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April 1990: Kurz nach dem Mauerfall reist Lena aus Wien zu ihrer Großmutter nach Brandenburg, der sie noch nie zuvor begegnet ist. Im Haus am Scharmützelsee hofft sie, ihre Lebenskrise zu bewältigen. Doch sie wird konfrontiert mit der Vergangenheit ihrer Familie und stellt fest, dass über Generationen hinweg ein Gespinst aus Lügen und Missverständnissen entstanden ist. Wird nun endlich die ganze Wahrheit ans Licht kommen? Erzählt wird eine bewegende Familiengeschichte abwechseln in der Gegenwart des Jahres 1990 und in Rückblicken, die von den wilden 1920er Jahren bis zur Spaltung Deutschlands reichen. Ein hautnahes Stück deutsch-deutscher Geschichte.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2018
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April 1990: Wenige Monate nach dem Fall der Mauer reist die junge Lena von Wien nach Brandenburg zu ihrer Großmutter, der sie noch nie zuvor begegnet ist. Getrieben von der Hoffnung, in der Abgeschiedenheit des großmütterlichen Hauses am Scharmützelsee ihren inneren Frieden wiederzufinden, wird Lena dort mit der Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern konfrontiert und muss erkennen, dass ihre Lebenskrise aufs Engste mit der Geschichte ihrer Familie verknüpft ist. Ein Gespinst aus Geheimnissen, Lügen und Missverständnissen hat über Generationen hinweg seine Spuren hinterlassen und bei allen Beteiligten zu Wunden und Verletzungen geführt. Wunden, die nur heilen können, wenn endlich die ganze Wahrheit ans Licht kommt.
Erzählt wird die bewegende Familiengeschichte abwechselnd in der Gegenwart des Jahres 1990 und in Rückblicken, die von den wilden 1920er-Jahren bis zur Spaltung Deutschlands reichen.
Ein hautnahes Stück deutsch-deutscher Geschichte.
Im Angesicht der Ewigkeit ist unser Dasein nur ein Flügelschlag.
April 1990
Mai 1922
April 1990
Juli 1926
April 1990
Herbst 1929
Frühling 1990
Herbst 1933
April 1990
Frühling 1937
April 1990
Sommer 1939
April 1990
Frühling 1961
April 1990
Sommer 1966
April 1990
Ein Ruck ging durch den Waggon, als der Zug mit kreischenden Bremsen zum Stehen kam. Lena war noch ganz benommen von der langen Zugfahrt, während der sie im Halbschlaf vor sich hingedämmert hatte. Erschrocken fuhr sie von ihrem Sitz hoch und schaute aus dem Abteilfenster. Fürstenwalde/Spree las sie auf dem Schild am Bahnsteig. Hektisch raffte sie ihre Zeitschriften, ihr Buch und ihre Thermoskanne von den Sitzen, stopfte alles in eine Plastiktüte und schulterte ihren schweren Rucksack. Wenige Augenblicke später sprang sie vom Trittbrett auf den Bahnsteig.
Fast am Ziel angelangt, überkam sie nun doch die Angst. Hals über Kopf war sie aus Wien aufgebrochen und hatte nicht darüber nachgedacht, was genau sie eigentlich in Brandenburg wollte. Ihr einziger Anhaltspunkt war eine Adresse in ihrer Hosentasche. Auf der Zugfahrt hatte sie den Zettel immer wieder hervorgeholt und darauf gestarrt. Er war inzwischen schon ziemlich zerknittert und die Schrift kaum noch lesbar. Doch das spielte keine Rolle, sie kannte die Adresse längst auswendig.
Unschlüssig blieb sie auf dem Bahnsteig stehen, und erst als sie von jemandem versehentlich angerempelt wurde, gab sie sich endlich einen Ruck und strebte zum Ausgang des Bahnhofsgebäudes.
Ihr fiel sofort der ungewohnte Geruch auf, eine seltsame Mischung aus Abgasen, verfaultem Kohl und Frühlingsdüften. Als ein Bus direkt an ihr vorbeifuhr und sie in eine stinkende Abgaswolke hüllte, musste sie heftig husten. Sie schaute sich nach einem Taxi um, doch weit und breit war keines zu sehen. Also überquerte sie die Straße, um einen Busfahrer zu fragen, wie sie am besten zu der Adresse auf ihrem Zettel gelangte.
„Jerade weg, der richtige Bus, Fräulein. Der nächste jeht erst in zwee Stunden.“
Ratlos ließ sie sich im Bushäuschen auf eine Bank fallen und streifte ihren Rucksack von den Schultern. Der Busfahrer drehte sich zu ihr um.
„Ick hab jetzt Dienstschluss und muss sowieso in die Richtung. Soll ick Se mitnehmen?“
Lena überlegte nicht lange und nickte. Sie hatte keine Lust, zwei Stunden an der Haltestelle herumzusitzen und auf den nächsten Bus zu warten.
„Warten Se hier, ick hol Se ab.“ Wenige Minuten später fuhr er mit einem laut knatternden Trabant vor der Bushaltestelle vor, stieg aus und quetschte ihren großen Rucksack in den kleinen Kofferraum. Erschöpft ließ sich Lena auf den Beifahrersitz fallen.
Der Wagen holperte auf maroden Straßen durch das kleine Städtchen, vorbei an heruntergekommenen zweibis dreigeschossigen Häusern mit Ziergiebeln oder altem Fachwerk, dazwischen heruntergekommene Mietskasernen und größere Gebäude aus rotem Backstein, in denen wohl früher einmal reges Treiben geherrscht haben mochte. Am Ortsausgang kamen sie an einer riesigen Baustelle vorbei, offensichtlich die ersten Anzeichen eines Gewerbegebietes.
„Die schießen jetzt wie Pilze aus 'm Boden“, bemerkte der Busfahrer.
„Überall entstehen diese Supermärkte, und wenn wir in zwee Monaten erst die Westmark haben, dann jeht's richtig los. Globen Se mir, die Leute sind janz verrückt nach Westkaffee und Westschokolade. Als ob wir im Osten nischt Jescheites jehabt hätten.“ Empört schüttelte er den Kopf.
Lena sagte nichts dazu. Sie fühlte sich entsetzlich schlapp, und ihr stand in diesem Moment einfach nicht der Sinn nach einer oberflächlichen Konversation.
„Wo kommen Se denn eijentlich her?“, fragte der Mann sie schließlich.
„Aus Wien“, gab sie kurz angebunden zur Antwort, ohne den Fahrer eines Blickes zu würdigen. Anerkennend pfiff dieser durch die Zähne.
