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Vor 375 Jahre beendete der Westfälischen Frieden – eine der größten Katastrophen der europäischen Geschichte – den Dreißigjährigen Krieg. Vor dem Hintergrund dieser einschneidenden Zäsur und mit Blick auf den Krieg, der heute in Europa tobt, stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen die großen historischen Friedensschlüsse möglich wurden, wie man Frieden herbeiführt und welche Rolle internationale Institutionen noch spielen können. Mit Beiträgen von Bundeskanzler Olaf Scholz, der Friedensnobelpreisträgerin (2022) Irina Scherbakowa sowie dem Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck.
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Michael Rutz (Hg.)
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2023
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Verlag Herder
Umschlagmotiv: © Lightspring / shutterstock
E-Book-Konvertierung: Daniel Förster
ISBN Print: 978-3-451-39946-6
ISBN E-Book (EPUB): 978-3-451-84989-3
ISBN E-Book (PDF): 978-3-451-84982-4
Michael Rutz»Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben … … wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt«
Jürgen OsterhammelWeltordnung und Friedensstiftung seit 1945 Thesen zur Zeitgeschichte
Armin LaschetFrieden braucht Versöhnung ... … und den Willen, über den eigenen Schatten zu springen
Wolfgang IschingerFür ein Europa, das schützt Gedanken zu einer künftigen Sicherheitsordnung Europas
Franz-Josef OverbeckChristen und die wehrhafte Freiheit Perspektiven aus der Sicht des Katholischen Militärbischofs
Cesare ZucconiDer verlorene Frieden Überlegungen zu einer Welt ohne Krieg
Irina ScherbakowaIst Frieden mit Putin möglich? Eine skeptische Binnensicht
Die Autoren
Zum Herausgeber
»An den Frieden denken heißt, an die Kinder denken.«
Michail Gorbatschow (1931–2022)
Als nach 1989 der Totalitarismus des Sowjetreichs in sich zerfiel, sich der Warschauer Pakt und mit ihm die ideologischen Gegensätze auflösten, als schließlich am 31. August 1990 der deutsche Einigungsvertrag unterschrieben wurde, waren wir überzeugt: Dies ist eine Zeitenwende hin zu lang andauerndem Frieden. Fortan, mit der neuen Zeit, würden sich – so glaubten wir – Vernunft durchsetzen und wir dem Ziel näherkommen, allen Menschen ein Leben in Freiheit und Demokratie zu ermöglichen. Denn das war ja der Traum, dessentwegen die Menschen dem kommunistischen Regime entflohen waren. Nun würde es möglich sein, ein Leben zu führen, wie es der Flurschütz Stüssi in Schillers Wilhelm Tell seufzend erträumt: »Ja, wohl dem, der sein Feld bestellt in Ruh, und ungekränkt daheim sitzt bei den Seinen.«
Das freilich war eine Illusion, eine Selbsttäuschung, der nur jemand anheimfallen konnte, der sich auf einer Insel der Seligen wähnt. Dort lebten wir die letzten 70 Jahre auch: Wir genossen unsere Freiheit in Frieden, jedenfalls in seiner Form der Abwesenheit von Krieg. Wir schätzten die Stabilität, obwohl wir wussten, dass sie auf einem Gleichgewicht des Schreckens beruhte, auf Rüstung und Gegenrüstung, auf der Androhung gegenseitiger Vernichtung.
Und so antwortet auch Wilhelm Tell (kurz bevor er den diktatorischen Landvogt Gessler mit der Armbrust erschießt) seinem Weggefährten ernüchternd: »Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.« Und so ist es ja auch. Es gibt viele böse Nachbarn, seit Jahrtausenden, und wer das nachvollziehen will, der schaue bei Wikipedia nach, wo man die Kriege von der Antike über das Mittelalter bis zur Neuzeit aufgelistet findet. Jedes Jahrhundert hat seine Kriege, mehr als 30 sind es allein in diesem kurzen 21. Jahrhundert. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges starben mehr als 60 Millionen Menschen durch Kriege, wohl mehr als 150 Millionen waren es im gesamten 20. Jahrhundert.
