Kuckucksnest - Hera Lind - E-Book

Kuckucksnest E-Book

Hera Lind

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Beschreibung

Wer Adoption sagt, muss auch B sagen

Wer Adoption sagt, muss auch B sagen

Die Zwillinge Sonja und Senta fallen aus allen Wolken, als sie erfahren, dass sie beide unfruchtbar sind. Doch dank ihrer Männer stehen sie den endlosen Adoptionsmarathon durch, und so finden nach und nach zehn Kinder zu ihnen. Jedes hat einen anderen erschütternden Hintergrund – traumatisierte Kinderseelen, die Halt und Liebe brauchen. Die Zwillinge öffnen Haus und Herz, lieben bedingungslos und gründen eine turbulente Großfamilie, die stark genug ist, alle zehn Kinder aufzufangen …

Eine berührende Geschichte voller Mut und Konsequenz und dem unerschütterlichen Glauben an die Kraft der Familie

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Wer Adoption sagt, muss auch B sagen

Die Zwillinge Sonja und Senta fallen aus allen Wolken, als sie erfahren, dass sie beide unfruchtbar sind. Doch dank ihrer Männer stehen sie den endlosen Adoptionsmarathon durch, und so finden nach und nach zehn Kinder zu ihnen. Jedes hat einen anderen erschütternden Hintergrund – traumatisierte Kinderseelen, die Halt und Liebe brauchen. Die Zwillinge öffnen Haus und Herz, lieben bedingungslos und gründen eine turbulente Großfamilie, die stark genug ist, alle zehn Kinder aufzufangen …

Eine berührende Geschichte voller Mut und Konsequenz und dem unerschütterlichen Glauben an die Kraft der Familie

Als sie dreißig sind, ist der Traum von eigenen Kindern ausgeträumt. Nach erfolglosen Hormonbehandlungen fassen die Zwillinge Sonja und Senta zusammen mit ihren Ehemännern den festen Entschluss: Sie wollen trotzdem eine Familie gründen. Ein langer Marathon durch die Jugendämter beginnt, bis Sonja und Paul endlich ein Kind zugesprochen wird: ein Junge, dessen Mutter Alkoholikerin ist. Sie zögern keine Sekunde, lieben ihn vom ersten Moment an und ahnen noch nicht, dass bei traumatisierten Kindern Liebe allein nicht ausreicht. Senta und Markus adoptieren kurz darauf ein Mädchen von einer minderjährigen Prostituierten und schweben im Elternglück. Der drei Monate alte Sohn einer Rechtsradikalen folgt, ebenso zwei kleine iranische Schwestern, die von der Mutter in einer Wohnung zurückgelassen wurden. Schließlich kommen ein Frühchen aus der Babyklappe, das kaum Überlebenschancen hat, und ein Waisenmädchen aus Kenia hinzu. So gründen Senta und Sonja eine turbulente Großfamilie mit insgesamt zehn Kindern. Doch werden die Kinder es schaffen, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen?

HERA

LIND

Kuckucksnest

Roman nach einer wahren Geschichte

Vorbemerkung

Dieses Buch erhebt keinen Faktizitätsanspruch. Es basiert zwar zum Teil auf wahren Begebenheiten und behandelt typisierte Personen, die es so oder so ähnlich gegeben haben könnte. Diese Urbilder wurden jedoch durch künstlerische Gestaltung des Stoffs und dessen Ein- und Unterordnung in den Gesamtorganismus dieses Kunstwerks gegenüber den im Text beschriebenen Abbildern so stark verselbstständigt, dass das Individuelle, Persönlich-Intime zugunsten des Allgemeinen, Zeichenhaften der Figuren objektiviert ist.

Für alle Leser erkennbar erschöpft sich der Text nicht in einer reportagehaften Schilderung von realen Personen und Ereignissen, sondern besitzt eine zweite Ebene hinter der realistischen Ebene. Es findet ein Spiel der Autorin mit der Verschränkung von Wahrheit und Fiktion statt. Sie lässt bewusst Grenzen verschwimmen.

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Von Hera Lind sind im Diana Verlag bisher erschienen:

Die Champagner-Diät – Schleuderprogramm – Herzgesteuert – Die Erfolgsmasche – Der Mann, der wirklich liebte – Himmel und Hölle – Der Überraschungsmann – Wenn nur dein Lächeln bleibt – Männer sind wie Schuhe – Gefangen in Afrika – Verwechseljahre – Drachenkinder – Verwandt in alle Ewigkeit – Tausendundein Tag – Eine Handvoll Heldinnen – Die Frau, die zu sehr liebte – Kuckucksnest

Copyright © 2016 by Diana Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

Umschlagmotive: © GettyImages/Shutterstock

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-18384-4V002

www.diana-verlag.de

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Für das Beste, was uns je passiert ist:

unsere Kinder

1

SENTA

Januar 1992

Nebenan fiel eine Tür ins Schloss. Hallende Schritte durchquerten den Flur. Ich kniff die Augen zusammen, hielt den Atem an und biss mir fest auf die Lippen. Mit eiskalten Händen krallte ich mich an Markus.

Jetzt würde sich alles entscheiden: Würde ich Mutter werden? Würde mein größter Lebenstraum endlich in Erfüllung gehen?

»Komm, Senta, das wird schon«, murmelte Markus, genauso nervös wie ich.

Wir hockten Seite an Seite da wie zwei Schüler, die gleich gesagt bekommen, ob sie versetzt werden oder nicht, als die Tür zum Sprechzimmer der Kinderwunschpraxis aufflog. Unwillkürlich zog ich den Kopf ein. Der Gott in Weiß, auf den wir seit drei Jahren alle unsere Hoffnung setzten, kam mit wehenden Kittelschößen herein. Ein Blick auf seine ernste Miene, auf seinen mahlenden Kiefer, und alle Hoffnung war dahin. Ich würde nicht Mutter werden. Niemals.

»Es tut mir leid, aber nach Durchsicht der Befunde ist es so gut wie ausgeschlossen, dass Sie jemals schwanger werden können.«

Dr. Brechts Blick war ernst. In seinen Brillengläsern spiegelte sich mein verzweifeltes Gesicht – mein halb offener Mund und meine weit aufgerissenen Augen, die sich mit Tränen füllten. Ich fühlte mich schlaff und schwer wie ein Sandsack, und meine Kehle war wie ausgedörrt. Irgendwie hatte ich es immer noch nicht begriffen.

»Können Sie … Wie – endgültig ist das jetzt?«

»Nach der Biopsie der Gebärmutterschleimhaut kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass sich aufgrund der Laborbefunde keine Eizelle einnisten wird.«

Ein riesiger Kloß saß mir im Hals. Die endgültige Gewissheit überrollte mich wie eine eisige Welle. Ich war wie erstarrt.

Markus und ich waren seit vier Jahren zusammen. Er hatte sein Musikstudium beendet, war inzwischen Mitglied im Rundfunksinfonieorchester, und wir hatten ein Haus gebaut. Ein Haus mit drei Kinderzimmern! Denn ich wollte nie etwas anderes als Mutter werden, Mutter sein! Das war der Sinn meines Lebens – einen kleinen Menschen auszubrüten, ihn wachsen und gedeihen zu sehen, ihn zu lieben und zu behüten und ihm die Welt zu erklären. Gab es ein größeres Glück auf Erden? Und nicht nur ein Menschlein wollte ich ins Leben begleiten, sondern gleich mehrere. In meinem Herzen war so viel Platz!

Wir, Markus und ich, wir hatten ein Nest! Ein warmes, heimeliges, kuscheliges Fachwerkhaus am Stadtrand von Köln, inmitten von bewaldeten Hügeln, Wiesen und Kuhweiden, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten und man trotzdem die Domtürme von ferne am Horizont sehen konnte. Und nun wollten wir es mit Küken füllen!

Ich war dreißig, die biologische Uhr tickte erbarmungslos.

