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Nachdem Hannah ihren Freund, den Job und ihr Zuhause verloren hat, braucht sie dringend eine Auszeit. Da kommt ihr das Angebot, eine ältere Dame auf ihrer Rundreise durch Irland zu begleiten, gerade recht. Thea Dornberg ist eine reizende und sehr rüstige Achtzigjährige, und die gemeinsame Reise verspricht ein wunderschöner kleiner Urlaub zu werden. Doch angriffslustige Krähen, nächtliche Albträume und eine uralte, todbringende Göttin ändern alles. Und als sich Hannah dann noch unglücklich in den charmanten, aber äußerst zwielichtigen Jack McBrady verliebt, hält sie diese Reise bald für den größten und gefährlichsten Fehler ihres Lebens.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Anna Holden
Krähenträume
Krähenträume
Nach der Trennung von ihrem Freund gibt es nicht mehr viel, was Hannah in Hamburg hält. Deshalb ist sie gern bereit, die achtzigjährige Thea Dornberg auf ihrer Rundreise durch Irland zu begleiten.
Hannah freut sich auf diese kleine Auszeit, zumal Thea sehr liebenswürdig und ausgesprochen rüstig ist. Doch Krähenangriffe, nächtliche Albträume und eine uralte, todbringende Göttin zerstören die vermeintliche Urlaubsidylle.
Und als sich Hannah dann noch unglücklich in den charmanten, aber äußerst zwielichtigen Jack McBrady verliebt, hält sie diese Reise bald für den größten und gefährlichsten Fehler ihres Lebens.
ANNA HOLDEN
Krähenträume
ROMANTASY
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright © der Originalausgabe 2023 by Anna Holden
Alle Rechte vorbehalten.
Anna Holden
c/o Block-Services
Stuttgarter Str. 106
70736 Fellbach
E-Mail: [email protected]
Lektorat und Korrektorat: Eva Michaelsen
Covergestaltung: Dream Design – Cover and Art
ISBN: 9783819491184
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Epilog
Dankeschön
Die Autorin
Windmagie – Lockruf des Windes
Leseprobe
1
Die Herbstsonne sorgte heute nicht nur für einen strahlendblauen Himmel, sondern auch für warme Temperaturen, die an den vergangenen Sommer erinnerten. Ein guter Grund für Hannah, ihr Wohnzimmerfenster weit zu öffnen und die Sonne hereinzulassen. Die Luft duftete nach buntem Herbstlaub, Kastanien und den Vorboten eines nasskalten, ungemütlichen Wetterumschwungs.
Hannah atmete tief ein, bevor sie zum Sofa zurückging, um dort auf das abschließende Urteil ihrer Freundin zu warten.
Noch immer stand Lisa in der Mitte des Raums, drehte sich langsam im Kreis und betrachtete Hannahs neues Zuhause mit kritischer Miene. Viel zu sehen gab es dabei nicht. Die Wohnung bestand nur aus einem geräumigen Zimmer, einer kleinen offenen Küche und einem winzigen Bad in der Größe einer Abstellkammer. Man brauchte keine zehn Sekunden, um alles gesehen zu haben. Warum sich Lisa trotzdem so viel Zeit ließ, war ziemlich klar und verhieß nichts Gutes. Wahrscheinlich suchte sie noch nach ein paar netten Worten, in die sie ihre Kritik verpacken konnte, ohne ihre beste Freundin zu verletzen. Hannah wusste es zu schätzen, dass sich Lisa so viel Mühe gab. Normalerweise ließ sie nämlich alles ungefiltert heraus, was ihr gerade durch den Kopf ging. Sie war ehrlich, spontan und ohne Angst vor Zurückweisung und Konflikten.
Und ganz anders als Hannah.
Hannah war ruhig, zurückhaltend und friedliebend. Oder harmoniesüchtig, wie Lisa es manchmal beschrieb. Selbst hielt sie sich für besonnen, vernünftig – und leider auch recht langweilig. Nichts an ihr war besonders. Weder ihre Persönlichkeit, noch ihr Aussehen. Sie hatte langweilige braune Haare, die sie meistens hochsteckte oder zu einem einfachen Zopf zusammenfasste; eine langweilige, schlanke Figur, an der nichts Atemberaubendes war, und ein langweiliges ebenmäßiges Gesicht, das allgemein als hübsch bezeichnet wurde.
Hübsch und dennoch langweilig.
Auch die Wohnung war langweilig und passte deshalb perfekt zu ihr. Trotzdem wünschte sich Hannah, dass Lisa etwas Wohlwollendes und Anerkennendes sagte. Dass es so war, überraschte sie. Sollte es ihr nicht egal sein, ob ihre Wohnung anderen gefiel? Oder ging es ihr am Ende gar nicht um die Wohnung, sondern um das, was sie verloren hatte? Nein, sagte sie sich schnell. Sie trauerte nichts und niemandem hinterher. Ihr ging es gut – ohne Villa, ohne Designermöbel und vor allem ohne Markus.
»Rede endlich mit mir«, sagte sie seufzend, um die Sache zu verkürzen. »Ist sie wirklich so schlimm?«
»Schlimm? Nein! Überhaupt nicht! Sie ist ganz okay. Recht klein und sehr übersichtlich, und die Miete ist bestimmt supergünstig. Ja, ich denke, sie ist … ganz okay.«
Ganz okay. Damit kam Hannah klar. Mehr Anerkennung brauchte sie nicht. »Mir gefällt sie. Es stimmt, sie ist sehr klein, aber ich lebe allein und brauche nicht viel Platz. Ich mag es gern etwas beschaulich und bescheiden.«
»Beschaulich und bescheiden … ja, das sieht man der Wohnung und allem, was darin steht, auch an.« Lisa hatte also beschlossen, ihre höfliche Zurückhaltung aufzugeben. »Nimm es mir nicht übel, aber deine gesamten Möbel gehören auf den Sperrmüll. Hättest du dir nicht wenigstens ein paar neue Teile zulegen können?«
»Habe ich doch!«, erwiderte Hannah betont gleichmütig. »Der Kaffeeautomat ist neu.«
»Du weißt genau, was ich meine.« Lisa setzte sich zu ihrer Freundin auf die Couch. »Leiste dir doch mal was Neues, etwas richtig Tolles.«
»Der Kaffeeautomat ist neu«, wiederholte Hannah, »und wirklich, wirklich toll.«
»Was man vom Rest der Wohnung nicht behaupten kann.« Lisa rümpfte die Nase, als sie einen bezeichnenden Blick in die Runde warf.
»Du übertreibst. So schlimm sind die Möbel gar nicht.« Nein, sie waren nicht schlimm, sondern ganz okay. Vor allem aber waren sie praktisch und gratis. Der Vormieter hatte sie zurückgelassen und Hannah hatte nicht einen Cent dafür bezahlen müssen. Für sie war das ein Glücksfall gewesen und sie hatte sich darüber gefreut. Trotzdem blieben Lisas Worte jetzt nicht ohne Wirkung, und sie betrachtete ihre Einrichtung nun nicht mehr so unbefangen wie zuvor. Vielleicht hätte sie wenigstens den wurmstichigen, alten Kleiderschrank austauschen sollen. Oder die Schlafcouch, die ein paar Flecken aufwies, über deren Ursprung sie lieber nicht nachdachte, die sich aber gut unter einer Wolldecke verbergen ließen.
»Ich bin arbeitslos, da kann ich mir keine neuen Möbel leisten«, unternahm sie einen Versuch, ihren spartanischen Einrichtungsstil zu verteidigen.
»Blödsinn! Du bist nicht arbeitslos! Offiziell bist du immer noch bei Markus angestellt. Im nächsten halben Jahr stehst du sogar weiterhin auf seiner Gehaltsliste, auch wenn du nicht mehr für ihn arbeitest. Das nennt sich bezahlte Freistellung und nicht Arbeitslosigkeit.«
»Es ist mir egal, wie sich das nennt. Es ändert nichts daran, dass ich meinen Job verloren habe.« Sie hatte noch viel mehr verloren. Ihren Geliebten, Freund, Vertrauten – und ihr Zuhause. Vielleicht hörte sie sich deshalb so traurig an.
»Es tut mir leid.« Lisa hatte ihren Stimmungsumschwung mitbekommen und drückte ihre Hand. »Markus ist ein gewissenloser Mistkerl. Wie konnte er dir das nur antun?«
Hannah zuckte halbherzig die Schultern. »Er hat sich in eine andere Frau verliebt, so einfach ist das. Vielleicht macht ihn das zu einem Mistkerl, aber er ist nicht gewissenlos. Immerhin verdanke ich seinem Gewissen eine sehr hohe Abfindung und die bezahlte Freistellung.«
»Seinem schlechten Gewissen«, präzisierte Lisa.
»Besser ein schlechtes Gewissen, als gar kein Gewissen. Und nun lass es bitte gut sein. Ich trauere ihm nicht hinterher und dem Haus schon gar nicht. Ich habe dort drei Jahre gelebt und es hat sich für mich trotzdem nie wie ein richtiges Zuhause angefühlt.«
»Das ändert nichts daran, dass du nach der Trennung noch nicht mal ein Dach über dem Kopf hattest.«
»Ich hatte dich und dein gemütliches Sofa.« Hannah lächelte dankbar. Bei Lisa hatte sie nicht nur Trost und Zuspruch gefunden, sondern auch die Gewissheit, nicht allein zu sein. Das Sofa in Lisas Wohnzimmer war ein zusätzlicher Bonus gewesen und hatte ihr ein einsames Hotelzimmer erspart.
