Auf weiblichem Terrain - Edita Truninger - E-Book

Auf weiblichem Terrain E-Book

Edita Truninger

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Beschreibung

Männer in der Pflege und Männer in die Pflege Das Buch porträtiert Männer zwischen 23 und 65 Jahren, die in Pflegeberufen in unterschiedlichen Gebieten, wie Altersheim, Akutklinik, häusliche Pflege, Spitex und Psychiatrie arbeiten und den Leser*innen Einblick in ihre Biografie gewähren. Frei von der Leber weg erzählen die Protagonisten, was den Anstoß für ihre Berufswahl gegeben hat. Wurden sie vom Umfeld oder durch persönliche Erfahrungen darauf aufmerksam? Welche Hemmschwellen galt es, im Berufswahlprozess zu überwinden? Was denken sie über ihre Rolle als Exoten in weiblich dominierten Teams? Zu welchem Zeitpunkt haben sie damit begonnen, vorherrschende Normen von Geschlechteridentitäten zu hinterfragen? Und was hat das mit ihrem eigenen Männlichkeitsbild gemacht? Angereichert werden die Porträts durch fünf persönlich gefärbte Essays von Exponent*innen des Schweizer Gesundheitswesens, die sich schon lange mit dem Pflegeberuf befassen. Zu Wort kommen darin z.B. eine Pflegehistorikerin, eine Genderforscherin oder eine Vertreterin des SBK mit einer Würdigung der verstorbenen Pflegepionierin Liliane Juchli. Neben den Porträts männlicher Protagonisten werden auch Frauen in die Reflexionen über Männer in der Pflege mit einbezogen. Wie verändert sich das Bild der Pflege, wenn der Anteil der Männer steigt? Was geschieht mit den Gehältern? Hat die Akademisierung dem Berufsstand die gewünschte Aufwertung gebracht? Die Essays rahmen die persönlichen Geschichten und liefern den gesellschaftlichen Bezugsrahmen, vor dem sich die Erlebnisse der Porträtierten ereignet haben. - Männer in der Pflege empfehlen: Männer in die Pflege!

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Seitenzahl: 170

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Sabine Meisel

Edita Truninger

(Hrsg.)

Auf weiblichem Terrain

Pflegefachmänner im Porträt

unter Mitarbeit von

Vreni Achermann

Evelyne Arnold

Petra Bosshart-Seiler

Franz Elmer

Dr. Lorenz Imhof

Sophie Ley

Dr. Susanne Nef

Karin Schleiss

Birgit Wernz

Katrin Wülser

Margrit Wyder

Auf weiblichem Terrain

Sabine Meisel, Edita Truninger (Hrsg.)

Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Pflege:

Jürgen Osterbrink, Salzburg; Doris Schaeffer, Bielefeld; Christine Sowinski, Köln; Franz Wagner, Berlin; Angelika Zegelin, Dortmund

Sabine Meisel (Hrsg.), Pflegefachfrau, Dipl. Sozialarbeiterin, M.A. Biografisch-Kreatives Schreiben, Dozentin und Autorin, Winterthur.

www.sabinemeisel.com

Edita Truninger (Hrsg.), Journalistin, Schreibpädagogin, Redaktorin und Autorin, Thalwil.

www.editatruninger.ch

Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autoren bzw. den Herausgebern große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autoren bzw. Herausgeber und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

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Anregungen und Zuschriften bitte an:

Hogrefe AG

Lektorat Pflege

z. Hd. Jürgen Georg

Länggass-Strasse 76

3012 Bern

Schweiz

Tel. +41 31 300 45 00

[email protected]

www.hogrefe.ch

Lektorat: Jürgen Georg, Angela Ambühl, Detlef Kraut, Martina Kasper

Herstellung: René Tschirren

Umschlagabbildung: Getty Images/sturti

Umschlag: Claude Borer, Riehen

Satz: Claudia Wild, Konstanz

Format: EPUB

1. Auflage 2021

© 2021 Hogrefe Verlag, Bern

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96183-5)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76183-1)

ISBN 978-3-456-86183-8

https://doi.org/10.1024/86183-000

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

DankSabine Meisel und Edita Truninger

Einleitung

Laudatio

1 Gut ausgebildete Pflegende retten LebenPetra Bosshart-Seiler, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Department Gesundheit