„ Is ne andere Welt hier, wa?“
„Weiß nicht.“ Lena hatte keine genaue Vorstellung von der Gegend gehabt. Sie kannte nur die Berichte aus dem Fernsehen, die Bilder von unzähligen Menschen, die sich mit ihren Trabis in endlosen Schlangen über die Grenze schoben und sich, im Westen angekommen, freudig in die Arme fielen. Doch davon spürte sie hier nichts. Je näher sie der polnischen Grenze kamen, umso verlassener wirkte die Gegend. Die Häuser waren grau und die Menschen ebenfalls. So zumindest kam es ihr vor.
„Wat hat Se denn in unsere Jegend verschlagen?“, unterbrach der Mann ihre Gedanken.
„Ferien“, sagte sie in der Hoffnung, ihre Wortkargheit würde ihn endlich zum Schweigen bringen.
„Ausjerechnet hier? Na, da ham Se sich aber ein einsames Plätzchen ausjesucht, Fräulein.“
Als Lena nicht darauf reagierte, sah er sie von der Seite an. „Besonders gesprächich sind Se ja nich. Ick tipp auf Liebeskummer, wa?“
Lena warf dem Mann einen bitterbösen Blick zu, woraufhin dieser sofort verstummte. Am nächsten Ortsschild bog der Mann von der Hauptstraße ab.
„Wir sind gleich da. Da vorn setz ick Se ab, den Rest können Se dann zu Fuß jehen. Is nicht weit.“ Er hielt am Straßenrand und erklärte ihr den restlichen Weg. Lena bedankte sich und schulterte ihren Rucksack. Der Mann gab Gas und fuhr knatternd davon.
Die Straße war gesäumt von hohen Bäumen, deren hellgrüne Triebe sich gegen das Grau des regenverhangenen Himmels abhoben. Es war ein typischer Apriltag, an dem sich Sonne und Regenschauer abwechselten. Von den Bäumen tropfte es, und die Schlaglöcher der Straße hatten sich in schlammige Pfützen verwandelt. Die Häuser auf beiden Seiten standen inmitten großzügiger Grundstücke, ganz anders als die Reihenhäuser mit den handtuchbreiten Gärtchen, wie sie ihr aus der Großstadt vertraut waren. An Platz schien es im ländlichen Brandenburg jedenfalls nicht zu mangeln.
Sie spürte, wie sie zunehmend aufgeregter wurde, je näher sie ihrem Ziel kam. Was würde sie hier erwarten? Sie atmete tief die kühle feuchte Luft ein und versuchte sich zu entspannen. Zum x-ten Mal kramte sie den Zettel mit der Adresse aus ihrer Hosentasche. Sie suchte die Hausnummer 75. Vor einem grau gestrichenen Zaun blieb sie schließlich stehen. Der Garten dahinter lag im Schatten hoher Birken. Nach einigem Zögern drückte Lena die Klinke des Gartentors hinunter, und als sie das Grundstück betrat, spürte sie vor lauter Aufregung ihren eigenen Herzschlag, und das Blut rauschte ihr in den Ohren. Sie ging durch den Garten auf ein rostrot gestrichenes Holzhaus mit blassblauen Fensterläden zu. Das leuchtend rote Ziegeldach hatte an allen vier Seiten kleine Giebel mit weißen Sprossenfenstern, der Schornstein rauchte, und an der vorderen Hauswand stapelte sich sorgfältig aufgeschichtetes Brennholz. Hinter dem Haus dümpelte ein See in bleiernem Grau. Wie versteinert blieb sie stehen und versuchte jede Einzelheit dieser Szenerie zu erfassen. Irgendwie war sie davon ausgegangen, dass ihr dieser Ort sofort vertraut vorkommen würde. Doch da war nichts, nicht der leiseste Hauch einer inneren Verbindung. Sie spürte nur Nervosität und das beklemmende Gefühl unendlicher Fremdheit.
Hinter sich hörte sie plötzlich eine energische Stimme „Ja bitte“ sagen.
Lena fuhr herum. Eine Frau mit einem Strohhut auf dem Kopf kam auf sie zu. Unter der Krempe hielt ein loser Haarknoten ihre rotgrauen Locken zusammen, und an den Knien ihrer Latzhose klebte feuchte Erde.
„Betreten Sie immer fremde Grundstücke, ohne zu klingeln?“
Sie erkannte die Frau sofort und sah sie so lange unverwandt an, bis diese schließlich die Augen zusammenkniff.
„Kennen wir uns?“, fragte diese sie und schlug im selben Moment die Hände vor den Mund.
„Das kann doch gar nicht sein“, rief sie hinter vorgehaltener Hand. „Magdalena?“, flüsterte sie, und ihre Gesichtszüge begannen sich augenblicklich zu entspannen. Lena nickte, streifte ihren Rucksack von den Schultern und ließ ihn ins Gras fallen, bevor ihre Großmutter sie fest in die Arme schloss.
„Es war einmal ein kleines süßes Mädchen, das hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wusste gar nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte.“
Ein angenehm kühler Luftzug wehte durch das geöffnete Fenster herein und bauschte die Vorhänge, während der schwache Schimmer der Nachttischlampe sich in der abendlichen Dämmerung verlor. Henriette wusste schon gar nicht mehr, zum wievielten Male sie Charlotte das Märchen vorlas, doch die Kleine liebte diese Geschichte über alles, obwohl sie sie schon längst Wort für Wort auswendig konnte. Doch an diesem Abend war Charlotte unruhig und wieder mal von ihrer unendlichen Neugier getrieben.
„Henriette“, fragte sie plötzlich, „warum beginnt eigentlich jedes Märchen mit 'Es war einmal...'?“
Erstaunt blickte Henriette auf. Darüber hatte sie tatsächlich noch nie nachgedacht. Dabei sah sie Charlotte an, deren aufmerksames Kindergesicht von roten Locken umrahmt wurde, die sich auf dem weißen Damastkopfkissen wellenartig ausbreiteten. Der Anblick des kleinen Mädchens rührte sie, aber dennoch antwortete sie mit einer leichten Ungeduld.
„Ich weiß es nicht. Soll ich nun wieder vorlesen, oder willst du mir noch weitere Löcher in den Bauch fragen?“ Ohne Charlottes Antwort abzuwarten, blickte sie wieder in das Buch.
„Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Samt, und weil ihm das sowohl stand, und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen...“
Als Henriette sah, dass die Kleine eingeschlafen war, klappte sie das Märchenbuch zu und erhob sich. Sie sah noch einmal nach, ob das Kind auch richtig zugedeckt war und ging zum Fenster. Unten im Hof war es vollkommen still, und erneut wurde Henriette von jener trübsinnigen Stimmung übermannt, die sie schon den ganzen Abend lang gequält hatte. Sie musste an ihren Vater denken, der an diesem Tag Geburtstag gehabt hätte. Er war Stallknecht auf einem Gut bei Königsberg gewesen, wo Henriette geboren worden war. Ihr Vater hatte dort eine starke Position innegehabt und das Gesinde so gut es ging vor den Schikanen des Gutsherrn bewahrt. Denn der Baron war ein herrischer Kerl gewesen, der gern seine Wut am Gesinde ausgelassen hatte. Doch ihren Vater hatte er respektiert und gut bezahlt. Deshalb hatte sie sogar die Schule besuchen können und Lesen und Schreiben gelernt. Aber im letzten Kriegswinter hatte die spanische Grippe ihre Eltern geholt, und sie war mit einem Schlag auf sich allein gestellt gewesen. Dem Gutsherrn, der ihr hemmungslos nachstellte, war sie von da an schutzlos ausgeliefert gewesen, und nur mit knapper Not hatte sie verhindern können, dass er sich an ihr verging. Sie musste immer auf der Hut sein, und wenn er es gerade mal nicht auf sie abgesehen hatte, dann wurde sie vom Sohn des Gutsherrn in die Enge getrieben, der ständig auf der Suche nach einem Abenteuer war.
Henriette fröstelte bei der Erinnerung an diese Zeit. Sie zog ihre Strickjacke fester um sich und schloss das Fenster. Im Spätsommer nach Kriegsende hatte sie Glück im Unglück gehabt. Eine Magd hatte ihr die Adresse einer Bekannten in Berlin gegeben, doch Henriette hatte damals kein Geld für eine Reise mit dem Zug gehabt. Also hatte sie ihre spärlichen Habseligkeiten zusammengepackt und sich zu Fuß auf den langen Weg gemacht. Nach zwei Wochen auf der Landstraße hatte sie eine Mitfahrgelegenheit auf einem Fuhrwerk ergattert und war Ende September in Berlin eingetroffen. Dort hatte sie die ihr genannte Adresse aufgesucht, wo sie die Anstellung bei den Petersens bekommen hatte. Nun war sie nicht nur das Dienstmädchen der Familie Petersen, sondern auch das Kindermädchen der kleinen Charlotte.
Sie zog die Gardinen zu und blieb noch einen Augenblick an Charlottes Bett stehen. Sie liebte die Kleine abgöttisch und dankte ihrem Schicksal jeden Tag dafür, dass sie den Mut gehabt hatte, das Gut in Ostpreußen zu verlassen. Zart küsste sie Charlotte auf die Stirn und löschte das Licht. Auf Zehenspitzen verließ sie das Kinderzimmer, um in den Salon hinüberzugehen. Ihr Dienstherr sah auf, als sie den Raum betrat.
„Charlotte schläft. Benötigen Sie noch etwas?“
Oskar Petersen schüttelte den Kopf. „Nein, du kannst ruhig schlafen gehen. Gute Nacht!“ Obwohl sie in Gedanken an ihren Vater viel zu aufgewühlt war, um schlafen zu können, so war sie doch körperlich so erschöpft, dass sie sich augenblicklich hinlegte und froh war, ihre schmerzenden Glieder unter der wärmenden Decke ausstrecken zu können.
*
Oskar Petersen war ein hochgewachsener Mann. Seine zarten Gesichtszüge und sein rotgelocktes Haar passten auf den ersten Blick so gar nicht zu seiner kräftigen Statur. Er kleidete sich immer ganz korrekt mit hochgeschlossenem Kragen und in gedeckten Farben. Seine elegante und dennoch stämmige Erscheinung umgab stets der harzige Zedernholzgeruch edler Zigarren, gemischt mit einer leichten Seifennote. Er hatte eine Schwäche für schwarzen Tee, besonders für die ostindischen Mischungen, die er wegen ihres kräftigeren Aromas den milden chinesischen Sorten vorzog. Während des Krieges war es schwierig gewesen, an Tee heranzukommen. Aber inzwischen war der Handel mit Ostindien wieder erlaubt, und Petersen gönnte sich täglich morgens und abends mehrere Tassen davon. Als Inhaber einer Fabrik für Druckfarben hatte er es zu einem beträchtlichen Vermögen gebracht und konnte sich diesen Luxus leisten. Teetrinken betrachtete er als ein Privileg seiner gesellschaftlichen Klasse, und mit Argwohn registrierte er den zunehmenden Import russischer Teesorten, die nicht nur als modern galten, sondern auch für das einfache Volk erschwinglich waren. Er selbst konnte dem rassigen Geschmack russischen Tees nichts abgewinnen, den er nur für trinkbar hielt, wenn man Unmengen Zucker hineinrührte. Das aber war seiner Ansicht nach primitiv und entsprach so gar nicht seinen Vorstellungen von gepflegtem Teegenuss. Außerdem wollte er keinesfalls mit den Menschen aus den niederen Gesellschaftsschichten auf eine Stufe gestellt werden. Nach der zweiten Tasse an diesem Abend nahm er sich eine Zigarre aus der Holzschatulle, die auf der Anrichte stand. Er knipste die Spitze ab und riss ein langes Streichholz an. Rauchschwaden stiegen auf, als er kräftig an der Zigarre zog.
„Immer musst du im Salon die Luft verpesten“, schimpfte seine Frau Luise, die gerade zur Tür hereinkam.
„Warum kannst du dieses Kraut nicht drüben in der Bibliothek rauchen?“, setzte sie nach, während sie ein Fenster aufriss. „Ich rufe Henriette, sie soll dir das Teetablett hinübertragen.“
„Henriette ist schon zu Bett gegangen“, sagte Petersen und öffnete die Flügeltür zur Bibliothek. Seine Frau Luise seufzte.
„Also gut, dann trage ich es dir hinüber.“ Sie ging zum Tisch, nahm das Tablett samt Tasse und Teekanne und brachte es nach nebenan.
Luise Petersen ließ keine Gelegenheit aus, sich über den Zigarrenrauch ihres Mannes zu beschweren. Der Geruch war ihr unangenehm, und sie verabscheute diese abendliche Angewohnheit. Doch ihr Gatte hatte auch seine Vorzüge. Er war ein geschätztes Mitglied des gutsituierten Berliner Industriellenkreises. Das wiederum tröstete sie über so manche negative Seite hinweg. Denn sie legte großen Wert auf gesellschaftliches Ansehen. Sie gehörte zu jenen Frauen, die ihr Mieder immer noch so eng schnürten, dass ihnen nur eine flache Brustatmung möglich war. Damit erhielt sie sich auch jetzt noch ihre schlanke Silhouette, obwohl sie die Dreißig längst überschritten hatte. Die Nachkriegsmode mit ihren gerade geschnittenen Kleidern aus leichtem Jerseystoff, die ihrer Meinung nach alles daran setzte, die weiblichen Formen zu negieren, war ihr zutiefst zuwider, auch wenn sie insgeheim zugeben musste, dass sie wohl nicht nur um einiges bequemer war, sondern auch mehr Bewegungsfreiheit bot. Doch Luises Art, der präzise Ruck, mit dem sie in der Lage war, ihre Handschuhe in einer einzigen Bewegung auszuziehen, hatte etwas Militärisches, und man hätte meinen können, sie wolle die unterarmlangen Bekleidungsstücke anschließend als Peitsche verwenden. Sie war eine über jeden Zweifel erhabene Industriellengattin, die zuweilen etwas Furchteinflößendes an sich hatte.
