Kritik und Verantwortung - Nils B. Schulz - E-Book

Kritik und Verantwortung E-Book

Nils B. Schulz

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Beschreibung

Im Mittelpunkt des Essays steht die Rückbesinnung auf den Beziehungsaspekt schulischen Handelns. Man gewinnt den Eindruck, dass leibliche begegnungs- und Beziehungsstrukturen mittels Digitaltechnik überwunden werden sollen. Der Lehrer wird zum „Lernbegleiter“ umfunktioniert, der die Aneignungsprozesse nur noch coacht. Auf der Strecke bleibt dadurch eine Haltung, die sich in Freundlichkeit, lebendiger Zuwendung und Aufrichtigkeit manifestiert. (Anmerkung Heide: Hier wechselt die Perspektive im Text. Oben der Ist-Zustand, unten der Soll-Zustand, daher muss übergeleitet werden, z.B. mit. Eindringlich erläutert Gymnasiallehrer Nils Schulz, dass genau das Gegenteil wichtig ist:) Entgegen der administrativen Vorgaben soll der Lehrerberuf in seiner Bedeutung für zwischenmenschliche Beziehungsarbeit und aufrichtige Leistungsbewertung gestärkt werden. Denn nichts scheint angesichts der aktuellen Krisen wichtiger für die Bildung junger Menschen und kommender Bürger.

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Seitenzahl: 129

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Nils B. Schulz

Kritik und Verantwortung

Irrwege der Digitalisierung und Perspektiven einer lebendigen Pädagogik

Nils B. Schulz ist promovierter Germanist und Gymnasiallehrer. Er schreibt für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen über literaturwissenschaftliche und bildungsphilosophische Themen.

Die aktuelle Bildungsdebatte ist geradezu verhext von einem Wort: Digitalisierung. Gleichzeitig wird das schulische Vokabular immer technizistischer. Dieser Essay plädiert dagegen für ein Lehrer-Sein, das neue Formen der Entfremdung kritisch reflektiert. Im Rückgriff auf existenzialistische Positionen wirbt der Text für eine lebendige Beziehungsarbeit und den mündigen Umgang mit digitalen Medien im Unterricht.

Meinem Freund und Lehrer

Hans-Peter Hempel

Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl,

sie steuert mein ganzes seelisches Wesen,

je selbstverständlicher, je unbewusster ich mich ihr überlasse.

Victor Klemperer1

Kinder brauchen Erwachsene

die ihnen zeigen

wie das gehen könnte

dieses Spiel

ein Mensch zu werden

Lukas Bärfuss2

INHALT

 

Vorwort

Kapitel 1

Vom Zeigen zur Anzeige

Kapitel 2

Was digitaler Unterricht ist, verrät die Sprache

Kapitel 3

Über Abwehrreflexe, Schul-Tuismus und Narrative der Digitalisierung

Kapitel 4

Paradoxien der Digitalisierung und Erziehung zur Medienmündigkeit

Kapitel 5

Für eine neo-existenzialistische Pädagogik

Anmerkungen

Vorwort

In den letzten Jahren sind viele kritische Bücher zur Digitalisierung im Bildungssystem erschienen – wissenschaftliche und journalistische. Einen guten Überblick bietet Ingo Leipners „Die Katastrophe der digitalen Bildung“. Der Autor war zunächst nicht ganz glücklich über den vom Verlag gesetzten Titel. Er schien ihm zu stark vom Marketing geprägt; doch als er sich an die Recherche machte, fand er ihn sehr zutreffend. Was sich im Bildungssystem anbahnt, lässt sich – so Leipner – tatsächlich nur noch als Katastrophe bezeichnen. Und so interessieren sich auch immer mehr Lehrerinnen und Lehrer für eine kritische Perspektive auf den schulischen Digitalisierungsprozess. Wie anders lässt sich die zweite Auflage von Ralf Lankaus Buch „Kein Mensch lernt digital“ erklären, das in einem dezidiert auf pädagogische Themen ausgerichteten Verlag erschien? Und Richard Münchs „Der bildungsindustrielle Komplex“ wird auf 3sat empfohlen und in universitären Pädagogikseminaren diskutiert. Einen größeren Leserkreis erreichte Sigrid Hartongs Vortrag „Big Data und Learning Analytics in der Bildung“, den die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) online publizierte. Auch werden inzwischen an Soziologie- und Philosophie-Lehrstühlen Critical Data Studies oder Data Ethics gelehrt. So forscht zum Beispiel Rainer Mühlhoff an der Universität Osnabrück über Datenschutz und Privatheit im Kontext von Big Data und digitalem Kapitalismus. In Berlin wurde er wiederholt zu Lehrerfortbildungen eingeladen.

