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Berlin, November 2014: Sonja Baumann sichtet den Nachlass ihres verstorbenen Vaters und stellt fest, dass der ihr so vertraute Mann, Geheimnisse hatte, von denen sie nichts wusste. Fürstenwalde, November 1989: Wenige Tage nach dem Fall der Mauer fährt Katja Winter mit ihrer Freundin nach Westberlin, ohne zu ahnen, welche Folgen der übermütige Tagesausflug für ihr weiteres Leben haben wird. 25 Jahre nach dem Mauerfall kreuzen sich die Wege von Sonja und Katja. Eine schicksalhafte Begegnung, die sie beide an einen neuen Wendepunkt in ihrem Leben führt. Nach dem Roman "Platanenallee" ist Nicci Schmieder erneut ein hautnahes Stück deutsch-deutscher Geschichte gelungen.
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Über das Buch
Berlin, November 2014: Sonja Baumann sichtet den Nachlass ihres verstorbenen Vaters. Erschüttert stellt sie fest, dass der ihr so vertraute Mann, mit dem sie glaubte, alles zu teilen, ein Geheimnis hatte, von dem sie nicht das Geringste wusste.
Fürstenwalde, November 1989: Wenige Tage nach dem Fall der Mauer fährt Katja Winter mit ihrer Freundin nach Westberlin, ohne zu ahnen, welche Folgen der übermütige Tagesausflug in den Westen für ihr weiteres Leben haben wird.
25 Jahre nach dem Mauerfall kreuzen sich die Wege von Sonja und Katja – eine schicksalhafte Begegnung, die beide Frauen an einen Wendepunkt in ihrem Leben führt.
In Nicci Schmieders erstem Roman Platanenallee standen eine Großmutter und ihre Enkelin im Zentrum einer vom Mauerbau entzweiten Familie. In ihrem zweiten Roman Kraniche im Nebel oder die Kunst zu lieben zeichnet sie die unterschiedlichen Lebenswege zweier Frauen nach, die das Schicksal nach dem Mauerfall zusammenführt.
Wieder ein hautnahes Stück deutsch-deutscher Geschichte, das diesmal 1989 beginnt.
Der Kranich ist der Vogel des Glücks. Schlaflos wachsam und vorsichtig. (Sprichwort)
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Sonja
M ein Vater ist kein Heiliger, das merkt jede Frau, die seine Bekanntschaft macht, sofort. Doch er ist auch kein Beau, kein Playboy, der alles daransetzt, Frauen mit Komplimenten derart einzuwickeln, dass sie am Ende gar nicht umhinkommen, in seinem Bett zu landen. Oder er in dem ihren.
Ich würde sagen, mein Vater ist ein charmanter Intellektueller mit einem gewissen Hang zur Arroganz.
Er versteht sich sehr gut darauf, sein Gegenüber auf humorvolle Weise zu beeindrucken, nicht nur mit Wissen, auch mit Schlagfertigkeit. Sein Ziel bei einer Begegnung mit einer Frau ist nicht die profane körperliche Nähe. Wobei er dem sexuellen Zeitvertreib vermutlich auch nicht abgeneigt ist. Nein, bestimmt nicht.
Er will seine Gesprächspartnerin stets intellektuell herausfordern, um am Ende in einem Schlagabtausch zu landen, der ihn wiederum herausfordert und bestenfalls als Sieger aus dem verbalen Wettkampf hervorgehen lässt. Er liebt es, mit Schachtelsätzen zu jonglieren, Pointen herauszuarbeiten oder Behauptungen seines Gegenübers auf den Prüfstand zu stellen. Aber vor allem liebt er es, der Überlegene zu sein. Argumentativ gewinnen macht ihn glücklich. Im Spiel Mensch ärgere Dich nicht hingegen ist er eine Niete.
Einfältige Frauen interessieren ihn nicht. Er braucht spannende Charaktere, Frauen, die etwas zu sagen haben oder gesellschaftlich aus dem Rahmen fallen.
Wenn eine Frau meinen Vater beeindrucken will, muss sie bereit sein, sich mit einem Thema auf unkonventionelle Weise auseinanderzusetzen oder Ansichten vertreten, die nicht dem Mainstream entsprechen. Es muss mehr sein als ein handelsüblicher Smalltalk bei Aperitif und Käsegebäck. Phrasendrescherei ist Zeitverschwendung.
Sein Geist braucht stets Nahrung, muss belebt werden mit Ideen, mit Gedankengängen, die er bestenfalls noch nicht selbst beschritten hat. Und sei das Thema noch so profan, aber anregend – möglichst tiefgründig muss das Gespräch darüber sein.
Mein Vater ist ein verbaler Seiltänzer, und solange ich denken kann, hat er noch nie das Gleichgewicht verloren.
Ich glaube, auf den ersten Blick sieht mein Vater in einer Frau nie ihre physische Schönheit. Auch er ist natürlich ein Mann und Sexappeal gegenüber nicht immun.
Doch entwickelt sich bei ihm die körperliche Anziehungskraft einer Frau wohl eher über den Geist.
Ich glaube auch, er verliebt sich niemals direkt in eine Frau. Er verliebt sich in eine Vision von ihr oder, besser ausgedrückt, in eine Vision von einem Leben mit ihr.
Aber Vater ist auch bewusst, dass er Fehler macht. Seinen unsteten Geist versucht er mit einem Übermaß an Verantwortung auszugleichen.
Die Frau, die es versteht, ihn zu lenken, hat für immer einen Platz in seinem Herzen und einen Menschen, auf den sie sich verlassen kann. Er ist ihr vielleicht zuweilen gedanklich untreu, aber das sollte sie nicht persönlich nehmen. Andere Männer gehen fremd oder trinken.
Wer meinen Vater für sich gewinnen will, muss ein starkes Herz und eine eigene Meinung haben.
Interessanterweise bedauert mein Vater vor allem die Fehler im Leben, die er nicht begangen hat. Denn dadurch wird er nie erfahren, welche Wendung sein Leben in diesem Fall genommen hätte.
Den Konjunktiv des Lebens nennt er das. Der Konjunktiv treibt ihn um, weil es die verpassten Chancen sind, von denen er niemals erfahren wird, ob es tatsächlich eine verpasste Chance gewesen ist oder nur eine Sackgasse im Dasein.
Ich sitze am Schreibtisch meines Vaters im Dachgeschoss meines Elternhauses. Ich mag sein Arbeitszimmer. Es ist vollgestopft mit Büchern, vielleicht etwas düster, weil das einfallende Tageslicht durch die Dachgauben gemildert wird. Aber das macht diesen Raum zu einem Fluchtpunkt vor der Welt.
