20,99 €
Auch in seinem zweiten Band erzählt Rolf Kummer pointiert, lebensnah und mit feinem Humor aus dem prallen Leben. In 33 neuen Kurzgeschichten greift er Erlebtes und Erdachtes auf – irgendwo zwischen Wahrheit und Halbwahrheit. Ob als Tourist unter Terrorverdacht wegen eines vergessenen Pfeffersprays, bei einer Geburtstags-Dessert-Mogelaktion in Boston oder während einer gnadenlosen Überlebenswoche im Militärdienst – Kummers Geschichten spielen dort, wo das Leben passiert. Immer steckt ein Augenzwinkern, aber auch eine Portion Nachdenklichkeit zwischen den Zeilen. Ein Buch, das zum Innehalten einlädt – und zum Lächeln.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
Vorwort
Vorwort
34
35
36
37
38
39
Die 9
40
41
42
Schlaf, Sudoku, schlaf
43
Die Liebe
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
Machtwort
55
Die Senf-Flut
56
57
58
Der Zug des Lebens
59
Das Prämia-horenda-Virus
60
Auszug aus einem Filmabspann
61
62
63
64
65
66
Danksagung
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
Cover
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-761-7
ISBN e-book: 978-3-99130-762-4
Lektorat: Theresa Theuerer
Umschlagfoto: Liselotte Kummer
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
***
„You don’t write because you want to say something.
You write because you’ve got something to say.“1
F. Scott Fitzgerald
Diese Aussage steht auf dem Deckel eines kleinen, braunen Notizbuches, das mir meine Frau zu meiner vorzeitigen Pensionierung am 1. Mai 2019 geschenkt hat. Sie hat mir bei der Übergabe des Notizbuches gesagt, dass ich darin meine Inspirationen für Kurzgeschichten sofort und ortsunabhängig handschriftlich festhalten könne, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Welch vorzügliche Idee! Viele Einfälle und Ideen konnte ich auf diese Weise unmittelbar in Stichworten festhalten. So konnten sie mir nicht mehr aus meinem Gedächtnis entwischen. Als ich das Notizbuch öffnete, fand ich eine kurze Widmung meiner Frau, in der sie schrieb, dass sie sich freuen würde, die Ergebnisse, also die ausformulierten Kurzgeschichten und Zwischentöne, zu lesen. Beim Lesen dieser netten Worte meiner lieben Frau wurde mir ganz warm ums Herz – einmal mehr und immer wieder.
***
1Du schreibst nicht, weil du etwas sagen willst. Du schreibst, weil du etwas zu sagen hast.
Als ich im Juli 2024 mein erstes fertiggestelltes Buch in den Händen hielt, verspürte ich große Freude und Genugtuung. Ich war dankbar, dass mir dieses Projekt dank toller Unterstützung des novum Verlags gelungen ist. Bereits während der Geburt meines ersten Buches habe ich damit begonnen, weitere Kurzgeschichten und Zwischentöne zu Papier zu bringen. Nach einer komplikationsfreien Schreibzeit von 9 Monaten hat das Manuskript meines zweiten Buches das Licht der Welt erblickt.
Ich verdanke es zahlreichen Erlebnissen mit meinen Mitmenschen sowie allerlei Schlagzeilen in verschiedenen Medien, genügend Stoff für weitere Texte zu erhalten. Das Prinzip der Wahrheiten und Halbwahrheiten lebt auch im vorliegenden, zweiten Buch weiter.
Wiederum sind es 33 Kurzgeschichten, die zum Schmunzeln und Nachdenken anregen sollen. Warum gerade 33 und nicht 30 oder 40? Die Zahl 33 hat für mich und meine Familie eine besondere Bedeutung, wohnten wir doch während sehr langer Zeit in Neuenburg in einem Haus mit der Nummer 33. Wir alle haben deshalb diese Zahl irgendwie in unsere Herzen geschlossen. Und dort wird sie für uns auch als symbolisches Zuhause bleiben.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, viel Freude mit meinem zweiten Buch, den Geschichten 34 bis 66. Lehnen Sie sich zurück und lassen Sie sich überraschen.
