Krieg und Psychiatrie -  - E-Book

Krieg und Psychiatrie E-Book

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Beschreibung

Viele Millionen Menschen verloren während der beiden Weltkriege gewaltsam ihr Leben oder starben an den Nachwirkungen. Aber was bedeuteten diese fundamentalen Zäsuren eigentlich für Menschen, die in psychiatrischen Anstalten untergebracht waren? Auch sie wurden zu Opfern des Massensterbens – allerdings weitab der Frontlinien und lange Zeit auch kaum beachtet. Während des Ersten Weltkrieges starben zehntausende Menschen in österreichischen Heil- und Pflegeanstalten an der drastischen Unterversorgung, vor allem am grassierenden Hunger. Während des Zweiten Weltkrieges ermordete medizinisches Personal im Zuge verschiedener Aktionen der NS-Euthanasie unzählige PatientInnen. Darüber hinaus trugen erneut die schlechten Lebensbedingungen wesentlich zu einem Massen sterben in den Anstalten bei. Der vorliegende Sammelband ist das Ergebnis eines Forschungskolloquiums im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim. Anhand von Beiträgen zu vier Heil- und Pflegeanstalten auf österreichischem Gebiet – Hall in Tirol, Mauer-Öhling bei Amstetten, Niedernhart in Linz und Am Steinhof in Wien – sollen Lebensbedingungen und Sterblichkeit in der Psychiatrie in den beiden Kriegen analysiert, verglichen sowie ihre Ursachen rekonstruiert werden. Der Sammelband versteht sich als Bericht zu Forschungsprojekten und -erkenntnissen der letzten Jahre und möchte auch dazu beitragen, die weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser lange Zeit wenig beachteten Thematik zu initiieren.

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2022

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KRIEG UND PSYCHIATRIE

Historische Texte des

Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim

Band 5

Markus Rachbauer, Florian Schwanninger (Hg.)

KRIEG UND PSYCHIATRIE

Lebensbedingungen und Sterblichkeit in österreichischen Heil- und Pflegeanstalten im Ersten und Zweiten Weltkrieg

 

 

 

 

 

StudienVerlag

InnsbruckWien

Inhalt

Einleitung

Dirk Dunkel und Oliver Seifert

Die Heil- und Pflegeanstalt Hall in Tirol in den beiden Weltkriegen.

Sterblichkeit und Lebensbedingungen im Vergleich

Clemens Ableidinger und Philipp Mettauer

Die Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling 1914–1945

Markus Rachbauer

Zwischen Heilanstalt und Tötungsort – zum Massensterben von PatientInnen der psychiatrischen Anstalt Niedernhart (Linz) während der beiden Weltkriege

Peter Schwarz

Die Heil- und Pflegeanstalt Wien-Steinhof im Ersten und Zweiten Weltkrieg

Autoren und Herausgeber

Einleitung

Der Erste und Zweite Weltkrieg forderten auch weit abseits der Frontlinien zahlreiche Menschenleben – so auch jene von PatientInnen psychiatrischer Anstalten auf deutschem und österreichischem Gebiet: Die Sterblichkeit der hier untergebrachten PatientInnen stieg in beiden Kriegen drastisch an und führte insgesamt zu hunderttausenden Todesopfern. Wenn auch diese Entwicklung in beiden Kriegen zu beobachten war, so unterscheiden sich die Hintergründe des Massensterbens jedoch zum Teil enorm: Während das Massensterben im Ersten Weltkrieg auf eine im Allgemeinen prekäre und sich stark verschlechternde Versorgungslage und damit in Zusammenhang stehende Entscheidungen bzw. Maßnahmen von politischen und militärischen Behörden zurückzuführen war1, so standen in der Zeit des Nationalsozialismus psychisch kranke wie auch behinderte Menschen im Fokus einer rassenhygienisch motivierten Gesundheits- und Sozialpolitik. Diese beeinflusste nicht nur die Versorgung der Menschen in Betreuungseinrichtungen und Kliniken, sondern schlug sich auch im Massenmord im Rahmen der NS-Euthanasie nieder. Dieser wurde zum einen während der „Aktion T4“ in zentralen Tötungsanstalten mittels Gas durchgeführt, zum anderen mordeten ÄrztInnen und Pflegekräfte in verschiedenen – wenn auch nicht in allen – Heil- und Pflegeanstalten.

Die Psychiatrie- bzw. Medizingeschichtsforschung widmete sich diesen Themen bislang in recht unterschiedlichem Ausmaß: Während zur NS-Euthanasie mittlerweile zahlreiche Einzelstudien vorliegen, fehlen rezente Gesamtdarstellungen – vor allem was die dezentralen Tötungen betrifft. Zur Sterblichkeit in österreichischen und deutschen Heil- und Pflegeanstalten während des Ersten Weltkriegs liegen nur wenige Untersuchungen vor. 1998 publizierte der Psychiater Heinz Faulstich unter dem Titel „Hungersterben in der Psychiatrie 1914–1949“2 eine seitdem vielzitierte Grundlagenarbeit, die das Massensterben in den verschiedenen Heil- und Pflegeanstalten während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges beleuchtet. Die Situation in Österreich findet darin leider nur in minimalem Ausmaß Beachtung, so werden etwa die dezentrale Euthanasie und das Massensterben auf nur wenigen Buchseiten beschrieben. Allgemein liegen bislang nur zwei Überblicksdarstellungen zur Geschichte der dezentralen NS-Euthanasie auf österreichischem Gebiet vor.3 Größere Forschungsprojekte, die über einzelne österreichische Anstalten bzw. Bundesländer hinausgehen, fehlen sowohl zum Ersten wie auch zum Zweiten Weltkrieg bzw. der NS-Zeit.

Die Absicht der Herausgeber, Forschungen zu Sterblichkeit und Lebensbedingungen psychiatrischer PatientInnen in den zwei Weltkriegen zu initiieren bzw. laufende Arbeiten zu präsentieren und ForscherInnen in fachlichen Austausch zu bringen, reifte ab 2014 – während der Zeit des 100. Jahrestags des Ersten Weltkriegs. Die zahlreichen Veranstaltungen, Medienberichte und Dokumentationen rund um dieses Ereignis ließen erwarten, dass auch dieses bislang kaum beachtete Thema des Massensterbens von psychisch kranken Menschen Beachtung in der Öffentlichkeit und vor allem bei HistorikerInnen finden würde. Wie man in den Jahren ab 2014 feststellen konnte, war dem jedoch nicht so. Während die Behandlung von psychisch erkrankten Soldaten (Stichworte „shell shock“ und „Kriegszitterer“) zwar punktuell – wenn auch in überraschend geringem Ausmaß – Beachtung in Medien und Forschung4 erhielt, fanden die zehntausenden Todesfälle in den Heil- und Pflegeanstalten so gut wie keine Aufmerksamkeit. Die Anzahl der Studien zu Sterblichkeit und Lebensbedingungen in den psychiatrischen Anstalten und auch allgemein zur Situation der österreichischen Psychiatrie im Ersten Weltkrieg ist nach wie vor überschaubar.5

Um dem Thema doch noch einen Platz rund um den 100. Jahrestag (bzw. die Jahrestage) zu geben und neuere Forschungen und Projekte zu präsentieren, lud der Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim zu seinem II. Forschungskolloquium, das unter dem Titel „Krieg und Psychiatrie. Lebensbedingungen und Sterblichkeit in österreichischen Heil- und Pflegeanstalten im Ersten und Zweiten Weltkrieg“ am 25. April 2018 in Hartheim stattfand. Vier der fünf Beiträge der Veranstaltung wurden in der Folge verschriftlicht, aktualisiert bzw. überarbeitet und im vorliegenden Band versammelt.