Der dunkelgrüne persische Seidenteppich ist an vielen Stellen schon ganz abgewetzt von den Rollen des ledernen Schreibtischsessels. Der Schreibtisch selbst, ein eichenes Erbstück aus der Jahrhundertwende, wirkt wie eine dominierende Instanz in diesem Raum.
Die hellen Wasserflecken auf der ledernen Schreibtischunterlage und die vordere Kante der Schreibtischplatte, blank poliert von Generationen fettiger Menschenhände, tun der sakrosankten Position des Tisches in der Mitte dieses Raumes keinen Abbruch.
Das in die Jahre gekommene Ensemble passt hierher, kniehohe Bücherregale unter jeder Dachschräge zeugen von Wissen und Nichtwissen. Vor allem das Nichtwissen sollte einen nie verunsichern, sagt Vater immer.
Unwissenheit ist keine Schande, lediglich die Lücken nicht zu schließen, ist frevelhaft.
In der hinteren Ecke unter der Dachschräge steht eine ausgeklappte Doppelbettcouch. Mein Vater schläft schon lange nicht mehr neben Regina, seiner zweiten Ehefrau. Eine Tatsache, die beide in stillschweigendem Einverständnis nach mehr als zwanzig Jahren Ehe nicht nur akzeptieren, sondern sogar begrüßen. Es gibt wichtigere Dinge, die eine gute Ehe ausmachen.
Alles hier sieht aus, als sei Vater gerade aus dem Zimmer gegangen und komme gleich wieder die knarrenden Holzstufen aus dem ersten Stock herauf. Eine Kanne Tee in der Hand, zündet er das Teelicht im Stövchen an, das auf der Kommode unter einer Dachgaube steht. Ich sehe es genau vor mir, wie er die Kanne über die Kerze stellt, sich in einen der Sessel fallen lässt und mir den Platz gegenüber anbietet.
Dann fragt er stets ohne Umschweife nach dem Grund meines Kommens. Denn seit meine Kindertage vorüber sind, in denen ich täglich hier oben mit meinen Barbiepuppen auf dem Teppich spielte, während er am Schreibtisch Bücher wälzte, um eine Vorlesung vorzubereiten, sind meine Besuche rar geworden.
Meist komme ich nur hier herauf, wenn ich wieder in einer Sackgasse meines Daseins gelandet bin. Denn ich habe schon viele Konjunktive ausprobiert. Der Erfolg bleibt überschaubar.
Das hat das Verhältnis zu meinem Vater gerade in den letzten Jahren mehr belastet, als mir lieb ist. Ihm missfällt die Art, wie ich durchs Leben gehe, vermutlich aus dem Grund, weil es ihn zu sehr an Martha erinnert, meine leibliche Mutter.
Doch im Gegensatz zu ihr bin ich nicht in der Lage, die Dinge zu Ende zu bringen. Zwei abgebrochene Studiengänge, erst Kunstgeschichte, dann Malerei. Ich habe keine Berufsausbildung, kann mich nie dazu durchringen, bei einer Sache zu bleiben. Es gibt so viele Dinge auf der Welt, die ich ausprobieren will. Aber ich verliere schnell das Interesse, sobald ich etwas begonnen habe. Ich habe kein Durchhaltevermögen. Warum auch? Da warten noch tausend andere Sachen auf mich, da draußen.
Noch immer lebe ich in den Tag hinein wie ein Teenager, obwohl ich letzten Monat meinen Dreißigsten gefeiert habe.
Jetzt wird mir zum ersten Mal klar, dass ich mit meinem Vater nie wieder ein Gespräch bei einer Tasse Tee führen werde. Vehement schiebe ich diesen Gedanken beiseite. Noch nicht, denke ich. Noch will ich es nicht wahrhaben.
Martha hat vor ziemlich genau einem Vierteljahrhundert unser in fest verlegten Gleisen verlaufendes Familienleben verlassen und genau das getan, was mein Vater sich Zeit seines Lebens nicht getraut hat.
Martha lebt bis heute den Konjunktiv ihres Lebens, das was wäre, wenn. Und sie lebt es mit allen Konsequenzen.
Ich war fünf, und der Abend, bevor Martha verschwand, war ein Abend wie jeder andere. Sie saß am Küchentisch, das Kinn in die Hände gestützt, wie immer einen Stapel Bücher vor sich. Sie las ständig, immer parallel, ein Buch war nie genug. Sie saugte Wissen in sich auf, wie andere Kette rauchen.
Als Medizinerin war sie ein Überflieger, hatte ihre Doktorarbeit abgegeben, noch bevor ihre Kommilitonen ihre Assistenzzeit absolviert hatten. Martha war ihren Mitmenschen immer einen Schritt voraus. Vermutlich einer der Gründe für meinen Vater, sich in Martha zu verlieben. Sie ist eine kluge Frau.
Martha las, sah von Zeit zu Zeit kurz auf, den Blick in eine für mich verborgene Ferne gerichtet. Ich kann mich gar nicht erinnern, dass sie jemals wirklich anwesend war, dass sie mich, ihre Tochter, wirklich wahrgenommen hat.
Entweder steckte ihre Nase in Büchern oder ihr Blick in den Wolken.
Mein Vater sagte, sie sei wie eine Marathonläuferin, süchtig nach Bewegung. Ihr Herz schlug immer mit voller Wucht. Für alles, was ihr wichtig war, brannte sie lodernd wie ein Mittsommerfeuer. Ich gehörte nicht dazu.
Bevor ich an diesem Abend ins Bett ging, erschien ich pflichtbewusst in der Küche und gab ihr einen Gutenachtkuss. Sie beugte sich zu mir herunter, ich roch das Vanillearoma ihrer Haut, ein vertrauter Duft, den ich auf ewig mit ihr verbinde. Vanille erinnert mich immer daran, dass ich es nicht wert gewesen bin, dass Martha bei uns blieb.
An diesem besagten Abend sah sie mich einen Moment länger an als sonst, fuhr mir mit der Hand durch das federleichte Kinderhaar und sagte:
„Du wirst es schaffen, du hast mein starkes Herz.“
Ich verstand das nicht, war nur glücklich, dass sie mich wahrnahm und ging ins Bett, den Hauch ihres Kusses auf meiner Nasenspitze.
Am nächsten Morgen war sie verschwunden.
Vater sagte damals zu mir, wir seien von nun an auf uns allein gestellt, er und ich. Und dann fuhr er mit mir nach Travemünde. Das tat er oft, wenn er Abstand brauchte.
Martha hatte die tatenlosen Tage am Meer, an denen man nur am Strand spazieren ging, immer als verschwendet empfunden. Deshalb waren Vater und ich schon vor ihrem Verschwinden oft nur zu zweit dort gewesen.
