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Krisensektor Sornums Stern SF-Roman von Curt Carstens Der Umfang dieses Buchs entspricht 219 Taschenbuchseiten. Seit Jahren kämpfen die Kolonisten des verschollenen Raumers LEIER auf einem lebensfeindlichen Planeten um ihr Überleben, als plötzlich ein herrenloses Schiff in ihr System treibt - und sich eine Katastrophe anbahnt.
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Seitenzahl: 243
Veröffentlichungsjahr: 2018
Krisensektor Sornums Stern
Curt Carstens
Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.
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Krisensektor Sornums Stern | SF-Roman von Curt Carstens
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Further Reading: 30 Sternenkrieger Romane - Das 3440 Seiten Science Fiction Action Paket: Chronik der Sternenkrieger
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About the Publisher
Der Umfang dieses Buchs entspricht 219 Taschenbuchseiten.
Seit Jahren kämpfen die Kolonisten des verschollenen Raumers LEIER auf einem lebensfeindlichen Planeten um ihr Überleben, als plötzlich ein herrenloses Schiff in ihr System treibt – und sich eine Katastrophe anbahnt.
Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker
© by Author
© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.
Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Alle Rechte vorbehalten.
www.AlfredBekker.de
Paul Traber, mit seinen 26 Jahren der jüngste im Team der Raumüberwachung, sah das Tasterecho und hieb in einer lässig erscheinenden Reflexbewegung auf den Schalter des Aufnahmespeichers. Nur Sekunden später aktivierte er mit der anderen Hand das Visio.
»Resonanzkontakt in Grün fünf-drei-sieben – Rot eins-acht-sieben – Gelb eins-eins-sieben. Eindringalarm. Geschwindigkeit des Objekts... null-Punkt-zwo Licht, scheinbar konstant, Kursvektor ...«
»Sehen Sie schon wieder weiße Mäuse, Traber?«, kam es aus dem Visio zurück. »Was für ein Meteorit ist es diesmal?«
»Sieht nicht nach einem Meteoriten aus«, gab Paul zurück. »Aus der Richtung hatten wir noch nie was. Wenn Sie sich an die Koordinaten erinnern, die ich gerade durchgegeben habe ...«
»Vorbehaltlich der üblichen atmosphärischen Verzerrungen«, knurrte Wishnevski, der Schichtleiter. »Wie immer ... Eindringalarm abgelehnt.«
Die Visioverbindung erlosch.
Traber schaltete sie erneut ein. »Dann kommen Sie gefälligst her und sehen sich das Ding selbst an!«
»Leck mich ...«
Aber Wishnevski kam. Sein Gesicht zeigte Grimm. »Wenn Sie mich verarschen, Traber, fahre ich mit Ihnen Schlitten, bis Sie ...«
»Dazu müsste es auf diesem Planeten mehr als nur eine einzige Schneeflocke geben, und die gibt’s nicht mal im Museum«, konterte Paul respektlos.
»Museum? Was für ein Museum?« Wishnevski schnappte irritiert nach Luft.
Noch vor ein paar Jahren hätte Paul Traber sich solche Respektlosigkeit nicht erlauben dürfen. Da gab es noch militärischen Drill und Dienstränge. Aber diesen Affenzirkus hatte er nur anderthalb Jahre mitmachen müssen. Als die LEIER ausgeschlachtet wurde, verlor auch die Mannschaft des Kolonistenraumers automatisch ihren Status. Die Besatzung gehörte jetzt zu den Kolonisten, ob sie es wollte oder nicht – auf Gedeih und Verderb. Und die Kolonisten hatten beschlossen, dass sie Militär nicht brauchten.
Gegen wen sollten sie auch Krieg führen? Gegen die Echsen? Oder gegen die Hitze auf diesem Planeten, der seiner Sonne viel zu nahe war? Aber alle anderen Planeten des Systems waren noch viel lebensfeindlicher.
»Sehen Sie sich das hier an«, sagte Traber eindringlich und räumte seinen Platz, damit Wishnevski sich darauf niederlassen konnte. »Ich meine es verdammt ernst, Mann. Das ist wirklich kein Meteorit!«
Wishnevski prüfte die hereinkommenden Messdaten. »Aber was ist es dann?«, murmelte er. »Ein Raumschiff?«
*
SCOOGE JAGTE DAS SCOUTBOOT in den interplanetaren Raum hinaus. Das im Heck brüllende Plasmatriebwerk lief unter Vollast. Der Beschleunigungsandruck presste die Insassen des Kleinraumers in ihre Sitze.
»Eines Tages bringe ich dich um!«, keuchte Vara. »Muss das wirklich sein? Du vergeudest unsere Ressourcen, du Vollidiot!«
Der Pilot wandte den Kopf und grinste von einem Ohr zum anderen. »Unsere Plasmavorräte reichen noch hundert Jahre, seit die LEIER nicht mehr fliegt ...«
»Vielleicht möchte aber auch in zweihundert Jahren noch jemand ein Scoutboot benutzen können!«, gab Vara zornig zurück.