»Aus medizinischer Sicht sind Sie bereits eine Spätgebärende!« Der Arzt schüttelte bedauernd den Kopf. »Sie sollten sich keine weitere Tortur mehr antun.«

Wir hatten verdammt noch mal vier Behandlungszyklen hinter uns, in denen meine Eierstöcke dermaßen mit Hormonen überstimuliert worden waren, dass sich bis zu sechzehn befruchtungsfähige Eier entwickelt hatten. Ich konnte vor Schmerzen kaum noch laufen, mir war ständig übel, und ich kämpfte mit Schwindelattacken. Wir hatten lange, zähe Monate des Hoffens und Bangens hinter uns. Mein Markus war angetanzt, wenn das Thermometer es für gut befunden hatte. Wir hatten »es« diszipliniert durchgezogen wie eine militärische Übung. Doch jedes Mal hatten sich wieder verräterische rote Tropfen in meine Slipeinlage gestohlen, und ich hatte heiße, bittere Tränen geweint.

Was ich auch jetzt tat.

Sie kullerten über meine Wangen, sammelten sich an meinem Hals und ergossen sich in meinen Schoß wie ein Murenabgang im Hochgebirge. Wütend und beschämt wischte ich sie mit dem Handrücken weg. Der Arzt schob mir diskret die Packung mit den Papiertaschentüchern hin.

Diesmal gab es keine Hoffnung mehr. Wir würden keinen neuen Behandlungszyklus mehr beginnen, in der Hoffnung, dass es vielleicht diesmal doch noch klappen würde. Es war aus. Endgültig aus.

»Es tut mir so leid für Sie beide.«

Dr. Brecht sah uns mitfühlend an. »Ich weiß, dass Sie mit dieser Nachricht erst mal fertigwerden müssen.« Er machte eine Pause und ließ mich weinen. Seine Fingerspitzen trommelten aufeinander, während ich von Schluchzern geschüttelt wurde. Ich wusste gar nicht mehr, wohin mit meiner verzweifelten Trauer. Markus tätschelte mir unbeholfen das Knie und reichte mir mit der anderen Hand ein Papiertuch nach dem anderen, in dem Versuch, eine Überschwemmung zu vermeiden.

Meine Tränenflut reichte, um die ganze Praxis feucht auszuwischen.

»Aber das bedeutet nicht, dass Sie keine Kinder HABEN können.« Der Arzt beendete seinen Trommelwirbel und faltete die Hände wie in der Kirche.

»Wie?« Ich hob den Blick und starrte ihn an. Hatte der Gynäkologe doch noch ein Ass im Ärmel? Immerhin war er Spezialist für Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch.

»Für ein Kind würde ich alles tun! Auch Kreide fressen oder mir noch ungetestete Medikamente spritzen lassen!«

Tausend kleine Fältchen bildeten sich um Dr. Brechts Augen. Ein winziges Lächeln stahl sich auf seine Lippen. »Na, na, na, es gibt auch andere Möglichkeiten. Eine Adoption zum Beispiel. Denken Sie mal darüber nach.«

2

SONJA

Januar 1992

»Soll ich?«

»Wenn du meinst …«

»Ich bin drei Tage drüber, Paul! Das war ich noch nie! Ich hab seit LETZTEM Jahr meine Tage nicht mehr gekriegt!«

»Ja, dann mach mal. Aber pinkel nicht daneben.«

»Und du wartest hier?«

»Nee, ich heirate inzwischen eine andere.«

»Ach, Blödmann!« Lachend schlug ich mit der Serviette nach meinem Liebsten. Aber so schelmisch, wie er mich ansah, konnte ich ihm kein bisschen böse sein.

Wir hatten den Jahreswechsel auf Sylt verbracht und saßen dort nun in unserer heimeligen Ferienwohnung, bereit für wundervolle Neuigkeiten. Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit meiner Zwillingsschwester Senta. Wir beide versuchten seit drei Jahren verzweifelt, endlich schwanger zu werden, waren beide in der nicht gerade preiswerten Behandlung bei Dr. Brecht in Köln-Hoffnungsthal, der beliebten Kinderwunschpraxis.

Unsere Männer standen nicht nur finanziell Gewehr bei Fuß, sondern auch sonst. Und nun sollte ich, Sonja Wegener, das Rennen machen? Senta würde sich jedenfalls neidlos freuen.

»Diesmal hat es geklappt!«

»Vielleicht liegt es ja an der frischen Seeluft …?«, versuchte mein Mann mich zu ermuntern.

»Was? Dass ich vielleicht schwanger bin? Paul, Schatz, ich würde sagen, du hast in Biologie nicht aufgepasst.«

Kopfschüttelnd ließ ich ihn am Frühstückstisch sitzen und verschanzte mich im Bad. Wir hatten das Frühstück extralange hinausgezögert, und ich hatte in Wahrheit kaum einen Bissen hinunterbekommen. Da konnte ich noch so lange auf dem letzten Brötchenkrümel herumkauen und in mich reinhorchen, ob da womöglich schon ein Embryo rumkrabbelte, der ein Schild mit der Aufschrift »Gewonnen!« schwenkte: Irgendwann musste ich Farbe bekennen. Nein, falsch. Dieser Streifen musste Farbe bekennen, auf den ich soeben gepinkelt hatte.

Mann, was zitterten mir die Finger! Hoffentlich hatte ich auch getroffen. Aber diesmal täuschte ich mich nicht! Oder doch? Der Schwangerschaftstest, den ich seit Tagen in der Handtasche mit mir herumgetragen hatte wie eine Waffe gegen das Schicksal der Unfruchtbarkeit, würde gleich Klarheit in unser weiteres Leben bringen. Ich war dreißig und mein Liebster sogar schon vierzig. Paul hatte aus erster Ehe bereits einen fast erwachsenen Sohn. Er war ein wundervoller Vater. Mit ihm wollte ich einen ganzen Stall voller Kinder haben! Wir besaßen ein gemütliches Stadthaus in einer stillgelegten Spielstraße am Kölner Stadtwald, direkt am Tiergehege, wo täglich kleine Menschlein die Ziegen und Ponys streichelten. Mit viel Glück würde ich im nächsten Jahr mit einem Kinderwagen dabei sein. Und im Jahr darauf vielleicht schon mit einem Bollerwagen UND einem Kinderwagen …

Ich holte tief Luft und atmete einmal ganz tief in den Bauch. So, Embryo. Melde dich.

Jetzt oder nie. Los, dein Auftritt!

Mit zusammengekniffenen Augen starrte ich auf den Teststreifen. Ein roter Balken hatte sich schon mal gebildet. Das bedeutete, dass ich sehr wohl getroffen hatte.

Zehn Minuten warten, hieß es im Beipackzettel. Wenn sich dann ein zweiter roter Streifen gebildet haben würde, würde ich Mutter werden! Mein Herz schlug jetzt schon Purzelbäume vor Freude.

»Liebes? Alles in Ordnung bei dir da drin?« Paul klopfte sanft an die Tür. O Gott. Waren die zehn Minuten etwa schon rum?

»Ja! Alles bestens! Ich komme gleich!« WIR kommen gleich, hätte ich beinahe gerufen. Nur Geduld. Diesmal würde es klappen! Ich war mir ganz sicher. So oft wie Paul und ich uns in letzter Zeit geliebt hatten, müssten es eigentlich Vierlinge oder Fünflinge werden. Ich hörte Paul in der Küche rumoren. Bestimmt hielt er bereits die eisgekühlte Flasche Sekt in der Hand, die noch von Silvester übrig war, um sie zu köpfen.

Ich starrte in den Spiegel. Eine blonde Frau mit kecken Ponyfransen und wachen blauen Augen sah mir entgegen. Hätte Senta nicht den kleinen Leberfleck über der Oberlippe, könnten wir uns selbst kaum unterscheiden. Wir strotzten vor Lebensfreude, Übermut und Optimismus. Wir liebten einander und hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Geht nicht, gab’s nicht. Das hatten wir vermutlich in unserer unbehüteten Kindheit gelernt. Wir waren der fleischgewordene Überlebenswille! Wie konnte es dann sein, dass sowohl Senta als auch ich seit Jahren vergeblich auf ein Baby warteten? Paul hatte eine eigene gut gehende Werbeagentur, in der auch wir Mädels arbeiteten. Sentas Markus, der Geiger, verdiente ebenfalls gutes Geld. Die beiden waren zwar nicht verheiratet, aber auch ein perfektes Paar. Bessere Voraussetzungen für eine gemeinsame Großfamilie waren eigentlich kaum denkbar.