1.1 Zulassung zum FH-Studium

1.2 Das Studium an der Fachhochschule (FH)

1.3 Warum braucht es ein Studium in Pflege?

1.4 Zukunft der Pflege – Sicherung des Nachwuchses

2 „Wir Männer können arbeiten!“Loris, Pflegefachmann FH und Masterstudent

2.1 Sich als Mann mehr beweisen müssen

2.2 Pflege ist Teamarbeit

2.3 Für einen Austausch in die USA

3 „Kein Arzt würde sich in einer brenzligen Situation gegen die Pflege stellen“Fabian, Pflegefachmann Psychiatrie FH, Masterstudent

3.1 Autonomie versus Zwang

3.2 Pflege in der Vermittlerposition

3.3 Behütetes Elternhaus – emanzipierter Vater

3.4 Begleitung in Ausnahmesituationen

4 „Mit meiner lockeren Art komme ich beim weiblichen Pflegepersonal gut an“Basil, Fachmann Gesundheit, Pflegefachmann HF in Ausbildung

4.1 Die Pflege im Blut

4.2 Den Traumberuf gefunden

4.3 Sogar im Winter vor Anstrengung schwitzen

5 Pflegende – fürsorgliche – Männer: (endlich!) der Ausgangspunkt für eine emanzipative Vergesellschaftungsweise?Susanne Nef

5.1 Berufe haben (k)ein Geschlecht

5.2 Fürsorge als weibliche Tugend oder die Emanzipationsstrategie der geistigen Mütterlichkeit

5.3 Die tägliche Arbeit und die Tätigkeitsfelder: Vertikale Segregation?

5.4 Geschlechtsspezifische Zuschreibungen

5.5 Plädoyer für eine emanzipative (berufliche) Vergesellschaftungsweise

6 „Männer in Frauenberufen – ein sozialer Abstieg“Pierre-André, Jurist und Dipl. Pflegefachmann AKP

6.1 Rechtsprechung ist politisch und wertgebunden

6.2 Emanzipation des Pflegeberufes und neoliberaler Backlash

6.3 Die Löhne werden von der Politik diktiert

6.4 Mit den Kernfragen des Lebens konfrontiert

7 „Der Zweifel war mein ständiger Begleiter“Jerôme, Dipl. Pflegefachmann HF

7.1 Das Gefühl, nicht dazuzugehören

7.2 Frauen mit Vorwissen, Männer ohne

7.3 Hoher Männeranteil als Kriterium bei der Jobsuche

8 „So viele Tränen wie in diesem COVID-Jahr habe ich noch nie gesehen“Thomas, Pflegefachmann DN2, Weiterbildung zum Experten Intensivpflege NDS HF

8.1 Corona hat Betreuungsstrukturen gekappt

8.2 Freundinnen als Schutz vor Diskriminierung

8.3 Soziale Ader: Früh entdeckt

8.4 Bauarbeiter*innen und Pflegefachpersonen gleich eingestuft

8.5 Wechselbäder aus Angst und Hoffnung

8.6 Blick in die Zukunft

9 Krankenpflege in der Schweiz – Ein Blick zurückMargrit Wyder

9.1 Pflegen als Dienst am Nächsten

9.2 Disziplin und Unterordnung

9.3 Pflegen wird weiblich

9.4 Ein eigenständiger Gesundheitsberuf

10 „Als ich mit der Pflege anfing, hatten sie gerade die Häubchen abgeschafft“Pionier Lorenz, Professor Dr. Pflegewissenschaft

10.1 Warum ich immer „wir“ sage?

10.2 Was braucht es, dass Menschen genesen?

10.3 Patientinnenbefragung auf der Gynäkologie

10.4 Kooperative Vorreiter

11 „Im Management steckt man im Sandwich“Nicolas, ausgebildeter Pflegefachmann, heute Manager in einem Akutspital

11.1 Das Zimmer wie im Hotel, das Essen wie vom Sternekoch

11.2 Mit 17 auf dem Bau – auf männlichem Terrain

11.3 Überall auf der Welt braucht es Pflegepersonal

11.4 Aus Angst vor einer Ansteckung sozial isoliert

12 „Mit Andersartigkeit bin ich gross geworden“André, 48 Jahre, Prof. Dr. Pflegewissenschaft, Co-Studiengangsleiter einer Hochschule