»Du hättest dir mit einer eigenen Wohnung ruhig noch mehr Zeit lassen können, bis du etwas Passenderes gefunden hättest.«
»Das ist das Passende für mich und nun hör auf, meine Wohnung schlecht zu machen, sonst wird sie am Ende noch sauer und lässt dich nie wieder herein.«
»Nur deine Wohnung?«, fragte Lisa schuldbewusst.
»Keine Sorge, du hast nur die Wohnung beleidigt, nicht mich. Ich weiß ja, dass du es nur gut mit mir meinst und dass du dich ehrlich gefreut hättest, wenn ich noch länger bei dir geblieben wäre. Aber ich konnte deine Gastfreundschaft nicht noch länger strapazieren«, Hannah gluckste, »oder die Geduld von Björn. Ich kann wetten, dass er froh war, dich wieder für sich allein zu haben. Und natürlich auch eure Wohnung. Jetzt kann er wieder in der Unterhose herumlaufen und muss nicht ständig auf mich Rücksicht nehmen.«
»O ja!«, lachte Lisa. »Das mit der Unterhose hat er sehr vermisst. Aber ansonsten …« Sie sah Lisa mit einem weichen Lächeln an. »Björn weiß, dass du meine allerbeste Freundin und mir sehr wichtig bist. Dass du bei uns gewohnt hast, war auch für ihn eine Selbstverständlichkeit gewesen und er wäre niemals auf die Idee gekommen, sich darüber zu beschweren.«
»Ja, weil Björn ein Schatz ist. Du kannst froh sein, ihn zu haben. Weißt du eigentlich, dass er mir Geld angeboten hat?« Als Lisa den Kopf schüttelte, fuhr sie fort: »Ja, direkt nach meinem Einzug bei euch. Ich war gerade dabei, im Internet nach einer Wohnung für mich zu suchen, als er dazukam. Er meinte, dass er mir das Geld für einen Neuanfang vorstrecken könnte. Er hätte ein bisschen was gespart, das er mir gern geben würde. Ich habe ihm dann von dem Spargroschen auf meinem Konto erzählt, der durch Markus’ Abfindung auf ein stattliches Sümmchen angewachsen war.«
»Ich bin echt froh, dass du nicht zu stolz warst, die Abfindung anzunehmen.«
»Warum sollte ich? Das Geld stand mir doch zu. Die Firma läuft zwar auf seinem Namen, aber wir haben sie gemeinsam aufgebaut und ich habe genauso viel Zeit und Energie da hineingesteckt wie er. Es war nur fair, dass er mich auszahlte. Das Geld hilft mir jetzt, in aller Ruhe nach einer neuen Anstellung zu suchen. Und wer weiß, vielleicht mache ich mich auch mit einem eigenen Übersetzungsbüro selbständig und trete in Konkurrenz zu Markus.«
»O ja!« Lisa klatschte begeistert in die Hände. »Zeig’s diesem treulosen Schuft!«
Hannah lachte. »Das war doch nur so eine launige Idee gewesen. Du kennst mich und weißt, wie sehr ich mich scheue, ein Risiko einzugehen. Und eine Firmengründung wäre ein sehr großes Risiko. Besonders finanziell.«
»Bezahlte Freistellung für ein halbes Jahr, fette Abfindung, stattlicher Spargroschen«, zählte Lisa an ihren Fingern die Dinge ab, die das finanzielle Wagnis minderten.
Hannah rollte nur mit den Augen und hob nun ihrerseits den ersten Finger, um die Gegenargumente aufzulisten. »Ungewisse Zukunft, keine Auftraggeber in Sicht, hohe Mietkaution, ein teurer Kaffeevollautomat …« Hannah unterbrach sich grienend. »Apropos Kaffeevollautomat. Es wird Zeit, dass wir testen, ob er sein Geld wert ist.«
Nur Minuten später saßen sie wieder auf der Couch, tranken den ersten Schluck eines heißen, aromatischen Kaffees und waren einhellig der Meinung, dass sich die Investition in die neue Maschine gelohnt hatte. Sie genossen ihren Kaffee und die erstaunlich warme Herbstsonne, die immer noch kräftig durch das offene Fenster ins Zimmer schien.
Lisa schloss die Augen. »Versuch mal, den Straßenlärm auszublenden. Stell dir vor, stattdessen ein leises Wellenrauschen und ferne Calypsoklänge zu hören.« Sie stieß einen sehnsuchtsvollen Seufzer aus. »Türkisblaues Wasser, Palmen an einem kilometerlangen Sandstrand, ein Cocktail mit Schirmchen … o Mann, ich bin ja so was von urlaubsreif.«
»Ja, das ist nicht zu überhören«, lachte Hannah und beschloss, dass dies der richtige Zeitpunkt war, um die Bombe platzen zu lassen. Mit etwas Glück würde Lisa davon genauso angetan sein wie sie. »Da du gerade von Urlaub sprichst«, begann sie bedächtig. »Ich werde mir eine kleine Auszeit von zwei Wochen nehmen, um mal aus Hamburg rauszukommen.«
Lisa sah sie verständnislos an. »Wovon redest du?«
»Ich rede davon, zu verreisen und mich ein wenig zu erholen. Wann, wenn nicht jetzt? Durch Markus’ Großzügigkeit brauche ich mich nicht sofort um eine neue Arbeit zu kümmern. Vor mir liegen noch mehrere Monate bezahlte Freizeit. Es ist deshalb der ideale Zeitpunkt, um mal Urlaub zu machen. Nach vierzehn Tagen komme ich erholt zurück und werde mich dann in einen wahren Bewerbungsmarathon stürzen, um mir eine neue Arbeit zu suchen. Bis dahin kann ich …«
»Moment!« Lisa stoppte Hannahs Redefluss. »Noch einmal: Wovon sprichst du überhaupt?«
»Immer noch von meiner Urlaubsreise, die ich spontan geplant habe und die schon in der nächsten Woche losgeht.«
»Urlaubsreise …«, echote Lisa entgeistert. »Du willst verreisen? Spontan? Du?«
»Ja! Ich! Warum auch nicht? Was stellst du dich so an? Du tust ja gerade so, als wäre es völlig verrückt, dass ich mal wegfahre.«
»Genau das ist es! Völlig verrückt und total untypisch für dich! Hannah Blohm, meine beste Freundin und Seelenverwandte, verreist niemals spontan! Wirklich niemals! Dass du diese Reise buchst, ohne sie mit mir durchzusprechen und sie monatelang zu planen, passt einfach nicht zu dir. Du bist nicht spontan oder impulsiv. Du bist ruhig und vernünftig …«
»Also langweilig«, fiel ihr Hannah ins Wort.
»Nein! Natürlich bist du nicht langweilig, nur sehr verlässlich und äußerst besonnen. Gerade das gefällt mir so gut an dir. Du weißt doch, was ich für ein Hitzkopf sein kann und wie oft ich mich darüber ärgere, dass mein Verstand erst einsetzt, wenn es dafür schon fast zu spät ist. Du bist anders als ich und deswegen tust du mir auch so gut. Ich wünsche mir oft, ich könnte ein wenig so sein wie du. Und nun das … ein Urlaub, einfach so und ganz allein.«
»Einfach so«, Hannah atmete ein und aus, bevor sie auch den Rest rausließ, »aber nicht allein.«
»Nicht allein?« Lisas Stimme überschlug sich fast vor Aufregung. »Ich fasse es nicht! Sagst du mir jetzt endlich, was hier los ist? Wohin willst du? Und mit wem? Wer steckt dahinter?«
»Ich will für zwei Wochen nach Irland fliegen. Nächste Woche Freitag geht es schon los.«
»Irland?«, fragte Lisa ungläubig. »Wie kommst du denn bloß darauf? Wir haben Herbst! Du wirst dort wahrscheinlich den ganzen Tag mit einem Regenschirm herumlaufen. Wenn du schon verreisen willst, warum nicht in die Sonne?«
»Weil ich nicht darauf stehe, den ganzen Tag faul am Strand zu liegen.«
»Nein, aber du stehst auch nicht darauf, so unerwartet in den Urlaub zu fliegen.« Argwöhnisch kniff Lisa die Augen zusammen. »Nun sag schon. Mit wem verreist du? Wer hat dich zu dieser Reise überredet?«
Hannah räusperte sich umständlich. »Ich bekam vorgestern einen Anruf von Ava.« Als Lisa sie nur konsterniert ansah, fügte sie hinzu: »Ava Dornberg. Du weißt schon, meine frühere Mitbewohnerin in der WG.«
»Die durchgeknallte Ava? Sag, dass das ein Scherz ist! Du willst doch wohl nicht ernsthaft mit ihr in den Urlaub fliegen!«
»Nein! Natürlich nicht!«
»Dem Himmel sei Dank! Ava hatte nämlich echt einen an der Waffel!«
»Komm, so schlimm war sie gar nicht. Sie war vielleicht ein wenig … eigenartig und ihr Geschmack war etwas schräg.«
»Das trifft es nicht mal annähernd. Sie trug immer diese furchtbaren schwarzen Klamotten, und in ihrem Zimmer standen diese ganzen okkulten Sachen rum. Hatte sie nicht so einen kleinen, unheimlichen Altar gehabt? Wahrscheinlich hat sie dort schwarze Magie praktiziert und Lämmer und Hühner geopfert.«
Hannah lachte hell auf. »Lisa, du übertreibst.«
»Nein, mache ich nicht. Ich war mir eine Zeitlang sogar sicher gewesen, dass sie dich verhexen wollte, weil sie auf eine sehr verwirrende Art auf dich stand.«
»Das hast du mir nie erzählt. Wie kommst du denn bloß auf diesen Blödsinn?«