Im Rahmen der Beiträge wurde versucht – soweit dies die Quellen- bzw. Datenlage und der Stand der Forschungen zuließen –, Lebensbedingungen und Sterblichkeit in der Psychiatrie im Ersten Weltkrieg mit jener in der NS-Zeit bzw. im Zweiten Weltkrieg zu vergleichen. Die vorliegenden Texte widmen sich der Situation in vier Heil- und Pflegeanstalten der seinerzeitigen „Ostmark“: Dirk Dunkel und Oliver Seifert analysieren die Lebensbedingungen und Sterbezahlen in der Tiroler Heil- und Pflegeanstalt Hall während beider Weltkriege. Sie stützen sich in ihrem Beitrag auf umfangreiches Material, das im Rahmen ihrer langjährigen Forschungen gewonnen werden konnte.6 Clemens Ableidinger und Philipp Mettauer zeichnen anhand ihrer Forschungstätigkeiten die Entwicklung der Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling in Niederösterreich nach. Die Ergebnisse jüngerer Forschungen zu den Sterbezahlen und Ereignissen in der oberösterreichischen Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart in Linz versammelt Markus Rachbauer in einem Beitrag. Der letzte – und umfangreichste – Text widmet sich der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof in Wien. Peter Schwarz präsentiert hier seine langjährigen Studien zu den Entwicklungen in Österreichs – mit Abstand – größter psychiatrischer Einrichtung von der Jahrhundertwende bis in die Anfangsjahre der Zweiten Republik, mit dem Schwerpunkt auf den Lebensbedingungen der PatientInnen vor dem Hintergrund zweier Weltkriege und des Nationalsozialismus.

Vor allem was die Zeit des Nationalsozialismus betrifft, ergibt sich ein differenziertes Bild: Aufbauend auf den rassenhygienischen Positionen des Nationalsozialismus mordeten während des Zweiten Weltkriegs ÄrztInnen in zahlreichen Kliniken des Dritten Reichs – so auch in Anstalten der „Ostmark“ bzw. „Donau- und Alpengaue“. Auch wurde in manchen Regionen und Einrichtungen durch absichtliche Minderversorgung ein starkes Ansteigen der Sterberaten verursacht. In anderen Heil- und Pflegeanstalten wiederum wurden PatientInnen nicht vorsätzlich zu Tode gebracht, hier lagen die Sterberaten zum Teil auf dem Niveau bzw. sogar unter jenen des Ersten Weltkriegs.

In den einzelnen, in den vorliegenden Beiträgen untersuchten Anstalten können diese unterschiedlichen Entwicklungen sichtbar gemacht werden. Die Autoren gehen den möglichen Faktoren nach, die dazu führten, dass an manchen Orten besonders hohe Sterberaten zu verzeichnen waren, und versuchen auch zu klären, warum es in bestimmten Heil- und Pflegeanstalten zu Morden an PatientInnen im Rahmen der dezentralen Euthanasie bzw. zu einem massenhaften „Sterbenlassen“ kommen sollte und in anderen wiederum nicht.

Die Beiträge präsentieren – wie oben erwähnt – verschiedene jüngere Ergebnisse aus Recherchen und Forschungen. Sie zeigen auch, dass die Geschichte der Psychiatrie in Krieg und NS-Zeit trotz der Bemühungen der vergangenen Jahre weiterer Untersuchungen und Forschungsprojekte bedarf und noch immer zahlreiche Fragen nicht ausreichend beantwortet werden können.

Markus Rachbauer, Florian Schwanninger

 

______________

1 Herwig Czech stellt dazu fest, die Verhältnisse während des Ersten Weltkrieges hätten sich von jenen in der NS-Zeit dadurch unterschieden, „dass es sich dabei nicht um die Folgen einer bewussten Politik handelte, sondern um das Ergebnis einer Nahrungsmittelknappheit, die die gesamte Bevölkerung betraf.“ Vgl. Herwig Czech, Von der „Aktion T4“ zur „dezentralen Euthanasie“. Die niederösterreichischen Heil- und Pflegeanstalten Gugging, Mauer-Öhling und Ybbs, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Fanatiker, Pflichterfüller, Widerständige. Reichsgaue Niederdonau, Groß-Wien, Wien 2016 (= Jahrbuch 2016), 219–266, hier 239.

2 Heinz Faulstich, Hungersterben in der Psychiatrie 1914 – 1949, Freiburg im Breisgau 1998.

3 Brigitte Kepplinger, Regionalisierter Krankenmord. Voraussetzungen und Strukturen der nationalsozialistischen Patiententötung außerhalb der zentral gesteuerten Programme, in: Bertrand Perz u.a., (Hg.) Schlussbericht der Kommission zur Untersuchung der Vorgänge um den Anstaltsfriedhof des Psychiatrischen Krankenhauses in Hall in Tirol in den Jahren 1942 bis 1945, Innsbruck 2014, 49–81; Herwig Czech, Jenseits von Hartheim. Dezentrale Krankenmorde in Österreich während der NS-Zeit, in: Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen Euthanasie und Zwangssterilisation (Hg.), NS-Euthanasie in der „Ostmark“. Fachtagung vom 17. bis 19. April 2009 im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim, Alkoven (=Berichte des Arbeitskreises, Bd. 8), Ulm/Münster 2012, 37–60.

4 Als einzige wissenschaftliche Veranstaltung im deutschen Sprachraum zur Psychiatrie im Ersten Weltkrieg ist die Tagung „Psychiatrie im Ersten Weltkrieg/Psychiatry during World War I“ am 4. Februar 2016 in Irsee (Bayern) zu nennen. In der Folge wurde auch ein Tagungsband veröffentlicht: Thomas Becker/Heiner Fangerau/Peter Fassl/Hans-Georg Hofer (Hg.), Psychiatrie im Ersten Weltkrieg (=Irseer Schriften, N.F. Bd. 12), Konstanz 2018. Jedoch wurde nur in einem Beitrag der Fokus auf das Hungersterben bzw. die Sterblichkeit der PatientInnen gelegt.

5 Bei den neueren Arbeiten wären hier beispielsweise zu nennen: Hans-Georg Hofer, Gewalterfahrung, Trauma und psychiatrisches Wissen im Umfeld des Ersten Weltkriegs, in: Helmut Konrad/Gerhard Botz/Stefan Karner/Siegfried Mattl (Hg.), Terror und Geschichte, Wien 2012, 205–221; Peter Schwarz, „Die Opfer sagen, es war die Hölle.“ Vom Tremolieren, Faradisieren, Hungern und Sterben. Krieg und Psychiatrie in Wien, in: Alfred Pfoser/Andreas Weigl (Hg.): Im Epizentrum des Zusammenbruchs. Wien im Ersten Weltkrieg, Wien 2013, 326–335; ders., Die Wiener Psychiatrie im Ersten Weltkrieg: Eine Geschichte im Spannungsfeld von Faradisationen, Humanversuchen und Hungersterben, in: Wiener Geschichtsblätter, 69. Jg., H. 2/2014, 93–111. Die wohl umfangreichsten Daten und Analysen zu den Sterbefällen in einer einzelnen Heil- und Pflegeanstalt während des Ersten Weltkriegs bietet die Studie von Dirk Dunkel, Quantitative und vergleichende Untersuchungen zur Heil-und Pflegeanstalt Hall in Tirol (1900–1951) mit den Schwerpunkten der Jahre des Hungersterbens von 1916–1918 und 1943–1945, Innsbruck 2018.