Ich liebte nicht nur den abenteuerlichen Weg dorthin, denn wir mussten durch die damalige DDR fahren, um nach Travemünde zu kommen. Ich liebte auch das Gefühl des miteinander verschworen Seins zwischen meinem Vater und mir.
Immer, wenn wir durch DDR-Gebiet fuhren, stellte ich mir vor, wir seien Spione und unterwegs, um die Geheimnisse eines fremden Landes zu erkunden. Mein Vater und ich dachten uns Geschichten aus, was wir alles entdecken würden.
Wenn wir dann über die Grenze in den „echten“ Westen fuhren, klopfte mein kindliches Herz bis zum Hals. Die finster dreinschauenden Grenzsoldaten waren mir unheimlich. Zugleich fühlte es sich an wie ein Sieg über das in meiner Fantasie gefährliche Land, wenn wir den Grenzposten hinter uns ließen.
Später, nach dem Mauerfall, als der ganze Spuk vorbei war, kaufte mein Vater ein strohgedecktes Ferienhaus im Brandenburgischen Hinterland kurz vor der polnischen Grenze.
Er hatte es auf einer seiner ersten Erkundungsfahrten nach der Grenzöffnung entdeckt.
Es war nur eine Stunde von Berlin entfernt, und wir nannten es das Kranichhaus.
Es liegt zwischen Wald und Moor, wo die Kraniche im Sommer brüten. Bis heute ist es der Fluchtpunkt, wann immer es meinem Vater in Berlin zu eng wird.
Manchmal denke ich, es ist schon seltsam, dass er seinen persönlichen Fluchtpunkt ausgerechnet in einem Landstrich gefunden hat, der früher als Gefängnis für viele Menschen galt.
Die Tage am Meer waren Tage des Müßiggangs, und wir ließen sie an uns vorüberziehen wie eine leichte Brise.
Ich vermisste Martha nicht, für mich hatte sich nichts geändert. Im Gegenteil. Ich genoss es, meinen Vater ganz für mich allein zu haben.
Wenn wir am Meer waren, war er ein anderer Mensch. Nicht der Dozent für alte Geschichte, nicht der Ehemann, nicht der Vater, der meine mangelhaften Tischmanieren monierte oder darauf bestand, dass ich pünktlich um sieben im Bett lag. Er war einfach er selbst, ein unruhiger Geist in einem ruhigen Körper, ein Mann, dessen Gedanken zwar häufig abschweiften, der aber immer bereit war, mit mir, seiner Tochter, über das Leben zu philosophieren, obwohl ich in meiner Kindlichkeit sicher kein adäquater Gesprächspartner für ihn gewesen sein dürfte.
Und so war ich auch damals, nach Marthas Verschwinden, schnell über den Verlust einer Mutter hinweggetröstet, die in meiner Wahrnehmung sowieso nie eine Mutter gewesen war.
Wenn der Ostwind hereinzog, die Wellen an den Buhnen brachen und am Tang zerrten, der sich über viele Gezeiten hinweg im Holz festgefressen hatte, rannte ich zum Strand hinunter, um mich gegen den Wind zu stemmen und meinem Vater zu zeigen, dass ich unerschrocken und mutig war, genau wie er.
Zumindest glaubte ich damals, dass er ein unerschrockener, mein ganz persönlicher Held war.
Und wenn der Sturm vorbei war, Stille einkehrte oder eben das, was man am Meer als Stille bezeichnen kann, die Wellen sanfter wurden, mit dem feinen Sand spielten, bevor das Wasser winzige Kalkpartikel zerborstener Muscheln auf dem Weg zurück in das offene Meer trug, wenn die ablandige Strömung wie friedvolles Murmeln klang, nur um den Anschein zu erwecken, die Ostsee sei gezähmt, fühlte ich mich als Siegerin. Ein Gefühl, das ich heute nur allzu oft vermisse.
Ich erinnere mich genau an einen ganz besonderen Strandspaziergang mit ihm, nachdem Martha weg war.
Ich hatte meine Hand in kindlicher Naivität der meines Vaters anvertraut, das Wasser der herbstlichen Ostsee leckte an meinen nackten Füßen, und ich tänzelte im Sand, weil sich die Kälte anfühlte wie Nadelstiche.
Papas Blick fixierte den Horizont, und er sagte zu mir:
„Jetzt glaubst du noch, alles bleibt für immer. Vor dir liegt die Ewigkeit und scheint dir mehr zu bieten, als du jemals deine Vergangenheit nennen wirst.“
Er presste die Lippen aufeinander.
Sein Brustkorb hob sich, als er die salzige Luft inhalierte.
Dann ließ er die Luft geräuschvoll durch die geblähten Nasenflügel wieder entweichen. Sein Blick auf den Horizont fixiert, sprach er weiter.
„Das ist es, was uns kämpfen lässt“, sagte er, „der Glaube an die Ewigkeit und dass etwas für immer bleibt.“
Er wischte sich mit dem Handrücken flüchtig über die Augen, beugte sich zu mir herunter und schob mir seine Hand unter das Kinn. Ich musste ihn ansehen, und sein grauer Blick machte mir Angst.
„Verlass dich nie auf andere, hörst du! Verlass dich immer nur auf dich selbst! Und wenn du das Gefühl hast, dass du alleine nicht mehr weiterkommst, dann komm zu mir. Verstehst du das?“
Ich nickte, auch wenn ich nicht wirklich begriff, was er mir damit sagen wollte.
Er legte seine Stirn an die meine und schloss die Augen. Sein Gesicht verschwamm vor mir. Die Ostsee durchnässte inzwischen meine hochgekrempelten Hosenbeine, doch ich wagte nicht, mich zu bewegen.
So standen wir, umspült vom Wasser. Unter meinen Füßen entstand eine kleine Kuhle, der Sand wurde langsam aber sicher fortgespült.
Noch bevor ich ins Wanken geriet, öffnete mein Vater seine Augen, hob mich hoch und wirbelte mich durch die Luft. In seinen Pupillen tanzten Wolken, und ich spürte seinen starken Arm unter meinem Po.
Ich umschlang seinen Hals, der nach fischigem Ostseewind roch und glaubte fest daran, dass ich mich immer auf ihn verlassen könne. Anschließend bestiegen wir einen Leuchtturm und sahen uns das Meer von oben an.
Seither sind fünfundzwanzig Jahre vergangen.
Martha war nie mehr zurückgekommen. Mein Vater hingegen war immer für mich da. Bis jetzt.
Ich ziehe die rechte untere Schublade von Vaters Schreibtisch auf und erkenne die darin liegenden Dokumente wieder.
