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Sarah besitzt alles, was sie sich von ihrem Leben erhofft hat: einen tollen Mann, Söhnchen Nico, ein hübsches Haus und einen Job, der ihr Spaß macht. Trotzdem ist sie unglücklich. Sie sehnt sich fort und kann sich nichts Schöneres vorstellen, als mit dem Wind davonzufliegen. Irgendwohin, wo sie glücklich ist. Doch als der Wind sie wirklich mitnimmt, bringt er sie nicht an einen anderen Ort, sondern in eine andere Zeit. In eine Zeit, die fast zwei Jahrzehnte in der Zukunft liegt, in der ihr Mann längst eine neue Familie hat und Nico erwachsen ist. Und in der Sarah unglücklicher ist als je zuvor. Daran kann auch der Polizist Tom nichts ändern. Er ist der Einzige, der sie versteht und ihre verrückte Geschichte von der Reise mit dem Wind glaubt. Tom spricht von Magie. Von ihm erfährt sie, dass sie eine Windreisende ist, die sich in der Zeit wie in einem Raum bewegen kann. Eine Fähigkeit, die gefährlich ist und die die Welt ins Chaos stürzen könnte. Eine Fähigkeit, für die Menschen wie sie gejagt werden. In einer fremden Zeit, mit Gefahren, die sie nicht versteht, wünscht sich Sarah nur noch fort – wenn da nicht Tom wäre. Tom liebt Sarah, aber reicht seine Liebe aus, um sie zu halten? Oder wird sie den Wind bitten, sie wieder fortzutragen? Zurück in die Vergangenheit, in der Magie keine Rolle spielt. Zurück zu ihrem Mann und ihrem Kind … "Du möchtest wissen, in welche Zeit ich gehöre? Immer in die, in der ich glücklich bin." Windmagie-Dilogie: Windmagie - Lockruf des Windes Windmagie - Rückkehr des Windes
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Copyright © der Originalausgabe 2022 by Anna Holden
Alle Rechte vorbehalten.
Anna Holden
c/o Block-Services
Stuttgarter Str. 106
70736 Fellbach
E-Mail: [email protected]
Lektorat und Korrektorat: SoWo-Korrekturlesen Sonja Wolfer
Covergestaltung und Layout: Dream Design – Cover and Art
ISBN: 9783754668580
Das Buch
Sarah besitzt alles, was sie sich von ihrem Leben erhofft hat: einen tollen Mann, Söhnchen Nico, ein hübsches Haus und einen Job, der ihr Spaß macht. Trotzdem ist sie unglücklich. Sie sehnt sich fort und kann sich nichts Schöneres vorstellen, als mit dem Wind davonzufliegen. Irgendwohin, wo sie glücklich ist. Doch als der Wind sie wirklich mitnimmt, bringt er sie nicht an einen anderen Ort, sondern in eine andere Zeit. In eine Zeit, die fast zwei Jahrzehnte in der Zukunft liegt, in der ihr Mann längst eine neue Familie hat und Nico erwachsen ist. Und in der Sarah unglücklicher ist als je zuvor. Daran kann auch der Polizist Tom nichts ändern. Er ist der Einzige, der sie versteht und ihre verrückte Geschichte von der Reise mit dem Wind glaubt. Tom spricht von Magie. Von ihm erfährt sie, dass sie eine Windreisende ist, die sich in der Zeit wie in einem Raum bewegen kann. Eine Fähigkeit, die gefährlich ist und die die Welt ins Chaos stürzen könnte. Eine Fähigkeit, für die Menschen wie sie gejagt werden. In einer fremden Zeit, mit Gefahren, die sie nicht versteht, wünscht sich Sarah nur noch fort – wenn da nicht Tom wäre. Er liebt Sarah, aber reicht seine Liebe aus, um sie zu halten? Oder wird sie den Wind bitten, sie wieder fortzutragen? Zurück in die Vergangenheit, in der Magie keine Rolle spielt. Zurück zu ihrem Mann und ihrem Kind…
Windmagie-Dilogie
Windmagie – Lockruf des Windes
Windmagie – Rückkehr des Windes
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Prolog
1
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5
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7
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9
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Epilog
Sarah ist früh wach. Der Wind hat sie geweckt.
Er hat sie wachgeküsst und zum Lachen gebracht.
Sarah legt ihre kleine Hand auf die Wange, dort, wo sie ein Windhauch sanft liebkost hat, und wünscht sich, er würde es wieder tun.
Doch der Wind ist nicht mehr da. Sarah weiß, dass er jetzt bei ihrer Mama ist.
Auf nackten Füßen läuft sie ins Wohnzimmer. Die Tür zum Balkon ist weit geöffnet, und Sarah sieht ihre Mama. Sie steht draußen und hält sich mit beiden Händen am Geländer fest. Sie hat den Kopf leicht nach hinten geneigt; ihre Augen sind geschlossen, und ein seliges Lächeln bringt ihr Gesicht zum Leuchten. Der Wind ist bei ihr. Er spielt mit den langen goldenen Haaren, die in Wellen weit über ihren Rücken fallen. Ihre Mama ist die schönste Frau auf der ganzen Welt. Sie sieht aus wie der glitzernde Glasengel, den Tante Maria jedes Jahr auf die Spitze des Weihnachtsbaums steckt.
Sarah zupft an ihrem Kleid. »Mama …«
»Da bist du ja, mein Engelchen.«
Sarah ist glücklich, als ihre Mama sie hochnimmt. Sie vergisst, dass ihr ein wenig kalt ist oder dass sie Hunger hat und frühstücken möchte. Sie schmiegt sich an und fühlt sich wohl in der Wärme ihrer Mama.
»Spürst du den Wind, mein Engelchen?«
»Ja, ich mag den Wind.«
»Natürlich magst du ihn. Er mag dich doch auch.«
»Er spielt mit mir.«
Das Lachen ihrer Mama klingt hell und klar wie das Läuten der Glocken, die die Menschen zur Christmesse rufen. Sie gibt Sarah einen Kuss auf die Nasenspitze und bringt sie damit zum Kichern.
»Der Wind spielt gern mit kleinen Mädchen«, sagt sie. »Wenn du groß bist, wirst du sein Spiel verstehen. Dann sagst du ihm, wohin er dich tragen soll.«
Sarah verzieht das Gesicht. »Aber ich will nicht weggepustet werden. Ich will immer bei dir bleiben.« Sie schlingt die Ärmchen fester um ihre engelsgleiche Mama. »Wenn ich groß bin, will ich so schön sein wie du. Dann will ich auch ein Engel sein.«
»Das bist du doch schon. Du bist doch schon mein kleines Engelchen.«
»Warum?«
»Weil du Flügel hast und mit dem Wind davonfliegen kannst.«
Sarah runzelt nachdenklich die Stirn. Sie weiß genau, dass sie gestern Abend, als sie von ihrer Mama ins Bett gebracht wurde, noch keine Flügel hatte. Ob sie ihr über Nacht gewachsen sind? Sie verrenkt sich den Hals, um einen Blick auf ihren Rücken zu erwischen. Doch so sehr sie sich auch anstrengt und so sehnsüchtig sie es sich wünscht, sie kann keine Flügel entdecken.
»Da sind gar keine«, mault sie. »Ich sehe keine Engelsflügel.«
Doch ihre Mama hört ihr nicht mehr zu. Sie hat die Augen wieder geschlossen und hält ihr Gesicht in den Wind.
