Krisenfest - Das Resilienzbuch für Familien - Romy Winter - E-Book

Krisenfest - Das Resilienzbuch für Familien E-Book

Romy Winter

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14,99 €

Beschreibung

Starke Eltern. Starke Kinder. Starke Familien.

Als Familie in eine Krise zu schlittern, ist keine Kunst – sei es durch außergewöhnliche Herausforderungen oder unvorhersehbare Schicksalsschläge. Doch wer sich als selbstwirksam erlebt und nicht so schnell den Optimismus und Humor verliert, ist widerstandsfähiger und kann Probleme besser bewältigen. Die gute Nachricht ist: Diese Eigenschaften lassen sich trainieren, nicht nur als einzelne Person, sondern als gesamte Familie! Die Familientherapeutin und Resilienztrainerin Romy Winter gibt Familien viele praktische Werkzeuge an die Hand, um die Beziehungen untereinander zu stärken und den Alltag zu entschleunigen sowie bewusst zu gestalten. So entsteht eine liebevolle Atmosphäre, die vor Krisen schützt und gleichzeitig die Voraussetzungen dafür schafft, gut durch anspruchsvolle Phasen zu kommen.

»Es gibt zahllose Eltern-Ratgeber, aber dieser besticht durch seine Ehrlichkeit. Ich habe mich von dem Buch sehr verstanden gefühlt – und allein das tut gut.«
Kathrin Werner, Redaktionsleiterin Plan W / Süddeutsche Zeitung

»Romys Worte sind wie die einer klugen und erfahrenen Freundin. Fundiert, durchdacht, mit ganz viel Wärme, ohne Verurteilung und Dogmatismus. Die vielen Beispiele und kleinen Anekdoten haben mich mitgenommen und mir das Gefühl gegeben, dass wir alles schaffen können.«
Anna Brachetti, Neurowissenschaftlerin, Autorin, Elternbloggerin

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 405

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Das Buch

Starke Eltern, starke Kinder – starke Familien

Als Familie in eine Krise zu schlittern, ist keine Kunst – seien es außergewöhnliche Herausforderungen oder unvorhersehbare Schicksalsschläge. Doch wer sich als selbstwirksam erlebt und nicht so schnell den Optimismus und Humor verliert, ist widerstandsfähiger und kann Probleme besser bewältigen. Die gute Nachricht ist: Diese Eigenschaften lassen sich trainieren, nicht nur als einzelne Person, sondern als gesamte Familie!

Die Familientherapeutin und Resilienztrainerin Romy Winter gibt Familien viele praktische Werkzeuge an die Hand, um die Beziehung zu sich selbst und untereinander zu stärken und den Alltag zu entschleunigen und bewusst zu gestalten. So entsteht eine liebevolle Atmosphäre, die vor Krisen schützt und gleichzeitig die Voraussetzungen dafür schafft, gut durch anspruchsvolle Situationen zu kommen.

Die Autorin

Romy Winter ist psychologische Beraterin, Familientherapeutin und Gründerin des Familienz® Konzeptes. Sie ist auf Themen rund um Elternschaft, Persönlichkeitsentwicklung und Resilienz spezialisiert und arbeitet mit Einzelpersonen, Kindern, Paaren, Familien und Teams. Darüber hinaus ist sie als Dozentin und Autorin tätig. Romy Winter lebt mit ihrem Mann und den drei gemeinsamen Kindern an der Ostsee.

www.familienz.de

Romy Winter

Krisenfest – Das Resilienzbuch für Familien

Was Eltern und Kinder fürs Leben stark macht

Auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse

Kösel

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Copyright © 2021 Kösel-Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Melanie Hartmann

Umschlag: Weiss Werkstatt, München

Umschlagmotiv: Anne Richard

Innenteilillustrationen: Jutta Wetzel

Grafiken S.128, 191, 246, 272: unter Verwendung von Bildmaterial von Hanna/stock.adobe.com

Printed in Germany

ISBN978-3-641-27611-9V001

www.koesel.de

Inhalt

Vorwort

Wilde Zeiten•»Resi-was?« Der Begriff der ResilienzFamilienz®: Was Familien resilient macht•Die drei Teile des Buches

Teil 1 – Resilienzfaktoren: Einer für alle, alle für einen. Imp

Akzeptanz für Große•Akzeptanz macht Energie frei•Die Kunst des Loslassens•So ist es – Gefühle akzeptieren lernen•Ich bin gut, wie ich bin

Akzeptanz für Kleine•Ich liebe dich, so wie du bist•Ich kann dich nicht vor allem beschützen•Akzeptanz bei Kindern aktiv fördern

Optimismus für Große•Gefühle folgen Gedanken

Optimismus für Kleine•Du kannst das!

Selbstwirksamkeit für Große•Ich kann mich selbst regulieren•Keine Regulation ohne Regeneration

Selbstwirksamkeit für Kleine

Verantwortung für Große•Eigene Anteile und Möglichkeiten erkennen•Von Schuld zu Verantwortung•Glaubenssätze und Grenzen

Verantwortung für Kleine•Nein aus Liebe•Verantwortung abgeben und fördern

Soziale Kompetenz für Große•Geben und Nehmen•Emphatisch und emotional intelligent

Soziale Kompetenz für Kleine•Selbst- und Fremdwahrnehmung fördern•Ich lebe, was ich kenne

Lösungsorientierung für Große•Ene, mene, meck? •Voll kreativ

Lösungsorientierung für Kleine•Am Anfang der Lösung stehen wir

Zukunft & Vision für Große•Das Morgen gestalten•Visionen und Lebensträume•Tschakka Alpaka

Zukunft & Vision für Kleine•Der Zauber der Kindheit

Teil 2 – Familienz-Faktoren: Stark. Stärker. Wir. Imp

Bindung und Resilienz•Was wir über Bindung wissen sollten•Gut begonnen ist halb gewonnen

Resilient Parenting•Positive Haltung•Achtsame Kommunikation•Allgemeine Bedürfnisorientierung•Führungsrolle der Eltern

Unsere Beziehungsqualitäten•Eltern-Kind-Beziehungen•Geschwisterbeziehungen•Die Rolle der Großeltern•Familienwerte finden und leben•Werte statt Regeln?•Das Familienmanifest•Sieben Schritte zum Familienmanifest

Die Kraft der Rituale•Rituale als verbindendes Element•Rituale in Schwellen- und Krisenzeiten•Inspiration für Rituale

Teil 3 – Wie wollen wir leben?Impulse für eine bewusste Lebensgestaltung

Slow Parenting•Im Wandel der Zeit•Die Kunst des Slow•Die Bürde der Digital Natives•Slow-Down-Praxistipps

Resilient by nature•Mensch und Natur: Wir sind Erde•Wie ihr euch die Natur zurückholt

Nicht schon wieder achtsam?!•Auf Buddhas Spuren•Was bewirkt Achtsamkeit?•Meditation macht krisenfest•Auf die Plätze, fertig: Om

Hallo Krise•Von der Krise zur Gelegenheit

Was würde die Liebe tun?•Von der Liebe leiten lassen

Literatur

Für Alma, Klara, Lenni und Hannes.

Ihr habt mir mehr über Familie beigebracht, als es die Wissenschaft je könnte.

Vorwort

»Oh Baby, it’s a wild world« stand auf einem Body, den wir kurz vor der Geburt unseres ersten Kindes 2009 geschenkt bekamen. Ich schmunzelte darüber, nickte und legte den Body sorgsam und gleichzeitig sorglos in die kleine Schublade mit den Babysachen zurück. Wie wild es wirklich werden kann, davon hatte ich zu diesem Zeitpunkt – mit Mitte zwanzig – allerhöchstens den Hauch einer Ahnung. Einerseits war es natürlich gut, unvoreingenommen und optimistisch ins Mutterwerden und Muttersein zu starten, andererseits hätte ich um einige Probleme und mögliche Lösungsansätze beim Thema Elternschaft gerne früher gewusst.