12.1 Sozialpraktikum in der Charité

12.2 Pflege fängt dort an, wo andere aussteigen

12.3 Der Pflege eine Stimme geben, das will ich!

13 „Die Freude am Beruf wird gerade kaputtgespart“Adrian, Dipl. Pflegefachmann Psychiatrie, arbeitet zu 60 % in der Erwachsenenbildung

13.1 Gerechte Aufteilung der Betreuungsaufgaben

13.2 Als Mann Ruhe ins Team bringen

13.3 Spardruck und Personalmangel: Gift für die Motivation

14 TopSharing als ErfolgsmodellBirgit Wernz, Evelyne Arnold, Katrin Wülser, Karin Schleiss, Vreni Achermann, Kantonsspital Luzern (LUKS)

14.1 Mutterschaft als Auslöserin

14.2 Unterschiedliche Führungsstile als Bereicherung erlebt

14.3 Zeitgemässes Arbeitsmodell

15 „Jetzt werde ich als Hausmann angesehen“Alexander, Dipl. Pflegefachmann, Experte Notfallpflege NDS, SVEB-Kursleitung für Erwachsene

15.1 Mann muss sich mehr beweisen

15.2 Stolz darauf, Leben zu retten

15.3 Vorsicht vor dem Teufelskreis

16 „Nichts in der Pflege sieht nach Mercedes-Stern aus“Patrick, früher Radiomoderator, heute Pflegefachmann HF

16.1 Die Finanzierung der Ausbildung stärken

16.2 Ja keine Angriffsfläche bieten

16.3 Von den schmutzigen Betten zum Student HF

16.4 Pflege wird künstlich herabgewürdigt

16.5 Männer haben in der Tendenz mehr Mut

17 „Grüezi, Herr Doktor!“Oli, Pflegefachmann HF an wechselnden Akutspitälern

17.1 Wenn es schiefläuft, geht es ans Lebendige

17.2 Negative Reaktionen blieben aus

17.3 Aussenblick auf die Körperpflege reduziert

18 „Pflege ist emotionales Yoga“Martin, Dipl. Pflegefachmann, Akute Medizin

18.1 Die ganze Welt in den Betten

18.2 Gendern schreckt Männer ab

19 Pflege: Auch für Männer eine sinnstiftende ArbeitProf. Dr. Lorenz Imhof, Basel

20 „Mein roter Faden: Patientensicht, Patientenbeteiligung und Empowerment“Jörg, Dr. PH Gesundheits- und Pflegewissenschaftler

20.1 Schlüsselerlebnis in Schottland

20.2 Nachhaltigkeit: In der Pflege noch nicht angekommen

21 Völlig anders als im FernsehenAkrem, Pflegefachmann HF, Gesundheitsdienst im Frauengefängnis

21.1 Flag Football und Tortenbäcker

21.2 Kreative Ader ausleben

22 Schlusswort

Autorinnenverzeichnis

Sachwortverzeichnis

|11|Vorwort

Männer stellen die Hälfte der Bevölkerung, aber werden nur von etwa 15 % gepflegt. Warum ist das so? Die Antwort darauf ist sehr vielschichtig und daher nicht leicht zu geben. Eine geschlechtsuntypische Berufswahl wird von der Gesellschaft oft heftig sanktioniert. Diese Erfahrung machen Automechanikerinnen, Informatikerinnen oder Bauingenieurinnen genauso wie männliche Friseure, Hebammen oder Pflegefachpersonen. Starre, stereotypische Rollenbilder haben sich in den Köpfen festgesetzt und halten sich hartnäckig. Männer im Pflegeberuf sind unter Peers häufig mit abfälligen Bemerkungen konfrontiert. „Ach, du bist Schwester?“, oder „Macht es eigentlich Spass, den ganzen Tag Hintern zu putzen?“, sind nur zwei Beispiele von vielen. Wenn auch oft nicht böse gemeint, zementieren solche Kommentare das Vorurteil des Delegationsjobs für Geringqualifizierte und würdigen sowohl Pflegefachfrauen wie -fachmänner herab.

