwa 380 km so viel Zeit vorsehen musste, sagte Hannah mehr, als sie wissen wollte. Sechs Tage lang konnte man alles schaffen, wenn man sich nur Mühe gab. Diesen Satz wiederholte sie immer wieder in Gedanken, wenn ihre Gefühle sie zu überwältigen drohten. Und dann war es ja auch Urlaub und keine Folter. So versuchte sie mit mittelmäßigem Erfolg, zu einem, wenn auch nicht frohen, dann aber zumindest zu einem neutralen Gemütszustand zu finden und ihre Eltern nicht mit ihren inneren Zweifeln zu belasten. Dieser Aufenthalt war nicht nur so kurz, weil es an Zeit fehlte. Island war ein teures Reiseziel.

So langsam leerte sich das Förderband. Wie eine kleine Familie kamen ihre Gepäckstücke auf sie zu. Der Größe nach gestaffelt und farblich aufeinander abgestimmt, tauchten erst zwei Koffer, dann ein Schminkkoffer und schließlich eine Reisetasche hinter der Biegung auf und zuckelten auf sie zu. Ihr Vater stand bereit wie ein Sprinter an der Startlinie. Mit gekonntem Griff packte er erst die beiden Koffer und wuchtete sie neben Hannah zu Boden, dann streckte er sich nach den zwei anderen Griffen aus, so sehr auf sein Ziel konzentriert, dass er seine Frau einfach beiseiteschob und dann mit triumphierendem Grinsen alles zusammen in einer Reihe aufstellen konnte. Ha! Erfolg war über sein ganzes Gesicht gezeichnet, und Hannah und ihre Mutter mussten lachen.

„Was ist daran so lustig?“, wollte er wissen, leicht verärgert über den Mangel an Applaus. Dann blickte er in ihre lachenden Gesichter und musste auch grinsen.

„Du bist unser Held! So wie die Ritter früher, weißt du?“, sagte seine Frau und sah sich dann nach einem Gepäckwagen um.

Als Hannah gefühlte Stunden später endlich in einem fremden Bett in einem winzigen Zimmer lag und die hellen Streifen ansah, die sich am Rand der dunklen Vorhänge abzeichneten, fragte sie sich, wie das Frühstück wohl sein würde. Es war seltsam, mitten in der Nacht in diesem Dämmerlicht zu liegen. Wie es sich wohl im Winter hier leben ließe, wenn es fast ständig dunkel war? Das wenige, was sie von der Landschaft auf der endlosen Fahrt zur Hauptstadt gesehen hatte, war ihr öde und wild vorgekommen, doch sie konnte sich einer gewissen Faszination nicht entziehen. Es war so dermaßen anders als das, was sie bisher gesehen hatte. Sie sollte besser ein wenig schlafen, morgen wollten sie spätestens um zehn losfahren, um so bald wie möglich an ihr erstes Etappenziel zu kommen. Was für ein Programm. Ihre Gedanken verschwammen in einer umrisslosen Sehnsucht nach Freundschaft und Zusammengehörigkeit; daran änderte auch nichts, dass sie sich irgendwo anders befand.

Der nächste Tag verlief genauso, wie es ihre Eltern geplant hatten. Nach dem Frühstück hatten sie ihren Wagen abgeholt und sich dann auf den Weg gemacht. Der erste Teil der Fahrt war etwas angespannt gewesen, und es wurde kaum gesprochen. Hannah sah zum Fenster hinaus und tat das, was ihr immer als Ausweg zur Verfügung stand. Sie versuchte, in den Felsformationen, den Wolken und den grauen Ebenen, die sie durchquerten, Formen zu sehen. Bald war sie ganz in ihre Fantasiewelt versunken. Der Wagen war geräumig und bequem, und sie konnte die Farben und Eindrücke dieser ungezähmten Landschaft völlig auf sich wirken lassen. Jetzt, wo alles still war, machte sich auch allmählich eine schöne und andächtige Stimmung breit. Vor dieser Kulisse konnte man sich selbst und seine Alltagssorgen gar nicht mehr so ernst nehmen. Allerdings war es auch nicht so verwunderlich, dass Mythen und Aberglaube auch heute noch überall hier anzutreffen waren. Hannah vermutete, dass es wohl damit zu tun hatte, dass das tägliche Leben mit aktiven Vulkanen eine ganze Palette von anderen Prioritäten mit sich brachte als das, was sie gewohnt waren. Schließlich konnte man abends gar nicht wissen, ob am darauffolgenden Tag das Haus, in dem man wohnte, noch stand. Das machte etwas mit den Leuten, die hier lebten, da war sie sich sicher. Bisher hatte sie noch nicht viel mit Einheimischen zu tun gehabt, außer das aalglatte, gefällige Benehmen, das man als Touristenattraktion auf der ganzen Welt den Kunden entgegenbrachte. Diese zweckmäßige Fassade interessierte Hannah wenig, obwohl sie Verständnis dafür hatte. Die Menschen, die hier lebten, mussten ihr Zuhause mit so vielen Fremden teilen, das war gut für die Wirtschaft, ganz klar, aber es brachte auch eine Menge Nachteile mit sich. Dann unterbrach sie etwas verärgert ihre Gedankengänge und fragte sich, warum sie immer so viel nachdenken musste. Konnte sie nicht einfach ein wenig mehr sein wie ihre Eltern? Warum musste sie immer alles so intensiv erleben und hinter dem Schein die Wahrheit sehen? Sie seufzte und schloss ihre müden Augen. Die Nacht war überaus kurz gewesen.

