Kreiseziehen - Maggie Shipstead - E-Book
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Kreiseziehen E-Book

Maggie Shipstead

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Beschreibung

In den Weiten des Himmels gibt es keine Grenzen Marian Graves ist ein Wildfang von Kindesbeinen an. Im heimatlichen Montana sucht sie stets das nächste Abenteuer und scheut keine Gefahr. Besonders angetan hat es ihr das Fliegen – sie träumt davon, über den Wolken zu schweben. Aber um ihr Ziel zu erreichen, muss sie Hindernisse meistern und Opfer bringen. 1950 startet Marian den Versuch, als erste Person die Erde in der Längsachse zu umrunden. Doch in der Antarktis verschwindet sie und lässt nur ein Logbuch zurück. 2014 verkörpert die skandalerschütterte Hollywoodschauspielerin Hadley Baxter die Rolle der zum Mythos gewordenen Marian Graves und begibt sich auf die ganz eigene Spurensuche dieser ungewöhnlichen Frau. »Ein mitreißender Pageturner, der mühelos einmal um die Welt und durch das 20. Jahrhundert fliegt.« Thomas Hummitzsch, Der Freitag »[...] So ist ›Kreiseziehen‹ ein toller und facettenreicher Roman, nicht nur, aber vor allem über zwei Frauen, die sich mit den für sie vorgesehenen Rollen nicht begnügen.« Bettina Baltschev, Deutschlandfunk

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Seitenzahl: 1038

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über das Buch

Die Zwillinge Marian und Jamie Graves wachsen bei ihrem eigenbrötlerischen Onkel in Missoula, Montana auf, nachdem der Untergang eines Ozeandampfers 1914 sie zu Waisen gemacht hat. Bereits früh ist Marian erfüllt von einer tiefen Sehnsucht nach Unabhängigkeit. Während ihr sanftmütiger Bruder sich in Tagträumereien verliert, streift sie durch die Wälder auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer. Eines Tages besucht sie eine örtliche Flugschau – beeindruckt von den Kunststücken der waghalsigen Piloten ist es der Beginn einer lebenslangen Obsession. Um selbst über den Wolken schweben zu können, ist Marian bereit, einen hohen Preis zu bezahlen. Sie lässt sich auf einen mächtigen und wohlhabenden Alkoholschmuggler ein, der ihre Fliegerei fördert und dafür ihre Liebe fordert, und als der Zweite Weltkrieg anbricht, meldet sie sich für den Militärdienst. Bald will sie als erste Person die Erdkugel der Längsachse nach umfliegen. Doch als sie 1950 den Flug antritt, geht sie in der Antarktis verschollen.

2014 wird Hadley Baxter für die Rolle der Marian in einem Hollywoodfilm gecastet, der sich um ihr Verschwinden dreht. Nach einem öffentlichen Skandal und dem Einbruch ihrer Karriere, ist es für Hadley die Chance, sich als Schauspielerin neu zu erfinden. Je mehr sie sich mit der Geschichte von Marian auseinandersetzt, desto verbundener fühlt sie sich mit dieser ungewöhnlichen Frau und ihrem Hunger nach Selbstbestimmung und Freiheit. Eine Spurensuche führt sie an verschiedene Orte und zu ungeahnten Entdeckungen.

 

Von Maggie Shipstead ist bei dtv außerdem lieferbar:

Dich tanzen zu sehen

Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit

Maggie Shipstead

Kreiseziehen

Roman

übersetzt von Harriet Fricke, Susanne Goga-Klinkenberg und Sylvia Spatz

Für meinen Bruder

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,die sich über die Dinge ziehn.Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,aber versuchen will ich ihn.

 

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,und ich kreise jahrtausendelang;und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturmoder ein großer Gesang.

 

– RAINER MARIA RILKE, Das Stundenbuch

Würde man eine beliebige Kugel mit einer Klinge durchtrennen und sie in zwei vollkommene Hälften teilen, so wäre der Umfang der Schnittseite jeder Hälfte ein Großkreis, d. h. der größte Kreis, den man auf einer Kugel zeichnen kann.

 

Der Äquator ist ein Großkreis. Das Gleiche gilt für jeden Längengrad. Auf der Oberfläche einer Kugel wie der Erde folgt die kürzeste Entfernung zwischen zwei beliebigen Punkten einem Bogen, der ein Segment eines Großkreises ist.

 

Genau gegenüberliegende Punkte wie Nord- und Südpol werden von einer unendlichen Anzahl an Großkreisen durchschnitten.

Little America III, Ross-Schelfeis, Antarktis4. März 1950[1]

Ich war zum Wandern geboren. Ich war für die Erde geformt wie ein Meeresvogel für eine Welle. Manche Vögel fliegen, bis sie sterben. Ich habe mir ein Versprechen gegeben: Mein letzter Anflug wird kein hilfloser Taumel sein, sondern der scharfe Tauchgang eines Tölpels – ein gewollter Sturzflug, der auf etwas tief im Meer abzielt.

Ich bin im Aufbruch. Ich will versuchen, den Kreis von unten nach oben zu vollenden, um das Ende mit dem Anfang zu verbinden. Ich wünschte, die Linie wäre ein glatter Meridian, ein vollkommener, straffer Ring, aber unser Kurs wurde von der Notwendigkeit verzerrt: der beliebigen Verteilung von Inseln und Flugplätzen, dem Treibstoffbedarf des Flugzeugs.

Ich bereue nichts, aber nur, weil ich es nicht zulasse. Ich kann nur an das Flugzeug denken, an den Wind und das so ferne Ufer, an dem das Land wieder beginnt. Das Wetter wird besser. Wir haben das Leck so gut es geht repariert. Bald breche ich auf. Ich hasse den endlosen Tag. Die Sonne umkreist mich wie ein Geier. Ich will eine Atempause unter den Sternen.

Kreise sind einzigartig, weil sie endlos sind. Alles Endlose ist wundersam. Aber die Endlosigkeit ist auch eine Qual. Ich wusste, dass man den Horizont nie einholen kann, und habe ihn dennoch gejagt. Was ich getan habe, ist töricht, aber mir blieb keine Wahl.

Es ist nicht, wie ich es mir vorgestellt habe, nun, da sich der Kreis beinahe geschlossen hat und Anfang und Ende nur noch durch ein letztes furchterregendes Stück Wasser getrennt sind. Ich hatte gedacht, ich würde glauben, die Welt gesehen zu haben, aber es gibt zu viel Welt und zu wenig Leben. Ich hatte gedacht, ich würde glauben, etwas vollendet zu haben, doch nun bezweifle ich, dass irgendetwas vollendet werden kann. Ich hatte gedacht, ich würde mich nicht fürchten. Ich hatte gedacht, ich würde mehr werden, als ich bin, doch stattdessen weiß ich, dass ich weniger bin, als ich dachte.

Niemand sollte dies je lesen. Mein Leben ist das Einzige, was ich besitze.

Und doch, und doch, und doch.

Los AngelesDezember 2014

Ich wusste nur deshalb von Marian Graves, weil eine der Freundinnen meines Onkels mich als Kind gern in der Bücherei deponierte und ich mir einmal wahllos ein Buch schnappte, das Tapfere Damen des Himmels oder so ähnlich hieß. Meine Eltern waren losgeflogen und nie zurückgekommen, und wie sich herausstellte, hatte ein beträchtlicher Anteil der tapferen Damen das gleiche Schicksal erlitten. Das weckte mein Interesse. Ich wollte wohl von jemandem hören, dass ein Flugzeugabsturz gar kein so übler Tod ist – obwohl ich sicher gedacht hätte, dass derjenige Mist labert. Im Kapitel über Marian stand, dass sie von ihrem Onkel aufgezogen wurde, worauf ich eine Gänsehaut bekam, denn ich wurde (gewissermaßen) auch von meinem Onkel aufgezogen.

Eine nette Bibliothekarin grub Marians Buch für mich aus – Das Meer, der Himmel etc. –, und ich studierte es wie ein Astrologe eine Sternenkarte, weil ich hoffte, dass Marians Leben irgendwie mein eigenes erklären und mir sagen würde, was ich tun und wie ich sein sollte. Das meiste ging über meinen Verstand, hinterließ in mir aber den vagen Wunsch, meine Einsamkeit in ein Abenteuer zu verwandeln. Auf die erste Seite meines Tagebuches schrieb ich in Druckbuchstaben: »Ich war zum Wandern geboren.« Danach schrieb ich nichts mehr, denn wie soll man das umsetzen, wenn man zehn Jahre alt ist und seine Zeit im Haus seines Onkels in Van Nuys verbringt oder für Fernsehwerbung vorspricht? Nachdem ich das Buch zurückgegeben hatte, vergaß ich Marian mehr oder weniger. Eigentlich sind fast alle tapferen Damen des Himmels vergessen. In den 80er Jahren gab es gelegentlich ein gruseliges TV-Special über Marian, und eine Handvoll eingefleischter Marian-Enthusiasten spinnt immer noch Theorien im Internet, aber sie ist nicht so präsent wie Amelia Earhart. Die Leute glauben zumindest, etwas über Amelia Earhart zu wissen, selbst wenn sie es nicht tun. Eigentlich ist das auch nicht möglich.

Dass man mich so oft in der Bibliothek ablud, erwies sich als Vorteil, denn während die anderen Kinder in der Schule waren, saß ich bei jedem Casting für kleine weiße Mädchen (oder kleine Mädchen unbestimmter ethnischer Herkunft, was auch weiß bedeutet) im Großraum Los Angeles auf diversen Klappstühlen in diversen Fluren, begleitet von diversen Kindermädchen und den Freundinnen meines Onkels Mitch, zwei Kategorien, die sich bisweilen überschnitten. Ich glaube, die Freundinnen boten manchmal an, auf mich aufzupassen, um mütterlich zu wirken und so als Ehefrau infrage zu kommen, aber das war keine sonderlich gute Strategie, wenn man beim alten Mitch das Feuer am Brennen halten wollte.

