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Krise im Fokus. Eine ungewöhnliche Vielfalt psychologischer, politischer, medizinischer, theologischer und soziologischer Themen verdeutlicht überzeugend die Solidarität als maßgebliche Kraft zur Bewältigung persönlicher, gesellschaftlicher und globaler Krisensituationen. Angesichts der aktuellen globalen Krisenhaftigkeit macht dieses Buch Mut und schärft die Sinne, um der Krisenwahrheit ins Auge zu sehen und sie zu verstehen. Es zeigt Werkzeuge auf und trägt zur notwendigen Tatkraft bei, damit Entscheidungen getroffen, sinnvolle Lösungen gefunden und grundlegend neue Wege beschritten werden. Es macht deutlich, dass in der Gemeinschaft vieles möglich wird, was dem Einzelnen unmöglich erscheint. Es weckt die Hoffnung, dass es sich lohnt, Kräfte zu entwickeln, sie zu bündeln und aktiv zu werden, um Krisen zu überwinden und sie zum Nährboden für neue Chancen werden zu lassen.
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Seitenzahl: 301
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Eine Textsammlung mit Beiträgen von:
Heidrun Buitkamp
Andreas Schneider
Gundula Buitkamp-Nagel
Antje Buitkamp
Andreas Fraesdorff
Karin-Franziska Opitz
Christian Danckworth
Josef Berghold
Vorwort
Lyrik: hallo krise
Worte schaffen Wirklichkeit: Von so genannten und anderen Krisen
Heidrun Buitkamp
Krise als Wegbegleiter oder die „Kunst der Krise“
Andreas Schneider
Lyrik: zwanzigzwanzig
Ich kann nicht auftreten! Künstler:innen in der Coronakrise
Gundula Buitkamp-Nagel
Prosa: Max und Meer. Oder: Seemannskrise im Schlutuper Hafen
Lyrik: amaryllis
Zum Beispiel Ronja: Kinder und Jugendliche in Krisen
Gundula Buitkamp-Nagel
Krisenbewältigung anhand eines Beispiels: Die Entstehung eines Entlastungskrankenhauses in der Corona-Krise
Antje Buitkamp
Prosa: Parkbänke für China
Krisenerleben im Krankenhaus. Mensch und Organisation im Spannungsfeld von Grenze und Chance
Andreas Fraesdorff
Prosa: Generalpause
Die einmalige Krise des end-lichen Lebens
Karin-Franziska Opitz
Lyrik: irgendwann
Pflegekrise und Altenpflege
Christian Danckworth
Lyrik: weltbrand
Globale Solidarität als nicht mehr aufschiebbare Überlebensnotwendigkeit: Die Klimakrise im Brennpunkt
Josef Berghold
Prosa: Ein paar Worte zur Resilienz
Wohl selten war der Begriff „Krise“ so oft zu hören wie seit 2020: Die Corona-Krise konfrontiert uns mit Tod, Gesundheitsschäden, Überlastung von Gesundheitssystemen, finanziellem Ruin, zunehmender Gewalterfahrung, Bildungsdefiziten, sozialpolitischen Spannungen und Verstärkung psychischer Irritierbarkeit.
Gleichzeitig überrollt uns die Klimakatastrophe: Stürme, Dürren, Überschwemmungen, Hitzeextreme, Waldbrände, Versauerung und Vermüllung der Ozeane, Meereseisschmelze, Auftauen des Permafrost-Bodens, Absterben der Korallenriffe und Gletscher. Zudem rütteln – teilweise auch aufgrund der klimatischen Veränderungen – politische Konflikte, Kriege, Vertreibungen, Flucht, Hunger, Seuchen und oft extreme wirtschaftliche Notlagen am Gefüge der Welt.
Jede und jeder von uns erlebt das Phänomen Krise auf ganz eigene Art, setzt individuelle Schwerpunkte, zieht daraus unterschiedlichste Konsequenzen im privaten und gesellschaftlichen Leben, sucht zum Beispiel nach zuverlässigen Informationen, „wurschtelt sich durch“, tauscht sich mit nahestehenden Menschen aus, teilt be- und entlastende Gefühle, versucht sich in der Entwicklung hilfreicher Strategien und – übt sich in Geduld.
Wie unterschiedlich unsere Herangehensweisen auch sein mögen – letzten Endes befinden wir uns in unserer krisenhaft zusammenwachsenden Welt im selben Boot. Unter diesem Eindruck entstand im Sommer 2020 die Idee, gemeinsam ein Buch zu schreiben, um Krisensituationen aus verschiedenen Blickwinkeln zu reflektieren, Wissens- und Erfahrungsschätze zu sammeln und den Zugriff auf wertvolle Ressourcen zur Krisenbewältigung zu ermöglichen.
Die Gründung des Autorinnen- und Autorenteams war ein lebendiger, spannender, von einigen krisenähnlichen Situationen nicht verschonter, vermutlich aber gerade auch durch diese „Geburtswehen“ gelungener Prozess. Eine Teilnehmerin entschied sich angesichts der anfangs etwas holprigen Teamdynamik und politischer Text-Inhalte dafür, alleine ein eigenes Buch zu schreiben und das gemeinsame Projekt zu verlassen. Kurz darauf kamen drei neue Mitglieder zur Gruppe hinzu.
Teilweise kannten wir uns aus anderen Zusammenhängen, zum Beispiel freundschaftlichen, politisch-aktivistischen oder familiären, wie sich aus den Nachnamen unschwer erschließen lässt. Oder besser gesagt, wir meinten, uns selbst und die anderen zu kennen, stellten aber fest, dass im Zuge eines solchen Projekts allerseits ungeahnte, überraschende Eigenarten und Charakterzüge erkennbar werden. Wir alle kamen durch persönliche Beziehungen in den Kreis der Schreibenden hinein, trafen dort aber natürlich auch auf Menschen, die uns vorher noch gänzlich unbekannt waren.
Es ergab sich also eine Phase des Aneinander-Herantastens. Zweimal gelangen uns corona-konforme Direktbegegnungen, dann mussten wir auf digitale Konferenzen umsteigen. Auf diesem Wege stellten wir uns gegenseitig unsere langsam klarere Formen annehmenden Ideen vor. Als zentrale Motive, die nun das Buch wie ein roter Faden durchziehen, stellten sich Solidarität und Hoffnung als maßgebliche Kräfte zur Bewältigung persönlicher, gesellschaftlicher und globaler Krisen heraus.