Doch an diesem Abend, als sie nun endlich allein im Salon war, gönnte sie sich einen Moment der Entspannung. Sie schloss das Fenster wieder und streckte sich auf der Chaiselongue aus. An diesem Tag hatte sie ihre Tochter Charlotte selbst betreuen müssen, weil Henriette ihren freien Nachmittag gehabt hatte. Das Kind stellte ununterbrochen Fragen, und sie war nun ganz erschöpft von der Anstrengung, sich auf alles eine Antwort überlegen zu müssen. Sie schloss die Augen und versank in einen leichten Halbschlaf. Im Gegensatz zu ihrem Gatten sah sie die Wissbegierigkeit ihrer Tochter mit gemischten Gefühlen.
Charlotte erhielt eine streng wilhelminische Erziehung. Seit Kriegsende veränderten sich zwar die Erziehungsmethoden, und neben Deutsch und Algebra wurde in der Schule neuerdings mehr Wert auf Leibesertüchtigung gelegt. Doch sie selbst legte mehr Wert auf Disziplin, und Gehorsam war für sie das oberste Gebot. Charlotte musste sich gegenüber Erwachsenen, auch gegenüber ihren Eltern, höflich und mit der angebrachten Zurückhaltung verhalten. Doch Henriette, das Dienstmädchen, setzte sich über diese Forderung mitunter hinweg und ließ Charlotte so einiges durchgehen. Luise Petersen betrachtete das mit großem Missfallen, doch Henriette war ja selbst noch sehr jung und hatte einfach keine Ahnung, wie man ein kleines Mädchen aus gutem Hause erzog. Aber sie liebte das Kind, was Luise Petersen sehr zu schätzen wusste, denn dadurch konnte sie sich auf Henriette zu hundert Prozent verlassen. Und das war ihr wichtig, denn sie brauchte das Dienstmädchen dringend zu ihrer Entlastung, um ihren umfangreichen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen.
*
Eine davon war das alljährliche Gartenfest der Familie Hinze, zu dem die Petersens anderntags eingeladen waren, ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis, bei dem sie keinesfalls fehlen durften. Wilhelm Hinze und Oskar Petersen waren Geschäftspartner, und im Laufe der Jahre war aus der rein geschäftlichen Beziehung eine enge Freundschaft zwischen den beiden Männern geworden. Auch Luise Petersen hatte sich mit Mathilde, Wilhelm Hinzes Ehefrau, inzwischen angefreundet. Sie bewunderte Mathilde geradezu, die in ihren Augen eine großartige Gastgeberin war.
Die Sommervilla der Familie Hinze am Scharmützelsee war ein prachtvolles Haus mit elegantem Interieur. Sie lag direkt am Seeufer inmitten eines großen eindrucksvollen Gartens. Insgeheim beneidete Luise Petersen die Familie Hinze um dieses Anwesen, obwohl sie selbst lieber in der Stadt lebte, aber Sommerfeste wie dieses konnte man eben nur auf dem Land genießen.
Als sie das Anwesen erreichten, brannte die Mittagssonne bereits vom Himmel, und nach einem kleinen Imbiss zogen sich die Damen zu einem Ruhestündchen zurück, während sich die Männer in der Bibliothek niederließen.
„Die Papiere sind fertig, das Geschäft ist perfekt.“
Wilhelm Hinze bot Oskar Petersen eine Zigarre an und bediente sich anschließend selbst. „Nächsten Monat kannst du das Haus beziehen“, sagte er und reichte seinem Freund den Knipser.
„Wunderbar!“ Oskar knipste die Zigarrenspitze ab und gab Wilhelm das kleine Utensil zurück. „Dann können wir noch diesen Sommer mit den Renovierungsarbeiten beginnen.“ Er trat zu Wilhelm ans Fenster, entzündete die Zigarre und nahm einen kräftigen Zug. „Ich danke dir, mein Freund!“
„Hast du es Luise schon gesagt?“, fragte ihn Wilhelm. Oskar grinste. „Das hebe ich mir für morgen auf. Denn das ist unser Hochzeitstag, und da würde ich sie gerne mit dieser wunderbaren Neuigkeit überraschen“, antwortete er und stellte sich schon das freudig überraschte Gesicht seiner Frau vor, wenn sie erfuhr, dass er ihr ein Sommerdomizil am See gekauft hatte.
„Das Geld ist jedenfalls gut angelegt, mein Lieber.“ Wilhelm setzte sich in einen der bequemen Ohrensessel.
„Ich sage dir, Immobilien sind neben Gold und Kunstgegenständen immer noch die sicherste Anlagemöglichkeit. Wenn die Geldentwertung so weitergeht, werden wir bald mit einer unangenehmen Inflation zu kämpfen haben.“
Mit einem Seufzer ließ sich Oskar in dem Sessel gegenüber nieder und runzelte nachdenklich die Stirn.
„Ich befürchte, dass du da Recht behalten könntest“, sagte er und griff nach einem der beiden Whiskygläser, die auf einem kleinen Holztisch zwischen ihren Sesseln standen. „Dann erheben wir die Gläser auf unsere gut gehenden Geschäfte in der Hoffnung, dass diese noch lange ertragreich sein werden.“ Dumpf klirrten die schweren Gläser, als die beiden Männer miteinander anstießen.
Als Luise und Oskar Petersen am darauffolgenden Nachmittag nach Berlin zurückfuhren, gab Petersen seinem Chauffeur Paul schon nach wenigen Minuten die Anweisung, von der Landstraße abzubiegen. Und so fuhren sie, statt der Hauptstadt entgegen, eine von prächtigen Platanen gesäumte Allee entlang.
„Hier ist es, bitte halten Sie an, Paul.“ Petersen stieg aus und half seiner überrascht dreinschauenden Frau Luise aus dem Wagen.
„Gefällt es dir?“, fragte er und deutete mit einer ausladenden Armbewegung auf das Anwesen am Ende der Allee.
„Wieso fragst du mich das?“, gab Luise verwundert zur Antwort.
„Weil ich es dir gern zu unserem heutigen Hochzeitstag schenken möchte.“
„Du schenkst mir ein Sommerhaus?“
Petersen bemerkte den Unmut in ihrer Stimme und ließ seinen Arm kraftlos wieder sinken.
