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Das Thema Kunst und Krankenhaus hat zwar eine längere Geschichte, doch fehlt es bislang an einer mehrperspektivischen Aufarbeitung der Möglichkeiten von Kunst bzw. künstlerischen Interventionen. In diesem Buch werden konkrete Potenziale von künstlerischen Projekten und künstlerisch-therapeutischen Arbeitsansätzen im Krankenhaus als Institution und kultureller Ort nachvollziehbar aufgezeigt. Im Sinne der Entwicklung multiprofessioneller Zusammenarbeit wird diese Thematik sowohl fachspezifisch und interdisziplinär als auch theorie- und praxisbezogen beleuchtet und diskutiert. Dabei verweisen vielfältige Perspektivwechsel insbesondere auf den Stellenwert der Kombination wissenschaftlicher und künstlerischer Forschungszugänge und auf die Wirkmöglichkeit zeitgenössischer Kunst im Krankenhaus.
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Seitenzahl: 318
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Constanze Schulze-Stampa, Prof. Dr., Kunststudium an der Grafischen Hochschule Leipzig und Studium der Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Kunsttherapie an der Universität zu Köln; 2006–2020 Professur für Forschung und wissenschaftliche Grundlagen in der Kunsttherapie an der Hochschule für Künste im Sozialen (HKS), Ottersberg und Leitung des Institutes für Kunsttherapie und Forschung; seit 2016 Sprecherin des Forschungsschwerpunktes »Künstlerische Interventionen in Gesundheitsförderung und Prävention« an der HKS Ottersberg; seit 2020 Professur für Kunsttherapie an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt, in Nürtingen, Fachbereich Künstlerische Therapien (HKT), Fakultät Umwelt, Gestaltung, Therapie; seit 2019 erste Vorsitzende der Wissenschaftlichen Fachgesellschaft für Künstlerische Therapien; Forschungsschwerpunkte: Systemische Forschung, Kunsttherapie im Gruppensetting, Kunsttherapie in der Multimodalen Schmerztherapie, Kinderzeichnungsforschung, zahlreiche Publikationen.
Gabriele Schmid, Prof. Dr. phil., Studium der Freien Bildenden Kunst und der Kunsterziehung an der Universität der Künste Berlin; seit 2007 Professur für Ästhetische Bildung an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg derzeit Akademische Hochschulleitung für Forschung, Lehre und Studium; Mitglied und Vorstandstätigkeit bei der Society for Artistic Research seit 2015; regelmäßige Vortragstätigkeit national und international, fortgesetzte künstlerische Arbeit; Forschungsschwerpunkte: Künstlerische Forschung und Bildung, künstlerisch basierte Forschung, zahlreiche Publikationen.
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-036380-9
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-036381-6
epub: ISBN 978-3-17-036382-3
mobi: ISBN 978-3-17-036383-0
Die Herausgeberinnen
Vorwort
Autor*innenverzeichnis
Einführung: Kunst und Krankenhaus: Interdisziplinäre Zusammenarbeit und Perspektivwechsel in Gesundheitsförderung und Prävention
Constanze Schulze-Stampa, Gabriele Schmid
Teil I: Was macht Kunst im Krankenhaus?
1 Kunst im Zeichen der Gesundheit: Möglichkeiten und Perspektiven der Kunstwirkung in der Salutogenese
Marc Schipper
2 1972: Outsider Art versus Individuelle Mythologien
Thomas Röske
Teil II: Kunstprojekte und Ateliers im Kontext institutioneller Wandlungsprozesse
3 Kunst und Kunsttherapie im klinisch-psychiatrischen Kontext
Uwe Gonther
4 Das Living Museum: Vierte Revolution in der Geschichte der Psychiatrie
Rose Ehemann
5 Betrachtungen zur Wandlung historischer Hospitäler und ihrer künstlerischen Ausstattungen
Friedhelm Scharf
Teil III: Künstlerische Forschungszugänge im Krankenhaus
6 Kunst ohne Zweck im Krankenhaus: Performative Projekte zur Gestischen Forschung
Peer de Smit
7 Vom Sehen. Partizipatorische Projekte im Krankenhaus
Gabriele Schmid, Cony Theis
8 »Kunst ist ja Therapie!« – oder: Krisenbewältigung durch Kunst
Hartmut Kraft
Teil IV: Schnittstellen von Kunst und Therapie im Krankenhaus
9
Hand in Hand.