Als wir der Frage nachgingen, wen wir mit unseren diversen psychologischen, politischen, medizinischen, theologischen und gesellschaftlichen Themen erreichen wollen, stellten wir fest, dass in der Vielfalt eine Chance liegt – schwebt uns doch allen vor, keine ausgewählte speziellspezifische, sondern eine breite, bunt gemischte Zielgruppe zu finden. Sätze wie „Alles Krise oder was?“, „Augen auf und durch!“ oder „Ausblick auf Hoffnung“ flogen durch den Raum und begleiteten uns in die ersten Wochen des Schreibens.
Nach und nach entstanden die ersten Texte, und es begann ein wertschätzender, kritischer, den eigenen Horizont erweiternder Austausch. Unsere unterschiedlichen Sprach- und Schreibstile bereicherten den Prozess. Angesichts verschiedener Meinungen und Haltungen kam es zu tiefgreifenden Diskussionen. Letztendlich trägt jede und jeder Schreibende die Verantwortung für den jeweils selbst verfassten Beitrag.
Nun liegt vor uns und den Leserinnen und Lesern eine gründlich gereifte Textsammlung. Von der Abwechslung zwischen eher wissenschaftlich ausgerichteten Abschnitten, erlebnisorientierten Textvignetten, lyrischen Einwürfen und kurzen Prosastücken erhoffen wir uns im Ergebnis eine anregende und Anstöße vermittelnde Lektüre. Wir erwarten mit Spannung das Echo derer, die das Buch – dem eigenen Interessen-Kompass folgend, teils vertieft, teils im flüchtigen Überblick oder vielleicht auch Abschnitte überspringend – lesen werden.
Die einzelnen Autorinnen und Autoren beschäftigen sich mit einer bunten Mischung an Themen:
Heidrun Buitkamp ist Bibliothekarin und Theologin. Sie leitet die Textsammlung mit einem klärenden Blick auf den begrifflichen Inhalt des vielbenutzten Wortes „Krise“ ein. Die etymologischen und historischen Hintergründe werden genauso thematisiert wie die Bedeutung im aktuellen Sprachgebrauch.
Andreas Schneider, beruflich im Kontext der Informatik zuhause, eröffnet mit analytischem und lösungsorientiertem Blick den Weitwinkel auf „Die Kunst der Krise“ und schildert Techniken, die die Integration der weltweiten, alltäglichen, unumgänglichen Krisenhaftigkeit des Daseins in das eigene Leben ermöglichen.
Im Anschluss daran geht es um das Thema „Kunst in der Krise“, zu dem Gundula Buitkamp-Nagel – selbst schreibend und musizierend tätig – eine Sprachkünstlerin und einen Schauspieler befragt hat und anhand dieser exemplarischen Berichte Betroffener die Systemrelevanz sowie Chancen und Notwendigkeit kreativen Arbeitens in den Fokus rückt.
Danach liegt der Schwerpunkt auf dem individuellen psychischen Krisenerleben: Hier verknüpft Gundula Buitkamp-Nagel Szenen und Motive aus Kinderbüchern von Astrid Lindgren mit Situationen aus ihrer praktischen Erfahrung als Musiktherapeutin bei der Begleitung von Kindern und Jugendlichen in Krisensituationen.
Darauf folgend werden zunächst Krisen in Institutionen und Systemen beleuchtet, insbesondere in der Gesundheitsversorgung, die von einer zunehmenden privaten Renditeorientierung, Personalmangel, Zeitdruck, Überlastung, Fehlzuteilung von Ressourcen und fehlendem Raum für Empathie betroffen ist:
Antje Buitkamp ist Frauenärztin in einer Rehaklinik. Sie berichtet vom Aufbau eines Entlastungskrankenhauses in der Corona-Krise, das sich nach einer schwierigen Anfangsphase zu einem unerwartet flexiblen Versorgungsmodell entwickelte, in dem beträchtliches Zukunftspotential steckt.
Andreas Fraesdorff setzt sich als Pastoralpsychologe, Klinikseelsorger und Supervisor mit krisenhaften Erfahrungen in einem großen Hamburger Krankenhaus auseinander, deren Grenzen, aber auch Chancen er anhand konkreter Beispiele herausarbeitet.
Karin-Franziska Opitz, Sozialarbeiterin und Psychoonkologin, schildert den Umgang mit dem Sterben als einer einmaligen Krise, die jeder Mensch unweigerlich ganz alleine, aber nicht unvorbereitet zu bestehen hat.
Christian Danckworth geht als examinierter Altenpfleger der Bewältigung der Pflege-Krise nach und schlägt einen Bogen bis hin zur Utopie eines grundlegenden Systemwechsels.
Abschließend wird eine globale Perspektive eingenommen: Josef Berghold analysiert als Sozialpsychologe den gesellschaftlichen Umgang mit der Klimakatastrophe und plädiert nachdrücklich dafür, sich den mit ihr verbundenen Ängsten zu stellen, einen konstruktiven Umgang mit ihnen zu finden und dabei auch Wege zu einem organisierten politischen Handeln zu eröffnen.
Einige der Autorinnen und Autoren bereichern die Sammlung zusätzlich mit eingestreuten poetisch-literarischen Kompositionen und Kurztexten.
Mit diesem Buch möchten wir Mut machen und die Sinne schärfen, um der Krisenwahrheit ins Auge zu sehen und sie zu verstehen. Wir möchten Werkzeuge aufzeigen und zur notwendigen Tatkraft beitragen, damit Entscheidungen getroffen, sinnvolle Lösungen gefunden und neue Wege beschritten werden. Wir möchten deutlich machen, dass in der Gemeinschaft vieles möglich wird, was uns als Einzelnen unmöglich erscheint. Wir möchten die Hoffnung wecken, dass es sich lohnt, Kräfte zu entwickeln, sie zu bündeln und aktiv zu werden, um Krisen zu überwinden und sie zum Nährboden für neue Chancen werden zu lassen.