„Wach auf, Liebling, wir sind da!“

Hannahs Mutter hatte die hintere Tür des Wagens geöffnet und stand fröstelnd vor einem regenverhangenen, tiefen Himmel. Orientierungslos sah Hannah sie an, dann fiel ihr alles wieder ein. Sie musste wohl eingeschlafen sein. Ob sie viel verpasst hatte? Wahrscheinlich mehr Ebenen, Lavafelder, Vulkane am Horizont und wilde Wolkenformationen.

„Steig doch bitte aus, wir sollen das Gepäck ausladen, damit dein Vater den Wagen parken kann.“ Ihre Mutter sah auch müde aus, dazu hatte sie eine kurze, tiefe Linie etwa mittig zwischen ihren Augenbrauen, und Hannah wusste: Kopfschmerzalarm! Schnell bemühte sie sich, ihre Lebensgeister zu aktivieren und beim Ausladen des Gepäcks behilflich zu sein. Dann tauchte sie gleich wieder ins Innere des Autos, um sich ihre Jacke vom Rücksitz zu schnappen und sie rasch überzuziehen. War das windig hier! Dass es im Sommer so kalt sein könnte, hatte sie nicht geglaubt, obwohl man ihnen geraten hatte, wetterfeste Kleidung und Schuhe einzupacken. Sie hatte das für etwas übertrieben gehalten, doch jetzt wurde ihr klar, dass es ganz einfach den Tatsachen entsprach.

„Wenn ihr freundlicherweise den Kofferraum und die Türen schließen würdet, dann könnte ich den Wagen parken und endlich auch aussteigen“, sagte ihr Vater etwas gereizt. Hannah und ihre Mutter tauschten einen Blick und kamen seiner Aufforderung rasch nach. Augenblicklich legte er den ersten Gang ein und verschwand gleich danach hinter der freundlich aussehenden Pension, die sie für zwei Nächte hier gebucht hatten.

„Er ist nur müde, Schatz.“

Hannah antwortete nicht, doch sie bemühte sich, ihre Mutter aufmunternd anzulächeln. Etwas ratlos standen sie bei ihrem Gepäck Wache und sahen sich um. Es war auf beeindruckende Weise schön hier, doch der graue Himmel und die niedrigen Temperaturen dämpften ihre Freude dann doch sehr.

„Hallo Mädels, entschuldigt bitte, dass ich ein wenig unfreundlich war.“ Mit großen Schritten kam ihr Vater zu ihnen, den Autoschlüssel warf er vor sich in die Höhe und fing ihn geschickt wieder auf. „War nicht so einfach, nach unserer kurzen Nacht so weit zu fahren. Und dann diese Straßen!“ Er griff nach den beiden Koffern und machte sich auf den Weg Richtung Eingang. Hannah und ihre Mutter nahmen das restliche Gepäck auf und folgten ihm rasch. Sie wollten so schnell wie möglich aus diesem eisigen, schneidenden Wind, außerdem waren sie gespannt auf ihre Unterkunft.

Hannahs Zimmer war überraschend schön. Es war klein, aber fein eingerichtet und sehr sauber, ohne dabei klinisch zu wirken. Eine Tür stand halb offen; sie drückte sie auf und sah in ein schönes Bad mit Waschbecken und Dusche. Eine weitere Tür, die gerade geschlossen war, führte in das angrenzende Zimmer ihrer Eltern. Sie hatte also ihren eigenen Schlafplatz, und das Bad würden sie teilen. Das war ja eine angenehme Überraschung. Sie drehte sich um und ging in ihr Zimmer zurück, am Einzelbett vorbei ans Fenster. Durch die offene Tür zum Bad hörte sie, wie sich ihre Eltern im angrenzenden Zimmer unterhielten, während sie hin- und herliefen, offensichtlich damit beschäftigt, ihre Sachen auszupacken und sich einzurichten. Sie sollte das auch besser jetzt erledigen, denn später war ein Bummel im Städtchen vorgesehen mit anschließendem Abendessen. Morgen wollten sie an einer Rundfahrt teilnehmen, die sie zu verschiedenen Natursehenswürdigkeiten bringen würde. Hoffentlich würde es nicht regnen. Der Nebel und der Himmel hatten sich gerade vor ihren Augen zusammengefunden, und es sah so aus, als ob sie beste Freunde wären und sich so bald nicht wieder trennen wollten.

Ihr Vater brachte eben sein Waschzeug ins Bad, klopfte dann an den Türrahmen und sah zu Hannah hinein.

„Dein Zimmer ist ja auch so schön. Ich hoffe, du freust dich genauso wie wir, endlich hier zu sein.“ Er breitete seine Arme aus und kam lächelnd auf sie zu. Sie ging ihm entgegen und ließ zu, dass er sie kurz umarmte. Manchmal konnte sie ganz deutlich spüren, dass sie ihren Eltern wichtig war. Wenn diese Augenblicke auch schön waren, so kamen sie in Hannahs Augen leider viel zu selten vor. Doch heute wollte sie nicht aufsässig sein, denn es war wirklich schön hier, und sechs Tage lang konnte man sich auch ein wenig bemühen. Tapfer sah sie ihrem Vater in die Augen und war erleichtert zu sehen, dass ein Teil der Müdigkeit von der langen Fahrt schon aus seinem Gesicht gewichen war.

„Wie geht es Mutter?“, wollte sie wissen.