»Bis dahin sind die Dinger längst auseinandergefallen. – X-Space-Effekt in sieben Sekunden – sechs – fünf...«
Der Kristallsensor hatte die nötigen Berechnungen ausgeführt. Elektronische Befehle gingen an die Silos – Magnetflaschen, die von einem Gitterwerk aus Laban-Metall umgeben waren. Dabei handelte es sich um ein Kunstmetall, das in der Skarland-Werft in Schweden hergestellt worden war. Dieses Gitterwerk, von hochgespannten Magnetfeldern umgeben, hatte die ungewöhnliche Eigenschaft, elektrostatische Felder des übersättigten Plasmas zu binden, und sie auf einen Schockimpuls von einer Nanosekunde freizugeben. Diese Abgabe löste im Bereich des Schiffes einen Effekt aus, der den Raumer in einem zeitlosen Vorgang um bis zu 1,7 Lichtjahre in Richtung seiner Flugbahn verschob. Der fast perfekte Antrieb, um die Sterne zu erobern.
Aber eben nur fast. Denn Laban-Metall zerfiel, sobald es dem Einfluss jener elektrostatischen Felder entzogen wurde.
Das war der LEIER zum Verhängnis geworden, und es stand zu befürchten, dass es auch andere Schiffe der Solaren Flotte erwischt hatte. Der X-Space-Effekt war noch zu anfällig gegenüber starker Beanspruchung. Ein winziger Fehler in der Energiezufuhr, ein versehentlich falscher Schalterdruck im Maschinenraum – oder eben auch Überlastung des Antriebssystems – und genau das war im Fall der LEIER geschehen. Der Kolonistenraumer hatte sein eigentliches Ziel, das ein paar hundert Lichtjahre weiter lag, nicht mehr erreicht; das Laban-Metall zerfiel, und rund 10 000 Menschen an Bord konnten sich glücklich preisen, in erreichbarer Nähe von Sornums Stern gestrandet zu sein, der neben vier noch unwirtlicheren Trabanten immerhin auch einen Planeten mit wenigstens halbwegs erträglichen Lebensbedingungen aufwies.
Mit dem unterlichtschnellen Plasmaantrieb konnte die LEIER den Planeten innerhalb zweier Jahre erreichen. Für die Kolonisten eine Zeitspanne, die sie unmöglich an Bord des Raumers überleben konnten. In einem schier unwahrscheinlichen Kraftakt hatte man die Siedler mit Hilfe der fünf Scoutboote evakuiert und zum Planeten gebracht. Hilfsmittel und Arbeitsmaterial ebenfalls. Währenddessen flog die LEIER normal weiter dem Planeten entgegen, um nach zwei Jahren endlich auf der heißen Wüstenwelt gelandet zu werden, welcher die Kolonisten den Namen Sahara gegeben hatten.
Der X-Space-Effekt der Scoutboote funktionierte immerhin weiter einwandfrei. Ansonsten wären die Menschen verloren gewesen.
Hilfe von der Erde kam nicht. Es gab keine Möglichkeit, mit Terra Kontakt aufzunehmen. Die Erde schwieg. Zwei Wochen nach dem Start der LEIER hätte die GALAXY aufbrechen sollen, der größte aller bisher gebauten Kolonistenraumer, aber davon hatten sie nichts mehr mitbekommen. Der Hyperfunkkontakt zur Erde war abgerissen und ließ sich nicht wieder herstellen. Der Schaden am X-Space-Effekt der LEIER war nicht die einzige Panne geblieben – einige Elemente in der Funk-Z waren überlastet worden und durchgeschmort, was die Reichweite von Sender und Empfänger drastisch reduziert hatte.
Ersatzteile gab es nicht. Niemand hatte mit einem solchen Schaden gerechnet, und erst recht nicht, dass zwei solche Pannen zeitgleich auftraten. Mit defektem Antrieb hätte man noch um Hilfe funken können, mit defektem Funk trotzdem ans Ziel und danach wieder nach Terra gelangen können.
Mittlerweile hatte man es aufgegeben, die inzwischen auf Sahara fest installierte Hyperfunkanlage mit dem einen oder anderen Trick wieder etwas leistungsfähiger zu machen. Anfangs hatte man noch daran gearbeitet. Aber jetzt, nach all den Jahren ...
Kurz bevor auch der letzte Kontakt abriss, hatte man noch Meldungen aufgefangen, die von fremden Raumschiffen im Sol-System berichteten. Seither gab es eine kleine Mehrheit unter den Siedlern, die befürchteten, die Erde sei von Fremden überfallen und die Menschheit ausgelöscht worden. Dafür sprach auch, dass nie ein anderes Raumschiff der Solaren Flotte kam, um nach dem Verbleib der LEIER zu suchen, als diese nicht zur Erde zurückkehrte. Ein Grund mehr, von sich aus auf die Wiederaufnahme eines Funkkontakts zu verzichten. Falls es die Menschen auf der Erde nicht mehr gab, warum sollte man die Fremden auf eine Spur locken, die zu Sornums Stern führte?