Juliana Ortiz, Marianne Buttstädt, Florian Schepper
10 Zum Stellenwert der Kunst im Krankenhaus aus der Sicht der Psychiatrie: Fallbeispiele zum psychodynamischen Verständnis der Depression und der Psychosen in der Kunsttherapie
Martin D. Ohlmeier, Nina Dixon
11 Spannungsfeld von Kunst und Therapie: Wirkdimensionen von Kunsttherapie im Krankenhaus aus systemisch-kommunikativer Sicht
Constanze Schulze-Stampa, Nina Kaletta
Stichwortverzeichnis
Kunst im Kontext von Krankenhaus zu betrachten und sie zugleich mit dem sich aktuell verändernden Verständnis von Gesundheit, Gesundheitsförderung und -management in Beziehung zu bringen, ist ein innovatives Thema. Leitende Idee dieser zweibändigen Publikation ist es, dieses besondere und sich wechselseitig dynamisierende Verhältnis von Kunst und Krankenhaus aus verschiedenen Disziplinen und Perspektiven auszuleuchten und kritisch zu befragen. Das Interesse und Engagement für eine nachhaltige Zusammenführung von Kunst und Krankenhaus hat zwar bereits eine längere Geschichte (Smerling und Weiss 1986, Benkert und Gorsen 1990), insbesondere im Rahmen der Psychiatriegeschichte, doch fehlt es bislang an einer differenzierten Erschließung der Möglichkeiten, Grenzen und richtungweisenden Wirksamkeiten von Kunst bzw. von künstlerischen Interventionen und deren variationsreicher Einsatz im Krankenhaus.
Impulsgebend für diese Publikation war zunächst eine interdisziplinäre Tagung zum Thema »Kunst und Psychiatrie«, die 2017 anlässlich der documenta 14 vom Ludwig-Noll-Krankenhaus, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Kassel, veranstaltet wurde. Bereits 1955 hatte der Kunsthistoriker Werner Haftmann, Mitbegründer der documenta, die existentielle Bedeutung von Kunst ausdrücklich betont. Zum aufklärerischen Durchbruch und in einen internationalen Diskurs kam das bis heute virulente Thema »Kunst und Krankheit« 1972 mit der documenta 5 unter der Kuration von Harald Szeemann. Seitdem schreibt die documenta als weltweit bedeutende Kunstausstellung, repräsentativ für Narrative der zeitgenössischen Kunst, dieses Thema fort.
Einen weiteren theoretischen und forschungsbezogenen Hintergrund für diese Publikation liefert der Aufbau des anwendungsbezogenen und interdisziplinär ausgerichteten Forschungsschwerpunkts: »Künstlerische Interventionen in Gesundheitsförderung und Prävention«. Dieser wird an der Hochschule für Künste im Sozialen (HKS), Ottersberg im Rahmen eines fünfjährigen Forschungsprojektes (2016-2021) in Zusammenarbeit mit anderen Hochschulen und Universitäten, mit verschiedenen klinischen, künstlerischen und kulturellen Einrichtungen durchgeführt. Ausgewählte künstlerische und künstlerisch-therapeutische Projekte und deren mehrdimensionale Reflexion, die sich als Meilensteine des Forschungsschwerpunktes verstehen, haben Eingang in einzelne Beiträge dieses Bandes gefunden. Damit wird der Bedarf aufgezeigt, Kunst und Krankenhaus in einen übergeordneten Zusammenhang zu bringen und ihre wechselseitige Einflussnahme wissenschaftlich und künstlerisch-forschend genauer zu untersuchen. Das Krankenhaus als Institution nimmt darin eine prominente Stellung ein und wird aus Sicht verschiedener wissenschaftlicher und künstlerischer Disziplinen betrachtet. Die künstlerische Zusammenarbeit mit verschiedenen Berufsgruppen der beteiligten klinischen Einrichtungen spielt neben der Entwicklung und Beforschung künstlerisch-therapeutischer Interventionen eine wichtige Rolle.
Bedanken möchten wir uns in erster Linie bei den Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge. Zudem danken wir den Kolleg*innen und Mitarbeiter*innen, die im Rahmen des jungen Forschungsschwerpunktes an der HKS Ottersberg die Umsetzung dieses Bandes mit ihrer fachlichen Kompetenz unterstützt haben. Damit verbunden bedanken wir uns auch bei den kooperierenden Künstler*innen und Wissenschaftler*innen, den akademischen Institutionen und Praxiseinrichtungen, die uns großzügig ihr Engagement entgegengebracht und uns beratend zur Seite gestanden haben. Insbesondere Sabrina Bressel vom Kohlhammer Verlag danken wir für ihre konstruktive und wohlwollende Begleitung des Bandes.