»Das ist kein Blödsinn! Du fandest es damals doch auch sonderbar, dass sie dir wie ein Hündchen gefolgt ist. Sie hat dir nachspioniert und immer an deiner Tür gelauscht.«
»Immer? Wir haben sie nur ein einziges Mal dabei erwischt.«
»Einmal reicht. Ich fand Ava Dornberg ganz schön unheimlich. Denk nur mal an diese furchtbaren schwarzen Kerzen in ihrem Zimmer, die so abartig stanken. Dieser widerliche Geruch hatte sich in der gesamten Wohnung ausgebreitet und ich bekam jedes Mal Kopfschmerzen davon.«
»Ja, die Kerzen waren wirklich eklig«, gab Hannah ihr in diesem Punkt recht. »Nach meinem Auszug hat es noch Wochen gedauert, bis ich diesen Geruch aus meiner Nase bekommen habe. Und als sie mich vorgestern anrief, war er sofort wieder präsent gewesen.«
»Und weshalb hat sie dich nun angerufen? Ich wusste nicht, dass ihr noch Kontakt hattet.«
Hannah schüttelte den Kopf. »Hatten wir auch nicht. Als ich damals zu Markus zog, riss die Verbindung zu ihr sofort ab. Kein Anruf, kein Weihnachtsgruß, nichts. Ich weiß gar nicht, ob ich in den vergangenen Jahren auch nur ein einziges Mal an sie gedacht habe. Wahrscheinlich nicht.«
»Das ging mir genauso.« Lisa nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und sah Hannah dann misstrauisch an. »Also, weshalb hat sich diese durchgeknallte Möchtegern-Hexe ausgerechnet jetzt bei dir gemeldet?«
»Sie hat mich um einen Gefallen gebeten. Ihre achtzigjährige Großtante liebt Irland und reist regelmäßig in das Land ihrer Vorfahren. Inzwischen traut sie sich diese Reise aber nicht mehr allein zu. Ava wollte sie deshalb begleiten. Doch in der letzten Woche ist Ava schwer gestürzt und hat sich dabei den Arm so kompliziert gebrochen, dass sie nun nicht mehr mitfahren kann. Als sie von der Sache mit Markus hörte, kam sie auf die Idee, mich zu fragen. Ihr Ticket wird auf meinen Namen umgeschrieben und die Großtante übernimmt meine gesamten Reisekosten.«
»Sehr, sehr seltsam das Ganze. Drei Jahre hast du nichts von Ava gehört und plötzlich meldet sie sich bei dir und bittet dich, mit ihrer Großtante in den Urlaub zu fliegen. Woher weiß sie eigentlich von deiner Trennung? Gibt es noch gemeinsame Bekannte, die ihr das erzählt haben könnten?«
»Wahrscheinlich. Von irgendjemandem wird sie es schon wissen. Ich habe sie nicht danach gefragt, weil mir nichts daran lag, mit ihr über Markus oder meine persönlichen Dramen zu reden.«
»Nein, denn das machst du nur mit guten Freunden. Deshalb wundere ich mich ja auch so, dass Ava davon weiß. Ich kann mich nur wiederholen: Das Ganze ist sehr seltsam.«
»Nein, überhaupt nicht. Irgendwie muss sie erfahren haben, dass ich wieder Single bin und noch dazu ohne Job. Dass sie sich ausgerechnet jetzt den Arm gebrochen hat und nun nicht mitfahren kann, ist nur ein großer Zufall.«
»Wenn du meinst.« Lisa blieb misstrauisch. »Was wird denn eigentlich während der Reise von dir erwartet? Ist die Großtante schon so hinfällig, dass sie Pflege braucht?«
»Sie ist nicht pflegebedürftig. Ava meinte, dass sie noch ausgesprochen rüstig sei. Ihrer Tante ginge es nur um ein wenig Gesellschaft, damit sie sich nicht so allein fühlt. Ihre Englischkenntnisse sind auch schon etwas eingerostet, sodass ich im Notfall dolmetschen soll. Um mehr geht es nicht. Vielleicht noch ein paar Handreichungen, aber da ich dafür gratis reise, werde ich mich nicht beschweren.«
»Dir ist hoffentlich klar, wie schnell aus diesem vermeintlichen Urlaub ein Höllentrip werden kann. Stell dir nur mal vor, das Tantchen ist so ein alter Drachen, der dich die ganze Zeit herumkommandiert und schikaniert.«
»Nein, das stelle ich mir lieber nicht vor.« Hannah schüttelte sich, als könnte sie so die von Lisa heraufbeschworene Vision wieder loswerden. »Ich habe mir nämlich fest vorgenommen, mich auf diese Reise zu freuen. Also hör auf, so schwarz zu sehen und immer nur das Schlimmste anzunehmen. Freu dich bitte für mich und gönne mir ein wenig Spaß!«
»Mache ich doch«, beteuerte Lisa. »Ich gönne dir ja deinen Spaß, trotzdem mache ich mir Sorgen um dich.«
»Völlig grundlos. Und nun lass uns endlich von etwas anderem reden.« Hannah deutete auf ihre Tassen, die inzwischen leer waren. »Soll ich uns noch einen Kaffee machen?«
»Nichts da! Jetzt bin ich mal dran, mit deiner tollen Kaffeemaschine herumzuspielen«, sagte sie und stand auf.
»Okay, solange du sie mir nicht kaputt machst«, erwiderte Hannah lachend.
»Ich doch nicht.« Lisa flitzte mit den Tassen zur Küchenzeile hinüber, studierte kurz das Display des Automaten und drückte dann gezielt die richtigen Knöpfe für zwei Kaffee Crema. Während er durchlief, startete sie einen erneuten Versuch, ihrer Freundin die Urlaubsreise auszureden. »Wenn du unbedingt nach Irland möchtest, können wir ja mal zusammen hinfliegen. Du musst dir Avas Tante also nicht antun.«
Hannah seufzte, weil Lisa nicht vom Thema lassen wollte. »Wer dich hört, könnte glauben, dass ich nicht in der Lage bin, eigene Entscheidungen zu treffen.« Als Lisa zu einem Protest ansetzte, sprach Hannah schnell weiter. »Du bist meine allerbeste Freundin und gehörst neben meinen Eltern zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Deine Meinung bedeutet mir viel, aber wenn es um die Reise geht, kann ich sie nicht ernst nehmen.«
»Vielleicht solltest du das lieber. Ich habe nämlich ein ganz mieses Gefühl bei der Sache.«
»Ach, Lisa, was soll denn schon passieren? Ich fliege nur nach Irland und nicht auf den Mars. Mein Telefon habe ich immer dabei und wenn du willst, rufe ich dich jeden Abend an, damit du weißt, dass ich noch lebe und keinem Serienmörder zum Opfer gefallen bin. Oder Avas Hexenkult.«
»Damit macht man keine Scherze. Wer kann schon wissen, wer sich in einer Reisegruppe herumtreibt und nach seinem nächsten Opfer Ausschau hält.«
Lisa nahm die vollen Kaffeetassen, um sie ins Wohnzimmer zu tragen. Plötzlich drang ein lautes, durchdringendes Gekreische durch das offene Fenster ins Zimmer. Vor Schreck fuhr Lisa so heftig zusammen, dass der heiße Kaffee überschwappte und über ihre Hände lief. Als sie vor Schmerzen aufschrie, rannte Hannah zu ihr.
»Hast du dich verbrüht? Ist es schlimm?«
Schreckensbleich schüttelte Lisa den Kopf und sah dabei zum Fenster. »Was sind denn das für grässliche Viecher?«
»Die Krähen?« Hannah nahm ihrer Freundin die Tassen ab und brachte sie zum Tisch. Dann holte sie ein nasses Tuch aus der Küche und drückte es Lisa in die Hände. Die drei Vögel, die aufgeregt auf der Balkonbrüstung herumhüpften, versuchte sie zu ignorieren. »Am besten beachtest du sie gar nicht. Umso schneller verschwinden sie wieder.«
Lisa wischte sich die Kaffeespuren von den Händen und ließ die Vögel nicht aus den Augen. »Besuchen sie dich hier etwa regelmäßig?«
»Ja, leider.« Als Hannah zu ihnen ging, um das Fenster zu schließen, flatterten sie kurz auf und ließen sich dann sofort wieder auf den alten Plätzen nieder. Sie plusterten sich auf, reckten ihre gefiederten Hälse und verfolgten aus pechschwarzen, runden Augen aufmerksam jede Bewegung in der Wohnung. Zwischendurch steckten sie ihre Köpfe zusammen, als würden sie sich über das, was sie gesehen hatten, austauschen.
Hannah sah ihnen eine Weile nachdenklich zu. War dieses Verhalten eigentlich normal?
»Ich weiß nicht, warum sie ständig vor meinem Fenster hocken. Wahrscheinlich wurden sie vom Vormieter gefüttert, und nun kommen sie immer wieder vorbei, um nach Futter zu betteln.«
»Du gibst ihnen doch hoffentlich nichts.«
»Natürlich nicht. Dann könnte ich die Hoffnung, dass sie wieder verschwinden, gleich begraben. Ich beachte sie gar nicht. Irgendwann werden sie schon kapieren, dass es bei mir nichts zu holen gibt und sie sich eine neue Futterstelle suchen müssen.«
»Ich finde sie ganz schön unheimlich«, sagte Lisa und folgte ihrer Freundin zur Couch. »Man könnte meinen, sie reden über uns.«
Hannah behielt für sich, dass sie den gleichen Gedanken gehabt hatte, sonst würde sich Lisa in irgendwelche abstrusen Theorien über dämonische Krähen verlieren und ihr am Ende noch raten auszuziehen und sich eine neue Bleibe zu suchen.