6 Zur Klinik in Hall in Tirol konnte ein mehrjähriges Forschungsprojekt durchgeführt werden. Dirk Dunkel und Oliver Seifert waren zentral an den Forschungen und der Aufbereitung der Ergebnisse beteiligt. Die Resultate des Projekts wurden in mehreren Bänden veröffentlicht. Zum Projekt und seinem Zustandekommen siehe: Perz u.a., Schlussbericht.

Die Heil- und Pflegeanstalt Hall in Tirol in den beiden Weltkriegen. Sterblichkeit und Lebensbedingungen im Vergleich

Dirk Dunkel und Oliver Seifert

 

Einleitung

Ungeachtet der Flut an wissenschaftlichen Veröffentlichungen anlässlich des hundertjährigen „Weltkriegsjubiläums“ blieb es in den Jahren 2014 bis 2018 merkwürdig still um das Thema des Hungersterbens in den deutschen und österreichischen psychiatrischen Anstalten während der Kriegsjahre. Symptomatisch für den Forschungsstand ist, dass dem Thema in einem sonst recht ausführlichen Überblickswerk zur Geschichte der deutschen Psychiatrie zwischen 1860 und 1980 nur zwei Seiten gewidmet sind1, die jedoch lediglich das zusammenfassten, was schon in Heinz Faulstichs Untersuchung zum „Hungersterben in der Psychiatrie“ aus dem Jahr 1998 zu lesen war.2

Eine kriegsbedingte Übersterblichkeit3 in den psychiatrischen Anstalten scheint keineswegs auf die deutsch-österreichischen Anstalten während des Ersten Weltkriegs beschränkt gewesen zu sein. Es liegen Hinweise auf eine deutliche Zunahme der Sterblichkeit in den englischen, walisischen und schottischen Anstalten vor4, die jedoch bei weitem nicht die Ausmaße wie in Deutschland und Österreich annahm und hauptsächlich mit der Ausbreitung von Infektionskrankheiten (insbesondere Tuberkulose) zu tun hatte.5 Selbst in der neutralen Schweiz kam es in den Anstalten der deutschsprachigen Kantone zu einer merklichen Zunahme der Sterblichkeit, wofür vor allem die im Jahre 1918 grassierende Influenzaepidemie verantwortlich war.6 Eine international vergleichende Untersuchung zu Ausmaßen, Bedingungen und nationalen Spezifika der Übersterblichkeit in den psychiatrischen Anstalten während des Ersten Weltkriegs ist jedoch bisher ausständig.

Dabei kann die Größenordnung des Hungersterbens in den psychiatrischen Anstalten während des Ersten Weltkriegs durchaus als vergleichbar mit jenem der Jahre 1942 bis 1945 angesehen werden. Nach den Angaben von Hans Ludwig Siemen7 wurden während des Ersten Weltkriegs knapp 72.000 PatientInnen in den Anstalten des Deutschen Reichs zu Opfern des Hungersterbens. Die Übersterblichkeit in den deutsch-österreichischen Anstalten betrug gegenüber Friedensjahren knapp 8.000 PatientInnen.8 Damit erreichte das Ausmaß des Hungersterbens im Ersten Weltkrieg fast jenes der letzten Jahre des NS-Regimes. Faulstich schätzte alleine 90.000 Todesopfer des Hungersterbens in den deutschen Provinzen und Ländern während der Jahre der regionalen „Euthanasie“.9 Winfried Süß bezifferte die Zahl der Opfer der Jahre von 1942 bis 1945, also ohne die 70.000 Opfer der zentral gesteuerten Ermordung von PatientInnen aus psychiatrischen Anstalten in den Jahren 1940/41 („Aktion-T4“), auf 72.000 bis 117.000.10 Obwohl unterschiedliche Angaben vorliegen, muss von 15 bis 30 Anstalten ausgegangen werden, in denen PatientInnen im Anschluss an die „Aktion T4“ in den Jahren 1942 bis 1945 gezielt getötet wurden.11 Diese Anstalten machten jedoch „nur“ ein Viertel bis höchstens die Hälfte aller psychiatrischen Anstalten aus, deren Mortalitätsraten bekannt sind und die noch in den Jahren 1944/45 in Betrieb waren.12 Allerdings starben die PatientInnen auch in jenen Anstalten massenhaft, in denen keine systematischen, direkten Tötungen nachgewiesen sind. Nicht nur, aber besonders für diese Anstalten scheint ein Vergleich zwischen Erstem und Zweiten Weltkrieg zielführend, wenn es um eine differenzierte Einschätzung des massenhaften Sterbens und möglicher Ursachen geht. Zu diesen Einrichtungen zählte auch die Heilund Pflegeanstalt (HPA) Hall in Tirol, eine Anstalt, in der, wie zu zeigen sein wird, die PatientInnen in beiden Weltkriegen von einem starken Anstieg der Sterblichkeit, bedingt durch eine massive Verschlechterung der Lebensbedingungen, betroffen waren.13 Anhand des Vergleichs verschiedener anstaltsspezifischer Sterberaten im Ersten und im Zweiten Weltkrieg im ersten Teil des Beitrags und der jeweiligen Lebensbedingungen im zweiten Teil, lässt sich zeigen, dass in der HPA Hall das Ausmaß des Hungersterbens im Ersten Weltkrieg jenem in der NS-Zeit nicht nachstand – ein Befund, der möglicherweise auch für viele andere Einrichtungen zutrifft. Mit der vergleichenden Perspektive soll auf keinen Fall eine Relativierung der NS-Verbrechen an psychiatrischen PatientInnen einhergehen. Die Singularität der NS-Verbrechen an PsychiatriepatientInnen im Rahmen der „Aktion T4“ und auch der anstaltsinternen Morde wird dadurch nicht in Frage gestellt. Allerdings kann gezeigt werden, dass im Kontext vergleichender Untersuchungen des Hungersterbens das jeweilige Massensterben möglicherweise präziser nachgezeichnet werden kann.14

Die Entwicklung der Sterblichkeit – Quantitativer Vergleich

Die wenigen Befunde, die zum Hungersterben in den psychiatrischen Anstalten während des Ersten Weltkriegs vorliegen, beziehen sich hauptsächlich auf aggregierte Sterberaten der Provinzial- oder Landesebene.15 Sofern Ergebnisse aus einzelnen Anstalten bekannt sind, offenbaren sich nicht nur deutliche regionale Differenzen, sondern auch ein Ausmaß des Sterbens in einzelnen Anstalten während des Ersten Weltkriegs, das das anstaltsspezifische Niveau der NS-Jahre erreichen oder sogar übertreffen konnte.16 Letzteres lässt sich an der Gesamtsterberate der HPA Hall zeigen, wo der Gipfel des Sterbens im Ersten Weltkrieg sogar geringfügig höher ausfiel als im Zweiten Weltkrieg.