Reproduzieren (hetero-)normativer Männlichkeit

Im vorliegenden Buch sind wir der Frage nachgegangen, wie Pflegefachmänner in ihrem Berufsalltag mit stereotypischen Rollenzuschreibungen umgehen und ob sich diese in der Wahl eines „Frauenberufs“ als Hürde erwiesen haben. Während Frauen in geschlechtsuntypischen Berufen dazu neigen, ihr Geschlecht zu dethematisieren, tendieren Männer dazu, ihr Geschlecht zu betonen, um Zweifel an ihrer Männlichkeit zu entkräften (mehr im Essay von Genderforscherin Dr. Susanne Nef, Kap. 5).

Ein Beispiel aus unserem Buch ist der 40-jährige Intensivpflegeexperte Thomas: Erst durch unsere Interviewanfrage wurde ihm bewusst, dass er im privaten und beruflichen Umfeld immer sehr betont hat, eine Freundin zu haben. Auch heute noch erzählt er am Patient*innenbett gern von seinen drei Kindern – um ja nicht den Homosexualitätsverdacht aufkommen zu lassen.

|12|Männer in der Pflege werden weniger ernst genommen

Der 35-jährige Notfallexperte Alexander berichtet, erst mal schief angeguckt zu werden, wenn die Patientin feststellt, dass er kein Arzt ist. Männer im Pflegeberuf müssen sich für ihre Berufswahl stetig rechtfertigen – und ihre Kompetenzen viel stärker unter Beweis stellen als ihre Kolleginnen. Das, was Frauen in von Männern dominierten Berufsfeldern berichten – nämlich, dass sie sich viel mehr anstrengen müssen als ihre männlichen Kollegen, um ernst genommen zu werden –, erleben Männer in typischen Frauenberufen ebenso. Wir sind überzeugt: Es ist ein Fortschritt, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer sich – ausgelöst durch ihre Berufswahl abseits geschlechtsspezifischer Normen – Gedanken machen über Rollenbilder. Männer und Frauen müssen zu Verbündeten werden – nur so kann der Schritt zu einer wahren Gleichberechtigung der Geschlechter auf allen Ebenen der Gesellschaft erfolgen. Dass sich die Rollenidentifizierung von Lebensabschnitt zu Lebensabschnitt verändern kann und manche über längere Perioden auch damit hadern, sei hier nicht verschwiegen.

Für eine solidarische Pflege

Es gibt noch mehr Gründe, warum die Pflege mehr Männer braucht. Diverse Studien belegen es: In geschlechterdurchmischten Teams ist das Arbeitsklima entspannter, was zu einem stärkeren Zusammenhalt und einer besseren Gesamtleistung des Teams führt und nicht zuletzt auch den Patient*innen zugutekommt. Bei pflegerischen Handlungen, die stark in die Intimsphäre eingreifen (z. B. das Legen eines Katheters) ist es zudem für Patient*innen meist angenehmer, von einer Person des gleichen Geschlechts betreut zu werden.

Uns ist es ein grosses Anliegen, die vielen spannenden Facetten des Berufes und seine vielseitigen Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Das Schweizer Ausbildungssystem im Gesundheitswesen ist sehr durchlässig, der Einstieg kann bereits in jungen Jahren mit einer dreijährigen Lehre als Fachmann/Fachfrau Gesundheit erfolgen und dann für die weitere Qualifizierung in die Ausbildung an einer Höheren Fachschule oder einer Fachhochschule münden (mehr zu den Ausbildungswegen im Essay von Petra Bosshart-Seiler, Kap. 1). Die Akademisierung der Pflege sollte nicht als Bedrohung angesehen, sondern als Aufwertung des gesamten Berufsstands – weg vom Bild des Zudieners der Ärzteschaft hin zu einem Selbstverständnis als versierte Berufsfrauen- und -männer, die sich durch ihr pflegerisches Fachwissen auszeichnen und auf Augenhöhe mit anderen Expert*innen im Gesundheitswesen kommunizieren.

|13|In der breiten Öffentlichkeit ist auch noch nicht angekommen, dass Frauen wie Männer in der Pflege durchaus Karriere machen können. Hierzu werden auf Führungsebene erfolgreich Jobsharing-Modelle erprobt (ein Beispiel dazu aus dem Luzerner Kinderspital, Kap. 14). Wir glauben daran, dass interdisziplinäre Zusammenarbeit und solidarische Pflege Hand in Hand gehen und zentral für die Pflegeentwicklung sind – insbesondere im Hinblick auf die Rekrutierung von zusätzlichen Fachkräften, die in den kommenden Jahren aus demografischen Gründen dringend benötigt werden.