Als ich zwei war, stürzte die Cessna meiner Eltern in den Oberen See. Glaubt man zumindest. Man fand nie eine Spur. Mein Dad, Mitchs Bruder, flog die Maschine. Sie waren auf einem romantischen Trip zur Hütte eines Freundes mitten im Nirgendwo, um, wie Mitch es ausdrückte, wieder zueinanderzufinden. Selbst als ich noch klein war, erzählte er mir, meine Mutter habe das Herumficken nicht aufgeben wollen. Seine Wortwahl. Mit Kindheit konnte Mitch allgemein nicht viel anfangen. »Aber sie konnten auch nicht voneinander lassen«, fügte er hinzu. Mit Wortspielen konnte Mitch auf jeden Fall viel anfangen. Er hatte als Regisseur von TV-Schmonzetten wie Liebe hat ihren Preis (da ging es um einen Zollbeamten) und Mord am Valentinstag (raten Sie mal) angefangen.

Meine Eltern hatten mich bei einer Nachbarin in Chicago gelassen, laut Testament aber an Mitch vererbt. Es gab sonst niemanden. Keine Tanten oder Onkel, und meine Großeltern waren eine Kombination aus tot, entfremdet, abwesend und unzuverlässig. Mitch war kein übler Kerl, aber im Grunde war er ein Opportunist im Hollywood-Format, und nachdem er mich ein paar Monate hatte, forderte er einen Gefallen ein, um mich in einer Apfelmus-Werbung unterzubringen. Dann suchte er mir eine Agentin, Siobhan. Von da an bekam ich ziemlich regelmäßig Werbespots, Gastauftritte und Rollen in Fernsehfilmen (ich spielte die Tochter in Mord am Valentinstag) und kann mich an keine Zeit erinnern, in der ich nicht geschauspielert oder es zumindest versucht hätte. Für mich war es das normale Leben: wieder und wieder ein Plastikpony in einen Plastikstall zu stellen, während die Kameras liefen und ein fremder Erwachsener mir sagte, wie ich lächeln sollte.

Als ich elf war und Mitch vom Film der Woche zu Musikvideos wechselte und sich in die Welt der Indie-Filme vorarbeitete, erlebte ich meinen sprichwörtlichen Durchbruch: die Rolle der Katie McGee in einer Zeitreise-Sitcom für Kinder namens Die ganz große Zeit der Katie McGee.

Am Set war mein Leben blitzsauber und zuckersüß, mit Wortspielen und ordentlichen Handlungssträngen und nach vorn offenen Zimmern unter einem heißen Himmel aus Jupiterlampen. Ich spielte übertrieben, begleitet von brüllenden Lachkonserven, und trug dabei so extravagant modische Outfits, dass ich wie der fleischgewordene Tween-Zeitgeist aussah. Wenn ich gerade nicht arbeitete, machte ich dank meines nachlässigen Onkels so ziemlich, was ich wollte. In ihrem Buch schreibt Marian Graves: Als Kinder waren mein Bruder und ich weitgehend uns selbst überlassen. Ich glaubte – und hörte auch einige Jahre lang nichts anderes –, dass ich frei war zu tun, was ich wollte, dass ich das Recht hatte, überall hinzugehen, wohin ich den Weg fand. Ich war wohl ungestümer und verwöhnter als Marian, empfand aber ganz ähnlich. Die Welt war meine Auster und die Freiheit meine Sauce Mignonette. Wenn dir das Leben Zitronen gibt, schälst du sie und garnierst damit deine Martinis.

Als ich dreizehn war und das Katie-McGee-Merchandise sich wie verrückt verkaufte und Mitch bei Tourniquet Regie geführt hatte und sich im Erfolg wälzte, zogen wir auf seine Initiative und mit unser beider Geld nach Beverly Hills. Nachdem ich nicht mehr im Valley festsaß, stellte mich der Typ, der Katie McGees großen Bruder spielte, seinen reichen Highschool-Freunden vor, denen alles egal war, die mich herumfuhren, auf Partys mitnahmen und mir an die Wäsche gingen. Mitch merkte wahrscheinlich gar nicht, wie oft ich weg war, weil er meist selbst unterwegs war. Manchmal begegneten wir uns besoffen um zwei oder drei Uhr morgens und nickten uns zu wie Leute in einem Hotelflur, die an derselben wilden Konferenz teilnehmen.

Das Gute aber war: Die Lehrer am Set von Katie McGee waren anständig und sagten, ich solle aufs College gehen, und da mir das gefiel, schwafelte ich mich nach dem Ende der Serie in die NYU, wobei mir mein Status als B-Fernseh-Promi beträchtlich half. Ich saß startbereit auf meinen Koffern, als Mitch eine Überdosis nahm, sonst wäre ich wohl einfach in L. A. geblieben und hätte mich auch zu Tode gefeiert.

Das Gute oder Schlechte war: Nach einem Semester wurde ich für den ersten Archangel-Film gecastet. Manchmal frage ich mich, was passiert wäre, wenn ich stattdessen das College abgeschlossen und die Schauspielerei aufgegeben und man mich vergessen hätte, aber es ist ja nicht so, als hätte ich die kolossale Gage für die Rolle der Katerina ablehnen können, was alles andere irrelevant macht.

In meiner kurzen Phase höherer Bildung hatte ich Zeit, Einführungskurse in die Philosophie zu belegen und etwas über das Panoptikum zu lernen, das hypothetische Gefängnis, das Jeremy Bentham erdacht hatte und in dem es ein einziges winziges Wachhaus in der Mitte eines riesigen Rings von Zellen gab. Man brauchte nur einen Wärter, der einen jederzeit beobachten könnte, und die Vorstellung, beobachtet zu werden, ist weit wichtiger als die tatsächliche Beobachtung. Dann verwandelte Foucault das Ganze in eine Metapher darüber, dass man eine Person oder Bevölkerung disziplinieren und beherrschen kann, indem man lediglich den Eindruck erweckt, sie könnte beobachtet werden. Der Professor wollte offensichtlich, dass wir das Panoptikum beängstigend und schrecklich fanden, aber später, nachdem Archangel mich viel zu berühmt gemacht hatte, wäre ich nur allzu gern mit Katie McGees absurder Zeitmaschine in den Hörsaal zurückgekehrt, um ihn zu bitten, das Gegenteil in Betracht zu ziehen. Denn nicht ein Wärter, sondern man selbst steht in der Mitte, und Tausende, vielleicht Millionen von Wärtern beobachten einen – oder könnten es tun –, und zwar immer und überall.

Nicht, dass ich den Mut gehabt hätte, einen Professor irgendwas zu fragen. An der NYU starrten mich alle an, weil ich Katie McGee gewesen war, aber mir kam es vor, als starrten sie mich an, weil sie wussten, dass ich es nicht verdient hatte, dort zu sein. Und vielleicht stimmte das sogar, aber man kann Fairness nicht im Labor messen. Man kann nicht wissen, ob man etwas verdient. Wahrscheinlich tut man es nicht. Deshalb war ich auch erleichtert, als ich die Uni wegen Archangel verließ, wieder eine Million Verpflichtungen hatte, die ich mir nicht aussuchen konnte, und einen Tagesablauf, den ich nicht selbst bestimmte. An der Uni hatte ich das wörterbuchdicke Vorlesungsverzeichnis durchgeblättert und war völlig verwirrt gewesen. Ich hatte mich durch die Cafeteria treiben lassen und mir all die verschiedenen Speisen angesehen, die Salatbars und die Berge von Bagels und die Müslibehälter und den Softeisautomaten, und war mir vorgekommen, als sollte ich ein monumentales Rätsel lösen, bei dem es um Leben und Tod ging.

Nachdem ich alles ruiniert hatte und Sir Hugo Woolsey (der Sir Hugo, der zufällig mein Nachbar ist) ein Biopic erwähnte, das er gerade produzierte, und Marians Buch aus seinem Beutel zog – ich hatte seit fünfzehn Jahren nicht daran gedacht –, saß ich plötzlich wieder in der Bibliothek und schaute auf das schmale gebundene Buch, das womöglich alle Antworten enthielt. Antworten, das hörte sich gut an. Das hörte sich an wie etwas, das ich wollte, auch wenn ich nie so ganz enträtseln konnte, was ich wollte. Nicht, dass ich überhaupt gewusst hätte, was Wollen bedeutete. Meist erlebte ich Begehren als ein Gewirr unmöglicher, widersprüchlicher Impulse. Ich wollte verschwinden wie Marian; ich wollte berühmter denn je sein; ich wollte etwas Wichtiges über Mut und Freiheit sagen; ich wollte mutig und frei sein, wusste aber nicht, was das bedeutete – ich konnte nur so tun, als ob ich es wüsste, und genau das macht Schauspielerei wohl aus.

Heute ist mein letzter Drehtag für Peregrine. Ich sitze in einer Attrappe von Marians Flugzeug, die an einem Flaschenzugsystem hängt und gleich über einen riesigen Wassertank geschwenkt und fallen gelassen wird. Ich trage einen Parka aus Rentierfell, der jetzt schon tausend Pfund wiegt und eine Million wiegen wird, wenn er nass ist, und versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich Angst habe. Bart Olofsson, der Regisseur, hat mich vorhin beiseitegenommen und gefragt, ob ich den Stunt wirklich selbst machen will, angesichts dessen, was mit meinen Eltern passiert ist. Ich glaube, ich möchte mich dem stellen, habe ich gesagt. Ich glaube, ich könnte den Abschluss gebrauchen. Er hatte mir die Hand auf die Schulter gelegt und sein schönstes Guru-Gesicht aufgesetzt. Du bist eine starke Frau, hatte er gesagt.