Die Entwicklung der Mortalität in der HPA Hall bis zum Inkrafttreten des Unterbringungsgesetzes im Jahr 1990 und der damit verbundenen Enthospitalisierung von LangzeitpatientInnen und der Neuregelung von Zwangsunterbringungen wird dominiert durch die beiden Sterblichkeitsgipfel während des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Während beider Weltkriege lag der Höchstwert der Sterblichkeit (1918/1945) aller PatientInnen jeweils knapp über 21 % (Anteil der Sterbefälle an der Gesamtzahl der Verpflegten). Diagramm 1 zeigt auch deutlich, dass es vor allem die Sterblichkeit der Männer war, die das Ausmaß der Gesamtsterblichkeit in beiden Weltkriegen bedingte. Fiel jedoch die Männersterblichkeit 1945 (28,4 %) höher aus als 1918 (26 %), so verhielt es sich bei der Sterblichkeit der Frauen umgekehrt. Diese zeigte zwei relative Gipfelpunkte in den Jahren 1916 (15,7 %) und 1918 (14,5 %), während diese 1945 mit ebenfalls 14,5 % den Wert von 1918 nicht übertraf. Diagramm 1 macht auch eine charakteristische – zumindest für die HPA Hall – Veränderung in den geschlechtsspezifischen Sterbeverhältnissen des 20. Jahrhunderts sichtbar. Wiesen Frauen in Friedenszeiten bis in die 1950er Jahre häufig niedrigere Sterberaten als Männer auf, so änderte sich dies ab Mitte der 1950er Jahre. Bis in die 1990er Jahre erzielten nun die Frauen zumeist höhere Sterberaten.17

Soll jedoch ein detaillierter Vergleich der Sterbeverhältnisse auf Anstaltsebene im Ersten und Zweiten Weltkrieg erfolgen, dann genügen jährliche Sterberaten den Anforderungen nur bedingt. Jährliche Raten können zweifellos einen ersten, groben Überblick vermitteln, übersehen aber notwendigerweise Einflüsse auf die anstaltsspezifischen Sterbeverhältnisse, welche unterhalb der Jahresschwelle wirksam waren. Als Beispiel mag der markante Anstieg des Sterbens in der Haller Anstalt ab September 1944 dienen, welcher hauptsächlich durch den Wegfall der Männerwachstation im Sommer 1944 erklärbar ist. Dies führte in weiterer Folge zu einer Überbelegung anderer Stationen, auf welchen nun Langzeitpatienten und neu aufgenommenen Patienten zusammen untergebracht wurden und versorgt werden mussten. Die höhere Belagsdichte war dann auch der ideale Nährboden für die Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Hinzu kam die sich zuspitzende Versorgungskrise mit Lebensmitteln ab dem Herbst 1944.18 Darüber hinaus sollten auch immer saisonale Einflüsse im Auge behalten werden, z. B. besonders kalte Winter und damit in Verbindung stehende Grippeepidemien, die sich nur unter Verwendung monatlicher Daten entschlüsseln lassen. Daher verspricht insbesondere die Untersuchung der monatlichen Verteilung der anstaltsspezifischen Mortalität zusätzliche Erkenntnisse betreffend der Vergleichbarkeit des Sterbens in den psychiatrischen Anstalten während beider Weltkriege. Zur Untersuchung der monatlichen anstaltsspezifischen Mortalität in der HPA Hall werden die Zeiträume von Januar 1916 bis Dezember 1919 und von Januar 1943 bis Dezember 1946 gegenübergestellt. Beide Zeiträume umfassen sowohl die kriegsbedingten Hungerjahre als auch die jeweilige unmittelbare Nachkriegszeit, welche ebenfalls durch eine katastrophale Ernährungslage gekennzeichnet war.19 In Ermangelung monatsspezifischer Daten aus anderen Anstalten während der Jahre von 1916 bis 1919 muss diese Gegenüberstellung auf Vergleiche verzichten.

In den oben genannten Vergleichszeiträumen starben 520 PatientInnen (1/1916−12/1919) bzw. 553 PatientInnen (1/1943−12/1946) in der Haller Anstalt. Die Differenz von 33 PatientInnen erklärt sich aus der höheren Anzahl von verpflegten PatientInnen in der HPA Hall in den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Aufgrund der höheren Zahl der Verpflegten im Zeitraum von 1943 bis 1946 konnte für denselben auch eine höhere Zahl an Todesfällen erwartet werden. Ein Vergleich der Rate Ratios (RR), das heißt der jeweiligen Anteile der Gesamtsummen der Todesfälle an der Gesamtsumme aller Verpflegten in beiden Zeiträumen (1916–1919: 520/3749=0,139; 1943–1946: 533/4310=0,124), zeigt, dass sich die Unterschiede im Rahmen des statistisch Zufälligen bewegten.20

Die Gegenüberstellung der Entwicklung der monatlichen Sterberaten in der HPA Hall in beiden Zeiträumen ergibt ein überraschend ähnliches Verlaufsmuster. Der Höhepunkt der Mortalität findet sich in beiden Zeiträumen in den ersten drei Monaten des jeweils letzten Kriegsjahres: im Februar 1918 bzw. März 1945. Beide Jahresanfänge waren geprägt durch eine extreme Zuspitzung der Versorgungssituation, die aber in beiden Zeiträumen schon jeweils im Herbst des Vorjahres einsetzte.21 Nochmalige relative Gipfel während des letzten Kriegsjahres betrafen die Monate Mai, August und Oktober 1918 bzw. Mai, Juni, August und Oktober 1945. Damit wird auch deutlich, dass das Hungersterben in der HPA Hall auch nach dem Ende der NS-Zeit weiterging. Selbst im jeweils ersten Nachkriegsjahr wurde die insgesamt seit der Jahreswende rückläufige Entwicklung der Sterberaten nochmals durch relative markante Zunahmen im März 1919 bzw. April/Juli 1946 unterbrochen, was die insgesamt sehr labile Versorgungssituation im jeweils ersten Nachkriegsjahr belegt.22

Der Eindruck der auf Basis visueller Inspektion postulierten relativ großen Ähnlichkeit beider Verlaufskurven wird erhärtet durch die weitere statistische Analyse. Es wurden unterschiedliche nichtparametrische Verfahren berechnet, die alle zu demselben Ergebnis einer fast identischen Wahrscheinlichkeitsfunktion bzw. nicht signifikanten Unterschieden beider Kurven gelangten.23