Um die eigenen inneren Bilder zu relativieren, lohnt sich übrigens auch ein Blick in die Geschichte, wie der Essay von Margrit Wyder zeigt (Kap. 9): Eignen sich Männer oder Frauen besser zur Krankenpflege? Diese Frage war im 19. Jahrhundert unter Ärzten höchst umstritten. Während die private Pflege meist von Frauen erbracht wurde, brauchte es in den öffentlichen Spitälern Pflegende beider Geschlechter: Die Patient*innen wurden nach Geschlechtern getrennt untergebracht und behandelt.

Die Herausgeberinnen

Sabine Meisel und Edita Truninger

|15|Dank

Sabine Meisel und Edita Truninger

Trotz hoher physischer und psychischer Belastung haben die 15 porträtierten Männer dieses Buches sich mitten in einer Pandemie die Zeit genommen, um uns Rede und Antwort zu stehen. Insbesondere ihnen möchten wir für ihre Offenheit und ihr Vertrauen unseren allergrössten Dank aussprechen. Sie haben die Umsetzung dieses Buchprojekts überhaupt ermöglicht. Einen weiteren Dank gilt der ZHAW Pflege, die unser Buchprojekt von Anfang an unterstützt hat und damit einen wesentlichen Beitrag zu dessen Veröffentlichung geleistet hat. Auch den Essayautor*innen gebührt grosser Dank – ihre grossartigen Texte schaffen den gesellschaftlichen Bezugsrahmen. Weiter möchten wir dem Berufsverband SBK danken, der unser Anliegen ernst genommen hat und seinem im November 2020 verstorbenen Ehrenmitglied Sr. Liliane Juchli mit der Laudatio in diesem Buch ein berührendes Vermächtnis hinterlassen hat.

|17|Einleitung

Im vorliegenden Buch werden 15 Pflegefachmänner im Alter zwischen 24 und 65 Jahren porträtiert. Sie arbeiten in unterschiedlichen Abteilungen im Spital – von der Inneren Medizin über die Intensivstation bis hin zur Notaufnahme. Andere haben Arbeitserfahrung in Institutionen wie Alterszentren, psychiatrischen Kliniken oder dem Strafvollzug. Die 15 Porträtieren gewähren den Leser*innen einen Einblick in ihren (Berufs-)Alltag und lassen sie an ihrer Gedankenwelt teilhaben.

Manche sind heute nicht mehr direkt am Patientenbett tätig, sondern engagieren sich in der Ausbildung, sind berufspolitisch unterwegs, forschen an einer Hochschule oder haben eine Leitungsfunktion inne. Der Pflegeberuf hat viele Facetten und die Entwicklungsmöglichkeiten sind äusserst vielseitig. Dennoch äussert nur jeder fünfzigste männliche Schulabgänger den Wunsch, einen Pflegeberuf zu ergreifen. Unser Buch bestätigt, was auch Studien zeigen: Den Ausschlag für die Berufswahl gibt bei Männern fast immer der persönliche Bezug. Am häufigsten sind es Familienmitglieder, die bereits in der Pflege tätig sind. Andere finden entweder über die Rekrutenschule oder den Zivildienst Zugang zum Pflegerischen. Eine dritte Gruppe erlebt als Patient im Spital zum ersten Mal Pflegefachpersonen in Aktion und kommt so auf die Idee, den Beruf für sich in Betracht zu ziehen.

Der Anteil an männlichem Pflegepersonal stagniert in der Schweiz seit Jahren auf einem tiefen Niveau von 15 Prozent. Während also Männer im traditionell von Frauen dominierten Pflegeberuf immer noch stark in der Unterzahl sind, zeigt sich in der vormals von Männern dominierten Medizin ein ganz anderes Bild: Inzwischen schliessen mehr Frauen als Männer das Medizinstudium ab, und auch in den Spitälern sind die Ärztinnen in der Mehrheit. Im Kantonsspital Winterthur zum Beispiel arbeiten 140 Assistenzärztinnen und 65 Assistenzärzte, was einem Verhältnis von 62 zu 38 Prozent entspricht (Tages-Anzeiger, 06.09. 2019).