„Nun, in erster Linie ist es natürlich eine Geldanlage. Aber du kannst hier schalten und walten, wie du es gerne möchtest.“
Luise Petersen ließ schweigend ihren Blick schweifen, und was sie sah, erfreute sie keineswegs. Ein verwilderter Garten, umgeben von einem morschen Zaun und wild wuchernden Hecken, die das Grundstück zur Straße hin abgrenzten. Ein dichtes Blätterdach verschattete das Anwesen und ließ es ziemlich düster erscheinen. Im hinteren Teil des Gartens konnte Luise Petersen ein Holzhaus mit schief hängenden Fensterläden erkennen, von denen die Farbe abblätterte. Sie kniff die Augen zusammen. Am Horizont glitzerte in der Sonne der Scharmützelsee.
„Eine Geldanlage? Ich bin nicht sicher, ob das hier eine gute Wahl ist.
„Wie bitte?“, rief Oskar Petersen aus und stellte sich neben sie.
„Sieh doch nur, in welch katastrophalem Zustand das Gebäude ist. Es hat ganz den Anschein, als würde es jeden Moment zusammenfallen.“ Missbilligend schüttelte sie den Kopf, trat an den Zaun und hob unwillig eine Latte an, die daraufhin prompt von ihrem rostigen Nagel in das hohe Gras fiel.
„Du weißt doch, ich bin ein Stadtmensch. Was soll ich den ganzen Sommer über in dieser Einöde hier? Marmelade einkochen?“
„Aber ich bitte dich, Luise“, wandte Oskar ein, „das hier ist Teil einer Künstlerkolonie, und im Sommer finden hier jede Menge Ausstellungen und Freiluftkonzerte statt – die beste Lage, die derzeit rund um Berlin zu bekommen ist.“
Luise Petersen kickte mit der Fußspitze gegen die herabgefallene Zaunlatte. „Künstler?“, fragte sie in einem verächtlichen Tonfall, „meinst du etwa diese Verrückten, die vor dem Krieg die nackten Mädchen im Wald gemalt haben? Mein lieber Oskar, das entspricht doch nun wirklich nicht unserem Niveau.“
Petersen war sichtlich bemüht, die Contenance zu wahren, obwohl er nicht nur wütend, sondern auch zutiefst enttäuscht und traurig über die Reaktion seiner Frau auf dieses Geschenk war. Was für eine böse Überraschung, in mehrerlei Hinsicht, dachte er, während er darum bemüht war, wieder eine aufrechte Haltung einzunehmen.
„Wie auch immer, ich habe das Grundstück gekauft – und damit basta“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und ging zurück zum Wagen. „Du verstehst eben nichts von Immobiliengeschäften, ich hätte es wissen müssen.“ Damit stieg er, ohne seine Frau weiter zu beachten, in den Wagen und knallte die Tür hinter sich zu, während Chauffeur Paul seiner Frau betreten auf der anderen Seite in das Automobil half. Auf der gesamten Rückfahrt wechselten sie kein einziges Wort.
Luise Petersen schmollte. Wie konnte er das Familienvermögen in eine derart heruntergekommene Immobilie investieren? Ihren Hochzeitstag hatte sie sich nun wirklich anders vorgestellt. Warum hatte er das Geld nicht für den schönen Sommermantel ausgegeben, den sie ihm erst kürzlich beim Flanieren auf der Tauentzienstraße in den Auslagen des KaDeWe gezeigt hatte? Eine Holzhütte im brandenburgischen Hinterland! Damit würden sie ganz sicher keinen Staat machen.
Ein paar Tage darauf trafen sich Luise Petersen und Mathilde Hinze zu ihrem allwöchentlichen Nachmittagstee im Café Kranzler, wo sie für gewöhnlich Sachertorte aßen. Doch Luise Petersen beließ es diesmal bei einer Tasse Tee, denn sie hatte ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Und prompt erfolgte, wovor sie sich so sehr gefürchtet hatte: Mathilde Hinze sprach sie auf den Kauf des Anwesens am Scharmützelsee an.
„Sicher bist du sehr stolz auf eure Neuerwerbung“, meinte die Freundin leichthin, während sie einen Löffel Schlagsahne auf ihr Tortenstück gab. Luise überkam eine neue Welle der Übelkeit, doch weniger wegen der Schlagsahne, als vielmehr wegen der Peinlichkeit, auf diese Fehlinvestition ihres Mannes angesprochen zu werden. Hoffentlich hatte es nicht schon die Runde gemacht, dass sie ein baufälliges Sommerhaus auf dem Land gekauft hatten. Was für ein entsetzlicher, nicht wiedergutzumachender gesellschaftlicher Schaden daraus entstehen mochte, wollte sie sich in diesem Augenblick gar nicht vorstellen. Verlegen rührte sie in ihrem Tee, obwohl sie diesen selbstverständlich ohne Zucker trank.
“Wir waren ja erst einmal dort, und ich habe es, ehrlich gesagt, noch gar nicht so genau angeschaut“, sagte sie ausweichend. Doch Mathilde plauderte unbeirrt weiter.
„Meine Liebe, ich freu mich schon so, wenn ihr erst den Sommer dort verbringt. Dann können wir uns noch viel öfter treffen.“
„Eigentlich bin ich ja ein Stadtmensch“, gab Luise einsilbig zurück.
„Ach was“, erwiderte Mathilde unbekümmert, das Stadt-leben ist doch nur etwas für den Winter. Aber das Moorheilbad sorgt den ganzen Sommer über für einen regen Kurbetrieb. Und außerdem trifft sich dort die gesamte Berliner Kunst- und Filmszene, und dann erst noch das Schachturnier! Du glaubst ja nicht, wie aufregend das ist, wenn das internationale Publikum anreist.“ Schach interessierte Luise nun wirklich nicht, doch sie zog es vor, das lieber für sich zu behalten.
„Und all die Sommerfeste“, schwärmte Mathilde weiter.
„Es ist gar nicht so einfach zu entscheiden, wo man hingeht und wo man absagt, so zahlreich sind die Einladungen.“
Luise legte den kleinen Löffel auf die Untertasse zurück und trank endlich den ersten Schluck von ihrem Tee. Je mehr ihre Freundin ins Schwärmen geriet, desto mehr trat der verwahrloste Zustand des Grundstückes vor ihrem inneren Auge in den Hintergrund. Stattdessen stellte sie sich nun prachtvolle Gesellschaften und Empfänge vor, sonnige Nachmittage bei gepflegter Unterhaltung im schattigen Gartenpavillon, abendliche Streichkonzerte auf der Terrasse und Diners im Kerzenschein. Das Landleben erschien ihr plötzlich in einem völlig anderen Licht. Sie stellte die Teetasse ab und kramte das Portemonnaie aus ihrer Handtasche.