»Schatz?« Paul trommelte gegen die Klotür. »Du sollst nicht neun Monate da drin bleiben! Lies die Packungsbeilage noch mal genau durch!«

»Jetzt warte doch, verdammt!«

Nicht der Anschein eines zweiten rosa Streifens wollte sich einstellen. Ich hob den Teststreifen und hielt ihn gegen das Licht, ging damit zum Fenster. Riss die Gardine auf. Vielleicht bei Tageslicht? Hielt ihn gegen die Sonne. Schüttelte ihn wie ein Fieberthermometer.

Bitte, lieber Gott. Bitte mach, dass der Test positiv ist! Bitte! Ich will endlich ein Baby! Das ist doch nicht zu viel verlangt!

Der Teststreifen verhöhnte mich mit seiner Einstreifigkeit. Er dachte gar nicht daran, seine vornehme Blässe zu verändern.

Mir schossen Tränen in die Augen. Warum denn ausgerechnet ich! Wie viele Frauen beten darum, endlich ihre Tage zu kriegen! Sogar das Weihnachtsoratorium war zur Hymne solchermaßen erleichterter Frauen geworden: »Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage!« Diese Frauen sehnten die erlösenden roten Tropfen herbei, damit sie sich selbst verwirklichen konnten, die Karriereleiter raufklettern, reisen, frei sein, Spaß haben! Weil sie nicht mit dem richtigen Mann geschlafen hatten oder weil sie einfach noch nicht reif für ein Kind waren.

Aber ich hatte den richtigen Mann, das richtige Alter, war finanziell abgesichert, gesund, jung, intelligent und voller positiver Energie!

Warum bekamen solche Frauen Kinder?

Und ich nicht?

Wir nicht? Senta und ich?

WIR nicht? Paul und ich? Ein heftiges Schluchzen brach aus mir heraus.

»Liebes, ich bin hier.« Ich hörte, wie Paul dezent den Kühlschrank öffnete und die ungeöffnete Sektflasche zurückstellte.

»Du bist nicht allein.« Seine Stimme war ganz sanft. »Komm raus, Süße.«

Schweigend ließ ich mich in Pauls ausgebreitete Arme fallen und vergrub mein tränenüberströmtes Gesicht an seinem Hals.

Zum Glück sprach er nicht weiter. Paul ließ mich einfach nur weinen und strich mir dabei tröstend über den Rücken. Nie wieder würde ich meinen Körper einer schmerzhaften Hormonbehandlung aussetzen. Nie wieder meine Psyche in dieses Wechselbad der Gefühle tauchen. Es sollte nicht sein. Ich fühlte mich leer. Von innen ausgehöhlt. Um meine weibliche Bestimmung gebracht. Meine Eingeweide zogen sich schmerzhaft zusammen, ballten sich wie eine wütende Faust.

Es war vorbei. Es war endgültig vorbei.

3

SENTA

Januar 1992

Ein letztes Mal schritten wir die Stufen der Kinderwunschpraxis hinunter. Meine Finger glitten haltsuchend über das Geländer, auf dem Eiskristalle in der Wintersonne glänzten. Sie tanzten vor meinen Augen wie ein Tischfeuerwerk. Als wollten sie mich verspotten. Markus reichte mir etwas unbeholfen die Hand, aber ich wollte die schmerzende Kälte dieses Geländers fühlen. Wahrscheinlich um zu testen, ob ich überhaupt noch etwas fühlen konnte. Außer dieser Leere in mir. Markus schien zwar auch enttäuscht zu sein, aber offensichtlich traf mich die Härte der Diagnose mit voller Wucht, während sie für ihn nur so etwas wie ein Streifschuss war. Er hatte sein Orchester, seine Reisen, seine Schüler … Ich hatte nichts. Nein, schimpfte ich innerlich mit mir.

Ich hatte meine Schwester Sonja, der es genauso ging wie mir. Natürlich. Das war ein großes Geschenk. Auch die Arbeit in der Firma meines Schwagers Paul am Friesenplatz, mitten im Herzen von Köln, machte uns viel Spaß. Das war schon sehr viel. Aber mein Lebenstraum von einer eigenen Familie würde sich nicht erfüllen.

Schweigend fuhren wir in die Innenstadt. Was sollten wir mit diesem sonnigen Wintertag noch anfangen?

Markus hatte die ganze Zeit noch kein Wort gesagt und ich, ganz entgegen meiner sonstigen Veranlagung, auch nicht. Sonja und ich litten normalerweise nicht an Sprachlosigkeit oder Wortfindungsstörungen – wir waren zwei rheinische Frohnaturen, um nicht zu sagen sprudelnde Quasselstrippen, deren Mitteilungsdrang und Ideenreichtum unerschöpflich waren. Die Sonne schien für uns auch, wenn sich schwarze Wolkenberge türmten.

Aber jetzt war ich stumm wie ein Fisch.

Sonja und Paul, die Menschen, die mir am nächsten standen, waren auf Sylt, und ich wollte sie mit meinen schlechten Nachrichten und meinem Weltschmerz nicht aus ihrer Winterferienlaune reißen. Die beiden arbeiteten hart und hatten ihre Auszeit wirklich verdient. Und vielleicht hatte es ja bei Sonja inzwischen geklappt?

Ich ertappte mich dabei, dass ich es mir sehnlich für sie wünschte. Wenigstens Tante konnte ich ja noch werden.

»Ähm … Wollen wir noch einen Spaziergang am Rhein machen?«, fragte Markus vorsichtig.

»Mir egal.«

Wir saßen schweigend da und betrachteten die kleinen Wellen, die der Wind auf dem Rhein tanzen ließ.

»Ach, Senta. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als nach vorne zu schauen!«

»Dir vielleicht.«

»He!« Er knuffte mich zärtlich. »So kenne ich dich ja gar nicht!«

»Dann wird es aber Zeit.« Ich setzte mich intuitiv auf meine Hände, damit er aufhörte, danach zu greifen. Komisch, aber im Moment konnte ich seine Berührungen nicht ertragen. Ich ließ den Blick über den grauen Fluss gleiten und dachte an das sich darüber und darunter tummelnde Leben. Nur in mir tummelte sich kein Leben! Niemals würde geschehen, worauf ich seit Jahren so inbrünstig hoffte. In meinem Kopf war nichts als Trostlosigkeit, gepaart mit Zorn über die Ungerechtigkeit, dass ausgerechnet ich – also, natürlich wir, kein Baby haben würden. Und alle anderen Leute schon. Ich sah in die vorbeifahrenden Autos hinein, in denen Familien hockten, als wäre das alles vollkommen selbstverständlich. Waren diese Ignoranten sich ihres Glücks überhaupt bewusst? Wieder traten mir Tränen in die Augen. Wütend wischte ich mir mit dem Ärmel über die Nase.

Markus warf mir einen besorgten Seitenblick zu. Entschlossen setzte er den Blinker und fuhr die Rheinpromenade entlang.

»Zoo?«

Ich presste die Lippen aufeinander. Wirklich, sehr einfühlsam!

»Damit wir lauter glücklichen Familien mit kleinen Kindern begegnen?!«, giftete ich ihn an.

»Oh, sorry. Vermintes Gelände. Natürlich kein Zoo.«

Mit verschränkten Armen beobachtete ich sein Einparkmanöver an der Bastei.

Er lief um den Wagen herum und half mir heraus – ich wehrte seine Hände ab und kam mir scheußlich gemein und zickig vor. Störrisch und stumm lief ich neben ihm her, in Richtung Dom. Mit schräg gelegtem Kopf musterte mich Markus von der Seite und versuchte auf seine rührende Art, mich aus der Reserve zu locken. Normalerweise fing ich dann sofort an zu kichern, aber jetzt brauchte ich meine Zeit.