Ich erinnere mich noch an den letzten Sommer, an den Tag seines sechzigsten Geburtstages, als er mir erklärte, um welche Dokumente es sich handle und auf was ich achten müsse.
Ich war gerade zurück in Berlin, das ich drei Jahre zuvor fluchtartig verlassen hatte, weil ich mir ein Leben als Malerin in Paris erträumt hatte. Doch auch dieser Konjunktiv war gescheitert.
Mein Vater machte mir keine Vorhaltungen, auch wenn er allen Grund dazu gehabt hätte.
Ich war einem Franzosen namens Pierre hinterhergelaufen wie ein Teenager, weil ich geglaubt hatte, mit ein paar Aquarellen von Notre-Dame könne man in Paris seinen Lebensunterhalt verdienen. Doch es hatte nicht mal für die Miete eines zehn Quadratmeter kleinen Zimmers im Dachgeschoss eines Pariser Altbaus gereicht.
Die Liebe zu Pierre war vorbei, ich hatte einen Haufen Schulden, und so war ich reumütig nach Berlin zurückgekehrt. Zurück in mein Jugendzimmer und zurück unter die finanziell wärmende Decke meines elterlichen Hauses.
Mein Vater verlor kein Wort darüber. Ich glaube, er war einfach nur froh, dass ich nicht in der Gosse gelandet war.
Er habe die Semesterferien genutzt, sagte er damals, und aufgeräumt. Er ist ein Mensch, der nichts wegwerfen kann, aber von Zeit zu Zeit packte es ihn trotzdem, und er versuchte es wenigstens. Jedenfalls, sagte er, habe er ein Testament verfasst.
Ich weiß noch, wie ich erschrak und ihn fragte, ob er krank sei. Nein, sagte er, aber er sei nun sechzig Jahre alt, und man wisse ja nie. Auch wenn ich mich seines Vertrauens gerade in den letzten drei Jahren nur bedingt würdig erwiesen hätte, so wolle er doch, dass ich über alles Bescheid wisse.
Und so hielt er mir die Mappe entgegen, die unter anderem eine Abschrift seines Testaments enthielt und erklärte mir, das Original läge beim Anwalt, dessen Visitenkarte ebenfalls in der Mappe zu finden sei.
Die Mappe, in der sich auch die Testamentskopie in einem großen braunen Umschlag befindet, ist mit einem gedruckten Etikett beklebt. Mein Vater hat eine furchtbar unleserliche Handschrift.
Ich muss an Regina denken, Vaters Gefährtin. Warum hat er eigentlich nicht ihr die Verantwortung für diese Unterlagen übertragen?
Regina ist Marthas Studienfreundin gewesen und ersetzte sie beinahe nahtlos, als diese uns verließ. Die beiden hatten nur ein paar Semester zusammen studiert, denn Regina hat das Studium nie beendet. Mit Mühe hatte sie das Physikum geschafft, dann aber nach dem achten Semester aufgegeben. Sie hat sich stattdessen auf alternative Medizin spezialisiert und betreibt heute ihre Praxis im Souterrain unseres Hauses.
Ziemlich bald nachdem Martha verschwunden war, hatte Regina ihren Platz eingenommen.
Bis heute bin ich nicht ganz sicher, in welche Vision Reginas sich mein Vater tatsächlich verliebte, die bedingungslos Liebende oder die treusorgende Mutter.
Regina entspricht zumindest nicht unbedingt dem Abbild einer attraktiven Frau. Sie ist klein, etwas zu dick, und ihr dichtes Haar steht ihr um den Hinterkopf wie ein Vogelnest. Sie pflegt den Dutt mit einem Bleistift hochzustecken und sieht damit aus wie eine vegane Grundschullehrerin.
Doch für Vater spielte das Aussehen keine Rolle. Auch Regina hat ein starkes Herz und eine eigene Meinung, wenn auch nicht so offenkundig, wie Martha diese vielleicht vertrat. Regina lenkt im Stillen, aber nicht minder erfolgreich.
Und sie versteht es bis heute hervorragend, immer wieder ein gutes Wort für mich einzulegen, wenn meinem Vater bei meinem unsteten Lebenswandel doch mal die Geduld ausging.
Ich bin überzeugt davon, dass Regina in vielen Dingen, was die Ehe mit meinem Vater betrifft, das letzte Wort hat, auch wenn es nicht so aussieht.
Sie nutzte damals die Gunst der Stunde. Nach all den Jahren, die sie aus der Ferne dem scheinbaren Glück meiner Eltern zugesehen hatte, brachte sie sich plötzlich in unser Familienleben ein. Dass sie meinen Vater liebte, ist bis heute unverkennbar.
Damals jedenfalls war er herzerfrischend unpraktisch, ein Wissenschaftler eben. Er wühlte gern in alten Büchern und fuhr als junger Student tagelang durch die italienische Pampa, nur um diese eine etruskische Höhle zu finden, von der er in einem ganz bestimmten Buch gelesen hatte, und die sagenhafte Zeichnungen an ihren Wänden aufwies, wie es sie nirgendwo sonst auf der Welt gab.
Als junger Vater war er ein unpraktischer Hausmann und ein schlechter Koch gewesen. So manches Mal ging ich in einem rosa verfärbten, eigentlichen weißen Kleidchen vor die Tür, weil Vater mal wieder Bunt- und Weißwäsche vermischt hatte. Wir lebten häufig von Mensaessen in der Uni, und am Wochenende gab es Pizza aus der Tiefkühltruhe oder belegte Brote. Dieser Mann musste einfach gerettet werden.
Vermutlich war es vor allem diese Vision von Regina, in die sich mein Vater verliebte. Die selbstlose Retterin, die liebende Stiefmutter, die keine eigenen Kinder bekam, sondern ihre ganze Liebe über dem Kind der egomanen Freundin, die nun keine Freundin mehr war, ausschüttete. Nebenbei machte sie Vater zu ihrem Bettgefährten.
Eines muss ich Regina wirklich anrechnen: Sie sorgte für uns. Sie liebt mich wie ihr eigenes Kind, dabei habe ich es ihr nicht leicht gemacht.
Besonders als ich ihr in meinen Teenager-Tagen immer wieder unter die Nase gerieben hatte, dass sie nicht meine wahre Mutter sei, war sie stoisch und gelassen geblieben und hatte nie auch nur ein einziges böses Wort über Martha verloren.
Nur ein einziges Mal war sie aus ihrer souveränen Rolle gefallen.
Ich stand mitten im Abitur, und sie nervte mich täglich mit Abfragen und Prüfungsvorbereitungen. Da schrie ich sie an, sie solle mich endlich in Ruhe lassen, und wenn Martha, meine echte Mutter wüsste, was man hier von mir verlange, würde sie sofort kommen und mich retten.