All diesen und anderen Autoren und Autorinnen, die in den letzten Jahren über den „Angriff der Algorithmen“ (Cathy O’Neil) nachgedacht haben, verdankt der vorliegende Essay sehr viel. Was ihn von wissenschaftlichen Analysen, seien es medienpädagogische oder soziologische, unterscheidet, ist seine Innenperspektive. Es ist der Text eines Lehrers, der die deutsche Digitalisierungsagenda seit vielen Jahren beobachtet und an seiner Schule das Fach „Medientheorie“ etabliert hat, das er leidenschaftlich unterrichtet. Der Text folgt der Überzeugung, dass gegenwärtiges Unterrichten die Auseinandersetzung mit einer digitalen Medienkultur unbedingt suchen muss; denn die Lebenswelt junger Menschen ist von digitalen Medien kolonisiert. Dem muss sich jede Lehrkraft – im existenziellen Sinne – stellen, zumal die Auswirkungen bei Schülerinnen und Schülern unübersehbar sind: geringere Konzentrationsspannen, veränderte Lese- und Schreibgewohnheiten, von digitalen Medien bestimmtes Freizeitverhalten, neue medienkulturelle Orientierungsmuster. Deswegen richtet der Essay sich nicht nur an Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch an Studierende und Eltern, die an Fragen des Digital Turns im Bildungssystem interessiert sind.

Aus der Innensicht heraus verbindet der Essay medienphilosophische Reflexionen mit Impressionen aus dem Schulalltag. Dabei nimmt er auch den neoliberalen Umbau der Schule, das sogenannte Change Management, in den Blick – ohne das die Digitalisierung im Bildungssystem nicht organisiert werden könnte. Das Change Management folgt einem Veränderungsimperativ, dem zufolge Schule ständig neu „entwickelt“ werden muss. So bestimmt den Text auch das Thema der permanenten Arbeitsüberlastung, die durch die Digitalisierung nicht geringer wird, sondern sich stetig erhöht. Der private Computer ist der dritte Arbeitsplatz geworden, neben dem Unterricht im Klassenraum und dem Schreibtisch, an dem noch Bücher gelesen, Unterrichtsstunden konzipiert und Klausuren mit der Hand korrigiert werden. Deswegen verzweifeln auch viele Lehrerinnen und Lehrer an der Behauptung, dass digitale Werkzeuge ihnen die Arbeit erleichtern würden. Das Gegenteil ist der Fall. Allein die Arbeit mit Onlinegutachten und Lernplattformen ist kein Ersatz, sondern Zusatz.

Der Essay greift auf eigene Gedanken und Thesen zurück, die seit 2007 in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen erschienen sind. Auf sie wird gelegentlich in den Anmerkungen verwiesen. Sie reichen von frühen Überlegungen zum „Verschwinden des Lehrers“ bis hin zu Reflexionen über die Sprachpolitik im Bildungssystem und den neuesten Schulkitsch, der Schülerinnen und Schüler in digitalen Lernlandschaften an bunten Bildschirmen arbeiten sieht. So bin ich Martin Scherer, dem Verleger des Claudius Verlags, sehr dankbar, dass er mir die Gelegenheit gab, verstreut erschienene Gedanken zusammenzuführen und weiterzudenken. Der Titel „Kritik und Verantwortung“ ist gleichsam die Klammer. Er verweist auf Haltungen, ohne die die Pädagogik nicht auskommt und die im digitalen Zeitalter immer wichtiger werden. Vor allem das letzte Kapitel spitzt die Frage zu, warum man – angesichts des Umbaus des Bildungssystems – überhaupt noch Lehrer sein sollte.