Das Team der Autorinnen und Autoren
was willst du von mir
ziehst mir den boden weg
wirfst mich in die luft
lässt mich fallen
in ungeahnte abgründe
knall oder
sanfte landung
überleb ich das
hallo krise
du knetest mich
wie einen mürbeteig
formst mich neu
walzt mich aus
bis ich ganz dünn bin
und fast zerfalle
vor schmerz
hallo krise
du schnitzt mit scharfem messer
splitter fliegen und späne
du kennst meine konturen
willst auf etwas hinaus
was ich nicht kenne
du schälst mich frei
wenn ich dir nicht zerbreche
wer werde ich sein
vielleicht
mehr ich
denn je
gundula buitkamp-nagel
Heidrun Buitkamp
Wenn ein Wort gehäuft und als ein so deutlicher Schwerpunkt von Texten vorkommt wie ‚Krise‘ in der vorliegenden Aufsatzsammlung, lohnt sich zu Beginn ein Blick auf Herkunft, Gebrauch und semantischen Gehalt. Die folgenden Gedanken stehen unter der Fragestellung: Was genau umfasst der Begriff ‚Krise‘? Ist das Gemeinte mit dem Wort zutreffend beschrieben? Was haben Menschen zu verschiedenen Zeiten damit verbunden, wenn sie von ‚Krisen‘ sprachen? Hat die Bedeutung sich im Laufe der Zeit gewandelt? Tragen wir selbst durch den umgangssprachlichen Wortgebrauch zu einer Bedeutungsverschiebung bei? Ist eine solche der Sache angemessen, oder sollten wir sie uns bewusst machen und gezielt darauf hinwirken, einer Abnutzung oder Verflachung Einhalt zu gebieten?
Der Ursprung des Wortes ‚Krise‘ liegt im Griechischen: κρίνειν bedeutet ‚unterscheiden, aussondern, auswählen‘ und ‚entscheiden, urteilen, richten‘.1 Damit sind zwei Aspekte benannt, die sich wiederfinden lassen im deutschen Wort ‚Krise‘, kennzeichnet es doch einen Zeitpunkt bzw. eine Phase der Unterscheidung und Entscheidung.
Was die Unterscheidung betrifft, so wird eine Krise die erfahrene Wirklichkeit stets in ein ‚Vorher‘ und ein ‚Nachher‘ einteilen, welche sich niemals gleichen. Selbst wenn es eine Rückkehr zur vermeintlichen Normalität geben sollte, wird das Bewusstsein der Gefährdung immer mitschwingen und das künftige Erleben prägen, sei es bewusst oder unbewusst.
Der Aspekt der Entscheidung liegt vielleicht noch offenkundiger auf der Hand: Die Krise kennzeichnet den Zeitpunkt oder die Phase eines Umschwungs in eine von mindestens zwei möglichen Richtungen. Etwas potentiell Bedrohliches steht in unmittelbarer Nähe zu einer hoffnungsvollen, Entwicklung ermöglichenden Perspektive. Ein mit dem griechischen Verb κρίνειν verwandtes Wort (ἀποκρίνεσθαι) bedeutet ‚antworten‘. Im übertragenen Sinne lässt sich dies daraufhin interpretieren, dass es zumindest teilweise beeinflussbar sein könnte, welche Rolle und Perspektive ein von einer Krise betroffener Mensch einnimmt. Unterscheidungen und Entscheidungen kommen nicht nur von außen auf uns zu, sondern können auch selbst getroffen oder zumindest bewusst ‚beantwortet‘ werden. Im Blick auf einzelne Etappen der Krisenverarbeitung sind – einander ablösend oder auch abwechselnd – Phasen einer eher passiven, erleidenden und erduldenden Haltung von anderen zu unterscheiden, die im Gegensatz dazu von Aufbruch und eigener Aktivität geprägt sein können.
Zu konstatieren ist ein häufiger Rückgriff auf das Wort ‚Krise‘ in der heutigen Umgangssprache. Geläufige Beispiele sind die Redewendungen ‚Ich krieg `ne Krise‘ oder gar ‚die Oberkrise‘, jemand ist ‚leicht angekrist‘ oder ‚es kriselt‘. Ob das jeweilig damit Benannte überhaupt zu vergleichen ist mit dem Ernst einer wirklich als ‚Krise‘ zu bezeichnenden Situation, bleibt zu hinterfragen.
Nicht immer muss ein wie eine Verkleinerungsform anmutender Ausdruck allerdings eine Verharmlosung bedeuten. So ist beispielsweise das Wort ‚kriseln‘ bereits im 19. Jahrhundert im Sinne einer sich andeutenden Krisensituation in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen.2 Benannt werden damit die Vorboten einer ernstzunehmenden Lage.
Um dem Gebrauch des Wortes in unterschiedlichen Zeiten und Kontexten auf die Spur zu kommen, diente die Recherche in einem Bibliothekskatalog als experimenteller Ausgangspunkt.3 Bei Eingabe des allgemeinen Suchbegriffs ‚Krise‘ im Online-Katalog des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes wurde eine Treffermenge von über 50.000 Titeln erzeugt. Einen Vorteil für die Frage nach dem Wortgebrauch in verschiedenen Epochen stellte die chronologische Sortierung der Titel dar. Die Erscheinungsjahre reichten bei der Suche nach dem deutschen Terminus ‚Krise‘ von ca. 1800 bis 2021, bei Verwendung des lateinischen Wortes ‚crisis‘ bis in die Reformationszeit bzw. sogar bis zum Beginn des Buchdruckes zurück, also zweifellos bis zu einer Zeit gravierender Umbrüche – und Krisen.
Benutzt wird das Wort ‚Krise‘ in verschiedensten Zusammenhängen. Herausgegriffen seien nur wenige, konkret in Buchtiteln vorkommende Beispiele: Handelskrisen, Krisen spezieller Wirtschaftszweige, Krisen politischer Systeme und die ‚Krise des Abendlandes‘, Glaubenskrisen, Lebenskrisen, seelische Krisen und gesundheitliche Krisen.
Es lässt sich eine im Laufe der Zeit zunehmende Thematisierung des Individuums und spezieller diesbezüglicher Krisen feststellen.
Gleichzeitig ist in aktueller Zeit durch vielfältige Informationskanäle ein Anteilnehmen auch an geographisch fernen, aber weitreichenden Krisen möglich – und notwendig. Kein krisenhaftes Geschehen bleibt in der vernetzten und globalisierten Welt ohne Auswirkung auf das eigene Lebensumfeld. Ebenso kann eigenes Handeln umfassendere Wirkungen zeitigen als zunächst vorstellbar. Insofern verändert sich der Horizont vom ‚Allgemeinen‘ zum ‚Besonderen‘ – und auch wieder in die umgekehrte Richtung. Das kann verunsichern und doch Mut erzeugen, der viel mehr ist als ein Mut der Verzweiflung.