Doch einen echten Abschluss gibt es nicht. Darum suchen wir immer danach.

Der Schauspieler, der meinen Navigator Eddie Bloom spielt, trägt ebenfalls einen Rentierparka und hat wasserfeste Blutschminke auf der Stirn, weil er beim Aufprall bewusstlos werden soll. Im wirklichen Leben saß Eddie normalerweise an einem Pult hinter Marians Sitz, aber die Drehbuchautoren, zwei aggressiv-fröhliche Brüder mit Hitlerjugend-Haarschnitt und Hitlerjugend-Gesichtern, fanden es besser, wenn Eddie für den Todessturz nach vorn kommt. Klar, gut, wie ihr wollt.

Die Geschichte, die wir hier erzählen, ist ohnehin nicht so passiert. Das immerhin weiß ich. Aber ich würde nicht behaupten, dass ich die Wahrheit über Marian Graves kenne. Die kannte nur sie.

Acht Kameras werden meinen Sturzflug filmen: sechs fest installierte, zwei von Tauchern bediente. Ein Take ist der Plan. Höchstens zwei. Die Aufnahmen sind teuer, und unser Budget war nie riesig und ist mittlerweile mehr als ausgeschöpft, aber wenn man so weit gekommen ist, gibt es nur Augen zu und durch. Im besten Fall dauert es den ganzen Tag. Im schlimmsten Fall ertrinke ich, ende In Memoriam, ende wie meine Eltern, bloß in einem künstlichen Flugzeug und einem künstlichen Ozean und nicht mal auf dem Weg irgendwohin.

»Bist du dir sicher, dass du das machen willst?«

Der Stunt-Koordinator prüft mein Gurtzeug, wühlt ganz geschäftsmäßig in meinem Schritt, tastet zwischen borstigen Rentierhaaren nach Riemen und Clips. Wie es sich für einen Stuntkoordinator gehört, hat er ein ledernes Gesicht, eine lederne Garderobe und eine Stop-Action-Gangart, weil man ihn mehrfach zusammenflicken musste.

»Absolut«, sage ich.

Als er fertig ist, hebt uns der Kran hoch und schwenkt aus. Am Ende des Tanks befindet sich eine Stoffkulisse, die mit dem Wasser eine Art Horizont bildet, und ich bin sie, Marian Graves, und fliege mit leerer Tankanzeige über den Südlichen Ozean und weiß, dass ich nirgendwo anders hingelangen kann als dort, wo ich bin, und das ist nirgendwo. Ich frage mich, wie kalt das Wasser sein mag, wie lange es dauert, bis ich tot bin. Ich gehe meine Möglichkeiten durch. Ich denke an das Versprechen, das ich mir gegeben habe. Der scharfe Tauchgang eines Tölpels.

»Action«, sagt eine Stimme in meinem Hörer, und ich drücke das Steuerhorn der Flugzeugattrappe, als wollte ich uns in den Mittelpunkt der Erde fliegen. Die Flaschenzüge kippen den Bug nach unten, und wir stürzen ab.

Die Josephina Eterna

Glasgow, Schottland April 1909

Ein unfertiges Schiff. Ein Rumpf ohne Schornsteine, oben von einem Stahlgerüst und unten von einem Holzgestell in seiner Helling gefangen. Hinter dem Heck, unter den vier machtlosen Blüten der freiliegenden Schiffsschrauben, floss der Clyde grün im unerwarteten Sonnenschein.

Vom Kiel bis zur Wasserlinie war sie rostrot gestrichen und darüber, eigens für den Stapellauf, weiß wie eine Braut. (Weiß machte sich besser auf Zeitungsfotos.) Wenn die Blitzlichter erloschen sind und das Schiff zur Ausrüstung einsam im Fluss ankert, werden Männer auf Brettern stehen, die von dicken Seilen an den Seiten des Schiffes hängen, und die Platten und Nieten ihres Rumpfes glänzend schwarz streichen.

Ihre beiden Schornsteine werden aufgerichtet, verschraubt und festgezurrt. Ihre Decks werden mit Teakholz verschalt, ihre Gänge und Salons mit Mahagoni, Nussbaum und Eiche getäfelt. Es wird Sofas und Polsterbänke und Sessel geben, Betten und Badewannen, Seestücke in vergoldeten Rahmen, Götter und Göttinnen in Bronze und Alabaster. Das Porzellan der ersten Klasse wird mit Goldrändern und goldenen Ankern (dem Emblem der L&O Lines) versehen sein. Für die zweite Klasse: blaue Anker, blauer Rand (Blau ist die Farbe der Linie). Die dritte Klasse muss sich mit einfachem weißem Geschirr begnügen, die Besatzung mit Blech. Güterwagen werden Kristall, Silber und Porzellan, Damast und Samt anliefern. Kräne werden drei Klaviere an Bord hieven, die wie steifbeinige Bestien in Netzen baumeln. Ein Hain aus Topfpalmen wird die Gangway hinaufgerollt. Kronleuchter werden aufgehängt. Liegestühle, die wie Alligatorenkiefer aufklappen, werden gestapelt. Schließlich wird die erste Ladung Kohle durch Öffnungen weit unten im Rumpf gekippt, in Bunker unterhalb der Wasserlinie, weitab der Verzierungen. Das erste Feuer wird tief in ihren Kesseln entfacht.

Doch am Tag des Stapellaufs war sie noch eine Hülle, ein kahler, ungemütlicher Klotz aus Stahl. In ihrem Schatten drängte sich eine Menschenmenge: Schiffsarbeiter in rauen Gruppen, Glasgower Familien, die sich das Spektakel ansehen wollten, Straßenjungen, die Zeitungen und Sandwiches anboten. Ein strahlend blauer Himmel wehte über ihnen wie ein Wimpel. In einer Stadt aus Ruß und Nebel konnte dieser Himmel nur ein gutes Omen sein. Eine Blaskapelle spielte.

Mrs. Lloyd Feiffer, Matilda, die Frau des neuen amerikanischen Schiffseigners, stand auf einer mit blau-weißen Wimpeln geschmückten Plattform, unter dem Arm eine Flasche Scotch. »Sollte es nicht Champagner sein?«, hatte sie ihren Mann gefragt.

»Nicht in Glasgow«, hatte er erwidert.

Matilda sollte die Flasche am Schiffsrumpf zerschmettern und das Schiff auf den Namen taufen, an den zu denken sie kaum ertragen konnte. Sie sehnte das kathartische Zerspringen des Glases ungeduldig herbei, erhoffte, dass ihre Aufgabe erledigt sein würde, doch im Moment konnte sie nur warten. Es gab irgendeine Verzögerung. Lloyd war zappelig und machte Bemerkungen in Richtung des Schiffsbauingenieurs, der starr vor Sorge wirkte. Auf der Plattform drängten sich unglückliche Engländer mit Bowlerhüten, Schotten von der Schiffbaufirma und weitere Männer, die sie nicht identifizieren konnte.

Das Schiff war bereits zur Hälfte fertig, als die L&O Lines, die Lloyds Vater Ernst 1857 in New York gegründet und die Lloyd 1906 geerbt hatte, die insolvente englische Reederei, die es in Auftrag gegeben hatte, übernahm. (Die sie in Auftrag gegeben hatte, korrigierte Lloyd stets. Doch für Matilda würden Schiffe immer ein Es bleiben.) Die Beplankung war bereits im Gange gewesen, als das Geld ausging, und wurde wieder aufgenommen, nachdem Lloyds Dollar erst in Pfund Sterling und dann in Stahl umgetauscht worden waren. Die Männer mit den Bowlerhüten, die aus London angereist waren und sich mürrisch über das herrliche Wetter ausließen, hatten das Schiff entworfen, über die Baupläne gestritten und einen vernünftigen Namen gewählt, den Lloyd ignoriert hatte. All die Mühe, und nun waren sie überflüssig: Hintergangene mit sorgfältig gebürsteten Hüten auf einer wimpelgeschmückten Plattform, während der mitreißende Marsch der Blaskapelle zu ihren Füßen brodelte. Man hatte die Helling mit Talg bestrichen, um dem Schiff den Weg zu schmieren, und Matilda spürte, wie der starke Tiergeruch in ihre Kleider drang und sich auf ihre Haut legte.

Lloyd hatte ein neues Passagierschiff haben wollen, um L&O wiederzubeleben. Als Ernst starb, war die Flotte müde und veraltet gewesen und hatte hauptsächlich aus Trampdampfern bestanden, die im Küstenverkehr fuhren, einigen Fracht- und Passagierschiffen, die über den Atlantik tuckerten, und ein paar müden Windjammern, die immer noch auf den pazifischen Getreide- und Guanorouten fuhren. Dieses Schiff würde nicht das größte, schnellste oder opulenteste Passagierschiff sein, das von Europa aus den Atlantik überquerte – keine Konkurrenz für die Monster der White Star Line, die in Belfast gebaut wurden –, aber Lloyd hatte Matilda erklärt, es sei ein respektabler Einsatz am Tisch der Bonzen.

»Wie sieht’s aus?«, bellte Lloyd, dass sie zusammenschrak. Die Frage war an Addison Graves gerichtet, Kapitän Graves, der in der Nähe stand – oder besser emporragte, obwohl er sich gewöhnlich vorbeugte, als wollte er sich vorauseilend für seine Größe entschuldigen. Er war dünn, fast hager, aber mit massiven, schweren Knochen, die wie Keulen wirkten.

