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Krautfleckerl, Kimchi, Bananenbrot, Atayef, Gemüsepaella, Nasi Lemak und Schneekugeln: Die Gerichte, die von Kochgruppen im Wiener Gemeindebau gemeinschaftlich zubereitet werden, sind so vielfältig wie die dortige Bewohnerschaft. Im weltweit einzigartigen Wiener Gemeindebau lebt ein Viertel der Wiener Bevölkerung, das sind etwa 500.000 Menschen. Eine "Wiener Melange" unterschiedlicher Herkunft, Biografien, kultureller Traditionen. Er ist ein Erbe des "Roten Wien" und Flaggschiff seiner hundertjährigen Geschichte sozialer Wohnungspolitik. Die Vielfalt spiegelt sich im Kochtopf der Kochgruppen, initiiert von wohnpartner, dem Nachbarschaftsservice der Stadt Wien, wider. Abgesehen vom Kochen geht es dabei auch darum, über den Tellerrand hinauszublicken, in gelebter Nachbarschaft miteinander und voneinander zu lernen und mehr über die individuellen Lebenssituationen zu erfahren. Zusammen kochen und essen verbindet, oder, wie es eine Bewohnerin formuliert: Kochen öffnet das Herz und das Hirn.
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Seitenzahl: 96
Veröffentlichungsjahr: 2021
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CLAUDIA HUEMER, JOSEF CSER (HRSG.)ILSE KÖNIG
NACHBARSCHAFTSKÜCHEAUS DEM WIENER GEMEINDEBAU
KOCHEN UND DAS NACHBARSCHAFTSSERVICE WOHNPARTNER – DAS PASST ZUSAMMEN WIE KRAUT UND FLECKERL, KIMCHI UND DIE KOREANISCHE KÜCHE ODER, SALOPP FORMULIERT, WIE KNÖDEL UND EI. SCHLIESSLICH IST ES EINE DER AUFGABEN VON WOHNPARTNER, DAS GUTE MITEINANDER DER RUND 500.000 MENSCHEN, DIE IN WIEN IM GEMEINDEBAU LEBEN, ZU STÄRKEN. UND WAS KÖNNTE VERBINDENDER SEIN ALS GEMEINSAMES KOCHEN – UND NATÜRLICH ANSCHLIESSENDES ESSEN.
LIEBE GEHT BEKANNTLICH DURCH DEN MAGEN. NACH ZEHN JAHREN MIT ETLICHEN KOCHINITIATIVEN QUER DURCH GANZ WIEN LÄSST SICH AUS WOHNPARTNER-SICHT ERGÄNZEN, DASS DAS AUCH AUF DAS GUTE MITEINANDER IN DER NACHBARSCHAFT ZUTRIFFT. DENN WER SEINE NACHBARINNEN KENNT UND ZEIT MIT IHNEN VERBRINGT, GEHT AUCH IM FALL VON KONFLIKTEN ANDERS – NÄMLICH BESSER – MIT IHNEN UM. INSOFERN SIND GEMEINSAME AKTIVITÄTEN WIE DAS KOCHEN IN DER GRUPPE SEHR GUT DAZU GEEIGNET, STREITIGKEITEN VORZUBEUGEN.
WIE SCHMECKT NUN DAS ESSEN IM GEMEINDEBAU? WO KOCHENDE MIT GANZ UNTERSCHIEDLICHEN KULTURELLEN WURZELN AUFEINANDERTREFFEN, MISCHEN SICH VIELFÄLTIGE ESSKULTUREN UND KOCHKÜNSTE UND SCHAFFEN SO ETWAS VÖLLIG NEUES. AUCH WEIL AUS DER NOT MANCHMAL EINE TUGEND GEMACHT WERDEN MUSS, SIND DOCH NICHT IMMER ALLE ZUTATEN VERFÜGBAR ODER AUFGRUND BESCHRÄNKTER BUDGETS LEISTBAR. ZUDEM KÖNNEN LEBENSMITTELUNVERTRÄGLICHKEITEN, PERSÖNLICHE VORLIEBEN ODER RELIGIÖSE SPEISEVORSCHRIFTEN REZEPTÄNDERUNGEN NOTWENDIG MACHEN. SO ENTSTEHT EINE ECHTE „FUSIONKÜCHE“, DIE DURCH DAS VERSCHMELZEN REGIONALER KÜCHEN GEKENNZEICHNET IST.