Im Laufe der Jahre hatte sich auch die Besatzung des Raumers damit abgefunden, den Planeten Sahara wohl nie wieder verlassen zu können. Die LEIER war endgültig ausgeschlachtet worden, da sie so oder so nicht mehr in der Lage war, interstellare Entfernungen zu bewältigen, und die Scoutboote hielten die Belastung eines Fluges zurück zur Erde garantiert nicht aus. So fanden sie nur noch Verwendung innerhalb des Systems. Die Plasmatanks der LEIER, die ja nicht mehr fliegen konnte, lieferten genug Brennstoff für Jahrzehnte oder sogar ein Jahrhundert.
Zumal die Anzahl der Boote erheblich geschrumpft war. Von den einst fünf Maschinen existierten gerade noch zwei. So gesehen hatte Scooge recht, wenn er sich keinen Sparzwang auferlegte. Mit den vorhandenen Ressourcen Saharas oder auch der anderen Planeten des Sornum-Systems hatten sie keine Chance, neue Raumschiffe zu bauen. Welche Anstrengungen auch immer sie unternahmen – der Weg führte zurück in die präastronautische Gesellschaft. Ohne Hilfe von der Erde konnten sie weder eine Schwerindustrie aufbauen noch sonstige Technologien nutzen, die für den Raumschiffsbau erforderlich waren. Sie konnten nicht einmal Erzabbau für Metallgewinnung betreiben – weil es keine wirklich ergiebigen Lager dort gab, wo Menschen einigermaßen leben konnten. Sahara war eine unwirtliche Wüstenwelt, auf der nur in den Polregionen halbwegs erträgliches Klima herrschte.
»... Null!«
Der X-Space-Effekt wurde wirksam. Übergangslos wurde das Scoutboot im Raum verschoben. Am einen Ort verschwunden, raste es mit unter Maximalleistung arbeitendem Plasmatriebwerk am Ort des plötzlichen Auftauchens unverändert schnell seinem Ziel entgegen – dem fremden Objekt.
»Ortung!«, verlangte Scooge.
Raman Pahlavi, dessen Wiege in Teheran stand, ließ seine dünnen Finger wie Spinnenbeine über die Tastatur huschen. Die Anzeigen seiner Instrumente zeigten das fremde Objekt in einer Entfernung von etwa fünfhundert Kilometern. Blitzschnell überspielte Pahlavi die Daten auf die Displays an Scooges Kommandokonsole.
»Perfekt!«, stellte Vara fest.
»Hast du ernsthaft weniger als Perfektion erwartet?« Scooge grinste. »Wenn ich eine Verschiebung programmiere, dann richtig – ach, Scheiße!« Blitzschnell kippte er Steuerschalter in andere Positionen. Mit Vollschub wurde das Scoutboot jetzt abgebremst, um nicht mit der hohen Restgeschwindigkeit an dem fremden Objekt vorbei oder genau hinein zu rasen.
»Dein Wortschatz lässt erheblich zu wünschen übrig, teurer Freund«, bemerkte Vara trocken. »Stoffwechselendprodukt klingt weniger vulgär und erheblich wissenschaftlicher.«
»Ich bin Pilot, kein Wissenschaftler! Und erst recht nicht dein teurer Freund.«
»Hört ihr mir zwischendurch mal zu?«, meldete sich Pahlavi. »Durchmesser des Objekts etwa 400 Meter. Kugelförmig. Wenn das ein Meteorit ist, lasse ich mich umtaufen.«
»Was soll’s dann sein? Ein Raumschiff? Wer baut solche Monstren?«
»Darf ich daran erinnern, dass die GALAXY eine Gesamtlänge von knapp über 800 Metern erreicht?«
»Nur ist die nicht kugelförmig! Versuch dir mal vorzustellen, welches Volumen in einer solchen Kugel steckt! Dagegen ist die GALAXY ein Kinderspielzeug, trotz doppelter Länge! Ihr fehlt der Rauminhalt! Wenn nicht mehr als die Hälfte des Raumers mit Maschinen zugebaut ist, kann sich unsere ganze Kolonie darin verirren ...«
»Mal langsam«, mahnte Vara. »Unsere Kolonie besteht immerhin aus über 8000 Menschen ...«
Mehr waren nicht übrig geblieben von ehemals rund 10 000. Sieben harte Jahre auf einer unwirtlichen Welt, die gerade das Notwendigste zum Leben bot, hatten sie dezimiert.
Scooge streckte die Hand aus. »Rede nicht, funke das Objekt an. Wenn es tatsächlich ein Raumschiff ist, wird jemand den Anruf empfangen und reagieren.«
»Indem er ein paar nette kleine Kanönchen auf uns abfeuert.«
»Mach schon! Deine Phobie kannst du pflegen, wenn wir wieder auf Sahara sind.«
»Wenn ...«
»Hältst du Unke jetzt endlich deine Klappe?«, knurrte Scooge ihn verärgert an. Als wenn es nicht reichte, dass er sich selbst sehr unwohl in seiner Haut fühlte, musste Vara auch noch seinen Pessimismus artikulieren!
Unwillkürlich tastete Scooge nach der Waffenkontrolle, zog seine Hand aber fast erschrocken wieder zurück. Was hatte das Scoutboot einem solchen Weltraumgiganten schon entgegenzusetzen?