»Es gibt ein Problem mit dem Auslöser«, sagte er zu Lloyd. »Sollte nicht mehr lange dauern.«

Lloyd betrachtete stirnrunzelnd das Schiff. »Sie sieht aus, als läge sie in Fesseln. Dabei ist sie dazu bestimmt, auf See zu sein. Findest du nicht auch, Graves?« Er wurde plötzlich übermütig. »Findest du sie nicht auch absolut prächtig?«

Der Bug ragte über ihnen auf, scharf wie eine Klinge. »Sie wird ein gutes Schiff«, sagte Graves milde.

Er würde der erste Kapitän des Schiffes sein und war mit Lloyd und Matilda und den vier kleinen Feiffer-Söhnen zum Stapellauf gekommen – Henry, der älteste, war sieben Jahre, und Leander, das Baby, noch nicht einmal ein Jahr, und dazwischen gab es Clifford und Robert, die allesamt von ihren beiden Kindermädchen betreut und aus dem Weg gehalten wurden. Matilda hatte gehofft, Graves auf der Reise ein wenig näherzukommen. Er war nicht unfreundlich, nie unhöflich, aber seine Zurückhaltung schien undurchdringlich. Selbst ihre kühnsten Versuche, etwas über sein Innenleben herauszufinden, waren fruchtlos geblieben. Was hat Sie aufs Meer gelockt, Kapitän Graves?, hatte sie ihn einmal beim Abendessen gefragt. Er hatte geantwortet: Wenn Sie weit genug in irgendeine Richtung gehen, landen Sie am Meer, Mrs. Feiffer, und es war ihr wie ein Tadel vorgekommen. Er war für sie zum Sinnbild der grundlegenden Undurchdringlichkeit männlichen Lebens geworden. Lloyd liebte ihn von ganzem Herzen und wie niemanden sonst, schon gar nicht Matilda. Ich schulde ihm mein Leben, hatte Lloyd schon oft gesagt. Dein Leben kann keine Schuld sein, hatte sie einmal erwidert, sonst gehört es dir nicht wirklich und kann auch nicht gerettet werden. Aber Lloyd hatte nur gelacht und gefragt, ob sie schon einmal erwogen habe, Philosophin zu werden.

Graves und Lloyd hatten als junge Männer zusammen auf einer Bark angeheuert. Graves hatte als Seemann gearbeitet, und Lloyd, der gerade seinen Abschluss in Yale gemacht hatte, mehr oder weniger so getan. Lloyds Vater Ernst hatte gesagt, er müsse von der Pike auf lernen, wenn er L&O einmal erben wolle. Als der unglückselige Lloyd vor Chile über Bord fiel, warf Graves ihm schnell und präzise eine Leine zu und hievte ihn zurück an Bord. Seitdem verehrte Lloyd Graves als seinen Retter. (Aber du hast die Leinegefangen, sagte Matilda. Du hast dich daran festgehalten.) Und als Lloyd nach Chile in der Firma aufstieg, galt das auch für Graves.

Die Plattform lag nicht mehr im Schatten. Matilda schwitzte, ihr Korsett klebte und scheuerte. Lloyd hielt die Fähigkeit, ein Schiff zu taufen, offenbar für angeboren. »Zerbrich die Flasche am Bug, Tildy«, hatte er gesagt. »Es ist ganz einfach.«

Würde sie merken, wenn der richtige Moment gekommen war? Würden sie daran denken, es ihr zu sagen? Sie wusste nur, dass anscheinend ein Zeichen kommen würde (von wem, wusste sie nicht), sobald das Schiff ins Rutschen geriet, und dann sollte sie den Whiskey am Bug zerschlagen und das Schiff auf den Namen Josephina Eterna taufen, nach der Geliebten ihres Mannes.

Als sie Lloyd vor Monaten am Frühstückstisch gefragt hatte, wie das Schiff heißen solle, hatte er es ihr gesagt, ohne auch nur die Zeitung zu senken.

Matildas Tasse hatte nicht geklirrt, als sie sie auf der Untertasse abstellte. Immerhin etwas, auf das sie stolz sein konnte.

Mit einundzwanzig war sie jung, aber nicht zu jung gewesen, als der sechsunddreißigjährige Lloyd sie heiratete, und alt genug, um zu wissen, dass er sie wegen ihres Vermögens und ihrer potenziellen Fruchtbarkeit gewählt hatte und nicht aus Liebe. Sie verlangte lediglich, dass Lloyd sich respektvoll und diskret verhielt. Das hatte sie ihm vor der Verlobung erklärt, und er hatte freundlich zugehört und zugestimmt, dass viel für eine individuelle Privatsphäre innerhalb der Ehe spräche, zumal ihm das Junggesellenleben so lange so gut zupassgekommen sei. »Wir verstehen uns also«, hatte sie gesagt und ihm die Hand gereicht. Er hatte sie feierlich geschüttelt und Matilda auf den Mund geküsst, eine ganze Weile, und sie hatte angefangen, sich gegen ihren Willen zu verlieben. So ein Pech.

Aber sie würde ihr Wort halten. Sie fand sich, so gut sie konnte, mit Lloyds außerehelichen Streifzügen ab und richtete ihre Leidenschaft ganz auf die Kinder und die Pflege ihrer Garderobe und Person. Sie wusste, dass Lloyd sie liebevoll behandelte und im Bett zärtlicher war als manch anderer Ehemann, aber auch, dass sie ganz und gar nicht seinem Geschmack entsprach. Er bevorzugte temperamentvolle, unersättliche Frauen, meist älter als Matilda, oft sogar älter als er selbst, auf jeden Fall älter als die Namensgeberin des Schiffes, diese Jo, die erst neunzehn Jahre, dunkel und flatterhaft war. Aber Matilda wusste nur zu gut, dass oftmals gerade die Geliebte, die dem Idealtypus nicht entsprach, einen Menschen aus dem Gleichgewicht brachte.

Die Namenswahl des Schiffes schien ein schlechter Lohn für ihre Toleranz und Großzügigkeit, und sowie sie einen Moment allein war, fern von klirrendem Porzellan und den Augen der Dienerschaft, hatte sie einige Tränen vergossen. Aber dann hatte sie sich zusammengerissen und weitergemacht, so wie immer.

Lloyd drehte sich aufgeregt zu ihr um. »Gleich ist es so weit.«

Sie versuchte, sich zu wappnen. Der Flaschenhals war zu kurz, um ihn sicher zu greifen, zumal mit Seidenhandschuhen, und so rutschte ihr die Flasche aus der Hand und landete mit einem dumpfen Aufprall nah der Plattformkante. Als sie sie aufhob, berührte jemand ihre Schulter. Addison Graves. Er nahm die Flasche behutsam an sich. »Sie sollten besser die Handschuhe ausziehen«, sagte er. Nachdem sie das getan hatte, legte er eine ihrer Hände um den Hals und drückte die andere Handfläche flach auf den Korken. »So«, sagte er und deutete einen seitlichen Bogen an. »Schlagen Sie ruhig kräftig zu, denn es bringt Unglück, wenn die Flasche nicht zerbricht.«

»Danke«, murmelte sie.

Sie wartete am Rand der Plattform auf ihr Zeichen, doch nichts geschah. Der Bug blieb, wo er war, wie die riesige, nach oben gerichtete Nase eines stolzen, hochmütigen Wesens. Die Männer redeten eindringlich miteinander. Der Schiffbauingenieur eilte davon. Sie wartete. Die Flasche wurde schwerer. Ihre Finger taten weh. Unten in der Menge schubsten sich zwei Männer und verursachten einen Aufruhr. Während sie hinsah, schlug der eine dem anderen ins Gesicht.

»Tildy, Herrgott noch mal!« Lloyd zerrte an ihrem Arm. Der Bug rutschte davon. So schnell. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sich etwas so Großes so schnell bewegen konnte.

Sie beugte sich vor und schleuderte die Flasche gegen die dahinschwindende Stahlwand. Unbeholfen, aus dem Obergriff. Sie stieß gegen den Rumpf, zerbrach aber nicht, sondern prallte ab und fiel auf die Helling, wo sie in einer Explosion aus Glas und bernsteinfarbener Flüssigkeit zerschellte. Die Josephina glitt davon. Der grüne Fluss wölbte sich hinter dem Heck empor und zerfiel zu Schaum.

Der Nordatlantik Januar 1914Vier Jahre und neun Monate später

Die Josephina Eterna, ostwärts in der Nacht. Eine juwelenbesetzte Brosche auf schwarzem Satin. Ein einsamer Kristall an der Wand einer dunklen Höhle. Ein prächtiger Komet an einem leeren Himmel.

Unter ihren Lichtern und wabenförmigen Kajüten, unter den Männern, die sich in roter Hitze und schwarzem Staub abmühten, unter ihrem mit Entenmuscheln übersäten Kiel zog ein Kabeljau-Schwarm vorbei, eine dichtgedrängte Meute biegsamer Körper in der Dunkelheit, die Augen weit hervorgewölbt, obwohl es nichts zu sehen gab. Unter den Fischen: Kälte und Druck, leere schwarze Meilen, ein paar sonderbare leuchtende Kreaturen, die Futterfitzelchen hinterherglitten. Dann der sandige Boden, leer bis auf schwache Spuren, die zähe Krabben, blinde Würmer, Lebewesen hinterlassen hatten, die niemals wissen würden, dass es so etwas wie Licht überhaupt gab.

