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Lockenkopf, die Eremitin, Kaktusblüte und die Römerin: Das sind die besten Freundinnen der Journalistin und Autorin Edita Truninger. In diesen fünfzig kurzen und knackigen Erzählungen nähert sie sich dem Leben ihrer vier Freundinnen, ihren Macken und jenen Eigenschaften, die sie unverwechselbar machen. Egal, ob es dabei um Liebe, Freundschaft oder Frausein geht, der Blick der Kolumnistin ist immer von zärtlicher Ironie geprägt.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Edita Truninger
Kugelbomben und Kaffee. Fünfzig Amazonen-Geschichten
«Eine Hymne an die Freundschaft.»
Tink.ch
«Das Nachdenken über Geschlechterunterschiede, gute Beziehungen, und die Frage, wonach Frauen streben – ein bisschen erinnert das an Kolumnistin Carrie Bradshaw aus «Sex and the City», die mit ihrem reflektierenden Beschrieb ihres unsteten Liebeslebens beiläufig und auf unterhaltsame Weise den Zeitgeist porträtiert.»
Der Landbote
Lockenkopf, die Eremitin, Kaktusblüte und die Römerin, genannt «die Amazonen»: Das sind die besten Freundinnen der Journalistin und Autorin Edita Truninger. In diesem Kolumnenband nähert sie sich dem Leben der vier Charaktere, ihren Macken und jenen Eigenschaften, die sie unverwechselbar machen. Egal, ob es dabei um Liebe, Freundschaft oder Frausein geht – der Blick der Kolumnistin ist immer von zärtlicher Ironie geprägt.
Edith Truninger, geboren 1982 in Winterthur, studierte an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) Journalismus und Kommunikation. Seither arbeitet sie als Texterin, Journalistin und Kolumnistin. Die bekennende Yoga-Tante ist druckerschwärzesüchtig und selten ohne Tagebuch oder Notizblock anzutreffen. Sie lebt in Thalwil, immer auf der Suche nach neuen Geschichten.
Sie sind entweder zu gross oder zu klein, zu hängend oder zu flach, so richtig zufrieden sind wir jedenfalls selten mit dem, was wir haben. Die Rede ist von des Frau bestes Stück: Ihrer Handtasche. Eine Frau und ihre Handtasche bilden eine unzertrennliche Einheit, sie sind miteinander verwachsen, einander treu ergeben bis dass der Tod sie scheidet. Mir ist schleierhaft, wie Männer ohne eine Handtasche durchs Leben kommen. Erste und wichtigste Faustregel: Eine Handtasche sollte – das Wort verrät es eigentlich bereits – handlich sein. Frauen wie wir haben allerdings selten handliche Täschchen. Schliesslich muss man für alle Eventualitäten des Lebens vorbereitet sein! Meine Handtasche ist Pult, Bücherregal, Vorratskammer und Spiegelschrank in einem. Oder jedenfalls eine konzentrierte Form davon. So kommt es vor, dass ich ziemlich viel Gewicht durch die Gegend schleppe. Und es kann auch vorkommen, dass ich nicht auf Anhieb ins richtige Abteil greife. Dann suche ich den Leuchtstift in der Küche oder die Lippenpomade im Büro. Sprich: Ich suche mich dumm und dämlich.
Meistens ist es in der Handtasche auch noch so dunkel wie in einem Kuhmagen, was die Suche auch nicht erleichtert. Wie viele Stunden ich schon damit zugebracht habe, in meiner Tasche herumzuwühlen! In dieser Zeit hätte ich bestimmt einen Roman schreiben oder die Welt retten können. Mitunter kann sich auch ziemlich Privates in diesem Zauberbeutel verbergen. Das ist auch der Grund, weshalb der Anstand es Männern verbietet, in der Handtasche einer Frau herumzuwühlen. Auch wenn darin ein Handy klingelt! Und dazu gibt es eine lustige Geschichte.