„Bitte verzeih“, sagte sie geistesabwesend, „aber ich muss los. Ich habe noch so viele Erledigungen zu machen.“
„Nanu, so plötzlich?“, fragte Mathilde verwundert, aber da hatte sich Luise schon erhoben, küsste die Freundin eilig auf die Wangen, und weg war sie. Draußen nahm sie sich eine Droschke und fuhr auf direktem Weg zu Oskar in die Fabrik. Der wusste nicht, wie ihm geschah, als Luise an diesem Nachmittag in sein Büro gerauscht kam.
„Ich habe mir die Sache mit dem Sommerhaus noch einmal durch den Kopf gehen lassen“, sagte sie mit fester Stimme.
„Und deswegen kommst du hierher an diesen schnöden Ort?“, gab Oskar ironisch zurück. Natürlich freute er sich insgeheim über den Besuch seiner Frau, die den Weg selten genug in sein Büro fand. Wie er sein Geld verdiente, interessierte Luise nicht. Es kam lediglich darauf an, dass genug davon da war. Doch allzu leicht wollte Oskar es seiner Frau nach dem letzten Streit auch wieder nicht machen.
„Hat das nicht Zeit bis heute Abend?“, fragte er und wies dabei auf die vielen Papiere, die sich auf seinem Schreibtisch häuften.
„Ich wollte dir nur sagen, dass ich mich selbstverständlich deiner Entscheidung fügen werde“, beeilte sich seine Frau zu sagen. „Und es war dumm von mir zu zögern. Dieses Haus ist nämlich eine ganz wunderbare Idee.“
Oskar zog die Augenbrauen hoch und fragte sich, woher der plötzliche Sinneswandel seiner Frau wohl kommen mochte. Doch diese ließ sich von seinem skeptischen Blick nicht weiter irritieren.
„Vielleicht habe ich sogar Freude daran, den Garten zu bewirtschaften, wenn mir Henriette zur Hand geht“, fügte Luise hinzu und sah ihn erwartungsvoll an.
„Es freut mich, das zu hören“, erwiderte Petersen, obwohl er noch nicht ganz überzeugt davon war, dass seine Frau tatsächlich ihre Meinung geändert hatte. Doch dann entschloss er sich, die Chance augenblicklich zu nutzen.
„Dann können wir ja gleich nächste Woche mit den Sanierungsarbeiten beginnen“, sagte er und griff zum Telefonhörer. „Ich werde sofort meinen Sekretär anweisen, die Handwerker zu bestellen. Wenn Du mich jetzt entschuldigen würdest, meine Liebe, ich habe zu arbeiten.“
Oskar Petersen war kein nachtragender Mensch. Und seine Frau fügte sich, das genügte ihm. Und schon rauschte sie so schwungvoll aus dem Büro, wie sie gekommen war.
Für Charlotte war das Sommerhaus am Scharmützelsee das Paradies auf Erden. Während ihre Mutter von einem Teenachmittag zum nächsten ging und stundenlang Konzerten lauschte, tobte Charlotte über das Anwesen, nur beaufsichtigt von Henriette, die liebevoll versuchte, ein wenig Struktur in den Tagesablauf des Kindes zu bringen. Ihre Mutter sah Charlotte nur zu den Mahlzeiten, bei denen sie dieser immer wieder versicherte, wie gewissenhaft Henriette ihrer Aufsichtspflicht nachkam. Das war ihr Part bei dem unausgesprochenen Pakt, den sie mit Henriette geschlossen hatte. Denn in Wahrheit war Henriette derart mit Haus und Garten beschäftigt, dass sie sich, wann immer ihr danach war, davonstehlen konnte, um allein durch die Wälder zu streifen. Im Gegenzug deckte Henriette all ihre Eskapaden, wann immer sie diese bemerkte.
Auf einem ihrer Streifzüge kam sie eines Nachmittags an einer Pferdekoppel vorbei. Ein braunes Fohlen wurde auf sie aufmerksam und trottete zu ihr an den Koppelzaun.
„Na, mein Kleines.“ Charlotte ließ das Tier an ihrer Hand schnuppern, um ihm dann sanft über die Stirn zu streicheln. „Schade, aber ich habe nichts zum Naschen für dich dabei.“
„Er hätte es ohne Zögern verschlungen.“ Erschrocken fuhr Charlotte herum. Vor ihr stand ein ungefähr gleichaltriges Mädchen mit blonden Zöpfen in einem ausgewaschenen Kleid mit Blumenmuster, aus dem sie bereits herausgewachsen war, und darüber hatte sie eine grüne Schürze gebunden. Ihre strumpflosen schmutzigen Füße steckten in derben Sandalen, und in einer Hand hielt sie einen alten blechernen Eimer. Sie hatte zahlreiche Sommersprossen auf der Nase und blinzelte Charlotte aus blauen Augen an.
„Bist wohl eine von den Sommerfrischlern aus der Stadt?“ Charlotte hob den Kopf. In ihrem blauen Sommerkleid und den blütenweißen Sandalen fühlte sie sich dem ärmlich aussehenden Mädchen haushoch überlegen.
„Was geht dich das an?“, erwiderte sie und schaute auf das Mädchen herunter, das einen halben Kopf kleiner war als sie.
„Na, du siehst so aus, in deinem schicken Kleid und dem Schleifchen im Haar. Aber was soll's.“ Das Mädchen stellte den Eimer auf den Boden, wischte sich die Finger an ihrer Schürze ab und streckte Charlotte ihre Hand entgegen.
„Bin die Inge“, sagte sie.
„Ich bin Charlotte aus Berlin.“ Sie wollte schon die ihr entgegengestreckte Hand ergreifen, doch als sie sah, wie schmutzig sie war, zögerte sie.
„Hast wohl Angst um dein schönes Kleidchen?“
Entschlossen ergriff Charlotte schließlich Inges Hand.
„Ich doch nicht.“ Da mussten sie beide lachen.
„Wohnst du da unten auf dem Hof?“ Charlotte deutete mit dem Kopf in Richtung eines Hauses, das dicht am Waldrand stand.
„Unsere ganze Familie wohnt dort. Meine Eltern, Großeltern, Tante und Onkel, mein Bruder und meine Vettern. Wir haben auch einen Hund, zwei Katzen, ein paar Kühe und Hühner, und letzte Woche hat unsere Sau zehn kleine Ferkel geworfen.“
Nach Inges Redeschwall schüttelte Charlotte ihre roten Locken und überlegte schnell, was sie zu bieten hatte. Doch ihr fiel nichts Vergleichbares ein.
„Du hast aber eine große Familie. Ich hab nur einen Vater und eine Mutter, und wir haben ein Dienstmädchen und einen Chauffeur. Manchmal kommt noch ein Gärtner.“
„Na, da ist es bei euch ja richtig aufregend, so ohne Hund und Katzen, aber dafür mit Gärtner?“ Wieder lachten sie.