Wer ein so riesiges Schiff baute, versah es auch mit entsprechend riesiger Feuerkraft – es sei denn, er verzichtete ganz darauf. Aber das hatten nicht einmal die Menschen getan, als sie die Kolonistenraumer und ihre Scoutboote auf Kiel legten; sie hatten sie wie die Raumer der Solaren Flotte stark bewaffnet. Für den Fall der Fälle!
Selbst Handelsraumer hatten mindestens ein oder zwei Lasergeschütze an Bord, der Raumhafen Syrtis Major auf dem Mars war stark armiert, desgleichen die beiden Pluto-Stationen. Ob es wirklich die Furcht vor einem Angriff außerirdischer Aggressoren war, welche die Politiker bewogen hatte, kein Raumschiff der Erde völlig unbewaffnet in den interplanetaren oder interstellaren Raum zu entsenden, war fraglich – eher rechnete man langfristig mit Piraterie und Terrorismus, denen es entschieden entgegenzutreten galt.
»Fremdobjekt reagiert nicht«, meldete Vara. Er hatte einen standardisierten Funkspruch abgeschickt, der in einer Endlosschleife ständig automatisch wiederholt wurde.
»Vermutlich verstehen sie unsere Sprache nicht«, warf Pahlavi ein. »Woher sollten sie sie auch kennen?«
»Aber sie müssten zumindest den Ruf an sich empfangen!«, protestierte Vara sofort, der den Dauerfunkspruch jetzt abschaltete. »Außerdem müssen sie uns längst auf ihren Ortungsschirmen haben. Was wir können, können die umgekehrt auch, und vermutlich besser!«
»Und wenn nicht?«
»Heilige Einfalt«, seufzte Vara. »Glaubst du im Ernst, eine Zivilisation, die ein solches Schiff auf die Reise schickt ...«
»Vielleicht wissen die gar nicht, wie man Zivilisation schreibt«, knurrte Scooge.
»Was willst du damit brabbeln?«
»Dass wir es mit einer Lebensform zu tun haben könnten, die jedes Vorstellungsvermögen sprengt.«
»Oder dass in dem Raumer niemand mehr lebt«, murmelte Pahlavi.
Vara ging nicht darauf ein. »Eine unvorstellbare Lebensform baut keine vorstellbaren Raumschiffe.«
»Funk die Kiste noch mal an«, verlangte Scooge ungerührt. »Und Nachricht an Sahara, dass wir vor einem Rätsel stehen und Traber vermutlich recht hat.«
Inzwischen war das Scoutboot nur noch dreißig Kilometer von dem Fremdobjekt entfernt. Die Geschwindigkeit war aus dem anfangs hochrelativistischen Bereich auf nur noch 0,5 km/sec gesunken. Scooge nahm den Gegenschub weg und lenkte das Scoutboot in einen Ausweichkurs an dem Fremdraumer vorbei. Vara gefiel das nicht, weil die starr eingebauten Bordwaffen das Ziel jetzt nicht mehr erfassten, aber er äußerte sich nicht dazu. Scooge war sein Chef, und er wollte den Bogen nicht überspannen.
»Geschwindigkeit des Fremdraumers unverändert«, meldete Pahlavi.
»Immer noch keine Antwort. Dafür sagt Sahara, wir sollen näher herangehen, aber ohne Risiko«, machte sich Vara bemerkbar.
»Haben sie zufällig auch was von Entern gesagt?«
»Nein!«
»Dann versuchen wir mal, an Bord zu gehen«, bestimmte Scooge. »Und zwar ohne Risiko.«
Er umflog den gewaltigen Kugelraumer mehrmals und verringerte den Abstand dabei immer weiter. Aus der Nähe waren die im Schiffsäquator liegenden Antriebsöffnungen zu sehen. Aber sie waren nicht aktiv. Die Triebwerke des Raumgiganten lagen still; er trieb einfach so durchs All in das System von Sornums Stern hinein.
Es gab noch weitere Öffnungen. Dahinter verbargen sich bizarre Konstruktionen, die Scooge für Waffen hielt. Geschütztürme, Strahlantennen, die jetzt eingefahren waren. Aber sein Vorstellungsvermögen reichte aus, sich vor der Feuerkraft des Raumers zu fürchten, falls dieser seine Waffentürme ausfuhr und zu schießen begann. Damit kann man einen kleinen Mond atomisieren, dachte er beunruhigt.
»Sieht irgend jemand eine Schleuse?«
»Versuch’s mal an den Polen«, schlug Pahlavi vor. »Wenn wir den Äquatorring der Triebwerksöffnungen als Orientierungshilfe nehmen und davon ausgehen, dass die Düsen sowohl nach oben als auch nach unten geschwenkt werden können, müssen wir nur noch herausfinden, wo oben und unten ist. Unten ist garantiert eine Schleuse. Alles andere wäre unlogisch. Wenn der Pott irgendwo landet, ist’s unsinnig, in hundert oder hundertfünfzig Metern Höhe eine Schleuse zu haben. So lange Rampen kosten eine Menge Platz. Eine Polschleuse ist nur vernünftig, wenn sie dann mit Liftschächten verbunden ist, die nach oben führen.«
Scooge lenkte das Scoutboot an der Hülle des Kugelraumers entlang. Mit 19 Metern Länge und einem Querschnitt von 2,20 Metern wirkte das vorn jetförmig spitze und am Heck stumpfe Kleinraumschiff geradezu zierlich.