Vor Jahren, als Lockenkopf soeben mit ihrem jetzigen Freund zusammen kam und sie ihn uns – eine delikate Angelegenheit – vorstellen wollte, sitzen vier Amazonen am Boden des Wohnzimmers und breiten in einem Anflug von Rührseligkeit den Inhalt ihrer Handtaschen voreinander aus. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was uns dazu bewog, aber wir waren sehr angetan von unserem kleinen Spielchen. Dem neuen Freund der fünften im Bunde war es einfach nur furchtbar peinlich. Er hätte uns wohl gerne erst einmal so kennengelernt, ohne dass wir gleich unser Innerstes vor ihm ausgebreitet hätten…
Eine Sammelleidenschaft haben viele Menschen. Katzenfiguren, Briefmarken oder Kaffeerahmdeckel sind die Klassiker. Manchmal ist das Sammeln aber auch so nah am Menschen und seinen Interessen, dass es gar nicht so auffällt. Ich bin ein Wortmensch und sammle daher Worte. Wenn ich beispielsweise ein Buch lese und ein Satz mir besonders gut gefällt, notiere ich ihn mir. Auch Lockenkopf hat eine Sammelleidenschaft, der sie so «im Vorübergehen» frönt. Und das durchaus im wortwörtlichen Sinne: Jedes Mal, wenn sie in der Natur ist, sammelt sie Materialien, von denen sie denkt, dass sie sie irgendwann zum Basteln verwenden kann: Schwemmholz, Steine, Äste usw. Ihr Freund beschwert sich dabei, dass Lockenkopf auf Wanderungen bei jedem Stein stehen bleibt, um abzuwägen, ob dieser als Rohmaterial etwas taugen könnte.
Einmal, auf einem romantischen Spaziergang, treibt sie es auf die Spitze: Ihr Freund und sie schlendern Hand in Hand den Waldweg entlang, als Lockenkopf auf einer Lichtung eine besonders schöne Baumwurzel entdeckt. Was für ein Fund! Doch die Wurzel ist gross und klotzig, zum Tragen viel zu schwer. Die Vernunft siegt, schweren Herzens lässt Lockenkopf das Prachtexemplar zurück. Am Ende des Spaziergangs angelangt, muss sie feststellen, dass sie die Wurzel doch nicht vergessen kann. Man fährt also mit dem Auto zur besagten Waldlichtung zurück, um sie von dort abzutransportieren. In der Zwischenzeit hat sich eine Familie auf der Lichtung niedergelassen und ist gerade im Begriff, ein Lagerfeuer zu entfachen. Als Lockenkopf die Lichtung erreicht, registriert sie innert Sekunden, dass die Wurzel – ihre Wurzel – soeben als Brennholz ins Feuer geworfen wird.
Für Lockenkopf gibt’s bei diesem Anblick kein Halten mehr. Wie eine Verrückte springt sie aus dem Dickicht hervor auf die Lichtung und schreit: «Das ist meine Wurzel!» und zieht die bereits brennende Wurzel beherzt aus dem Feuer. Die Familie macht natürlich grosse Augen, die Mutter zieht ihre Kinder näher zu sich heran. Eine Frau, die aus dem Wald springt und Anspruch auf eine Baumwurzel erhebt, ist ihnen verständlicherweise nicht ganz geheuer. Und Lockenkopfs Freund steht derweil daneben und schämt sich in Grund und Boden. «Mir hat das Herz geschmerzt, als ich die schöne Wurzel im Feuer gesehen habe», berichtet Lockenkopf später.
Das ist wohl wahre Sammelleidenschaft.