Gepfefferter Terrorverdacht
Ein paar Tage vor Ostern 2009 liefen meine Frau und ich mit unserem Handgepäck durch den Transit des Flughafens von Porto. Unser Flugzeug der portugiesischen Fluggesellschaft TAP landete vor ein paar Minuten, von Genf kommend, nach einem kurzen Flug sicher in dieser am Atlantik gelegenen Stadt nördlich von Lissabon. Von Porto aus sollte es weitergehen nach Funchal, Hauptstadt der weltweit bekannten, ebenfalls zu Portugal gehörenden Blumeninsel Madeira. Meine Frau hatte diese Insel zur Feier unseres 20. Hochzeitstages ausgesucht. Wir feierten zwar unseren Hochzeitstag erst im September, wollte man aber die fantastische Blütenpracht dieses Inseljuwels im Atlantik bewundern, musste man sie eben im Frühjahr besuchen.
Für unseren Transfer in Porto stand nicht viel Zeit zur Verfügung. Obwohl wir bereits am Flughafen Genf die obligatorische Sicherheitskontrolle erfolgreich passiert hatten, mussten wir in Porto nochmals dasselbe mühsame Prozedere über uns ergehen lassen. Als wir an der Reihe waren, legte ich unter anderem auch meine Windjacke auf das Laufband. Meine Windjacke passierte unter scharfer Beobachtung der am Bildschirm sitzenden Kontrolleurin den Röntgenkanal. Dabei realisierte ich, dass die geschulten Augen der Kontrolleurin etwas Verdächtiges gesehen haben mussten, denn sie nahm rasch meine Windjacke vom Band, öffnete eine der Seitentaschen und holte einen kleinen Gegenstand hervor. Zum Vorschein kam ein Pfefferspray. Als ich das Pfefferspray in den Händen der Kontrolleurin sah, sagte ich zu mir: „Shit! Shit happens!“ Erst jetzt realisierte ich, dass ich doch glatt vergessen hatte, das Pfefferspray vor unserer Reise aus der Windjacke zu nehmen und zu Hause zu lassen. Das Pfefferspray hatte ich aus Gewohnheit stets dabei zu unserem eigenen Schutz vor Hunden, denen wir bei unseren täglichen Spaziergängen begegneten. Hunde, die leider nicht immer gut dressiert waren und auch schon versucht hatten, uns zu beißen. Das Pfefferspray hätte ich eingesetzt, wenn einer dieser Hunde zu gefährlich geworden wäre. Ich habe das Spray trotz einiger kritischer Situationen bisher nie zu Hilfe nehmen müssen. Ein Grund mehr, dass es in meiner Windjacke in Vergessenheit geraten war.
Bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen von Porto stand ich wegen dieses Pfeffersprays sofort unter Terrorverdacht. Kein Witz! Die Sicherheitskontrolleurin verwendete am Telefon gegenüber ihrem Gesprächspartner das Wort „Terrorist“. „Wow, jetzt wird es spannend“, sagte ich zu meiner leicht schockierten Frau. „Was wird jetzt passieren? Können wir trotzdem noch rechtzeitig unser Flugzeug nach Funchal erreichen?“ Wir wussten ja, dass wir keine Terroristen waren, aber die portugiesischen Sicherheitskräfte wussten es noch nicht.
Es dauerte keine zehn Minuten, und ich wurde von vier, ja vier, Flughafenpolizisten abgeholt. Meine Frau musste alleine und besorgt zurückbleiben. Ich wurde von den strammen Beamten in ein Kontrollbüro der Sicherheitskräfte eskortiert. Dort angekommen, musste ich zahlreiche Fragen beantworten. Dabei habe ich auch erwähnt, dass anlässlich der Sicherheitskontrolle am Flughafen Genf mein Pfefferspray unentdeckt geblieben sei. Die Beamten nahmen dies ohne weiteren Kommentar zur Kenntnis. Bei mir hinterließ jedoch die Ungenauigkeit der Sicherheitskontrolle am Flughafen Genf einen fahlen Beigeschmack. Wie vertrauenswürdig und zuverlässig waren solche Kontrollen überhaupt? Ganz abgesehen von Sicherheitskontrollen in anderen, weniger entwickelten Ländern.