Da sah Regina mich plötzlich sehr ernst an, hob die Hand und streichelte mir in einer liebevollen Geste die Wange. Ich wähnte mich schon als Siegerin, als sie sagte:
„Martha rettet nur Kinder in Afrika.“
Ich klappe nun diese Mappe auf. Ganz oben liegt ein Brief. Er ist, ich traue meinen Augen kaum, tatsächlich an Martha gerichtet. Ich werde ihn ihr geben müssen, wenn Sie nach Deutschland kommt. Vater ist letzte Nacht gestorben.
Ich war nie ein Grund für Martha, zurückzukehren, Vaters Tod wird einer sein.
August 1989
D er schon den ganzen Sommer über anhaltende Regen webte ein feines Netz aus Wasserfäden über die Landschaft, als wolle er sie einspinnen. Unter der wässrigen Glocke herrschte Spannung, eine Spannung, die trotz ihrer Unsichtbarkeit mit den Händen greifbar war.
Es ging etwas vor sich, von dem die Menschen noch nicht wussten, wie sie es einordnen sollten, über das sie kaum wagten, in der Öffentlichkeit zu reden, geschweige denn, ihre Meinung dazu zu äußern. Und doch war sie da, diese Spannung, und mit ihr die Rufe, die immer lauter wurden. Die Rufe nach Freiheit.
Diejenigen, die Westfernsehen empfingen, saßen Abend für Abend gebannt vor dem Bildschirm und saugten die neuesten Nachrichten aus der bundesdeutschen Botschaft in Prag auf. Wie viele hatten es wohl an diesem Tag wieder über den Zaun geschafft?
Manch einer stellte morgens fest, dass das Haus nebenan über Nacht leer geworden war, die Bewohner verschwunden. Sie hatten alles zurückgelassen, was sie besaßen.
Es rumorte überall. Seit am neunzehnten August für einige Stunden die Grenze in Ungarn geöffnet worden war und die Leute zu Tausenden nach Österreich fliehen konnten – viele nur mit dem, was sie am Leib trugen – gab es fast kein anderes Thema mehr, über das so beredt geschwiegen wurde.
Immer mehr Nachbarhäuser leerten sich. Diejenigen, die blieben, fragten sich, wo das hinführen sollte, und immer lauter wurden auch die Rufe nach Antworten.
Mich interessierte das alles nur bedingt. Politik war mir eigentlich egal, doch selbst mir fiel es schwer in diesem Sommer, an der Politik vorbeizukommen.
Zu den Vorgängen in Prag hatte ich eine klare Meinung: Sollten die Leute doch gehen, wenn es ihnen hier nicht mehr gefiel. Für mich käme das nicht in Frage.
Ich war siebzehn, und es war mein letzter Sommer vor dem Schulabschluss. Im nächsten Jahr wollte ich Abitur machen.
Ich ärgerte mich maßlos darüber, dass meine Eltern mir verboten hatten, in den Ferien mit Sarah, meiner besten Freundin, an die Ostsee zum Zelten zu fahren.
Meine trotzige Wut darüber glich zwar eher einer unausgegorenen Erstklässlerin als einer baldigen Schulabgängerin, aber das war mir egal.
Meine Eltern begründeten ihr Verbot damit, dass Sarah und ich noch nicht volljährig waren. Lächerlich, wenn ich bedachte, dass ich im Oktober meinen achtzehnten Geburtstag feiern würde. Für mich lag auf der Hand, dass eine ganz andere Angst dahintersteckte.
Auch meinen Eltern entging nicht, was in unserem Land gerade passierte. Sie konnten das genauso wenig einordnen wie alle anderen, und so lag das Verbot zum Zelten näher, als die Auseinandersetzung mit mir und eine gerechte Bewertung meines Verhaltens. Schließlich war ich – im Gegensatz zu Sarah – ganz sicher die Verantwortungsbewusste und hatte das auch schon oft genug unter Beweis gestellt.
Klugscheißerei nannte meine Mutter das, als ich ihr das vorwarf, jede Ferienwoche erneut versuchte, sie doch noch davon zu überzeugen, dass wir einfach nur ein bisschen Spaß auf dem Zeltplatz in Boltenhagen haben wollten und ganz sicher nicht in den Westen abhauen würden.
Ihre Erlaubnis zu fahren wäre zumindest ein kleiner Ausgleich dafür gewesen, dass mein Vater in diesem Jahr keinen FDGB-Ferienplatz in Zingst ergattert hatte. Ich war gezwungen, acht Wochen Sommerferien in meiner Heimatstadt Fürstenwalde zu verbringen. Acht langweilige Wochen in einer Kleinstadt an der Spree im östlichen Brandenburg, die ungefähr so aufregend war wie ein morgendlicher Fahnenappell auf dem Schulhof der Erweiterten Oberschule Ottomar Geschke.
Du kannst ja ins Ferienlager fahren, sagte meine Mutter. Doch ich hatte sie nur müde angelächelt. Das ist was für Kinder, hatte ich geantwortet, und dann hatte sie gelächelt und gesagt, ich würde mich ja auch wie eines benehmen.
Jetzt, Ende August, waren die Ferien fast vorbei, und ich wusste nur zu gut, dass das kommende Schuljahr mein härtestes werden würde. Die Frage, was ich nach dem Abitur machen würde, hatte ich noch längst nicht für mich geklärt.
Meine Mutter wollte, dass ich studierte, am besten Lehramt, genau wie sie. Doch ich wollte lieber Fotografin werden.
Seit mein Vater mir die russische Praktika abgetreten hatte, fotografierte ich wie wild und hatte das fensterlose Badezimmer am Ende des Flurs der elterlichen Wohnung zu einer Dunkelkammer umfunktioniert.
Nur für die Ferien, musste ich meinen Eltern versprechen. Dennoch fluchte meine Mutter jeden Abend, weil sie immer erst die quer über der Badewanne liegenden Holzlatten wegräumen musste, wenn sie duschen wollte.
Ich hatte darauf die Schalen mit der Entwickler- und der Fixierflüssigkeit deponiert, die ich für meine Fotos brauchte. Auch steckte jeden Abend noch die Decke im Türschlitz, der eigentlich zur Belüftung des Badezimmers diente.
Die Decke musste sein, damit kein Licht vom Flur ins Bad dringen konnte.
Mit viel Mühe hatte ich mir das ganze Zubehör für meine Dunkelkammer organisiert, und mein Vater hatte mir nicht nur gezeigt, wie man mit dem Belichtungsmesser umging, sondern auch, wie ich die Fotos selbst entwickeln konnte.