»Spürst du es, mein Engelchen? Heute ist ein guter Wind zum Reisen.«
1
Es war Viertel nach fünf, und die Stille des Morgens, die das Haus umfing, wurde nur von Pauls leisem Schnarchen übertönt. Er lag auf dem Rücken und hatte den Mund halb geöffnet. Sarah betrachtete ihn nachdenklich. Früher hätte sie ihn sachte angestoßen und gebeten, sich auf die Seite zu legen, damit sie weiterschlafen konnte. Sie hätte es auch heute getan, wenn es ihr nicht so sinnlos vorgekommen wäre. Nicht sein Schnarchen hatte sie geweckt, sondern der alte Traum.
Leise stand sie auf. Sie schlich aus dem Zimmer und ging ins Bad. Noch bevor sie die Toilette benutzte, stellte sie sich vor den Spiegel, so, wie sie es immer tat, wenn sie von ihr geträumt hatte. Nachdenklich glitt sie mit ihren Fingern durch das blonde Haar, das ihr bis zur Kinnspitze reichte. Es musste unbedingt geschnitten werden, bevor es so lang wurde wie das ihrer Mutter. Sarah wollte nicht an sie erinnert werden, wenn sie ihr Spiegelbild sah. Sie wollte nicht so aussehen wie sie.
Und sie wollte nicht verschwinden.
Sie ging hinunter in die Küche und startete die Kaffeemaschine, bevor sie die Terrassentür weit öffnete, um die Morgenluft hereinzulassen. Dann deckte sie mit wenigen routinierten Handgriffen den Frühstückstisch und trat anschließend auf die Terrasse hinaus.
Sofort spürte sie den Wind und begrüßte ihn mit einem Lächeln. Er hatte ihr heute den Duft von frischem Tau und das Versprechen auf einen sonnigen Tag mitgebracht.
Sarah setzte sich auf einen Stuhl und schloss die Augen.
Sie liebte diesen Wind. Wenn er bei ihr war, tröstete er sie. Und wenn er wieder ging, nahm er ihre trüben Gedanken mit. Sie kamen zwar zurück – das taten sie immer –, aber für ein paar wundervolle Augenblicke war die Traurigkeit verschwunden. Dann war sie beinahe glücklich und wünschte sich nicht mehr, mit dem Wind davonzufliegen. Dann hatte sie nicht mehr das Gefühl, dass irgendetwas fehlte. Irgendetwas, von dem sie wusste, dass sie es unbedingt brauchte und nach dem sich ihr Herz so sehr sehnte, dass es wehtat.
Gegen halb sieben kam Bewegung ins Haus. Durch das offene Schlafzimmerfenster, das über der Terrasse lag, hörte sie Pauls Wecker und kurz darauf das Zuklappen der Badtür. Paul würde jetzt duschen, sich rasieren und anziehen und im Anschluss Nico wecken, bevor er zu ihr herunterkam.
Als sie ins Haus zurückging, blieb der Wind draußen.
Sarah machte das Frühstücksbrot für Nico fertig, goss die Milch in sein Glas und wartete auf Paul.
Sie sah durch die offene Terrassentür nach draußen und fragte sich, ob es ihr Wind war, der dort vertrocknete Geranienblüten über die Holzdielen trieb. Sie lächelte bei diesem seltsamen Gedanken. Natürlich war er es nicht. Ihr Wind tat so etwas nicht. Er tanzte nicht in den Wipfeln der Bäume und trieb keine Windräder an. Er spielte nicht mit trockenem Laub oder verwelkten Blüten. Ihr Wind war anders – er war besonders.
Sarah hielt es nicht im Haus. Sie trat auf die Terrasse und hinaus betrachtete den jungen Tag. Der Wind hatte nicht zu viel versprochen: Es würde heute wieder sehr heiß und sonnig werden.
Als ihr Blick zu den beiden Blumenkübeln mit den Geranien glitt, meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Sie nahm den Wasserschlauch und drehte den Hahn auf, um die still vor sich hin leidenden Blumen zu wässern.
»Glaubst du wirklich, dass du sie damit noch rettest?« Paul stand in der Terrassentür. Statt der eleganten Anzughose trug er heute eine Jeans zu seinem hellen Oberhemd. Ein sicheres Zeichen dafür, dass er später einen Baustellentermin hatte. »Das hättest du wohl etwas früher machen sollen«, spöttelte er weiter. »Ungefähr zwei oder drei Wochen früher.«
»Vielleicht erholen sie sich ja wieder«, widersprach Sarah, obwohl sie es selbst nicht glaubte. An ihren Geranien gab es kein einziges grünes Blatt mehr, und die mageren roten Blütenstände wirkten seltsam deplatziert.
Die Pflanzen waren hinüber. Trotzdem ärgerten sie Pauls Worte. Und sie ärgerte sich auch darüber, dass er sie nicht begrüßt oder ihr einen Kuss gegeben hatte. Doch dann fiel ihr ein, dass sie das schon lange nicht mehr taten. So lange, dass sich Sarah wunderte, warum es ihr aufgefallen war.
Sie stellte das Wasser ab und folgte Paul ins Haus.
»Nico zieht sich an«, sagte er, als er sich den Kaffee eingoss. »Er sucht sich dann noch einen Dino aus, den er in die Kita mitnehmen will.«
»Hast du ihm das erlaubt? Die Erzieherinnen sehen es nicht gern, wenn die Kinder ständig ihr eigenes Spielzeug mitbringen.«
»Ab und zu wird ja wohl eine Ausnahme drin sein. Sie sollen sich nicht so anstellen.«
»Sehe ich genauso. Nur blöd, dass ich es dann wieder abbekomme, wenn ich Nico nachher hinbringe.«
»Das brauchst du nicht.« Paul biss von seinem Toast ab und sprach kauend weiter: »Ich bringe ihn heute in die Kita.«
»Das ist ein Umweg für dich …«
»Ja, von zehn Minuten. Mich stört’s nicht, und Nico freut sich tierisch darüber. Ich habe das schon mit ihm abgesprochen.«
»Abgesprochen?«, grinste Sarah. »So nennt man das jetzt, wenn man sich von einem Fünfjährigen breitschlagen lässt?«
»Sieh es nicht so eng. Es macht mir nichts aus, ihn hinzubringen. Ich bin doch gern mit Nico zusammen.«
»Im Gegensatz zu mir?«, fragte sie und versuchte, nicht beleidigt zu klingen.
»Du weißt genau, dass ich das nicht so meinte.« Paul wartete, bis sich Sarah zu ihm gesetzt hatte. »Hast du über unser Gespräch nachgedacht?«
»Wann denn? Heute Nacht?«
»Vielleicht.« Paul zuckte die Schultern. »Du schläfst doch eh kaum noch. Sieh mich nicht so erstaunt an. Ich weiß, dass du die halbe Nacht wachliegst und frühmorgens aufstehst, um dich auf die Terrasse zu setzen und in die Luft zu starren.«
Von oben ertönte plötzlich eine helle Kinderstimme. »Ich beeile mich! Ich bin gleich fertig!«
»Toll, Nico!«, rief Paul mit einem leisen Lachen hoch. »Dein Frühstück wartet auf dich!«
»Komme gleich! Bin schon fast da!«
Paul lächelte, aber schnell wurde er wieder ernst. »So kann es mit uns nicht weitergehen.« Er sprach leise, aus Sorge, Nico könnte etwas von ihrer Unterhaltung mitbekommen. »Seit Monaten führen wir keine richtige Ehe mehr. Niemand von uns ist glücklich darüber. Lass uns endlich zu dieser Eheberatung gehen.«
»Was soll das bringen?«, fragte Sarah genauso leise zurück, gab sich aber keine Mühe, den Ärger aus ihren Worten herauszuhalten. »In jeder Beziehung ist es mal schwierig. Die meisten Paare bekommen das hin, ohne zu einem Therapeuten zu rennen.«
»Glaubst du wirklich, wir haben nur ein paar harmlose Beziehungsprobleme?« Sarah hätte gerne Ja gesagt, aber sie schaffte es nicht, diese kleine Silbe über ihre Lippen zu bringen. Also sprach Paul weiter. »Hör zu, ich habe auf diesen ganzen Blödsinn keine Lust mehr. Unsere Ehe hat nicht nur ein paar kleine Probleme. Unsere Ehe ist ernsthaft in Gefahr!«
»In Gefahr? Was soll das heißen? Sprichst du etwa von Scheidung?«
»Das wollte ich damit nicht sagen.« Paul wich ihrem fassungslosen Blick aus. »Vielleicht können wir unsere Ehe noch retten. Bitte glaub mir, ich möchte wirklich mit dir verheiratet sein. Deshalb ist mir die Eheberatung ja auch so wichtig. Lass es uns doch versuchen oder du«, er zögerte kurz, bevor er auch den Rest aussprach, »machst endlich eine Therapie.«
»Eine Therapie?« Verständnislos sah sie ihn an.