Zuhause erzählte Charlotte begeistert vom Bauernhof ihrer neuen Freundin, und ihre Mutter wollte natürlich augenblicklich ganz genau wissen, mit wem sie da ihre Nachmittage verbrachte. Als Charlotte Inge eines Nachmittags mit nach Hause brachte, hob Luise Petersen kritisch die Augenbrauen. Das war also das Bauernmädchen, das ihre Tochter so ins Herz geschlossen hatte. Inge knickste und grüßte höflich. Wenigstens hatte das Mädchen Manieren. Und sie war sauber, wenn auch einfach gekleidet. Und ihre gepflegte Aussprache ließ auf ein solides Elternhaus schließen. Luise Petersen war zufrieden, auch wenn der Umgang mit einem einfachen Bauernmädchen ihrer Ansicht nach nicht eben standesgemäß war. Doch was konnte man hier auf dem Land schon erwarten? So duldete sie die Freundschaft der Mädchen und war im Grunde genommen froh, dass Charlotte Anschluss gefunden hatte.
*
„Bin wieder da.“ Charlotte sprang die Stufen zum Hauseingang hoch, ihre roten Locken waren noch feucht vom Baden. Der Sommer war so heiß, dass sie und Inge jede freie Minute am See verbrachten. Nachdem Paul ihr einige Schwimmzüge beigebracht hatte, übte Charlotte fleißig im flachen Wasser und wurde mit jedem Tag eine bessere Schwimmerin.
„Henriette?“, rief sie, als niemand antwortete, doch im Haus blieb es still. Sie sah in der Küche nach. Auf dem Herd standen Töpfe, und es roch nach einem würzigen Essen. In diesem Moment hörte sie eine Tür klappen. Als Henriette die Küche betrat, erschrak Charlotte.
Henriette war ganz bleich, und kleine Schweißperlen standen ihr auf der Stirn. Aus ihrem Haarknoten hatte sich eine Strähne gelöst.
„Siehst du grün aus!“, sagte Charlotte. „Geht es dir nicht gut?“
Henriette winkte ab. „Alles in Ordnung.“ Geschickt steckte sie die lose Haarsträhne wieder fest und strich ihre Schürze glatt.
„Wasch dir die Hände und lass uns essen.“
Während sie aßen, stürzte Henriette plötzlich ins Badezimmer.
„Meinst du nicht, wir sollten den Arzt kommen lassen?“, fragte Charlotte besorgt. Henriette schüttelte den Kopf und straffte ihren Körper. „Das ist nicht nötig. Das wird schon wieder. Iss jetzt auf!“
Nach dem Essen schickte Henriette Charlotte zu Inge auf den Hof.
„Um fünf bist du wieder zu Hause! Sei bitte pünktlich, ich will keinen Ärger mit deiner Mutter bekommen. Und bring Eier und eine Kanne frische Milch mit!“
Das ließ sich Charlotte nicht zweimal sagen und machte sich sofort auf den Weg.
Um viertel nach fünf trug Charlotte vorsichtig die Papiertüte mit den Eiern und die Kanne Milch nach Hause. Sie hatte Henriettes Unwohlsein längst vergessen, doch als sie das Automobil des Arztes vor dem Haus stehen sah, erschrak sie. Es musste etwas passiert sein.
„Geht es Henriette schlechter?“, fragte sie ihre Mutter, die ihr im Flur entgegenkam.
„Wo in Gottes Namen bist du gewesen?“, fragte diese und kam mit erhobener Hand auf sie zu. Es schien, als wäre sie kurz davor, Charlotte zu ohrfeigen.
„Ich muss mehr Strenge walten lassen. Da kommt man ahnungslos nach Hause, da liegt Henriette ohnmächtig auf den Dielen im Wohnzimmer, und du bist unauffindbar!“
„Aber ich war doch nur bei Inge, um Eier und Milch zu holen.“
„Wie kannst du dich ganze Nachmittage lang irgendwo herumtreiben?“
„Aber Henriette hat mich doch gebeten, ihr zu helfen.“
„Sei jetzt still!“ Drohend erhob ihre Mutter noch einmal die Hand. Charlotte schwieg und verschwand in der Speisekammer, um Milch und Eier wegzuräumen. Anschließend setzte sie sich zu ihrer Mutter ins Wohnzimmer. Während ihre Mutter nervös mit den Fingern auf die Armlehne ihres Korbsessels trommelte, tickte die große Standuhr aus dunklem Eichenholz ungewöhnlich laut, und die Minuten fühlten sich an wie Stunden. Charlotte wagte nicht, sich zu bewegen und starrte aus dem Fenster. In der weißen Häkelgardine hatte sich eine Wespe verfangen und surrte. Wäre es anders gekommen, wenn sie nicht zu Inge gegangen wäre? Aber sie hatte doch nur getan, was Henriette ihr aufgetragen hatte. Gut, sie war mit Inge noch ein wenig im Stall bei den Hühnern gewesen, und sie hatten die süßen Küken gestreichelt. Wäre sie doch nur früher nach Hause gegangen!
Schließlich erschien der Arzt mit besorgtem Blick in der Wohnzimmertür.
„Dürfte ich Sie wohl einen Augenblick allein sprechen, gnädige Frau?“
Charlotte verließ auf Anweisung ihrer Mutter den Raum, und Luise Petersen wies auf den Korbsessel ihr gegenüber.
„Bitte, Herr Doktor, setzen Sie sich doch!“
Der Arzt stellte seine Tasche auf den Boden und ließ sich in den Sessel fallen. Die bestickten Kissen waren weich, und er lehnte sich einen Moment zurück. Er atmete hörbar ein und wieder aus und überlegte, wie er das Gespräch beginnen sollte. Frau Petersen war eine resolute Frau, und er wusste, was dem Hausmädchen blühte, wenn die Wahrheit herauskam. Die junge Frau tat ihm leid. Dennoch kam er nicht darum herum, die Wahrheit anzusprechen. „Fräulein Henriette bekommt ein Kind.“ Der Arzt nahm seine Brille ab und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenflügel, während Luise Petersen ihn entsetzt ansah.
„Herr Doktor, wie kann das sein?“
Doktor Assmann schmunzelte und fuhr dann ungerührt fort.
„Die Schwangerschaft verläuft normal. Ich nehme an, Fräulein Henriette ist unverheiratet?“ Als Luise Petersen nickte, setzte er die Brille wieder auf. „Sie sollten mit ihr ein ernstes Wort reden.“
„Diese Situation ist mir äußerst unangenehm. Fräulein Henriette ist eine verlässliche Angestellte. Haben Sie eine Vorstellung, wie schwer es ist, gutes Personal zu finden?“
Der Arzt blieb unbeeindruckt. So waren sie, die reichen Industriellen, dachten immer nur an sich. Was ging es ihn an, wie Frau Petersen ihr Personal organisierte? Er beugte sich vor und nahm sein Terminbuch aus der Tasche. Er blätterte die Seiten durch und zählte die Wochen. Dann sah er wieder auf.