GANZ WICHTIG IST FÜR WOHNPARTNER AUCH DER SOZIALE ASPEKT. BEI DEN KOCHINITIATIVEN ENTSTEHEN FREUNDSCHAFTEN, FINDET KULTURELLER AUSTAUSCH STATT UND WIRD DIE GERADE IN GROSSSTÄDTEN ZUNEHMENDE EINSAMKEIT DURCHBROCHEN. IN EINER FREUNDSCHAFTLICHEN ATMOSPHÄRE KANN SICH JEDE UND JEDER ANGSTFREI UND OHNE LEISTUNGSDRUCK AM HERD AUSPROBIEREN. GANZ NEBENBEI LASSEN SICH BEIM GEMEINSAMEN KOCHEN VIELFÄLTIGE SPRACHKENNTNISSE ERWERBEN. UND: DIE GRUPPEN SIND AUCH EIN ORT, AN DEM AB UND AN ÜBER PRIVATE PROBLEME UND SORGEN GESPROCHEN WERDEN KANN.
DOCH LASSEN WIR ZUM ABSCHLUSS DIE TEILNEHMERINNEN DER KOCHGRUPPE „MAHLZEIT NACHBARINNEN“ ZU WORT KOMMEN. SIE HABEN DIE BEDEUTUNG DES REGELMÄSSIGEN ZUSAMMENKOMMENS AUF DEN PUNKT GEBRACHT: „GUTES ESSEN MACHT GUTE STIMMUNG. GUTE STIMMUNG MACHT GUTE FREUNDSCHAFTEN UND FREUNDSCHAFT IST GESUND.“
IN DIESEM SINNE WÜNSCHEN WIR IHNEN MIT DIESEM BUCH NICHT NUR GUTE UNTERHALTUNG, SONDERN AUCH VIEL SPASS BEIM – VIELLEICHT GEMEINSAMEN – NACHKOCHEN UND NATÜRLICH „GUTEN APPETIT!“.
JOSEF CSER (GESCHÄFTSFÜHRER WOHNSERVICE WIEN GMBH)CLAUDIA HUEMER (BEREICHSLEITUNG WOHNPARTNER WIEN)
PER-ALBIN-HANSSON-SIEDLUNG
GUSTO KOCHEN
DIE GUTE SIEDLUNG|DIE KOCHGRUPPE|KOCHEN KANN MAN IN DER KLEINSTEN KÜCHE|REZEPTE
AM SCHÖPFWERK
KOCHEN MIT MARY
GEMEINSAM FÜR EINE GUTE NACHBARSCHAFT|DIE KOCHGRUPPE|KOCHEN ALS PASSION|REZEPTE
ENGERTHSTRASSE
MAHLZEIT NACHBARINNEN
EIN BAU OHNE NAMEN|DIE KOCHGRUPPE|PARADEBEISPIEL INTERNATIONALER ZUSAMMENARBEIT|REZEPTE
KARL-WRBA-HOF
KLUB KW
DER SENFBAU|DIE KOCHGRUPPE|WIR SIND WIE EINE FAMILIE|REZEPTE
WORKSHOP
FERMENTIEREN MIT JAN
VOM GARTEN INS GLAS|TEILNEHMERINNEN|BEIM KOCHEN KOMMEN DIE LEUT‘ ZUSAMMEN|REZEPTE
Die Herausforderungen für eine gute Stadt – und eine gute Wohnsiedlung – seien komplex, schreibt der Soziologe Christoph Reinprecht im Vorwort zum 2019 erschienenen Buch „Die gute Siedlung“. Darin erzählen BewohnerInnen der Per-Albin-Hansson-Siedlung ihre Geschichte, gesammelt von MitarbeiterInnen von wohnpartner-Gebiet_10. Die Anforderungen für eine gute Siedlung, so Reinprecht, „gehen über organisatorische und technische Aspekte weit hinaus und sind vor allem sozialer und sozialpolitischer Natur.“ Die Per-Albin-Hansson-Siedlung sei so eine gute Siedlung.
Sie war der erste große Neubau der Nachkriegszeit in Wien. Mit über 6.000 Wohnungen und rund 14.000 BewohnerInnen auf einem 1.500.000 m2 großen Areal in Favoriten, dem 10. Wiener Gemeindebezirk, gelegen, zählt sie zu den größten Gemeindebausiedlungen Wiens. Nur rund 400.000 m2 ihrer gesamten Fläche sind bebaut. Der Spatenstich erfolgte im Jahr 1947, 30 Jahre später war sie fertiggestellt. An ihren drei Bauteilen können drei Jahrzehnte kommunalen Wohnbaus nacherlebt werden.