»Ja, du weißt schon …«, wand er sich.
»Nein, weiß ich nicht. Vielleicht solltest du endlich mal Klartext reden! Warum denkst du, dass ich eine Therapie brauche?«
»Nicht so laut!«, zischte er ihr zu und warf einen raschen Blick zur Treppe. Dann sprach er begütigend auf sie ein: »In der letzten Zeit hast du dich verändert. Du bist ganz anders als früher, und ich mache mir große Sorgen um dich. Du musst doch auch spüren, dass etwas mit dir nicht stimmt. Ich glaube, dass du Hilfe brauchst. Vielleicht … vielleicht hast du eine Depression.«
Sarah starrte ihn schweigend an. Als sie heute früh wach wurde, hatte sie geahnt, dass dieser Tag anders war. Dass irgendetwas geschah, das ihr Leben für immer verändern würde. Und nun saßen sie hier, sprachen über ihre schwierige Ehe und über eine angebliche Depression. Warteten noch mehr böse Überraschungen auf sie? Warum nur wurde sie das beängstigende Gefühl nicht los, dass noch etwas viel Größeres auf sie zukam?
»Bitte, Sarah, sag doch was. Eine Depression ist keine Schande. Du musst es nur einsehen und Hilfe annehmen.«
Sarah schwieg, weil es so am besten war. Dem Drang, ihm die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern, widerstand sie. Sie hatte keine Depression, sondern Sehnsucht. Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ein Leben ohne ihn. Sie wollte, dass der Wind sie forttrug und sie alles hinter sich lassen konnte. Doch wenn sie ihm das sagte, würde sie es nie wieder zurücknehmen können. Es würde alles zerstören.
Pauls Gesichtsausdruck wurde nachgiebiger. »Ich möchte dir helfen, aber ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe dein Lachen so geliebt und kann mich nun nicht mehr daran erinnern, wann ich es zum letzten Mal gehört habe. Du wirst immer trauriger und … ruheloser. Irgendetwas stimmt nicht mit dir. Sieh das doch endlich ein.« Paul langte über den Tisch und nahm ihre Hand in seine. Es kostete Sarah Überwindung, sie nicht wegzuziehen, und sie schämte sich dafür. »Bitte, Sarah, sprich mit mir. Sag mir, was mit dir los ist. Warum bist du so unglücklich?«
Sie wollte ihm sagen, dass er sich irrte. Sie wollte ihm versichern, dass sie glücklich war – doch es gelang ihr nicht, ihn anzulügen.
Paul drückte ihre Hand und sie sah zu ihm auf. Sein Lächeln sollte sie wahrscheinlich aufmuntern, aber es sorgte nur dafür, dass sie sich noch schlechter fühlte. Wann war aus ihr diese armselige Frau geworden, für die ihr Mann nur ein mitleidiges Lächeln übrighatte, das frei von echter Liebe war? Sie musterte sein Gesicht aufmerksam und ihr wurde plötzlich klar, dass sie sich beide verändert hatten. Sie hatte aufgehört, glücklich zu sein, und er hatte aufgehört, sie zu lieben.
Sie hatte nicht nur ihr Lachen verloren, sondern auch Pauls Liebe.
Nico war endlich fertig und hüpfte die Treppe hinunter. Sofort sprang Paul auf und lief ihm entgegen. Er breitete lachend seine Arme aus, darauf wartend, dass Nico die letzten Stufen ausließ und ihm entgegensprang.
»Gut gemacht, Großer«, sagte Paul voller Stolz, als Nico mit einem lauten Jauchzer in seiner Umarmung landete.
Während Paul ihn an sich drückte und ihm einen Kuss auf den Scheitel gab, stand Sarah im Türrahmen und beobachtete die beiden. Nico war das kindliche Abbild seines Vaters mit den gleichen braunen Haaren, die im Sonnenlicht einen schwachen Rotton durchließen, den braunen Augen und den schmalen Lippen. Manchmal suchte Sarah nach einer Ähnlichkeit mit ihr. Aber da war nichts. Nico war ganz der Sohn seines Vaters.
Paul setzte ihn auf dem Boden ab. »Na, bist du bereit fürs Frühstück?«
»Klar! Ich habe einen Riesenhunger!«, rief Nico und reckte eine Faust in die Höhe. Eine neue Pose, die er sich bei seinem Freund Max abgeschaut hatte. Als er an Sarah vorbei zu seinem Platz laufen wollte, hielt sie ihn schnell auf und zog ihn in ihre Arme.
»Wo bleiben denn deine Manieren, mein Spatz?«, fragte sie sanft. »Wolltest du mir etwa keinen guten Morgen wünschen?«
»Morgen, Mama.« Ungeduldig kämpfte er sich frei. »Ich habe keine Zeit«, erklärte er dann und schob sich auf seinen Stuhl. »Papa bringt mich heute in die Kita. Da müssen wir früher los.«
»Dann ist es ja gut, dass dein Frühstück schon fertig ist, mein Spatz.«
»Papa kommt Montag in meine Gruppe! Zum Berufetag!«, plapperte Nico aufgeregt weiter. »Dann kann er den anderen Kindern erzählen, dass er ein berühmter Architekt ist!«
Paul lachte. »Ich bin doch nicht berühmt, Nico.«
»Doch! Du hast das riesengroße Einkaufscenter in der Südstadt gebaut. Das kennt jeder von meinen Freunden. Also bist du eine Berühmtheit!«
»Moment mal!« Verwundert sah Sarah von Nico zu Paul. »Es war doch abgesprochen, dass ich beim Berufetag mitmache, weil du keine Zeit hast. Ich habe bereits im Museum Bescheid gesagt und mir dafür freigenommen.«
»Tut mir leid, Sarah. Ich habe vergessen, dir zu sagen, dass ich meinen Termin verschoben habe und nun doch hingehen kann.«
»Aber ich habe schon alles vorbereitet und ein paar Sachen zusammengepackt. Ich wollte mit den Kindern an einem Bild arbeiten und ein paar Techniken ausprobieren.«
»Dann frag doch mal die Erzieherin, ob du an einem anderen Tag kommen kannst. Dafür gehe ich in der nächsten Woche zum Berufetag hin. Nico wünscht sich das so sehr.«
»Ja, weil deine Arbeit viel spannender ist als Mamas«, krähte Nico dazwischen.
»Hey! Meine Arbeit ist auch spannend!«, rief Sarah und tat, als wäre ihre Empörung nur ein Scherz. Sie wollte nicht auf Nico sauer sein. Er war nur ein kleiner Junge, der sich mehr für die Baustellen seines Vaters interessierte als für die Arbeit seiner Mutter im Museum. Trotzdem war sie enttäuscht. Kurz war sie versucht, ihm zu erklären, dass es unhöflich sei, sich nicht an Abmachungen zu halten. Doch warum sollte sie es ihm sagen, wenn sie eigentlich Paul meinte?