Wie kann ich mich selbst stärken und für das Elternabenteuer wappnen?Was brauchen meine Kinder wirklich von mir?Was macht unsere Familie stabil? Und wo bleiben wir als Paar dabei?

Also habe ich dieses Buch geschrieben, ein Buch, welches ich am Anfang meiner Mutterschaftsreise gerne selbst gelesen hätte, für das es aber nie zu spät ist. Herausgekommen ist eine Orientierungshilfe für Mamas und Papas – aber auch für Großeltern, Pädagogen1 und andere Menschen, denen das Wohl und die Resilienz von Familien am Herzen liegt. Es ist ein Buch über Einstellungen, Fähigkeiten, Kompetenzen und Werte, die wir entwickeln können und die uns – auch in schwierigen Zeiten – gut durchs Familienleben tragen.

Denn einerseits leben wir in einer Zeit, in der uns das Theoriewissen nahezu überall und jederzeit zufliegt, andererseits fehlt uns das Praxiswissen, welches in früheren Gemeinschaften ganz natürlich an die nächste Generation weitergegeben wurde. Das liegt zum einen daran, dass sich die Wohn- und Lebensmodelle in den letzten Jahrzehnten stark verändert haben, aber auch daran, dass die Vorstellungen von Erziehung und Entwicklung und die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu heute andere sind. Den einen richtigen Weg gibt es nicht mehr und die Unsicherheit junger Eltern scheint proportional zur Menge der Ratgeber zuzunehmen. Doch Fakt ist auch, dass Mütter und Väter seit jeher unsicher waren und Respekt vor der großen Aufgabe und Verantwortung der Elternschaft hatten. Denn niemand weiß wirklich, wie es geht, bis er es selbst tut. Und selbst dann ist es ein lebenslanges, sogar generationsübergreifendes Lernen.

Ich wünsche mir, dass dieses Buch deinen Lernprozess unterstützt und dich dazu inspiriert, Familie bewusst zu erleben und zu gestalten. Gleichermaßen soll es Raum schaffen für deine eigene Weisheit und dir Mut machen, diese zu leben. Es geht nicht darum, alle Ansätze und Ideen auf den folgenden Seiten perfekt umzusetzen. Es gibt so unglaublich viele Ratgeber, dass es unmöglich ist, alles aufzugreifen, was man darin liest. Nicht nur wegen der starken Ambivalenz der einzelnen Fachbücher oder deswegen, weil das Allerallerschwerste an neuem Wissen immer der Transfer in den Alltag ist. (Das sagt einem nur niemand. Der Aha-Effekt allein macht’s nicht.) Nein, das eigentliche Problem besteht darin, dass jeglicher Raum für Intuition und gelebte Authentizität verloren geht, wenn wir Ratgeber und Methoden wie strenge Rezepte behandeln.

Was macht Kinder, Eltern und Familien fürs Leben stark und krisenfest? Diese Frage spannt den Rahmen um dieses Buch und um das Familienleben – aber ausfüllen wird ihn jede Familie selbst und anders.

Einiges wird neu für dich sein, anderes nicht. Einiges wirst du sofort umsetzen wollen, anderes nicht. Betrachte dieses Buch wie eine bunte Blumenwiese, über die du gehst. Du entscheidest, welche Blumen dir gefallen, an welchen du nur schnuppern und welche du pflücken oder lieber stehen lassen willst. Manchmal haben ausgerechnet die schönsten und wertvollsten Blumen Dornen. Denn vielleicht passt manches, was ich schreibe, nicht zu deinen Werten oder Erfahrungen – dann verbieg dich nicht. Aber lass diese Blumen auch nicht nur deswegen stehen, weil es bequemer oder einfacher ist.

Genauso wenig musst du dich überfordern oder überladen. Du kannst jederzeit zurückkommen und frische Blumen holen – und je nach Wetter und Stimmung gefallen dir vielleicht jedes Mal andere. Take your time.

Ich habe dieses Buch in der Hoffnung geschrieben, dass … Okay, die Wahrheit ist: Ich habe dieses Buch nicht in Hoffnung, sondern im Homeoffice geschrieben. Größtenteils während des Corona-Lockdowns. Umgeben von drei Kindern, fünf Hühnern, einer Katze und einem halben Ehemann. An einigen Tagen trug ich sogar die Jogginghose meines 12-jährigen Sohnes. Das war die Zeit, in der mir noch klarer wurde, was jungen Familien – einschließlich meiner eigenen – in wilden Zeiten fehlt: ein Krisenkompass.

Auf geht’s, finden wir heraus, was Eltern und Kinder fürs Leben stark macht!

Wilde Zeiten

Als Mensch und als Familie in unruhige Gefilde, problematische Zeiten oder eben auch eine waschechte Krise zu schlittern, ist keine Kunst. Das war es wohl noch nie, und daher wäre es ziemlich ignorant bis vermessen zu behaupten, dass früher alles leichter und das Familienleben einfacher war. Und doch denke ich, dass die Herausforderungen, die das Leben heute an uns stellt, besonders komplex sind. Nun könnte man mir unterstellen, dass ich durch meine berufliche Ausrichtung nur mit eben diesen belasteten Familien zu tun habe und daher eine Problembrille trage. Allerdings habe ich daneben auch ein Privatleben, Freunde und Familie, einen Instagram-Account sowie ein wachsames (und ein mamamüdes) Auge. Auch wenn in diesen Argumenten durchaus eine Portion Humor steckt, möchte ich behaupten, dass es sich eben nicht um Einzelschicksale handelt, wenn ich sage: Familien sind heute stark gefordert. Es ist sogar zu vermuten, dass es wesentlich mehr Menschen und Familien mit Unterstützungsbedarf gibt als jene, die sich tatsächlich Unterstützung holen (können) und von deren Geschichten ich so viel lernen durfte.

Wir leben in einer Zeit, in der Eltern und auch Kinder schon im »normalen« Alltag stark überlastet sind. Die Welt ist wild und dreht sich – zumindest gefühlt heute viel schneller als noch zu Zeiten unserer Eltern. Und obwohl sie sich dank all der Errungenschaften und Möglichkeiten einerseits so unendlich groß und grenzenlos anfühlt, sind die Gemeinschaften, die all die Anforderungen einer so modernen und beschleunigten Welt zu bewältigen haben, kleiner denn je. Folglich lastet ziemlich viel emotionaler und organisatorischer Druck auf den Kleinfamilien, die jeden Tag Großes – oder sagen wir besser: Großartiges – leisten. Sie müssen täglich der Doppelbelastung von Familie und Beruf sowie den hohen inneren und äußeren Ansprüchen, Erwartungen und Optionen gerecht werden. Die ständige Erreichbarkeit, Schnelllebigkeit und Konsumorientierung tun ihr Übriges. Höher. Schneller. Weiter.

Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass ausgebrannte Mütter und überarbeitete Väter anfälliger für Krisen sind, weil die Energiereserven, aus denen wir in solchen Phasen zehren könnten, mitunter bereits im Normalzustand am Limit sind. Es ist ein bisschen so, als würde die Benzin-Reservelampe leuchten, noch bevor wir von der Ostsee in die Alpen gestartet sind. Bei diesem Vergleich ist das bestenfalls nur ein mäßiges Problem, denn man könnte ja jederzeit tanken, vorausgesetzt, man findet rechtzeitig eine Tankstelle auf den unbekannten Straßen. Wir könnten die Lage aber auch mit einem Sportler vergleichen, der plötzlich einen Marathon laufen möchte oder auch muss (Krise), obwohl er gerade einen neuen Rekord im Walken aufstellen wollte oder auch sollte (Alltagschaos). Er ist also bereits lange »on the road«. Den Marathon schafft er nun vermutlich trotz der warm gelaufenen Muskeln und seiner guten körperlichen Verfassung nicht mehr. Nicht im Guten. Denn er mag trainiert sein, aber eben auch erschöpft.