Am zweiten Abend, nachdem sie New York verlassen hatten, kam Addison Graves zum Essen und fand sich bei Tisch neben Annabel. Er war ohne Begeisterung aus der maskulinen Stille der Brücke in die trillernde, funkelnde Kakophonie des Speisesaals hinabgestiegen. Die Luft fühlte sich heiß und feucht an, es roch nach Essen und Parfüm. Die Kälte des Ozeans, die in seiner wollenen Uniform saß, verflüchtigte sich; augenblicklich kribbelte es ihn vor Schweiß. An seinem Tisch verbeugte er sich, die Mütze unter dem Arm. Die Gesichter der Passagiere verströmten eine geradezu räuberische Gier nach seiner Aufmerksamkeit. »Guten Abend«, sagte er beim Hinsetzen und schüttelte die Serviette aus. Er hatte selten Freude an Gesprächen und schon gar nicht an dem selbstgefälligen Geplauder, das Passagiere verlangten, die reich oder wichtig genug waren, um einen Platz am Tisch des Kapitäns zu ergattern. Zunächst bemerkte er nur das blasse Grün von Annabels Kleid. Auf seiner anderen Seite saß eine ältere Frau in Braun. Das erste einer langen Reihe allzu erlesener Gerichte wurde von befrackten Kellnern aufgetragen.

Lloyd Feiffer hatte Addison zum Kapitän befördert, sowie er L&O geerbt hatte, als die Erde auf dem Grab seines Vaters noch frisch war. Bei Steaks im Delmonico’s hatte Lloyd ihm das Kommando über ein Schiff übertragen, und Addison hatte nur genickt, damit man ihm die Euphorie nicht ansah. Kapitän Graves! Endlich wäre der unglückliche Junge von der Farm in Illinois für immer verschwunden, unter dem Absatz seines polierten Stiefels zu einem Nichts zermahlen, über Bord geworfen.

Allerdings hatte Lloyd eine kleine Sorge geäußert. »Du wirst geselliger werden müssen, Graves. Du wirst dich unterhalten müssen. Auch dafür bezahlen sie. Schau nicht so. Es wird schon nicht so schlimm.« Er hatte besorgt innegehalten. »Meinst du, du schaffst das?«

»Ja«, hatte Addison gesagt, wobei sein Ehrgeiz schwerer wog als jede Furcht in seinem Herzen. »Natürlich.«

Die Kellner wirbelten umher, brachten Schalen mit Consommé. Rechts von Addison schilderte Mrs. Soundso im braunen Kleid die detaillierten Lebensgeschichten ihrer Söhne, und zwar so langsam und bedächtig, als verläse sie die Bedingungen eines Vertrages. Lamm mit Minzgelee wurde serviert und verspeist. Danach Brathähnchen. Als seine Nachbarin beim Salat ihren Vortrag kurz unterbrach, wandte sich Addison endlich an die Frau im blassgrünen Kleid. Sie heiße Annabel, hatte sie gesagt. Sie schien recht jung. Er erkundigte sich, ob sie zum ersten Mal nach Großbritannien reise.

»Nein«, sagte sie. »Ich war schon ein paarmal dort.«

»Dann gefällt es Ihnen?«

Zuerst antwortete sie nicht. Als sie dann sprach, klang sie nüchtern. »Nicht besonders, aber mein Vater und ich haben beschlossen, dass es am besten sei, wenn ich New York für eine Weile verlasse.«

Ein seltsames Geständnis. Er betrachtete sie genauer. Sie hielt den Kopf gesenkt, schien sich aufs Essen zu konzentrieren. Sie war älter, als er anfangs gedacht hatte, Ende zwanzig, und ausgesprochen hübsch, obwohl nachlässig aufgetragenes Rouge und Lippenstift ihr ein verschwommenes, fiebriges Aussehen verliehen. Ihr Haar war cremefarben wie die Mähne eines Palomino-Pferdes und ihre Wimpern und Augenbrauen blass und nahezu unsichtbar. Sie sah abrupt auf und begegnete seinem Blick.

Ihre Augen waren hellblau und mit leuchtenden, ineinandergreifenden Ringen durchsetzt, die an Tupfen Sonnenlichts erinnerten. Er las eine unverschämte, unmissverständliche Aufforderung in ihnen. Er kannte die Blicke der Frauen im Südpazifik, die sich barbusig im Schatten räkelten, die der Huren, halb versteckt in den düsteren Gassen der Hafenstädte, die der Karayuki-San, die ihn in laternenbeleuchtete Räume führten. Er schaute zu ihrem Vater, der ihnen gegenübersaß, ein rotgesichtiger, drahtiger Mann, der lautstark erzählte und seine Tochter offensichtlich nicht beachtete.

»Sie verachten das alles«, sagte Annabel mit leiser Stimme. »Mit diesen Leuten zu reden. Ich weiß es, denn es geht mir genauso.«

Addison entschuldigte sich beim Dessert. Etwas verlange nach seiner Aufmerksamkeit. Er verließ den Speisesaal, ging zwei Treppen hinauf und trat durch eine Tür – NUR für Besatzung – aufs offene Deck hinter der Brücke.

Er stützte sich mit den Ellbogen auf die Reling. Es war niemand zu sehen. Das Meer war leicht kabbelig. Der marmorierte Saum der Milchstraße wölbte sich über den klaren, mondlosen Himmel.

Er hatte höflich abgestritten, irgendetwas zu verachten, sich von der jungen Frau abgewandt und seine andere Nachbarin gefragt, ob sie noch mehr amüsante Geschichten über ihre Kinder zu erzählen habe. Doch Annabel hatte weiterhin an seiner Peripherie gebrannt. Grünes Kleid, blasse Wimpern. Dieser Blick. So unerwartet. Eine blaue Flamme, unerschütterlich und fremd.

Die arbeitsame Atmosphäre der Brücke bedeutete eine gewisse Erleichterung und auch die Mitternachtskanne Kaffee, die man ihm in die Kabine brachte, doch sie brannte immer noch. In der Badewanne, in der seine knochigen Knie aus dem Wasser ragten, hatte er die Hand zum Unterleib wandern lassen und an ihre geröteten Wangen und die losen, blassen Haarsträhnen in ihrem Nacken gedacht.

Es war weit nach Mitternacht, als sie an seine Tür klopfte. Sie trug immer noch das grüne Kleid, eine Geistererscheinung. Er wusste nicht, wie sie seine Kabine gefunden hatte, doch sie trat zügig ein, als wäre sie schon oft bei ihm gewesen. Sie war kleiner, als er gedacht hatte, ihr Kopf reichte ihm nur bis zur Mitte der Brust, und sie zitterte heftig. Ihre Haut war bläulich und sehr kalt, und in den ersten Minuten konnte er es kaum ertragen, ihre Eiseskälte zu berühren.

New York CitySeptember 1914Neun Monate später

Die Babys weinten.

Annabel rührte sich nicht. Sie stand am Schlafzimmerfenster in Addisons rotem Backsteinhaus (schwarzes Gesims, schwarze Tür mit Messingklopfer, nahe des Flusses) und schaute über die Straße zu einer schwarzen Katze, die in einem Fenster im zweiten Stock schlief. Sie war oft da. Manchmal beobachtete sie mit zuckendem Schwanz die Tauben, die unter ihr im Rinnstein pickten. Wenn die Katze mit dem Schwanz zuckte, konnte Annabel nicht anders und wackelte mit dem Finger. Hörte die Katze auf, hörte sie auch auf. Wenn sie nachts wach lag, wackelte sie mit dem Finger, bis er angespannt und schmerzhaft war. Die Geste eines zänkischen Weibs. Ticktack.

Das Weinen strebte in sich überlappenden Schüben einem zornigen Höhepunkt entgegen.

Besser am Fenster bleiben statt den schwefelstinkenden Visionen zu begegnen, die emporkochten, sowie sie sich den Zwillingen näherte. Besser nicht in die Küche gehen, wo es Messer gab. Besser nicht die Nähe von Daunenkissen oder Wasserbecken suchen. Besser nicht die Babys auf dem Arm halten, weil sie mit ihnen an dieses Fenster treten und sie hinauswerfen könnte. Verdorben, erklang die Stimme ihrer Mutter. Verdorben, verdorben, verdorben.

Bei einem ihrer Aufenthalte im Internat war sie am Morgen nach einem Eissturm mit vorsichtig gleitenden Schritten von der Veranda ihres Schlafsaals in eine blendende, brüchige, splittrige Welt getreten. Jeder Ahorn auf dem Mittelrasen der Schule war in einem eigenen, eng anliegenden Glaskasten eingeschlossen, von dem Eiszapfen wie Zähne hingen. Wenn die Babys weinten, wurde sie wie diese Bäume: erst fest verwurzelt, dann gefroren. Ihr Weinen schien so fern und unbeantwortbar wie das Geschrei der Vögel, die über ihren eisgefüllten Nestern kreisten.

Addison war auf der Josephina gewesen, als sie geboren wurden. Bei Annabel hatten am 4. September, drei Wochen zu früh, die Wehen eingesetzt, und die Zwillinge wurden mehr als einen Tag, eine Ewigkeit später, am 6. September, dem ersten Tag der Schlacht an der Marne, vor dem Morgengrauen hinausgestoßen. Ihr waren keine Namen eingefallen, und sie hatte zustimmend gewinkt, als die Hebamme Marian vorgeschlagen und der Arzt James, kurz Jamie, ins Spiel gebracht hatte.

Nachdem sie wusste, was es hieß, zu schreien und zu bluten, waren für Annabel das Grauen der Geburt und das Grauen des Krieges miteinander verschmolzen. Die Geburt war das neue Problem geworden, zu dem ihre Gedanken wanderten, wenn sie unachtsam wurde. Die Schüssel mit dem roten Wasser tauchte wieder auf, die Messer, Zange und Nähnadeln. Sie sah wieder die violetten Säuglinge, die mit Blut und einer Art Pudding verschmiert waren, klein wie Hundewelpen, und das anfängliche Entsetzen ihres Anblicks kehrte zurück, ihr flüchtige, wirre Überzeugung, der Arzt hielte ihre Organe in Händen, er habe sie ausgeweidet. Die Hebamme hatte gesagt, die Geburt würde eine Prüfung sein, die Freude danach jedoch überwältigend. Entweder hatte die Frau gelogen, oder Annabel war – was ihr wahrscheinlicher vorkam – eine unnatürliche Mutter.