»Ach, Mama, dein Job ist überhaupt nicht spannend. Du machst doch nur diese ganzen ollen Bilder sauber.« Nico sah sie so mitleidsvoll an, dass Sarah fast gelacht hätte.
»Als Restauratorin mache ich keine ollen Bilder sauber, sondern kümmere mich um wertvolle Kunstwerke.«
»Na und!« Nico zuckte die Schultern. »Das ist trotzdem total langweilig.«
»Tut mir leid«, wiederholte Paul. Dabei beobachtete er sie besorgt, als rechne er damit, dass sie unter Nicos Zurückweisung zusammenbrach. Hielt Paul sie wirklich für so zerbrechlich und psychisch labil?
»Kein Problem«, sagte sie betont gleichmütig. »Es ist doch schön, wenn ihr Zeit miteinander verbringt. Ich habe Nico dafür jeden Nachmittag für mich.«
»Was habt ihr denn heute vor?«, fragte Paul und konnte die Erleichterung über den Themenwechsel nicht verbergen. »Fahrt ihr wieder an den See?«
Nico zog einen süßen Schmollmund und schüttelte den Kopf. »Nö. Heute gibt es eine Badepause, weil Tante Ilka unbedingt so ein blödes Picknick machen will.«
Sarah strich ihm lächelnd mit der Hand durch die Haare. »Wir waren jetzt jeden Tag am See, weil Max und du es so wollten. Es ist nicht schlimm, wenn wir heute mal etwas machen, das Tante Ilka möchte. Außerdem bin ich mir ganz sicher, dass euch das Picknick gut gefallen wird.«
»Wo soll’s denn hingehen?«, fragte Paul.
»Zum Düsterwald!« Nico klang jetzt nicht mehr so, als hätte er keine Lust auf den Ausflug.
»Düsterwald?« Paul sah Sarah verwundert an. »Nennt man den noch immer so?«
»Ja, daran hat sich nichts geändert.« Sarah zuckte die Achseln. »Die Kinder finden den Namen toll. Er klingt spannend und aufregend und nach großen Abenteuern.«
»Der Wald ist richtig düster. Und da gibt’s Gespenster, Papa. Max hat schon mal eins gesehen.«
»Ach ja?«, fragte Paul amüsiert.
Nico nickte eifrig. »Max sagt, das war total gruselig, aber er hatte überhaupt keine Angst, weil er ja schon sieben ist.«
»Wenn du so groß bist wie Max, wirst du sicher auch so mutig sein.«
»Bin ich doch jetzt schon, Papa! Ich habe keine Angst vor Gespenstern! Wetten, dass ich mich trau, ganz allein in den Wald zu gehen?«
»Das lässt du schön bleiben, mein Spatz«, mischte sich Sarah rasch ein, bevor aus Nicos großspurigem Gehabe ein fester Plan wurde. Sie glaubte nicht an Monster und Gespenster, aber sie wusste, wie schnell man in einem dicht bewachsenen Wald die Orientierung verlieren konnte. »Ihr dürft nur auf der Lichtung spielen«, ermahnte sie ihren Sohn. »Der Wald heißt nicht umsonst Düsterwald. Er ist sehr dicht, und es ist nicht leicht, den Weg hinauszufinden. Ihr könntet euch dort schnell verlaufen.«
»Hör auf deine Mama und komm nicht auf die Idee, in den Wald zu gehen! Er ist kein Spielplatz für übermütige Jungs. Die Lichtung ist groß genug. Da haben Max und du viel Platz, um zu toben.«
»Okay«, sagte Nico sofort und verzichtete bei seinem Vater auf die langwierige und nervtötende Diskussion, die er sich mit seiner Mutter geliefert hätte.
Nach dem Frühstück lief Nico noch einmal nach oben, um den Dino zu holen, den er zwar ausgesucht, aber in seinem Zimmer vergessen hatte. Während Sarah vor der Treppe auf ihn wartete, spürte sie Pauls Blick auf sich. Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn fragend an.
»Es tut mir leid, Sarah. Unser Streit gestern Abend und auch das, was ich vorhin sagte … Es tut mir wirklich leid.«
»Schon gut, Paul.« Sarah seufzte, und es klang wie eine Kapitulation. »Vielleicht ist die Idee mit der Eheberatung gar nicht so schlecht. Schaden kann sie bestimmt nicht.«
»Danke Liebling. Du weißt gar nicht, wie viel mir das bedeutet. Unsere Ehe ist mir wichtig. Sehr wichtig sogar, aber manchmal … manchmal ist es eben schwierig.«
»Natürlich ist es nicht immer leicht. Aber solange wir uns lieben, werden wir alles schaffen.« Dabei sah sie ihn mit einer stummen Aufforderung an. Würde er ihr jetzt versichern, sie immer noch zu lieben? Oder hatte sie recht mit ihrer Vermutung und seine Liebe war längst erloschen?
»In guten wie in schlechten Zeiten! Und schlechte Zeiten gibt es in jeder Ehe. Oder Fehler. Jeder macht mal Fehler, nicht wahr? Daran muss eine Ehe nicht gleich zerbrechen. Wenn wir uns ein bisschen mehr Mühe geben, bekommen wir das wieder hin.«
Sarah sah ihn verwirrt an. Noch vor wenigen Minuten hatte er ihr die Schuld an ihren Eheproblemen gegeben, und jetzt wirkte er selbst, als habe er Schuldgefühle.
Mit einem Plastik-Dino in der Hand kam Nico aus seinem Zimmer und lief die Treppe hinunter. »Papa! Ich habe ihn gefunden! Wir können los!«
Sarah zuckte fast zusammen, als Paul ihr plötzlich einen Arm um die Taille legte und sie dicht zu sich heranzog, um ihr einen Abschiedskuss zu geben. Ein tiefer, inniger und fast leidenschaftlicher Kuss, der so ungewöhnlich und selten war, dass Sarahs Verwirrung zunahm. Genau wie das Gefühl, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.
»Ich versuche, etwas früher Schluss zu machen«, sagte er leise. »Wenn Nico schläft, reden wir noch einmal in Ruhe über alles. Wir nehmen uns endlich wieder Zeit für uns. Einverstanden?« Er wartete ihre Zustimmung nicht ab, sondern sprach schnell weiter: »Wir bekommen das wieder hin, Sarah. Wenn wir es beide wollen, schaffen wir es auch. Für Nico!«
Sarah nickte. Ja, das würden sie. Für Nico …
Sie blieb an der offenen Tür stehen und sah Pauls Wagen nach. Noch immer spürte sie seinen Kuss auf ihren Lippen. Wie lange war es eigentlich her, dass er sie spontan in den Arm genommen hatte? Wann hatte er sie das letzte Mal so leidenschaftlich geküsst wie eben? Oder mit ihr geschlafen? Und warum hatte sie es nie vermisst?
Als das Auto am Ende der Straße abbog, wollte sie wieder ins Haus gehen, um sich für die Arbeit fertigzumachen. Doch der Wind kam vorbei und streichelte ihre Haut. Eine lange, wundervolle Minute blieb Sarah bei ihm, und als sie sich von ihm trennte, ließ sie ihre Sorgen um Paul und ihre Ehe bei ihm zurück.
2
Sarah arbeitete nur halbtags als Restauratorin im Museum und hatte um halb zwei Feierabend. Zehn Minuten später verließ sie das alte Backsteingebäude mit den hohen Fenstern. Sie liebte ihre Arbeit in den Katakomben des Museums, wo sich die Räume der Restauratoren befanden. Trotzdem war sie jedes Mal froh, sie verlassen zu können, um draußen von ihrem Wind begrüßt zu werden. Auch jetzt war er da. Er hatte auf sie gewartet und blieb dicht an ihrer Seite, als sie zum Parkplatz ging. So dicht, als würde sie ein guter Freund umarmen.