Neben dem ganzen Alltagschaos besteht also ständig ein latentes Risiko, vor außerplanmäßigen Schicksalsschlägen und Herausforderungen zu stehen, die das Leben einer Familie ordentlich auf den Kopf stellen können. Ich denke da beispielsweise an die Corona-Krise 20/21, deren Auswirkungen vor nahezu niemandem Halt gemacht haben und die Familien von heute auf morgen vor ein noch nie da gewesenes Schlamassel stellte. Ich habe in dieser Zeit viele Familien über sich hinauswachsen sehen, aber es war mitunter eine wirklich harte Zeit. Eine Zeit, in der die meisten erst lernen mussten, was in so einer neuen Situation funktioniert. Auf welche Kernkompetenzen und persönlichen Ressourcen kommt es jetzt an? Und wie können wir einen Ausgleich zu der Anspannung und der Frustration schaffen, um möglichst nicht durchzudrehen?

Fragen, deren Antworten auch in anderen Krisen- oder Ausnahmesituationen und bei familiären Problemen durchaus von Wert sind. Es lohnt sich, nach ihnen zu suchen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass eine Familie früher oder später vor einer der folgenden Risiken oder Stressauslösern steht, ist hoch bis gewiss.

Zu den Risikofaktoren zählen instabile Familienkonstellationen, die durch Trennung, Scheidung, wechselnde Partnerschaften, Wiederheirat oder Patchworkfamilien entstehen können. Auch schwierige Schwangerschaften, traumatische Geburten, Arbeitslosigkeit, Suchterkrankung eines Elternteils, finanzielle Schräglagen oder Armut, Flucht und Migration, schwere oder langwierige Krankheit eines Familienmitgliedes und die vorübergehende Überforderung durch Familienzuwachs sind solche Faktoren. Auch bestimmte Entwicklungsphasen wie die Geburt, Pubertät oder der Auszug eines Kindes, Verluste in der Familie oder im Freundeskreis, fehlende Anbindung an das soziale Umfeld durch häufige Umzüge, Schul- oder Jobwechsel, soziale Isolation oder Mobbing können eine Familie belasten. Ebenso die Folgen des Klimawandels, weltweite Pandemien sowie traumatische Erlebnisse oder die Begleiterscheinungen der Digitalisierung.

Allerdings reagieren nicht alle Menschen, Paare oder Familien gleich auf diese oder andere Risikofaktoren. Einige wachsen an solchen Krisen, andere kommen erheblich ins Wanken, und wieder andere zerbrechen daran oder verbittern. Warum ist das so?

Wenn wir diese Frage beantworten können, dann wäre es uns vielleicht möglich, uns und unsere Kinder im Ansatz auf solche Krisensituationen vorzubereiten. Denn, dass sie kommen werden, steht außer Frage.

Tatsächlich beschäftigt sich die Psychologie schon länger mit der Frage, warum sich einige Menschen trotz widriger Lebensumstände positiv entwickeln und andere nicht. Und sie fand eine Antwort: Re-si-li-enz. Vielleicht ist dir das Resilienzkonzept bereits bekannt, vielleicht denkst du aber auch gerade: »Resi-was?« So oder so lohnt sich ein Mini-Exkurs in ihre Geschichte mit einem kurzen Blick auf die Begrifflichkeit und die Wurzeln der »Resi-was«.

»Resi-was?« Der Begriff der Resilienz

Der Begriff der Resilienz leitet sich von dem lateinischen Wort resilire ab und bedeutet »abprallen« oder »zurückspringen«. Ursprünglich beschrieb das Wort Materialien und Stoffe, die die Fähigkeit hatten, nach ihrer Verformung wieder in die alte Form zurückzuspringen. Später entdeckte ihn dann auch die Psychologie für sich, um die menschliche Fähigkeit zu beschreiben, auch nach elementaren Krisen wieder in einen seelischen Normalzustand zurückfinden zu können. Definitionen gibt es gefühlt wie Sand am Meer. Viele davon beziehen sich auf die kindliche Resilienz, was wenig verwunderlich ist, da die Resilienzforschung hier ihre Ursprünge hat. Andere sind weniger differenziert beziehungsweise altersunabhängig. Da wir im Laufe des Buches sowohl deine als auch die Resilienz deiner Kinder thematisieren wollen, schauen wir uns zum besseren Verständnis einmal drei Definitionen an:

Im entwicklungspsychologischen Kontext versteht man unter Resilienz »die psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken«.2 Keine Angst, das fragt später niemand ab. Heißt also: Resiliente Kinder sind in der Lage, risikobehaftete Situationen eigenständig oder mit geringfügiger Hilfe von uns Eltern und anderen Bezugspersonen zu bewältigen und sich trotzdem positiv zu entwickeln. Und wenn sie dabei auch noch glücklich und geliebt sind, ist das doch eigentlich alles, was wir uns im Kern für unsere Kinder wünschen!

Und für uns Erwachsene? Was bedeutet Resilienz denn da? Die American Psychological Association definiert Resilienz als einen »Prozess der Anpassung im Angesicht von Widrigkeiten, Traumata und Tragödien, Bedrohungen oder anderen wesentlichen Quellen von Stress, sowie die Erholung davon«3.

Das ähnelt sich also doch sehr, weshalb eine meiner liebsten, einheitlich für Kinder und Erwachsene geltenden Beschreibungen für Resilienz von der Schweizer systemischen Beraterin und Psychotherapeutin Rosemarie Welter-Enderlin kommt: »Unter Resilienz wird die Fähigkeit verstanden, Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklung zu nutzen.«4 Und hier fällt es endlich, das Wort Ressourcen. Denn genau darum wird es in den folgenden Kapiteln gehen: An welche unserer Ressourcen dürfen wir uns und unsere Kinder erinnern? Und welche können wir bewusst aktivieren oder gezielt trainieren? Das heißt nicht, dass wir die Risiken oder Probleme leugnen. Nein! Aber, wir setzen ihnen etwas entgegen.

Die Anfänge der Resilienzforschung

Wer sich mit dem Thema Resilienz schon einmal auseinandergesetzt hat, dem sind gewiss die Kinder von Kauai, einer Hawaiianischen Insel, begegnet. Obwohl es später noch weitere große Langzeitstudien wie beispielsweise die Project Competence Longitudinal Study und die Isle-of-Wight-Studie sowie hierzulande die Mannheimer Risikokinderstudie und die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie gab, gilt die erste Studie zum Thema, die Kauai Longitudinal Study of Resilience von Emmy Werner, als die bislang größte und bekannteste Studie zum Thema Resilienz.5 Sie ist sozusagen der Popstar unter den 19 weltweiten Längsschnittstudien, auch wenn die anderen Studien natürlich ebenso wertvolle und ähnliche Erkenntnisse geliefert haben.

Nach allem, was ich über Emmy Werner und ihre Arbeit gelesen habe, ist allerdings unstrittig, dass die Entwicklungspsychologin und Forscherin wirklich eine wahre Pionierin gewesen ist. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, zu untersuchen, wie die ungleichen Startbedingungen von Kindern den späteren Verlauf ihres Lebens beeinflussen. An der Studie nahmen 698 Kinder des Geburtsjahrgangs 1955 im Alter von 0, 1, 2, 10, 18, 32 und 40 Jahren teil. 201 von ihnen wurden aufgrund psycho-sozialer und sozio-ökonomischer Faktoren als risikobehaftet eingestuft. Zu den Risiken zählten: chronische Armut, geringes Bildungsniveau der Eltern, Komplikationen bei der Geburt, psychische oder physische Erkrankung der Eltern, Alkoholmissbrauch, Trennung der Eltern und anhaltende familiäre oder gewaltsame Konflikte.

Zuerst beschäftigte sich die Studie also mit Vulnerabilität – also Schwachstellen, Verwundbarkeit und Risiko. Doch im Laufe der Jahre interessierten sich Emmy Werner und ihre Kollegin Ruth Smith immer mehr für die Frage, warum einige der Kinder trotz des höchsten Risikos gut gediehen. Denn rund ein Drittel der 201 Kinder entwickelten sich ungeachtet der widrigen Umstände zu kompetenten und selbstsicheren Erwachsenen, die ihr Leben selbstbestimmt und erfolgreich gestalteten. Sie waren im Verlauf kaum von der Gruppe der Kinder zu unterscheiden, die unter wesentlich besseren Bedingungen ins Leben starten durften. Die übrigen zwei Drittel der Risikogruppe wurden dagegen deutlich häufiger arbeitslos, kriminell oder krank, und waren beziehungsunfähiger.