„Sie möchte sich gerne ein wenig hinlegen, denn sie hat eine Tablette genommen. Die haben tolle Vorhänge hier, man kann das Zimmer fast völlig abdunkeln. Ich wollte dich bitten, mich zu begleiten, denn auf der Fahrt morgen sind keine Erfrischungen vorgesehen. Wir sollten uns mal umsehen, wahrscheinlich gibt es einen Supermarkt in der Nähe.“

Mit zwei, drei schnellen Griffen hatte Hannah ihren Schlafanzug bereitgelegt und ihre Zahnbürste in das zweite Glas im Bad gestellt. Dann nahm sie ihre Jacke vom Bett und vergewisserte sich, dass Mütze und leichte Handschuhe in den Taschen verstaut waren. Gemeinsam verließen sie ihr Zimmer, ohne ihre Mutter noch einmal zu stören. Vermutlich würde sie sich bald besser fühlen, wenn sie einen Moment ausruhen konnte.

„Wie kommt es, dass wir uns selbst ein Picknick besorgen müssen?“, fragte sie ihren Vater auf dem Weg nach draußen.

„Das scheint hier so üblich zu sein. Es macht die ganze Sache ja auch einfacher, denn wenn jeder sein eigenes Essen und seine Getränke mitbringt, dann braucht der Organisator dieser Touren nicht so hohe Preise zu fordern. Es wird auch immer schwieriger, es den Leuten recht zu machen, und dies hier ist aus meiner Sicht eine elegante Lösung“, erklärte ihr Vater. „Man kann ja kaum noch riskieren, Esswaren anzubieten, bei all den Nahrungsunverträglichkeiten und persönlichen Vorlieben, die die Kunden mitbringen.“

So hatte Hannah das noch gar nicht gesehen. Es erstaunte sie immer wieder, wie interessant es sein konnte, sich mit ihrem Vater aufzuhalten. Sie sah ihn von der Seite an und fand, dass es schön war, einmal Zeit zu haben und so ganz banale Sachen wie Einkaufen gemeinsam zu erledigen.

Sie brauchten gar nicht weit zu laufen, bis sie einen kleinen Supermarkt fanden. Es war erstaunlich, fremdartige Verpackungen von unbekannten Esswaren zu sehen, doch es war noch seltsamer, zum Teil auch ganz genau denselben Waren wie zu Hause zu begegnen. Das Angebot von frischem Obst und Gemüse war wesentlich bescheidener, als sie das gewöhnt war. In einem solch kargen Land musste wohl das meiste importiert werden. Hannah bedauerte plötzlich, wie wenig sie sich für ihr Reiseziel im Vorfeld interessiert hatte. Ihr wurde bewusst, dass sie kaum einen Begriff davon hatte, was auf dieser Vulkaninsel mitten im Nordatlantik wuchs und produziert wurde. Ein wenig beschämte sie das schon, und sie nahm sich vor, ab jetzt etwas mehr Begeisterung für ihren Aufenthalt hier zu zeigen.

Die nächsten Tage waren vollgestopft mit Ausflügen, gebuchten Unternehmungen und hastigen Besuchen unterschiedlichster Sehenswürdigkeiten. Hannah hatte den Eindruck, sich in einem Zustand fast pausenloser Atemlosigkeit zu befinden. Als sie dann nach Tagen schließlich wieder in der Hauptstadt angekommen waren, stand ihren Eltern die Erschöpfung ebenfalls ins Gesicht geschrieben. Sie bezogen wieder dieselbe Unterkunft wie bei ihrer Ankunft, nur dass es diesmal erst Nachmittag war, als sie dort ankamen und nicht bereits Nacht.

Die Stimmung war geprägt von Müdigkeit, Erleichterung und einem leisen Abschiedsschmerz. Dieser hatte wohl weniger mit der Abreise an sich zu tun als mit der Aussicht auf Alltagsstress und Routine. Zu Hause würde wieder alles in den gewohnten Bahnen laufen, und eine weitere Erfüllung eines Traumes konnte von der Liste abgehakt werden. Hannah konnte beim besten Willen nicht verstehen, dass man dafür auch noch zahlte.

Sie erbat sich von ihren Eltern die Erlaubnis, sich ein wenig auf eigene Faust umzusehen. Da es ohnehin kaum noch dunkel wurde, Kriminalität auf Island recht niedrig war und Hannah gut auf sich aufpassen konnte, sagten ihre Eltern schon beinahe erleichtert zu. Sie vereinbarten, sich gegen halb sieben abends für ihr Abschiedsessen am Eingang ihrer Bleibe zu treffen. Dann würden sie gemeinsam durch die Straßen des Zentrums ziehen und sich dort niederlassen, wo es allen gefiel. Aus Hannahs Sicht hätte ihre Reise weitaus mehr solcher Spontanaktionen enthalten können, doch das behielt sie lieber für sich.