Diese Umarmung war das, wonach sich Sarah den ganzen Tag gesehnt hatte. Das Gespräch mit Paul war ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Sie hatten über das mögliche Ende ihrer Ehe gesprochen. Und über die Therapie, die Sarah machen sollte, damit Paul sie weiterhin – oder wieder – lieben konnte.
Sarah setzte sich auf den Fahrersitz und ließ die Tür weit offen. Nicht nur, weil es unerträglich heiß im Wagen war, sondern auch, um den Wind nicht auszusperren. Sie wollte jetzt nicht ohne ihn sein. Er war doch der Einzige, der ihr jederzeit beistand und sie tröstete.
Mit geschlossenen Augen lehnte sie sich zurück. Ob Paul über eine Trennung nachdachte? Er hatte heute so ernst geklungen, dass es eigentlich keine Zweifel daran gab. Er würde sich scheiden lassen, falls sich in ihrer Beziehung nichts änderte. Falls sich Sarah nicht änderte.
Sie überlegte, wie ihr Leben ohne Paul wäre. Würde sie ihn vermissen? Es beunruhigte sie, dass sie sich diese Frage stellte. Und richtig unruhig wurde sie, als sie sich vorstellte, was eine Scheidung für Nico bedeuten mochte. Er liebte seinen Vater abgöttisch, und Paul würde ihn ganz sicher nicht aufgeben. Er würde mit ihr ums Sorgerecht kämpfen. Ein Kampf, den Sarah nicht gewinnen konnte. Wenn Nico die Wahl hätte, würde er sich für seinen Vater und gegen seine Mutter entscheiden. Und wenn Paul dann mit dem Richter über Sarahs labilen psychischen Zustand und die mögliche Depression sprach, hätte sie keine Chance mehr auf Nico.
Sarah schossen die Tränen in die Augen. Sie konnte unmöglich ohne Nico leben, und er durfte nicht ohne Mutter aufwachsen! Er sollte nicht ihr Schicksal teilen und erleben müssen, wie es war, verlassen zu werden! Sie schluchzte laut auf und schlug sich die Hände vors Gesicht. Sie weinte um ihre eigene Mutter, die sie verloren hatte, und sie weinte um Nico, den sie verlieren könnte. Dass der Wind bei ihr war, tröstete sie diesmal kaum. Doch sie spürte sein Drängen und den Lockruf, mit ihm zu gehen, so heftig wie nie zuvor.
Sie verschränkte die Arme auf dem Lenkrad und legte ihren Kopf darauf. Sie wünschte sich, sie könnte wirklich mit dem Wind davonfliegen. Sie wollte alles hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen. Ein Leben, in dem sie glücklich war.
Bei diesem Gedanken kehrte endlich die Vernunft zurück. Energisch wischte sie sich die Tränen fort. Dass ihr Leben nicht glücklich war, lag nicht an Paul. Es lag allein an ihr. Sie strengte sich nicht genug an. Sie musste lernen, mit dem, was sie besaß, zufrieden zu sein. Es war doch alles bestens. Was wollte sie denn noch?
***
Die kleine Krise auf dem Parkplatz hatte Sarahs Zeitplan durcheinandergebracht, sodass sie sich nun beeilen musste, Nico aus der Kita abzuholen und nach Hause zu kommen, bevor Ilka und Max herüberkamen.
Nico flitzte sofort nach oben, um ein paar Spielsachen rauszusuchen, die er beim Picknick dabeihaben wollte. Sarah hätte sich gern noch umgezogen, aber dafür reichte die Zeit nicht mehr. Also würde sie heute in ihrem gelben Sommerkleid zur Waldlichtung fahren.
Sie eilte in die Küche, um ein paar Sachen für das Picknick herauszusuchen, als es schon an der Haustür klingelte. Max stürmte an Sarah vorbei ins Haus und rannte die Treppe hoch in Nicos Zimmer. Ilka lächelte, als sie von unten der ausgelassenen Begrüßung der Jungen zuhörte.
»Es ist schön, dass sie sich so gut verstehen«, sagte sie und folgte Sarah in die Küche. »Nur schade, dass die beiden nicht gleichaltrig sind. Dann wären sie in einer Klasse und könnten noch mehr Zeit gemeinsam verbringen.«
»Mhm«, murmelte Sarah, das Zustimmung ausdrücken sollte, aber keine war. Sie teilte Ilkas Meinung nicht. Im Gegensatz zu ihr war sie froh, dass die Kinder nicht den ganzen Tag zusammen waren. Max war ein aufgeweckter Junge, der für seine sieben Jahre schon ziemlich gerissen war und dem es gefiel, den jüngeren Nico zu manipulieren und zu dominieren. Nico war zu jung und naiv, um das zu erkennen, und sah stattdessen bewundernd zu seinem großen Kumpel auf.
»Hast du ein paar billige Servietten, die wir mitnehmen können?«, fragte Ilka und beäugte neugierig Sarahs Picknickkorb, der auf dem Tisch stand und in dem bisher nur die große Packung Apfelschorle lag. »Notfalls reicht auch eine Küchenrolle.«
Sarah lief zum Schrank, um eine neue Rolle herauszuholen, und warf sie von dort zielsicher in den Korb. »Tut mir leid, dass ich noch nicht fertig bin. Wir sind gerade erst nach Hause gekommen.«
»Was war denn los? Musstest du länger arbeiten?«
»Ja, wir haben zurzeit viel zu tun«, erwiderte Sarah und dachte ganz kurz an den kleinen Zusammenbruch in ihrem Wagen zurück.
Ilka tippte mit dem Zeigefinger auf den Rand des Korbs. »Mehr brauchen wir gar nicht. Ich habe genug für eine ganze Schulklasse eingepackt.« Als Sarah sie überrascht ansah, zählte sie auf: »Zwei verschiedene Salate, Käsesandwiches, Würstchen und etwas Obst. Natürlich auch eine Kanne Kaffee für uns und ein paar Muffins, die ich gestern Abend gebacken habe. Ich wollte unbedingt ein neues Rezept ausprobieren.«
»Wow, wann machst du das bloß alles?«
»Ich arbeite doch nur halbtags. Da bleibt genügend Zeit dafür.«
Sarah schluckte kurz. »Ich arbeite auch nicht voll, und trotzdem schaffe ich nur einen Bruchteil von dem, was du so leistest.«
»Das liegt nur an meinem eintönigen Leben.« Ilka winkte lässig ab. »Du verbringst die Abende mit deinem Mann, während ich in der Küche stehe und backe. Wenn Max schläft, bin ich froh, dass ich mich irgendwie beschäftigen kann. Es gibt ja sonst nicht viel für mich zu tun.« Das Lächeln verschwand aus Ilkas Gesicht, und sie wirkte plötzlich weniger strahlend als sonst.
Sarah kannte Ilka Böhmann, seit sie und Paul vor fast sechs Jahren hergezogen waren. Damals lebte Jakob noch, Ilkas ruhiger und zurückhaltender Ehemann. Max war erst zwei, als sein Vater bei einem Autounfall starb. Seitdem bewohnten Ilka und ihr Sohn allein das Nachbarhaus mit dem schönen, akkurat gepflegten Vorgarten.