Der älteste Teil, die Siedlung West, war 1951 bezugsfertig. Dörflich, mit Anleihen an das Konzept der Gartenstadt der 1920er/1930er Jahre. Einfamilienhäuser auf ehemaligem Ackerland mit Eigengärten für die Selbstversorgung und viel Grünland rundum, die Gärten mit rigorosem Pflanzenplan: Ein Zwetschken-, ein Kirsch- und zwei Marillenbäume mussten sein. Nussbäume und Holler sowie Löwenzahn waren verboten. Die Häuser wurden aus sogenannten Vibrosteinen gebaut, gepresst aus dem zermahlenen Schutt kriegszerstörter Häuser. Die verwendeten Maschinen kamen als Nachkriegshilfe von Schweden nach Wien. Aus Dank gab man der Siedlung den Namen des ehemaligen schwedischen Ministerpräsidenten Per Albin Hansson.
Bis 1977 folgten in Etappen die Erweiterungen Nord und Ost. Im Bauteil Nord stehen dreistöckige Mehrfamilienhäuser, die ersten Plattenbauten Wiens, errichtet von 1969 bis 1971. Etwas länger, von 1966 bis 1977, dauerten die Arbeiten an der Siedlung Ost, kurz PAHO, mit fünf- bis achtgeschossigen Fertigteilblocks. Komplettiert wurde die Siedlung mit ihrem größten und markantesten Wohnblock, dem Olof-Palme-Hof, einem bis zu zwölfgeschossigen Plattenbau der zweiten Generation. Genauer gesagt sind es vier wabenförmige Blöcke. Eines haben sämtliche Bauteile gemeinsam: Überall gibt es großzügige Grünflächen. Und eine beneidenswerte Infrastruktur für viele Bedürfnisse und Lebenslagen wie überall im Gemeindebau.
Unzählige Initiativen sind hier im Laufe der Jahre entstanden. Unter anderen ein ökologisch ausgerichteter Pioniergarten, Kunstprojekte, etwa im Rahmen des Streetart-Festivals 2018, dessen Graffiti seither drei Häuserwände zieren. Oder die Hansson-Palme, Wiens erste Schaukastenzeitung, die SpaziergängerInnen zu LeserInnen macht. Bespielt wird sie von BewohnerInnen mit Unterstützung von wohnpartner.
Eine Drehscheibe für Aktivitäten, um die nachbarschaftliche Gemeinschaft zu stärken, ist der wohnpartner-Treffpunkt Gemeindebau. Von der Lernbegleitung über einen Frauentreff, die nachbarschaftliche Schachpartie, Gedächtnistraining und ein Eltern-Kind-Café steht hier alles Erdenkliche auf dem Programm. Wie auch das Gusto Kochen, bei dem HobbyköchInnen einmal pro Monat miteinander am Herd stehen.
DIE „GUSTO-KOCHEN“-GRUPPE TRIFFT SICH SEIT 2017 UNTER DIESEM NAMEN, EINIGE MITGLIEDER WAREN VON ANFANG AN DABEI. ZUVOR HAT ES BEREITS SEIT 2014 EINE KOCHGRUPPE „GEMEINSAM KOCHEN IM GEMEINDEBAU“ GEGEBEN. EINE KÖCHIN VON DER UMWELTBERATUNG HAT MIT DEN BEWOHNERINNEN GEMEINSAM REGIONALE UND SAISONALE GERICHTE ZUBEREITET UND UNTER ANDEREM AUCH ERNÄHRUNGSTIPPS GEGEBEN. DIE HEUTIGE KOCHGRUPPE KOORDINIERT SELBST, WAS GEKOCHT WIRD UND WER WELCHE AUFGABEN ÜBERNIMMT.
FÜR UNS LIVE GEKOCHT HABEN
BEATRIX „TRIXI“ MIKES, 60 JAHRE ALT, GEBOREN IN KLAGENFURT, LEBT SEIT 1980 IN WIEN UND IST SEIT 2016 IN DER KOCHGRUPPE
RUDOLF „RUDI“ SCHMID, 63 JAHRE ALT, LEBT SEIT GEBURT IN WIEN UND IST SEIT 2017 IN DER KOCHGRUPPE
HELGA KINDL, 81 JAHRE ALT, GEBOREN IM WALDVIERTEL, LEBT SEIT IHRER KINDHEIT IN WIEN UND IST SEIT 2018 IN DER KOCHGRUPPE
WAS WURDE LIVE GEKOCHT?