Was aber wendete das Schicksal des restlichen Drittels zum Besseren? Werner und Smith fanden die Antwort darauf in verschiedenen Schutzfaktoren und Ressourcen, die sie kategorisierten in: Persönlichkeit des Kindes, Familie und soziales Umfeld. Diese Schutzfaktoren wurden im Laufe der Jahre immer weiter erforscht und differenziert. Auf dieser Grundlage sind die dir vielleicht bekannten sieben Resilienzfaktoren entstanden, auf die sich die Resilienzförderung heute immer wieder bezieht und die du auch in diesem Buch wiederfinden wirst. Ein kleiner Spoiler vorweg: Der wohl größte Schutzfaktor war die verlässliche Beziehung zu mindestens einer engen Bezugsperson.

Heldenkraft oder gewöhnliche Magie

Wenn Fachleute über Resilienz sprechen, dann nutzen sie nur allzu gerne Beispiele von prominenten Persönlichkeiten, um ein gemeinsames, lebendiges Bild und Verständnis von Resilienz zu erschaffen. Einige davon sind reale Menschen, andere entstammen der Buch- oder Filmwelt. Ich denke bei widerstandsfähigen Menschen zum Beispiel an Nelson Mandela, Malala Yousafzai, Stephen Hawking oder auch Pippi Langstrumpf.

Die überaus spannenden Biografien solch resilienter Persönlichkeiten sind beeindruckend und ermutigend, führen aber möglicherweise zu einer verzerrten Wahrnehmung. All diese Menschen scheinen ihre Stärke zumeist aus der Überwindung teils unvorstellbar schlimmer Krisen gewonnen zu haben.

Tata, wie Mandela genannt wurde, verbrachte als Bürgerrechtler und Freiheitskämpfer beispielsweise drei Jahrzehnte im Gefängnis, bevor er Südafrikas erster schwarzer Präsident und Held einer ganzen Nation wurde.

Malala war gerade mal 11 Jahre alt, als sie begann, ihre Stimme gegen die Unterdrückung von Frauen und die Gewalttaten der Taliban zu erheben. Sie wuchs in einer Welt auf, die geprägt war von Selbstmordattentaten, Angst und Trauer und brachte trotzdem den Mut auf, sich für Veränderung einzusetzen. Selbst nachdem sie im Alter von 15 Jahren angeschossen wurde, machte sie weiter. Und möglicherweise trug dieser Abschnitt ihrer Biografie den leisen Titel: Jetzt. Erst. Recht. Der Anschlag war tückisch und feige, verhalf der jungen Freiheitskämpferin und Friedensnobelpreisträgerin aber zu noch mehr Berühmtheit. Weltweit gilt sie heute als Symbolfigur für Freiheit und Bildung. Wertvolle Unterstützung erhielt sie dabei übrigens von ihrer Familie, insbesondere von ihrem Vater, der durch seine besondere Beziehung zu ihr zweifelsohne zu Malalas Resilienz beitrug. In einem TED-Talk sprach er 2018 mit sehr viele Liebe, Respekt und Stolz über seine Tochter. Für uns mag das banal und selbstverständlich erscheinen, doch für Väter aus Familien wie der von Malala – die aus einer stark patriarchalischen Umgebung kommen – ist es alles andere als selbstverständlich.

Stephen Hawking erkrankte bereits mit Anfang 20 an ALS, einer nicht heilbaren degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, saß seit 1968 im Rollstuhl und verlor 1986 seine Sprachfähigkeit. Er schien der Krankheit jedoch nie die zentrale Rolle in seinem Leben zu überlassen und wurde trotz seiner Einschränkungen einer der bekanntesten Wissenschaftler der Welt.

Weltweit bekannt ist wohl auch Astrid Lindgrens Figur Pippi Langstrumpf: Rote Zöpfe sind ihr Markenzeichen. Sie hat einen Affen und ein Pferd sowie eine Mama, die bereits zu den Engeln gegangen ist, und einen Vater, der quasi ständig auf »Geschäftsreise« ist. Damit gilt Pippi gewissermaßen als ein Paradebeispiel für das Konzept der Resilienz. Obwohl sie massiven Risiken ausgesetzt ist, gelingt es ihr, ihre Ressourcen und Kompetenzen so einzusetzen, dass sie ein sehr glückliches Kinderleben führt. Dabei helfen ihr ihr unerschütterlicher Optimismus, ihr Mut, ihre blühende Fantasie, ihr Selbstbewusstsein, ihre engen Freunde und zweifelsohne auch die Liebe und das Vertrauen ihres Vaters, selbst wenn er so selten da ist.

Müssen wir nun also erst durch die schlimmsten Krisen gehen und in die tiefsten Abgründe des Lebens blicken, um resilient zu werden? Ich sage: Nö. Auch wenn heftige Krisen bei vielen Menschen tatsächlich bewirken, dass sie über sich hinauswachsen. Denn bei resilienten Menschen scheint sich der Spruch »wer hoch fliegt, der fällt tief« umzukehren. Zumindest verliert der, der gelernt hat zu fallen und wieder aufzustehen, wohl die Angst vorm Fliegen.

Natürlich braucht es schon rein definitionsgemäß für das Vorhandensein von Krisenfestigkeit und Widerstandskraft überhaupt erst einmal Krisen und Widerstände. Doch ich setze dem ein ABER entgegen: Ich möchte daran erinnern, dass Resilienzförderung ebenso viel mit der Prävention von Krisen zu tun hat, wie mit deren Überwindung. Resilienz muss keinem Hexenwerk oder einer Phönix-aus-der-Asche-Auferstehung gleichkommen, sondern darf als »gewöhnliche Magie« betrachtet werden.

Seelische Widerstandskraft brauchen nicht nur Helden, Schicksalsgebeutelte und Katastrophenbetroffene. Auch ein normales Leben bietet, wie wir alle wissen, Krisenpotenzial und latente Stressbelastungen, an denen Menschen und ganze Familien zerbrechen oder wachsen können.

Familienz®: Was Familien resilient macht

Die Resilienzforschung hat sich bislang vor allem damit beschäftigt, wie wir als Individuen schwierige Verhältnisse überstehen. Mittlerweile richtet sich der Blick jedoch auch auf größere soziale Einheiten, beispielsweise auf Teams, Unternehmen, Gesellschaften und Familien.

Eine Frage, die ich mir sowohl als Mutter als auch als Familienberaterin und Resilienztrainerin häufig gestellt habe, war, was die Resilienz von Familien (Familienz6) ausmacht und wie wir diese gezielt fördern können. Durch meine Ausbildung zur systemischen Paar- und Familientherapeutin vermutete ich, dass hier auch Faktoren relevant sind, die über die bekannten Schutzfaktoren für Einzelpersonen hinausgehen. Auch die aktuelle Resilienzforschung widmet sich der Frage, welchen Einfluss ein System auf die Resilienz des Menschen hat – und andersrum. Resilienz kann demnach als individueller Faktor bei jedem Menschen auftreten, wird aber maßgeblich davon beeinflusst, ob der Kontext oder das System, in dem dieser Mensch lebt, einen protektiven Rahmen für seine Entwicklung darstellt oder ein weiterer Risikofaktor ist. Resilienz kann aber auch als Systemqualität aufgefasst werden, die von den einzelnen Individuen und ihrer Resilienz beeinflusst wird.7 Bedeutet: Menschen können resilient sein, Familien aber auch. Beides steht in Wechselwirkung zueinander und unter dem Einfluss weiterer Faktoren.

Was ist überhaupt eine resiliente Familie?