«Ich habe die Sonne schon lange nicht mehr gesehen», sage ich seufzend zu Kaktusblüte. Sonnenlicht bringt meinen Biorhythmus in Schwung, keine andere Lichtquelle kann meiner Meinung nach die Qualität des Sonnenlichts ersetzen. Wir liegen auf dem Sofa, eingekuschelt in eine Decke. Müssig betrachte ich den Nebel vor dem Fenster. Ich hasse den Winter. Kaktusblüte erwidert spontan: «Soll ich dir eine basteln?» Sie rumort in ihrem Schlafzimmer und kommt nach einiger Zeit mit einer Styroporkugel zurück. In die Kugel hat sie Zahnstocher gesteckt, welche die Strahlen symbolisieren. Das ganze Gebilde hat sie flugs mit gelber Farbe angemalt. Dazu reicht sie mir eine Tasse Chai, «für die innere Wärme». Ich bedanke mich gerührt, gleich fühle ich mich besser. Es bedeutet mir viel, dass mir meine Freundin eine Sonne bastelt, wenn sie in meinem Leben gerade mal nicht scheint. Die Sonne als Lebensspenderin ist ein starkes Symbol.
Meine Freundinnen sind meine Lebensspenderinnen, meine Sonnenköniginnen. Und obwohl ich im Basteln ein Anti-Talent bin: Ich halte mich bereit, ihnen eine Sonne zu basteln, sollte sie in ihrem Leben einmal nicht scheinen.
Die Eremitin und ich waren neulich an eine Art Pre-Party im Hinblick auf die Europameisterschaften eingeladen. Dabei mussten Teams in Tischfussball gegeneinander antreten. Wir waren fürs Team Rumänien am Start, das es leider nicht bis über die Vorrunde hinaus schaffte. Wir tranken und grölten dennoch fröhlich mit und wunderten uns im Stillen darüber, wie diese paar jungen Leute es schafften, so dermassen laut zu sein. Die bange Frage liess nicht lange auf sich warten: Werde ich langsam alt? Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, fluchtartig verliess ich den Raum. Im Nebenzimmer, neben einem grossen Schildkröten-Gehege ohne Bewohner und in ein Gespräch mit einem anderen Partygast vertieft, fühlte ich mich bedeutend wohler. Stille kann so ungemein wohltuend sein. Laut gilt als Inbegriff von Fröhlichkeit, dabei sind es eigentlich die leisen Töne, die wirklich glücklich machen. Die Eremitin und ich können stundenlang Zug fahren ohne ein einziges Wort zu wechseln. Gemeinsam sind wir schon von Athen nach Istanbul, quer durch Schweden oder von Zürich ins Ferne Budapest getuckert und auf jeder einzelnen dieser Reisen gab es Momente der Hingabe an die eigenen Gedanken. In solchen «Zen-Momenten» widmen wir uns ganz unseren stillen Tätigkeiten: Wir lesen, schreiben, malen oder hören Musik. Jede einzelne für sich, und irgendwie doch zusammen. Es sind Momente von grösster Vertrautheit, denn nur mit wirklich guten Freundinnen fällt das Schweigen leicht. Wir ruhen in uns selbst, pflegen unser Innerstes – und sind doch nicht einsam. Ich kenne nicht viele Menschen, mit denen ich das kann. Wie Zen-Mönche schon vor Tausenden von Jahren erkannten: Die Stille und Weite ist unsere eigentliche Natur. Denn Stille ganz allein gibt ein Gefühl von Tiefe – die Stille zu zweit dehnt sich in die Weite aus.
Bridget Jones, die liebenswürdig-tapsige Katastrophen-Frau, hat den Begriff salonfähig gemacht: Liebestöter. Ein Liebestöter ist eine überdimensional grosse Unterhose, unmöglich in Schnitt und Farbe, die unter mysteriösen Umständen in die eigene Wäschekollektion geraten ist und darin eigentlich überhaupt keine Existenzberechtigung hat. Sie fällt völlig aus dem Rahmen, tummelt sich munter und hässlich zwischen all den Bentleys ihrer Gattung. Die Eremitin hat dafür auch den schönen Begriff «Gammler» geprägt. Fast jede Frau hat irgendwo noch so einen vergammelten Liebestöter in ihrer Kommode, wenn sie nur tief genug in der Schublade gräbt.