Der Dom ragte majestätisch hinter der Zoobrücke empor, als wollte er mir signalisieren, dass er schon ganz andere Probleme und Sorgen überstanden hatte. Die kalte klare Luft und der Anblick des zufrieden vor sich hin glucksenden Rheins weckten meine Lebensgeister wieder. Trotz all meines Kummers empfand ich dieses Bild als wunderschön. Zwei kleine Blondschöpfe rannten schreiend im Kreis herum, ein dick eingepacktes Mädchen im roten Anorak und ein etwas kleinerer Junge, der einen Stock trug, über den er bestimmt gleich stolpern würde. Ich schluckte und zog die Nase hoch.

»Es tut mir leid, Markus. Ich musste gerade erst mal mit meiner Trauer und dem Schock fertigwerden.«

»Ist schon okay, Süße. Ich bin auch traurig.« Er legte mir den Arm um die Schultern und stupste mir mit seiner kalten Nase ans Ohr, bis ich lächelte. Jetzt hatte er mich so weit, und ich war dankbar, dass er mich aus meiner Erstarrung geholt hatte.

Wieder griff Markus nach meiner Hand, und diesmal ließ ich es geschehen.

»Von mir aus können wir ruhig über eine Adoption nachdenken«, sagte Markus und steckte meine Hand in seine Manteltasche. Augenblicklich fühlte ich mich gewärmt und beschützt. Ganz plötzlich wurde mir bewusst, dass ich nicht alleine dastand mit meiner inneren Leere. Wir waren zu zweit. Und wir konnten einander immer noch ausfüllen und wärmen. Unser nächster Sex würde keine Pflichtnummer mehr sein. Sondern endlich wieder entspannt und liebevoll.

»Meinst du das ernst?«

Er zögerte einen Augenblick. Doch dann verkündete er enthusiastisch: »Natürlich. Dr. Brecht hat total recht! Wir können immer noch eine Familie gründen, wenn es dein innigster Wunsch ist.«

»Und deiner?« Skeptisch sah ich ihn von der Seite an. Die Frage war mir wie von selbst über die Lippen gekommen, so schnell ließ ich nicht locker. Markus sah mich aufrichtig an, und seine Augen bekamen einen warmen Glanz.

»Ich will nichts lieber als Kinder mit dir haben, Senta. Du wärst die Traummutter für jedes Kind.«

Mit einem Schlag war meine Traurigkeit wie weggeblasen.

Das wäre immerhin eine Möglichkeit! Warum eigentlich nicht? Wie viele elternlose Kinder lebten in Heimen und warteten nur darauf, ein liebevolles Elternhaus zu bekommen? Am liebsten wäre ich sofort in ein Kinderheim gefahren und hätte mir die einsamen Seelen dort angeschaut. Um dann gleich drei von ihnen mitzunehmen.

Aber das ging natürlich nicht. Ich ahnte, dass eine Adoption ein langwieriger Prozess werden würde. Aber wir hatten wieder ein Ziel vor Augen!

Der gemeinsame Gehrhythmus einte uns, und unsere Atemwölkchen vermischten sich.

»Du könntest dir das also wirklich vorstellen?«

»Natürlich«, sagte Markus. »Ich will nur, dass du glücklich bist.«

Plötzlich war ich meinem Freund und Lebensgefährten wieder ganz nah.

Wie oft hatte er in den letzten Jahren pünktlich auf der Matte gestanden, passend zur Fruchtbarkeitskurve – meist zwischen Probe und Konzert. Hatte er sich jemals beschwert und gesagt, dass er keine Lust mehr hatte?

Und nun schaute er schneller wieder nach vorn als ich selbst: ein Mann zum Festhalten.

»Wir kriegen bestimmt kein Kind«, wandte ich ein und sah ihn von der Seite an: Er war wirklich ein gut aussehender Mann mit seinen dunklen vollen Haaren, seiner sportlichen Figur und seinen sanften braunen Augen. Von seiner Musikalität ganz zu schweigen. Wenn er Geige spielte, schmolz die Welt. Wie schade, dass sich sein Erbgut nun nicht mehr durchsetzen würde!

»Dann beantragen wir eines.«

»Nein, ich meine, wir kriegen bestimmt kein Kind, weil wir nicht verheiratet sind.«

»So was hat meine katholische Tante Lilli allen Ernstes auch geglaubt.«

Jetzt lachte Markus und blitzte mich übermütig von der Seite an.

»Wir kriegen kein Kind, wenn wir nicht verheiratet sind«, beharrte ich trotzig. »Das sind die Spielregeln, Markus. Vom Jugendamt. Das weiß ich von meiner Kollegin Tanja, ihre Cousine hat doch letztes Jahr einen kleinen Jungen adoptiert. Und die musste deswegen ihren Freund heiraten.«

»Ach so! Jetzt kapier ich es. Aber meine liebste Senta, dann wirst du eben Frau Schilling. Lass uns heiraten!«

»Wie? Heiraten fanden wir doch immer total spießig und überhaupt nicht notwendig für eine glückliche Partnerschaft.«

»Wir lieben uns, wir haben zusammen ein Haus gebaut, wir wollen Kinder …«

Und ehe ich michs versah, fiel Markus vor mir auf die Knie. Fast wäre ich über ihn gestolpert. Er spielte auf einer imaginären Geige und sah mich unverwandt an.

»Markus, was soll das? Die Leute gucken ja schon …«

»Willst du meine Frau werden?«

Mir verschlug es die Sprache. Verlegen knetete ich auf meinem vollgeweinten nassen Taschentuch herum, das ich immer noch in Händen hielt.

»Markus, du musst mich jetzt nicht aus lauter Mitleid … Ich meine, nur um meine Laune wieder zu heben … Ich komm schon klar, wir kriegen das schon hin …«

»Pssst!« Markus legte mir seinen Zeigefinger auf die Lippen. »Sei ausnahmsweise mal einsilbig.«

Einige Spaziergänger lachten und blieben abwartend stehen.

»Das sah nicht nur wie ein Heiratsantrag aus, das war auch einer«, rief eine Frau entzückt.

Hinter ihr hopsten ein paar Rheinmöwen herum und schlugen aufgeregt mit den Flügeln, wie um ja nichts zu verpassen.

»Was, Karl-Heinz? Ich HAPPES gesacht! Der Mann macht ihr einen Heiratsantrag!«

»Die SIND aber auch ein schönes Paar.«

Karl-Heinz zückte sogar seinen Fotoapparat. »Wie romantisch«, hörte ich ihn sagen. »Sagen Sie Ja, junge Frau! Das kann ja nur eine glückliche Ehe werden!«

Ich hielt die Luft an.

Markus. Ja, natürlich, Markus. Wer denn sonst!

Wir hatten zwar nie heiraten wollen, aber jetzt schien es die Voraussetzung für unser weiteres Glück zu sein.

Für unser Kinderglück.

Ich wollte unbedingt eine Familie. Natürlich mit Markus. Mit meinem musikalischen, sensiblen, wundervollen Markus, dem das Publikum jeden Abend zu Füßen lag.

In meinen Ohren rauschte das Blut.

Was für ein schicksalsschwerer Tag!

Wie auf Knopfdruck begannen die Domglocken zu läuten. Tröstlich, zuversichtlich. Die Sonne schob sich ganz langsam hinter der Zoobrücke hervor und tauchte die zwei schweren Türme in ein fast kitschiges Rot.

»Ja, lass uns heiraten und dann einen Adoptionsantrag stellen!«, sprudelte es nur so aus mir heraus. Ich zog Markus auf die Füße und fiel ihm halb lachend, halb weinend um den Hals. Mein Optimismus hatte mich wieder.

Die Leute applaudierten. Die Möwen applaudierten auch und flatterten davon.

»Habe ich nicht soeben was von EINSILBIG gesagt?«, flüsterte Markus.

»Was willst du denn! Ich habe Ja gesagt!«, flüsterte ich zurück.

»Okay, dann schaffen wir eventuell sogar noch die Sportschau?« Markus strahlte mich an. »Heute hat der 1. FC Köln gespielt!«

»An mir soll’s diesmal nicht scheitern«, sagte ich tapfer.

Und dann rannten wir Hand in Hand zum Auto zurück.