Die absoluten Zahlen zur geschlechtsspezifischen Mortalität in der HPA Hall zwischen 1916 bis 1919 und 1943 bis 1946 ergaben eine Überraschung: Im Zeitraum von Januar 1916 bis Dezember 1919 verstarben absolut mit 333 Männern sogar geringfügig mehr Männer in der HPA Hall als im Vergleichszeitraum von Januar 1943 bis Dezember 1946 mit insgesamt 324 männlichen Patienten. Umgekehrt verhielt es sich bei den Frauen: Mit insgesamt 229 weiblichen Todesfällen verstarben zwischen Januar 1943 und Dezember 1946 in der HPA Hall um über 40 Patientinnen mehr als im Vergleichszeitraum von Januar 1916 bis Dezember 1919 (187 verstorbene Frauen). In absoluten Zahlen übertrafen aber in beiden Zeiträumen die männlichen Sterbefälle die weiblichen deutlich (1916–1919: M/F=1.78; 1943–1946: M/F=1.41). Wiederum wird kurz auf die Rate Ratios der Anteile der Todesfälle an den Verpflegten eingegangen: Bei den Männern erwies sich das RR (1916–1919: 333/2266=0,147; 1943–1946: 324/2034=0,160) als statistisch nicht signifikant unterschieden. Hingegen zeigte das RR der Frauen überzufällige Unterschiede (1916–1919: 187/1483=0,126; 1943–1946: 229/2276=0,101). Das heißt, der kumulierte Anteil männlicher Todesfälle an allen männlichen Verpflegten veränderte sich in den Vergleichszeiträumen kaum; der kumulierte Anteil der weiblichen Todesfälle an allen weiblichen Verpflegten verringerte sich sogar bedeutsam in den Jahren von 1943 bis 1946, obwohl die absolute Anzahl weiblicher Verstorbener im gleichen Zeitraum deutlich zunahm. Der folgende geschlechtsspezifische Vergleich der Kurvenverläufe wird die Unterschiede noch markanter herausarbeiten.

Wie beide Diagramme zeigen, verlief die Entwicklung der Sterberate der Männer in beiden Zeiträumen in durchaus ähnlicher Weise, wobei die größten Unterschiede vor allem in den ersten zwölf Monaten beider Zeiträume auftraten. Während es 1916 nur von Januar bis März (also während der „üblichen“ Versorgungskrise über die Wintermonate) zu einem Anstieg der Sterberate bei Männern kam, zeigte sich im Verlauf des Jahres 1943 eine stetige, aber nur langsame Zunahme der Mortalität der Männer in der HPA Hall, die ihren ersten Gipfel im Oktober 1943 erreichte. Auf einem erhöhten Niveau zwischen 1 % bis 2 %24 verlief die Sterblichkeit der Männer dann bis zum Oktober 1944. Eine Ausnahme bildete nur der Mai 1944 mit einer Sterblichkeit von 2,8 %. Ähnlich gestaltete sich der Verlauf im Jahre 1917 mit einem ersten Gipfel im Mai mit einer Sterberate von 2,5 %. Bis Oktober 1917 erhöhte sich dann auch die Sterblichkeit auf ein Niveau zwischen 1 % – 2 % bei den Männern. Einschneidend fielen aber vor allem die jeweiligen Wintermonate der Jahre 1917 bzw. 1944 aus, welche in die Katastrophe des jeweils folgenden Jahres mündeten. Im November 1944 betrug die Mortalität der Männer der HPA Hall 2,5 %, in den Folgemonaten von Dezember 1944 bis März 1945 kontinuierlich über 4 %. Allerdings war dies noch nicht der Höhepunkt der Sterblichkeit im Jahr 1945. Die höchsten monatlichen Sterberaten betrafen die Nachkriegsmonate Mai und Juni mit über 6 %. Hohe Sterberaten waren auch im August (5,4 %), Oktober (4,5 %) und Dezember 1945 (5,5 %) zu verzeichnen. Die Entwicklung der Sterberate im Jahr 1945 macht vor allem deutlich, dass mit der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht im Mai 1945 das Hungersterben nicht vorbei war, sondern sich – ohne größere Unterbrechung – nicht nur während des ganzen Jahres 1945 fortsetzte, sondern auch 1946 noch Werte zwischen 3 % (Januar) und 4 % (März/Juli) erreichte.25

Die Entwicklung der Sterberate der Frauen in der HPA Hall in beiden Zeiträumen zeigte dagegen durchaus unterschiedliche Charakteristika. Auffallend hoch war die Sterblichkeit der Frauen im Jahr 1916.26 Von April (3,4 %) bis November 1916 (2,1 %) unterschritt die Mortalität kaum die Schwelle von 2 %. Aber weder der im Archiv des LKH Hall vorhandene unveröffentlichte Jahresbericht für das Jahr 1916 noch die Durchsicht der Krankenakten der im Jahre 1916 Verstorbenen erbrachten Hinweise auf eine besondere Ursache, wie z. B. eine Epidemie, für die hohe Mortalität unter Frauen in den Monaten von April bis November 1916.27

In den Folgemonaten sank die Sterberate der Frauen, um im April 1917 erneut auf 2,4 % zu steigen. Indes markiert auch bei den Frauen der Herbst 1917 einen Einschnitt in der Sterblichkeitsentwicklung. Im Oktober 1917 stieg die Sterberate auf 2,7 % an, sank in den beiden Folgemonaten auf Werte um 2 %, um im Januar/Februar 1918 ihren Höhepunkt mit Werten über 3 % zu erreichen. Der Rückgang der Mortalität bei den Frauen im Frühjahr erwies sich als eher gering: Im März und Mai 1918 lag die Sterberate knapp unter 3 %, in den restlichen Monaten des Jahres kam es weiterhin zu relativen Spitzen von über 2 % im Juni (2,2 %), Oktober (2,6 %) und Dezember 1918 (2,2 %). Unterschritten im März und Mai 1918 die Sterberaten der Frauen noch die 3 %, so übertraf die Sterberate im März 1919 mit 3,6 % jene des März 1918 nochmals deutlich. Auch der Mai 1919 fiel mit 2,3 % nur um 0,6 % niedriger aus als der Mai 1918. Auch bei den Frauen prolongierten sich die Auswirkungen der Hungerkrise bis weit in das erste Nachkriegsjahr.

Ist die Sterblichkeit der Frauen in der HPA Hall in den ersten zwölf Monaten des Zeitraums von 1916 bis 1919 als deutlich erhöht anzusehen, so muss im Vergleich dazu für das Jahr 1943 zwar eine langsame Zunahme auf knapp unter 2 % im November 1943 (1,8 %) konstatiert werden, jedoch fiel der Durchschnitt des Jahres 1943 mit circa 1 % deutlich niedriger aus als das Jahr 1916. Die Sterblichkeit in den folgenden Monaten bis September 1944 erreichte durchschnittlich etwas höhere Werte um 1,4 %. Ein sprunghafter Anstieg der Mortalität bei Frauen war wiederum im Herbst 1944 zu beobachten. Im September 1944 stieg die Sterblichkeit auf 2,4 %, um im November 1944 auf 2,8 % zuzunehmen. Aber erst im März 1945 wurde mit 4,6 % der Gipfel der Sterblichkeit im Zeitraum von 1943 bis 1946 erreicht. Weitere Monate mit Sterberaten von über 2 % (Mai bis August) bis über 3 % (Oktober 1945) schlossen sich im Sommer 1945 an. War die Sterberate der Frauen von November 1945 bis März 1946 auch rückläufig, so kam es im Mai 1946 nochmals zu einer extrem hohen Sterblichkeit von 4,2 % von Frauen in der HPA Hall – ein Wert, der nur geringfügig unter jenem vom März 1945 lag.