Da ist die Friedensarbeit ein schweres Handwerk. Denn Frieden, das sehen wir, ist der Ausnahmezustand in der Welt, Krieg der Normalzustand. Die Artikel dieses Buches sind zumeist Ergebnis einer Vortragsreihe, die im Sommer 2023 unter dem Leitthema »Krieg! Und Frieden?« im Dom zu Münster stattfand, in jener Stadt also, in der 375 Jahre zuvor der Westfälische Frieden geschlossen wurde. Er beendete einen dreißigjährigen, Mitteleuropa verwüstenden Krieg, in dem es um territoriale Streitfragen, um Fragen der Souveränität und der Unabhängigkeit und auch um religiöse Streitfragen ging, wie meistens auch heute. Aber schließlich waren alle Parteien der Kämpfe müde, ihre Ressourcen waren erschöpft, sodass ab 1641 schließlich über einen echten Friedensschluss verhandelt wurde (Hamburger Präliminarfrieden). Der ließ dann nochmals sieben Jahre auf sich warten.
1648 als umfassender Friedensbeginn? Leider war auch das nicht so, allein nach 1648, dem Westfälischen Friedensschluss, gab es bis zum Ende des 17. Jahrhunderts noch dreißig weitere Kriege in Europa, und im darauffolgenden ging es mit mehr als 40 Kriegen munter weiter. Immanuel Kant hat in seiner Verzweiflung gegen Ende des 18. Jahrhunderts das Traktat Zum ewigen Frieden verfasst, eine Schrift der seine Lebenserfahrung zusammenfassenden Altersweisheit. Und er erörtert darin, ob und wie ein dauerhafter Frieden zwischen den Staaten möglich wäre.
Kant verfasst da ein taugliches Rezept, mit dem eine vernunftbegabte Welt den Frieden sichern könnte:
Friedensschlüsse ohne Hintergedanken und Vorbehalte;
Selbstbestimmungsrecht eines jeden Staates;
Abschaffung stehender Heere;
keine Kriegsschulden;
keine fremde Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates;
und während des Krieges ein einigermaßen »ehrenhaftes« militärisches Vorgehen, damit später ein Friedensschluss wegen aufgestauten Hasses nicht ganz unmöglich wird.
Damit der Frieden auch hält, sollen
alle Staaten republikanisch organisiert sein, um dem Staatsbürger Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz (dem er sich unterzuordnen hat) zu garantieren. Auch entwirft Kant ein
Völkerrecht, das auf dem Föderalismus dieser freien Staaten gegründet ist; und schließlich will er
internationale Reisefreiheit, ein Weltbürgerrecht sozusagen, das aber vom Reisenden in vollem Respekt vor dem Gastland ausgeübt wird.
Kant hoffte, dass der Friede unter den Menschen tatsächlich ein in der Natur angelegter Endzweck ist, »der Friede«, schrieb er, »ist das Meisterstück der Vernunft.« Eine erfüllbare Hoffnung? Dafür spricht die Erfahrung, dass es trotz aller Rückschläge immer wieder große, vernunftbegabte, visionäre und letztlich friedenswillige Politiker gab, die die Prinzipien Kants – auf denen bis heute das Völkerrecht ruht – zur Wirklichkeit haben werden lassen. Immer wieder gelang es, chaotische Weltregionen zu ordnen, Konflikte zu befrieden, Menschen und Völker miteinander zu versöhnen. Aber wie häufig setzen sich Menschen solchen Formats und Charakters bis zur politischen Spitze durch? Und wie oft triumphieren Vernunft und Friedenswille über Machtlust und Freude am imperialistischen Landraub? Ein Blick in die Gegenwart ernüchtert: Russlands furchtbarer Imperialkrieg gegen die Ukraine und letztlich gegen den ganzen Westen; die leidvollen Auseinandersetzungen im Nahen und Mittleren Osten, in Afrika, in Asien. Kriegslust überall.
Seit Jahrtausenden will der weltweite Friede nicht einziehen. »Niemand, der bei Verstand ist, zieht den Krieg dem Frieden vor; denn in diesem begraben die Söhne ihre Väter, in jenem die Väter ihre Söhne«, schrieb schon Herodot vor 2500 Jahren, aber jene politischen Führer, die ihre Menschen in Angriffskriege treiben, nutzen alle Mittel der Demagogie und der Propaganda, um ihre Untertanen um eben diesen Verstand zu bringen. Das war bei Kaiser Wilhelm II. so, als die deutschen Soldaten mit Marschmusik begeistert in den Ersten Weltkrieg zogen; das Propagandafeuer wiederholte sich bei Hitler; und so ist es auch heute in Russland. Äußere Feinde werden behauptet, gegen die man sich wehren müsse: physische und solche der moralischen Dekadenz. Auf diese Weise werden eigentlich vernunftbegabte Hirne neu konditioniert.