Seit Wochen hing die Wäscheleine voll mit Schwarz-Weiß-Motiven der brandenburgischen Seenlandschaft, Bilder von Sarah und mir beim Baden und allerlei anderen, für Außenstehende vermutlich uninteressanten Perspektiven auf meine Heimatstadt. Doch was sollte ich auch sonst fotografieren. Zum Zelten durfte ich ja nicht.
Ich war völlig durchnässt, als ich an diesem Nachmittag nach Hause kam. Stundenlang hatte ich im Wald auf dem Hochsitz am Moor verbracht und Kraniche beobachtet. Dort oben konnte ich meinen Ärger über die verpatzten Ferien vergessen.
Denn ich liebte das Alleinsein auf dem Hochsitz, diesen Frieden über dem Moor und den Geruch nach feuchter Erde. Hier konnte ich den Blick umherschweifen lassen, fühlte mich zurückversetzt in meine Kindertage, als wir noch Entdecker waren und die Welt beinahe jeden Tag mit neuen Augen sahen.
Sarah fand das Umherstreifen im Wald inzwischen albern und kam schon seit einiger Zeit nicht mehr mit auf meine Naturausflüge. So was machen doch nur kleine Mädchen, sagte sie und dass sie lieber etwas erleben wolle. Noch wenige Jahre zuvor war das anders gewesen.
Da waren wir zusammen mehrmals wöchentlich die paar Kilometer von Fürstenwalde mit dem Rad durch den Wald bis rüber zum Moorgebiet von Bad Saarow gefahren.
Die Leute erzählten sich, dass dort immer noch die Moorhexe in einer kleinen Kate am Rand des Moorgebietes hauste. Sie würde einem die Zukunft aus der Hand lesen, und das hatte uns beide, wir waren damals dreizehn Jahre alt, natürlich neugierig gemacht.
Früher soll die Alte angeblich eine Malerin gewesen sein und im Morgengrauen nackt auf dem Pferd zum See geritten sein. Doch das hatte ich schon damals nicht geglaubt. Die Leute reimen sich ja schnell etwas über jemanden zusammen, der nicht in die Norm passt.
Jedenfalls hatten wir tagelang damit zugebracht, die windschiefe Kate aus der Ferne zu beobachten, um einen Blick auf die Moorhexe zu erhaschen. Dabei trauten wir uns nicht nahe genug ran, da mehrere räudige Hunde auf dem Grundstück umherstrichen.
Und dann waren wir doch erwischt worden von keiner Geringeren als der Moorhexe selbst.
Es stellte sich heraus, dass die Alte gar nicht so gruselig war. Sie unterhielt sich mit uns und nahm dann meine Hand. Ihre trüben Augen blickten lange auf meine Lebenslinie. Dann sah sie auf und ihr Blick erhellte sich.
Du wirst eine Menge Glück haben im Leben, sagte sie. Aber du wirst viele Jahre brauchen, um das zu erkennen. Und du wirst sehr jung eine sehr große Liebe erfahren, die dich dein Leben lang nicht mehr loslassen wird.
Dann nahm sie Sarahs Hand und prophezeite ihr, sie hingegen werde viele Lieben haben und wie ein Bienchen von Blüte zu Blüte fliegen. Sie würde sich niemals festlegen, weil keine dieser Lieben es wert wäre, zu bleiben.
Dann hatte sie Sarahs Hand getätschelt und gesagt, das sei recht so, auch wenn die Leute etwas anderes behaupten würden. Wenn man sich entscheide, bei jemandem zu bleiben, dann sollte man das mit ganzer Überzeugung tun und nicht mit halbem Herzen.
Auf dem Heimweg hatten wir darüber gelacht und ich konnte mich nicht zurückhalten, die Alte und ihre Weissagungen noch einmal nachzuahmen. Die große Liebe zu finden, das prophezeite doch jede Wahrsagerin. So ein Quatsch. Und überhaupt, Sarah würde doch kein Flittchen werden, das sich eines Tages die Männer pflückt wie andere einen Strauß Sommerblumen.
Wer weiß, hatte Sarah gesagt und dabei gegrinst, als würde ihr diese Vorstellung gefallen. Und dann hatten wir abermals gekichert und uns noch lange Zeit amüsiert. Schließlich, so hieß es, sei die Moorhexe gestorben. Doch da waren wir beide der Faszination der kindlichen Weissagungen längst entwachsen. Was blieb, war die Erinnerung an einen fantastischen Sommernachmittag.
Mittlerweile interessierte mich mehr, dass in diesem Moorgebiet, wo früher die Moorhexe gehaust hatte, Kraniche rasteten. Diese größten Vögel Europas fand ich ungemein beeindruckend. Sie schritten so elegant über die nassen Wiesen, als präsentierten sie sich in ihrem Federkleid auf einem Laufsteg. Ihre lautes Gui-gui kündigte sie an, lange bevor ich sie wirklich sah. Sehr bald konnte ich diesen Ruf aus allen anderen Naturgeräuschen problemlos heraushören. Für mich war es wie ein Ruf der Freiheit.
Kraniche kannten Teile der Erde, von denen ich nur träumen konnte: den skandinavischen Norden ebenso wie den spanischen Süden. Sie scherten sich nicht um Grenzen, sie flogen einfach drüber hinweg. Schon bald würden sie sich wieder in Scharen sammeln, um gemeinsam in ihre Winterquartiere zu ziehen.
Doch was mich noch viel mehr beschäftigte, war, dass Kraniche, trotz ihrer Möglichkeit zur absoluten Freiheit, ihren Partnern ein Leben lang treu blieben.
War der Herbst mild, zögerten sie ihren Abflug bis weit in den November hinaus. Dann konnte ich einzelne Paare im aufsteigenden Morgennebel über die Wiesen schreiten sehen. Ihre Konturen hoben sich nur unscharf im Dunst der Landschaft ab und sie waren immer zu zweit. Der harmonischste Anblick, den ich je gesehen hatte.
Leider besaß ich kein richtiges Teleobjektiv, und mein Fotoapparat hatte nur eine Festbrennweite von achtzig Millimetern. Es war unmöglich, sich so nah an die Tiere heranzupirschen, dass ich sie ordentlich fotografieren konnte.
Bei dem Regen an diesem Tag hatte ich mich also damit zufriedengegeben, die Vögel von meinem Hochsitz aus mit dem Fernglas zu beobachten.
Jetzt musste ich mich beeilen, denn ich war mit Sarah im Kino verabredet. Doch zuvor brauchte ich dringend ein paar trockene Klamotten.
Schnell schloss ich die Wohnungstür auf und trat in den Flur. Meine Eltern saßen in der Küche, und ich hörte sie reden.