Will man eine Einteilung der beiden Zeitperioden vornehmen, die freilich für die Gesamtsterberate und die Sterberate der Männer zutreffender ist als für die Sterberate der Frauen, dann lässt sich eine initiale 21 Monate andauernde Phase einer langsamen, im Niveau ansteigenden Sterblichkeit erkennen (bis September 1917 bzw. September 1944). In der zweiten Phase, die etwa 20 bis 22 Monate andauerte (bis Mai 1919 bzw. Mai 1946/Juli 1946), kam es zuerst zu einem sprunghaften Ansteigen der Mortalität ab Herbst 1917 bzw. 1944. Die jeweiligen Folgejahre 1918 bzw. 1945 waren geprägt durch die durchschnittlich höchsten Mortalitätsraten, wobei die Sterblichkeit vor allem im Frühjahr und Sommer/Herbst besonders hohe Werte erreichte. Auch die ersten fünf bis sieben Monate des jeweiligen ersten Nachkriegsjahres können noch zu dieser Phase gezählt werden, übertrafen doch in den ersten fünf bis sieben Monaten der Jahre 1919 bzw. 1946 die Sterberaten jene der jeweils zweiten Jahreshälfte deutlich. Erst ab etwa Sommer 1919 bzw. 1946, der dritten Phase, ließ sich ein kontinuierlicher Rückgang der Sterblichkeit bei Männern und Frauen in der HPA Hall beobachten.

Diese grobe Einteilung wurde auch durch eine Regressionsanalyse, welche die monatlichen Sterberaten im Zeitverlauf auf Veränderungs- oder Umbruchpunkte („changepoints“ oder „breakpoints“) untersuchte, tendenziell bestätigt. Solche Veränderungspunkte beschreiben dabei Brüche in der jeweiligen Zeitreihe, ab denen sich das mittlere Niveau der Zeitreihenwerte gegenüber den davor liegenden Werten erhöht oder senkt, bzw. die Variation um den jeweiligen Mittelwert zu- oder abnimmt.28

Die statistisch gefundenen Phaseneinteilungen unterstützen die zentrale Bedeutung des Sommers/Herbsts 1917 bzw. 1944 für den sprunghaften Anstieg der Sterberaten. Ebenso zeigen die Umbruchpunkte in den Jahren 1919 bzw. 1946, wie vermutet, die Kontinuität des sich in das jeweilige erste Nachkriegsjahr ziehenden Hungersterbens in der Haller Anstalt an. Wie schon angesprochen, entsprachen die Sterberaten der Männer dem oben postulierten Dreiphasenmodell besser als die Sterberaten der Frauen. Insgesamt kann somit von einer gewissen Evidenz bezüglich einer Einteilung beider verglichenen Zeiträume in drei Phasen ausgegangen werden. Unwidersprochen muss aber bleiben, dass auch weitere Einteilungen vorstellbar sind, die auf anderen als den hier angewendeten Kriterien beruhen.

Die Lebensbedingungen in der HPA Hall im Vergleich

Wie im vorigen Abschnitt gezeigt werden konnte, ähnelte die Entwicklung der Sterblichkeit in der HPA Hall in der NS-Zeit weitgehend jener im Ersten Weltkrieg und bot bei gewissen Auswertungsparametern (z. B. Jahressterblichkeit, absolute Zahl der Sterbefälle) eine weitgehende Übereinstimmung. In der Forschungsliteratur, etwa bei Hans-Walter Schmuhl, wird die in vielen psychiatrischen Einrichtungen im letzten Kriegsjahr 1945 gegenüber 1918 zum Teil massiv erhöhte Sterblichkeit zu Recht als klarer Hinweis auf einen „verbrecherischen Eingriff“ in der NS-Zeit gewertet. Diese Argumentation ist für Anstalten wie jene in Hall, in denen die Sterberate in der NSZeit niedriger oder nicht deutlich höher lag, nicht vorbehaltlos anwendbar.29 Daher scheint gerade bei diesen Anstalten ein Vergleich der beiden Zeitperioden nicht nur in Bezug auf Sterberaten, sondern auch auf mögliche Ursachen für deren Anstieg aufschlussreich zu sein. Seit Faulstichs grundlegenden Forschungen zum „Hungersterben in der Psychiatrie“ gilt die Entwicklung und Höhe der jährlichen Sterberate nicht nur als ein wichtiger Maßstab zur Einschätzung der Frage, ob es in einer Anstalt zu Euthanasieverbrechen gekommen sein könnte, sondern auch als Indikator für die entsprechenden Lebensbedingungen der PatientInnen.30 Damit rücken strukturelle Faktoren wie Versorgung der Anstalt mit Nahrungsmitteln und deren Verteilung innerhalb der Einrichtung, die Personalsituation, die räumlichen Verhältnisse, sowie die Verfügbarkeit von Heizmaterial mit in den Fokus. Man muss davon ausgehen, dass die Steigerung der Sterblichkeit letztlich durch das Zusammenwirken sämtlicher Faktoren, die sich in ihren negativen Auswirkungen gegenseitig noch verstärkten, bedingt war. Ab einem bestimmten Ausmaß einer Mangelsituation lassen sich die einzelnen Einflussfaktoren und deren jeweilige Wechselwirkungen nicht mehr zur Gänze voneinander trennen.31

Die Ernährungslage

Der prägendste Faktor war dabei sowohl im Ersten Weltkrieg wie auch in der NSZeit die massive Verschlechterung der Ernährungssituation, zwar unter unterschiedlichen Voraussetzungen, aber mit ähnlich fatalen Folgen für PatientInnen in psychiatrischen Anstalten. Die allgemeine Versorgungssituation mit Nahrungsmitteln war in Tirol während des Ersten Weltkriegs im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg schon von Anfang an äußerst schwierig.32 Bis zum Frühjahr 1916 verschlechterte sich die Nahrungsmittelversorgung, sodass eine ausreichende Versorgung weiter Teile der Bevölkerung kaum mehr möglich war.33 Ende 1916 standen der Tiroler Bevölkerung entsprechend der ausgegebenen Bezugsmarken pro Kopf täglich nur mehr 941 Kalorien zur Verfügung.34 Im Ersten Weltkrieg benachteiligte man die Zivilbevölkerung gegenüber dem Heer mit zunehmender Kriegsdauer bei der Versorgung mit Lebensmitteln immer mehr, was ab 1917 eine „latente Hungersnot“ zur Folge hatte.35 Der völlige Zusammenbruch der Nahrungsmittelversorgung erfolgte im letzten Kriegsjahr 1918. Weitgehende Rationskürzungen bewirkten eine schwere Hungerkrise der Bevölkerung, die in Nordtirol in den beiden Nachkriegsjahren 1919/20 ihren Höhepunkt erreichte. Im Jahr 1919 standen der Bevölkerung nur mehr 800 Kalorien täglich zur Verfügung, was eine massive Unterernährung der Bevölkerung und eine Zunahme von chronischen Infektionskrankheiten und Tuberkulose zur Folge hatte.36 Die Kalorienzuteilungen am Ende des Ersten Weltkriegs und in darauffolgenden Jahren lagen noch unter der verfügbaren Lebensmittelmenge in den Krisenmonaten des Sommers 1945.37

Abb. 1: Die Anstaltsküche versorgte die PatientInnen nur mehr unzureichend. Blick in die Küche vermutlich während der Zeit des Ersten Weltkriegs oder davor(Quelle: HA LKH, Fotobestand)