Als sie auf den Bürgersteig trat, setzte sie erst einmal ihre Mütze auf, denn die letzten Tage hatten ihr beigebracht, dass der schneidende Wind hier immer und überall ein Thema war. Sie wand sich ihren Schal um den Hals, zog den Reißverschluss ihrer Jacke bis unters Kinn und vergrub dann beide Hände in ihren Taschen. Die waren bis auf einen Handschuh auf jeder Seite leer; sie würde erst einmal loslaufen, ohne sie überzuziehen. Mit einem Blick zum Himmel orientierte sie sich und freute sich dabei, dass kaum Wolken zu sehen waren. Sie reckte kurz ihr Gesicht in die Sonne und schloss die Augen. Dann zog sie den Stadtplan, den sie aus ihrem Zimmer mitgebracht hatte, aus der Hosentasche. Das war etwas umständlich, da ihre Jacke ihr bis fast zu den Kniekehlen reichte. Es gelang ihr dann doch, und sie vergewisserte sich, dass sie sich die Lage ihrer Unterkunft darauf angekreuzt hatte. Wenn sie sich nicht irrte, könnte sie dieser Straße bis zur nächsten Kreuzung folgen. Dann würde sie eine größere vierspurige überqueren, und danach müsste sie eigentlich das Meer sehen können.

Sie sah sich die Leute an, die ihr auf dem Gehsteig entgegenkamen, betrachtete die Haustüren und die Geschäftsgebäude und spürte mit jedem Schritt, wie sie sich leichter und freier fühlte. Ursprünglich hatte sie sich den alten Hafen und das Konzerthaus ansehen wollen. Zu diesem Zweck wollte sie an der Meeresküste entlanglaufen, denn das war die sicherste Art, sich nicht zu verlaufen. Als sie vor dem Meer stand und hinaussah, war es ihr auf einmal nicht mehr so wichtig, auch noch diese Sehenswürdigkeiten aufzusuchen. Sie beschloss, über die großen und zum Teil glatt polierten Felsblöcke zu steigen und zu versuchen, näher ans Wasser zu kommen. Wenn sie nach links sah, konnte sie in einiger Entfernung ein großes Gebäude sehen, direkt am Meer, mit vielen glänzenden Glasscheiben. Das musste wohl die berühmte Konzerthalle sein. Wieder sah sie geradeaus auf das vor ihr liegende Meer hinaus, hob dann den Blick, um dem Horizont zu folgen. Ohne es recht zu merken, hatte sie bereits die ersten Blöcke überwunden und näherte sich der Wasserlinie. Hier war es sehr still, der Verkehrslärm war kaum zu hören, und die Steine am Boden machten ein zügiges Vorankommen recht beschwerlich. Einen Augenblick lang war sie allein und konnte sich sogleich vorstellen, in eine andere Zeit geraten zu sein. Wieder machte sie einige Schritte auf den Atlantik zu und strauchelte dann plötzlich. Ihr linker Fuß war von einem größeren Felsen seitlich abgerutscht. Sie ruderte mit beiden Armen, um ihr Gleichgewicht wiederzuerlangen, doch es konnte nichts nützen. Wenn sie nicht zu Boden stürzen wollte, blieb ihr nur noch eines übrig. Mit einem unangenehmen Schlag entlang der Wirbelsäule setzte sie sich ruckartig hin. Die Steine unter ihr waren alles andere als bequem, doch zumindest hatte sie verhindern können, dass sich ihr Fußknöchel verkeilte. Vorsichtig prüfte sie, ob sie sich verletzt hatte. Der unebene Boden erklärte vermutlich auch, warum hier außer ihr keiner war. Etwas verlegen war sie schon und musste an einige der Sprüche denken, die sie diese Woche gehört hatte. Immer wieder unterschätzten Touristen die Gefahr und mussten trotz Warnungen aus misslichen Lagen befreit werden. Na ja, hier zumindest würde sie keinen Rettungsdienst brauchen. Sie konnte ohne Schmerzen wieder aufstehen. Einen Moment zögerte sie, dann sah sie wieder auf das Meer hinaus, wie gebannt von dem Anblick. Sie wusste, dass jenseits der Wogen Grönland lag. Was für eine Vorstellung!

Der Wind hatte aufgefrischt, und ihr Gesicht begann, sich wie gepolstert anzufühlen. Sie zog die Handschuhe aus den Taschen ihrer Jacke, dabei fiel ihr einer zu Boden. Rasch bückte sie sich, damit der Wind keine Zeit hätte, sich damit davonzumachen. Dabei fiel ihr Blick auf einen Stein, der so ganz anders aussah als seine Nachbarn. Abwesend steckte sie zuerst den Handschuh wieder ein, dann hob sie den Brocken auf. Er fühlte sich schwer und etwas bröckelig an. Sie drehte und wendete ihn in beiden Händen und bemerkte, dass weitere Bruchstücke abgingen. Mit den Fingerspitzen begann sie, das lose Material abzutragen und wegzukratzen. Eine geschwungene Linie kam zum Vorschein, und Hannah lächelte beim Gedanken, dass sie schon wieder Gestalten in Umrissen zu erkennen glaubte. Dies hier sah genau aus wie das angewinkelte Bein einer winzigen Echse. Sie hob den Stein auf die Höhe ihrer Augen und betrachtete ihn aufmerksam. Ein heißes Verlangen, sich diesen Brocken als Andenken mit nach Hause zu nehmen, durchflutete sie. Dies war ihr persönlicher Moment in der Hektik der vergangenen Woche, dies wollte sie für sich beanspruchen. Sie wusste bereits ganz genau, welchen Platz in ihrem Zimmer sie ihrem Andenken zuweisen würde. Zwischen der seltsam geformten Wurzel und dem Strauß getrockneter Feldblumen würde das Felsstück ganz wunderbar passen. Die Wärme ihrer Hände schien sich auf den Brocken zu übertragen; sie ließ die Arme sinken und beschloss dann, ihre Mütze abzusetzen, um den Stein darin einzuwickeln. Sobald ihr Kopf ungeschützt war, schien es ihr, als ob der kalte Wind sie anspringen würde, und sie zog rasch ihre Kapuze über. Diese war glücklicherweise mehr als nur eine dünne Regenhaut, und das großzügig gefütterte Material war ein guter Mützenersatz. Einen Augenblick hielt sie das Bündel noch in einer Hand, dann tat sie es vorsichtig in ihre Jackentasche.