Da macht es einen Unterschied, wofür man eintritt. Gerade Christen müssen sich angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine diese Fragen stellen, und der katholische Militärbischof hat das in seinem Beitrag in diesem Buch benannt. Franz-Josef Overbeck ruft dazu auf, die unantastbare Menschenwürde zu verteidigen: »Ich appelliere an uns alle, weiter gemeinsam dafür einzutreten, dass nicht die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer siegt. Lassen Sie uns ›Ja‹ sagen zu einer Menschlichkeit, die dem Recht des Stärkeren widersteht, lassen Sie uns ›Ja‹ sagen zu widerständiger Menschlichkeit und zur Stärke des Rechts.« Denn »es muss uns bewusst sein, dass nicht nur für die eigene Freiheit, Gleichheit und Würde allein in der Ukraine gekämpft wird, sondern auch für die Werteordnung der Menschenrechte und der Demokratie und damit eben auch für Europa und unsere Freiheit.« Zwar dürfe die zivilisatorische Errungenschaft, politische und andere Streitigkeiten friedlich und entlang einer regelbasierten Ordnung zu lösen, »auf keinen Fall zur Disposition gestellt werden. Diese Errungenschaft ist Ausdruck einer Nächstenliebe, die über das individuelle Wirken hinausgeht.« Dafür haben jene, die dafür eintreten, unter Umständen einen hohen Preis zu zahlen, »wir müssen uns aber vor Augen halten, was denn die Alternative wäre. Das Recht des Stärkeren zu akzeptieren, würde nämlich bedeuten, dass wir mit unseren moralischen Prinzipien auch unser gesamtes Verständnis von Freiheit, Gerechtigkeit und einem guten Leben infrage stellten.«
Wenn also ein Angriffskrieg moralisch verwerflich bleibt, wie verhält es sich mit dem Recht auf Verteidigung, ja der gefühlten Pflicht dazu? Stefan Zweig hat das in seiner Novelle Der Zwang einst beschrieben: Der Maler Ferdinand erhält seinen Einberufungsbefehl. Seine Frau will ihn halten, »was hat das Papier für Kraft über dich, dieser Fetzen, beschmiert von einem armseligen Kanzleischreiber, über dich, den Lebendigen, den Freien?« Ferdinand aber sagt: »Es ist ein Verbrechen, für sich zu arbeiten, während eine Welt in Trümmer geht. Man darf nicht mehr für sich fühlen, für sich allein leben.« »Du gehst?«, fragt seine Frau, und er antwortet: »Nicht ich. Etwas in mir geht.« Und seine Frau resigniert: »Willst du gehen, ein Mensch für die Menschheit, für das, woran du glaubst, dann halte ich dich nicht. Aber um Bestie unter Bestien zu sein, Sklave unter Sklaven, da werfe ich mich wider dich. Man darf sich opfern für die eigene Idee, aber nicht für den Wahn der anderen.«
Wenn man eine historische Parallele sucht zu den imperialistischen Reden Putins, zu seiner von ihm klar formulierten Absicht, den Moskauer Einflussbereich des Sowjetreichs wiederherzustellen, dann findet man sie bei Adolf Hitler im Jahr 1938. Frankreich, Großbritannien und die USA sahen der Eroberungspolitik Adolf Hitlers zu: dem unter militärischer Bedrohung erzwungenen Anschluss Österreichs im März, seiner Ankündigung im Mai, »die Tschechoslowakei in absehbarer Zeit durch eine militärische Aktion zu zerschlagen«, seiner so erpressten Übernahme des Sudetenlandes. Sie trieben eine Politik des Appeasement, die sie »Realpolitik« nannten. Sie verkannten Hitlers wahre Natur, glaubten, es werde schon nicht zu einem Weltkrieg kommen, wenn man ihm (mit dem Münchner Abkommen) ein wenig entgegenkomme.