In der NS-Zeit blieb die Versorgungslage der Zivilbevölkerung, abgesehen von begrenzten Engpässen, in den ersten Kriegsjahren einigermaßen erträglich. Die Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung war im Gau Tirol-Vorarlberg bis ins Jahr 1942 ohne größere Probleme möglich. Die nationalsozialistische Ernährungspolitik hatte aus der Erfahrung des Ersten Weltkriegs gelernt und war bemüht, die Versorgung mit den wichtigsten Nahrungsmitteln, nicht zuletzt auf Kosten der eroberten Gebiete, zu gewährleisten. Die katastrophale Hungererfahrung des Ersten Weltkriegs hatten weder die Machthaber noch die Bevölkerung vergessen.38 Mit zunehmender Kriegsdauer kam es jedoch zu ersten Kürzungen bei der Brot-, Fleisch- und Fett-, wenig später auch bei der Kartoffelzuteilung.39 Ab dem Jahr 1943 verschlechterte sich die Ernährungslage kontinuierlich, die tägliche Zuteilung an Kalorien hatte sich 1943 gegenüber dem ersten Kriegsjahr 1939 von 2.600 Kalorien auf 1.700 Kalorien pro Person verringert.40 Ab dem Herbst 1944 bereitete die Versorgung mit Lebensmitteln große Probleme, im März und April 1945 mussten die Menschen mit den zugeteilten Rationen eine Woche länger als bisher das Auslangen finden. Die im Gau zur Verfügung stehende Kalorienmenge sank für so genannte NormalverbraucherInnen auf 1.500 Kalorien.41 Besonders drastisch entwickelte sich die Versorgungssituation vor allem nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Durch den weitgehenden Zusammenbruch der Grundversorgung fielen die Tagesrationen im Gau auf nur mehr 925 Kalorien und lagen somit weit unter dem Existenzminimum. Auch wenn der NS-Staat den Ausbruch massiver Versorgungskrisen verhindern und die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln lange Zeit zumindest auf niedrigem Niveau gewährleisten konnte, ist die Annahme einer ausreichenden Versorgung mit Lebensmitteln im Gau Tirol-Vorarlberg laut dem Historiker Horst Schreiber „nach gründlicher Analyse der tatsächlichen Verhältnisse als Mythos zu bezeichnen“.42

Von der allgemein prekären Versorgungslage waren die PatientInnen der HPA Hall in beiden Weltkriegen in ungleich größerem Ausmaß betroffen als es die Normalbevölkerung war.43 Im Unterschied zur NS-Zeit, in der es über die kriegsbedingten Verschlechterungen hinaus zu einer systematischen Benachteiligung kam, war die katastrophale Lage in den Heil- und Pflegeanstalten im Ersten Weltkrieg tendenziell eher Ausdruck einer „allgemeinen Hungersnot“ und der schlechten Versorgungslage.44 Allerdings war es auch schon im Ersten Weltkrieg – zumindest im Deutschen Reich – ab 1917 teilweise zu einer direkten Benachteiligung von PsychiatriepatientInnen gekommen, wenn auch nicht in jenem Ausmaß wie später in der NS-Zeit. Für die österreichisch-ungarischen Anstalten muss man von einer ähnlichen Benachteiligung ausgehen.45 Für die HPA Hall zeigt dies ein Schreiben der Anstaltsverwaltung an die Landesverwaltung, in dem die vorwurfsvolle Frage gestellt wurde, ob nicht „weniger bedeutende Großküchen besser gehalten“ seien wie jene in der Anstalt.46 Für die NSZeit besteht kein Zweifel an einer gezielten Benachteiligung psychiatrischer Patient-Innen. Die NS-Gesundheitspolitik schuf in den Anstalten eine Mangelsituation, die über die kriegsbedingten Engpässe hinausging.47 So gestand man psychiatrischen im Gegensatz zu somatischen PatientInnen bereits ab 1940, geregelt durch einen entsprechenden Erlass, keine Zusatzrationen mehr zu. Wie schon im Ersten Weltkrieg waren sie dadurch den am schlechtesten versorgten NormalverbraucherInnen gleichgestellt. Im Gegensatz zu diesen hatten AnstaltspatientInnen jedoch kaum die Möglichkeit, die zugestandenen Rationen aufzubessern, was in der Realität zu einer um 10–15 % schlechteren Versorgung der PatientInnen führte.48 Spätestens im Jahr 1944, dies lässt sich für den Gau Tirol-Vorarlberg an Hand von Lebensmittelzuteilungen belegen, hatte nicht einmal mehr diese nominelle Gleichstellung Gültigkeit. Die PatientInnen befanden sich nun mit nicht arbeitenden „Justizgefangene(n), Häftlinge(n) in Konzentrationslagern, in Polizeigefängnissen u. in polizeilichen Häftlingslagern“, am untersten Ende der Versorgungshierarchie.49 Nimmt man den Zeitpunkt des Beginns der jeweils offiziellen versorgungsmäßigen Schlechterstellung von PsychiatriepatientInnen, dann ist die Benachteiligung durch das NS-Regime als folgenschwerer zu bewerten als jene im Ersten Weltkrieg, da sie deutlich früher wirksam wurde und auch weitreichender war.50

Unterschiede zwischen der Versorgungssituation der HPA Hall im Ersten und Zweiten Weltkrieg lassen sich bezüglich der Abgabepflicht von landwirtschaftlichen Produkten aus der anstaltseigenen Landwirtschaft erkennen. Soweit die Quellenlage eine Beurteilung zulässt, war im Ersten Weltkrieg eine Abgabe zwar vorgesehen, allerdings in geringerem Ausmaß als während der NS-Zeit, in der eine strenge Abgabepflicht die Möglichkeiten der landwirtschaftlichen Selbstversorgung über den Gutsbetrieb massiv einschränkte.51

Abb. 2: Trotz angegliederter Landwirtschaft war die Versorgung der PatientInnen nicht mehr ausreichend. Pfleger mit Arbeitspatienten, vermutlich in den Jahren des Ersten Weltkriegs(Quelle: HA LKH, Fotobestand)

Die Einschränkungen der Nahrungsmittelversorgung betrafen in beiden Zeitabschnitten fast ausschließlich die PatientInnen. Die Angestellten und zum Teil auch deren Familien kamen in den Genuss besserer Versorgung und waren von den Versorgungsschwierigkeiten wesentlich weniger betroffen.52 Ebenfalls kam es in beiden Perioden zu einer differenzierten Ernährung von PatientInnen. Nicht arbeitsfähige und sogenannte „unproduktive“ Menschen waren hinsichtlich der Ernährung bedeutend schlechter gestellt als etwa ArbeitspatientInnen, die in der Landwirtschaft oder im Anstaltsbetrieb wichtige Arbeiten verrichteten.53 Diese ökonomische Bewertungslogik und Differenzierung stellte also keine NS-spezifische Entwicklung dar, sondern hatte in psychiatrischen Anstalten bereits eine längere Tradition.54 Allerdings erreichte die Bewertung der Produktivität in der NS-Zeit insbesondere im Rahmen der „Aktion T4“ eine potentiell tödliche Bedeutsamkeit, war sie doch eines der Hauptkriterien für die Ermordung von PatientInnen.55