„Die Nadine ist jetzt auch weg“, sagte mein Vater. Sie saßen beim Nachmittagskaffee am Küchentisch.
„Mit Mann und Baby. Und der Herr Kreisarchitekt hatte heute schon Besuch von zwei Herren in Grau“, fuhr mein Vater fort.
„Besuch von der Stasi?“, fragte meine Mutter. „Wird das denn Konsequenzen für ihn haben?“
„Ich glaube nicht“, antwortete Vater. „Also, was sollen die denn tun? Sie können ja nicht jeden verhaften, dessen Familie plötzlich weg ist.“
Meine Mutter rührte gerade Kondensmilch in ihren Kaffee, als ich in der Küchentür erschien.
„Wo kommst du denn her?“, fragte sie.
„Ich war drüben in Saarow im Moorgebiet und jetzt muss ich mich schnell umziehen, weil ich mit Sarah ins Kino will.“
Ich tapste auf nassen Strümpfen in die Küche und griff in die offene Keksdose. Erst jetzt merkte ich, dass ich sehr hungrig war, denn über meine Beobachtungen hatte ich das Mittagessen ausfallen lassen.
„Ich werde nie verstehen, was dich bei dem Wetter nach draußen treibt. Du bist ja völlig durchnässt“, sagte meine Mutter. „Du schaffst es noch, dir mitten im Sommer eine Lungenentzündung einzufangen.“ Sie schüttelte den Kopf.
„Schon wieder ins Kino?“, fragte Vater. „Was gibt es denn diesmal?“
„Dirty Dancing.“
„Immer dieser amerikanische Kitschkram. Den Film habt ihr doch schon mindestens fünf Mal gesehen“, grummelte er.
„Zehn Mal, Vati, zehn Mal. Heute sehen wir ihn das elfte Mal. Was sollen wir auch anderes machen? An die Ostsee fahren dürfen wir ja nicht“, stichelte ich und verschwand dann schnell über den Flur in mein Zimmer.
Den Vorwurf meiner Mutter, dass mein Mittagessen immer noch unberührt im Kühlschrank stehe, überhörte ich. Doch als sie die Stimme wieder senkte, um mit meinem Vater über etwas zu reden, was ich anscheinend nicht hören sollte, lauschte ich doch hinter meiner angelehnten Zimmertür.
„Mir gefällt das gar nicht“, sagte meine Mutter.
„Ja, sie ist klitschnass. Sie könnte sich wirklich ernsthaft erkälten“, antwortete mein Vater.
„Das meine ich doch gar nicht“, sagte Mutter. „Mir gefällt nicht, dass sie mit Sarah so viel Zeit verbringt. Dieses Mädchen kommt aus dubiosem Hause.“
„Aber Margot, die Mädchen kennen sich seit der ersten Klasse“, erwiderte Vater. „Das hat dich doch bisher auch nicht gestört.“
„Ich weiß“, antwortete sie. „Aber als ich neulich die Wäsche zum Mangeln gebracht habe, hat mir die Schulze erzählt, dass die Eltern von Sarah heimliche Treffen veranstalten. Im Keller ihres Hauses, nachts. Die Schulze wohnt doch gegenüber und sieht immer das Licht in den Kellerfenstern. Neulich hat sie beobachtet, wie spät abends lauter Fremde aus dem Keller kamen.“
„Die Schulze hat ihre Augen wirklich überall“, sagte Vater, „die alte Klatschtante.“
„Ich möchte nicht, dass unsere Katja da in irgendwas verwickelt wird“, sagte Mutter.
Ich schlüpfte in eine gebleichte Jeans und wechselte mein feuchtes T-Shirt gegen eine Baumwollbluse. Dann huschte ich ins Bad, holte mir ein Handtuch und rubbelte meine Haare trocken.
„In was soll ich nicht verwickelt werden?“, rief ich dabei laut über den Flur, weil ich vergessen hatte, dass ich eigentlich nur heimlich gelauscht hatte.
Ich blieb in der Küchentür stehen, um zu demonstrieren, dass ich sie hören konnte.
„Sarah, also die Eltern von Sarah…“, begann meine Mutter, während ich schnell noch einmal in die Keksdose griff. Ich war so hungrig.
„Also Mutti, kannst du mich mal endlich damit in Ruhe lassen? Ich meine, dauernd hast du an Sarah was auszusetzen. Ich weiß wirklich nicht, was das soll“, rief ich kauend.
Dabei wusste ich ganz genau, was sich die Leute erzählten, und ich wusste auch, dass die Leute Recht hatten.
Sarah hatte mir selbst von den abendlichen Treffen erzählt, die ihre Eltern im Keller veranstalteten, um über die politische Lage zu diskutieren. Da gab es eine Gruppe, die sich Neues Forum nannte. Denen wollten sich Sarahs Eltern anschließen. Ob ich auch mitmachen wolle, hatte Sarah mich gefragt, doch ich hatte vehement abgelehnt. Ich sei gänzlich unpolitisch, hatte ich behauptet, und Sarah hatte nur geantwortet, dass niemand gänzlich unpolitisch sei, schon gar nicht in diesen Zeiten.
„Ich will ja nur nicht, dass du so kurz vor deinem Abschluss mit diesen Leuten in Verbindung gebracht wirst“, sagte meine Mutter.
„Mit diesen Leuten?“, rief ich und wurde jetzt doch ein bisschen sauer. „Du redest von Sarah und ihrer Familie, als seien sie Kriminelle.“
„Naja, ein bisschen undurchsichtig ist das Ganze schon“, mischte sich nun mein Vater ein. „Immerhin ist uns allen nicht ganz klar, was Sarahs Vater vor Jahren dazu bewogen hat, seine gut bezahlte Stelle als Chefpsychiater am Leipziger Unikrankenhaus aufzugeben, um hier in der Poliklinik ein karrierefreies Dasein zu fristen.“
„Es war das Asthma von Sarahs Mutter“, antwortete ich. „Die Leipziger Braunkohleluft hätte sie umgebracht.“
„Soweit die offizielle Version“, sagte meine Mutter.
„Aber wer kennt schon die ganze Wahrheit?“
„Also wirklich, Mutti, du siehst Gespenster.“
Jetzt nervte mich das alles noch mehr, dieses ganze politische Getue und die ständige Vorsicht, dass man ja nichts Falsches sagte. Langsam konnte ich verstehen, warum die Leute über die Prager Botschaft das Weite suchten.