Zur Veranschaulichung sei eine Aufsatzsammlung aus dem Jahr 2020 herausgegriffen: ‚Krise der Zukunft‘.4 Schon aus dem Titel lässt sich durch den in verschiedener Richtung aufzufassenden Genitiv eine Doppeldeutigkeit herauslesen: Geht es um eine zukünftig an Relevanz zunehmende Krise oder soll ausgesagt werden, dass die Zukunft sich grundsätzlich als Krise darstellt? Beim Betrachten des Untertitels und der Beiträge im Einzelnen wird deutlich, dass eine Infragestellung jeglicher Zukunftsperspektive Thema ist, also der Krisen-Terminus in seiner radikalen Bedeutung zum Tragen kommt. Gleichzeitig und geradezu paradox sind die Inhalte nicht von Fatalismus, sondern von Tatkraft und Zukunftsorientierung geprägt. Beides schließt sich offenbar nicht aus, selbst wenn die Lage nach menschlichem Ermessen ausweglos erscheint.
Nach dem Blick auf den Wortgebrauch ist nach den jeweiligen begrifflichen Implikationen zu fragen. Unabhängig von einer inhaltlichen Qualifizierung soll hier der Versuch einer groben Einordnung verschieden gearteter Krisen nach eher formalen Kriterien unternommen werden. Unter welchen Gesichtspunkten hat beispielsweise eine Unterscheidung von ‚großen‘ und ‚kleinen‘ Krisen ihre Berechtigung? Ein Anhaltspunkt für eine derartige Differenzierung könnte zum einen die Anzahl betroffener Menschen oder Bevölkerungsgruppen sein und zum anderen die Reichweite der Situation bezüglich ihrer zeitlichen Ausdehnung und der Nachhaltigkeit ihrer Auswirkungen. Über die Tiefe und Schwere von persönlichen Krisen, die im Leben einzelner Menschen und innerhalb überschaubarer ‚Systeme‘ wie Familien oder anderer Lebensgemeinschaften dramatische Wirkungen entfalten können, ist damit allerdings nichts ausgesagt.
Zu unterscheiden sind in jedem Fall individuelle und kollektive Krisen, auch wenn es einen Zusammenhang zwischen beiden Formen gibt. Eine direkte Abhängigkeit besteht jedoch nur in einer Richtung: Persönliche Krisen können unabhängig von gesamtgesellschaftlichen vorkommen – nicht aber umgekehrt. Grundlegende Umbrüche, die sich nicht nur in privaten Erinnerungen niederschlagen, sondern ein Medienecho in der Gegenwart hervorrufen und sich auf lange Sicht in Geschichtsbüchern oder politischen Rückblicken wiederfinden, waren und sind immer mit zahllosen krisenhaften Lebenssituationen einzelner Menschen verbunden. Dass eine Krise zu einer ‚historischen‘ wird, hängt unmittelbar mit ihren Auswirkungen auf eine große Anzahl von Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg zusammen. Je größer die Anzahl der Betroffenen ist und je länger sich der Zeitraum ausdehnt, innerhalb dessen ein krisenbezogenes Thema gesellschaftlich relevant ist, desto umfassender ist die öffentliche Wahrnehmung und entsprechend dramatisch die Bewertung als ‚große‘ oder gar ‚globale‘ Krise.
Was allen Situationen gemeinsam ist, die den Namen ‚Krise‘ verdienen, ist eine grundlegende Veränderung dessen, was bis dahin als ‚normal‘ empfunden und gelebt wurde. Es findet ein Einschnitt statt, der Bisheriges in Frage stellt und ein Weitermachen in der bis dahin bekannten Weise unmöglich macht. Es kann sich um ein plötzliches oder ein sich bereits länger abzeichnendes Geschehen handeln. Dass eine Krise ausschließlich den Punkt einer Konfrontation mit Unerwartetem oder den Augenblick einer Entscheidung kennzeichnet, ist vermutlich seltener der Fall, als dass eine längere Phase der Auseinandersetzung mit neuen Lebensumständen und der Ausrichtung auf unumgängliche Veränderungen zu durchleben ist. Im Unterschied zur ‚Katastrophe‘ ist festzuhalten, dass diese ein plötzliches, unumkehrbares Geschehen kennzeichnet. Sie ist nicht selbst die ‚Krise‘, wirkt aber als Auslöser für krisenhafte Verarbeitungsprozesse bei denjenigen, die mit den im wörtlichen Sinne katastrophalen Auswirkungen eines Ereignisses weiterleben müssen.5
Der Prozess der Verarbeitung verläuft in individuell unterschiedlichem Tempo und in unterschiedlichen Schritten oder Phasen, die sich mehr oder weniger klar voneinander abgrenzen, jedoch keiner festgelegten Reihenfolge zuordnen lassen. In jedem Fall geht es darum, sich aus einer Schockstarre zu lösen und in eine Haltung oder auch Aktivität hineinzufinden, die eine Öffnung auf Zukunft hin ermöglicht. Was sich dafür als hilfreich erweist, ist je nach Situation und persönlichen Bedürfnissen unterschiedlich. Auch wenn jedes Ereignis, das zu einer Krise führt, als ein unvergleichliches und exklusives empfunden wird, können ab einem gewissen Punkt die Orientierung an Menschen, die Vergleichbares durchleben mussten, und der Zusammenschluss mit (zeitversetzt oder gleichzeitig) ähnlich Betroffenen Kräfte freisetzen und die Ausrichtung auf vorhandene Ressourcen erleichtern.
Nicht zu vernachlässigen ist allerdings die Gefahr, dass eine Krise nicht zur konstruktiven Verarbeitung, sondern zu einer negativen Entscheidung führt. Wenn etwas auf Messers Schneide steht und es möglicherweise um Leben und Tod geht, liegt es in der Natur der Sache, dass die Entscheidung schließlich fallen und eine der beiden Richtungen festlegen wird. Das Besondere der Krisensituation ist aber, dass keine Zwangsläufigkeit besteht, sondern dass beide Optionen realistisch und somit Hoffnung und eigene Aktivität begründet und aussichtsreich sein können.
Abschließend ist festzuhalten: Eine Krise bedeutet in jedem Fall eine ernste Situation mit mindestens doppelter Entscheidungs- oder Entwicklungsoption. Sie stellt selten ein punktuelles, sondern meist ein länger andauerndes Geschehen dar, ist aber zu unterscheiden von einer dauerhaften Veränderung eines Sachverhaltes oder Lebenszusammenhanges. Es ist eine Phase von Spannung, Anspannung, Verspannung, manchmal aber auch Gespanntsein im positiven Sinne. Im Gegensatz zur Katastrophe lässt eine Krise Spielraum für Entwicklung und dementsprechend für Hoffnung, Solidarisierung und Kreativität.