Nebst der Beantwortung zahlreicher Fragen musste ich unzählige Formulare ausfüllen. Dabei dachte ich unweigerlich an den in der Schweiz oft gehörten Spruch: „Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare.“ Dies galt nicht nur für die Schweiz, sondern offensichtlich auch für Portugal. Nach einer gefühlt langen Zeit war dieses langwierige Prozedere endlich vorbei. Die Flughafenpolizei hatte realisiert, dass ich ein völlig harmloser 08/15-Schweizer Tourist war ohne terroristischen Absichten. Jetzt ging alles etwas schneller. Ein Beamter führte mich auf verschlungenen Wegen durch den Flughafen zu meiner wartenden Frau zurück. Sie war überaus froh, mich endlich wieder unversehrt zu sehen, und wir waren beide sehr dankbar, wieder zusammen zu sein.
Während des ganzen unerwarteten Zwischenfalls wurde ich von den portugiesischen Sicherheitskräften sehr korrekt und mit Anstand behandelt. Da gab es nichts zu kritisieren. Alle involvierten Beamten korrespondierten mit mir in französischer oder englischer Sprache. Portugiesisch war und ist überhaupt nicht mein Ding. Da verstehe ich auch heute nur Bahnhof.
Meine Frau und ich wurden umgehend von einer Flight-Assistentin der Fluggesellschaft TAP auf direktestem Weg zum Flugzeug geführt. Wir konnten nach dem Pfefferspray-Zwischenfall unseren Ferienvogel gerade noch rechtzeitig besteigen. Die Blicke der anwesenden Passagiere, die gezwungenermaßen auf uns warten mussten, sprachen Bände. Doch das war uns in dieser Situation ziemlich egal. Hauptsache, wir waren endlich an Bord. Unserem Weiterflug nach Funchal stand nun nichts mehr im Weg. Der gepfefferte Terrorverdacht hatte doch noch ein gutes Ende genommen. Wir machten es uns in unseren Sitzen bequem, genossen die wiedergefundene Zweisamkeit und freuten uns jetzt umso mehr auf unsere vorgezogenen, zweiwöchigen Hochzeitsferien auf Madeira.2
Das Pfefferspray blieb selbstverständlich in der Obhut der Flughafenpolizei. Ein paar Monate später hatte ich auf meine Anfrage hin von der portugiesischen Polizei erfahren, dass unser Pfefferspray im Polizeihauptquartier von Lissabon einen Ausstellungsplatz gefunden hatte. Auf einer kleinen Erklärungstafel neben unserem Pfefferspray sei in portugiesischer Sprache zu lesen: „Gepfefferter Terrorverdacht“.
***
„Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“
Otto Julius Bierbaum
Diese Aussage habe ich bis zum heutigen Tag in unzähligen positiven wie auch negativen Momenten gemacht. Ich bin überzeugt, dass ein gesunder Humor hilft, schwierige Zeiten besser zu meistern und durchzustehen, ohne dass dabei das Mitgefühl und die Empathie vernachlässigt werden müssen. Verstehen Sie, was ich damit meine?
***
2 Früher war der Anflug auf den Flughafen schwierig, da er sich direkt am Hang der Steilküste befindet, wo Schwerwinde auftreten können und die Landebahn mit 1800 Metern relativ kurz war. Deswegen durften nur drei Fluggesellschaften und sehr erfahrene Piloten diesen Flughafen anfliegen. Am 15. September 2000 wurde die auf 2777 Meter verlängerte neue Start- und Landebahn eröffnet, auf der nun alle Flugzeugtypen und Fluggesellschaften landen können und dürfen.
„Happy Birthday“-Fake
Im Spätherbst 1986 verbrachte ich mit einem sehr guten Freund, Kurt, vier erlebnisreiche Ferienwochen im östlichen Kanada und in New England, einer wunderbaren Region im Osten der USA. Wir wählten ganz bewusst diese Jahreszeit für unsere Reise, um den Indian Summer in vollen Zügen genießen zu können. Die Natur war einfach fantastisch: Die verschiedenen Farben der weiten Landschaften, unendlichen Wälder, türkisblauen Seen und Flüsse strahlten im Sonnenlicht um die Wette – unbeschreiblich schön. Bisher kannte ich den Indian Summer nur vom Hörensagen. Jetzt durfte ich ihn erleben. Ich hatte noch nie solch knallgelbe und -rote Ahornblätter in natura gesehen. Es wirkte beinahe kitschig und war dennoch natürlich. Wir kamen vor Staunen kaum mit dem Fotografieren und Filmen nach.