»Da ist etwas!«, entfuhr es Vara, der mit dem ausgestreckten Zeigefinger den Bildschirm anstieß. »Sieht wie eine Schleuse aus, oder?«
Zumindest wie ein Schleusenschott. »Und wie kommen wir da ’rein?«, fragte Pahlavi. »Stellt sich einer von uns hin und ruft: Sesam öffne dich?«
»Ihr zwei steigt aus«, entschied Scooge. »Waffen mitnehmen. Sucht nach einem Öffnungskontakt. Wenn ihr nichts findet, schweiße ich das Schott mit dem Bordlaser auf.«
»Aber sieh zu, dass du uns nicht gleich mit aufschweißt«, grummelte Pahlavi.
Die beiden Männer legten Raumanzüge an, checkten das Versorgungssystem und hefteten die Paraschocker an die Magnetflächen der Gürtel. Dann tappten sie in den klobigen Druckanzügen zur Bordschleuse des Scoutbootes und verschwanden nach draußen.
Scooge überwachte alles per Bildschirm. Er fühlte sich längst nicht so lässig, wie er sich gab. In Wirklichkeit war ihm alles andere als wohl in seiner Haut. Er war überaus wachsam und bereit, im Gefahrenfall alle Mittel einzusetzen, über die das Scoutboot verfügte – vom Laser bis zum Plasmaantrieb.
Dennoch würden die Kameraden auf sich allein gestellt sein, sobald sie sich im Inneren des Raumers befanden.
Ein Gefühl der Einsamkeit flog ihn an.
Es suchte ihn in letzter Zeit immer öfter heim. Er gehörte nicht hierher, nicht in dieses System, nicht auf jenen Planeten, dessen lebensfeindliche Fauna die Menschen zwang, in Turmbauten zu wohnen, wenn sie nicht von den aggressiven Reptilien überfallen und gefressen werden wollten – auf Sahara stand der Mensch nicht an der Spitze der Nahrungskette, sondern hatte sich eines überlegenen Fressfeinds zu erwehren. Nicht umsonst war die Population in den wenigen Jahren um nahezu ein Fünftel geschrumpft!
Scooge gehörte zu denen, die sich nicht mit ihrem Schicksal abfinden wollten. Er war kein Kolonist, er hatte zur Besatzung der LEIER gehört. Er wollte sein Leben nicht auf diesem Planeten beschließen. Er wollte zurück zur Erde. Die war seine Heimat, von der er immer wieder in den Weltraum aufbrechen konnte, um danach heimzukehren. Von Sahara floh er regelrecht, riss sich um jeden Auftrag, der ihn hinaus in den Weltraum brachte, und er träumte davon, mit dem Scoutboot heim zu fliegen ins Sol-System.
Aber für solche Distanzen waren die Scoutboote nicht geschaffen. Dafür reichten ihre Treibstoffvorräte nicht aus. Selbst mit vollen Plasmatanks reichte es für vielleicht ein Viertelhundert Verschiebungen um je maximal 1,7 Lichtjahre. Damit kam er knapp über 40 Lichtjahre hinaus, dann strandete er irgendwo zwischen den Sternen. Terra aber war dreimal so weit entfernt! Die großen Raumer – die Kolosse, die Siedler zu anderen Welten bringen sollten, oder auch Forschungsraumer wie die in Raumtiefen verschollene EXP-I unter dem legendären Commander Linley, besaßen entschieden größere und leistungsfähigere Triebwerke, die Tausende von Verschiebungen mittels des X-Space-Effekts hintereinander ausführen konnten.
Solange es keinen Defekt gab ...
Und so etwas konnte auch den Scoutbooten zustoßen. Eines hatten sie auf diese Weise bereits ebenso »verloren« wie die LEIER selbst, zwei weitere waren durch Unfälle zerstört worden. Scooge hoffte, dass die beiden verbliebenen Kleinraumer noch eine Weile erhalten blieben.
Er starrte auf den Hauptbildschirm und hoffte, dass alles gutging.
Und er träumte davon, mit diesem riesigen Kugelraumer zur Erde zu fliegen.
*
VARA UND PAHLAVI STIEßEN sich vom Scoutboot ab. Ihre eigene Masse war nicht stark genug, das Boot abdriften zu lassen – wenn Scooge keine Steuerbewegung einleitete, würde es Stunden dauern, bis es sich durch den schwachen Rückstoß auch nur um einen halben Meter entfernte.