Bis zu Jakobs Tod hatte es nur wenige Kontakte zwischen ihnen gegeben. Sie hatten ein paar Höflichkeiten ausgetauscht, wenn sie sich zufällig über den Weg liefen oder das halbherzige Versprechen gegeben, sich mal auf einen Kaffee zu treffen. Als Jakob dann starb, hatte Sarah öfter bei Ilka vorbeigeschaut und sich nach ihrem Befinden erkundigt. Ilka hatte Sarahs Besuche erwidert, bis sie sich schließlich regelmäßig trafen. Dabei sprachen sie nur noch selten über Jakob, und irgendwann war er gar kein Thema mehr. Vielleicht war das der Grund, warum Sarah annahm, dass die selbstbewusste, perfekte Ilka über seinen Tod hinweg sei und dass sie gut mit dem Alleinsein zurechtkäme.
»Ich wusste nicht, dass du dich einsam fühlst«, sagte sie schuldbewusst. »Du wirkst immer so souverän und stark und hast dein Leben voll im Griff. Jeder bewundert dich. Du hast einen tollen Job in diesem hübschen Beauty-Salon und kümmerst dich ganz allein um Haus und Garten. Und dann hast du ja auch noch Max …«
»Max? Ich liebe ihn mehr als mein Leben, aber er ersetzt doch keinen Partner! Er ist ein Kind!« Ilka lachte humorlos auf. »Allerdings auch mein einziger Halt. Ohne ihn hätte ich mich wohl schon längst umgebracht.«
Sarah öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton heraus.
Ilka rollte mit den Augen. »Nun sieh mich nicht so schockiert an. Denkst du etwa, du bist hier die Einzige mit einer Depression?«
»Ich habe keine …«, setzte Sarah an. Dann fiel ihr das Gespräch mit Paul wieder ein. War es wirklich Zufall, dass beide, Ilka und Paul, ihr ausgerechnet heute eine Depression einreden wollten? »Warum sagst du das?«, fragte sie misstrauisch. »Wie kommst du darauf, dass ich depressiv sein könnte?«
Ilka wandte sich ab. »In unserem Viertel kommt doch kaum eine Frau ohne Antidepressiva aus«, sagte sie betont locker und machte Anstalten, die Küche zu verlassen.
»Ich nehme keine.«
»Noch nicht, aber irgendwann wirst du sie brauchen, damit du den Tag ohne Nervenzusammenbruch überstehst.«
Ilka ging in den Flur, um die Kinder herunterzurufen, und Sarah ließ sich auf den nächsten Küchenstuhl fallen. Gern hätte sie Ilkas Vorhersage als albern und übertrieben abgetan. Doch dafür war die Angst zu groß, dass Ilka recht haben könnte. Vielleicht wurde aus ihr wirklich eine Frau, deren ganzer Lebensinhalt darin bestand, für Haus, Mann und Kind da zu sein, halbtags zu arbeiten und dafür zu sorgen, dass die Geranien nicht vertrockneten. Abends würde sie erschöpft und desillusioniert ins Bett fallen und dankbar sein, wenn sie schnell einschlafen konnte und so nicht mehr über ihr Elend nachdenken musste.
Sie wollte so ein Leben nicht führen. Es war nicht das, wovon sie geträumt, sondern das, wovor sie sich immer gefürchtet hatte. Es fühlte sich falsch an und machte sie unglücklich!
Plötzlich wurde ihr übel. Vielleicht war das, was ihr im Moment noch wie eine schreckliche Zukunftsvision vorkam, längst eingetreten …
Sie musste hier unbedingt raus! Sie musste irgendwohin, wo sich das Leben auch ohne Antidepressiva ertragen ließ. Sie musste verschwinden, bevor es zu spät war.
»Sarah! Sarah, bleib doch endlich stehen!«, hörte sie wie aus weiter Ferne Ilkas Stimme. Dann spürte sie einen festen Griff um ihren Unterarm.
Verwundert schaute sie sich um. Sie stand im Flur, fast so, als hätte sie vorgehabt, das Haus zu verlassen. Wie sie hierhergekommen war, wusste sie nicht.
»Sarah, um Himmels willen, was ist denn nur los mit dir? Wohin wolltest du gehen?«
»Ich … ich weiß nicht …« Sarah suchte krampfhaft nach einer vernünftigen Erklärung. Doch wie sollte sie erklären, was in ihr vorging, wenn sie es selbst nicht verstand?
»Kannst du mir mal sagen, was gerade los war? In der einen Sekunde sitzt du geistesabwesend auf dem Stuhl und reagierst nicht mehr, und in der nächsten springst du auf und rennst los. Ich habe einen Riesenschrecken bekommen!«
»Entschuldige, das tut mir leid. Bitte schau nicht so besorgt. Mir geht es gut. Es ist nichts.«
»Bist du dir sicher?«
»Ja, natürlich. Ich bin nur ein bisschen neben der Spur. Liegt vielleicht an der Hitze. Wahrscheinlich habe ich zu wenig getrunken.« Sarah ging in die Küche zurück und goss sich mit zittrigen Händen ein Glas Wasser ein, das sie in einem Zug austrank. Dabei spürte sie die ganze Zeit Ilkas Blick in ihrem Nacken.
»Geht es dir denn so gut, dass wir unser Picknick machen können?«, fragte Ilka zögernd. »Wir können auch hierbleiben …«
»Mir gehts prima, und der Ausflug fällt auf gar keinen Fall aus. Das können wir den Jungs nicht antun. Außerdem gibt es wirklich keinen Grund, sich Sorgen zu machen.«
Nico und Max kamen herunter, und Sarah war froh, nicht mehr über ihren kleinen Aussetzer sprechen zu müssen.
»Na, seid ihr endlich fertig?«, fragte sie und täuschte strahlende Laune vor. »Habt ihr Lust auf ein Abenteuer-Picknick am Düsterwald?«
»Ja!«, riefen die Kinder lautstark und hüpften ausgelassen auf der Stelle umher.
***
Sarah saß neben Ilka auf dem Beifahrersitz. Den Kopf hatte sie zur Seite gedreht, als würde sie hinaussehen, doch sie hielt ihre Augen fest geschlossen. Dabei versuchte sie, diese innere Unruhe loszuwerden, die sie schon den ganzen Tag plagte und die sich verstärkt hatte, seit Ilka ihre Zukunft prophezeit hatte.
Doch in Wahrheit brodelte es schon länger in ihr. Anfangs hatte sie nur eine stetige Unzufriedenheit und unbestimmte Sehnsucht in sich gespürt. Dann traten immer wieder diese Träume von ihrer Mutter auf. Oft hatte sie versucht, sie zu ergründen. Sie wollte wissen, was es mit dem Wind auf sich hatte, von dem ihre Mutter sprach, und warum er zu ihrem ständigen Begleiter geworden war. Doch es gab keine Antworten, nur Fragen und das drängende Bedürfnis, mit dem Wind davonzufliegen.
Und heute war es besonders schlimm.
Als Sarah die Augen wieder öffnete, hatten sie die Stadt hinter sich gelassen. Sie fuhren an Wiesen vorbei, die unter der sengenden Hitze ihr sattes Grün verloren hatten und mit einem gelbbraunen Farbton trockenen Savannen ähnelten. Später, als der Wald begann, veränderte sich die Landschaft. Der hohe, dichte Baumbestand warf seinen wohltuenden Schatten auf den Asphalt. Am Straßenrand wuchsen junge, grüne Gräser, als würde es keine Hitzewelle und keinen Wassermangel geben.
Ilka bremste ab und fuhr auf einen kleinen, unscheinbaren Sandweg, der am Waldrand entlang parallel zur Straße verlief, und auf einer größeren Schotterfläche endete, die Pilzsammlern als Parkplatz diente. Nur wenige Eingeweihte wussten von dem kleinen Pfad, der hier begann, sich zwischen alten Kiefern und Buchen hindurchschlängelte und nach dreihundert Metern auf einer wunderschönen Lichtung endete. Sie war fast so groß wie ein Fußballfeld und besaß ausreichend Schattenplätze, auf denen man der Hitze entgehen konnte.