Als die Babys fünf Tage alt waren, war Addison zurückgekehrt. Er hatte verwundert in den Stubenwagen geschaut und dann zu Annabel, die verschwitzt und mit verfilzten Haaren dalag. Sie hatte sich geweigert zu baden, weil der Arzt gesagt hatte, warmes Wasser rege die Milchproduktion an, und sie unbedingt wollte, dass ihre Milch versiegte.

»Dann eben kühles Wasser«, sagte die Tagesschwester. »Das beruhigt die Weichteile.«

Annabel hatte erwidert, sie würde lieber sterben als kalt baden. »Sie sind für die Babys zuständig, nicht für mich«, sagte sie. »Lassen Sie mich in Ruhe.«

Sie hatte Addisons Schweigen erwidert, und am nächsten Tag war er wieder abgereist.

»Nur ein Anflug von Melancholie«, sagte die Tagesschwester. »Das habe ich schon oft erlebt. Sie werden bald wieder Sie selbst sein.«

Sie selbst.

Eine Erinnerung aus der Düsternis ihrer ersten Lebensjahre. Mondlicht, das die Vorhänge des Kinderzimmers blau färbte; neben ihr der Vater, der sie hielt. Niemand hatte sie je gehalten. Die Wärme eines anderen Körpers war berauschend. Instinktiv hatte sie sich an die seidene Vorderseite seines Morgenrocks geklammert und gespürt, wie er zitterte. Damit endete die Erinnerung.

Sieben Jahre. Sie stand mit hochgezogenem Kleid in der Speisekammer des Hauses in Murray Hill, während der Sohn der Köchin, ein Junge von etwa elf Jahren, vor ihr hockte. Ein rauer Schrei von der Tür, ein großes, flatterndes Hereinstürmen. Die vollbusige Nanny, schwarzberockt und mit Turnüre, füllte den kleinen Raum wie eine Krähe, die man in ein Spatzenhaus gepfercht hat. Der Sohn der Köchin jaulte, als sie auf ihm herumtrat. Nanny stieß nur diesen einen Schrei aus, dann folgte nichts als aufgeregtes Nasenatmen, während sie Annabel die Treppe hinaufzerrte und in einen Schrank sperrte.

Drinnen war es dunkel, aber das Schlüsselloch gab den Blick frei auf den Flur und das Kinderzimmer, ihre gelbe Bettdecke und eine zurückgelassene Puppe, die mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden lag. »War ich unartig?«, hatte sie Nanny durch die Tür gefragt.

»Du weißt, dass du unartig warst«, sagte Nanny. »Du bist die schlimmste Sorte Mädchen. Du solltest dich mehr als nur schämen.«

Was lag jenseits der Scham?, fragte sich Annabel, die zwischen Kehrblechen und Dosen mit Möbelpolitur kauerte. Wenn das, was sie getan hatte, so abscheulich war, warum durfte dann ihr Vater, der Gott des Hauses, der weitaus mächtiger war als ihre Mutter oder Nanny, die Stelle bei ihr anfassen, die der Sohn der Köchin für ein Stück Zitronenbonbon nur hatte anschauen wollen, die Stelle, die Nanny als ihre Pflaume bezeichnete? Das bleibt unser Geheimnis, sagte ihr Vater über seine Besuche, und dass Mutter es nicht wissen dürfe, sie sei eifersüchtig, weil er Annabel so liebhabe und weil Annabel ihn so liebhabe und sie es so warm hätten.

An dem Tag, an dem sie dem Sohn der Köchin ihre Pflaume zeigte, schlug ihre Mutter sie auf die nackten Beine und das Hinterteil und nannte sie verdorben, verdorben, verdorben.

Der erste Arzt verschrieb ihr tägliche kalte Bäder und vegetarische Ernährung.

Nanny weigerte sich, Fragen nach der Natur der Verdorbenheit zu beantworten. »Solches Gerede ermuntert dich nur.«

Doch als Annabel einmal gefragt hatte, ob die Pflaumen von Jungen auch unartig seien, war Nanny herausgeplatzt: »Dummes Kind, Jungen haben keine Pflaume. Sie haben eine Möhre.«

Verdorbenheit hatte offenbar mit Obst und Gemüse zu tun.

Beklommen und schuldbewusst aus Gründen, die sie nicht ansatzweise verstand, begann Annabel in unbeaufsichtigten Momenten, im Kinderzimmer oder in der Badewanne ihre Pflaume zu berühren. Die Empfindung betäubte ihren Verstand auf angenehme Weise, wurde zu einer faszinierenden Tröstung und besaß sogar die Macht, unerwünschte Gedanken zu vertreiben: an das gehäutete Lamm mit heraushängender Zunge, das sie in der Küche gesehen hatte, oder ihre Mutter, die sie verdorben nannte. Sie betäubte sogar die Gedanken an ihren Vater. Ihr Vater sagte, er wolle nett zu ihr sein. Dass ihr vor seinen Besuchen graute, hieß wohl, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Sie würde versuchen, sich zu bessern.

Neun Jahre. Sie erwachte von einem kalten Luftzug, dem Morgenlicht und der gelben Bettdecke, die ihr entrissen wurde. Ihre Mutter stand über ihr und umklammerte die Bettdecke wie den Umhang eines Matadors. Zu spät erkannte Annabel, dass ihre Hände im Schlaf unter ihr Nachthemd gewandert waren. Verdorben, sagte ihre Mutter und richtete sich über ihr auf wie eine Axt, die gleich fallen wird. In der nächsten Nacht fesselte Nanny Annabels Handgelenke, und sie schlief mit verschränkten Fingern, als ob sie betete.

»Deine Mutter ist eine gute Frau«, sagte ihr Vater und tätschelte die Schnüre an ihren Handgelenken, löste sie aber nicht. »Aber sie versteht nicht, dass wir es warm haben wollen.«

»Bin ich verdorben?«, fragte Annabel.

»Wir alle sind ein bisschen verdorben«, sagte ihr Vater.

Der zweite Arzt war alt und erinnerte mit den Tränensäcken, der fleckigen Haut und den langen Ohrläppchen an einen Hund. Mit einer Zange beförderte er einen einzelnen Blutegel aus einem Glas. Dann stupste er ihre Beine auseinander.

Ein Klingeln erfüllte ihre Ohren. Weißes Licht verdunkelte den Raum gleich einem Schneesturm und wurde vom grellen Ruck des Riechsalzes zerrissen. Der Arzt ging hinaus, um mit ihrer Mutter zu sprechen, und ließ die Tür offen.

Überreizung, sagte er. Sehr ernst … aber noch kein Grund zur Verzweiflung.

Es sollten weiter einmal wöchentlich kalte Bäder und eine Boraxlösung angewendet werden. Man solle sie von Gewürzen, hellen Farben, schneller Musik, allem Lebhaften und Stimulierenden fernhalten. Vor dem Schlafengehen solle sie einen Löffel Sirup aus einer bernsteinfarbenen Flasche erhalten, der sie in abgrundtiefen Schlaf versetzte. Morgens glaubte sie bisweilen, den schwachen Geruch von Tabak auf ihrem Kissen wahrzunehmen, erinnerte sich jedoch an nichts.

Am Tag, an dem sie als Zwölfjährige erschrocken auf einem blutigen Laken erwachte, erfuhr sie von ihrer Mutter, dass sie nicht sterben, das Blut aber jeden Monat wiederkehren werde, als Mahnung, immer auf der Hut zu sein vor, ja, wieder, immer: der Schlechtigkeit.

Etwa um diese Zeit zwei weitere Ereignisse: Erstens hatte sie schon länger keinen Tabak auf ihrem Kopfkissen gerochen, und zweitens schickte man sie in die Schule. Das heitere Geplauder der anderen Mädchen, ihre Bücher und Nachtgebete, ihr Heimweh und ihre Briefe an die Mütter, die fröhlichen Tänze, die sie miteinander übten, das Herumhantieren an den Haaren und das Kneifen in die Wangen, um ihnen Farbe zu verleihen – all das gab ihr das Gefühl, eine kleine, dunkle Spinne zu sein, die zwischen den fröhlichen Schuhen der anderen umherkrabbelte. Mit einem Anflug von Zorn begriff sie, dass sie nichts von der Welt wusste. Man hatte sie ihr vorenthalten.

Wie die entsetzliche Unwissenheit beheben?

Aufmerksam sein. Lauschen. Hinweise sieben und filtern. Bücher aus der Bibliothek auswählen oder von anderen Mädchen stehlen, vor allem die verbotenen, die sie versteckten. Sturmhöhe und Die Schatzinsel und Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer und Der Monddiamant lesen. Dracula lesen und Albträume von Renfield haben, dem zoophagen Insassen des Irrenhauses, der Fliegen an Spinnen und Spinnen an Vögel verfüttert und die Vögel isst und so viele Leben wie möglich verzehren will. Das Erwachen stehlen und davon träumen, ins Meer zu gehen, obwohl sie nie in irgendeinem Wasser außer der Badewanne gewesen war. (Sogar in der Schule sind die Bäder kalt.) Aus diesen Büchern allmählich wirre Theorien basteln, nach denen es noch andere Ansichten über Scham und Schlechtigkeit gibt als die der Mutter. Erahnen, dass manche Frauen von Männern berührt werden möchten. (Die Mädchen seufzten bei bestimmten Büchern und sanken zurück in ihre Kissen. Wie romantisch, sagten sie, aber nicht zu Annabel, die sie seltsam fanden.) Wenn sie sicher war, dass alle schliefen, berührte sie wieder das, was sie nicht mehr als ihre Pflaume, sondern als ihr Ding bezeichnete, nicht grün und leblos, sondern animalisch und lebendig. Die Empfindung wurde schärfer, ein prickelnder Angelhaken, der sich in ihren Nerven wie in einem Netz verfing und sie mit sich zog. Sie entdeckte Flackern und Trommeln, Pulsschlag und Blitz.