Die Folgen sind traurige Geschichte, und die Lehre ist: »Möglicherweise bedurfte es der Erfahrung des Scheiterns einer zunehmend illusionär gewordenen Appeasement-Politik, um der Einsicht zum Durchbruch zu verhelfen, dass die Demokratien Westeuropas über die militärische Rüstung hinaus äußerste Anstrengungen unternehmen mussten, wenn sie sich gegenüber dem gefährlichsten aller Aggressoren behaupten wollten. Dass sich bis zum September 1938 nur Minderheiten zu dieser Erkenntnis durchgerungen hatten, machte die Politik erst möglich, die mit innerer Logik zum moralischen Debakel von München führte: die Aufopferung des einzig demokratisch gebliebenen Staates des östlichen Mitteleuropa durch die westlichen Demokratien, dargebracht auf dem Altar einer vermeintlichen Realpolitik.«1 Hätte man Hitler also damals rechtzeitig gestoppt – der Zweite Weltkrieg mit all seinen Opfern und Hitlers Holocaust hätten sich womöglich verhindern lassen.
Wie aber kommt man im Ukrainekrieg zum Frieden? Das Leid der Ukrainer, der von ihnen zu zahlende Preis sind unermesslich, wir nehmen dies aus sicherer (?) Distanz kaum wahr, und Cesare Zucconi, der geübte Friedensarbeiter der Gemeinschaft Sant’Egidio in Rom, hat das in seinem Beitrag komprimiert: »Die Infrastruktur des Landes ist zerstört: Fünf Millionen Ukrainer sind obdachlos und 2,5 Millionen leben in beschädigten Häusern. Tausende von Gesundheitseinrichtungen und Schulen wurden getroffen oder zerstört. Acht Millionen Frauen, Kinder und ältere Menschen sind nach Europa gekommen. Fast ebenso viele Menschen sind Binnenflüchtlinge. Die Ukraine ist das ärmste Land in Europa, mit einer 2022 um 30 Prozent geschrumpften Wirtschaft. 20 Millionen Ukrainer sind ohne Einkommen und 16 Millionen ohne Arbeit. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von etwa neun Millionen Menschen, deren psychische Gesundheit gefährdet ist … Die Zahl der Opfer zu beziffern ist weder einfach noch von den Kriegsparteien gewollt, aber unter Russen und Ukrainern ist von je 200.000 Toten die Rede.« Ein furchtbarer Kriegszoll, den Russland hier abverlangt, und weil das so ist, weil alles in dieser Welt überall kommuniziert wird, schließt Zucconi: »Das Nachdenken, die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Meinungen über all das ist keine Zeitverschwendung, sondern Vorbereitung auf bessere Zeiten.«
Auch ein erfahrener Historiker wie Jürgen Osterhammel kann aus dem »Blick zurück« keine verlässlichen Rezepte destillieren, mit denen ein künftiger Friedensschluss zu erreichen wäre. Er kann aber die Modelle vergangener Friedensschlüsse charakterisieren, kann ihre Voraussetzungen nennen, kann den einen vom anderen Friedensbegriff trennen, kann analysieren, welcher Garantien es bedarf, um einen erreichten Frieden auch zu stabilisieren. Für die Nachkriegszeit 1947 bis 1991 ist seine Beschreibung des von uns gefühlten Friedens ziemlich nüchtern: Der Kalte Krieg führte »drei eigentlich sehr unterschiedliche Elemente zusammen: (a) einen tiefen ideologischen Gegensatz zwischen liberal-demokratischem Kapitalismus und autoritärem Sozialismus, (b) eine territoriale Aufteilung der Welt in militärisch gesicherte Einflusszonen sowie (c) die gegenseitige nukleare Vernichtungsdrohung, die mehrfach knapp vor einem Dritten Weltkrieg haltmachte«. In den Folgejahren habe man die Chance zu einer stabilen Neuordnung der Welt versäumt, wie überhaupt »die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eher eine Zeit der Waffenstillstände als der stabilen Friedensschlüsse gewesen« sei. Und auch jetzt müsse man leider feststellen: »Weil im Ukraine-Russland-Krieg das Eingreifen eines starken auswärtigen Pazifikators, der keine der Kriegsparteien einseitig favorisiert, als Möglichkeit entfällt, weil zudem der Krieg auf russischer Seite von einer hochideologisierten Nuklearmacht mit hemmungsloser Brutalität und Rechtsvergessenheit geführt wird, ist im Moment das sprichwörtliche ›Schweigen der Waffen‹ nicht in Sicht, erst recht kein ›gestifteter‹, von beiden Seiten als minimal gerecht empfundener Frieden. Und noch weniger eine neue Ordnung der Welt.«
Immerhin: Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein glückliches Schicksal wieder einmal solche prägende Persönlichkeiten auf die Weltbühne der Politik schickt, denen ein friedliches Zusammenleben ein echtes Anliegen ist. Manche Weltkrisen wurden so gelöst. Armin Laschet skizziert sie in diesem Buch, und er hegt die Hoffnung, dass auch die 2020 unterzeichneten Abraham Accords zwischen Israel, den Vereinigten Arabischen Staaten, Marokko, dem Sudan und Bahrain – die er mit einem neuen Institut von Berlin aus unterstützt – für den Nahen und Mittleren Osten große Friedenskraft entwickeln könnten, ein gewaltiger historischer Schritt.