Sarah breitete die Decke aus, während die Jungen sofort in einem wilden Spiel über die Wiese rannten. Als sie zu Ilka hinübersah, fiel ihr auf, wie diese sie abschätzend musterte.
»Was ist?«, fragte sie.
»Nichts … gar nichts.« Ilka beugte sich sichtbar nervös über den Picknickkorb, als würde sie darin etwas suchen.
»Nun sag schon, was los ist. Was beschäftigt dich?«
»Es ist nichts! Wirklich! Nur … also, ich … ich frage mich nur, ob du vielleicht Probleme hast, über die du reden möchtest«, stammelte Ilka und wühlte dabei weiter im Korb herum, ohne aufzusehen. »Du weißt ja, dass du immer zu mir kommen kannst, falls dir mal nach Quatschen ist.«
»Danke, aber im Moment besteht kein Bedarf. Bei mir ist alles in Ordnung.« Sarahs Anspannung nahm zu. Ihr gefiel die Richtung nicht, die die Unterhaltung plötzlich nahm.
»Bist du dir sicher? In letzter Zeit kommst du uns ein wenig verändert vor. Und da dachten wir, es würde dir guttun, dich mal auszusprechen.«
»Wir?«, fragte Sarah schärfer nach als beabsichtigt.
Erschrocken sah Ilka auf und bemerkte nicht, wie ihr die Kekspackung aus den Händen glitt. »Äh … Paul … er hatte mal erwähnt, dass du gerade eine schwierige Zeit durchlebst und vielleicht eine Freundin brauchst …«
Sarah fuhr empört hoch. »Paul? Paul und du? Habt ihr euch jetzt gegen mich verbündet?«
»Nein! Natürlich nicht! Reg dich doch nicht gleich so auf!« Ilka warf einen erschrockenen Blick zu den Kindern, die nur wenige Meter entfernt mit einem Ball spielten. »Und sei bloß nicht so laut. Du willst doch nicht, dass die Jungs das mitbekommen.«
Nein, das wollte Sarah tatsächlich nicht. Deshalb dämpfte sie ihre Stimme und zischte Ilka aufgebracht an: »Erklärst du mir mal, was das soll? Wieso sprichst du mit Paul über mich?«
»Es war doch nur ein kurzes, harmloses Gespräch. Wenn du dich darüber ärgerst, musst du das mit Paul klären und nicht mit mir«, fauchte Ilka genauso leise zurück. »Es war seine Entscheidung, darüber zu reden. Er macht sich Sorgen, weil du dich in letzter Zeit so seltsam benimmst.«
»Ich benehme mich überhaupt nicht seltsam«, behauptete Sarah, obwohl es nicht stimmte. Alles war seltsam: Sie, ihre Ehe – und der Wind, der diese unheilvolle Sehnsucht nach Glück in ihr weckte und der ihr versprach, es zu finden, wenn sie nur mit ihm ginge. Ihr ganzes Leben war seltsam, doch das gab Paul noch lange nicht das Recht, darüber mit ihrer Nachbarin zu sprechen.
»Mit mir ist alles in Ordnung!«
»Natürlich«, sagte Ilka sofort. »Es tut mir leid, wenn du jetzt auf mich oder Paul sauer bist. Wir haben es wirklich nur gut gemeint, und es gibt keinen Grund, deswegen auszuflippen.« Ilka fischte den Wagenschlüssel aus dem Picknickkorb. »Versuch, dich ein wenig zu beruhigen. Den Kindern zuliebe. Sie müssen ja nicht mitbekommen, dass wir uns hier zoffen. Ich laufe schnell zum Parkplatz zurück und hol noch die Packung mit den Feuchttüchern aus dem Wagen. Wenn ich zurückkomme, können wir ja erst mal einen Kaffee trinken und dann in Ruhe über alles sprechen. Ja?«
Sarah nickte stumm und sah Ilka hinterher. Noch nie hatte sie sich so schwach und hilflos – und verraten gefühlt wie in diesem Augenblick. Sie saß auf der Decke, hatte die Beine angezogen und ihre Arme darum geschlungen, als könnte sie dadurch Halt und Kraft finden. Doch die Tränen kamen trotzdem. Schnell lehnte Sarah ihre Stirn gegen die Knie, damit die Kinder sie nicht bemerkten.
Sie wollte sich beruhigen. Sie wollte gefasst und abgeklärt reagieren. Sie wollte nicht diese schräge Nachbarin sein, die sich seit einiger Zeit so merkwürdig verhielt, dass sich ihr Ehemann Rat suchen musste. Zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, dass auch Paul litt. Dass auch er unglücklich war und deshalb mit Ilka gesprochen hatte.
Ausgerechnet mit der perfekten Ilka! Was lief da eigentlich zwischen ihr und Paul? Wieso unterhielten sie sich über sie – und wann? Trafen sie sich etwa heimlich? Riefen sie sich gegenseitig an, um Sarahs Verhalten zu analysieren?
Als der Wind ihre nackten Arme und Beine streichelte, ließ der große Schmerz nach und ihr Herzschlag beruhigte sich. Es tat so gut, ihn zu spüren und sich weniger allein zu fühlen.
Intensiver als sonst wünschte sie sich, dass die Zeit stehen blieb oder dass sie mit dem Wind davonfliegen würde. Irgendwohin, wo alles anders war, wo sie einfach nur glücklich war. Tief und innig wünschte sie sich, diesem furchtbaren Trott, der sich ihr Leben nannte, entfliehen zu können. Und genauso heftig schämte sie sich dafür. Es gab keinen Grund, unglücklich zu sein und sich ein anderes, besseres Leben zu wünschen. Warum konnte sie nicht mit dem zufrieden sein, was sie hatte? Was stimmte bloß nicht mit ihr?
Sie hatte alles, was sie sich je gewünscht hatte: einen aufmerksamen Ehemann, ein wundervolles Kind, ein hübsches Häuschen, einen Job, der ihr Spaß machte, und finanzielle Sicherheit. Doch warum hatte sie das Gefühl, der unglücklichste Mensch auf der Welt zu sein? Warum wollte sie immer nur fort?
Plötzlich fiel ihr auf, wie ruhig es war. Das Lachen und Rufen der Jungs war verstummt. Ruckartig hob sie den Kopf und starrte erschrocken auf eine leere Lichtung. Nico und Max waren verschwunden!
Hektisch sprang sie auf. Ihr Blick raste am Waldrand entlang. »Nico! Max!«
Keine Antwort! Wo waren sie? Waren sie Ilka zum Wagen gefolgt?
Da! Nicos gelbes T-Shirt blitzte zwischen den Bäumen auf. Verdammt! Sie waren tatsächlich in den Wald gelaufen!
»Nico! Max! Kommt da sofort wieder raus!« So schnell sie konnte, lief sie zu der Stelle, an der sie ihren Sohn gesehen hatte. Wenn sie sich beeilte, würde sie bei ihnen sein, ehe sie tiefer in den Wald hineinlaufen konnten. Und mit ganz viel Glück schafften sie es rechtzeitig zurück, bevor Ilka wieder da war und erfuhr, dass ihr die Kinder entwischt waren.
»Kommt sofort her! Ihr wisst ganz genau, dass ihr nicht in den Wald laufen dürft!« Sarah blieb stehen und sah sich um. Von den Kindern gab es keine Spur. Die dichten Baumkronen ließen nur wenige Sonnenstrahlen durch die Blätter dringen, und Sarahs Augen brauchten eine Weile, um sich an das Halbdunkel des Waldes zu gewöhnen. Auf einmal hörte sie ein leises Kichern, das eindeutig von ihrem Sohn stammte. Ärgerlich starrte sie auf den dicken Eichenstamm nur wenige Meter von sich entfernt. Dahinter hatten sich diese Bengel also versteckt und amüsierten sich gerade köstlich über den Streich, den sie sich mit ihr erlaubten.