4

SONJA

Mitte Februar 1992

»O Gott. Was wollen die denn alle hier!«

Auf dem Informationsabend des Kölner Jugendamts für Adoptionswillige war es brechend voll. Nervös stand ich am Eingang und schaute auf die Uhr. Ohne Paul würde ich hier einen ziemlich unvollständigen Eindruck machen! Mein Blick glitt über die vielen Paare, die hier zusammengedrängt auf den schmucklosen Holzstühlen hockten, Mantel an Mantel, Kapuze an Kapuze. Ein leises Raunen erfüllte den Saal. Alle waren nervös, alle schauten sich verstohlen nach den anderen um. Mein Herz raste wie vor einer Theateraufführung, bei der ich nicht nur zuschauen, sondern mitspielen sollte. Nein, ich wollte sogar eine Hauptrolle ergattern!

Mein Gott. So viele Leute wünschten sich alle vergeblich ein Kind?

Ich schluckte trocken. Bei DER Konkurrenz würden wir wohl kaum eine Chance haben!

Am liebsten wäre ich auf die Bühne gesprungen und hätte Pauls und meine Vorzüge angepriesen! Wir sind das perfekte Paar! Wir sind beruflich erfolgreich, gebildet, sportlich, liebevoll, humorvoll, stark und zuverlässig. Wer bietet mehr? Ob wir je so auf einem Elternabend sitzen würden? Ich würde mich auch freiwillig als Elternbeiratsvorsitzende melden! Meinetwegen für neun Jahre! Und Protokoll führen, Kuchen backen, Laternen basteln, beim Sankt-Martins-Umzug einmal um den Kölner Dom laufen und hinter dem Pferd die Köttel aufsammeln!

»Da bist du ja!« Endlich tauchte mein Liebster auf, mit wehendem Schal, den er sich noch im Laufen vom Hals riss.

»Im ganzen Severinsviertel wieder mal kein Parkplatz!« Er küsste mich flüchtig auf den Mund. »Ach du Schreck! Was wollen die denn alle?«

»Das hab ich mich eben auch gefragt!«

Eilig huschten wir auf zwei freie Plätze in der vorletzten Reihe.

Es roch ziemlich muffig, nach nassen Mänteln, Nervosität und Schweiß.

Soeben betrat Frau Hohlweide-Dellbrück das Podium. Eine farblose Mittfünfzigerin im graugrünen Strickwestenensemble über lila Bluse mit Schlüpp, die ihre Haare struppig aufgesteckt trug. Ihre strammen Beine steckten in soliden Schnürschuhen. In rheinischem Singsang begrüßte sie uns als »Elternanwärter« und machte uns erst mal mit den Spielregeln vertraut. Und die waren nicht ohne.

»Um Ihnen dat Verfahren der Adoption zu erläutern«, begann sie mit resoluter Stimme, »muss isch Ihnen als Erstes mitteilen, dass auf jedes zur Adoption freijejebene Kleinkind vier interessierte Adoptivelternpaare warten.«

Fast hätte sie »lauern« gesagt, so schien es mir, wenn ich mich hier im Saal umsah. Vielleicht hatten einige gedacht, die zur Auswahl stehenden Babys und Kleinkinder stünden hier zum Abholen bereit?

»Im Anschluss an diese Veranstaltung können diejenjen unter Ihnen, die dann immer noch Interesse ham, die Adoptionsantragsformulare mitnehmen«, stellte sie uns in Aussicht. »Aber damit geht der janze Papierkram erst los! Se müssen alle erssma ’nen ausführlichen Lebenslauf schreiben, natürlich mit der Hand, und bitte vier Fotos von Ihnen dazulegen. Dann jehense alle zu Ihrem Hausarzt und lassen einen gründlichen Gesundheitscheck machen, das vom Arzt abjestempelte Jesundheitszeuchnis brauchen wa ebenfalls.«

Alle schrieben eifrig mit.

»Dat müssen normal Schwangere doch auch nicht!«, ließ sich eine schräg hinter mir vernehmen. Sämtlichen Frauen sah man ihre Hormonschleuder-Vergangenheit an. Die armen Gatten hatten bestimmt schwere Zeiten hinter sich.

»Jedenfalls nicht die Männer«, bekräftigte ihr Begleiter im grob gestrickten Pullover. »Die ham normalerweise noch Spaß beim Kinderbestellen.«

Hahaha!, dachte ich genervt. Hol doch den Storch, du Eierloch.

»Hamse dat?«, fragte Frau Hohlweide-Dellbrück ungerührt. »Dann lassense sich vonna Behörde ein erweitertes Führungszeugnis ausstellen.«

»Alles, was über fünfzehn Punkte in Flensburg hat, kann gleich wieder gehen«, versuchte ein Neunmalkluger vorn rechts einen Scherz. Inzwischen wurde hinter vorgehaltener Hand leise gestöhnt.

»Dat is doch total ungerecht, is dat!«, schimpfte mein linker Nebenmann, der ziemlich streng nach nassem Hund roch, und seine dazugehörige Gattin nickte betroffen in ihren Juterucksack hinein.

»Die biologischen Eltern brauchen den janzen Kram doch auch nicht!«

»Sollten sie mal besser«, mischte sich einer aus der ersten Reihe ein. »Dann jäbet nit so viele verwahrloste Kinder!«

Das fand ich zwar auch, enthielt mich aber jeden Kommentars.

»Dann kommt natürlich ’ne Sozialarbeiterin bei Ihnen vorbei und schaut mal nach dem Rechten«, fuhr Frau Hohlweide-Dellbrück unbeeindruckt fort. »Sie sollten also drauf achten, datse besser keine Alkoholbatterien rumstehen haben, auch überquellende Aschenbecher werden nicht jern jesehen. Und wennse überall Spinnweben haben und dat unjespülte Jeschirr sich türmt, dann hamse auch keine juten Schangsen.«

Sie zwinkerte uns zu: »Kleiner Scherz am Rande.«

»Pornos wechräumen«, rief ein Witzbold aus der letzten Reihe. »Brauchen wir ja nun nicht mehr!«

Paul und ich wechselten einen vielsagenden Blick. Das nannte ich Galgenhumor!

Inzwischen lachte das ganze Auditorium. Wir auch. Was sollten wir auch sonst machen?

»Wenn alles so weit jut abjelaufen ist, werden Sie ein paar Mal hier ins Jugendamt einjeladen, für persönliche Gespräche mit verschiedenen Mitarbeitern. Wenn Ihre Unterlagen vollständig sind, reichen Sie die bei uns ein und erhalten einen Termin für weitere persönliche Gespräche. Letztlich entscheiden wir dann als Jugendamt, ob wir Ihnen eine Unbedenklichkeitsbescheinijung ausstellen.«

»Eine was?«, fragte der Mann mit dem Pferdeschwanz, der zwei Reihen vor uns saß.

»Eine Unbedenklichkeitsbescheinijung bringt Sie offiziell für zwei Jahre in den Bewerberpool des Kölner Jugendamts. Sie berechtigt Sie dazu, ein Kind zu adoptieren.«

»Was heißt das genau?«, hakte der Pferdeschwanz nach. Ich empfahl ihm im Stillen, ein Schuppenshampoo zu benutzen, bevor er sich in den Bewerberpool stürzte.

»Das heißt, dass Sie ab dem Zeitpunkt zu den möglichen Eltern zählen, ich sage MÖGLICHEN«, betonte die resolute Jugendamt-Dame mit dem köstlichen Doppelnamen. »Wennse in diesen zwei Jahren kein Kind vermittelt bekommen, sindse automatisch wieder draußen.«

»Warum dat denn!« Der graue Pferdeschwanz schüttelte den Kopf, dass die Schuppen nur so flogen.

»Mein Gott«, entfuhr es mir, und ich verdrehte die Augen.

»Weil es sonst einfach zu viele Bewerber werden.« Frau Hohlweide-Dellbrück stemmte die Hände in die Hüften. »Et jeht ausschließlich um dat Wohl der Kinder, die uns anvertraut sind. – Hat noch jemand Fragen?!«

O ja, die hatten wir! Tausende! Aber ich wollte erst mal nicht unangenehm auffallen.