KÄRNTNER REINLING
V.L.N.R. ROSA SCHEER, RUDOLF SCHMID, ERIKA FOIGT, HELGA KINDL, CHARLOTTE HOLDERBAUM, BRIGITTE HEINZ, BEATRIX MIKES, MONIKA STANEK
WEITERE MITGLIEDER DER KOCHGRUPPE
ROSA SCHEER, 85 JAHRE, GEBOREN IN WIEN, LEBT SEIT 1956 IN WIEN
HEDI PFNEIZL, 65 JAHRE ALT, BURGENLÄNDERIN, SEIT 1976 IN WIEN
KETEVAN CHICHINADZE, 43 JAHRE ALT, GEBOREN IN GEORGIEN, SEIT 2002 IN WIEN
GERTRUDE MARINGER, 83 JAHRE ALT, GEBOREN IN WIEN, LEBT IN WIEN
BRIGITTE HEINZ, 67 JAHRE, GEBOREN IN NIEDERÖSTERREICH, SEIT ANFANG DER 1960ER IN WIEN
CHARLOTTE HOLDERBAUM, 59 JAHRE, GEBOREN IN BADEN BEI WIEN, SEIT ANFANG DER 1990ER JAHRE IN WIEN
ERIKA FOIGT, 81 JAHRE, GEBOREN IN GRAZ, LEBT SEIT 1953 IN WIEN
MONIKA STANEK, 80 JAHRE, KOMMT AUS DEM WALDVIERTEL, LEBT SEIT 1955 IN WIEN
ALLE SIND ZWISCHEN 2016 UND 2018 ZUR KOCHGRUPPE GESTOSSEN UND KOCHEN REGELMÄSSIG MIT. SIE HABEN EINIGE IHRER REZEPTE FÜR DAS BUCH ZUR VERFÜGUNG GESTELLT.
BEATRIX „TRIXI“ MIKES IST DER BESTE BEWEIS DAFÜR. IN DER MINI-KÜCHE IHRER WOHNUNG BÄCKT SIE JEDES OSTERN 20 BIS 30 KÄRNTNER REINLINGE, EINEN TRADITIONELLEN KUCHEN AUS DEM SÜDLICHSTEN BUNDESLAND ÖSTERREICHS. ORIGINAL WIRD ER IN EINER REIN (EINEM TOPF) GEBACKEN, DAHER SEIN NAME. DA NIMMT SIE DANN, AUSNAHMSWEISE, GERIEBENE HASELNÜSSE STATT – WIE IM ORIGINALREZEPT – WALNUSSKERNE, DIE NOCH ZERKLEINERT WERDEN MÜSSEN. „DAMIT ICH MIR DAS HACKEN ERSPARE.“ DENN BEI ALLER LIEBE ZUM REINLING SEI SIE SCHON AUCH IMMER WIEDER FROH, WENN DIE ÖSTERLICHE BACKAKTION FERTIG SEI.
Drei aus der sonst mehr als zehnköpfigen Kochgruppe sind heute angetreten, um stellvertretend für uns live zu kochen. Die anderen haben Rezepte zum Buch beigesteuert. Mit einer Ausnahme sind alle in Wien oder einem anderen österreichischen Bundesland geboren. Gemischter, genauer gesagt internationaler, sei die Kochgruppe früher zusammengesetzt gewesen, bedauert Rudolf Schmid, der einzige männliche Koch hier. Da habe es auch das eine oder andere interessante Essen aus verschiedenen Herkunfts-Ländern gegeben, zum Beispiel Japan. Aber immerhin, so resümiert er, komme die Gruppe aus unterschiedlichen Ecken des 10. Bezirks und anderen Gegenden Wiens hier zum Kochen zusammen, „somit vertreten wir irgendwie auch verschiedene Welten und erfahren, was dort los ist, das finde ich klass“. Und die Wiener Welten sind in der Tat sehr verschieden.
TRIXI MIKES ist 60 Jahre alt und gebürtige Kärntnerin. Seit zwei Jahren ist sie Witwe, der Tod ihres Mannes mache ihr immer noch sehr zu schaffen, erzählt sie. Sie hat vier Kinder und zehn Enkelkinder, ihr ganzer Stolz. Seit 2016 kocht sie mit Hingabe in der Kochgruppe.
Beim Kochen ist Trixi in ihrem Element, das sieht man sofort. Als Erstes verteilt sie die Zuarbeit: Abwiegen, Milch wärmen, Zitrone reiben, Rosinen marinieren, Nüsse hacken ... sie richtet alles her, bevor sie mit dem Teig beginnt. „Mis en place“, alles auf seinen Platz, nennt man das in der Profiküche. Die Kochgruppe ist ein eingespieltes Team. Trixi sei eigentlich die Einzige, „die wirklich kocht, alle anderen helfen mit“, meint Kochkollege Rudi anerkennend. Manchmal kocht sie für mehr als zehn Personen. Sie traue sich das im Unterschied zu anderen zu, meint Trixi, auch wenn sie es eigentlich nicht mehr gewohnt sei. Aber „ich koche gerne“, sagt sie mit einem Strahlen in den Augen.
Wohlgemerkt: für andere. „Für mich allein koche ich nicht“, das zahle sich nicht aus. Wenn sie allein sei, esse sie immer kalt. Sehr gerne Speck oder ein Schmalzbrot. Das wird nicht oft der Fall