»Das reicht jetzt! Ich mache mir Sorgen und ihr spielt Verstecken mit mir!« Sarah sprintete zum Baum hinüber. Sie wollte die Sache schnell zu Ende bringen, um aus diesem unheimlichen Wald herauszukommen. Doch als sie hinter den Stamm sah, war dort niemand.
Stattdessen hörte sie Nicos Lachen jetzt ganz deutlich links von sich.
»Nico! Max! Hört endlich auf mit dem Unsinn! Das ist kein Spaß mehr!«
Jeden Augenblick musste Ilka zurückkommen. Wenn sie die leere Lichtung sah, wäre sie zu Recht sauer und würde Sarah für die unfähigste Mutter der Welt halten. Dummerweise stimmte das sogar. Während sie auf der Decke gesessen und sich in ihrem Selbstmitleid gesuhlt hatte, waren die Kinder verschwunden! Sarah war wütend. Auf sich, auf die Kinder, auf Paul, der hinter ihrem Rücken mit Ilka sprach, und auf ihr Leben, das sie noch nie so gehasst hatte wie in diesem Moment.
Sie rannte weiter durch den Wald, brüllte die Namen der Jungen und verfluchte die vielen Bäume und Sträucher, die ihr die Sicht versperrten und das Laufen schwer machten. Sie hielt an und drehte sich im Kreis. Ihr Herz raste und auf ihrer Haut klebte der Schweiß. Nichts davon interessierte sie. Sie musste unbedingt die Kinder finden! Wo waren sie? Wenn sie weiter vor ihr davonrannten, würden sie sich am Ende noch im Wald verlaufen.
Für den Bruchteil einer Sekunde lugte wieder etwas Gelbes hinter Zweigen und Gestrüpp hervor. Sarah beglückwünschte sich dafür, Nico gestern Abend ein Shirt mit einer so auffälligen Farbe herausgelegt zu haben. Mit dem Vorsatz, diesmal die Kinder unbedingt zu erwischen, stürmte sie wieder los. Um Zeit zu sparen, lief sie nicht um die Büsche herum, sondern bahnte sich mit Händen und Füßen ihren Weg hindurch. Die vielen Kratzer, die die sperrigen kleinen Äste auf ihren Armen und Beinen hinterließen, spürte sie kaum. Sie wollte nur noch zu den Kindern, bevor sie vor Angst und Sorge völlig durchdrehte.
Endlich hatte sie sich durchgekämpft – und sah sich fassungslos um. Hier war niemand. Sie war allein, von den Kindern war nichts zu hören oder zu sehen.
Sie stand auf einem kleinen, freien Platz und der Gedanke, dass die Jungen irgendwo herumirrten, brachte ihr Herz zum Rasen. Der Pulsschlag dröhnte in ihren Ohren, und Sarah wunderte sich, dass es das Einzige war, was sie hörte. Es war still im Wald geworden. Kein Geräusch drang zu ihr. Sie hörte weder das Singen der Vögel noch das Rauschen der Blätter.
»Nico! Max!«, brüllte sie laut in die Stille hinein, bis ihr der Hals wehtat. »Nico!« Sarah hielt inne und lauschte angestrengt. Die Erkenntnis, dass sie die Kinder hier nicht finden würde, traf sie so hart, dass sie aufschluchzte.
Voller Panik überlegte sie, was sie tun konnte. Weiter in den Wald hineinlaufen, mit der Hoffnung, zufällig auf die beiden zu stoßen? Doch das erschien ihr sinnlos, sodass sie diese Idee schnell wieder verwarf. Sie wusste ja noch nicht einmal, in welche Richtung sie laufen sollte, um nach ihnen zu suchen!
Sarah wurde schlagartig klar, dass sie allein nichts ausrichten konnte. Sie brauchte Ilkas Hilfe, ob es ihr nun gefiel oder nicht. Wenn Ilka nach den Kindern rief, würden sie wahrscheinlich sofort angelaufen kommen. Bei Ilka würden sie diese dummen Scherze nicht wagen.
Vielleicht … ja vielleicht waren die Jungs längst wieder auf der Lichtung. Sie hatten ihren Spaß mit ihr gehabt und waren nun zurückgelaufen. Immerhin schienen sie nicht mehr in ihrer Nähe zu sein.
Hastig machte sie kehrt, um den Rückweg anzutreten. Sie wollte so schnell wie möglich zur Lichtung zurückkehren und ihren Sohn in die Arme schließen. Natürlich würde er um eine ordentliche Standpauke nicht herumkommen. Aber sie würde bedeutend milder ausfallen, als er sie verdient hatte. Die Freude, ihn gesund wiederzusehen, würde ihren größten Ärger dämpfen. Jetzt zählte nur noch, dass es ihm gut ging.
Sarah rannte durch das Dickicht auf schmalen Pfaden entlang, bis sie an einer unebenen Stelle ins Stolpern geriet und das Gleichgewicht verlor. Wild mit den Armen rudernd stürzte sie auf den trockenen Waldboden. Ein scharfer Schmerz fuhr ihr durch den Brustkorb und drückte die Luft aus ihrer Lunge. Nach Atem ringend krümmte sie sich sekundenlang auf dem Boden. Erst als ein leichter, vertrauter Windhauch sanft über sie hinweg strich, ließ der Schmerz nach und sie konnte wieder frei atmen. Vorsichtig drehte sie sich auf den Rücken und blieb regungslos liegen. Sie hatte keine Lust mehr, durch den Wald zu jagen. Sie hatte keine Lust mehr auf dieses Leben.
In dem grünen Blätterdach der Baumwipfel sah sie das funkelnde Lichtspiel der Sonnenstrahlen. Sie beobachtete es, ohne sich von der Stelle zu rühren. Eigentlich müsste sie jetzt aufspringen, um nach den Kindern zu suchen. Doch eine angenehme Ruhe hatte sich in ihr ausgebreitet, die ihr versicherte, dass es den Jungs bestens ging und dass sie sich keine Sorgen machen musste. Warum also sollte sie sich hier nicht noch ein paar Minuten gönnen, bevor sie sich wieder ihrem Leben stellte? Einem Leben, das sie nicht wollte und das sie nur traurig und unglücklich machte. Hier, auf dem warmen Waldboden, ging es ihr blendend. Sie war allein und musste sich nicht mit dem auseinandersetzen, was gerade in ihrem Leben schieflief. Wenn sie hier lag, interessierte sie sich nicht dafür, ob Pauls Liebe erloschen war oder dafür, was sie noch für ihn empfand.
Vielleicht hatte sie diesen Sturz gebraucht, um endlich innehalten zu können und sich den Fragen zu stellen, die wirklich wichtig waren: Wollte sie so weitermachen wie bisher? Wollte sie sich ohnmächtig und gefangen fühlen?
Nein, sie wollte frei sein. Sie wollte fort von hier. Sie wollte dorthin, wo das Glück wohnte – dort, wo es jemanden gab, den sie von ganzem Herzen lieben konnte. Und das war nicht mehr Paul.
Sie lächelte, als der Wind mit ihren Haaren spielte. Der Wunsch, mit ihm davonzufliegen und alles hinter sich zu lassen, war so stark wie nie zuvor. Niemals hatte sie die Sehnsucht nach dem Glück in der Ferne so intensiv gespürt wie in diesem Augenblick.
Der Wind wurde stärker. Er wirbelte durch die dichten Baumkronen und brachte die glitzernden Sonnenstrahlen dazu, mit ihm zu tanzen, bis aus ihnen gleißende, ineinanderfließende Lichter wurden.