Die genauere Betrachtung des Wortes lässt entgegen dem Augenschein vermuten, dass nicht alles, was uns im umgangssprachlichen Gebrauch des Wortes ‚Krise‘ begegnet, eine Verflachung bedeuten muss. Auch wenn durch bestimmte Ereignisse oder Erfahrungen nur Teilaspekte des individuellen (Er-)lebens betroffen sind und eine Auswirkung über den persönlichen Kreis hinaus kaum wahrnehmbar ist, können sie sich zur Krise auswachsen und ein potentiell bedrohliches Geschehen darstellen.
Dennoch sollten die inflationär häufige Verwendung des Wortes sowie möglichst auch die Verkleinerung und Verniedlichung vermieden werden, um den Terminus für die Bezeichnung existenziell erschütternder Situationen zur Verfügung zu behalten.
Anmerkungen
1 Grund- und Aufbauwortschatz Griechisch, Stuttgart 1981.
2 „kriseln“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/kriseln>, abgerufen am 26.02.2021.
3 Der Gemeinsame Bibliotheksverbund weist Bestände aus mehreren – vorwiegend norddeutschen – Bundesländern nach. Seit 2019 gibt es einen gemeinsamen Katalog mit dem Südwestdeutschen Bibliotheksverbund („K10plus“), der die Bestände aus 10 Bundesländern umfasst.
4 Pfleiderer, Georg et al. [Hrsg.]: Krise der Zukunft I. Apokalyptische Diskurse in interdisziplinärer Diskussion. Zürich/Baden-Baden 2020 (Religion – Wirtschaft – Politik ; 15).
5 Katastrophe bedeutet wörtlich ‚Umwendung‘ (aus dem Griechischen) – und zwar immer zum Schlechteren.
Andreas Schneider
Plädoyer für eine positiv gerichtete Hinwendung auf eine angstbesetzte Größe
„Klimakrise“, „Migrationskrise“, „Demografiekrise“, „Gerechtigkeitskrise“ und zuletzt natürlich auch „Corona-Krise“ – all dies sind uns wohlbekannte und -vertraute Begriffe. Und sie sind es zu Recht, denn all das sind – teils bereits unmittelbar spürbare, teils zuverlässig prognostizierte und mit hoher Wahrscheinlichkeit auf uns zukommende – reale Umstände unserer Lebenswelt. Wir lesen und hören tagtäglich von ihnen, keine Fernsehnachrichten, in denen sie uns nicht – unmittelbar oder als Hintergrundbedingung – begegnen. „Leugnen zwecklos“ könnte man sagen – auch wenn gerade dieses Verleugnen ein durchaus nicht selten verwendetes „Gegenmittel“ zu sein scheint.
Tatsache aber ist, dass – neben und zusätzlich zu den persönlichen Krisen der eigenen Biografie – die genannten „großen“, gesamtgesellschaftlichen Krisen (und um die soll es hier gehen) nun mal da sind. Und zwar auf sehr nachdrückliche, „anhängliche“ Weise. Sie werden nicht von heute auf morgen wieder verschwinden. Und erst recht nicht von alleine.
Wir werden mit ihnen leben müssen. Ob wir wollen oder nicht. Und wenn wir dies schon tun, dann sollten wir es möglichst richtig, möglichst gut, möglichst gekonnt tun. Im besten Fall erlernen wir die „Kunst der Krise“…
Kunstgriff 1: Hinschauen
Es ist beileibe keine Überraschung: Auch beim Thema Krise beginnt – und eventuell steht und fällt – alles mit dem Akt der Wahrnehmung. So sehr und so unausweichlich drohendes Unheil auch im Alltagsdiskurs, in Nachrichten und Medien präsent sein mag – es wird schon nicht so schlimm kommen, es wird mich nicht betreffen, es ist vielleicht eh alles nur mediales Getöse. Und im Zweifelsfall ist es sogar in verschwörerischer Absicht erdacht und erlogen. Verleugnung wäre die übliche Bezeichnung für diese Art der mentalen Reaktion. Oder auch weniger dezidiert und zielgerichtet: Beschwichtigung, Besänftigung, (Selbst-)Beruhigung.
Es anders zu machen, also ungeschönt und ungeschützt sich das Krisengeschehen vor Augen zu führen, ist jedoch durchaus keine einfache Herausforderung: Wieviel Gefahrenbewusstsein können wir aushalten, wieviel Bedrohung bewältigen und trotzdem unser „seelisches Gleichgewicht“ bewahren? Der hierfür wichtige „innere stabile Sockel“ ist sicherlich individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Und ihn zu verlassen, ist tunlichst zu vermeiden – Panik hilft nirgends und niemandem. Aber letztendlich führt kein Weg drum herum: Man sollte, man muss sich langsam herantasten an die Realität, denn schließlich wollen – und müssen – wir ja mit ihr umgehen und sie formen.
Gerade wenn es um eine Krise geht, ist genaues Betrachten ausschlaggebend, am besten von allen Seiten. Und es ist dies die Voraussetzung für…
Kunstgriff 2: Sich anfreunden
Deutlich und klar wahrgenommen steht sie dann also da, die Krise. Und um ehrlich zu sein: In den meisten Fällen bietet sie keinen allzu erfreulichen Anblick. Meist schwankt er eher zwischen greller Fratze und graulangweiliger Mühsalsmiene. Aber nichtsdestotrotz, vielleicht sollte man ja einmal „hinter die Kulissen“ schauen – oder einfach erstmal in Offenheit und Unvoreingenommenheit Kontakt aufnehmen. Es geht also um das Kennenlernen, um das Aufschließen der Wesenheit der Krise als Gegenüber, um das Entdecken von Facetten und Details.
Bei diesem genauen Hinschauen werden einem Strukturen und innere Zusammenhänge dieser Facetten häufig fast von alleine begegnen. Man beginnt zu analysieren. Und je mehr man entdeckt, desto klarer und vertrauter wird das Bild. Zudem bietet sich somit die Möglichkeit „hineinzuzoomen“, nicht mehr nur die Krise als Gesamtes im Blick zu haben, sondern Einzelaspekte in den Fokus nehmen zu können. Und diese Einzelaspekte erscheinen dann vielleicht durchaus handhabbar und als Problem lösbar. Das macht Mut.