Ein Missverständnis muss jedoch gleich abgewehrt werden, nämlich die mögliche Unterstellung, die in diesem Essay geäußerten Gedanken zeugten von einer Sehnsucht nach einer guten alten Schulzeit, die es bekanntlich nie gegeben habe. Auch wenn der Text alles unternimmt, ein solches Missverständnis zu verhindern, so haben doch die Marketingkampagnen für die „Digitalisierungsoffensive“ zu einer solchen Polarisierung des Diskurses geführt, dass nachdenkliche Kritik schnell als unzeitgemäß abgewiesen wird. Auch im Bildungssystem dominiert das Narrativ der Alternativlosigkeit. Kritiker der Digitalisierung werden gleichgesetzt mit Menschen, die noch in der „Kreidezeit“ leben. Entfaltet wird das Assoziationsfeld des Höhlenmenschen, der noch nicht das Licht des interaktiven Whiteboards erblickt hat. Übersehen wird, dass sich immer mehr Lehrerinnen und Lehrer kritisch zur Digitalisierungsagenda äußern, weil sie sich für digitale Werkzeuge und deren Modellierungen interessieren. Der Philosoph Gilles Deleuze warnte schon in den frühen 1990er-Jahren in einem Interview mit Toni Negri vor neuen Formen der permanenten Kontrolle in scheinbar offenen Milieus – wie zum Beispiel in den angepriesenen digitalen Lernlandschaften. Deleuze meinte, es könnte sein, dass uns später einmal ältere Internierungsformen wie enge Klassenräume und feste Zeittaktungen „zu einer freundlichen und rosaroten Vergangenheit zu gehören scheinen“3. Auch Deleuze lag es fern, die alte Disziplinargesellschaft, die wir gerade verlassen, zu verklären. Doch sah er schon die neuen Kontrollformen voraus, welche sich jetzt in Gestalt von Learning Analytics, digitalen Prüfungs- und Korrekturformaten, Evaluationen, Selbstoptimierungsforderungen und flexibleren Unterrichtsmodellen etablieren.

Schließlich muss noch ein weiteres Problem benannt werden, das zeigt, wie schwierig es geworden ist, die Digitalisierungsagenda und ihre Sprachpolitik zu kritisieren. Denn es besteht die Gefahr, dass gerade die Kritik an einem erstarrten Emanzipationsvokabular von rechtskonservativen Parteien zitiert, ja gleichsam gekapert wird.4 Solche Adaptionen folgen meist einer metapolitischen Strategie, um das kulturelle, in diesem Fall: das bildungspolitische Feld mit Begriffen zu besetzen, welche 4 die eigenen politischen Positionen intellektualisieren und anschlussfähig machen sollen.5 Der in diesem Essay formulierten Kritik geht es jenseits aller gängigen politischen Zuordnungsmuster darum, ein falsches Bewusstsein von Emanzipation und deren enge Bindung an digitale Technologien aufzudecken, und zwar gerade, um die Autonomie und Freiheit des Individuums zu bewahren – gegenüber Steuerung, Manipulation und Ausgrenzung. Am ehesten fühlt sie sich der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule verbunden.

Wir bewegen uns also im Moment in einer Art Reklameschlacht. Wie es für den Neoliberalismus, dessen Ruinen wir überall vor uns sehen, typisch ist, werden Vokabulare ständig enteignet, umkodiert, sinnentleert. IT-Konzerne und EdTech-Firmen6 kopieren die Begriffe, die gerade bildungspolitisch en vogue sind, und rechtskonservative Zeitschriften und Bildungskonzepte entern die Kritik daran. Deswegen ist Sprachanalyse zu einer so wichtigen Methode geworden, die eigene Argumentation verständlich zu machen. Auch wenn man sich weder vor Missverständnissen noch vor Missbrauch schützen kann, so kann man diese Gefahren explizit machen.

In dem Interview mit Toni Negri dachte Deleuze über ähnliche Probleme nach, mit denen Widerstand und Kritik in den Kontrollgesellschaften, in denen wir uns heute bewegen, zu kämpfen haben. Vielleicht seien Wort und Kommunikation völlig verdorben. Deleuze schlägt eine Abkehr vom Wort vor. Wir müssten „leere Zwischenräume der Nicht-Kommunikation“ schaffen, schöpferische Unterbrechungen. Und es könnte sein, dass er recht hat. Vielleicht ist auch schon die Kritik – mithin dieser Text – werbesprachlich infiziert. Das Unbewusste ist ein mächtiger Gebieter. Vor allem aber bevölkern den Essay ja die technoiden Wörter, die er kritisiert. Sie müssen nicht nur zitiert, sondern auch benutzt werden; und es ist nicht nur ein Thema der Stilistik, sondern auch der Sprachpolitik selber: Die Wörter der Digitalisierungsagenda, auch dies schon ein Wortungetüm, schleichen sich in das pädagogische Vokabular ein und bestimmen es.

Man entkommt nicht der Dialektik, dass man das kritisierte System allein schon dadurch stabilisiert, dass man es ernst nimmt. Der Soziologe Ulrich Bröckling schlägt deswegen den Weg der Ironisierung vor. Der Essay wird diesen Spuren folgen und die Frage beantworten müssen, warum er dem Wort noch vertraut.