Eine dicke Teilnehmerin in Großgeblümt, die ihre rosenumrankten Massen erstaunlich platzsparend auf dem Holzstuhl verteilt hatte, winkte heftig mit dem Arm. Der Arm als solcher winkte in seinen Einzelteilen gleich mit.

»Können wir mit dieser Unbeweglichkeitsbescheinigung …«

»Unbedenklichkeitsbescheinigung.«

»Ja, genau. Können wir uns mit diesem – äh – Schrieb auch noch bei anderen Jugendämtern bewerben? Oder geht das nur bei Ihnen?«

»Das würde ich Ihnen sogar dringend raten!« Frau Hohlweide-Dellbrück lächelte ermutigend. »In diesen zwei Jahren nach Erhalt der Unbedenklichkeitsbescheinijung isset sogar sehr anjezeicht, bei allen deutschen Jugendämtern einen Adoptionsantrag zu stellen. Denkense auch an die neuen deutschen Bundesländer! Am besten, Sie legen sich einen eigenen Fotokopierer zu, denn sämtlichen Anträgen müssen wieder alle jenannten Unterlagen beiliegen.«

Paul und ich lächelten uns zuversichtlich an. Wenn wir etwas hatten, dann einen schönen, großen Fotokopierer. Sogar in Farbe.

»Isch hätte da noch mal ’ne Frage!« Die Dicke ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Muss es ein Neugeborenes sein, oder kann dat auch schon wat älter sein? Ich meine, erhöhen sich da unsere Chancen, wenn et schon wat älter ist?«

»Genau«, sagte Frau Hohlweide-Dellbrück nun schon ein wenig freundlicher. »Die meisten Adoptiveltern möchten natürlich ein Neujeborenes oder einen Säugling. Dat is nicht immer möglich. Meistens ist dat Kind schon im Kleinkindalter, es gibt auch Kinder im Vorschulalter, die sind immer schwerer vermittelbar.«

»Und wat is mit Ausländerkindern?«

»Auch hier gibt es Unterschiede in der Erwartungshaltung der Adoptiveltern«, erläuterte Frau Hohlweide-Dellbrück. »Manche wollen auf jeden Fall ein Kind mit ihrer eijenen Hautfarbe, vielleicht auch, um dem Kind vor dem achtzehnten Lebensjahr gar nicht die Wahrheit über seine Herkunft sagen zu müssen.«

Paul und ich wechselten einen verständnisinnigen Blick. Wir selbst würden jedes Kind nehmen, egal welchen Alters oder welcher Hautfarbe, das war für uns selbstverständlich. Und wir würden das Kind auch so bald wie möglich über seine Herkunft aufklären, es von Anfang an mit der Wahrheit halten.

»Nun wünsche ich Ihnen allen jutes Jelingen«, verabschiedete uns Frau Hohlweide-Dellbrück, und ihre energisch gerufenen Abschiedsworte gingen im allgemeinen Stühlerücken unter. »Wappnen Sie sich vor allem mit einem: mit GEDULD!«

Und die hatten Paul und ich ja schon hinreichend bewiesen. Drei Jahre lang hatten wir alles getan, um ein LEIBLICHES Kind zu bekommen. Jetzt würden wir alles tun, um ein KIND zu bekommen.

5

SENTA

Mai 1992

»Du siehst aus wie ausgekotzt«, sagte meine Zwillingsschwester zwei Tage vor meiner Hochzeit. Ich hatte gerade das Traumkleid anprobiert und führte es Sonja in meinem kleinen Bügelzimmer stolz vor.

»Vielen Dank. Mein Magen fühlt sich an wie zugeschnürt!«

»Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du bist schwanger.«

»Leider nein. Aber ich hab richtig fiesen Ausschlag, guck mal hier!«

Ich zog meinen Ausschnitt etwas herunter.

»Ach du Scheiße!« Sonja schlug die Hände vor den Mund. »Das musst du unserer Hautärztin zeigen!«

Mein ganzer Körper war mit Quaddeln bedeckt. So als würde mein Körper sich dagegen wehren, in ein Hochzeitskleid gesteckt zu werden. Schnell zog ich mich wieder um.

Obwohl schon die ersten Hochzeitsgäste angereist waren und ich mich eigentlich um sie hätte kümmern müssen, bugsierte mich Sonja energisch an ihnen vorbei. »Wir müssen noch kurz was besorgen!«

»Etwas Altes, etwas Neues, etwas Blaues und – was war das noch?«, fragte meine zukünftige Schwiegermutter.

»Etwas Geliehenes«, rief Sonja und schleuste mich in ihr Auto.

Die Hautärztin warf einen kurzen Blick auf meine Quaddeln und schien sofort Bescheid zu wissen.

»Ziehen Sie sich bitte wieder an und setzen Sie sich zu mir.«

»Darf ich bleiben?«, fragte Sonja.

»Darf sie?«

»Ja, natürlich!«

Ich legte den Arm um mein unverquaddeltes Ebenbild, das so glücklich verheiratet war, wie ich es hoffentlich auch bald sein würde.

»Kann es sein, dass Sie etwas bedrückt?«

»Ähm … Wie meinen Sie das?«

»Das scheint mir psychosomatisch zu sein!«

»Ach so, und was soll das heißen?« Gedankenverloren kratzte ich mir im Ausschnitt herum, der mehr Ähnlichkeit mit einem Kirschstreuselkuchen hatte als der echte Kirschstreuselkuchen, den meine zukünftige Schwiegermutter für den bevorstehenden Anlass gebacken hatte.

»Sind Sie sicher, dass Sie übermorgen heiraten wollen?«

»Ja, natürlich!« Ich kratzte heftiger. »Im Wonnemonat Mai, was ist denn da dabei?«

»Nicht, Liebchen, lass das. Du versaust dir noch deine Unterwäsche.«

»Und Sie heiraten auch den Richtigen?«

»Ja, natürlich!« Fragend sah ich von einer zur anderen. »Oder was denkt ihr?«

»Was WIR denken, ist eigentlich ziemlich egal, Süße.« Sonja strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr, die sich aus meiner mühsam errichteten Probe-Hochzeitsfrisur gestohlen hatte wie eine Braut, die sich nicht traut.

»Also, ich finde, das ist hier weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort, um das jetzt zu diskutieren oder infrage zu stellen«, sagte ich gereizt.

Aus dem gegenüberliegenden Schloss, in dem ich in zwei Tagen heiraten würde, schallten schon die ersten Klänge der probenden Streichquartettkollegen herüber: Mendelssohn, der Hochzeitsmarsch.

Plötzlich fühlte ich eine sengende Hitze in mir aufsteigen. Die Röte schoss mir ins Gesicht wie bei einer allergischen Reaktion.

»Ich liebe Markus, er ist der Richtige«, zischte ich Sonja an. »Wir sind seit vier Jahren glücklich, haben ein Haus mit drei Kinderzimmern und wünschen uns eine Zukunft als Familie!«

Sonja tätschelte mir die Hand. »Du sollst dir nur sicher sein, Senta. Das ist alles.«

Die Ärztin nickte und schloss fürsorglich die Fenster, sodass der Hochzeitsmarsch verstummte.

»Verschreiben Sie mir was?« Flehentlich sah ich sie an. »Irgendein Anti-Kratz?«

»Nimm lieber ein Beruhigungsmittel«, schlug Sonja vor.

»Warum nicht gleich Valium?«, giftete ich.

»Gegen die innere Stimme ist kein Kraut gewachsen.« Die Ärztin zuckte mit den Schultern.

»Ich heirate übermorgen.« Entschlossen stand ich auf. »Komm, Schwesterherz. Es gibt noch wahnsinnig viel zu tun.«

»Natürlich. Ich wünsche Ihnen alles Glück der Welt.« Die Hautärztin schüttelte mir beherzt die Hand und sah mir tief in die Augen. »Sie werden sehen: Wenn es vorbei ist, gehen die Beschwerden sofort zurück!«

Und sie sollte recht behalten. Kaum hatten Markus und ich geheiratet, waren die Quaddeln wie weggeblasen. Wir hatten trotzdem eine traumschöne Hochzeit, umringt von unseren Freunden, und meine Brautjungfern schworen alle, auch einen Profimusiker zu heiraten, denn sie beneideten mich glühend. Markus’ Kollegen zeigten sich flexibel: Nach dem Klassikprogramm rockten sie voll ab! Wir tanzten die ganze Nacht wie frisch verliebt.