Peinlich wird es erst dann, wenn unsere Liebestöter plötzlich Blicken ausgesetzt sind, die nie für sie bestimmt waren. Einmal geriet der Gammler einer Freundin in die Schmutzwäsche der Männer-WG ihres damaligen Freundes. Einen Vollwaschgang später sah sein Kumpel den Liebestöter in seiner ganzen Pracht an der Wäscheleine hängen und konnte sich einen abschätzig-ironischen Kommentar nicht verkneifen. Ihr Freund nahm das unappetitliche Textil seiner Freundin in Schutz, indem er sagte: «Das ist eben ihre Mens-Unterhose».
Eine Unterhose, die frau nur während ihrer Tage trägt? Woher er das wohl hatte? Die Amazonen waren sich für einmal alle einig: Auch wir wünschen uns einen Mann, der
unsere Liebestöter vor seinen Kumpels in Schutz nimmt und sogar dann noch schmeichelnde Worte für uns findet, wenn wir in dieselben gehüllt vor ihm stehen. Mut zur Hässlichkeit ist gefragt! Denn Liebestöter sind vor allem eins: Der eindrückliche Beweis dafür, dass wir uns selbst nicht allzu wichtig nehmen.
Bridget Jones würde mir beipflichten.
Ich liebe es, Kleinanzeigen zu durchstöbern. Besonders erpicht bin ich auf die ganz abstrusen Dinge, die dort gesucht oder angeboten werden. «Wer kennt einen grossen Ameisenhügel, den er mir zeigen kann?», um nur ein Beispiel zu nennen. Solche Anzeigen werfen die unheimlichsten Fragen auf: Was weiss dieser Mensch mit einem Ameisenhügel anzufangen? An so einer Wand hat sich schon mancher Freak geoutet. So auch jene Person, die sich kürzlich als Essigmutter-Liebhaberin zu erkennen gab: «Wer kann mir sagen, wo ich eine Essigmutter bekommen kann?», las ich da. «Ha!», dachte ich mir. «Das ist etwas für Lockenkopf.»
Eine Essigmutter ist eine Pflanze, aus der man Essig herstellen kann, wenn man sie in Weisswein einlegt. Auf einer österreichischen Kochwebsite beschrieben als «glibberig aussehender Schlunz, welcher aus Essigsäurebakterien besteht.» Schlunz – ein österreichisches Dialektwort – klingt genau nach dem, was die Essigmutter ist: Ein schleimiges, stinkendes Etwas, dem man unmöglich irgendeine Form von Liebe entgegenbringen kann. Lockenkopf sieht das etwas anders. «Das ist fast wie ein Haustier!», ruft sie gern begeistert aus. Sie hat immer wieder versucht, uns von ihrem kleinen netten Haustierchen zu überzeugen. Und dabei kennt sie kein Pardon. Auch nicht am Morgen nach einer langen Partynacht. Im Pyjama und frisch aus dem Bett präsentiert sie uns voller Stolz ihre Essigmutter, nimmt den Schlunz aus dem Glas und führt ihn uns vor, lässt das glibbernde Ding von einer Hand in die andere wandern. Dazu verströmt dieses Ding auch noch einen Ekel erregenden Säuregeruch. Igitt! Der Geruch von Essig ist wirklich das Letzte, was ich am Morgen in der Nase haben möchte. Doch Lockenkopf lacht dann nur vergnügt und findet überhaupt nichts dabei.
Da erstaunt es mich doch etwas, dass es auf diesem Planeten noch andere Essigmutter-Liebhaber:innen gibt. Ein Interesse kann offenbar noch so schräg sein – irgendwo finden sich immer Gleichgesinnte.