Dieses Buch baut auf der Idee auf, dass die Widerstandskraft einer Familie und ihrer Mitglieder von drei verschiedenen Fragen abhängt:

Wie resilient sind die einzelnen Mitglieder der Familie?Wie stabil und ausbalanciert ist das »System« Familie?Wie fordernd sind die Lebensumstände der Familie?

Resiliente Familien zeichnen sich dadurch aus, dass sie Krisen schnell, stärkend und zukunftszugewandt bewältigen. Sie verfügen über Einstellungen, Eigenschaften, Kompetenzen und Strategien, die präventiv wirken und somit weniger krisenanfällig machen. Merkmale solcher Familien sind offene Kommunikation, klare Strukturen, Zusammenhalt und Bindung der Mitglieder aneinander, gegenseitige Wertschätzung, gemeinsame Werte, Rituale und Glaubenssysteme, sowie viel gemeinsam verbrachte Zeit und funktionale Coping-Strategien.8

Ziel dieses Buches ist es, dich und deine Familie darin zu unterstützen, eure Resilienzfaktoren zu trainieren und eine familiäre Atmosphäre zu kreieren, die vor Krisen schützt und gleichzeitig die Voraussetzungen dafür stärkt, dass ihr in einer Krise nicht den Boden unter den Füßen verliert.

Resilienzfaktoren für Groß und Klein

Eine Familie profitiert von jedem einzelnen starken Mitglied. Es wirkt kräftigend auf alle, sofern wir hier von Stärke im Sinne von Widerstandskraft sprechen und nicht im Sinne von Machtmissbrauch. Jedes Mitglied zählt. Jedes Mitglied ist gleichwertig und gleichwichtig: Einer für alle, alle für einen. Aber welche Eigenschaften und Fähigkeiten steigern die Krisenfestigkeit eines Menschen? Wie lassen sie sich gezielt trainieren? Und gibt es hier Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern zu beachten?

Tatsächlich bestehen große Unterschiede zwischen Eltern und Kindern, zum Beispiel bezüglich Entwicklungsstand und -aufgaben, sowie in ihrer kognitiv-emotionalen Reife und Verantwortlichkeit. Darum existieren auch differenzierte Ansätze für große und kleine Menschen. Für Kinder haben sich sechs Faktoren zur Förderung ihrer Resilienz bewährt. Diese sechs Schutzfaktoren basieren auf den Studien von Emmy Werner (Kauai-Langzeitstudie) und ihren Kolleg*innen und weisen große Übereinstimmungen mit den von der WHO definierten »10 life skills« auf 9:

SelbstwirksamkeitSelbststeuerungSelbst- & Fremdwahrnehmungsoziale KompetenzProblemlösungStressbewältigung

Für die Arbeit mit Erwachsenen hingegen hat die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Gesundheitsförderung (DGPG) die folgenden neun Fähigkeiten und Verhaltensweisen als Säulen der Resilienz definiert:

AkzeptanzOptimismusLösungsorientierungKontrollüberzeugungSelbstwirksamkeitserwartungOpferrolle verlassenVerantwortungsübernahmeNetzwerkorientierung (Beziehung gestalten)Zukunftsorientierung

Auf den ersten Blick haben beide Modelle eher wenig Ähnlichkeit. Doch auf den zweiten Blick steckt das eine im anderen und umgekehrt. Dieses Buch umfasst sieben Impulse für Kinder und Erwachsene, die all diese Faktoren kombinieren und beide Modelle berücksichtigen.

Die drei Teile des Buches

Teil eins Ich stelle mir die sieben angesprochenen Impulse für dich und deine Kinder gern als kleinen Siebenfüßler vor, der euch durch das Leben trägt. Seine kleinen Füßchen haben in diesem Buch teilweise eigene Namen bekommen, da sie ein wenig von den bekannten Säulen der Resilienz abweichen. Und mit Abweichen meine ich: Es steckt mehr im Siebenfüßler als in den Säulen – zum Beispiel die zuvor genannten Schutzfaktoren für Kinder. Er ist sozusagen ein zauberhaftes Hybridwesen aus beiden Ansätzen:

Akzeptanz: Es darf sein, wie es ist …Optimismus: Nichts geschieht immer …Selbstwirksamkeit: Ich weiß, dass ich kann …Verantwortung: Ist für alle da …Soziale Kompetenz: Niemand ist allein …Lösungsorientierung: Über sich hinauswachsen …Zukunft & Vision: Vorwärts leben, rückwärts verstehen …

Ein Hinweis von Herzen: Als Mama und Papa ist die Versuchung groß, die eigene Resilienzförderung als weniger wichtig zu empfinden. Doch ich möchte dich einladen, unbedingt bei dir selbst anzufangen. Warum? Ganz platt vorweg: Du bist es wert, dich um dich zu kümmern! Ja, eigentlich bist du es deiner Familie sogar schuldig. Unser Alltag ist wild und wir tragen unheimlich viel Verantwortung. Probleme und Krisen gehören wie bekleckerte Tischdecken, Wäscheberge, Kissenschlachten, Schokoeis-Schnuten, Elternabende und schlaflose Nächte zum Leben mit Kindern dazu. Um Kinder bedürfnisorientiert und friedvoll begleiten zu können, ohne uns selbst zu verlieren, müssen wir in unserer Kraft sein. Wir dürfen uns nicht vom nächsten Windhauch umpusten lassen. Wir brauchen unsere Resilienz, um uns und unsere Kinder auch durch stürmische Zeiten sicher navigieren zu können. Resiliente Eltern sind zudem die beste Basis für resiliente Kinder. Denn für gewöhnlich können wir nur das an unsere Kinder weitergeben, was wir selbst in uns tragen. Das bedeutet natürlich nicht, dass Kinder nicht auch außerhalb des Elternhauses Kompetenzen erwerben können. Aber es bedeutet, dass Kinder von uns Eltern nur lernen können, was wir ihnen vorleben. Denn Kinder machen nicht, was wir ihnen sagen – sie machen, was wir tun.

Teil zwei Eine Familie ist mehr als nur die Summe ihrer Mitglieder. In ihr existieren Beziehungen, Strukturen, Dynamiken, Werte und Rituale, die sich stark auf ihre Mitglieder auswirken und somit auch deren Resilienz positiv oder negativ beeinflussen können. Hier laufen sozusagen die Fäden zusammen, die Teil eins gesponnen hat. Aus den einzelnen Menschen wird eine Familie. Teil zwei des Buches widmet sich der Familienresilienz (Familienz), also strukturellen und systemischen Faktoren, aber auch dem Thema Bindung und Erziehung. Vielleicht könnte man diesen Teil sogar als mein persönliches Herzstück bezeichnen, denn wenn ich eines in den Jahren meiner Arbeit gelernt habe, dann, dass uns nichts so sehr durchs Leben trägt, wie die Liebe und Geborgenheit, die wir durch andere Menschen erfahren.

Teil drei Immer nur reagieren statt agieren? Geht es wirklich nur darum, dass wir gut mit Stress umgehen lernen oder wäre es parallel dazu nicht unglaublich wichtig, ihn präventiv für uns und unsere Kinder zu reduzieren? Ich denke ja.

Denn auch, wenn wir hier vor einem gesamtgesellschaftlichen Problem stehen, so hat doch jede Familie einen gewissen Handlungsspielraum. Es gibt einfache, aber wirkungsvolle Hebel, die den Alltag entschleunigen und vereinfachen können. Hier kommen wir zur dritten zentralen Frage dieses Buches. Der Frage nach den Lebensumständen: Wie wollen wir leben?

Dazu findest du im Buch einige Gedanken über bewusste Lebensgestaltung und Entschleunigung sowie zum Umgang mit unserer schnelllebigen Welt. Ich widme mich hier der Bedeutung der Natur, den Gefahren der Digitalisierung, den Themen Slow Parenting und Achtsamkeit sowie der Frage: Was tun, wenn die Krise kommt?

Ich wünsche mir, dass dieses Buch für dich zum Mutmacher wird, der dich und deine Familie einlädt, Krisen nicht nur irgendwie zu überstehen, sondern an ihnen gemeinsam zu wachsen. Ein »Krisen-Fest« eben.