Das Boot hatte Kurs und Geschwindigkeit der riesigen Kugel angeglichen. Nebeneinander trieben die beiden ungleichen Flugkörper ins System hinein. Scooge hatte die Außenscheinwerfer eingeschaltet; die scharf umrissenen Lichtflecke trafen den – hoffentlich unteren – Polbereich der Kugel. Das Licht der fernen Sonne reichte nicht aus, die bräunlich-graue Schiffshülle aufschimmern zu lassen. Dort, wo kein Scheinwerferlicht den Kugelraumer traf, zeigte er sich als eine tiefschwarze, massive Mauer, die den ganzen Sichthorizont abdeckte. Wenn Pahlavi den Kopf unter dem Klarsichthelm drehte, sah er in der anderen Richtung das kalte Licht fremder Sterne, Dutzende und Hunderte von Lichtjahren entfernt.
Einer dieser Sterne war vielleicht Sol, das Heimatgestirn der Menschheit. Unerreichbar fern.
»Lass die Scheinwerfer ein bisschen kreisen«, forderte Vara über Helmfunk. »Es muss doch irgendwo ’nen Türgriff geben oder so etwas.«
Es dauerte über eine halbe Stunde, bis sie eine Zugangsmöglichkeit fanden. Tatsächlich öffnete sich eine gewaltige Schleuse, groß genug, um Bodenfahrzeuge in sich aufzunehmen. Aber die Schleuse war leer.
»Wir sind drin ... machen jetzt zu und schauen, was uns im Schiff erwartet«, berichtete Vara.
Das Schott schloss sich. Dunkel wurde es trotzdem nicht. Aus unzähligen kleinen Leuchtkörpern kam Helligkeit, die die beiden Männer misstrauisch werden ließ. Wenn sich niemand im Schiff befand, warum brannte dann Licht? Und ansonsten – musste ihr Eindringen bemerkt worden sein. Was erwartete sie hinter dem Innenschott?
Weißlicher Nebel bildete sich, schwand rasch wieder, als große Luftmengen unter Hochdruck in das Schleusenvakuum gepresst wurden. Aufmerksam betrachtete Vara die Anzeigen des Kombi-Instruments an seinem Handgelenk. Als der Luftdruck erdähnliche Verhältnisse erreicht hatte, blieb er stabil.
Der kleine Analysator lief.
»Es gibt künstliche Schwerkraft«, verriet Pahlavi. Vara hatte es bereits registriert, aber nicht weiter darauf geachtet. Die Schwerkraft entsprach etwa Erdnorm.
»Atmosphäre für Menschen atembar. Relativ hoher Sauerstoffanteil, ein paar Edelgase, aber alles ungiftig. Praktisch kein Kohlendioxid, kaum Stickstoff. Ich denke, wir können unsere eigenen Vorräte schonen und die Helme öffnen.«
Vorsichtig löste er den Verschluss und kippte die Klarsichtkugel nach hinten; schwer lastete sie am Halsstück des Raumanzugs. Ein Knopfdruck am Gürtel reichte, den Helm im Gefahrenfall elektrisch sofort wieder zu schließen.
Vara drückte den Knopf bereits im nächsten Moment wieder; der Helm klappte nach vorn, die Verriegelung zischte leise.
»Was ist los?«, stieß Pahlavi bestürzt hervor.
»Hier stinkt’s wie im Raubtierkäfig ...«
»Aber die Luft ist doch frisch eingeblasen worden«, wunderte sich Pahlavi.
»Das scheint die Luft selbst aber nicht zu wissen. Ihr Götter und Götterchen ... mach bloß deinen Helm nicht auf, sonst hast du den Duft gleich auch im Anzug wie ich. Verdammt noch mal!«
Pahlavi fand den Schalter für das Innenschott. Der befand sich in Kopfhöhe. Waren die Erbauer des Kugelraumers Riesen?
Als das Schott dröhnend auffuhr, hielten beide Männer ihre Schocker in den Fäusten. Aber die kleine Halle dahinter war leer.
Kein Mensch, kein Fremder.
In der Mitte der Halle befand sich ein gut zehn Meter durchmessendes Loch in der Decke. Langsam traten die beiden Männer heran. Pahlavi sah nach oben. »Da geht’s aber verdammt hoch hinauf ...«
Im nächsten Moment hatte er bereits den Boden unter den Füßen verloren. Mit einem Aufschrei schwebte er empor.
Vara griff zu, riss ihn zurück.
»Was ist da los?«, kam Scooges Frage aus dem Helmfunk.
»Müssen wir erst noch herausfinden«, knurrte Vara.
»Ich war plötzlich schwerelos«, sagte Pahlavi leise. »Wie draußen im Raum. Hol’s der Scheïtan – das muss so etwas wie ein Nullschwerkraftschacht sein. Schätze, die Burschen sind uns technisch ziemlich weit voraus.«
»Kein Grund, in einer solchen Stinkluft zu leben«, knurrte Vara, der den Raubtierkäfiggeruch immer noch in der Nase hatte und ihn nicht mehr los wurde. »Wasser und Seife haben die garantiert noch nicht erfunden. Soviel zum Thema Zivilisation.«
Pahlavi deutete nach oben. »Sollen wir’s mal versuchen?«
»Abwarten, bis uns der Efeu um die Füße rankt, will ich hier jedenfalls nicht«, sagte Vara. Er machte einen Schritt vorwärts, spürte, wie er gewichtslos zu werden schien, und federte sich aufwärts. Sofort schwebte er empor. Pahlavi folgte ihm.