Einmal in der Woche kam ein junger Mann in die Schule, um den Mädchen Klavierunterricht zu geben. Er beugte sich über Annabel, während sie auf der Bank saß, und erzeugte mit seinen langen Fingern tiefe, klingende Töne. Er war fast so blond wie sie, mit überrascht gewölbten Augenbrauen und Kammspuren im Haar. Eines Tages nahm sie seine Hand und legte sie auf ihr Kleid, über ihr Ding. Sein entsetztes Gesicht verblüffte sie.

Mit Schimpf und Schande schickte man sie auf eine andere, schlechtere Schule, doch nach einem Monat wurde sie nach Hause gerufen, weil ihre Mutter tot war. Ihr Vater begegnete ihr mit distanzierter, irritierter Höflichkeit und schien nicht mehr zu wissen, dass er es mit ihr hatte warm haben wollen. Nanny war weg, und als sie nach ihr fragte, sagte ihr Vater, Annabel sei zu groß für eine Nanny, oder nicht? Annabel badete so heiß, dass sie wie gekocht aussah.

(Erst als sie bei der Beerdigung den Klatsch und Tratsch aufschnappte, erfuhr sie, dass ihre Mutter eine ganze Flasche Schlafmittel getrunken hatte.)

Eine dritte Schule, die mit den Ahornbäumen und dem Eissturm. Ihr Geschichtslehrer war älter als der Klavierlehrer und hatte keine Angst vor ihr. Er bestellte sie unter Vorwänden in sein Büro. »Du bist in deinem Element«, sagte er, nachdem er sie auf einem durchhängenden Sofa ihrer Jungfräulichkeit entledigt hatte. »Ich konnte es dir ansehen. Ich konnte dir ansehen, dass du so sein würdest.«

»Wie meinen Sie das?«

»Es liegt in deinem Blick. Wolltest du mich nicht verführen?«

»Ich denke schon«, sagte sie, obwohl sie nicht so ganz gewusst hatte, was sie vorhatte. Sie hatte einfach seine Blicke erwidert, ihn weitermachen lassen, einen dumpfen, sägenden Druck gespürt, während sie beide weitgehend bekleidet blieben. Als sie danach den Schulrasen überquerte, überkam sie jene Traurigkeit, die sie nach jedem menschlichen Kontakt zu spüren schien, doch die Erfahrung war nicht unangenehm gewesen, und sie kehrte bereitwillig in sein Büro zurück, als er sie das nächste Mal zu sich bestellte. Vorher wandte er sich ab und fummelte an sich herum, was, wie er sagte, der Vermeidung eines Kindes diente. Mit etwas Übung konnte sie seinen Bemühungen das Flackern und Trommeln entlocken, gelegentlich sogar Pulsschlag und Blitz, doch die Traurigkeit danach wollte nicht verschwinden.

»Lass uns zusammen weglaufen«, sagte er, und sie starrte ihn vom Sofa aus verwirrt an, weil er zu glauben schien, es gäbe einen Ort, an den sie gehen könnten.

Man verwies sie nicht von dieser Schule, und sie machte mit sechzehn ihren Abschluss und kehrte nach New York zurück. Sie lebte, so gut sie konnte, äußerlich ehrbar als unverheiratete Gesellschafterin ihres Vaters und begleitete ihn zu Abendessen, Partys und auf Reisen. Sie versuchte, gut zu sein, das schlechte Verlangen fernzuhalten. Doch sie konnte es ebenso wenig verjagen, wie sie sich selbst den Kopf hätte abschlagen und weiterleben können. Sie suchte sich Liebhaber, die mehr oder weniger diskret waren.

»Vielleicht solltest du heiraten«, sagte ihr Vater.

Sie wussten beide, dass niemand in New York im Traum daran dachte, sie zu heiraten, so reich ihr Vater auch sein mochte.

Gewiss, die körperliche Liebe brachte Erleichterung, aber auch Schande, Gerüchte und Verachtung. Sie wünschte sich, anders zu sein, sich nicht mit Männern abzugeben, nicht von schwerer Dunkelheit erfüllt oder von Verlangen besessen zu sein. Doch sie versagte. Sie versagte in New York, sie versagte in London (»Vielleicht ein englischer Ehemann«, hatte ihr Vater gesagt), in Kopenhagen (»Vielleicht ein dänischer Ehemann«) und Paris (»Vielleicht?«) und Rom (von einem italienischen Ehemann war nicht die Rede). Sie versagte auf der Josephina. Sie hatte nicht geglaubt, sie könne ein Kind bekommen, war sich sicher gewesen, dass ihr Schoß verdorben war.

»Addison Graves«, sagte sie zu ihrem Vater, als die Schwangerschaft feststand.

»Wer?«

»Der Kapitän. Der Kapitän des Schiffes.«

An dem Abend, an dem sie Addison kennengelernt hatte, war ihr Vater nach dem Essen ins Raucherzimmer gegangen und hatte Annabel dem Damensalon anvertraut, dem sie leicht entkommen konnte. Sie hatte am Heck der Josephina gestanden und das schwarze Wasser betrachtet, die Wolken silberner Blasen, die von den Schiffsschrauben aufstiegen. Angst hatte sie durchströmt, ihre Hände an die Reling gefesselt. Sie stellte sich das Rauschen des Windes vor, den Kälteschock, die gewaltigen, scharfkantigen Flügel, die zurückweichenden Lichter des Schiffes.

Würde sie das Schiff noch am Horizont verschwinden sehen? Würde sie allein im Zentrum einer sternbedeckten schwarzen Kugel bleiben, das Letzte, was sie sah, nur unendliche, stille Lichtpunkte? Nichts könnte einsamer sein. Oder, so dachte sie, wahrhaftiger. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass die Nähe anderer Menschen ihre Einsamkeit nicht wirklich minderte. Sie stellte sich vor, wie sie tiefer, immer tiefer sank und auf dem Meeresboden landete. Ein letztes kaltes Bad, um den Brand zu löschen.

Der Wind schnitt durch ihr Kleid. Sie konnte nie vorhersagen, wann ihre Willenskraft nachließ, doch an diesem Abend rettete sie die Schlechtigkeit, zog sie weg vom Kielwasser des Schiffes und hin zu Addisons Kabine. Beim Abendessen hatte er sie so gesehen, wie sie war. Sie hatte die Kraft seiner Erkenntnis wie einen Schlag gespürt.

 

Vielleicht, schlug die Tagesschwester vor, würde sie sich besinnen, wie schön ihre Babys waren, wenn sie sie im Arm hielt. Sie hatte Glück, zwei gesunde Kinder zu haben, während andere ihre Babys bei der Geburt verloren, die armen Seelen. »Gott hat Frauen dazu geschaffen, Mütter zu sein«, erklärte die Schwester.

»Wenn Sie bei Verstand sind und Ihren Gott lieben, halten Sie die Kinder von mir fern«, sagte Annabel, und die Schwester hatte mitsamt den Babys verängstigt das Zimmer verlassen und die Tür hinter sich geschlossen.

Gegen den Rat des Arztes hatte sie noch vor der Geburt der Zwillinge Zeitungsannoncen für Ammen aufgegeben und die ersten beiden Frauen eingestellt, die sich beworben hatten. Beide behaupteten, verheiratet zu sein. Keine erklärte, wie es dazu kam, dass ihre Brüste voller verfügbarer Milch waren, und Annabel hatte nicht danach gefragt. »Meiner Ansicht nach ist diese Praxis nicht weit von Prostitution entfernt«, hatte der Arzt gesagt. »Sie bringen ihre eigenen Babys unter den schrecklichsten Bedingungen unter, damit sie ihre Milch verkaufen können. Wahrscheinlich sind es keine anständigen Frauen.« Doch Annabel war an Anstand nicht interessiert.

Als sie im Morgengrauen Addisons Kabine verlassen hatte und in ihre eigene zurückgekehrt war, wartete ihr Vater noch in Frack und Schleife in seinem Zimmer, neben sich ein leeres Glas und einen vollen Aschenbecher, die Verbindungstür offen. »Annabel«, hatte er gesagt. Er sah alt und müde aus, resigniert. »Was hätte ich bei dir anders machen sollen?«

»Du hättest mich schlafen lassen sollen«, sagte sie und schloss die Tür.

New York CityOktober 1914Einen Monat später

Lloyd Feiffer in Trauer unterschied sich äußerlich nicht von Lloyd Feiffer in der Blüte seines Glücks. Hut und Mantel waren tadellos. Sein Kragen war an Weiße und Steifheit nicht zu überbieten, der Krawattenknoten ohne Makel. Er ging zügig.

Doch seit einem Monat war der Lloyd Feiffer, der Lloyd Feiffers Leben und Gewohnheiten darstellte, nur noch eine belebte Schale, ein hohles Abbild. Drinnen saß ein Schatten, ein Rauchfähnchen, ein düsterer Geist, der hervorlugte, während er Ladelisten durchging, Kohlepreise aushandelte, Krabben in Newburg zu Mittag aß und seine Geliebte vögelte. Der joviale, aber rücksichtslose, von spöttischer Intelligenz und rastloser Energie erfüllte Mann, der er einst gewesen war, schien mit dem letzten Atemzug seines Sohnes Leander davongeweht.

Diphtherie. Sechs Jahre alt.