Wenn aber tatsächlich ein Waffenstillstand greifbar würde im Krieg Russlands gegen die Ukraine – wie ließe sich daraus ein Frieden machen? Nicht nur der Blick auf den Westfälischen Frieden zeigt, wie kompliziert solche Verhandlungen sind, was alles bedacht werden muss, auf wen Rücksicht zu nehmen ist, wie man einen Waffenstillstand zum stabilen Frieden wandelt. Unter den deutschen Diplomaten hat kaum einer größere Erfahrung in diesem Bereich als Wolfgang Ischinger, der in seinem Beitrag diesen Prozess beschreibt, kundig auch deshalb, weil er selbst an der Befriedung des Balkans und an den Verhandlungen in Dayton aktiv beteiligt war. Ischinger hat wenig Hoffnung, dass der Friedenswille in Moskau rasch wächst – und dennoch sei »jetzt durchaus der Zeitpunkt gekommen, um sich auch diplomatisch Gedanken zu machen, was wir im Falle eines Waffenstillstands oder gar bei Friedensverhandlungen in der Ukraine tun würden und tun müssten.« Das ist spannend zu lesen.
Hoffnung auf einen raschen Frieden hat auch Irina Scherbakova nicht. Die Historikerin ist, mit ihrer Menschenrechtsorganisation Memorial, eine Vorkämpferin für den Frieden, weshalb Memorial 2022 den Friedensnobelpreis erhalten hat. Was nötig ist? »Wir müssen eine neue Architektur des europäischen Sicherheitsraums konstruieren. Die Vorkriegswelt ist vorbei, es muss nun ein neues stärkeres und mehr auf Prinzipien gegründetes demokratisches Europa geschaffen werden – aber dafür muss nicht nur die Ukraine den Krieg gewinnen, sondern auch Putins Russland den Krieg verlieren«, schreibt sie.
Die Texte dieses Buches geben die diesjährigen Vorträge der Reihe »DomGedanken« wieder, die sich im St. Paulus-Dom zu Münster nun im zehnten Jahr mit großen Themen unserer Gegenwart befasst hat. Das Engagement des Domkapitels und seiner Dompröpste Kurt Schulte und Hans Bernd Köppen in diesen Jahren ist gar nicht genug zu würdigen, sie und die Dommusik machten jeden Abend zu einem Erlebnis. Möglich ist alles nur, weil Evonik Industries dieses öffentliche Nachdenken in der Überzeugung nachhaltig unterstützt, dass ein Unternehmen auch eine gesellschaftliche und kulturelle Verantwortung hat und sich als Corporate Citizen engagieren muss. Alle Gedanken werden jährlich in einem Buch im Herder-Verlag zusammengefasst, dieses ist von Sara Weydner kundig, sorgfältig und energisch koordiniert, lektoriert und produziert worden.
Ihnen allen einen herzlichen Dank.
Egestorf, im Herbst 2023
Michael Rutz
»Zeiten der Wirren regen zum Nachdenken an.«1 Mit diesem Satz begann 1962, im Jahr der Kubakrise, der französische Soziologe, Politikwissenschaftler und Philosoph Raymond Aron sein klassisches, auch in der heutigen Welt nicht überholtes Buch Frieden und Krieg. Eine Theorie der Staatenwelt. Aron, auch in der Geschichte gut bewandert, hat die Historiker immer wieder aufgefordert, sich an diesem Nachdenken zu beteiligen. Er, der viele spätere Entwicklungen klarer voraussah als die meisten seiner Zeitgenossen, wusste, dass gerade in unruhigen Zeiten – Aron sagt: »les temps de troubles« –, wie wir sie heute wieder erleben, dieses Nachdenken zwangsläufig zu prognostischen Schlussfolgerungen führen muss.
Das allgemeine Publikum und »die Politik« erwarten von Expertinnen und Experten zumindest begründete – modisch gesagt: evidenzbasierte – Mutmaßungen darüber, wie es weitergehen könnte