Teil 1 – Resilienzfaktoren: Einer für alle, alle für einen.

Impulse zur Stärkung von Groß und Klein

Akzeptanz für Große

Als ich das erste Mal vom Resilienzkonzept hörte, war ich voller Neugier und Enthusiasmus. Ich freute mich auf konkrete Ideen zur Krisenbewältigung. Was mir damals noch nicht klar war: Resilient zu sein, bedeutet nicht nur einen Werkzeugkoffer zu haben und damit umgehen zu können. Es bedeutet, eine Haltung einzunehmen und sie zu leben. Ein Schlüssel für eben diese Haltung ist Akzeptanz. Sie ist einer der Resilienzfaktoren, die die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Gesundheitsförderung definiert hat.

Akzeptanz? Wie jetzt? Geht es nicht darum, Probleme zu lösen und Krisen zu bewältigen? Wie soll das gehen, wenn ich sie einfach hinnehme? Ich verwechselte damals Annehmen (Akzeptanz) mit Hinnehmen und das löste großen Widerstand in mir aus. Wie Studien zeigen, geht das den meisten Menschen so. Akzeptanz ist unter allen Faktoren häufig der am schwächsten ausgeprägte. Auf den kommenden Seiten werden wir uns daher ausführlich ansehen, was Akzeptanz meint und was nicht und warum sie so wichtig für dich, deine Kinder und eure Familie ist.

Akzeptanz macht Energie frei

Akzeptanz kann definiert werden als die Fähigkeit, Vergangenes sowie Unabänderliches und Unvermeidbares anzunehmen und als Chance zu betrachten. Erfahrungen, Entscheidungen und Handlungen aus der Vergangenheit werden dabei als wichtiges, hilfreiches und wertvolles Element für die eigene Entwicklung und Reifung anerkannt.10 Resiliente Menschen sind bereit, sich Schritt für Schritt der Realität zu öffnen, um sie zu verstehen. Denn erst das Verstehen macht eine Anpassung möglich. Was Akzeptanz aber nicht meint, ist, sich fatalistisch in alles zu fügen, was das Leben uns anbietet. Vermutlich kennst auch du das Gebet: »Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.« Gläubig oder nicht – ich denke, so dürfen wir Akzeptanz im Sinne von Resilienz verstehen.

Der erste Schritt raus aus einer Krise ist, die Krise als solche zu akzeptieren. Das mag paradox klingen, ist es aber nicht. Denn wir können eine Sache nicht verändern, solange wir ihre Existenz leugnen oder verdrängen. Und selbst, wenn wir eine Sache nicht ändern können, steht es uns offen zu wählen, wie wir mit ihr umgehen.

Wir alle werden im Leben immer wieder auf Umstände treffen, die sich unserer unmittelbaren Kontrolle entziehen. Wir werden Verluste erleiden, die wir nur schwer ertragen, und Veränderungen erleben, die wir nicht aufhalten können. Dass dadurch Gefühle von Angst, Wut und Ohnmacht aufkommen, ist absolut normal. Und wir werden später auch noch darauf eingehen, warum es so wichtig ist, diese Gefühle zuzulassen und anzunehmen. Aber zunächst ist es essenziell, zu verstehen: Wer das Unabänderliche dauerhaft verdrängt oder dagegen ankämpft, der verzichtet auf seinen Handlungsspielraum. Wir können uns verweigern. Wir können uns sperren. Wir können uns ablenken. Uns und anderen etwas vormachen. Und etwas Make-up über die Wirklichkeit pudern. Doch nichts davon lässt sie verschwinden. Uns gegen die Realität zu stellen, bringt uns keinen Schritt weiter.

Auch wenn Widerstand eine ganz verständliche, schützende und gelegentlich sogar nützliche menschliche Reaktion ist, so kostet er doch unglaublich viel Energie. Energie, die dir dann fürs Handeln fehlt. Nur durch einen mutigen, realistischen Blick auf die Dinge, wie sie sind, erkennst du deinen Willen und deinen tatsächlichen Einfluss.

Es darf sein, wie es ist. Auch scheiße darf es sein. Verdrängung ist keine Lösung. Wenn du also losgehen möchtest, um dich, deine Familie oder die Welt zu retten, solltest du wissen von wo. Let’s start from here.

Übung – Wahrnehmen, was ist: dein Lebenskreis

In dieser Übung möchte ich dich einladen, dir und deinem Leben ganz ehrlich zu begegnen. Nimm dir ein großes Blatt Papier und zeichne oder klebe dich in die Mitte. Zeichne um dich herum einen großen Kreis, den du nun in mehrere Tortenstücke teilst. Diese Teile spiegeln deine wichtigsten Lebensbereiche wider. Gönn dir so viele Stückchen Torte, wie du möchtest. Ein paar Beispiele könnten sein:

FamilienlebenGesundheit & KörpergefühlLiebe & PartnerschaftJob, Karriere & BerufSicherheit & FinanzenFreundschaftenZeit & Raum für michSpiritualitätLebensfreude

In den unterschiedlichen Bereichen sammelst du nun alles, was dein Leben dort aktuell ausmacht. Das können schöne Dinge sein aber auch weniger schöne Dinge. Welche Sorgen und Ärgernisse begleiten dich? Welche Gefühle fühlst du dort häufig oder selten? Vor welchen Gedanken oder Problemen flüchtest du? Es ist nicht ganz einfach, so ehrlich zu sich selbst zu sein – aber wichtig. Denn, sobald du alle Themen auf dein Blatt gebracht hast, darfst du alle Bereiche und ihre Inhalte bewerten. Schreibe an jedes Stück, wie viel Energie du dort lässt und wie viel du gewinnst. Dazu kannst du deine Gesamtenergie prozentual aufteilen. Nun schau dir alle Bereiche noch einmal ganz detailliert an und frage dich:

Welcher Bereich ist ein Energieräuber?

Wie viel Energie kosten dich Ärgernisse und verdrängte Probleme?

Wie viel besser würde es dir ohne das Ärgernis gehen?

Was möchte akzeptiert werden?

Die Kunst des Loslassens

Akzeptanz beinhaltet eine große »Triple-Chocolate«-Portion Toleranz mit extra Sahne und Streuseln, sowie Geduld und die Fähigkeit, Unveränderliches und Vergangenes loszulassen. Statt in einer Krise sofort zu überlegen: Was kann ich tun? verlangt Akzeptanz zuerst die Frage Was kann ich lassen und los-lassen?11 Etwas Geliebtes oder Gewohntes freizugeben kann sich wie ein schlimmer Verlust anfühlen und zu Gefühlen tiefer Traurigkeit führen. Doch es nicht zu tun, kann Krisen herbeiführen oder ihre Bewältigung blockieren.

Vor einiger Zeit kam ein junger Mann12 zu mir in die Beratung, der von seiner Frau verlassen wurde. Seit der Trennung war etwa ein halbes Jahr vergangen und es gab bereits einen neuen Partner an ihrer Seite. Sie hatten getrennte Wohnungen und kümmerten sich liebevoll im Wechselmodell um ihren kleinen Sohn. Die Trennung war vollzogen und für alle sichtbar, doch Robert konnte sie nicht akzeptieren. Er wollte sich nicht damit abfinden, ein geschiedener Mann zu sein. Er war frustriert, fühlte sich der Situation ausgeliefert und klammerte sich an der Hoffnung fest, dass alles wieder gut werden würde. In der Beratung erarbeiteten wir das Bild, dass seine Hoffnung wie ein seidener Faden war, an dem er hing. Behutsam, aber offen sprachen wir darüber, was seiner Wahrnehmung nach passieren würde, wenn jemand den Faden durchtrennen würde. Es stellte sich heraus: Er hatte Angst vorm Fallen und vor dem Aufprall. Er hatte Angst vorm Liegenbleiben und dem einsamen Wieder-Aufstehen. Er hatte jeden Tag Angst vorm Fallen und davor, die Kontrolle zu verlieren. Also hielt er am Faden der Hoffnung und der Illusion fest. Doch das bündelte all die Energie, die er zur Überwindung der Trennung so sehr gebraucht hätte. Es war kein Erkenntnisurknall, sondern ein Prozess, aber eines Tages wurde ihm bewusst, dass er nicht länger darauf warten musste, dass sie den Faden durchtrennt, indem sie offiziell die Scheidung einreicht, sondern dass er selbst den Faden loslassen und kontrolliert fallen kann. Er begann loszulassen. Und seilte sich ab.