Wenn einem so viel Schönes wird beschert, ist dies schon ein Besuch der Stadt Boston wert. Wir wollten unbedingt auf unserer Fahrt nach New York einen Stopp in dieser schönen Stadt am Atlantik einlegen. Kurt kannte dort einen Studenten, Steve, der uns zum Übernachten in sein Ministudio eingeladen hatte. Diese Einladung nahmen wir natürlich gerne an. Aufgrund des damals hohen US-Dollars konnten wir auf diese Weise wieder ein paar Franken sparen. Als wir das Ministudio betraten, realisierten wir sofort, dass dies kein Ministudio, sondern ein Superministudio war. Wir kamen uns vor wie in einem Kaninchenstall, aber hatten immerhin unser Plätzchen zum Schlafen. Vom Militärdienst waren wir enge Platzverhältnisse mehr als gewohnt.
Abends führte uns Steve in ein gutes Restaurant der Mittelklasse im Zentrum von Boston. Kurt und ich wollten ihn zum Abendessen einladen, da er uns die Tür seines Superministudios zum Übernachten geöffnet hatte. Das Restaurant schien in Boston bekannt zu sein, denn es war sehr gut besucht an diesem Abend. Wir fanden gerade noch einen Tisch, wo wir zu dritt Platz nehmen konnten.
Nach der Vor- und Hauptspeise hatten wir alle drei noch Lust auf ein Dessert. Kurt und ich schauten Steve an und sagten ihm, dass er heute Geburtstag habe. „Aber ich habe heute gar nicht Geburtstag“, erwiderte Steve ganz erstaunt. „Das spielt überhaupt keine Rolle“, gab ich ihm zur Antwort. „Wir sagen dem Servierpersonal, dass du heute Geburtstag hast, und fragen, ob sie für Geburtstagskinder ein Dessert spendieren würden. Wir haben das schon woanders auch gemacht. Meistens hat es problemlos funktioniert, und die Restaurants offerierten ein Gratisdessert. Also packen wir die Gelegenheit, versuchen wir es doch auch in diesem Restaurant. Und du, Steve, du bist das Geburtstagskind!“ „No, no, no! Das kommt nicht infrage. Da mache ich nicht mit. Das wird doch nie klappen, nie und nimmer. Ich bin Student und will keinen Ärger riskieren“, wehrte sich Steve zuerst vehement gegen unseren Vorschlag. Wir gaben jedoch nicht so schnell auf und bearbeiteten Steve mit unseren Argumenten und Erfahrungen so lange, bis er schließlich einwilligte. Zwar etwas widerwillig, aber er stimmte zu. „Super, Steve! Du wirst deinen Spaß daran haben. Du wirst sehen. Wir werden uns köstlich amüsieren. Lass uns nur machen. Du brauchst, wie gesagt, nur ‚ja‘ zu sagen, wenn du gefragt wirst, ob du heute tatsächlich Geburtstag hast. Alles klar?“ Steve bejahte, aber man sah ihm sein mulmiges Gefühl von Weitem an.
Nun folgte die nächste Phase. Auf mein Handzeichen kam die Bedienung an unseren Tisch. Ich erklärte der Dame, dass Steve heute Geburtstag hatte und wir deshalb hier seien, um zu feiern. „Spendiert Ihr Restaurant ein Geburtstagsdessert oder etwas anderes?“, fragte ich mit einem möglichst unschuldigen Blick. „Oh, herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag, Steve!“, sagte die Bedienung zu Steve, der sich ebenso herzlich dafür bedankte. Ein Schauspieler hätte das nicht besser hinkriegen können. Die Bedienung fuhr fort: „Ja, selbstverständlich. Wir offerieren in solchen Fällen gerne das Dessert.“ „Super, das ist aber sehr nett von Ihnen, vielen Dank“, erwiderten wir alle drei im Chor und sehr glaubwürdig.