Später, als sie wieder in ihrem Zimmer war, verfrachtete sie ihr Andenken in ihrer Reisetasche. Sie hatte noch einen Moment Zeit, sich Gesicht und Hände zu waschen und ihr Haar zu kämmen, dann war bereits Zeit, sich mit ihren Eltern zu treffen. Später würde sie fertig packen, denn am darauffolgenden Morgen ging es schon früh los. Um halb sieben würden sie ihre Heimreise antreten.

Kapitel 2

„Kannst du bitte mal deine gebrauchte Wäsche herbringen? Ich habe noch Platz in der Trommel.“ Die Stimme ihrer Mutter klang etwas ungeduldig, und Hannah beeilte sich, ihre Sachen einzusammeln und schnellstmöglich damit nach unten zu laufen. Warum es so unbedingt notwendig war, jetzt gleich und sofort mit der Wäsche zu beginnen, konnte sie nicht so recht verstehen. Es hatte wohl etwas damit zu tun, dass der Alltag wiederhergestellt werden sollte, jetzt, wo sie endlich wieder zu Hause waren. Während der letzten Etappe war kaum noch ein Wort gesprochen worden; jeder war in seine eigenen Gedanken versunken gewesen, und die Fahrt vom Flughafen bis heim hatte ewig gedauert, obwohl sie recht gut durchgekommen waren. Jetzt saß ihr Vater bereits wieder am Rechner, und ihre Mutter hatte sich an der Wäsche festgebissen. Hannah fand das traurig. Hatten sie nicht gerade genau die Zeit gemeinsam verbracht, auf die ihre Eltern sich so lange gefreut hatten? Wozu war denn solch eine Reise überhaupt gut, wenn man schon kurz nach der Heimkehr wieder alles aus den Augen verlor, was man sich an Entspannung und Freude erarbeitet hatte?

„Hier, bitte“, sagte sie und bückte sich zu der Waschmaschine.

„Jetzt stopfe nicht alles hinein, was mit Gewalt hineinpasst“, erwiderte ihre Mutter gereizt. „Du weißt doch, dass der Motor sonst überlastet wird.“

„Mensch, Mama! Jetzt sei doch bitte nicht so gestresst. Ich weiß doch längst, wie man eine Waschmaschine lädt.“ Hannah sah ihre Mutter erstaunt an. „Ich habe dir bereits angeboten, mich morgen um Wäsche und Einkauf zu kümmern. Ich habe doch schließlich frei und ihr nicht.“

Ohne auf ihr erneutes Angebot einzugehen, erwiderte ihre Mutter:

„Ich muss das hier noch erledigen, morgen habe ich keine Zeit mehr.“

Hannah zuckte die Schultern und gab es auf. Sie drehte sich in Richtung Tür, doch dann ging sie noch einmal zu ihrer Mutter zurück und griff nach einer ihrer Hände.

„Möchtest du auch einen Teller Suppe? Danach könntest du dich in der Badewanne entspannen, und wenn du früh zu Bett gehst, dann wird morgen das Aufstehen auch nicht so brutal.“

Ihre Mutter seufzte schwer, strich sich mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus der Stirn und nickte dann.

„Du hast vermutlich recht. Tut mir leid, dass ich so unfreundlich war.“

„Ist schon okay. Was ist denn jetzt mit Suppe?“, wiederholte Hannah ihre Frage. Dass dabei ihre Rollen eigentlich vertauscht waren, fiel keinem der beiden auf. Sie waren zu sehr daran gewöhnt.

„Nee, lass mal, ich habe keinen Hunger.“

Na toll! Ich aber vielleicht! Hannah sprach wieder einmal nicht aus, was sie dachte. Da ihr Vater noch nicht einmal aufblickte, als sie an den Rahmen seiner offenen Tür klopfte, wandte sie sich von seinem Arbeitszimmer ab und ging allein in die Küche, die immer noch verlassen wirkte. Verrückt, wie eine Woche Abwesenheit die Stimmung in ihrem Haus so total verändert hatte. Oder war es hier immer so kühl und effizient, aber eigentlich ungemütlich? Sie war froh, dass sie bald in ihr Ferienlager aufbrechen würde. Am kommenden Samstag schon würde sie ihre Sachen erneut packen, um sich dann mit dem Zug auf den Weg zu machen.