»Ich freue mich so auf die Zukunft«, flüsterte ich Markus ins Ohr, und er strahlte mich an: »Ich werde dich glücklich machen, das verspreche ich dir!«

Der Sommer zog ins Land. Paul, Sonja und ich hatten in der Werbeagentur viel zu tun, und Markus bestand nach harten Kämpfen mit dem Orchestervorstand sein Probejahr. Er hatte schrecklich unter Druck gestanden, vor aller Ohren bestehen zu müssen, und manchmal machte ich mir Vorwürfe, dass ich ihn mit meinem dringenden Kinderwunsch so nervte. Aber nun würde sich alles entspannen. Markus war festes Mitglied des Kölner Rundfunksinfonieorchesters und unterrichtete außerdem an der Kölner Musikhochschule. Einige Male war er sogar auf Konzerttourneen im Ausland. Und so fanden wir zu meiner großen Ungeduld erst kurz vor Weihnachten die Möglichkeit, uns beim Jugendamt vorzustellen. Ich konnte den für mich alles entscheidenden Termin kaum erwarten. Mit all unseren Unterlagen fühlten wir uns bestens gerüstet. Wir hatten ja von Sonja und Paul schon erfahren, was man mitbringen musste.

»Hauptsache, ihr macht einen entspannten, fröhlichen Eindruck«, hatten die beiden gemeint. »Die Verkrampften und Verbitterten haben keine Chance.«

Ich nutzte die Gelegenheit, um mir vom Kippekausener Starfriseur Willi Dösgen die Haare schön machen zu lassen, denn wie sagte unsere Mutter immer? Auf den ersten Eindruck kommt es an! Um Punkt drei stand ich mit leuchtenden Augen und ganz schön aufgeregt vor Zimmer 221 im zweiten Stock. In meiner Lieblingsjeans mit geputzten Stiefeln, Bluse, Jackett und einer dezenten Handtasche, in der die kostbaren Papiere steckten, die uns unserem Wunschkind einen großen Schritt näher bringen würden.

Markus kam direkt aus dem Funkgebäude am Dom, wo er den ganzen Vormittag Aufnahmen gehabt hatte.

»Da bist du ja endlich!« Ich ertappte mich dabei, dass ich genauso nervös an seiner Krawatte herumfummelte wie meine Schwiegermutter kurz vor unserer Hochzeit.

»Es gab wie immer einen Stau auf der Zoobrücke«, murmelte Markus entschuldigend. »Wie seh ich aus?« Er fuhr sich mit beiden Händen durch die üppige Mähne.

»Großartig.« Und das war nicht gelogen: In seinem eleganten Anzug wirkte er noch männlicher und seriöser als ohnehin schon.

Oder war das vielleicht ein bisschen overdressed? Auf einmal kamen mir Zweifel. Ganz natürlich hatte ich erscheinen wollen. Ganz normal. Aber für Markus war dieser Aufzug normal.

Noch nie hatte ich mich so unsicher und gleichzeitig so nah am Ziel gefühlt.

»Hoffentlich hält sie das da nicht für einen Knutschfleck.« Kichernd versuchte ich, sein Geigermal am Hals mit meinem Abdeckstift zu übertünchen, und kam mir dabei vor wie eine Glucke, die ihrem Sohn mit Spucke einen Fleck vom Hals rubbelt.

»Lass das, sonst beschmierst du noch den Kragen.«

»Mist. Das wollte ich nicht.«

Markus nahm meine Hände und hielt sie fest.

»Schatz, alles wird gut. Wir sind ein tolles Paar. Die sollen froh sein, dass sie uns kriegen.«

Ich wollte etwas erwidern, brachte aber keinen Ton heraus. Währenddessen klopfte Markus selbstbewusst an die Tür, neben der das Schild »Kunz, Adoptionsvermittlung« prangte.

So brav, wie wir guckten, hätten wir gut und gern als »Herr und Frau Mustermann« durchgehen können. Fehlte nur noch das Mustermann-Kind! Aber deshalb waren wir ja hier.

Frau Kunz, eine auffallend ungestylte, ungeschminkte Person mit grauem Haar, schmaler Brille und etwas Grauem, das wohl ein Hosenanzug sein sollte, begrüßte uns höflich, aber wenig engagiert. Als ich ihre Hand schüttelte, war sie so schlaff wie ein toter Fisch.

Erster Eindruck: Wir werden keine innigen Freundinnen werden. Zweiter Eindruck: Ich hätte auch in einem Jutesack hier aufkreuzen können. Dritter Eindruck: Markus ist so gar nicht ihr Typ. Vielleicht steht sie nicht auf Männer? Sie gibt uns so oder so kein Mustermann-Kind. Alles für die Katz. Im Grunde können wir gleich wieder gehen. Doch dann wurde der Terrier in mir wach.

»Wir möchten gern unsere Unterlagen für einen Adoptionsantrag bei Ihnen einreichen.« Ich räusperte mich und drückte das Kreuz durch, dass es knackte.

Die graue Maus legte ihre Stirn in Falten und sah uns abschätzig an.

Passt Ihnen irgendetwas nicht?, wollte ich sie schon anblaffen.

Markus drückte sein Knie mahnend an meines. Als wollte er mich daran hindern, Misstöne einzubringen. Sein Blick sagte warnend: Abwarten und Klappe halten!

Ich beherrschte mich, dachte aber wütend: Ahnt sie eigentlich, was in diesem Moment in uns vorgeht? Genießt sie es vielleicht, innerlich zerknitterte und äußerlich gebügelte Paare vor sich zu haben, deren Lebenstraum, ein Kind zu bekommen, sie ein für alle Mal einen Riegel vorschieben kann, wenn sie nur will? Ist sie sich ihrer Macht bewusst?

»In diesem Jahr können wir gar nichts mehr für Sie tun«, sagte sie emotionslos.

»Ja, aber Sie haben uns doch herbestellt, hier steht es, Herr und Frau Schilling!« Ich wedelte empört mit ihrer Einladung, die ganz zuoberst in meiner Handtasche steckte.

»Um Sie kennenzulernen, ja.«

Ich breitete die Arme aus und zwang mich zu einem strahlenden Lächeln. »Bitte. Da wären wir. Fragen Sie, wir haben keine Geheimnisse! Was wollen Sie wissen?«

Markus räusperte sich erneut und lockerte seinen Krawattenknoten. »Wir wollen nur einen Adoptionsantrag stellen. Dann lassen wir Sie wieder in Ruhe.«

»Wie gesagt, zum Jahresende nehmen wir grundsätzlich keine Anträge mehr an.« Frau Kunz blätterte in ihrem Klappkalender, als wäre ihr völlig neu, dass das Jahr noch genau elf Tage hatte.

»Moment. Wir dürfen noch nicht mal unsere Unterlagen hierlassen? Die wir extra für diesen Termin vorbereitet haben?«

Fassungslos starrte ich sie an.

»Wir befürchten nicht ganz zu Unrecht, dass Adoptionsanträge nur im Hinblick auf das bevorstehende Weihnachtsfest gestellt werden.«

Empört verschränkte ich die Arme vor der Brust. »Sie meinen, so wie bei Dackelwelpen, die man erst süß findet und dann nach Weihnachten an der Autobahnraststätte aussetzt?«

»Das wäre nicht das erste Mal.«

»Wie bitte? Solch kaltherzige Leute gibt es wirklich? Aber WIR doch nicht, ich meine, wir adoptieren doch kein Kind, um es dann gleich wieder zurückzugeben …«

Markus sandte mir einen flehenden Blick. »Okay. Dann melden wir uns einfach Anfang nächsten Jahres wieder?!«

»Das ist doch total albern! Wir wollen ernsthaft ein Kind, das ist doch keine Laune! Und davor haben wir vier Jahre lang alles medizinisch Mögliche versucht, um eines zu bekommen!«

»Von mir werden Sie sowieso kein Kind aus unserer Region bekommen.«

»Sondern? Eines aus Timbuktu vielleicht?« Langsam wurde mir diese Unterhaltung echt zu blöd. Was machten wir eigentlich hier?