Robert ist kein Einzelfall. Was Hominiden einmal haben, geben sie nicht gern wieder her, sagt der Psychologe Stefan Junker und verweist zur Untermalung dieser Aussage in seinem Buch Krise – Hirn an auf eine Szene aus dem Film Die lustige Welt der Tiere. Dort sieht man, wie ein afrikanisches Stammesmitglied der Malachahadi ein schmales Loch in einem Termitenhügel gräbt und es mit lauter Leckereien füllt: eine Pavianfalle. Schon nach kurzer Zeit kommt ein neugieriges Exemplar vorbei, greift in das Loch und sammelt die Beute in seiner Faust. Der Malachahadi hat ihn beobachtet und nähert sich nun langsam dem Affen mit einem Strick. Während der Zuschauer vorm Fernseher denkt: »Lauf weg, na los! Nun lauf weg, du Dödel!«, muss er einem kleinen haarigen Kerl dabei zusehen, wie er schimpfend und fluchend versucht, seine Hand aus dem Loch zu ziehen. Darauf, seine Beute loszulassen, kommt er nicht. Oder besser: Es kommt für ihn einfach nicht infrage. Er hält fest, an dem was er hat und lässt sich gefangen nehmen. Er hat seine Freiheit gegen eine Handvoll Nüsse eingetauscht.

Nun sind wir freilich keine Affen – obwohl uns genetisch weniger als zwei Prozent voneinander unterscheiden –, und dennoch neigen auch wir dazu, an dem festzuhalten, was wir wollen, bereits haben, haben könnten oder hätten haben können, selbst, wenn es unsere Lage verschlimmert. Denn alles Neue ist ungewiss und macht Angst.

Eine Variante des Nicht-Loslassens ist deshalb auch das Zurück-haben-wollen. Gerade bei Paaren oder Familien beobachte ich oft den Wunsch, dass alles wieder so werden soll wie früher. Aber das Leben ist im Wandel. Und Familien sind es auch. Der Wunsch nach dem Zustand der Vergangenheit unter völlig neuen Rahmenbedingungen führt meist nur dazu, dass wir eine erfolgreiche und vielversprechende Neugestaltung des gemeinsamen Lebens torpedieren und somit keine neue gemeinsame und glückliche Realität kreieren können. Kinder werden größer, sie werden eigenständig und unabhängig und wenn sie von uns nicht freiwillig ein Stück weit – ihrer Entwicklung angemessen – losgelassen werden, werden sie sich uns mit aller Macht entziehen oder mit erlernter Hilflosigkeit, also ihrer anerzogenen Unselbstständigkeit, kämpfen.

So hart es auch klingt: Es wird wohl nie wieder genauso wie früher werden. Dafür aber anders und vielleicht ja sogar besser. Wer weiß das schon? Die Vergangenheit darf ihren würdevollen Platz in unserer Erinnerung haben, aber sie sollte nicht unseren freien Blick auf die Gegenwart und unsere Aufgeschlossenheit gegenüber der Zukunft blockieren. Das ist keinesfalls easy peasy und natürlich gibt dir niemand die Garantie, dass »anders« auch »besser« heißt. Das Leben spielt nicht immer fair. Doch den höchsten Preis zahlt der, der alles investiert, um die Illusion aufrecht zu erhalten, keinen Preis zahlen zu müssen. Krisen lassen sich nicht dauerhaft ignorieren – und manchmal fordern sie Opfer. Krisenresilienz beruht darum zu großen Teilen auf der generellen Bereitschaft loszulassen und zu trauern.13 Wenn wir in Illusion, Frustration, Angst, Wut oder Ohnmacht verharren, ist das nicht nur lähmend, sondern auch selbstzerstörerisch.

So ist es – Gefühle akzeptieren lernen

In radikaler Akzeptanz finden wir inneren Frieden und Entlastung, sowie die Energie, um wirklich etwas zu verändern – dort, wo wir es können. Egal wie klein oder groß die Herausforderung ist, vor der wir gerade stehen, wir dürfen die Augen nicht vor ihr verschließen. Ebenso sollten wir vermeiden, uns emotional in einer Situation zu verlieren. Krisenzeiten verursachen Ängste, die zu Panik werden können. Manchmal sind wir deprimiert, manchmal wütend, manchmal eifersüchtig oder neidisch, manchmal tieftraurig. Doch heftige Emotionen, so berechtigt und menschlich sie auch sind, verhindern, dass wir uns sinnvoll verhalten. Warum ist das so?

Unsere Vernunft wohnt in unserem präfrontalen Kortex. Dieser Teil unseres Gehirns ist für unser Denken, Planen und Problemlösen zuständig. Sobald sich im Körper heftige Gefühlsreaktionen abspielen, ist dieses großartige Instrument allerdings außer Kraft gesetzt. Damit will Mama Natur sichergehen, dass wir auch ohne große Grübelei handlungsfähig bleiben, wenn Gefahr droht. Das ist durchaus sinnvoll, führt aber dazu, dass wir nicht mehr klar denken können, sobald wir von Gefühlen wie Angst, Hass, Wut oder Trauer überwältigt werden.14

Impulskontrolle ist stark resilienzfördernd, somit ist es wichtig, dass wir in Krisenzeiten unsere Emotionen so regulieren, dass das Kontrollzentrum arbeiten kann. Allerdings ist das, wie wir alle wissen, gar nicht so einfach. Denn oft spüren wir einen massiven Widerstand dagegen, das Geschehene anzunehmen. Es ist zu schmerzhaft. Der schlimmste emotionale Schmerz entsteht aber erst durch diesen Widerstand. Er verursacht die Gedanken. Sie sind es, die der Situation ihre Bewertung verleihen und die Gefühle an der Oberfläche halten. Oder wie der antike Philosoph Epiktet sagte: »Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen, die sie darüber haben, beunruhigen die Menschen.« Wir können Gefühle nur loslassen, wenn wir sie annehmen. Und um sie anzunehmen, müssen wir die Angst vor ihnen verlieren. Die Freiheit, die dann in unserem Inneren erwacht, ist die Frucht der Akzeptanz.

Resiliente Menschen machen sich bewusst, dass sie weder alle Umstände noch das Verhalten anderer Menschen oder das Leben an sich ändern können, wohl aber ihre eigene Einstellung dazu.

Ich bin gut, wie ich bin

Das Leben kann schonungslos zu uns sein. Aber weißt du, wer das noch besser kann: wir selbst. Vielen Menschen fällt es schwer, die eigenen Grenzen und vermeintlichen Unzulänglichkeiten zu akzeptieren, weshalb sie sich immer in einem latenten Abwehrprozess gegen sich selbst befinden. Wir fühlen uns nicht schön genug. Nicht schlau genug. Nicht gut genug. Nicht liebenswert genug. Und das Elternwerden polarisiert all diese Gefühle. Einerseits wertet es unser Selbst auf. Andererseits führt uns nichts so zielsicher unsere eigenen Defizite vor Augen wie unsere Kinder. Für die persönliche Widerstandskraft und den Familienfrieden ist es daher extrem wertvoll, wenn wir unsere Energien nicht dafür einsetzen, uns gegen uns selbst zu richten. Sich stärken oder schwächen. Beides kostet gleich viel Energie. Wir haben die Wahl.