Aus solcher Vertrautheit mit der Sache erwächst dann häufig…
Kunstgriff 3: Sich inspirieren lassen
Ab hier könnte es spannend werden… Man sieht die Problemlage also vor sich, im besten Falle nicht mehr als dunkles, bedrohliches großes Ganzes, sondern schillernd und detailreich, und schaut auf… – lauter Schwierigkeiten. Auf den ersten Blick. Was sich nun aber ergeben könnte, wäre ein Wachwerden eines gewissen Initiativimpulses. Oder einfacher gesagt, aus lauter Schwierigkeiten könnten viele interessante Herausforderungen werden.
Wobei ein solches „Umklappen“ der Sichtweise nicht erzwingbar ist, nicht jede oder jeder ist dazu (gleich gut) veranlagt. Zudem mag es auch eine Sache der Übung sein. Aber – niemand sollte sich gezwungen sehen. Man kann auch abwarten, es (erstmal) den Anderen überlassen, denn…
Kunstgriff 4: Gemeinsam geht es besser
Wenn man nun vor lauter Lust, sich seinen Lieblings-Krisen-Teilaspekt mal so richtig vorzuknöpfen, nicht mehr weiß, wohin mit der Energie, dann (spätestens) könnte es an der Zeit sein, auch mal gesellig zu werden. Denn es gibt mit Gewissheit noch eine ganze Menge anderer Leute, die genau auf dieselbe Problemstellung hin orientiert sind. Und die genauso gerne loslegen wollen, jede mit ihrer speziellen Kompetenz, Begabung und Energienote. Es bietet sich also die großartige Chance, das zu tun, was Menschen in aller Regel als besonders beglückend und bereichernd wahrnehmen: gemeinsam in konstruktiver Weise an einem positiven Ziel zu arbeiten.
Gut, man muss sich suchen, finden, kennenlernen – das Internet macht’s heutzutage zum Glück leicht. Und man muss eine tragfähige, gut funktionierende Kommunikationsform untereinander vereinbaren, einüben und pflegen – sicherlich schon schwieriger, aber zumindest kann man hier auf ein Repertoire an erprobten Methoden zurückgreifen. Oder auf die altbewährten Ratschläge von Oma. Dass es zwischen Menschen dann und wann mal „menschelt“, ist am besten gleich mit einzukalkulieren; dann fällt man bei ersten Krisen in der Krise nicht gleich aus allen Wolken. Nicht unwahrscheinlich andererseits, dass sich hier auch Freundschaften entwickeln können, gemeinsames Problembewältigen – oder zumindest - bearbeiten – schweißt nun mal zusammen.
Krisenbewältigung ist mitunter ein dick zu bohrendes Brett. Und ebenso wie es im Zusammenwirken hier und da mal kriseln mag, drängt sich vielleicht auch von der Sache her manchmal unterwegs der Eindruck auf: „Wir erreichen doch gar nichts. Das Problem ist so groß und so dringend, und es tut sich so wenig.“ Da könnte dann helfen…
Kunstgriff 5: In Teilschritten denken
„Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden.“ Was zunächst einmal phrasenhaft daherkommt, enthält aber wohl in der Tat altbewährte Wahrheit. Krise ist halt Krise, weil es sich nicht um eine Kleinigkeit handelt, sondern um einen richtig großen Berg von Problemen. Und wie bei jeder Bergwanderung ist es ratsam, zwischendrin innezuhalten, durchzuschnaufen und sich umzuschauen. Und nicht zuletzt sich zu freuen an dem bereits Geschafften.
Eine Aufgliederung der Gesamtaufgabe in klar definierte Etappenziele dürfte hierbei hilfreich sein und bietet zudem die Möglichkeit, Zwischenbetrachtungen stattfinden zu lassen, sich immer wieder neu zu orientieren und gegebenenfalls Pläne und Strategien neu zu justieren. Wichtig hierfür wiederum ist…
Kunstgriff 6: Geschmeidig bleiben
So wichtig es bei der Bewältigung einer Krisensituation ist, das Ziel fest im Auge zu behalten, so wenig hilfreich ist es andererseits, auf dem Weg dorthin übergroße Starrheit walten zu lassen. Natürlich braucht es einen Plan; aber ebenso natürlich verändern sich Rahmenbedingungen – mitunter durch eigenes Einwirken, eigene Erfolge. Es gibt neue Erkenntnisse, neue Methoden, neue Mitwirkende etc. Einen einmal aufgestellten Plan – am besten regelmäßig – zu hinterfragen, mag deshalb von außen her ein wenig wie Wankelmütigkeit anmuten. Es nicht zu tun, würde aber die Chance nehmen, sich immer wieder frisch auf aktuelle Gegebenheiten einzustellen. Im Zentrum sollte also nicht die Angst vor Gesichtsverlust stehen, sondern die Handlungsklugheit. Und vor allem…
Kunstgriff 7: Pragmatismus vor Ideologie
Alles, insbesondere die Kommunikation untereinander, wird einfacher, wenn es um die Sache geht und nicht um Ideologien, seien sie politischer, weltanschaulicher oder religiöser Art. Das soll nicht heißen, dass Grundsatzfragen völlig ausgeklammert werden müssen oder irrelevant sind, aber die Gefahr, sich in ihnen zu verlieren oder gar zu entzweien, ist groß. Erstmal von der Sache her zu denken, ist schlicht in aller Regel effizienter. Und Effizienz – ebenso wie Zusammenhalt – ist bei dem Bemühen, eine Krise zu bewältigen, durchaus nicht unwesentlich.
Kunstgriff x: Der Kunst ist kein Ende
Ebenso wie mit hoher Wahrscheinlichkeit der Krisen keines sein wird. Jede und jeder wird eigene Kunstgriffe entdecken im Verlauf der Auseinandersetzung mit Krisen, im Persönlichen wie auch im Allgemeinen, Gesamtgesellschaftlichen. Günstig dabei stets: Erfahrungsaustausch, Offenheit für Neues, Lernen von Anderen.
Andererseits ist die Situation natürlich mitunter viel schwieriger, die Problemlage viel überwältigender, als dass solch ein munter daherformuliertes „Anti-Krisen-Backrezept“ angemessen oder nutzbar erscheint. Aber vielleicht nimmt sich auch Manches auf den ersten Blick überwältigend und unlösbar aus, was dann, wenn man es nach Auflösung des Anfangserschreckens aktiv und offensiv aufgreift, allmählich handhabbar wird.