»Ich weiß, dass das andere Kollegen anders handhaben, aber ich persönlich will unbedingt vermeiden, dass es später zu Begegnungen mit der Herkunftsfamilie kommt und sich Komplikationen ergeben.«

Zum ersten Mal leuchtete mir ein, was diese graue Frau sagte. Ich hatte auch keine Lust, mein Mustermann-Kind durch den Aldi in Bensberg zu schieben und an der Kasse hinter seiner leiblichen Mutter in der Schlange zu stehen. Sie würde es erkennen und mir aus dem Wagen reißen, ihm Süßigkeiten geben, die ich nie erlauben würde … Meine Fantasie ging schon mit mir durch.

»Okay«, versuchte ich der ganzen Debatte ein Ende zu bereiten. »Dann hätten wir jetzt gern einen Folgetermin bei Ihnen, gleich im Januar.«

»Bitte. Wie Sie wünschen.« Die graue Maus wühlte sich durch den nächsten Kalender. »Wie passt Ihnen der 16. Januar um neun Uhr morgens?«

»Um zehn Uhr proben wir Schostakowitsch …« Markus checkte seinen Dienstplan. »Obwohl, die zweiten Geigen sind erst um elf dran …«

»Großartig«, unterbrach ich ihn. »Und wird der Antrag dann von Ihrem Jugendamt bearbeitet, oder müssen wir uns später woanders um ein Kind bewerben?«

»Sollten Sie im nächsten Jahr immer noch Interesse haben, müssen Sie das übliche Prozedere durchlaufen, also Besuche von Mitarbeiterinnen des Jugendamts bei Ihnen zu Hause …«

Frau Kunz reichte uns wieder ihre schlaffe Hand, wünschte uns ein frohes Fest und stellte uns in Aussicht, uns mit der Pflegeerlaubnis, die wir im besten Fall nach Prüfung sämtlicher Unterlagen von ihr erhalten würden, bei jedem Jugendamt Deutschlands bewerben zu können.

Und ich hatte bis zuletzt gehofft, sie würde ins Nebenzimmer gehen, einen süßen schlafenden Säugling hervorholen und ihn uns strahlend in die Arme drücken. Na ja, nicht wirklich. Aber unverrichteter Dinge wieder abziehen zu müssen …

»Die soll mich kennenlernen«, murmelte ich, als wir die weihnachtlich beleuchteten Stufen des Rathauses hinunterschritten. Wieder ignorierte ich Markus’ helfende Hand. Wieder wollte ich die Kälte des Geländers spüren.

In letzter Zeit waren wir wirklich eine Menge Stufen gemeinsam hinuntergeschritten. Aber irgendwann würde es auch wieder aufwärtsgehen, da war ich mir sicher.

6

SONJA

Juni 1994

»Wieder nichts?«

»Wieder nichts.«

Enttäuscht warf ich die Post auf den hellen runden Tisch unserer Werbeagentur. Paul nahm mich einfach nur in den Arm und schwieg. Was hätte er auch sagen sollen? Wir waren das Warten gewöhnt, wir waren den Frust gewöhnt, wir waren Absagen gewöhnt. Wieder waren anderthalb Jahre vergangen, in denen ich mir schon selbst auf die Nerven ging, weil ich mit gleichbleibender, pissfreundlicher Penetranz im Kölner Jugendamt anrief, um mich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Ich kam mir vor wie eine lästige Tante von der Lotterie-Telefongesellschaft. Dabei wollte ich uns nur freundlich in Erinnerung bringen.

Und mit gleichbleibender, pissfreundlicher Penetranz bekam ich von Frau Hohlweide-Dellbrück oder einer ihrer Mitarbeiterinnen zu hören: »Danke, Frau Wegener, wir erinnern uns an Sie. Es gibt jedoch nichts Neues!«

Und in der Post waren nur Absagen der anderen Jugendämter, von Leipzig bis Hamburg, von Buxtehude bis Rosenheim. Auch Terres des Hommes und andere Vermittlungsstellen von Kindern ausländischer Herkunft schmetterten uns ab.

Also KEIN Kind.

Ich konnte es nicht fassen! Es gab doch so viele elternlose Kinder, die in Heimen vor sich hin vegetierten und kein Zuhause hatten! Was hatten wir denn so Unsympathisches an uns, dass man uns keines anvertrauen wollte? Die Zeit arbeitete gegen uns! In einem halben Jahr würden wir automatisch aus dem Bewerberpool fliegen! Der Gedanke schnürte mir die Kehle zu. Das Warten zermürbte mich ebenso wie die Jahre, in denen ich versucht hatte, schwanger zu werden. Das Warten auf den erlösenden Brief, der wieder nicht gekommen war.

»Gehen wir später zusammen essen?« Ich wischte mir tapfer über die Augen. »Wenn ich dieses Projekt hier fertig habe?«

In dem Moment klingelte in Pauls Büro das Telefon.

»Kann ich dich jetzt allein lassen, Sonja?« Er war schon an der Tür.

»Natürlich.« Ich rang mir ein strahlendes Lächeln ab. »Geh ruhig dran. Bis später.«

Keine zwei Minuten später stand Paul in meinem Zimmer.

»Du wirst es nicht glauben, aber das war das Jugendamt Köln.«

»Nein!« Ich wich einen Schritt zurück und schlug mir die Hand vor den Mund.

»Und was …« Ich schluckte trocken, so überrascht war ich. »Und was wollen sie?«

»Na, das wird das Übliche sein. Sie wollen uns kennenlernen.«

»Aber sie kennen uns doch schon.« Enttäuscht ließ ich die Schultern sinken. »Fehlen ihnen vielleicht noch irgendwelche Informationen? Wollen sie uns deshalb sprechen?« Mehr durfte ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht erhoffen, sonst wäre die Enttäuschung anschließend einfach zu groß. Ich seufzte. »Hast du schon einen Termin gemacht?«

»Sie hat den 12. Juli vorgeschlagen. Neun Uhr.«

»Na klar.« Ich atmete tief aus. »Der letzte Pflichttermin vor den Sommerferien. Damit sie anschließend beruhigt in Urlaub fahren kann.«

»Aber wir gehen hin«, sagte Paul.

»Natürlich.« Seufzend konzentrierte ich mich wieder auf die Datei, an der ich gerade arbeitete. Arbeit war die beste Ablenkung.

Frau Hohlweide-Dellbrück war in ihren vier Wänden genauso unverbindlich und resolut wie damals bei ihrem Vortrag. Sie bat uns in ihr Büro und zeigte auf die zwei Stühle gegenüber ihrem Schreibtisch.

Zuerst der Small Talk über das Wetter und dann der Griff in die Handtasche, um die hundertste Version unserer perfekt aktualisierten Unterlagen auf den Schreibtisch zu legen …

Moment. Da lagen ja schon Unterlagen.

Unsere Unterlagen. Und daneben ein Aktenordner mit der Aufschrift »Normen«.

Ich machte einen langen Hals. Auf einmal begann meine Haut zu prickeln.

»Wie jeht et Ihnen denn?«, fragte Frau Hohlweide-Dellbrück und stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch. Eine rote Kunstperlenkette rutschte in ihren Busenritz, und ich starrte fasziniert darauf. Sie faltete die Hände und schaute uns freundlich interessiert an.

»Ähm … Wunderbar.«

»Sehr gut«, bestätigte Paul.

»Hamse denn schon Pläne für den Sommer?«

»Nichts Bestimmtes«, beeilten wir uns zu sagen. Längst wussten wir, dass wir uns eher die Zunge abbeißen würden, als über langfristige Reisepläne zu plaudern. Wir hatten auf Stand-by zu sein. Das wurde gern gesehen und brachte sicherlich Fleißpunkte ein.