„Gnädige Frau, lassen Sie uns ganz offen reden. Fräulein Henriette befindet sich etwa im vierten Monat. Das Kind wird noch vor Weihnachten zur Welt kommen.“
Luise Petersen kannte den Doktor nur flüchtig, wollte aber nichts unversucht lassen, um dieses Problem diskret aus der Welt zu schaffen. Sie sah sich um, um sicherzugehen, dass niemand ihr Gespräch mit anhören konnte. Dann stand sie auf und schloss die Tür zur Terrasse, für den Fall, dass Charlotte womöglich vor dem Haus herumlungerte und sie belauschte. Dann setzte sie sich wieder und beugte sich vor.
„Was haben wir denn für Möglichkeiten, wenn Sie verstehen, was ich meine?“
Vor dieser Frage hatte sich der Arzt gefürchtet. Es war klar, dass die anderen Umstände des Hausmädchens für die Hausherrin ein peinliches Problem darstellten. Und er war sich nicht sicher, welche Rolle der Hausherr in diesem Zusammenhang spielte. Fräulein Henriette machte auf ihn nicht den Eindruck, leichtfertig mit ihrer Jugend umzugehen. So lag der Verdacht nahe, dass sie nicht ganz freiwillig in diese Lage geraten war. Doktor Assmann nahm seine Brille wieder ab. Er überlegte, und Luise Petersen wartete geduldig. Schließlich gab er eine klare Antwort.
„Gnädige Frau, bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber so etwas mache ich nicht!“ Um seinen Entschluss zu unterstreichen, schüttelte er den Kopf. „Damit möchte ich nichts zu tun haben.“ Er setzte die Brille wieder auf und erhob sich. „Bitte entschuldigen Sie mich, ich habe noch einige Hausbesuche zu erledigen.“ Er nahm seine Arzttasche und schickte sich zum Gehen an.
In diesem Moment erkannte Luise Petersen, dass sie zu weit gegangen war und versuchte, sich wieder ins rechte Licht zu rücken.
„Das war nur so ein Gedanke, wie dumm von mir, so etwas auch nur zu denken.“
Der Arzt lächelte. „Ist schon gut, ich verstehe Sie durchaus, gnädige Frau, aber ich habe nun mal meine Prinzipien.“
Luise Petersen begleitete den Arzt noch zum Gartentor, dann ging sie zurück ins Haus und stieg die schmale Wendeltreppe ins Dachgeschoss hinauf. Am Ende des Ganges klopfte sie an Henriettes Zimmertür und trat, ohne eine Antwort abzuwarten, ein.
„Meine liebes Kind, was machst du nur für Sachen?“ Sie setzte sich auf den einzigen Stuhl im Zimmer.
Henriette lag auf dem schmalen Bett unterhalb der Dachschräge. Sie sah blass aus. Dennoch richtete sie sich auf und ordnete ihre Kleider. Luise Petersens milder Tonfall ermutigte sie, denn die Hausherrin schien Verständnis für ihre Situation zu haben. Doch diese kam ohne weitere Umschweife zur Sache.
„Ich will sofort wissen, wer der Vater des Kindes ist!“ Henriette war klar, dass die Wahrheit sie ihre Anstellung kosten würde. Eine Entlassung, ein uneheliches Kind ... Wovon sollte sie dann leben?
Als sie schwieg, fuhr Luise Petersen ungerührt fort.
„Du wirst ihn heiraten, das ist dir klar. Und sieh mir gefälligst in die Augen, wenn ich mit dir spreche.“ Henriette hob den Kopf und knetete ihre Hände vor dem Bauch. Dann strich sie ihre Schürze glatt und sagte leise.
„Das geht nicht, gnädige Frau. Der Vater weiß nichts von dem Kind.“
Luise Petersen hob streng die Augenbrauen.
„Also wer ist es? Ich höre ... “ Sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
Henriette wusste, dass sie ihrer Herrin die Antwort nicht schuldig bleiben durfte. „Er ist bereits verheiratet“, sagte sie und senkte den Blick.
„Er ist verheiratet? Ja, bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“ Luise Petersen erhob sich.
„Aber was hätte ich denn tun sollen?“, sagte Henriette flehentlich, doch Luise Petersen ließ nicht zu, dass ihr Dienstmädchen als Unschuldige aus dieser verhängnisvollen Situation hervorging.
„Wie kannst du es wagen?“, schrie sie. Das war eine ungeheuerliche Blamage. Das Hausmädchen schwanger und dann auch noch von ... Nein, diesen Gedanken konnte sie nicht einmal denken, geschweige denn aussprechen. Sie packte Henriette hart an den Schultern.
„Wage es ja nicht, irgendjemandem davon zu erzählen, hörst du?! Kein Wort! Zu niemandem!“, beschwor sie Henriette und ließ sie wieder los. „Das ist also der Dank dafür, dass wir dich aufgenommen haben.“ Es war ihr unmöglich, weiterzusprechen.
„Ich hatte keine Wahl“, schluchzte Henriette und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Doch das machte Luise Petersen nur noch wütender. Jetzt spielte sie auch noch die Hilflose. Sie warf den Kopf zurück und lachte affektiert. „Ich glaube, ich höre nicht richtig.“
Fieberhaft dachte sie nach, was zu tun war. Sie musste unbedingt ihr Gesicht wahren. „So lasse ich mich nicht von dir kompromittieren. Ab sofort werde ich alle weiteren Entscheidungen treffen, und du wirst dich fügen.“ Noch einmal trat sie dicht vor ihr Hausmädchen. „Ich bin zutiefst enttäuscht von dir.“
Mit diesen Worten rauschte sie aus dem Zimmer und ließ Henriette allein zurück.
Als Oskar Petersen zum Wochenende aus Berlin anreiste, erwartete ihn die drückende Schwüle eines heißen Juliabends und eine gereizte Ehefrau. Erschöpft saß er nach dem Abendessen auf der Terrasse und rauchte. Nicht einmal seine geliebte Berliner Morgenpost hatte er angerührt. Unbewegt lag der See in der Abendsonne, und vom Ufer gegenüber schallte Tanzmusik herüber.
Seine Frau saß neben ihm und stickte Monogramme in weiße Damastservietten.
„Himmel noch eins, jetzt ist der Faden schon wieder gerissen. Dieses Garn ist wahrhaft nicht von guter Qualität“, schimpfte Luise.