Und so und so anders verhalten sich die Dinge, wenn es sich, im Unterschied zu den hier angestellten allgemeinen bzw. abstrakten Überlegungen, um ganz persönliche Krisen von z. B. Krankheit und Tod handelt, die ja an anderen Stellen in diesem Buch auf eindrückliche Weise geschildert werden und bei denen in viel schwerwiegenderer Weise Faktoren des inneren Erlebens in den Vordergrund treten.
Was beiden Bereichen – leider – häufig gemein ist, ist eine Tatsache, die man ehrlichweise nicht außen vor lassen sollte: Nicht jede Krise ist auflösbar, und es geht nicht immer gut aus. Aber wo immer wir die Chance haben, uns aus der Erstarrung, dem schicksalhaften Durchlebenmüssen zu lösen und einen aktiven Zugriff auf die Sache zu finden, da kann sie vielleicht Platz finden und kultiviert werden, die Kunst der Krise.
euch umarmen
noch nicht
chorsingen
noch nicht
fahren wohin ich will
noch nicht
ins Konzert
noch nicht
endlich wieder auf die bühne
noch nicht
echtes Publikum
noch nicht
schwimmen in der Halle
noch nicht
ich zu dir
noch nicht
er hatte es schon ich
noch nicht
ich weiß
noch nicht
wir alle wissen alles
noch nicht
sag mal ganz oft
noch nicht
noch nicht noch nicht noch nicht
nochnichtnochnichtnochnicht
zwanzigzwanzig ist nämlich
das Nochnichtjahr
und es ist
noch nicht
zu
ende
gundula buitkamp-nagel
Gundula Buitkamp
Künstler:innen in der Coronakrise
Warm, satt und sauber – das sind die Basics, die erfüllt sein müssen, damit ein Mensch als irgendwie versorgt gilt. Dass es Bedürfnisse gibt, die darüber hinausgehen, ist den meisten von uns seit März 2020 schmerzlich bewusst geworden: Soziale Kontakte, Restaurant- und Kneipenbesuche, gemeinsames Musizieren in Chören und Orchestern, Gottesdienste, Schule und Bildung – all das und noch viel mehr wurde ausgebremst. Zunächst noch humorvoll, dann zunehmend übellaunig und traurig arrangiert man sich seitdem mehr schlecht als recht damit, nicht ins Kino, Theater oder Konzert gehen zu dürfen. Weiße Litfaßsäulen leuchten am Wegesrand, denn es gibt nichts anzukündigen. An der Lübecker Musik- und Kongresshalle sind überdimensional große Porträtaufnahmen der einzelnen Musiker:innen aus dem Städtischen Orchester angebracht. So wird darauf aufmerksam gemacht, dass es sie noch gibt, jede und jeden einzeln statt im Gruppenverband, der ihre Identität bedeutet und ihre Existenz sichert. Diese Bilder zu sehen, schmerzt mich jedes Mal, wenn ich dort vorbeigehe, und die Sehnsucht, dieses Orchester wiedervereint musizierend zu erleben, im Publikum sitzen und den zauberhaften Klängen live lauschen zu dürfen – „in Präsenz“, wie man heute sagt – überflutet mich mit einer Macht, die ich so kaum kannte.
Wie aber ergeht es Menschen, die beruflich kunst- und kulturschaffend sind und das selbstständig, also ohne festes Gehalt? Menschen, die mit ihrem künstlerischen Ausdruck auf die Bühne wollen, ja müssen, den Kontakt zum Publikum gewohnt sind und sich davon zu Neuem inspirieren lassen; Menschen, die nicht nur finanziell, sondern mit Leib und Seele Kunst schaffen und auf die Darstellung, Realisierung, Ausführung und die vielfältigen Reaktionen kulturhungriger Rezipient:innen angewiesen sind? „Jetzt hast du doch mal richtig Zeit für deine Kunst“, hören sie die eine oder andere ermunternde Stimme. „Schreib doch den Roman, von dem du immer gesprochen hast! Male! Tanze! Nimm ein Album auf!“ Aber lässt sich so etwas übers Knie brechen, nur weil auf einmal viel Zeit da ist? Lassen sich Kunst und Kreativität herbeirufen wie gute Geister, wenn eine Pandemie für allgemeine Kulturlähmung sorgt, der menschliche Austausch und das Einkommen wegfallen? Wofür soll ein Geiger in solchen Zeiten schwere Stellen üben – für das Konzert in fünf Jahren? Andere Berufsgruppen werden plötzlich in die Kategorie „systemrelevant“ geordnet und erhalten Applaus, der zugegebenermaßen nichts an den teilweise inakzeptablen Bedingungen ihrer Branchen ändert, aber immerhin verdeutlicht, dass sie gesehen, wertgeschätzt und respektiert werden.
Wie aber fühlt es sich an, als Künstler:in implizit als nicht systemrelevant zu gelten? Ist denn Kunst nicht wichtig?
Dass dies ein Missverständnis ist, wurde im Lauf der Monate immer deutlicher, und es entwickelten sich zahlreiche teilweise sehr erfolgreiche Bemühungen, kunstschaffenden Menschen die Ausübung ihres Berufs corona-konform zu ermöglichen. Genannt sei beispielhaft die von der Arbeitsgemeinschaft Kulturtreibhaus und der Lübecker Possehl-Stiftung initiierte Aktion KulturFunke, die seit Juni 2020 hunderten Kulturschaffenden dazu verhilft, „mit einer Förderung bis zu 6000 Euro ihr kreatives Projekt in Lübeck zu verwirklichen“ (www.kulturfunke.de, abgerufen am 18.4.2021). So wird einem jungen Pianisten die Zusammenarbeit mit einem Tonmeister ermöglicht. Ein Steinway-Konzertflügel steht plötzlich in der Evangelisch-Reformierten Kirche, die für ihre gute Akustik bekannt ist. Hier erfüllt sich der Pianist den Traum, unter bestmöglichen Voraussetzungen Tonaufnahmen zu machen. Zuhörende in überschaubarer Menge dürfen, vereinzelt in den Kirchenbänken sitzend, wunderbaren Livekonzerten beiwohnen. An einem lauen Sommerabend steht der Flügel plötzlich im Botanischen Garten. Der Pianist spielt und spielt. Auf der Trave wird eine Schwimmbühne errichtet, auf der Musiker:innen Konzerte geben – finanziert von der Stiftung. Musikstudent:innen bieten sogenannte 1:1-Konzerte an, das heißt sie besuchen mit ihrem Programm einzelne Menschen zu Hause und stellen eine vorher selten erlebte Kontakt-Intensität her. Eine weitere neue Form der Begegnung zwischen Künstler:in und Publikum stellt eine Lesung im Schaufenster einer Buchhandlung dar: Drinnen wird über Headset gesprochen, draußen auf dem Bürgersteig lauschen die Menschen gebannt über Kopfhörer. Mich selbst erfreut das Weihnachts-Livekonzert meiner schwedischen Lieblingssängerin direkt aus ihrem eigenen Wohnzimmer. Mein Ticket habe ich online bezahlt, nach Stockholm muss ich mich nicht auf den Weg machen. Auch das gab es vor Corona nicht. Da habe ich nur wehmütig ihren Tourneeplan studiert.