Selbst als Erwachsene kommt es noch vor, dass uns der Spieltrieb packt. Dann ist Kaktusblüte meine Spielgefährtin, die zu mir rüberkommt und mit mir «Kwoiförlis» spielt. Der einzige Unterschied zu Rollenspielen bei Kindern besteht darin, dass Kaktusblüte mir die Haare tatsächlich schneidet. Dafür hat sie sich sogar eigens eine Zickzack-Schere angeschafft, womit sie bei mir grossen Eindruck schindet.
Der Grund für dieses Haarkunstexperiment in den eigenen vier Wänden liegt nicht nur bei meinen begrenzten finanziellen Ressourcen, sondern ist in erster Linie meiner angeborenen Abneigung gegen Haarspray geschwängerte Salons zu verdanken. Oder vielleicht sind mir in meinem Leben einfach zu viele böswillige Haarschneider:innen begegnet, die mir zu viele katastrophale Frisuren verpasst haben. Seit ich bei «Chez Kaktusblüte» bin, passiert mir das nicht mehr. Seit sie bei mir die Schere ansetzt, heimse ich nur noch Lobhudeleien ein für meine Haarpracht…..so muss es sein! Doch Kaktusblüte ist nicht nur im Departement Schönheit tätig. Auch zupacken kann sie. Dann fährt sie mit ihrem schnittigen Kleinwagen auf meinen Vorplatz, den Akkuschrauber im Kofferraum, und im Nu ist der Mobitare-Schreibtisch oder der Ikea-Wandschrank zusammengebaut. Einen zusammenklappbaren Akkuschrauber... und ich liess mich noch von einer lächerlichen Zickzack-Schere beeindrucken!
Seit die Akkuschrauber-Ära angebrochen ist, bin ich überzeugt, dass es Kaktusblüte in der Heimwerkerwelt noch weit bringen wird. Obwohl wir in feministischen Zeiten leben, kann noch nicht jeder Mann uneingeschränkt akzeptieren, dass ihn eine feingliedrige, schlanke Person im Dübeln und Nageln alt aussehen lässt. Anlässlich von Umzugsarbeiten bei Freundinnen und Freunden wurde das schon mehrfach augenscheinlich. Deshalb hier nochmals für alle zum Mitschreiben: Es ist eine Frage des Talents, und nicht des Geschlechts. Man kann es natürlich auch machen wie Lockenkopf: Sie macht sich bei der Zügelarbeit mit Vorliebe als erstes über die Süssigkeitenschublade her – garantiert genderneutral.
«Ich bin im Wartesaal geboren», singen Patent Ochsner, und auf einer Interrail-Reise mit der Eremitin habe ich zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen, was sie damit gemeint haben könnten. Auf dem Weg via Griechenland in die Türkei erreichen wir Thessaloniki bereits am späten Nachmittag. Der nächste Zug in Richtung Istanbul verlässt die Stadt erst gegen Mitternacht. Es ist ein trüber Nachmittag, dicke Regenwolken hängen über der Stadt. Wir haben keine Wahl und beschliessen, uns die Zeit im heruntergekommenen Bahnhofsbuffet totzuschlagen. Wir essen pampige Pommes, rauchten Kette und fühlten uns überhaupt nicht wohl in unserer Haut. Warum sehen Bahnhofrestaurants überall auf der Welt gleich aus? Es sind heruntergekommene Etablissements mit vergilbten Tapeten an den Wänden. Die Stammgäste betrinken sich am helllichten Tag, sie grölen und schimpfen, ihr Umgangston ist ruppig. Und wir, rein durch Zufall in ihre Mitte geraten, fragen uns: Was zieht diesen Menschenschlag rund um den Erdball an solche Orte des Transits? Bier gibt es auch in anderen Kneipen. Ist es die Sehnsucht nach einer anderen Welt, im Wissen darüber, der eigenen doch nicht entrinnen zu können? «Ich bin im Wartesaal geboren», singen Patent Ochsner und meinen damit wahrscheinlich die Tatsache, dass wir viel zu häufig im Leben darauf warten, dass endlich etwas passiert. Viel zu häufig gewöhnen wir uns an die Komfortzone des Transits, denn sie bietet den Trost des Altbekannten und doch einen Hauch der grossen weiten Welt. Wir vergessen leicht, dass wir jederzeit einfach einen Zug besteigen können. Der Wind spielt mit unseren Haaren, wir haben Rückenwind. Und immer dann, wenn wir äusserlich aufbrechen, brechen wir auch innerlich auf.