»Sie reden nicht über uns«, erwiderte sie mit einem leisen Lachen, das ein bisschen gekünstelt klang. »Es sind nur drei lästige Krähen, die auf ein paar Leckerbissen hoffen. Sie sind völlig harmlos.«
»Oder auch nicht.« Lisa sprang wieder auf und lief zum Fenster. Mit Schwung zog sie den Vorhang zu und versperrte so den Tieren den Blick in die Wohnung.
Sofort erklang ein wildes, empört klingendes Geschrei. Kurz darauf hörten sie das hektische Schlagen von Flügeln und ein unheilvoll klingendes Kratzgeräusch, als würden spitze Krallen an der Glasscheibe entlangfahren.
Lisa wich ängstlich zurück. »Was ist da los? Drehen die jetzt völlig durch?«
»Das hört sich fast so an.« Auch Hannah beunruhigte das Verhalten der Krähen zunehmend. Sie stellte sich neben Lisa und starrte den Vorhang an, als könnte sie so herausbekommen, was da draußen vor sich ging. »Sie können es vielleicht nicht leiden, ausgesperrt zu werden«, witzelte sie, weil ihr das half, mit dieser befremdlichen Situation umzugehen.
»Das ist eine ernste Angelegenheit! Diese widerlichen Aasfresser legen ein völlig untypisches Verhalten an den Tag.« Lisa stockte kurz, als nun ein lautes Schnabelpicken an den Fensterscheiben zu hören war. Sie schüttelte heftig den Kopf. »Nein, Hannah! Das ist weder komisch noch harmlos oder normal. Das ist total gruselig.«
»Es sind nur Vögel. Mehr nicht.«
»Das sind unheimliche Horrorvögel. Allein mit den Billionen Keimen, die sie mit sich herumtragen, können sie ganze Landstriche entvölkern. Was du dringend brauchst, ist ein guter Kammerjäger, der sich um dieses Problem kümmert.«
Das Gekreische vor dem Fenster schwoll an und klang nach einem lautstarken Protest.
»Man könnte glauben, diese Biester haben genau verstanden, wovon ich gerade geredet habe«, flüsterte Lisa.
Hannah war klug genug, nicht darauf einzugehen und ihre eigenen Gedanken für sich zu behalten. Sie waren Lisas zu ähnlich und würden die Ängste ihrer Freundin nur verstärken. Zum Glück verstummten die Vögel von einer Sekunde auf die andere und die Anspannung im Zimmer nahm spürbar ab.
»Das war aber plötzlich.« Lisa schlich zum Fenster und spähte vorsichtig durch einen Spalt zwischen den Vorhängen nach draußen. »Sie sind weg. Verschwunden. Einfach so.«
»Ja, weil du ihnen mit deinem Gerede vom Kammerjäger Angst gemacht hast.« Hannah lachte erleichtert auf. Sie war froh, dass dieser seltsame Vorfall vorbei war und die Krähen weitergezogen waren. Ginge es nach ihr, würden sie niemals zurückkommen.
Sie setzte sich wieder aufs Sofa und klopfte auf den freien Platz neben sich. »Komm und vergiss die blöden Krähen. Dein Kaffee wird kalt.«
»Hannah, das war mein Ernst vorhin. Du musst etwas gegen diese Plage tun.«
»Warum? Weil sie so neugierig sind und auf ein paar Leckerbissen hoffen? Es sind nur ein paar aufdringliche, an Menschen gewöhnte Krähen. Hör auf, dir ihretwegen Sorgen zu machen. Oder meinetwegen. Mir wird nichts passieren, nur weil sich ein paar Krähen auf meinem Balkon eingenistet haben.«
»Ich mache mir aber Sorgen. Dafür haben schon deine spontanen Urlaubspläne gesorgt. Bitte bleib hier! Fahr nicht!« Sie schüttelte fassungslos den Kopf. »Ausgerechnet mit Avas Großtante. Wenn die nur halb so verrückt ist wie ihre Großnichte …«
»Schluss jetzt! Es reicht! Dieses Thema ist nun endgültig vom Tisch!«, bestimmte Hannah energisch. Es kam selten vor, dass sie ihrer Freundin gegenüber diesen Ton anschlug, aber wenn sie es tat, zeigte er jedes Mal Wirkung.
Lisa schwieg ein paar Sekunden. Als sie schließlich wieder den Mund aufmachte, hörte sie sich reumütig an. »Was hältst du von einer Versöhnungspizza?«
»Einverstanden. Du die Pizza, ich den Wein.«
In den nächsten Stunden gelang es ihnen tatsächlich, nicht mehr über Ava oder die bevorstehende Reise zu sprechen. Manchmal machte Lisa den Eindruck, als wollte sie wieder darauf zurückkommen, aber sie tat es nicht.
Erst später, als sie sich voneinander verabschiedeten, nahm Lisa ihre Freundin in die Arme und raunte ihr leise zu: »Wehe, du passt nicht auf dich auf.«
»Keine Sorge, das mache ich. Ich will mir ja keinen Ärger mit dir einhandeln«, gab Hannah genauso leise zurück.
Lisa stieg in ihr Taxi und Hannah sah dem Wagen hinterher, bis er um die nächste Ecke verschwunden war. Dann ging sie wieder nach oben. Draußen hatte es sich schon kräftig abgekühlt. Trotzdem öffnete sie das Fenster weit, um die Wohnung durchzulüften. Sie nahm die leeren Weingläser und brachte sie zur Küche, als sie hinter sich ein lautes Flügelschlagen und heiseres Gekrächze hörte. Die Krähen waren zurückgekehrt. Sie saßen auf der Fensterbank und beäugten sie neugierig.
Hannah sah es wie Lisa: Diese Vögel hatten tatsächlich etwas Unheilvolles an sich. Es waren zwar nur harmlose Krähen, aber ihr Anblick löste in Hannah großes Unbehagen aus, für das es keinen rationalen Grund gab.
Plötzlich stieg Hannah der Geruch von Avas schwarzen Kerzen in die Nase. Im selben Moment flogen die Vögel auf. Sie kamen zu ihr ins Wohnzimmer, flatterten umher, kreischten laut und kamen Hannah bedrohlich nahe.
Hannah brauchte nur eine Sekunde, um sich von ihrem Schrecken zu erholen. Dann schnappte sie sich das Geschirrhandtuch und schlug damit nach den aufdringlichen Krähen.
»Raus hier! Verschwindet! Sofort!«
Es gelang ihr schnell, die Vögel zum Fenster hinaus zu scheuchen. Hastig schloss sie es hinter ihnen. Als sich die Tiere sofort auf ihrer Balkonbrüstung niederließen und keine Anstalten machten fortzufliegen, zog sie die Vorhänge zu.
»Vielleicht ist die Idee mit dem Kammerjäger doch nicht so schlecht«, sagte sie und zuckte zusammen, weil sich das Geschrei vor ihrem Fenster um ein Vielfaches verstärkte. Das konnte nur ein Zufall sein, sagte sie sich. Es war nicht möglich, dass die Vögel sie verstanden hatten.
Hannah blieb reglos stehen, bis der Lärm nach kurzer Zeit verstummte. Nur der Geruch nach schwarzen Kerzen hielt sich noch eine ganze Weile.
2
Hannah war lange vor der verabredeten Zeit am Flughafen angekommen. Sie besorgte sich einen Kaffee und setzte sich auf die Bank, an der sie sich mit Thea Dornberg treffen wollte. Sie war nervös und ärgerte sich, dass sie nicht auf ein vorheriges Kennenlernen bestanden hatte. Die wenigen Informationen, die sie über ihre künftige Reisegefährtin besaß, beschränkten sich aufs Alter, den guten Gesundheitszustand und ihre Vorliebe fürs Reisen.
Hannahs Nervosität nahm zu, je länger sie auf ihrer Bank saß. Zu der Angst, dass sich Avas Großtante vielleicht doch als unausstehlich entpuppen könnte, gesellte sich nun auch die Sorge, selbst nicht den Ansprüchen zu genügen. Schließlich war sie weder besonders eloquent noch witzig oder interessant. Sie war … langweilig. Dazu kam die Furcht, nicht passend gekleidet zu sein. Länger als üblich hatte sie heute vor ihrem Kleiderschrank gestanden und sich dann endlich für eine dunkle Jeans und ein hellblaues, langärmliges Shirt entschieden, in der Hoffnung, damit nicht zu salopp gekleidet zu sein. Ganz sicher würde sie es erst wissen, wenn sie Thea Dornberg kennengelernt hatte – und dann wäre es ohnehin zu spät, um etwas zu ändern.
Ihr fiel Avas ausgefallener Kleidungsstil ein, der hauptsächlich aus zerrissenen Netzstrumpfhosen und schwarzen Samtkleidern bestand. Wenn die ältere Dame Avas Outfit tolerierte, dürfte sie mit Hannahs ganz sicher keine Probleme haben. Es sei denn, Thea Dornberg teilte den Geschmack ihrer Großnichte und war ebenfalls ein Fan der Gothic-Szene.
Hannah stand auf, um ihren leeren Kaffeebecher wegzubringen. Es waren nur wenige Meter bis zum Mülleimer, deshalb hatte sie ihren Rollkoffer stehengelassen. Als sie nun kehrtmachte und zur Bank zurückkehren wollte, sah sie eine hochgewachsene, sehr schlanke Frau, die sich gerade das Namensschild an Hannahs Koffer durchlas und sich dann hinsetzte.
Das also war Thea Dornberg, Avas Tante.