Während also der Arztberuf bei Frauen immer gefragter wird, bleibt der Pflegeberuf für Männer unattraktiv. Daraus machen auch die Porträtierten kein Geheimnis: Kranke oder alte Menschen zu pflegen bedeutet kein Prestige, oft wird die |18|Berufswahl für einen Mann als gesellschaftlicher Abstieg bewertet. Daneben werden oft der tiefe Lohn, die eingeschränkten Karrieremöglichkeiten und die schlechten Arbeitsbedingungen als Gründe für die geringe Attraktivität des Berufes für Männer ins Feld geführt. Ob dies wirklich zutrifft und nicht noch andere Gründe vorliegen – darauf versucht das Buch eine Antwort zu geben.

Die Systemrelevanz des Berufes hat im Covid-19-Jahr 2020 viel zu reden gegeben. Und tatsächlich: In Sachen Jobsicherheit kann dem Beruf eine exzellente Note ausgestellt werden. Arbeitswillige finden in kürzester Zeit einen Job – gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten gewinnt diese Perspektive an Bedeutung.

Ein weiteres Plus: Teilzeitarbeit ist in der Pflege mehr die Norm als die Ausnahme, Jobsharing-Modelle sind gut erprobt und weitverbreitet. Eine gerechte Aufteilung der familiären Betreuungsaufgaben innerhalb einer Partnerschaft ist mühelos möglich. Leider macht die Schichtarbeit die Organisation der Kinderbetreuung kompliziert und 24-Stunden-Kinderkrippen oder Horte direkt in den Spitälern sucht man in der Schweiz bisher vergeblich.

Wer teamfähig ist, Menschen mag und sich für den Körper und seine Vorgänge interessiert, eignet sich für den Beruf der Pflegefachperson. Schön wäre es, wenn Menschen eines Tages ganz frei und zwanglos jenen Beruf ergreifen können, der sich am besten mit ihren Interessen und Fähigkeiten deckt – unabhängig von Geschlecht oder individuellem Hintergrund.

|19|Laudatio

Sr. Liliane Juchli: Eine Inspiration für Generationen von Pflegefachfrauen und Pflegefachmännern

Sophie Ley, Präsidentin Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK, Franz Elmer, Vize-Präsident Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK

Zu ihrem achtzigsten Geburtstag erschien zu Ehren von Sr. Liliane Juchli die von Trudi von Fellenberg-Bitzi verfasste Biografie: „Liliane Juchli – ein Leben für die Pflege.“ In jenem Jahr fand der Kongress des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner in St. Gallen in den Olma-Hallen statt.

Sr. Liliane war an diesem Kongress eingeladen. Der Vortragssaal war bis auf den letzten Platz besetzt, als Prof. Rebecca Spirig, selber eine der Grossen der Schweizer Pflege, zum Gespräch mit Sr. Liliane einlud. Die Menschen hingen an den Lippen der Ordensfrau, die die Pflege im deutschsprachigen Raum während Jahrzehnten geprägt hat. Im Anschluss bot sich den Besucher*innen die Möglichkeit, die Biografie oder die DVD mit dem Film „Leiden schafft Pflege“, der ebenfalls in diesem Jahr erschienen war, von Sr. Liliane signieren zu lassen. Innert Kürze bildete sich eine lange Schlange vor dem kleinen Tisch. Viele der anwesenden Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner hatten ihren „Juchli“ mitgeschleppt, um ihn mit einer persönlichen Widmung wieder nach Hause zu tragen. „Die Juchli“ – so hiess das Lehrbuch, das Generationen von Pflegefachpersonen in ihrer Ausbildung und im Berufsleben begleitet hat. Manche nannten es gar die „Juchli-Bibel“. Ein Ziegelstein von einem Buch, das noch heute in unzähligen Stationszimmern aufliegt und mittlerweile in der 15. Ausgabe unter dem Namen „Thiemes Pflege“ erscheint.