Wir mussten nicht lange warten. Nach rund 15 Minuten traten mehrere Personen des Personals „Happy Birthday“ singend an unseren Tisch und servierten uns freudestrahlend ein wunderbares Dessert. Wir freuten uns alle drei riesig über die gelungene Überraschung für unseren Steve. Dieser konnte es immer noch nicht fassen, dass alles so problemlos klappte. Wir genossen das wunderbare Geburtstagsdessert, es war ausgezeichnet und zudem schön präsentiert. Obwohl der „Happy Birthday“ von Steve ein Fake war, hatten wir kein schlechtes Gewissen und konnten so das Gratisdessert gut verdauen.
Schließlich verabschiedeten wir uns vom Personal des Restaurants mit einem anerkennenden Trinkgeld, traten gut gelaunt nach draußen und machten uns auf den Heimweg zu Steves Superministudio. Steve konnte immer noch nicht richtig fassen, dass alles so gut geklappt und er dabei echt viel Spaß gehabt hatte.
Ein paar Tage später machten Kurt und ich uns auf die Weiterreise nach New York. Wir verabschiedeten uns von Steve mit einem „Happy Birthday to you!“. Er krümmte sich einmal mehr vor Lachen, ein unvergessliches Erlebnis für uns alle.
Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob Steve seither wieder einmal mit einem „Happy Birthday“-Fake in einem Restaurant zu einem Gratisdessert gekommen ist.
***
In unserer, in jeder Hinsicht bewegten und fragilen Welt geschieht tagtäglich unglaublich vieles. Die Bildschirme unserer Handy überfluten uns direkt und in Sekundenschnelle mit Nachrichten aus aller Welt. Sofern das Handy eingeschaltet ist, versteht sich. Erfreuliches und Trauriges, Positives und Negatives, Wahrheiten und Lügen – alles ist dabei. Unser Gehirn hat sodann die beinah unmögliche Herausforderung, die auf uns über Augen und Ohren einprasselnden Meldungen zu verarbeiten. Zudem trifft es alle Vorkehrungen, damit die mit einem Handy konfrontierten Menschen trotz all diesen Good, Bad oder Fake News einigermaßen weiter funktionieren können.
Wenn dann unser Gehirn bei dieser anstrengenden und mühsamen Arbeit an seine Grenzen kommt und es ganz einfach nicht mehr mag,3 sendet es mit letzter Kraft ein „SOS“ an die auf dem Handy herumtanzenden Finger:
„Handy abschalten, sofort!“
Bleibt nur zu hoffen, dass die Finger dieses SOS unseres wertvollen Gehirns ohne Wenn und Aber umgehend in die Tat umsetzen, bevor Schlimmeres passiert.
***
3 Man spricht heute in diesem Fall auch von einem sogenannten informativen Dichtestress.
Das (T)Raum-Parfüm
Alle Jahre wieder: Muttertag. Er hatte sich das Datum bereits zu Beginn des Jahres in der elektronischen Agenda seines iPhones eingetragen. Damit wollte er sicherstellen, dass sein Handy ihn rechtzeitig auf dieses wichtige Ereignis hinweisen würde. Wie praktisch. Ja, ein iPhone beherbergt nebst allen negativen Seiten auch positive Hilfestellungen. Eine Woche vor dem besagten Termin meldete ihm sein Handy pflichtbewusst beziehungsweise technisch bewusst, dass in einer Woche Muttertag war. „Danke, iPhone“, sagte er mehr zu sich selber.
Am Muttertag wollte er seine Frau verwöhnen. Er hat sie vorgewarnt und ihr gesagt, dass sie keine Einkäufe machen müsse. „Ich werde dich zum Mittagessen einladen“, sagte er zu ihr. „Nur wir zwei. Ich habe bereits einen Tisch in einem Restaurant mit Blick auf den See reserviert.“ Sie freute sich sehr darüber und war erstaunt, dass er das Datum diesmal nicht vergessen hatte, so wie letztes Jahr. Das war damals eine mittlere Katastrophe.
Nebst dem Mittagessen in besagtem Restaurant wollte er seine Frau noch mit einem kleinen Geschenk überraschen. Ein besonderes Parfüm sollte es sein. Der Preis spielte dabei keine Rolle. Es war ja für seine Frau, die ihn während des Jahres immer wieder aufs Neue verwöhnte. Sie hatte diese Aufmerksamkeiten mehr als verdient.
Er machte deshalb nach Büroschluss in einer Parfümerie Halt. Eine Verkäuferin kam auf ihn zu und fragte: „Kann ich Ihnen