Sie war eine auffällige Erscheinung mit einem schmalen, hageren Gesicht, das von unzähligen kleinen Falten durchsetzt war. Die schlohweißen Haare hatte sie im Nacken zu einem straffen Knoten zusammengesteckt. Sie trug einen hellgrauen Hosenanzug und einen Mantel, den sie jetzt abstreifte und neben sich auf die Bank legte. Lächelnd sah sie Hannah entgegen.
»Sie müssen Hannah Blohm sein.« Theas Stimme klang warmherzig und voll. Für einen winzigen Moment wunderte sich Hannah, warum sie das erstaunte und wieso sie ein heiseres Krächzen erwartet hätte. »Ava hat mir so viel von Ihnen erzählt. Mir ist, als würde ich Sie schon ewig kennen. Ich freue mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen.«
»Ich freue mich auch, Frau Dornberg«, erwiderte Hannah höflich.
»Thea! Bitte sagen Sie Thea zu mir.« Sie zwinkerte Hannah zu, ohne ihr Lächeln zu verlieren. »In den nächsten vierzehn Tagen werden wir viel Zeit miteinander verbringen und fast ständig zusammen sein. Ich denke, dass wir deshalb gut auf große Förmlichkeiten verzichten können. Einverstanden?«
»Ja, natürlich … sehr gern, Frau … äh … Thea.«
Thea klatschte zufrieden in die Hände. »Sehr schön, dann hätten wir das also geklärt. Kommen Sie. Setzen Sie sich zu mir. Bis unser Flug aufgerufen wird, können wir noch ein wenig plaudern und uns ein bisschen beschnuppern.«
Thea Dornberg war liebenswürdig, nett und aufmerksam. Sie war ganz anders als ihre Großnichte und viel sympathischer als Lisa prophezeit hatte.
»Wo ist denn Ihr Gepäck?« Hannah sah sich suchend um.
»Das habe ich schon gestern beim Vorabend Check-in aufgegeben. Der Urlaub beginnt viel entspannter, wenn man sich bei der Abreise nicht mehr darum zu kümmern braucht.«
»Ja, das stimmt. Ich wünschte, ich hätte auch daran gedacht.«
Thea winkte ab. »Machen Sie es einfach beim nächsten Mal. Ich verreise sehr viel, da entwickeln sich gewisse Routinen, die einem das Reisen erleichtern.«
Hannah nickte und dachte an Avas Behauptung, dass sich ihre Tante unsicher fühlte, wenn sie allein unterwegs war. Thea war alles andere als unsicher. Sie war selbstbewusst, klug und ganz gewiss nicht auf Hilfe angewiesen. Es ging also wirklich nur um etwas Gesellschaft und Hannah war das sehr recht. Dieser Urlaub versprach wunderschön zu werden, ohne große Aufregungen, Anstrengungen oder Stress.
»Wie alt sind Sie eigentlich? Achtundzwanzig? So wie meine Großnichte?« Als Hannah nickte, schwärmte Thea: »Was für ein wundervolles Alter! Das ganze Leben liegt vor einem und Zeit spielt noch keine große Rolle. Es scheint alles möglich und machbar zu sein, egal, wovon man träumt. Ach, ich würde alles dafür tun, um noch einmal so jung zu sein wie Sie, ohne diese Angst vor Krankheit, Leiden oder Tod.«
»Aber hat denn nicht jedes Alter seine Reize?«, fragte Hannah und ärgerte sich im selben Augenblick für diese abgedroschene Phrase. Was wusste sie denn schon? Ihr fehlte es an Erfahrung und Lebensjahren, um so etwas sagen zu dürfen.
»Natürlich«, stimmte ihr Thea trotzdem mit einem milden Lächeln zu. »Sie haben ja so recht, meine Liebe. Es gibt keinen Grund zu jammern. Schon gar nicht für mich. Das Leben hat es wirklich gut mit mir gemeint und ich hatte viele herrliche Jahre. Ich finde es nur schade, dass die jungen Leute die Jugend nicht zu schätzen wissen. Oft vergeuden sie sie sinnlos und merken erst, was sie verloren haben, wenn es bereits zu spät ist.« Sie lächelte immer noch, als sie urplötzlich das Thema wechselte. »Ava hat mir erzählt, dass die Beziehung mit Ihrem Freund erst kürzlich zerbrochen ist. Sicher war diese Trennung nicht leicht für Sie gewesen. Ich hoffe, Sie halten mich nicht für indiskret, wenn ich Sie frage, wie es Ihnen damit geht.«
»Äh … gut, mir geht es gut«, erwiderte Hannah auf diese sehr persönliche Frage einer Frau, die ihr noch völlig fremd war. Sie hatte nicht vor, mehr dazu zu sagen, doch als Thea sie weiterhin neugierig ansah, fügte sie fast widerwillig hinzu: »Die Trennung hat mir nicht besonders wehgetan und ich sehe sie inzwischen sehr entspannt. Manchmal passt man eben nicht zusammen.«
»Aber waren Sie denn gar nicht verletzt und am Boden zerstört? Immerhin hat er sie betrogen und gegen eine andere Frau ausgetauscht. Das kann niemand so leicht wegstecken.«
»Woher wissen Sie von der anderen Frau?«, fragte Hannah verdattert.
»Von Ava natürlich. Von wem denn sonst?«
»Ich habe es Ava gegenüber nie erwähnt. Sie kann von dem Trennungsgrund gar nichts wissen. Niemand weiß davon.« Außer Lisa und Björn, doch die beiden würden nicht darüber reden. Blieb eigentlich nur noch Markus übrig.
»Ava hat jedenfalls davon gewusst. Woher auch immer. Vielleicht kannte sie jemanden, der jemanden kannte, der von Ihnen und der Trennung gehört hatte. Sie wissen doch, wie das läuft. Solche Dinge verbreiten sich sehr schnell und am Ende weiß niemand mehr, woher er es gewusst hatte.«
»Mir wäre es lieber, es würde nicht so laufen«, sagte Hannah leise. Der Gedanke, dass hinter ihrem Rücken über sie und Markus gesprochen wurde, gefiel ihr nicht.
»Die Leute sollen ruhig wissen, was er Ihnen angetan hat. Es ist doch eh immer das Gleiche mit den Männern. Erst versprechen sie uns die große, ewige Liebe und dann vergessen sie ihre großblumigen Worte und jagen dem nächsten Rock hinterher.«
»Das hört sich so an, als hätten Sie auch schon diese Erfahrung gemacht«, sagte Hannah voller Mitgefühl.
Thea lachte kurz auf. »Ich? Nein, ganz gewiss nicht! Ich habe immer gut auf mein Herz aufgepasst und mich nie an einen Mann gebunden. Mein Leben dient einem höheren Zweck, niemals einem Mann.«
»Einem höheren Zweck?«
Thea winkte ab. »Reden wir nicht von mir. Sie sind es, die jetzt ein wenig Zuwendung und Beistand braucht.«
»Nein, da irren Sie sich.« Hannah zwang sich zu einem unbeschwert wirkenden Lächeln. »Ich leide nicht unter Liebeskummer und habe ganz gewiss nicht vor, auf unserer wundervollen Reise auch nur einen Gedanken an Markus zu verschwenden.«
Als Thea sie nun mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck musterte, fühlte sich Hannah äußerst unbehaglich in ihrer Haut.
»Schwer zu glauben, dass Sie über diesen Mann hinweg sind«, sagte Thea. Dann legte sie eine Hand auf Hannahs Unterarm.
Die Berührung war unangenehm. So unangenehm, dass Hannah ihren Arm wegziehen wollte. Doch Thea verstärkte sofort ihren Griff und eine Eiseskälte drang durch Hannahs Haut. Sie spürte, wie ihr Blut die Kälte aufnahm und im ganzen Körper verteilte, bis er eins mit ihr wurde.
Panisch schnappte Hannah nach Luft. Sie wollte die Hand abschütteln und sich von ihr befreien, aber dann hörte sie Theas wundervolle, melodische Stimme und vergaß alles.
»Kämpfe nicht gegen deinen Kummer an. Du darfst verzweifelt sein, denn dieser Mann hat dir Schreckliches angetan. Du hast ihn geliebt und hast ihm bedingungslos vertraut, während er dich nur hinterging und ausnutzte. Jetzt bist du ganz allein und einsam. Du hast niemanden mehr, der dich liebt und dem du etwas bedeutest. Deshalb ist es auch normal, traurig, unglücklich und verzweifelt zu sein. Lass diese Gefühle zu. Wehre dich nicht dagegen.«
Es stimmte. Thea hatte recht. Sie hatte Markus blind vertraut und an seine Liebe geglaubt. Sie war eine, gutgläubige Närrin gewesen und er ein Heuchler und Betrüger. Nie hatte sie das Gefühl von Verzweiflung und Trauer so intensiv gespürt wie in diesem Moment. Für sie gab es keine Freude mehr und keine Hoffnung auf ein neues Glück. Doch welchen Sinn machte das Leben dann noch, wenn es keine Freude, keine Hoffnung mehr gab?
Hannah schreckte hoch, als ihr Flug aufgerufen wurde. Verwirrt sah sie zu Thea, die neben ihr auf der Bank saß und in einer Illustrierten blätterte.