Kapitel 1 Vom Zeigen zur Anzeige

Im Jahr 2022 präsentierte das Bremer Schulmuseum eine Wanderausstellung, die den Titel „Raus aufs Land zum Lernen“7 trug. Sie zeigte ein Foto, auf dem der Reformpädagoge und Lehrer Carl Dantz mit jungen Schülerinnen und Schülern über einen Pilz spricht, genauer gesagt: ihnen etwas an einem Pilz zeigt. Dantz sitzt im Schneidersitz auf einer Waldwiese, und um ihn herum stehen und knien elf Mädchen und Jungen, die alle einen ähnlichen Pilz in der Hand halten. Vor den gekreuzten Beinen auf dem Boden liegen drei weitere Exemplare. Die rechte Hand des Lehrers hält den Pilz am Stiel fest, während die linke Hand sacht den Hut umgreift. Sein Blick ist ebenso konzentriert wie der der Kinder. Er erklärt. Vielleicht die Struktur des Pilzes. Weil alle den Pilz auch in ihrer Hand haben, können sie ihn unmittelbar fühlen. Sie sind in eine synästhetische Lehrsituation involviert. Vor allem aber stammt die Erklärung von einer Person, der sie offensichtlich vertrauen.

Das Foto aus dem Jahr 1927, das während des Aufenthalts im Schullandheim Ristedt aufgenommen wurde, bannt den Betrachter deshalb, weil das aufmerksame Hinschauen der Kinder so wach und lebendig wirkt. Die Atmosphäre gemeinsamen Lernens erscheint authentisch und nicht für eine Fotografie inszeniert. Man kann sich nicht vorstellen, dass die Schülerinnen und Schüler diesen Pilz und sein Habitat jemals wieder vergessen. Nicht nur weil das Erkunden des Hutpilzes mit der besonderen Lernsituation draußen in der Natur verbunden bleibt, sondern auch weil sie eine erwachsene Person erleben, die sich einem Gegenstand, den sie auch in ihren Händen halten, ganz hingibt und ihr Wert verleiht. Wir sehen eine triadische Situation zwischen einem Lehrenden, einem Lernenden und einem Lerngegenstand, der zudem nicht als abstrakte Zeichnung vorliegt, sondern mehrdimensional wahrgenommen wird; und es ist deutlich spürbar, dass der Lehrer die Erklärung für die Schülerinnen und Schüler unternimmt – mit dem Ziel, dass auch sie Pilzkundige werden und später selbstständig im Wald auf Pilzsuche gehen können.

Wie wichtig das konkrete Zeigen für die zwischenmenschliche Kommunikation ist, haben zuletzt die anthropologischen Forschungen des US-amerikanischen Evolutionsbiologen Michael Tomasello betont. Aus Zeigegesten und ikonischen Gesten ist nicht nur – so Tomasello – die menschliche Sprache entstanden. Gerade das Zeigen ermöglicht es dem Kleinkind, einen gemeinsam geteilten Hintergrund zu erzeugen – eine typisch menschliche Fähigkeit. Zeigegesten sind Aufmerksamkeitslenker, die Kindern von früh auf vertraut sind und mit denen sie schon vorsprachlich ihr Gegenüber in die von ihnen erlebte Welt einzubinden versuchen. Kulturell dienen Zeigegesten der Wissensweitergabe. Sie sind gleichsam eine „Urform der Pädagogik“8.

Das Foto zeigt zwar eine besondere pädagogische Situation, nämlich einen Ausflug während eines Schullandheimaufenthalts; aber gerade deswegen vermag es auch die Bedeutung der leiblichen Anwesenheit des Lehrers so anschaulich hervorzuheben. Es ist eine zentrale These dieses Essays, dass junge Menschen in schulischen Lernsituationen Sachthemen am besten von älteren Menschen lernen – und zwar in leiblicher Präsenz. Dieser Zusatz wäre zu der Zeit, in der dieses Foto aufgenommen wurde, völlig absurd gewesen. Eigentlich müsste er es auch jetzt noch sein. Dass jedoch Lernen in leiblichen Begegnungsräumen stattfindet, in denen eine Lehrperson eigenständig lehrt, ist schon lange nicht mehr selbstverständlich und bedarf spätestens seit dem Digital Turn im Bildungssystem einer Rechtfertigung; und das aus mehreren Gründen.