Resiliente Menschen akzeptieren sich, wie sie sind und gehen versöhnlich mit ihren ungeliebten Anteilen um. Sie schämen sich weder für ihre Gefühle noch für ihre Grenzen.15 Das bedeutet keinesfalls, dass sie keine Ansprüche an sich haben, sich keine Mühe geben oder nicht auch mal zweifeln. Aber sie reflektieren ihr Denken und Handeln und akzeptieren ihr Limit, statt sich selbst zu zerfleischen. Auch Fehler werden durch diese Haltung zu einer Lernerfahrung und einer Chance für Wachstum, statt zum Beweis der eigenen Unzulänglichkeit oder der Fehlbarkeit anderer.

Viele Menschen vergeuden einen großen Teil ihres Lebens und ihrer Energie damit, etwas zu verhindern. Natürlich nur unbewusst. Sie bauen sich ihr Leben aus dem Blickwinkel der Vermeidung auf. Sie wollen Fehler vermeiden, Verluste, Ängste, Scham, Enttäuschung und das Gefühl von Wertlosigkeit. Kurz gesagt: Jede Art von negativen Emotionen, Schwäche oder Minderwertigkeit. In gewisser Weise ist das auch gut, denn diese Überkompensation hilft ihnen, große Ziele zu erreichen und über sich hinauszuwachsen. Die Vermeidung ist also ihr Motor und Antrieb.16

Warum sollten wir uns dann darum kümmern, auch unsere »Schwächen« anzunehmen? Viele Menschen, die sich in Beratung oder Therapie begeben, sind nach außen hin erfolgreiche, aber im Inneren stetig suchende Menschen. Sie kommen, weil sie es leid sind, sich vor tiefen Gedanken und Gefühlen unentwegt zu verstecken. Zwar haben sie durch diese Vermeidung viele ihrer beruflichen Ziele erreicht, doch empfinden sie dieses Streben als auszehrend, spüren innere Unruhe und haben das Gefühl, am Sinn des Lebens vorbeizuleben.

Wir können uns nur ganz fühlen, wenn wir aufhören gegen das anzukämpfen, das als »Unliebsames« in uns schlummert. Der Psychoanalytiker C.G. Jung bezeichnete diese unliebsamen Anteile als unseren Schatten. Und diesen Schatten wiederum betrachtete er als Gold im Dunkeln unserer Seele. Möchten wir dieses Gold bergen, müssen wir lernen, unser Selbst mit unserem Schatten zu versöhnen. Wer sich ihm stellt, wird sehr schnell von seinem Vollkommenheitsstreben befreit. Er entdeckt neue Anteile in sich, ungeahnte Möglichkeiten, bedingungslose Liebe und Freiheit. Das Annehmen der Wirklichkeit der Dinge, wie sie sind und nicht, wie wir sie haben wollen, kann ungeahnte Erkenntnisse und Kräfte hervorbringen.

Unsere vermeintlich schlechten Eigenschaften werden uns nicht überwältigen, nur weil wir sie uns eingestehen. Wir alle tragen Licht und Schatten in uns, Gutes und Schlechtes. Es kommt einzig und allein darauf an, für welche Seite wir uns entscheiden, wenn wir handeln.

Übung – Annehmen, was ist: mein Schatten und ich

In dieser Übung darfst du dir einmal all die Facetten von dir ansehen, die du am liebsten loswerden möchtest. Hilfreiche Fragen dabei:

Welche Eigenschaften mag ich nicht an mir?Was wäre ohne diese Eigenschaften anders und besser?Wofür waren mir diese Eigenschaften in der Vergangenheit nützlich? (Sei kreativ! Du kannst auch Partner, Eltern oder Freunde um Hilfe bitten.)

Akzeptiere die Eigenschaften als einen Teil von dir, der eine Geschichte und eine wichtige Funktion hat. Wie geht es dir nun damit?

Zu schwer? Manchmal verstecken sich unsere Schatten in Projektionen auf andere Menschen. Wenn dir die Innenschau schwerfällt, dann kannst du dir folgende Fragen stellen:

Was stört mich an anderen Menschen? Wer oder was triggert mich?Welche Vorteile haben diese Menschen durch ihre Eigenschaft?Wann wäre es mir nützlich, auch so zu sein?

Mach diese Übung am besten schriftlich und wiederhole sie für jede Eigenschaft. Nimm dir für das Annehmen und Integrieren ausreichend Zeit. Vielleicht möchtest du die Vereinigung auch malen oder mit einem kleinen Ritual feiern?

Wir dürfen geduldig sein, in diesem Prozess der Selbstannahme. Er dauert. Aber er lohnt sich. Auch, weil sie die Grundlage für die Akzeptanz und Annahme anderer Menschen ist. In Teams, Gemeinschaften und Familien ist Akzeptanz das Fundament für ein friedvolles Miteinander. Hier leben meist die unterschiedlichsten Menschen mit verschiedenen Stärken und Schwächen, Erfahrungen und Eigenarten zusammen. Doch unterschiedlich zu sein, bedeutet nicht weniger richtig zu sein. Erst wenn jedes Familienmitglied diese Diversität als Ressource sehen kann, können wir als Familie unsere volle Stärke entfalten. Die Akzeptanz der Andersartigkeit schafft eine Atmosphäre voller Vertrauen und Wertschätzung.

Akzeptanz für Kleine

Wenn es um die Frage geht, wie wir das Resilienzvermögen unserer Kinder fördern können, ist die Antwort verblüffend einfach: Wir müssen sie bedingungslos lieben und sie um ihrer selbst willen akzeptieren, so wie sie sind – unabhängig davon, wie wir sie gern hätten. Zu wissen, dass man vollends akzeptiert wird und genau so sein darf, wie man ist, erzeugt ein unschätzbares Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden.17

Ich liebe dich, so wie du bist

Wie oft hören wir in gefühlsduseligen Eheversprechen die Zeilen »bei dir kann ich sein, wie ich bin« oder »ich fühle mich geliebt, mit all meinen Fehlern«. Das Gefühl der Annahme, ohne Wenn und Aber ist wohl eines der schönsten Geschenke, das wir einem Menschen – insbesondere unseren Kindern – machen können. Zudem schafft es ein Klima, in dem Resilienz sich überhaupt entfalten kann.

Kinder, die sich akzeptiert wissen, sind anderen Menschen gegenüber aufgeschlossen und können gut um Hilfe bitten, weil sie es nicht als Schwäche empfinden. Sie sind kreativ bei der Lösung von Problemen und glauben an sich und ihre Fähigkeiten. Sie haben keine Angst davor, ihre Grenzen oder Fehler zu erkennen, dafür aber eine optimistische Lebenseinstellung – denn was kann ihnen schon passieren? Pippi Langstrumpf würde hier sicherlich zustimmen.

Insbesondere der Pippi-Vergleich lässt Eltern aber oft nervös werden. Ich höre schon das leise Aber, das jetzt vielleicht auch in dir anklopft: »Kinder können doch nicht immer machen, was sie wollen und dafür auch noch Beifall ernten!?« Kinder bedingungslos zu lieben bedeutet nicht, sie immer kritiklos gewähren zu lassen oder gänzlich auf Grenzen zu verzichten. Vielmehr ist es so, dass Kinder, die sich in ihrem Wesen vollkommen akzeptiert fühlen, unsere Bitten und die Grenzen, die wir setzen (müssen), leichter annehmen können. Diese Grenzen entspringen einer Atmosphäre des Vertrauens und der Liebe und keinem Machtgerangel.

Sprechen wir darüber, Kinder mit all ihren Eigenschaften und Wahrnehmungen so zu akzeptieren, wie sie sind, sprechen wir auch über Diversität und Gleichwertigkeit. Wir sprechen darüber, zu akzeptieren, dass jedes Kind anders ist und von Geburt an ein einmaliges Wesen hat. Die Annahme, dass Kinder bei ihrer Geburt unbeschriebene Blätter sind und es allein eine Frage des elterlichen Einflusses ist, ob ein Gemälde oder Krickelkrakel aus ihnen wird, ist längst überholt. Natürlich ist unsere Erziehung von Bedeutung – sehr sogar –, aber heute gestehen wir Kindern und ihren Eltern zu, dass Kinder kleine eigenständige Persönlichkeiten und nicht nur das Resultat erfolgreicher oder verunglückter Erziehung sind.