Ungeachtet der jeweiligen spezifischen Rahmenbedingungen in beiden Zeitabschnitten waren die Konsequenzen für die PatientInnen in der HPA Hall sehr ähnlich. Der sprunghafte Anstieg der Sterberate in der HPA Hall fiel in beiden Zeitperioden in eben jene Zeit, in der sich die Versorgungslage spürbar verschlechtert hatte. Unterernährung, Gewichtsverluste und dadurch bedingte körperliche Schwächung und Infektanfälligkeit führten beginnend mit dem jeweils vorletzten Kriegsjahr zu dem beschriebenen Anstieg der Sterblichkeit auf einen beinahe identen Höchststand im letzten Kriegsjahr von 21,4 % (1918) bzw. 21 % (1945).56 Die katastrophalen Zustände finden auch in den historischen Quellen ihren Niederschlag. So berichtete etwa die Anstaltsverwaltung im Mai 1918 dem Innsbrucker Landesausschuss über den „herabgekommenen Ernährungszustand und die zahlreichen Hungerödemfälle“. Erwähnung fanden auch die „schwere[n] Verdauungs- und damit Ernährungsstörungen“ bei den PatientInnen, hervorgerufen durch die qualitativ schlechte und quantitativ unzureichende Ernährung.57 Die erwähnten Hungerödeme traten bereits 1916 auf, der Höchststand wurde im Jahr 1917 erreicht, auch 1918 blieb die Zahl der Erkrankungen noch recht hoch.58 Interessanterweise finden Hungerödeme in den Krankenakten der NS-Zeit keinerlei Erwähnung. Allerdings lassen sich auch in der medizinischen und pflegerischen Dokumentation aus dieser Zeit eindeutige Hinweise auf die unvorstellbaren Zustände finden, die den Einträgen aus dem Ersten Weltkrieg sehr ähnlich sind. Selten aber doch wird in der Krankendokumentation ein kausaler Zusammenhang zwischen der Ernährungssituation und der Krankheit hergestellt. So notierte ein Arzt bei einer seit Juli 1944 schwer pflegebedürftig beschriebenen 53-jährigen Patientin Anfang des Jahres 1945, dass sie schon seit „längere(r) Zeit den üblichen Ernährungsausschlag mit Jucken und Kratzen“ habe. Folgt man dem letzten Eintrag in der Krankengeschichte, überlebte die völlig abgemagerte, von Hautentzündungen übersäte Patientin einen hinzukommenden Durchfall nicht.59

Besonders drastisch entwickelte sich die Versorgungssituation auch nach dem Ende beider Kriege, als es zu einem weitgehenden Zusammenbruch der allgemeinen Grundversorgung kam, was auch erklärt, dass die Sterblichkeit in der HPA Hall über das jeweilige Kriegsende hinaus sehr hoch blieb. Für die Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges lässt sich zeigen, dass die Benachteiligung der PsychiatriepatientInnen fortwirkte. Es dauerte über ein Jahr, bis man sich in der Tiroler Landesregierung darum bemühte, die unzureichende Versorgungssituation abzumildern und den NSErlass von 1940 außer Kraft zu setzen.60 Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass das Sterben von psychiatrischen AnstaltspatientInnen weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg und offenbar auch nicht in der Nachkriegsgesellschaft als großes gesellschaftliches Problem empfunden wurde.

Personalsituation

Bedingt durch den hohen Anteil männlicher Pflegekräfte in psychiatrischen Anstalten hatten deren Einberufungen zum Militär in beiden Weltkriegen starke Auswirkungen auf den Pflegealltag. So hatten auch die PatientInnen in der HPA Hall unter der sinkenden Qualität der Pflege zu leiden, die Ursachen dafür waren jedoch unterschiedlich. Im Ersten Weltkrieg ergab sich die Verschlechterung weniger durch einen Personalrückgang – das Verhältnis von Pflegepersonal zu PatientInnen pendelte zwischen den Werten 1:6 und 1:761 – sondern war vielmehr durch eine starke Fluktuation bedingt. Die freigewordenen Stellen konnten zwar meist wieder nachbesetzt werden, aber oft nur mit nicht oder nur ungenügend qualifizierten Pflegepersonen.62 Während der Verlust an vor allem männlichen Pflegern während der Jahre 1914 bis 1918 in der HPA Hall zahlenmäßig weitgehend kompensiert werden konnte, war dies in den Jahren 1942 bis 1945 nicht mehr möglich. Die Verschlechterung des Gesamtbetreuungsverhältnisses auf 1:11 im Jahr 1945 zeigt diese Entwicklung deutlich. Noch deutlicher kommt die Reduktion allerdings beim Pflegeschlüssel der männlichen Patienten zum Ausdruck. In den letzten beiden Kriegsjahren 1944/45 kamen auf einen Pfleger knapp 16 bzw. 17 Patienten, im Jahr 1943 waren es nur etwa halb so viele gewesen. Im Vergleich dazu kam 1916, im Jahr des Ersten Weltkriegs mit der in dieser Hinsicht schlechtesten Versorgung, ein Pfleger auf acht Patienten. Deutlich besser war die Situation auf den Frauenabteilungen, wo vorwiegend geistliche Schwestern den Dienst versahen und sich der Pflegeschlüssel in der NS-Zeit nur unwesentlich auf höchstens 1:9 verschlechterte. Möglicherweise liegt darin einer der Gründe für die deutlich höhere Männersterblichkeit.63

Der Krieg wirkte sich auch negativ auf die ärztliche Betreuungsrelation in der HPA Hall aus. Während Anfang des 20. Jahrhunderts 117 PatientInnen von einem Arzt betreut wurden, waren die beiden Kriegszeiträume auch in dieser Hinsicht regelrechte Katastrophenjahre und unterschieden sich kaum voneinander. Ein Arzt hatte in beiden Kriegsperioden zwischen 200 und 300 PatientInnen zu versorgen.64 In Anbetracht dieser Betreuungsverhältnisse ist davon auszugehen, dass eine ausreichende pflegerische und medizinische Betreuung nicht gewährleistest und insbesondere in der NSZeit mit dem zusätzlichen eklatanten Pflegermangel nur mehr eine Notversorgung möglich war, vorausgesetzt, dass das Personal überhaupt noch den Willen hatte, allen PatientInnen eine ausreichende Versorgung und Behandlung angedeihen zu lassen. Auch wenn der Einfluss der einzelnen Faktoren auf die Entwicklung der Sterblichkeit nicht genau zu bestimmen ist, muss man davon ausgehen, dass sich gerade die Verschlechterung beim Personalschlüssel negativ auf die Lebensqualität und den körperlichen Zustand der PatientInnen und somit zumindest indirekt auch auf die Sterblichkeit auswirken musste. Dies traf stark pflegebedürftige PatientInnen besonders hart, da sie in höherem Maß auf die Unterstützung des Personals angewiesen waren.65

Überbelegung und Platzmangel

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verzeichnete die HPA Hall – ausgenommen die Jahre 1919 bis 1925 – eine ständige Überbelegung. Dieser für psychiatrische Anstalten nicht ungewöhnliche „Normalzustand“ verschlimmerte sich in den Jahren der beiden Weltkriege und die Überbelegung erreichte jeweils unerträgliche Ausmaße.66 Der letzte große Erweiterungsbau in der HPA Hall war im Jahr 1905 erfolgt und hatte zur Erhöhung der Gesamtbettenzahl auf 445 geführt.67