Liest man nämlich die Strategiepapiere der Kultusministerkonferenz (KMK) aus den Jahren 2016 und 2021 und Handouts von Seminaren der Lehrerweiterbildung oder hört man auf den didaktischen Newspeak in der Referendarausbildung, so wird ein neues Unbehagen deutlich. Man misstraut dem Lehrer als einer Instanz, die sich nicht nur ein bestimmtes Fachwissen interessiert angeeignet, sondern sich berufsvorbereitend auch intensiv mit pädagogischen Fragen beschäftigt hat und sich zutraut, dieses Wissen mit Kindern und Jugendlichen zu teilen – im Bewusstsein, dass der eigene Aneignungsweg und eine Begabung zur Vermittlung für den Unterrichtsprozess wichtig sind. Kurz gesagt: Man misstraut dem Lehrer als selbst denkender Vermittlungsinstanz. Nun könnte man einwenden, dass dieses Misstrauen ja nicht ganz unberechtigt ist, zumal der Frankfurter Bildungswissenschaftler Hans-Peter Klein gezeigt hat, dass das Niveau der schulischen Abschlussprüfungen seit dem „PISA-Schock“ gesenkt wurde. Klein nennt das eine „Nivellierung der Ansprüche“ und spricht von einer Verbilligung der Abschlüsse.9 Deswegen haben viele Universitäten sogenannte Brückenkurse eingerichtet; denn das in der Schule erworbene Wissen befähigt nicht mehr unbedingt zu einem Studium. Und das modularisierte System der im Zuge des Bologna-Prozesses umgestalteten Universitäten fördert auch nicht gerade ein selbstbestimmtes Studieren, das sich eigenen Fragestellungen und Lektüren hingibt.10 Zugespitzt formuliert könnte man sagen: Das Unbehagen am Lehrerberuf folgt der Einschätzung, dass Schule und Studium nicht mehr unbedingt fachlich qualifizierte Lehrer und Lehrerinnen ausbilden. Auch die Klage über mangelnde Rechtschreibleistungen und fehlende fachspezifische Kenntnisse vieler junger Lehrkräfte ist wohl ernst zu nehmen.

Die Apologeten des kompetenzorientierten Unterrichts und der modularisierten Studiengänge würden das Argument der Niveau-Absenkung trotz Kleins Studien wahrscheinlich reflexhaft als zynisch zurückweisen; und man muss es auch nicht bemühen, da sich das Unbehagen auch anders erklären lässt. Zum einen folgt das neue didaktische Vokabular, das von „Lernbegleitern“ spricht, gern auch Begriffe aus dem „Coaching“ verwendet oder „Lehr-Lern-Szenarien“ imaginiert, in denen Akteure unbenannt bleiben, einer Emanzipationsideologie, der asymmetrische Strukturen per se verdächtig sind. Jetzt heißt es, dass man Lernenden „auf Augenhöhe“ begegnen solle. Eng verknüpft ist diese modische Phrase mit den neuen Hochwertwörtern „Wertschätzung“ und „Teilhabe“. Es handelt sich um Wörter und Konzepte, die im letzten Jahrzehnt in die Pädagogik eingewandert sind. Die Konzepte, die sich hinter diesen Begriffen verbergen, scheinen gleichsam sakrosankt zu sein. Kaum einer traut sich, sie in Frage zu stellen. Einspruch und Kritik gelten als Abweichen vom Projekt des emanzipativen Fortschritts und werden von Schulleitungen als Störungen des Betriebsablaufs wahrgenommen. Dass die richtige Sprache als Erkennungszeichen fungiert, um die Zugehörigkeit zu einem eng definierten Bildungskonzept zu signalisieren, kennt man zwar spätestens seit der Wende zur Handlungsorientierung in den 1980er-Jahren. Aber die Dynamik und Rigorosität, mit der seit einigen Jahren ein bestimmtes sozialtechnologisches Vokabular eingefordert wird, ist ein relativ neues Phänomen. Deswegen wird sich dieser Essay besonders dem Thema der Sprachpolitik im Bildungssystem widmen.

Doch zurück zur Kommunikation „auf Augenhöhe“: Die Schulbuchbranche liefert schon didaktische Konzepte für symmetrische Gespräche mit Schülern und Eltern. Auch erscheinen erste Unterrichtsmodelle und Anleitungen aus der Coachingindustrie für horizontale Gesprächsführungen zwischen Lehrenden und sogenannten Coachees. Diese Konzepte verkennen das, was in der erziehungswissenschaftlichen Tradition eine pädagogische Situation genannt wird, und sie täuschen eine Welt vor, die es nicht gibt. Sie erschaffen, wie der Bildungssoziologe Richard Münch formuliert, eine abgehobene „Bildungswirklichkeit zweiter Ordnung“11. Man könnte auch von einem Simulakrum sprechen, einer simulierten schulischen Welt.12 Allein die Entscheidung, jungen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, ist ja schon über deren Köpfe hinweg getroffen worden. Sicher wäre es verführerisch, ein karikatureskes Zerrbild dieses Konzeptes zu entwerfen. Doch genügt es schon, auf das Notensystem zu verweisen. Noten zu erteilen, ist ein