Später in ihrem Zimmer leerte sie ihre Reisetasche komplett aus. Ganz unten fand sie endlich ihre Mütze wieder, die sie schon überall erfolglos gesucht hatte. Als sie danach griff und spürte, dass da etwas Schweres drin war, freute sie sich. In der Hektik der Heimreise hatte sie ihren Fund am Atlantik völlig vergessen. Vorsichtig sah sie hinein und stellte fest, dass der Brocken die Reise leider nicht gut überstanden hatte. Er wirkte viel kleiner, und sie erkannte sogleich, dass jede Menge Staub und Fragmente sich gelöst hatten. Sie hob das Felsstück aus dem Inneren der Mütze heraus und legte es erst einmal auf den Teppich vor ihrem Bett. Dann ging sie zum Fenster, öffnete es und stülpte die Mütze außerhalb der Fensterscheibe um, damit alles herausrieseln konnte. Sie schüttelte die letzten Geröllbröckchen aus und kniete sich auf den Fußboden. Als sie nach dem Felsstück griff, ging noch ein größeres Stück ab. Darunter schien das Material anders zu sein; es wirkte glatter und härter als der Panzer aus Schmutz und Geröll, der es umgab. Hannah holte ein altes Frotteehandtuch aus dem Bad und ein Messer aus der Küche. Dann brachte sie alles zu ihrem leeren und aufgeräumten Schreibtisch und begann, den Brocken mithilfe des Messers zu reinigen. Nach einem Moment nahm sie ebenfalls einen Pinsel und eine ausrangierte Zahnbürste aus dem Kasten in ihrer Schublade und fühlte sich wie ein richtiger Archäologe. Vorsichtig bröselte sie mit der stumpfen Messerspitze an den Bruchkanten herum, um dann mit dem Pinsel den feinen Staub abzufegen. Bald war das Handtuch, auf dem sie arbeitete, übersät mit Staub und feinen Steinchen, und die Linie, die ihr wie ein Echsenbein erschienen war, wurde immer sichtbarer. Sie konnte ihr Glück kaum fassen, als ihr klar wurde, dass sie dabei war, eine kleine Skulptur freizulegen. Mit aufgeregt klopfendem Herzen arbeitete sie weiter. Das erste kleine Bein war bereits bis zu wohlgeformten und krallenbesetzten Zehen sichtbar. Zarte, schön geschwungene Linien schienen geschuppte Haut darzustellen. Sie brauchte noch feineres Werkzeug, wenn sie keinen Schaden an diesem winzigen Kunstwerk riskieren wollte. Mit beiden Händen schob sie alles ein wenig von der Kante des Schreibtisches zurück, so als ob sie befürchtete, dass es herunterfallen könnte, während sie noch einmal in die Küche huschte. Jetzt wollte sie ihre Eltern nicht auf sich aufmerksam machen, und sie bemühte sich, nicht nur schnell, sondern auch leise im hinteren Regal herumzukramen. Hier waren doch sonst … Ah! Endlich! Mit einem triumphierenden Gefühl hielt sie den Behälter mit hölzernen Zahnstochern in der Hand. Das war genau, was sie jetzt brauchte.

Schnell und geräuschlos lief sie auf Socken zurück in ihr Zimmer und schloss die Tür mit einem leisen Klicken. Dann zögerte sie kurz, bevor sie auch den Schlüssel umdrehte. Sie wollte jetzt nicht überrascht werden. Irgendetwas sagte ihr, dass sie ihre Entdeckung nicht mit ihren Eltern teilen wollte. Sie hätten ohnehin kein Verständnis für ihre Liebe zu seltsamen Naturobjekten und würden ahnungslos die Achseln zucken und kopfschüttelnd bemerken, dass ihr Zimmer mehr und mehr einem Museum glich.

Mit der Spitze eines der Zahnstocher gelang es ihr mühelos, die Linie zu verlängern und immer mehr Schmutz abzukratzen. Da kam doch tatsächlich ein leicht eingerollter Echsenschwanz zum Vorschein, unter dem ein zweites Hinterbein hervorsah. In der anderen Richtung legte sie eine geschwungene Bauchlinie frei und landete an etwas, das sich wie ein Schultergelenk ansah. Sie griff erneut zum Messer, da sich ein Riss aufgetan hatte, und sie hoffte, wieder ein größeres Stück abhebeln zu können. Als das dann auch tatsächlich mit einem leisen klickenden Geräusch passierte, verschlug es ihr fast den Atem. Es handelte sich augenscheinlich nicht um ein Vorderbein, so wie sie es erwartet hatte. Nein, zweifellos war es der untere Teil eines kräftigen, eingefalteten Flügels. Eine versteinerte Flugechse! War es ein Fossil? Oder vielleicht doch eine geschliffene und polierte Skulptur? Mit höchster Konzentration arbeitete Hannah weiter und bemerkte nicht, wie die Zeit verging.

Im Haus waren längst alle Geräusche verstummt, nur das leise Kratzen und Schaben ihrer Werkzeuge war zu hören. Im Lichtkegel ihrer Lampe, die sie geistesabwesend irgendwann eingeschaltet hatte, drehte sie ihr Andenken auf die andere Seite und begann, den Bauch des Wesens freizulegen. Der Rücken mit den beiden Flügeln gab eine gewisse Stabilität, und sie arbeitete sich immer weiter vor in die Richtung, in der sie den Kopf des Wesens vermutete. Dabei kamen zwei Vorderbeine zum Vorschein, ebenfalls bis zum krallenbewehrten Ende der kleinsten Zehe perfekt dargestellt. Sie richtete sich kurz auf und streckte dann beide Arme über den Kopf. Wie lange hatte sie schon hier gesessen? Ihr Kopf schmerzte leicht, und ihre Schultern fühlten sich steif und verkrampft an. Sie schüttelte Arme und Hände aus und drehte ihren Kopf ein- zweimal erst in eine, dann in die andere Richtung. Ein heftiges Knacken in ihrem Genick erschreckte sie, obwohl es nicht wehtat. Das war wohl eine Verspannung gewesen, die sich gelöst hatte. Sie rieb sich ihre müden Augen und trank dann einen Schluck Wasser aus der Flasche, die neben ihrem Bett stand. Die zwei Schritte, die sie dafür durch ihr Zimmer nehmen musste, brachten ihren Kreislauf wieder ein wenig in Schwung, und sie beschloss, noch ein wenig weiterzuarbeiten.