Gerade in diesem Sommer wurde mir immer mehr bewusst, wie wichtig es war, genau darauf zu achten, was ich in der Öffentlichkeit sagte. Meine Mutter ermahnte mich auch immer wieder, vorsichtig zu sein und mir nicht mit einer unbedachten Äußerung die Zukunft zu verbauen. Als Lehrerin bekam sie natürlich haarklein mit, was mit denen passierte, die sich nicht anpassten.
Doch in diesem Punkt war ich unerwartet rebellisch, hatte keine Lust, mir den Mund verbieten zu lassen. Ich sagte, was ich dachte und war dabei manchmal sehr direkt. Zu direkt.
Doch Sarah war da noch viel schlimmer als ich. Im Gegensetz zu ihr begriff ich zumindest hin und wieder, dass es vielleicht besser wäre, den Mund zu halten, besonders in Diskussionen mit Lehrern. Wahrscheinlich lag das daran, dass meine Mutter eine Lehrerin war.
Ich ging zurück ins Bad, warf das Handtuch auf den Klodeckel und versuchte, meine Haare zu kämmen. Beim Blick in den Spiegel dachte ich, wie sinnlos das sei, denn die brünetten Locken kurbelten ungehindert auf meinem Kopf herum. Egal, dachte ich. Im Kino lief Dirty Dancing, und Sarah hatte ihren Cousin Marc Hellmann zu Besuch.
Marc kam aus Hannover, und ich war schon sehr gespannt auf den Nachmittag. Vielleicht würde ich ja von ihm erfahren, was die andere Seite zu all dem sagte.
Ich ging zurück in die Küche und griff ein letztes Mal in die Keksdose.
„Willst du nicht noch was Vernünftiges essen, bevor du gehst?“, sagte meine Mutter. „Ich kann dir schnell was aufwärmen.“
„Keine Zeit, ich muss los“, rief ich und war schon wieder im Flur, um in meine Schuhe zu schlüpfen.
„Wartet nicht auf mich mit dem Abendessen“, rief ich.
„Sarahs Cousin aus Hannover ist zu Besuch und wir müssen ausgiebig über die politische Lage diskutieren“, provozierte ich ein letztes Mal, schnappte mir schnell meine noch feuchte Regenjacke von der Garderobe und die Schlüssel vom Brett. Ich beeilte mich, aus der Wohnungstür zu kommen. Nicht dass meine Mutter noch versuchen würde, mich aufzuhalten.
Im Laufschritt sprintete ich die Straße entlang. Wie Marc jetzt wohl aussah? Ich hatte ihn noch als pummeligen Fünfzehnjährigen mit Pickeln in Erinnerung, als er damals, im Sommer `84, mit seiner Familie quasi monatelang auf gepackten Koffern gesessen und auf die Ausreise in den Westen gewartet hatte.
Dann, eines Abends im November hieß es, der Antrag sei bewilligt worden, und die Familie hatte binnen weniger Stunden das Land verlassen müssen. Noch jetzt erinnerte ich mich gut daran, wie Sarah und ich am nächsten Tag durch Hellmanns verlassene Wohnung gestreift waren. Das benutzte Geschirr hatte noch in der Küchenspüle gestanden, als seien die Hellmanns nur mal eben einkaufen gegangen.
Und jetzt war es wieder so. Zwei Tage zuvor waren Sarah und ich bei Jenny gewesen. Jennys Eltern waren eine der wenigen, die ein Haus in der Innenstadt besaßen, mit einem Friseursalon im Erdgeschoss, den schon Jennys Großeltern betrieben hatten, und oben drüber die Wohnung. Doch der Laden war geschlossen gewesen und die Wohnung verlassen, bis auf Jennys Oma.
Die fünfundachtzigjährige Frau war dageblieben und lebte nun ganz allein in dem großen Haus. Sie wolle kein zweites Mal auf die Flucht gehen, hatte sie uns erklärt. Ich hatte sie gefragt, warum denn Jennys Familie überhaupt weg sei. Doch die Oma hatte nur angedeutet, dass es etwas mit Jennys Bruder zu tun hatte. Er sollte diesen Sommer zur NVA eingezogen werden und hatte den Dienstantritt verweigert. Mehr wollte sie dazu nicht sagen. Dann meinte sie, wenn der Spuk vorbei sei, würde die Familie wieder zurückkommen.
Sarah und ich hatten nicht ganz verstanden, was die Oma mit Spuk gemeint hatte. Doch die hatte nur versonnen genickt und gesagt, sie habe das alles schon einmal erlebt, und es wäre nur eine Frage der Zeit, bis sich alles wieder beruhige.
Wenige Schritte vor dem Kino hielt ich vor einem Schaufenster an und kontrollierte nochmal mein Spiegelbild. Marc war inzwischen zwanzig und studierte irgendwas mit Wirtschaft.
Mein dichtes Haar kräuselte sich immer noch wild um meinen Kopf, und in der feuchten Luft zogen sich die Locken wie Korkenzieher zusammen. Ich suchte in meiner Jackentasche nach einer Haarklammer, fand aber nur ein rosa Haargummi, dass mir Sarah vor Kurzem geliehen hatte. Sie bekam die Dinger immer von ihrer Patentante aus Westberlin geschickt und manchmal trat sie mir eins ab.
Ich drehte meine Haare zu einem Dutt und wickelte das rosa Gummiband drum herum. Ein bisschen albern war die Farbe schon, aber egal. Ich zupfte ein paar Strähnen locker, und so war das Rosa schnell kaschiert. Eine Haarsträhne zog ich in die Stirn, das hatte ich neulich bei einer Schulkameradin gesehen und fand, es sähe lässig aus. Dann knotete ich meine bestickte Baumwollbluse über dem Gürtel meiner Jeans zusammen, wickelte mein buntes Baumwolltuch locker um den Hals und lächelte ins Schaufenster.
Natürlich würde ich mit dem Westbesuch nicht mithalten können. Marc kam bestimmt in Levi`s. Außerdem hatte er Sarah sicher auch eine tolle Klamotte mitgebracht. Womöglich eines von diesen überdimensional großen schwarz-weiß gewobenen Palli-Tüchern mit Quastenrand. Die waren jetzt drüben total modern, hatte Sarah mir erzählt.
Die hatte vielleicht ein Glück, dass sie von der spendablen Westverwandtschaft profitierte.
Meine Eltern hatten niemanden im Westen, sodass ich mit dem vorliebnehmen musste, was es in der Jugendmode gab. Und das war nicht viel und schon gar nicht chic.
Deshalb trug ich so gern meine selbst bestickten Hippieblusen, wie Sarah diese leicht abfällig nannte.
Ich mochte den blumigen Stil, fühlte mich dann immer wie eines dieser schwedenblonden Models aus den westdeutschen Illustrierten, die bei Sarahs Eltern auf dem Klo herumlagen.
