Kultur - Geschichte - Behinderung, Band 1 -  - E-Book

Kultur - Geschichte - Behinderung, Band 1 E-Book

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Beschreibung

'Behinderung' ist keine geschichtslose Naturtatsache, sondern wird in sozialen, kulturellen und somit historischen Prozessen hervorgebracht. Die kulturwissenschaftliche Historisierung von 'Behinderung' irritiert etablierte Fachdiskurse der Humanwissenschaften und wirft gleichzeitig neue Fragen im Spannungsfeld von Biologismus und Kulturalismus auf. Das interdisziplinär angelegte Buch thematisiert 'Behinderung' als kulturelles und historisches Phänomen und versammelt Beiträge aus den Disability Studies, den Erziehungswissenschaften und der Behindertenpädagogik. Mit Beiträgen von: Werner Brill, Micha Brumlik, Markus Dederich, Uta George, Thomas Hoffmann, David T. Mitchell, Vera Moser, Christian Mürner, Oliver Musenberg, Lucie Storchová und Anne Waldschmidt

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Seitenzahl: 393

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Oliver Musenberg (Hg.)

Kultur – Geschichte – Behinderung

Die kulturwissenschaftliche Historisierung

von Behinderung

ATHENA

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

E-Book-Ausgabe 2013

Copyright © 2013 by ATHENA-Verlag, Mellinghofer Straße 126, 46047 Oberhausen www.athena-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Datenkonvertierung E-Book: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (Print) 978-3-89896-536-1 ISBN (ePUB) 978-3-89896-838-6

Vorwort

»›Es ist ein eigentümlicher Apparat,‹ sagte der Offizier zu dem Forschungsreisenden und überblickte mit einem gewissermaßen bewundernden Blick den ihm doch wohlbekannten Apparat«. Mit diesem Satz leitet Franz Kafka seine Erzählung »In der Strafkolonie«[1] ein. Der Apparat ist in Kafkas Erzählung ein perfides Straf- und Folterinstrument: »Dem Verurteilten wird das Gebot, das er übertreten hat, mit der Egge auf den Leib geschrieben«. Die Nadeln der ›Egge‹ stechen die Buchstaben in den Körper.

Die Vorstellung, dass auch kulturelle Regulierungsmechanismen einen »Apparat« bilden können, der die Subjekte und Körper formt, ist eine prominente Metapher in den Kulturwissenschaften (vgl. Foucault 1996, 75; Butler 1991, 191; Reckwitz 2008, 86)[2], die von der diskursiven Herstellung von Identität und Differenz ausgeht. Behinderung wird in diesem Zusammenhang als soziale und vor allem kulturelle Konstruktion verstanden.

Etablierte (Norm-)Vorstellungen von »natürlichen« Körpern und Kognitionen können samt ihrer diagnostizierten Abweichungen einer kritischen Historisierung und Rekonstruktion unterzogen werden. Dabei wird der Diskurs aber nicht nur als Konditionierungsmaschine verstanden, der die Subjekte schlicht ausgeliefert sind, sondern auch als Entwicklungsraum neuer Erzählungen und Identitäten von Behinderung.

Diese kulturwissenschaftlich orientierte Reflexion findet vor allem in den Disability Studies statt und wird zunehmend auch in der Heil- und Sonderpädagogik aufgegriffen.

Der vorliegende interdisziplinäre Sammelband führt exemplarisch die verschiedenen Perspektiven zusammen und betont die historische und historiographische Seite einer kulturwissenschaftlichen Rekonstruktion von Behinderung.

Ich bedanke mich herzlich bei allen Autorinnen und Autoren für Ihre Beiträge, bei meinen Berliner Kolleginnen Stefanie Kusche, Judith Riegert und Jule Wilisch für die Unterstützung sowie bei Christina Wittkop und Rolf Duscha vom ATHENA-Verlag für die stets angenehme und unkomplizierte Zusammenarbeit.

Der Herausgeber

Berlin, im Frühjahr 2013

[1] Kafka, Franz (1919): In der Strafkolonie. In: Raabe, Paul (Hg.) (1994): Franz Kafka. Sämtliche Erzählungen. Frankfurt am Main, 100–123.

[2] Vgl. Foucault, Michel (1996): Nietzsche, die Genealogie, die Historie. In: Seitter, Walter (Hg.): Von der Subversion des Wissens. Frankfurt am Main, 75; Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main, 191; Reckwitz, Andreas (2008): Subjekt. Bielefeld, 86.