Matilda war noch immer nicht aus ihrem Schlafzimmer hervorgekommen (das von Lloyds Schlafzimmer durch ihre Ankleidezimmer und ein gemeinsames Wohnzimmer getrennt war) und hatte kaum etwas gegessen. Die überlebenden Jungen – Henry, Clifford, Robert – wurden von dem Kindermädchen von ihrer Mutter ferngehalten, und Lloyd wusste nicht, ob sie ihre Zeit mit mürrischer Weinerlichkeit verbrachten oder brüllten und rauften. Er hatte sich nie für den Alltag seiner Kinder interessiert und nicht erwartet, dass ein solcher Schmerz, schwarz und urwüchsig wie Öl, aus seinem eigenen Urgestein emporsteigen würde, wenn er eines von ihnen verlor.

Der zwölfjährige Henry war eines Abends in sein Arbeitszimmer gekommen und hatte höflich darum gebeten, aufs Internat geschickt zu werden. Lloyd hatte abgelehnt und gesagt, seine Mutter brauche ihn in ihrer Nähe.

»Aber sie will mich nicht mal sehen«, hatte Henry erwidert. »Sie antwortet nie, wenn ich klopfe.«

»Frauen«, hatte Lloyd gesagt, »flüchten sich ins Theatralische, um die Tiefe und Überlegenheit ihrer Gefühle zu demonstrieren. Nachsicht verlängert nur das Spektakel. Sie wird herauskommen, wenn sie keinen Vorteil mehr darin sieht.«

Der Junge war gegangen, getroffen und bedrückt. In den frühen Morgenstunden hatte Lloyd, des Wachliegens überdrüssig, die Decke beiseitegeworfen und war durch die benachbarten Räume in Matildas Schlafzimmer marschiert, um sie für ihre Trägheit zu schelten und ihr zu befehlen, sich zu erheben. Doch Tildy hatte wortlos die Arme gehoben, bevor er sprechen konnte, und er war hineingefallen und hatte an ihrer Brust geweint. Es war das erste Mal, dass er um Leander weinte, abgesehen von dem Tag, an dem der Junge gestorben war und er sich nach vorn gekrümmt, sein Gesicht in die Wanne getaucht und ins Badewasser geweint hatte. Auch hatte er Tildy nicht umarmt seit … er konnte sich nicht erinnern. Sie strich ihm übers Haar, während er weinte, und er weinte sich in den Schlaf.

Am nächsten Morgen verließ er wortlos ihr Zimmer. Doch in der nächsten Nacht kehrte er zurück, und ihre Wärme taute ihn auf. In der darauffolgenden Nacht hatte er ihr Nachthemd hochgeschoben und mit ihr geschlafen.

Seitdem war eine Woche vergangen, in der sich Tage und Nächte umzukehren schienen: Am Tag herrschte der dunkle Geist, in der Nacht trieb der Körper seiner Frau ihn aus. Er wusste nicht, was Tildy von seinen Besuchen hielt, doch als er an diesem Morgen das Haus verließ, saß sie mit den Jungen am Frühstückstisch, blass und stumm, aber aufrecht, unter den Lebenden.

 

Lloyds Chauffeur fuhr ihn fast bis ans Ende des Broadway, dort, wo Manhattan den Zeh ins Meer taucht. Nach der Geburt von Robert, ihrem dritten Sohn, hatten Lloyd und Matilda ihr Haus am Gramercy Park verkauft und waren mit den modischen Seelen nordwärts in ein neues Haus in der Fifty-Second Street gewandert, wodurch sich sein Arbeitsweg verlängerte. Er hatte daran gedacht, die Büros von L&O zumindest ein wenig nach Norden zu verlegen – ein Teil der Geschäfte wurde bereits an den Chelsea Piers abgewickelt –, doch der Gedanke, sich von dem fest verwurzelten, verschworenen Konglomerat der Schifffahrtsbüros und Fahrkartenschalter im Süden zu trennen, bereitete ihm Unbehagen.

Dann aber überkam ihn die Befürchtung, er könne so starrköpfig wie sein Vater werden. Auch als Ernsts Reichtum gewachsen war, hatte er sich geweigert, mit der Familie die beengte Wohnung in der Pearl Street zu verlassen. Nachdem er die Umwälzungen durch ein Kind ertragen hatte, weigerte er sich, seiner Frau ein weiteres zu schenken. Zu langsam und phantasielos ließ er vom Segelschiff ab und wechselte zum Dampfer. Zu Hause sprach er immer nur Deutsch, bezog nur deutschsprachige Zeitungen und schien kein Interesse an dem Land zu haben, in dem er sich niedergelassen hatte und das er lediglich als riesige Maschine betrachtete, die Geld produzierte.

Pünktlich um acht hielt der Chauffeur vor einem stattlichen Kalksteingebäude, und Lloyd öffnete selbst die Autotür und stieg aus. Er ignorierte die überschwängliche Begrüßung durch den Pförtner und ging zügig durch die Säulenhalle zu den Aufzügen. Der achte Stock war zu dieser frühen Stunde menschenleer. An den Wänden hingen riesige Karten, auf denen die Routen eingezeichnet und die täglich aktualisierten Standorte der Schiffe mit Stecknadeln markiert waren. Der wenige verbliebene Platz wurde von gerahmten Gemälden der L&O-Flotte eingenommen, allen voran die Josephina Eterna und ihr neueres Schwesterschiff, die Maria Fortuna, die beim Stapellauf nach einer alternden Sopranistin getauft worden war, für die Lloyd damals schwärmte.

In Lloyds Büro hatte sein Assistent, ein wunderbar unauffälliger junger Mann, die Frühausgaben bereits auf seinem Schreibtisch arrangiert. Normalerweise rief Lloyd nach einer Tasse Tee und blätterte eifrig in den Zeitungen, doch an diesem Tag saß er regungslos da und starrte auf die Kriegsschlagzeilen. Deutsche, die Belgien plünderten. Schützengräben, die als Gräber für die Lebenden ausgehoben wurden. Der Krieg, der sich in die Erde des Kontinents senkte.

Ein plötzlicher roter Wutausbruch, als stocherte man in Kohle. Er wünschte, Deutschland möge den Krieg verlieren, gedemütigt werden und dass sein Vater von den Toten zurückkäme, um es zu sehen. Er wünschte, jeder möge erfahren, was es hieß, einen Sohn zu verlieren. Er wünschte, ein schwarzer Schlick der Trauer möge den Planeten überziehen.

Tausende hatten New York verlassen, waren eifrig in ihre Heimatländer zurückgekehrt, um sich an dem Blutvergießen zu beteiligen. Umgekehrte Emigration. Die Welle der Begeisterung war jedoch verebbt, und die Schiffe der L&O fuhren mit weniger als halber Ladung Richtung Osten. Lloyd fragte sich, ob Ernst nach Deutschland zurückgegangen wäre und mit seinen knochigen alten Händen ein Gewehr ergriffen hätte. Vielleicht. Oder er hätte einen anderen Weg gefunden, um heimlich seinem Vaterland zu helfen. Womöglich durch Spionage oder den Schmuggel von Versorgungsgütern und Munition. Oder er wäre zu stur und zu langsam gewesen, um irgendetwas zu tun, und sei es nur, Profit zu machen.

Er drehte sich mit dem Stuhl und schaute aus dem Fenster. Im Westen konnte er zwischen den Gebäuden auf den Hudson blicken. Er hoffte, die Josephina zu sehen, wenn sie später auf dem Weg zu den Chelsea Piers vorbeifuhr. Er bekam Lust, sich mit Addison Graves auf einen Drink zu treffen.

Die deutsche Herkunft war Lloyd lästig. Sein zweiter Vorname Wilhelm erschien ihm jetzt belastend, ein Akt von Firmensabotage seitens seines Vaters. Aber der Krieg bot auch neue Möglichkeiten. Er könnte eine Rolle darin spielen. Er war nicht sein Vater.

Da drängte sich die Erinnerung an Henry auf, wie er leise die Tür des Arbeitszimmers hinter sich geschlossen hatte, und wurde beiseitegeschoben.

 

»Wie geht es deiner Frau?«, erkundigte sich Lloyd bei Addison. Er konnte es nicht ertragen, nach den Babys zu fragen, die nur wenige Wochen vor Leanders Tod geboren waren, ein ungerechter Glücksfall des Lebens.

Addison betrachtete eingehend seinen Whiskey. »Ehrlich gesagt, das weiß nur Gott. Sie scheint die ganze Zeit im Bett zu verbringen. Die Tagesschwester sagt, dass sie sich überhaupt nicht für die Babys interessiert, sie nicht wäscht oder füttert. Die Krankenschwester sagt, junge Mütter hätten manchmal Schwierigkeiten, aber keine habe sie jemals so erschreckt wie Annabel. Sie nannte es eine ›furchtbare Finsternis‹.«

»Sie ist auch in unserem Haus, diese Finsternis. Man sollte die Türen kennzeichnen, wie bei der Pest.«

»Es tut mir leid. Hast du meine Beileidswünsche erhalten?«

»Oh, wahrscheinlich schon. Ich weiß es nicht.« Lloyd trank lieber Gin als Whiskey. Er nahm einen Schluck. »Nichts davon spielt eine Rolle, Beileid und so weiter, aber trotzdem danke. Warum ist Annabel denn so niedergeschlagen? Stimmt etwas nicht mit den Zwillingen?«

»Doch, sie sind kerngesund.«

»Ist sie selbst krank?«

»Sie will nicht zum Arzt. Sie hasst Ärzte. Aber ich glaube nicht, dass eine Krankheit dahintersteckt, zumindest keine körperliche. Sie scheint die Geburt fast zu betrauern, als ob … nun ja. Ich verstehe es nicht.«

»Schick sie zum Arzt.«

»Vielleicht sollte ich das tun.«