Sie passierten drei Etagen, von denen jede rund sechs Meter hoch war und Pahlavis Verdacht bestärkte, in den Erbauern des Raumers Riesen sehen zu müssen.
Im nächsten Moment stoppte Pahlavi, glitt aus dem Schacht und fand auf festem Boden Halt. Vara folgte ihm sofort.
»Was ist los?«
»Da liegt einer ...«
Das stimmte nicht.
Was Pahlavi im ersten Moment für eine Person gehalten hatte, entpuppte sich als so etwas wie eine Uniform, die vor einer Schaltkonsole auf dem Boden lag. Ringsum befand sich eine gelbliche Masse.
Vara hatte im ersten Moment nur Augen für die Schaltkonsole. Das Pult war hoch gebaut, die Schaltelemente lagen in Brusthöhe.
Pahlavi interessierte sich mehr für die Uniform und die gelbliche Masse. Sie zeigte Risse, als wäre eine flüssige Substanz eingetrocknet, und als er sie jetzt berührte, zerpulverte sie. Die Uniform ...
Das Wesen, das sie getragen hatte, musste gut zweieinhalb Meter groß gewesen sein. Und es besaß zu den seitlichen beiden Ärmeln vor der Brust noch zwei weitere von unterschiedlicher Länge, die zusätzliche Ärmchen – oder Tentakel? – umhüllt haben mussten.
An einer Gürtelschlaufe hing etwas, das wie eine Waffe aussah. Kleine seitliche Stellringe luden dazu ein, damit herumzuspielen. Vorsichtig löste Vara die Waffe vom Gürtel und richtete sie auf ein Wandstück.
»Mach keinen Scheiß, Mann!«, keuchte Pahlavi.
Die Waffe war klobig und fast zu groß für eine menschliche Hand, aber der Abzug saß genau dort, wo er sitzen sollte. Vara schoss.
Ein greller Energiefinger fauchte aus der konischen Mündung und schmolz die Wand innerhalb von Sekunden zu einem glühenden Stahlplastiksee zusammen.
»Ups«, kommentierte Vara. »Für die Großwildjagd wohl eher ungeeignet.«
Im Verlauf der nächsten Stunde fanden sie noch Dutzende leerer Uniformen und sammelten Waffen ein. Es sah so aus, als hätte der Tod unter der Besatzung des Kugelraumers reiche Ernte gehalten – und als sei er sehr überraschend gekommen. Scheinbar hatte niemand auch nur den Hauch einer Chance gehabt, sich zu wehren – wogegen auch immer.
Rätselhaft, dass die Außenhülle des Raumers völlig unbeschädigt war. Auch innen deutete nichts darauf hin, dass ein Kampf stattgefunden hatte. Keine Meuterei, keine Enterung ... nur die leeren Uniformen und die gelbliche, pulvertrockene Substanz, die von ihrer Masse her aber nicht in Einklang mit dem Volumen zu bringen war, das sie in den Uniformen hätte ausfüllen müssen, wenn sie mit den Körpern identisch gewesen wäre.
»Was, bei Wischnus Atem, ist hier nur geschehen? Was hat diese Wesen umgebracht?«
»Und warum?«, murmelte Pahlavi bedrückt.
»Wir zwei werden’s vorerst nicht herausfinden«, sagte Vara. »In diesem Giganten verlaufen wir uns höchstens. Hier muss ein richtiges, großes Team ’ran, das den Kahn untersucht. Raman – wenn tatsächlich alle tot sind, gehört das Schiff uns!«
»Und das, was diese Leute umgebracht hat, auch ...«
»Für negative Gedanken bin ich zuständig«, sagte Vara spöttisch. »Aber schau dich um. Die Energieversorgung ist in Ordnung. Die Maschinen arbeiten, wenn auch im Leerlauf. Mann, wenn wir den Raumer in den Griff kriegen, könnten wir vielleicht sogar ...«
»... zu unserem eigentlichen Zielstern weiterfliegen, ja? Die Kolonie umsiedeln ...«
»Oder«, mischte sich Scooge, der alles mitgehört hatte, über Funk ein, »endlich wieder zurück zur Erde!«
»Du bist ein sentimentaler Traumtänzer«, sagte Vara, als er sich im Scoutboot aus seinem Raumanzug schälte. »Was, wenn dieser Raumer von der Erde kommt?«
Scooge tippte sich an die Stirn. »Was willst du damit sagen?«
»Vielleicht haben diese Fremden – oder ihre Artgenossen – die Erde überfallen. Und wenn wir Terra ansteuern, fliegen wir denen genau vor die Kanonen.«
»Sie werden nicht auf ihresgleichen schießen.«
»Bei der Technik, über die sie verfügen, können sie garantiert feststellen, wer in dem Raumer sitzt. Und dann sind wir erledigt. Nein, Mann. Es ist besser, wenn wir die Kolonie umsiedeln in unser ursprüngliches Zielsystem. Dort halten wir uns möglichst bedeckt und sorgen dafür, dass die Menschheit als solche nicht ausstirbt. Mit etwas Pech sind wir«, er machte eine das ganze Sonnensystem umfassende Armbewegung, »die letzten Menschen des Universums.«
Pahlavi warf sich in seinen Sitz hinter den Ortungen.