Für die Eremitin und mich jedenfalls hat sich das Aufbrechen gelohnt: Ohne es geplant zu haben, erreichen wir Istanbul am Morgen des Zuckerfestes, an dem die Muslime das Ende des Fastenmonats Ramadan feiern. In jedem Laden, den wir betreten, werden uns Bonbons angeboten und wir sehen fröhliche Familien in ihren besten Kleidern durch den Park spazieren. Ich weiss nicht, wie viele Stunden wir in diesem Park vor der Moschee auf der Bank sitzen und diesen friedlichen Anblick auf uns wirken lassen. Als die Rufe aus der Moschee erklingen, fühle ich mich überglücklich und sehr auserwählt, diesen wichtigen Moment für die Menschen dieses Ortes mitzuerleben und ihre Freude zu teilen.
In der Silvesternacht rote Unterwäsche zu tragen, heisst es, soll Glück in der Liebe bringen. Ich weiss noch, wie wir uns einmal in einer Silvesternacht quer durch den Klub gefragt haben, um zu erfahren, ob manche der weiblichen Partygäste dem Brauchtum tatsächlich folgen. Und siehe da, es waren erstaunlich viele! Wildfremde Frauen zogen uns plötzlich ins Vertrauen, nahmen uns beiseite und flüsterten uns mit verschwörerischem Unterton ins Ohr: «Wisst ihr was, bei mir hat es dieses Jahr/letztes Jahr/ im Jahr davor/ funktioniert.» Welch’ Verheissung! Nichts wie hin also in die Lingerie-Abteilung, sagten sich Kaktusblüte und ich.
Andere von uns vertrauen eher auf Liebesorakel tierischer Natur. Lockenkopf zum Beispiel ist überzeugt, dass es Glück in der Liebe bringt, wenn man im Besitz eines Elefantenschwanzhaars ist. Sie schrieb dem Zoo einen netten Brief, ohne je eine Antwort zu erhalten. Als ich eine Reise nach Indien antrat, trug sie mir natürlich auf, ihr ein Elefantenhaar zu bringen.
Ich reiste durch das Land und schob den Gedanken an mein Versprechen beiseite. Als sich die Reise bereits langsam ihrem Ende zuneigte, hatte ich immer noch kein Elefantenhaar. Die einmalige Chance ergab sich, als ich am zweitletzten Tag zufällig in einer belebte Strasse einen bunt bemalten Elefanten entdeckte. Er führte weit, weit vorne eine Prozession an.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und kämpfte mich durch die Menschenmasse bis an die Spitze vor. Atemlos trug ich dem Elefantenmeister die in meinen Augen doch recht merkwürdige Bitte vor. Ohne ein Wort nahm dieser ein Messer aus der Hosentasche, setzte an und überreichte mir – natürlich gegen ein kleines Entgelt – ein ziemlich kurzes, kotverschmiertes Stümmelchen. Mit spitzen Fingern nahm ich es entgegen. Etliche leere Stellen am Schwanz des Elefanten zeugten davon, dass bereits andere Abergläubische vor mir da gewesen waren. Wieder zu Hause, genierte ich mich ein wenig, Lockenkopf die übelriechende Gabe zu überreichen – erst recht, weil es doch im besten Fall bloss die Andeutung eines Elefantenhaars war. Doch Lockenkopf kümmerte das wenig. Schliesslich ist ihr das Liebesglück schon seit geraumer Zeit hold.