Aber da sind auch der Berufszauberer, der zum Zeitvertreib ein unbezahltes Praktikum in einer Gärtnerei macht, und der Startenor, der im Getränkemarkt jobbt, um sich über Wasser zu halten. Wen stimmt das nicht nachdenklich?
Wie erlebt ein:e Künstler:in die Coronakrise?
Dazu habe ich HannaH Rau, die Gründerin der Lübecker WortWerft, und Ulli Haussmann, Schauspieler und Leiter des Lübecker Privattheaters Combinale, befragt.
HannaH Rau ist Wortwerkerin und Bühnenpoetin, tourt seit 2004 mit abendfüllenden Text-, Poetry- und Songprogrammen durch Deutschland und hat das Slamrecording erfunden, mit dem sie auf Tagungen und Kongressen den kreativen Schluss- und Höhepunkt gestaltet. Zudem ist sie Dozentin für kreatives Schreiben, oft in Verbindung mit Theaterspiel. Bühnenpräsenz gehört zu ihrem Berufsleben (https://www.luebecker-wortwerft.de/ , abgerufen am 18.4.2021). Ihre aktuelle Tätigkeit sowie den Begriff „Wortwerkerin“ beschreibt sie:
Wie jetzt? und was heißt eigentlich Wortwerkerin?
Als „Wortwerkerin“ arbeite ich ja, im Gegensatz zur „Schrift-Stellerin“ mit den Worten zwischen mir und dem Publikum oder den Schreibenden (z.B. in meinen Schreibgruppen). Und irgendwie stelle ich nun inzwischen mehr Schrift hin, ohne zu wissen, wie sie bei den Lesenden ankommt. Wie heißt es so schön: „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“ Und manchmal wundert man sich, wo man dann ankommt.
HannaH Rau
HannaH berichtet mir im Jahr 2020, als sich gerade abzeichnet, dass Corona kein übler März-April-Scherz ist, sondern kein Ende erkennen lässt, von einem erkenntnisreichen persönlichen Erlebnis.
Schon seit ein paar Jahren laufen meine Freundin Sonnie und ich regelmäßig mittags um die Altstadtinsel. Wir sind beide „Schreibtischtäterinnen“ und können immer eine Pause an der frischen Luft gebrauchen. Dann kam die Pandemie. Nichts lief mehr. Aber wir liefen weiter. Und: Ich bekam "über Nacht" Schmerzen im linken Fuß. Ganz fiese Schmerzen. Ein Fersensporn.
Bei einem unserer Treffen humpelte ich also schneckenlangsam auf meine Freundin zu, die schon wartete. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rief ich: „Boh! Ich kann nicht auftreten!“
Und Sonnie antwortete nach einer kurzen Pause: „Ja, HannaH. Du kannst nicht auftreten.“
Und da wurde mir lachend klar: Vielleicht ist der Bühnenteil meiner Arbeit meinem Körper doch wichtiger als es mein schlauer Kopf vermutet hat. Und ja, dieser Teil fehlte besonders.
Übrigens ging (!) der Fersensporn erst weg, als ich wieder auftreten konnte. Logisch, oder?
HannaH Rau
Ulli Haussmann ist am Theater Combinale, das er in den 90er Jahren mitbegründet hat, als Schauspieler und Autor sowie in der Theater- und Projektleitung tätig. Eine Vielzahl seiner Theaterstücke und Romanbearbeitungen sind im Combinale uraufgeführt worden. Seit drei Jahrzehnten ist er regelmäßig auf der Combinale-Bühne zu sehen, aber auch an außergewöhnlichen Spielorten im Freien.
(https://www.bewegte-ferien.net/%C3%BCber-uns/, abgerufen am 13.5.2021)
Angesichts der geltenden Corona-Auflagen bevorzuge ich es, schriftlichmit beiden in Kontakt zu gehen. Meine Frage leitet sich aus HannaHs Fersengeschichte ab und lautet: „Ich kann nicht auftreten!“ Was fällt dir zu diesem Satz ein?
Beide reagieren mit frei formulierten poetischen Texten.
Als erstes lasse ich HannaH Rau sprechen. Ihre Schilderung des Krisenerlebens hat sie bereits vor einem Jahr verfasst. Sie stammt mitten aus dem ersten Lockdown im Jahr 2020, also aus der Zeit, in der HannaH „gar nicht auftreten“ kann und sich keinerlei Perspektive abzeichnet. Im Gegenteil, es tun sich Abgründe auf, sowohl finanziell als auch die Selbstdefinition betreffend: Die künstlerische Arbeit ist plötzlich verboten, Einnahmen bleiben aus, geklatscht wird für andere, während es um Schauspieler:innen, Musiker:innen und auch um HannaH still wird. Da schreibt sie:
HannaH Rau (2020)
Corona-Tagebuch ohne Tage und ohne Buch
Du wirst diese Tage doch sicher gut nutzen
Wie gut, dass du aktiv bist
Wenn doch nur alle es besser wissen als ich selbst, was jetzt gerade wichtig ist und was wir Künstler doch alles tun sollen oder können oder nicht.
Da bekomme ich gestern diese Aufforderung, ein Gedicht in eine Mail zu schreiben, einen Mail-Kettenbrief: Kommt, lasst uns sammeln! Gedichte, die Mut machen, Gedichte, die uns gut tun. Und ich frage mich, welches Gedicht dies tun kann. Welches soll es tun?
Und es ist so wie die meiste Zeit der letzten Wochen. Ich sitze und grüble und kann nichts tun. Ich habe kein Gedicht. Ich habe keine Worte. Ich beginne zu schreiben und ich frage mich, wozu und was das soll und ob irgendwer diese Worte gebrauchen kann, lesen will und was bedeuten sie jetzt? Und wohin gehen wir, wenn die Krise uns packt, was kann helfen, wenn da keine Berührung sein kann? Dann soll die Berührung über die Kunst stattfinden. Aber kann das die Kunst?