»Da sind Sie ja wieder, meine Liebe.« Thea legte lächelnd die Zeitschrift beiseite. »Haben Sie gut geschlafen?«
»Geschlafen?« Hannah blinzelte nervös. »Ich habe nicht geschlafen. Ich war wach, die ganze Zeit, und Sie haben mit mir gesprochen.«
»Ja, anfangs.« Theas Lächeln verstärkte sich. »Solange, bis Sie einfach eingenickt sind. Eben noch plaudern wir ein bisschen über Irland und in der nächsten Sekunde machen Sie die Augen zu und schlummern ein.« Thea lachte amüsiert auf. »O je, das wirft kein gutes Licht auf mich. Mein Gerede muss ja sehr eintönig sein, wenn Sie dabei einschlafen.«
»Nein! Das kann nicht sein! Ich verstehe nicht, warum ich … warum ich eingeschlafen bin«, stammelte Hannah. »Es tut mir so leid. Bitte entschuldigen Sie, das war schrecklich unhöflich gewesen und ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte.« Beschämt und völlig durcheinander stoppte sie. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass sie geschlafen hatte. Das Gespräch mit Thea hatte sich so echt angefühlt. Nicht wie ein Traum. Noch immer war sie aufgewühlt und noch immer spürte sie diese große Trauer um ihre zerbrochene Liebe. Eine Trauer, die ihr in dieser Stärke völlig fremd war.
»Schon gut, meine Liebe«, beruhigte Thea sie. »Ihr kurzes Schläfchen muss Ihnen nicht unangenehm sein. Mir passiert es ständig, dass ich einnicke. Besonders wenn ich in einem Terminal aufs Boarding warte.«
Hannah nickte abwesend und strich unauffällig über ihren rechten Unterarm. In ihrem … Traum hatte Thea ihn gepackt und Eisschauer in ihr Blut gejagt. Ihre Haut fühlte sich tatsächlich ein wenig kalt und taub an, und ihr war klar, dass sie sich das nur einbildete. Doch diese Gefühle, die sie empfunden hatte, diese Verzweiflung und Traurigkeit waren keine Einbildung gewesen. Sie waren echt, denn sie fühlte sie noch immer.
»Geht es Ihnen gut, meine Liebe?«, wollte Thea wissen.
»Ja … ja, natürlich.« Um ihre Worte zu bekräftigen, lächelte sie. »Ich bin ein wenig aufgeregt, mehr nicht. Ich weiß noch gar nicht, was uns auf unserer Reise erwarten wird. Ava hatte sich mit Infos leider etwas bedeckt gehalten. Sie meinte nur, dass wir eine Bus-Rundreise machen werden.«
»Ganz genau!« Eifrig holte Thea eine Mappe aus ihrer übergroßen Handtasche. Sie schlug sie auf und suchte eine Broschüre des Reiseveranstalters heraus, die sie auf ihrem Schoß ausbreitete.
»Für morgen Vormittag steht eine Stadtrundfahrt durch Dublin auf dem Plan, danach geht es weiter Richtung Norden.« Thea fuhr mit einem Zeigefinger die Route auf der kleinen Landkarte entlang. »Wir machen einen kurzen Abstecher nach Nordirland, um uns die Tropfsteinhöhlen, die Marble Arch Caves, anzuschauen. Danach werden wir an der Westküste der Republik entlangfahren und ganz am Ende unserer Reise wieder in Dublin ankommen. Wir sind in einem großen modernen Bus unterwegs, in dem wir sehr viel Platz haben werden. Unsere Reisegruppe ist nämlich recht klein und besteht zum Glück nur aus zwanzig Teilnehmern.«
»Das klingt toll.« Hannah hatte die Vorstellung, mit vierzig Leuten zusammengepfercht in einem Bus zu sitzen, ein wenig Unbehagen bereitet. Allerdings hätte sie auch das in Kauf genommen und sich ganz sicher nicht beklagt. Immerhin kostete sie diese Reise keinen einzigen Cent. Es gab also keinen Grund, sich zu beschweren.
Thea erzählte ihr alle Einzelheiten zur bevorstehenden Route und Hannahs Aufregung nahm zu. Diese Reise quer durch Irland war vollgepackt mit Sehenswürdigkeiten und touristischen Höhepunkten und versprach wundervoll zu werden. Ein unvergessliches Erlebnis, ein kleines Abenteuer, das ihren eintönigen Single-Alltag schöner machen und für immer in Erinnerung bleiben würde.
Während sie Thea zuhörte, überlegte Hannah, warum sie trotz der Vorfreude auf die Reise so bedrückt war. Irgendetwas war vorhin vorgefallen, doch sie konnte sich nicht mehr richtig daran erinnern. Es war wie ein Traum, der nach und nach verblasste und sich nicht mehr greifen ließ. Ein Traum, der eine Bedeutung hatte und dem sie ihre Traurigkeit verdankte.
»Wie sieht’s aus?«, fragte Thea fröhlich. »Bereit für unser großes Abenteuer?«
»Na klar!«, gab Hannah lachend zurück und verlor nun auch die letzte Erinnerung an ihren seltsamen Traum. »Für ein Abenteuer bin ich immer zu haben.«
»Prima!« Thea sprang mit einem strahlenden Lächeln auf. »Dann kann unsere Reise ja beginnen! Kommen Sie, schnappen Sie sich Ihren Koffer! Der Check-in wartet!«
3
Ihr Flugzeug landete am frühen Nachmittag in Dublin und das Wetter war so, wie Lisa es prophezeit hatte: nass und ungemütlich kalt.
»Es regnet jedes Mal, wenn ich in Irland ankomme«, sagte Thea und sah durch die Fenster des Shuttle-Busses hoch zum wolkenverhangenen Himmel. »Aber keine Sorge, das wird nicht lange anhalten. In den nächsten Tagen werden wir die Sonne noch oft zu sehen bekommen.«
»Ich hoffe, dass Sie richtigliegen und einen guten Draht zum Wettergott haben«, scherzte Hannah.
»Kein Gott, meine Liebe. Eine Göttin. Schließlich sind wir in Irland.«
Hannah wunderte sich über diese kryptische Bemerkung, doch bevor sie nachhaken konnte, hielt der Bus vor ihrem Hotel. Sie checkten ein und fuhren zu ihren Zimmern hoch, die sich auf derselben Etage befanden, aber an entgegengesetzten Enden des Flurs.
»Schade, dass unsere Zimmer so weit auseinanderliegen«, sagte Thea enttäuscht, als sie beim Aussteigen aus dem Fahrstuhl feststellte, dass sich ihre Wege jetzt trennten.
»Wenn wir uns nachher mit der Reiseleitung zum Abendessen treffen, könnte ich darum bitten, dass unsere Zimmer in den nächsten Hotels dichter beieinander liegen.«
Thea schüttelte den Kopf. »Nein, nein, das ist nicht nötig. Ich weiß auch nicht, warum ich mich so anstelle. Das liegt vielleicht am Alter. Da weiß man ja nie, was als Nächstes passiert.«
»Was könnte denn passieren?«, fragte Hannah besorgt nach. »Haben Sie Probleme? Geht es Ihnen nicht gut?«
»Doch, doch, mir geht es blendend«, erwiderte Thea, aber sie hörte sich nicht so an. Sie seufzte leise und sah in die Richtung, in der ihr Zimmer lag. »Nun, dann werde ich mal …«
»Ich bringe Sie noch auf Ihr Zimmer.« Hannah schob ihren Rollkoffer an die Wand, sodass er niemandem im Wege war. Dann griff sie nach Theas Gepäck.
»Das ist sehr lieb von Ihnen.« Theas Lächeln kehrte zurück, während sie neben Hannah den breiten Hotelflur entlangging. »Als Ava mir Ihre Begleitung vorschlug, hat sie mir versichert, dass Sie die beste Wahl seien. Ich bin schon jetzt fest davon überzeugt, dass sie nicht übertrieben hat.«
»Abwarten«, lachte Hannah verlegen. »Noch kann niemand sagen, ob ich diese Vorschusslorbeeren wirklich verdiene.«
»O doch, da vertraue ich ganz auf mein Bauchgefühl und auf die Meinung meiner Nichte.« Thea blieb vor ihrer Zimmertür stehen und öffnete sie mit ihrer Schlüsselkarte.
Thea ließ ihr den Vortritt und Hannah sah sich neugierig um. Die Einrichtung war modern, praktisch und in einem sehr guten Zustand. An der rechten Wand standen zwei breite Einzelbetten, an der linken der Schreibtisch und der Kleiderschrank. Hannah hievte den schweren Koffer auf den Kofferbock neben dem Schrank.
»Das Zimmer ist sehr schön«, sagte sie anerkennend.
»Ja, ich bin auch zufrieden damit.« Thea setzte sich aufs Bett und Hannah fiel auf, wie müde und erschöpft sie aussah.
»Kann ich noch etwas für Sie tun?« Sie deutete mit einem Kopfnicken zum Schreibtisch, auf dem ein Tablett mit einem kleinen Wasserkocher, Tassen, Tee und Instantkaffee stand. »Ich könnte Ihnen einen Tee machen. Oder einen Kaffee, falls Sie etwas Anregendes brauchen.«
»Das ist sehr lieb von Ihnen, aber im Moment möchte ich mich nur ein wenig hinlegen und ausruhen. Die Reise war doch recht anstrengend gewesen. Vielleicht bin ich einfach zu alt, um in der Welt umherzufahren.«
»Aber nein! Das glaube ich nicht!«, widersprach Hannah schnell, um Thea ein bisschen aufzumuntern. »Es ist doch völlig normal, dass man nach einem Flug erschöpft ist.«
»Er hat nur eine Stunde gedauert«, wandte Thea mit einem dünnen Lächeln ein.