Sie setzte sich also wieder an ihren Schreibtisch und griff nach dem Messer. Vorsichtig setzte sie es an und drückte sachte gegen den Panzer aus Geröll. Da war irgendetwas, das ihr Widerstand bot. Sie erhöhte den Druck auf das Messer, während sie mit der anderen Hand den Brocken festzuhalten versuchte, doch dann rutschte das Messer ab und bohrte sich tief in die Kruste hinein. Instinktiv öffnete Hannah beide Hände. Das Felsstück wippte einmal vor und zurück, und das Messer löste sich. Es fiel mit einem Geräusch auf die Tischplatte, das in der Stille der Nacht laut wie ein Kanonenschlag klang. Bewegungslos hielt Hannah den Atem an und horchte, ob ihre Eltern vom Lärm aufgewacht waren und nach ihr sehen würden. Da alles ruhig blieb, beschloss sie, für heute besser aufzuhören. Sie fühlte sich müde und schläfrig und wollte nicht riskieren, ihr Andenken zu beschädigen. Mit einer Hand rückte sie alles ein wenig auf eine Hälfte des Handtuches und schlug dann die andere Hälfte über den Brocken, das lose Geröll und ihre Werkzeuge, bis alles unter dem Frottee verdeckt war. Morgen würde sie weiterarbeiten.

Sie fuhr aus dem Schlaf, als jemand an der Klinke ihrer Zimmertür rüttelte.

„Hannah! Was fällt dir denn ein? Mach diese Tür auf.“ Ihre Mutter schlug zwei-, dreimal fest mit der Handfläche auf die verschlossene Tür, und die Klinke hüpfte wieder wie verrückt auf und ab.

„Hannah! Mach auf!“

Mit wildem Haar und einem verdrehten Oberteil stand Hannah endlich an der Tür und drehte den Schlüssel um. Ihre Mutter riss sofort die Tür auf und starrte sie mit einer Mischung aus Angst und Zorn an:

„Seit wann schließt du ab?“, wollte sie sofort wissen, und Hannah fiel auf, dass sie noch nicht einmal fragte, ob es Hannah gut ginge. Sie musste schnell einen Schritt zur Seite machen, denn ihre Mutter stürzte ohne Einladung in ihr Zimmer und blickte zum Schreibtisch.

„Was versteckst du da? Du wirst doch wohl keine Drogen nehmen, oder?“ Sie riss am Handtuch und warf dabei alles zu Boden. Hannah entfuhr ein erschrockener Laut, und ihre Mutter blitzte sie an. Sie kniete am Boden und griff nach dem Staub und den Bruchstücken, die sich über den Fußboden verstreut hatten. Durch einen glücklichen Zufall war das Hauptstück in den Falten des Handtuches verborgen geblieben, und Hannah musste beinahe lachen, als sie zusah, wie ihre Mutter ihre Fingerspitzen mit Staub bedeckte und dann vorsichtig an ihre Nase führte.

„Was ist das? Was tust du hier?“, schrie sie fast.

„Mama, bitte krieg dich wieder ein. Das ist Erde, sonst nichts. Ich habe an alten Steinen herumgewerkelt. Wir hatten das doch in Geografie, und ich hatte noch ein paar Stücke hier rumliegen.“, log sie rasch.

„Ach. Dein Geologieprojekt?“ Etwas ruhiger richtete sich Hannahs Mutter wieder auf und rieb verlegen ihre Hände aneinander. „Dann muss ich mich wohl bei dir entschuldigen, nehme ich an. Aber warum hast du abgeschlossen?“

Auch darauf hatte Hannah blitzschnell eine Antwort:

„Na ja, während der gesamten letzten Woche habe ich meine Zimmertür vor dem Schlafen zugesperrt; das habt ihr mir selber immer wieder eingeschärft.“

„Auch das ist wahr“, musste ihre Mutter ein wenig kleinlaut zugeben. „Ich wollte dir nur Auf Wiedersehen sagen und dir die Einkaufsliste geben, bevor ich losmuss. Ich bin spät dran!“

So ein Glück. Jetzt konnte Hannah aus dieser Nummer herauskommen, denn sie hatte nicht die geringste Lust, sich in einem Horrorfilm im Kopfkino ihrer besorgten Mutter wiederzufinden.

„Du kannst beruhigt zur Arbeit, Mama, ich werde mich hier um alles kümmern, so wie wir das besprochen hatten.“

Obwohl ihre Mutter ihr daraufhin einen flüchtigen Kuss auf die Wange drückte, schaffte sie es nicht, Hannah in die Augen zu blicken.

„Wir reden später noch mal, ja? Ich kann jetzt echt nicht mehr bleiben.“ Im Rückwärtsgang schob sie sich zurück in den Flur und sah Hannah immer noch nicht an.

„Bis später, Mama, mach dir keinen Kopf, ich krieg das alles hin.“ Wie oft hatte Hannah diesen Satz schon in ähnlichen Situationen gesagt? Dankbar sah ihre Mutter ihr endlich ins Gesicht und lief gleich darauf die Treppe hinunter. Dann fiel die Haustür ins Schloss und Hannah war allein.