I Interdisziplinäre Perspektiven

Oliver Musenberg

Kultur – Geschichte – Behinderung: Zur Einleitung

Kultur, Geschichte und Behinderung sind Begriffe, die nicht nur mehrere Kombinationsmöglichkeiten zulassen[1], sondern auch jeweils für sich allein betrachtet bereits ein gewisses Maß an inhaltlicher Unsicherheit aufweisen. Dass es sich bei Kultur um die »Begriffsbezeichnung eines notorisch unsicheren semantischen Feldes« handelt (Konersmann 2008, 39), ist eine Feststellung, die auch auf den Begriff Behinderung und bei einem Blick in die geschichtstheoretischen Diskussionen, in etwas abgeschwächter Form auch auf die Geschichte zutrifft. Alle drei Begriffe sind Gegenstand zahlreicher Debatten und disziplininterner wie inter- und transdisziplinärer Selbstvergewisserungen und Verunsicherungen.

Nun verfügt der Behinderungsbegriff als »eine Wortschöpfung der frühen Weimarer Republik« (Schmuhl 2010, 7) zwar nicht über eine so reichhaltige Begriffsgeschichte und Reflexionstradition wie Kultur und Geschichte, aber auch Behinderung als Überbegriff für die zuvor an den verschiedenen Beeinträchtigungen orientierten Vorläuferbegriffe (z. B. »Krüppel«, »Idioten«, »Taubstumme«, »Blinde«, »Epileptische« usw.) ist historisch und keineswegs eindeutig oder selbstverständlich. Weder die heute größtenteils pejorativen Vorläufer noch aktuelle medizinische, psychologische, pädagogische oder sozialrechtliche Definitionen und Auffassungen von Behinderung bilden also schlicht einen ahistorischen, kontext- und beobachterunabhängigen, natürlichen Sachverhalt ab, sondern sind Produkte historischer Praktiken und kultureller Sinngebungen. Diese Historizität des »Gegenstands« wird dadurch verdoppelt, dass nicht nur die Forschungsobjekte der Geschichtlichkeit unterliegen, sondern auch die Forschungssubjekte samt ihrer Forschungsfragen und -methoden (vgl. Wulf 2001, 198). Die Betonung dieser Geschichtlichkeit und Kulturbedingtheit ist für die Beiträge des Sammelbands eine grundlegende Ausgangsbasis, auch wenn die Erkenntnis der doppelten Historizität fast trivial daherkommen mag, zumal nicht nur in der Historischen Anthropologie, sondern auch in der Geschichtswissenschaft schon lange nicht mehr die Möglichkeit einer neutralen, kontext- und beobachterunabhängigen Rekonstruktion des Menschen oder der Vergangenheit behauptet wird:

»Nun ist Leopold von Rankes Idee, darzustellen, wie es eigentlich gewesen ist, alles andere als der Mainstream der heutigen geschichtlichen Forschung. Im Gegenteil, es scheint doch klar, dass das, was wir jetzt betrachten, immer nur durch unsere Brille gesehen wird. Diese Brille können wir nicht abnehmen, wir können aber ihre Abbildungswerte bestimmen – und so gibt es einen Weg heraus aus dem Engpass der Selbstschau. Es geht also darum, uns in der Geschichte zu verorten und die Ordnungen, in denen wir unser Wissen um unsere Kultur und unsere Positionen setzen, in ihrer historischen Bedingtheit zu erkennen. Es hilft uns nicht in die Natur zu flüchten, die uns immer nur im Maßstab und nach den Vorgaben unserer Kultur verfügbar ist« (Breidbach 2011, 11).

In der Verhältnisbestimmung der drei Begriffe Kultur, Geschichte und Behinderung nimmt Behinderung die Position eines »Gegenstands« und die Funktion einer Analysekategorie ein. Gegenstand ist Behinderung hier insofern, als aus einer kulturwissenschaftlichen und historischen Perspektive »Behinderung« in den Blick genommen wird und dadurch einer »radikalen Historisierung« (Breidbach 2011) unterzogen werden kann. Behinderung ist aber auch Analysekategorie, so Elsbeth Bösl (2010, 29) in ihrer Beschreibung der Disability History, und zwar indem »aus der dezentralen Perspektive von Behinderung über die Gesellschaft geforscht wird« und »Behinderung als allgemeine Analysekategorie der Geschichtswissenschaft etabliert« wird. Auf diesem Wege wird auch der Diskursverknappung entgegengewirkt, die durch die historisch gewachsene Okkupation des Themenfeldes »Behinderung« durch die Heil- und Sonderpädagogik entstanden ist. Behinderung taucht hier in erster Linie als Bestandteil der heilpädagogischen Disziplin- und Professionsgeschichte auf. Diese muss es auch weiterhin geben, sie verliert aber durch die kulturwissenschaftliche Historisierung von Behinderung ihre Monopolstellung und alleinige Deutungshoheit (vgl. Musenberg 2012, 57).

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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