»Auf Sahara zu bleiben, empfiehlt sich ja leider nicht«, sagte er.
»Wieso?« Nachdenklich sah Scooge ihn an.
»Überlegt mal, Leute. Dieser Raumer treibt tot durch unser System. Irgendwer oder irgendwas hat seine Besatzung auf unbegreifliche Weise umgebracht. Was, wenn dieser Gegner den Kurs des Kugelraumers verfolgt und uns findet? Wer mit einem so hochtechnisierten Superraumschiff fertig wird, der putzt auch unsere kleine Kolonie mit einer Handbewegung weg. Wir sollten den Raumer tatsächlich zu fliegen lernen und aus Sornums System verschwinden. So schnell wie möglich.«
»Darüber wird die Verwaltung entscheiden müssen. Wir fliegen nach Sahara zurück und erstatten Bericht«, ordnete Scooge an. »Dann wird man weitersehen.«
*
DIE VERZERRUNGSERSCHEINUNGEN wichen, als der Rematerialisierungsprozess abgeschlossen war. Verwaschene Konturen wurden wieder scharf. Leichte Schwindelgefühle klangen rasch ab.
Der Pilot hob eine fünffingrige Hand und zog die Aufmerksamkeit des Kommandanten auf sich. »Hyperraumsprung beendet. Zielkoordinaten präzise erreicht«, signalisierten die Farbspiele seiner Facettenaugen. »Abweichung im Picobereich. Restfahrt dreiviertel Lichtgeschwindigkeit.«
»Verlangsamen«, flirrte es in den Augen des Kommandanten.
Der Pilot schaltete. Die Ionas-Triebwerke wurden geschwenkt, emittierten ihre Energie entgegen der Flugrichtung des Raumers. »Verlangsamung auf ein viertel Lichtgeschwindigkeit«, meldete der Pilot.
Im Sichtfeld des Kommandanten zeigte sich ein faszinierendes Farbspiel auf einem Monitor. »Gelber Stern der tertiären Klasse«, teilte die Astroabteilung mit. »Fünf Planeten, vier davon extrem lebensfeindlich. Planet drei bewegt sich in errechneter Biosphäre. Voraussichtlich heiße Trockenwelt. Geringe Achsenneigung, also nur schwach ausgeprägte Jahreszeiten. Geringes Wasservorkommen im nördlichen Polbereich. Kein Mond. Masse und Durchmesser entsprechen Hotspot-Norm, Gravitation also ebenfalls.«
Wenn wir Glück haben, ist auch die Atmosphäre atembar, dachte Kommandant Cartrot. Ein weiterer Planet, den wir besiedeln können... eine warme Welt, wie wunderbar...
Jeder Planet, der eine höhere Durchschnittstemperatur besaß als Hotspot, war wunderbar.
»Anfliegen«, ordnete er an.
Der Pilot schaltete. Die Energieabgabe der Ionas-Triebwerke erhöhte sich auf 70 Prozent. Die DIPAULI beschleunigte mit enormen Werten. Andruckkräfte wurden absorbiert. Kein Vergleich mit den ersten Fernraumern, die vor zehn Sonnenzyklen ins Weltall hinausgeflogen waren. Die Entwicklung machte rasante Fortschritte. Damals hatte Cartrot noch ein Schiff geflogen, das beinahe auseinanderfiel, wenn man es nur scharf ansah. Er war einer der Pioniere der hotspotischen Raumfahrt. Ein Platz in den Geschichtsbüchern war ihm längst sicher. Dabei war er noch jung, hatte bislang nicht einmal eine Familie gründen können – wie auch, wenn er ständig im Weltraum unterwegs war, um neue Siedlungswelten für sein Volk zu finden? Ihm fehlte die Zeit, auch wenn er an jedem Finger zehn Frauen hätte haben können, die ihm gern ihr Gelege geschenkt hätten ...
Aber seine Aufgabe war wichtiger. Die Hotspoter benötigten neue Welten, auf denen sie besser leben konnten. Kaum einer fühlte sich auf seinem Heimatplaneten noch wohl. Dort zu existieren war ein ständiger Kampf ums Überleben, ein Kampf gegen die Kälte und die schwindenden Ressourcen einer Welt, die nachts stärker abkühlte, als die rote Sonne sie bei Tage aufwärmen konnte. Die Entwicklung der überlichtschnellen Raumfahrt war ein Gnadengeschenk für das hotspotische Volk.
Das Licht in der Zentrale veränderte sich, wurde gelbrot.
»Resonanz. Wir orten ein Raumschiff unbekannter Bauart. Driftet antriebslos ins System, passiert die Bahn des äußeren Planeten. Energiepotential relativ hoch, aber im Ruhezustand. Starke Bewaffnung.«