Alle, die Sr. Liliane persönlich treffen konnten, sind in einen ganz besonderen Genuss gekommen. Sie hatte das grosse Talent, jeder einzelnen Person, mit der sie sprach, das Gefühl zu geben, dass sie in diesem Moment ganz für sie da ist. Auch wenn die Schlange in St. Gallen noch so lang war, diesen einen Moment schenkte sie dem Menschen, der gerade vor ihr stand.

Diese Haltung machte auch das Pflegeverständnis aus, für das Sr. Liliane Juchli einstand. Es war ihr immer klar, dass die Pflege immer auch eine Begegnung zwischen Menschen ist, zwischen der Pflegefachperson und dem Patienten, der Patientin, die in dieser Situation oft verletzlich und hilfsbedürftig ist. In ihrer Biografie |20|schildert sie eine Situation, als ihr das wirklich bewusst wurde. Sie hatte nach einer längeren Zeit, in der sie vor allem in der Lehre tätig war, beschlossen, dass sie für die Überarbeitung ihres Buchs wieder in der Praxis arbeiten muss. Im Berner Inselspital sei sie in ein Patientenzimmer gekommen, wo die Infusion kontrolliert werden musste. Sie habe an der Infusion hantiert, bis es ihr wie Schuppen von den Augen fiel: „Was mache ich hier? Da liegt ein kranker Mensch im Bett, der jetzt gerade meine Zuwendung braucht!“

Bei dieser Überarbeitung des Lehrbuchs, das 1983 erschien, machte Sr. Liliane eine Kehrtwendung. Standen bis anhin medizinisch-technische Aspekte der Pflege im Vordergrund, stellte sie ab der 4. Ausgabe konsequent den Menschen ins Zentrum. Sie war damit, global gesehen, zwar keine Pionierin. Im angelsächsischen Raum war das Konzept der Aktivitäten des täglichen Lebens bereits im Zentrum der professionellen Pflege angekommen. Das Verdienst von Liliane Juchli war ihre Breitenwirkung im deutschsprachigen Raum. Sie hatte die Fähigkeit, ihre Ideen und Ansichten anschaulich zu schildern und die Menschen davon zu überzeugen. In der Schweiz, Deutschland und Österreich war sie eine Ausnahmefigur und leitete einen Paradigmenwechsel ein. Die Pflegefachpersonen waren in ihrem Pflegemodell nicht mehr jene, die die Anweisungen der Ärzteschaft ausführen, sondern sie hatten einen ureigenen Bereich, nämlich die Menschen darin zu unterstützen, dass diese auch mit einer Krankheit eine möglichst hohe Lebensqualität geniessen können. Sr. Lilianes Diktum „Ich pflege als die, die ich bin“ bringt auf den Punkt, dass die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Mensch und Pflegefachperson ein zentraler Aspekt der professionellen Pflege ist: Auch die Pflegefachfrau selber ist als Mensch Teil der Pflege.

Als aufmerksamer Mensch hat Liliane Juchli natürlich gemerkt, dass sich das Gesundheitswesen nicht in die Richtung entwickelt, in dem diesem Aspekt Rechnung getragen wird. Die zunehmende Ökonomisierung der Gesundheitsversorgung läuft der Idee, dass die Pflegenden genug Zeit haben, sich um ihre Patient*innen wirklich zu „kümmern“, diametral entgegen. Die Wirkung eines persönlichen Gesprächs mit dem leidenden, verletzlichen und oft auch ausgelieferten Menschen ist aus pflegerischer Sicht unbestritten, in einer wirtschaftlichen Logik aber nicht messbar und damit quasi ohne Wert. Für Sr. Liliane war es daher klar, dass sie sich auch um die Rahmenbedingungen kümmern muss, in denen Pflegende arbeiten. Sie verglich die Pflegenden mit einem Leuchtturm: Wie diese in dunklen und stürmischen Zeiten den Weg in den Hafen weisen, zeigen die Pflegefachpersonen den Weg. Aber sie warnte davor: Ausgebrannte Pflegende geben kein Licht mehr. Es war daher für Sr. Liliane Juchli klar, dass sie sich auch am Kampf der Pflegenden für ihre Arbeitsbedingungen beteiligen muss. Sie wurde denn auch voller Überzeugung Mitglied des Initiativkomitees der eidgenössischen Volksinitiative für eine starke Pflege. Dieses Engagement war keineswegs nur ein Lippenbekenntnis. Die umtriebige Ordens|21|