»Ja, aber wir waren mehr als zwei Stunden vorher am Flughafen. Ich fand das Herumsitzen dort ziemlich anstrengend.« Hannah lächelte schief. »Ich bin sogar eingenickt, schon vergessen?«
Thea lachte. »Ja, das stimmt allerdings. Sie haben recht, meine Liebe. Es war wirklich anstrengend und auch ein bisschen aufregend. Vor Reisefieber habe ich heute Nacht kaum ein Auge zubekommen. Deshalb werde ich mich jetzt ein Stündchen hinlegen, bevor wir uns nachher zum Abendessen treffen.«
»Das ist eine gute Idee. Ich werde Sie jetzt allein lassen, damit Sie sich ein wenig ausruhen können. Sie haben ja meine Telefonnummer. Wenn irgendetwas sein sollte, können Sie mich jederzeit auf meinem Handy erreichen.«
»Es wird schon nichts sein«, sagte Thea lächelnd. »Aber es wäre sehr lieb, wenn Sie mich nachher abholen würden. Dann können wir gemeinsam hinuntergehen.«
***
Hannah ging, aber sie hatte das Gefühl, ihrer Aufgabe als Theas Reisebegleitung nicht gerecht zu werden. Hätte sie mehr für Thea tun müssen? Sie wünschte, sie hätte vor der Reise ausführlicher mit Ava geredet. Ihr wäre es lieb gewesen, wenn Ava ihr verraten hätte, was man genau von ihr erwartete. Brauchte Avas Großtante vielleicht mehr Fürsorge und Unterstützung, als sie zugeben wollte? War es wirklich richtig gewesen, sie jetzt sich selbst zu überlassen?
Hannah vergaß Thea, als sie die drei Männer sah, die auf dem Hotelflur vor dem Fahrstuhl warteten. Sie trugen identisch aussehende schwarze Anzüge, weiße Oberhemden und dunkle Krawatten. Entweder arbeiteten sie für eine Firma mit recht konservativen Kleidervorschriften oder sie waren auf dem Weg zu einer Beerdigung. Viel mehr als die Anzüge bekam sie von ihnen nicht zu sehen. Sie hatten ihr die Rücken zugewandt und drehten sich auch nicht zu ihr um, als sie näher kam, um ihren Koffer zu nehmen. Auf Hannahs leisen Gruß in ihre Richtung reagierten sie nicht. Hannah störte sich nicht daran. Sie griff sich ihren Koffer und ging den Gang hinunter zu ihrem Zimmer.
Es war ähnlich eingerichtet wie Theas. Auch auf ihrem Schreibtisch stand das obligatorische Tablett für eine schnelle Tee- oder Kaffeezubereitung. Thea hatte ihr während des Flugs erzählt, dass das sehr typisch für Irland sei und selbst in kleineren Hotels zur Ausstattung gehörte. In einigen Häusern der gehobenen Preisklasse gab es sogar Espressomaschinen auf den Zimmern.
Hannah reichte der Wasserkocher.
Sie füllte ihn und schaltete ihn ein. Während das Wasser heiß wurde, brachte sie ihre Kosmetiktasche ins Bad. Als sie auf dem Rückweg an der Zimmertür vorbeikam, blieb sie aus Neugier stehen und sah durch den Türspion hinaus auf den Flur. Die Männer standen noch immer vor dem Fahrstuhl. Doch jetzt hatten sie ihr nicht mehr den Rücken zugekehrt, sondern starrten direkt auf ihre Tür. Hastig wich sie einen Schritt zurück, so, als wäre sie beim Herumschnüffeln ertappt worden.
Im selben Moment wurde ihr klar, wie unsinnig das war. Sie stand in ihrem Zimmer, hinter einer blickdichten Tür. Niemand konnte sie sehen. Trotzdem spürte sie eine leichte Anspannung, als sie wieder an den Spion trat, um erneut auf den Flur hinauszusehen.
Nichts hatte sich geändert. Die Männer hatten sich keinen Zentimeter von der Stelle gerührt und sahen weiterhin in ihre Richtung. Sie redeten, schüttelten die Köpfe und schienen sich uneinig zu sein, vielleicht sogar zu streiten. Dass sie dabei Hannahs Zimmertür nicht aus den Augen ließen, beunruhigte sie zunehmend. Ging es hier etwa um sie? Bevor sie auch das als Unsinn abtun konnte, wies einer der Männer auf ihre Tür und sprach heftig auf die anderen ein. Es sah so aus, als wollte er sie von etwas überzeugen. Von etwas, das anscheinend mit ihr zusammenhing.
Hannah besah sich den Mann nun etwas genauer. Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig und somit mindestens fünfzehn Jahre jünger als die beiden Männer an seiner Seite. Er war groß, wirkte sehr sportlich und durchtrainiert. Sein Gesicht faszinierte sie auf eine ungewöhnliche Weise. Es hatte nichts Weiches, Nachgiebiges, sondern wirkte kantig und eigenwillig, mit hohen Wangenknochen und einem ausgeprägten Kinn. Er war gutaussehend, ohne als Schönling durchzugehen. Seine Haare waren kurz geschnitten, von einem satten Dunkelblond und saßen perfekt. Aus dieser Entfernung und mit dem Blick durch einen winzigen Türspion konnte sie seine Augenfarbe nicht erkennen. Trotzdem glaubte sie zu wissen, dass sie blau waren. So blau wie die weite See oder ein klarer, irischer Himmel.
Es erstaunte sie, dass sie über seine Augenfarbe länger nachdachte als über den Grund seines Interesses an ihr – oder ihrer Zimmertür. Noch immer hatte sie den Eindruck, dass es bei dem kleinen Disput um sie ging. Und noch immer war sie deswegen nicht in dem Maße beunruhigt, wie sie es eigentlich hätte sein müssen.
Der Fahrstuhl kam und die älteren Männer stiegen sofort ein. Der Blonde zögerte kurz, folgte ihnen aber schließlich. Bevor sich die Fahrstuhltüren schließen konnten, schickte er ein leichtes, angedeutetes Lächeln in ihre Richtung. Es war, als wüsste er genau, dass sie ihn beobachtete. Erst in diesem Moment schoss Hannahs Puls in die Höhe und sie realisierte, wie befremdlich die Situation war. Befremdlich und leider auch ein wenig beängstigend.
Das Geräusch des kochenden Wassers erinnerte sie an den Tee, den sie sich aufbrühen wollte. Sie eilte zurück zum Schreibtisch und wählte einen Kräutertee in der Hoffnung, dass er sie etwas beruhigen würde.
Er brachte ihr tatsächlich ein wenig Frieden und nach der anschließenden warmen Dusche, fühlte sie sich so schläfrig, dass sie sich aufs Bett legte und sofort einschlief.
***
Hannah schreckte aus einem tiefen, traumlosen Schlaf hoch. Draußen dämmerte es bereits und sie wollte in zehn Minuten bei Thea sein, um sie abzuholen. Hastig zog sie sich an und versuchte, die Spuren des Schlafs aus ihrem Gesicht zu vertreiben. Mit einem flüchtig aufgetragenen Make-up und ein wenig Farbe auf ihren Lippen gelang ihr das ganz gut. Zufrieden mit dem Ergebnis griff sie nach ihrem kleinen Rucksack und verließ das Zimmer.
Als sie am Fahrstuhl vorbeikam, fielen ihr die drei Männer wieder ein, doch sie verbannte sie schnell aus ihren Gedanken. Diese Männer hatten nichts mit ihr zu tun. Bei ihrer kleinen Diskussion war es nicht um sie gegangen und das Lächeln des Blonden hatte nicht ihr gegolten. Es wurde Zeit, dass sie sich auf ihren Job konzentrierte. Sie war nach Irland gekommen, um einer älteren Dame während einer beschwerlichen Reise zur Seite zu stehen. Dazu gehörte auch, dass sie pünktlich war und sie zur verabredeten Zeit aus ihrem Zimmer abholte.
Sie klopfte bei Thea an. Als sich nichts rührte, versuchte sie es nach einer Weile noch einmal. Etwas lauter als zuvor, aber genauso erfolglos. Thea öffnete nicht. Nachdem sie es erneut probiert hatte, machte sich Hannah ernsthafte Sorgen um sie. Irgendetwas stimmte hier nicht. Entweder schlief Thea so tief und fest, dass sie das Anklopfen nicht hörte, oder ihr war etwas Schreckliches passiert. Hatte sie vorhin nicht ausgesprochen blass und erschöpft ausgesehen?
Hannah holte ihr Handy heraus und wählte Theas Nummer, doch sie nahm nicht ab und Hannahs Unruhe verstärkte sich. Eine Weile stand sie noch unschlüssig vor der verschlossenen Tür, dann fuhr sie mit dem Fahrstuhl hinunter ins Erdgeschoss und lief durch die Lobby bis zur Rezeption.
Nancy, die junge Frau am Empfang, hörte ihr ruhig zu, als sie von ihrer Angst um Thea sprach. Hannah hatte erwartet, dass sie damit für allerhand Aufregung sorgen würde, doch Nancy blieb völlig gelassen. Und als Hannah fertig war, lächelte sie sogar.
»Sie brauchen sich nicht um Ms Dornberg zu sorgen. Sie hat das Hotel vor einer Stunde mit ihren Freundinnen verlassen, um sich Dublin anzusehen. Die drei Damen wollten rechtzeitig zum Abendessen zurücksein.«
»Entschuldigung, aber das kann nicht sein. Ms Dornberg reist mit mir und nicht mit ihren Freundinnen. Sie müssen sie verwechseln.«
»Ich bedauere, aber ich bin mir ganz sicher, dass keine Verwechslung vorliegt.« Nancy lächelte weiterhin und mit viel Geduld. »Die Damen mussten zehn Minuten auf ihr Taxi warten. Wir haben uns in der Zwischenzeit sehr angeregt unterhalten.«
»Unterhalten? Sprechen Sie denn Deutsch?«
»Nein, leider nur wenige Worte. Zum Glück spricht Ms Dornberg ein ausgezeichnetes Englisch.«
Ein ausgezeichnetes Englisch? Hier lag eindeutig eine Verwechslung vor, auch wenn Nancy anderer Meinung war. Ava hatte ihr doch erzählt, dass Theas Sprachkenntnisse eher dürftig waren. Und diese beiden Freundinnen gab es erst recht nicht. Fieberhaft überlegte Hannah, wie sie Nancy überzeugen konnte, eine zweite Schlüsselkarte für Theas Zimmer herauszugeben, als Nancy an ihr vorbei zum Eingang sah.