Kopfschüttelnd schloss sie die Tür ihres Zimmers und blieb einen Moment ratlos stehen. Tief in ihrem Inneren wurde ihr klar, dass sie, wenn sie es zulassen würde, wütend sein könnte über solch ein unbegründetes und misstrauisches Verhalten ihr gegenüber. Schnell lenkte sie ihre Gedanken in andere Bahnen; was sollte das schon bringen? Sie sah an sich hinunter und musste erst mal entscheiden, was wichtiger war: Anziehen oder Aufräumen? Sie holte einen kleinen Karton aus der Vorratskammer und legte dann das Handtuch mit dem Felsstück vorsichtig hinein, wobei sie der Versuchung widerstand, sich alles noch einmal genau anzusehen. Sie würde nur wieder die Zeit vergessen, wenn sie jetzt daran arbeitete. Also deckte sie alles zu, fast so, wie man ein Nest für ein verletztes Tier macht, und legte dann noch ihr Messer, den Pinsel, die Zahnbürste und die Zahnstocher in ihrem Behälter dazu. Sie stellte die kleine Kiste auf den Schreibtisch und machte einen Plan, wie sie weiter vorgehen würde: Waschen, anziehen, den Fußboden staubsaugen, dann zum Laden und die Besorgungen machen, die auf der Einkaufsliste standen. Danach würde sie sich irgendwo in die Natur zurückziehen, um das Wesen im Geröllbrocken freizulegen, wo keiner sie sehen oder stören würde. Hier im Haus fühlte sie sich nicht mehr wohl damit, vor allem weil dieser Auftritt heute Morgen ihr sehr klar gezeigt hatte, dass zumindest ihre Mutter sich das Recht herausnahm, Hannahs persönlichen Bereich in keinster Weise zu achten.

In geringer Entfernung zu ihrem Haus, jedoch gut verborgen am Rande eines kaum genutzten Wanderweges, stand ein Picknicktisch in einer kleinen Lichtung. Dort hatte Hannah sich versteckt und ihre Kiste ausgepackt. Sie hatte außerdem etwas Verpflegung in einem kleinen Rucksack dabei: ein paar Brote, einen Apfel und eine große Wasserflasche. Es war ihr gelungen, zu Hause alles schnell und gründlich zu erledigen und sie konnte sich nun über mehrere Stunden freuen, die sie ungestört sein würde.

Nachdem sie ihr Werkzeug bereitgelegt hatte, griff sie mit beiden Händen nach dem Bündel. Es fühlte sich schwer und warm an, doch das war vielleicht nicht weiter verwunderlich, denn die Sonne schien und hier wehte kein schneidender, eisiger Wind. Vorsichtig schlug sie das Handtuch zurück, sodass es als Unterlage dienen konnte, und schaute voll freudiger Aufregung die kunstvolle Miniatur an, die nur noch zu einem kleinen Teil von der Geröllkruste überzogen war. Es waren wieder krümelige Bestandteile durch das Transportieren abgegangen und Hannah konnte deutlich sehen, woran ihr Messer gestern Nacht gescheitert war. Eines der Vorderbeine, angewinkelt halb unter den Brustkorb gezogen, hatte in der Nähe des Fußendes einen seltsamen Vorsprung. Vorsichtig drehte Hannah am Felsstück, bis sie sehen konnte, dass dieser Vorsprung wie ein feines Band das gesamte Bein umschloss. Was war das bloß? Das Material sah ganz anders aus als der Rest der Skulptur, irgendwie dunkler und sehr glatt. Vorsichtig berührte Hannah das Band mit der Spitze ihres Zeigefingers und schauderte. Das fühlte sich regelrecht böse an! Was war das bloß?

Mit einem grimmigen Gesichtsausdruck begann Hannah rasch, die Kruste weiter abzutragen, wobei sie sehr darauf achtete, diesem schrecklichen Band nicht zu nahe zu kommen. Es war ihr auf einmal, als ob es irgendwie dringend sei, so schnell wie möglich zu befreien, was auch immer unter dieser Schicht aus uraltem Geröll verborgen war. Sie legte einen länglichen, elegant geschwungenen Hals frei, der in schönem Winkel aus der Brust hervorwuchs, und gelangte endlich an eine Linie, die wie ein Unterkiefer wirkte. Sie griff nun zu der alten Zahnbürste und begann, mit kräftigen Strichen das Köpfchen zu säubern, das immer besser zu erkennen war. Vorsichtig und behutsam kratzte, schabte und wischte sie die letzten Reste ab und sah dann verblüfft auf das, was da vor ihr zu sehen war. Sie konnte ihren Augen kaum trauen. Da lag ein wunderschön gearbeiteter, halb zusammengerollter winziger Drache mit geschlossenen Augen auf dem gelben Stoff des alten Handtuches. So etwas Schönes hatte Hannah noch nie gesehen und sie wagte es kaum, die kleine Figur in die Hand zu nehmen. Was war sie doch für ein Glückskind. Dass sie von allen Steinen gerade diesen gesehen und aufgehoben hatte, dass darin ein solch wunderschönes Kleinod verborgen lag, dass sie das jetzt in den Händen hielt und es ihr gehörte, überwältigte sie fast. Ihr Blick folgte voll zärtlicher Begeisterung den harmonischen Linien und störte sich wieder an der Fremdartigkeit dieses Bandes. Jetzt konnte sie ganz deutlich erkennen, dass es wie eine Fessel aussah, und sie wollte plötzlich keine Sekunde länger dulden, dass das Bein ihres Drachen darin gefangen sein sollte.