»Oh, da kommt ja Ms Dornberg.«
Hannah drehte sich um und sah, wie Thea mit zwei Frauen in ihrem Alter aus einem Taxi stieg. Sie wartete, bis sie die Lobby betraten, und ging ihnen dann langsam entgegen.
»Wie schön, dass es Ihnen gutgeht«, sagte sie zu Thea. »Ich hatte mir schon Gedanken gemacht, als ich bei Ihnen anklopfte und Sie nicht aufmachten.« Hannah gab ihr Bestes, damit aus ihren Worten nur die Erleichterung herausklang und nicht der leiseste Vorwurf. Allerdings gelang es ihr kaum zu verbergen, wie aufgewühlt sie noch immer war.
»Es tut mir so leid, meine Liebe.« Thea sah tatsächlich ein wenig zerknirscht aus. »Ich hatte vorgehabt, rechtzeitig zurück zu sein, damit Sie mich gar nicht erst vermissen können, aber ich habe bei der ganzen Wiedersehensfreude die Zeit vergessen.« Thea hakte sich bei ihren beiden Begleiterinnen unter und machte sie mit Hannah bekannt. »Das sind Martha Meinhardt und Edith Krämer, zwei ganz liebe Freundinnen, die ich schon viele Jahre kenne. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie erstaunt ich war, als ich hörte, dass die beiden auch hier sind. Sie haben dieselbe Reise gebucht, um mich zu überraschen.«
»Die Überraschung ist bestimmt gelungen«, sagte Hannah.
Thea nickte. »Das kann man wohl sagen. Wir hatten keine Lust gehabt, bis zum Abendessen in der Lobby herumzusitzen und sind deshalb mit einem Taxi in die Stadt reingefahren.«
»Wir freuen uns so, Sie kennenzulernen!«, rief die kleinere, rundliche Frau aus, die Thea als Martha vorgestellt hatte. Ihre Augen strahlten vor Freude und die akkurat geformten kleinen Löckchen hüpften auf ihrem Kopf auf und ab, als sie ihre eigenen Worte mit einem eifrigen Nicken bekräftigte. »Wir sind ja so froh, dass Thea Sie endlich gefunden hat!«
»Gefunden?«, fragte Hannah verwundert nach.
Thea seufzte leise und sah Martha tadelnd an. »Drück dich bitte beim nächsten Mal etwas genauer aus.« Thea sah nun Hannah lächelnd an. »Unsere gute Martha freut sich, dass Sie und ich zueinandergefunden haben und es mir dadurch möglich war, diese Reise anzutreten. Ansonsten wäre sie für mich ins Wasser gefallen und aus der großen Überraschung wäre nichts geworden.«
Edith, die eine auffallende Ähnlichkeit mit Thea hatte, aber mindestens einen Kopf kleiner war als sie und bisher kein einziges Mal gelächelt hatte, tippte mit einem Zeigefinger auf ihre Uhr. »Wir sollten das Kennenlernen auf später verschieben, wenn wir zu dem Treffen der Reiseleitung pünktlich sein wollen. Ich bin schon sehr gespannt auf die anderen Teilnehmer.«
»O ja! Ich auch!«, rief Martha enthusiastisch aus und ging mit Edith voran.
Hannah und Thea folgten ihnen.
»Kaum zu glauben, dass die beiden Schwestern sind, nicht wahr?«
»Schwestern?« Hannah schüttelte den Kopf. »Das hätte ich nie vermutet. Sie scheinen beide so verschieden zu sein.«
»Der Schein trügt nicht, meine liebe Hannah. Martha ist immer fröhlich und bestens gelaunt. Ihr Glas ist immer halbvoll, während ihre Schwester …« Thea lachte erneut auf. »Na ja, Sie haben sie ja selbst erlebt. An Edith ist eine gestrenge Oberschwester oder ein Hauptfeldwebel verloren gegangen. Sie ist ein paar Jahre älter als ihre Schwester und glaubt immer noch, auf sie achtgeben und ihr den rechten Weg weisen zu müssen.«
»Es sah nicht so aus, als würde sich Martha daran stören.«
»Tut sie auch nicht. Ich denke, sie ist ganz froh, dass sich Edith für alles verantwortlich fühlt. So braucht sie sich um nichts zu kümmern und kann einfach nur in den Tag hineinleben.«
»Nun, wenn beide damit zufrieden sind …«
»Das sind sie, meine Liebe. Das sind sie. Ach, ich bin ja so glücklich, dass wir uns hier getroffen haben.«
»Eigentlich bin ich ja nun völlig überflüssig«, sagte Hannah das, was ihr spontan durch den Kopf ging.
Thea lachte laut auf. »Überflüssig? Sie? Wie kommen Sie denn bloß darauf?«
»Na ja, Sie haben jetzt mit Ihren Freundinnen Gesellschaft gefunden und als Übersetzerin brauchen Sie mich anscheinend auch nicht. Nancy von der Rezeption meinte, dass Ihr Englisch perfekt sei.«
»Perfekt?« Thea winkte lässig ab. »Also perfekt ist mein Englisch ganz sicher nicht. Da hat die nette Nancy maßlos übertrieben. Glauben Sie mir, meine Liebe, Sie sind hier ganz gewiss nicht überflüssig. Sie werden dringend gebraucht und ich bin sehr, sehr froh, Sie in meiner Nähe zu wissen.«
4
Es war fast neun, als Hannah an diesem Abend auf ihr Zimmer zurückkehrte. Das Treffen mit dem Vertreter des Reisebüros hatte nur eine knappe Stunde gedauert. Das anschließende gemeinsame Abendessen, das vor allem dem Kennenlernen dienen sollte, war um einiges länger gewesen.
Sie hatten sich mit dem Rest der Reisegruppe bekanntgemacht und ein wenig mit allen geplaudert. Später hatten sie zu viert zusammengesessen und den Wein getrunken, den Thea bestellt hatte.
Thea und ihre Freundinnen waren ausgesprochen nett zu ihr gewesen. Sie taten ihr Bestes, um sie einzubeziehen. Trotzdem fühlte sich Hannah in ihrem Kreis nicht besonders wohl. Zum Teil lag es daran, dass sie in diese eingeschworene, sehr vertraut wirkende Gemeinschaft nicht so recht hineinpasste. Viel schlimmer war jedoch, dass die drei Damen sehr neugierig waren und keine Zurückhaltung kannten, wenn sie Hannah mit unendlich vielen Fragen überhäuften.
Was machen Ihre Eltern? Verstehen Sie sich gut mit Ihnen? Sehen Sie sich häufig, obwohl sie an unterschiedlichen Enden des Landes leben? Telefonieren Sie dann wenigstens regelmäßig? Haben Sie viele Freunde? Sind es gute Freunde oder eher lockere Bekanntschaften? Hat Ihre Freundin überhaupt genügend Zeit für Sie? Fühlen Sie sich nicht oft sehr einsam und isoliert?
Am heftigsten waren die Fragen zu Markus und ihrer zerbrochenen Beziehung gewesen, bei denen es vor allem darum ging, wie sie damit zurechtkam und ob sie sehr unter der Trennung litt. Viele Fragen, von der jede indiskreter und persönlicher war als die andere. Zumindest empfand es Hannah irgendwann so. Als sie sich schließlich mit Kopfschmerzen entschuldigte und auf ihr Zimmer ging, musste sie noch nicht mal lügen. Ihr Kopf dröhnte von den Fragen, aber vor allem von den Antworten, auf die sie sich stark konzentriert hatte, um nicht zu viel zu offenbaren oder über Dinge zu reden, die die neugierigen Frauen nichts angingen.
Sie duschte, putzte ihre Zähne und lag bereits im Bett, als ihr auf einmal Lisa einfiel. Sie hatte ihr fest versprochen, sich noch am selben Abend bei ihr zu melden. Ein Versprechen, das Hannah ernst nahm, weil sie wusste, dass Lisa es auch tat und verletzt wäre, wenn sie den Anruf vergaß.
Sie griff nach ihrem Handy und sah, dass sie schon drei verpasste Anrufe hatte. Alle von Lisa. Mist! Wieso hatte sie das Klingeln nicht gehört?
Lisa nahm sofort nach dem ersten Klingelton ab.
»Endlich!«, schimpfte sie prompt los. »Ich war schon fast auf dem Weg zum Flughafen, um dich aus den Händen eines Serienmörders zu befreien. Oder aus Avas Händen, was eigentlich keinen Unterschied macht.«
»Entschuldige, es ist ein bisschen später geworden als geplant …«
»Ein bisschen?«, fiel ihr Lisa ins Wort. »Es war abgemacht, dass du dich sofort meldest, wenn du gelandet bist! Jetzt ist es fast elf!«
»Ich habe nicht an die Zeitverschiebung gedacht. Hier ist es noch keine zehn«, gab Hannah kleinlaut zurück. »Tut mir leid, Lisa. Der Tag war anstrengend gewesen und so aufregend, dass ich es völlig verschwitzt habe.«
»Was war denn so aufregend?«, fragte Lisa neugierig und fast schon wieder versöhnt nach.
»Alles war aufregend. Der Flug, das Hotel, Avas Großtante, ihre Freundinnen …«
»Freundinnen?«