Constanze Schulze-Stampa und Gabriele Schmid
Bremen, April 2020
Marianne Buttstädt, freie Bildende Künstlerin (Diplom), Kunsttherapeutin (M.A.)
Nina Dixon, Kunsttherapeutin (Dipl. FH) an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Ludwig-Noll-Krankenhaus) des Klinikums Kassel
Rose Ehemann, Dr., Kunsttherapeutin, Kulturmanagerin (MA), Künstlerin, Leiterin des Living Museums Wil der Psychiatrie St. Gallen Nord und der Heimstätten Wil
Uwe Gonther, Prof. Dr. med., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Ärztlicher Direktor AMEOS Klinikum Bremen
Nina Kaletta, Kunsttherapeutin (Dipl. FH), Leitung des Fachbereichs Kunsttherapie der Klinik für Kinderheilkunde III des Universitätsklinikums Essen
Hartmut Kraft, Prof. Dr. med., Nervenarzt, Psychoanalytiker, Kunstsammler, Ausstellungskurator und Autor
Martin D. Ohlmeier, Prof. Dr. med., Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Ludwig-Noll-Krankenhaus) des Klinikums Kassel
Juliana Ortiz, Künstlerin (Dipl.) und Kunsttherapeutin (M.A.), Promovendin an der Medizinischen Fakultät des Universitätsklinikums Leipzig
Thomas Röske, PD Dr., Kunsthistoriker, Leiter des Museums Sammlung Prinzhorn am Zentrum für psychosoziale Medizin des Universitätsklinikums Heidelberg
Friedhelm Scharf, PD Dr., Kunsthistoriker und Kunstpädagoge, Privatdozent für Kunstgeschichte an der Kunsthochschule Kassel und Oberstufenlehrer für Kunstgeschichte und Bildende Kunst an der Freien Waldorfschule Oldenburg
Florian Schepper, Dr. rer. med., Leitender Psychologe der selbstständigen Abteilung für Pädiatrische Onkologie, Hämatologie und Hämostaseologie am Universitätsklinikum Leipzig
Marc Schipper, Prof. Dr. rer. nat. habil., Psychologe, Kognitions- und Neurowissenschaftler, Professur für Psychologie an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg und an der APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft in Bremen
Gabriele Schmid, Prof. Dr. phil., Professur für Ästhetische Bildung an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg
Constanze Schulze-Stampa, Prof. Dr., Professur für Kunsttherapie an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU), Nürtingen, Hochschulstudiengänge Künstlerische Therapien (HKT), Fakultät Umwelt, Gestaltung, Therapie
Peer de Smit, Prof. in Ruhestand, Professur für Theater im Sozialen (bis 2019) an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg
Cony Theis, Prof., Professur für Bildende Künste an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg
Mit dem Krankenhaus als medizinischer Einrichtung und kulturellem Lebensraum kann ein Tätigkeits- und Forschungsfeld für Künstler*innen und Künstlerische Therapeut*innen definiert werden, welches gegenwärtig größere Herausforderungen bietet. Dabei geht es darum, die Wirksamkeit von Kunst und Kreativität für die Gesundheit nachweislich aufzuzeigen bzw. zu belegen. Diese Aufgabe fußt unter anderem auf einer jüngst von der WHO (2019) vorgelegten Übersichtsarbeit, für die über 900 Studien ausgewertet wurden (vgl. Fancourt und Finn 2019). Dieser Bericht hält dazu an, den Künsten und damit auch den Künstlerischen Therapien eine größere Bedeutung im Gesundheitswesen beizumessen und entsprechende Initiativen und Maßnahmen zu ergreifen. Eine größere Offenheit für künstlerisches Wissen, insbesondere für die Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst, sowie den Stellenwert der Künstlerischen Therapien in multiprofessionellen Teams ist für die Verfolgung dieses komplexen Vorhabens aus unserer Sicht notwendig.
Der vorliegende Sammelband ist ein Schritt auf dem Weg zur Etablierung einer solchen fächerübergreifenden Zusammenarbeit. Er bringt unterschiedliche Fachrichtungen und Sichtweisen von Psychiater*innen, Ärzt*innen und Therapeut*innen, von Neuro-, Kunst- und Sozialwissenschaftler*innen und Künstler*innen in einen produktiven und kontrastierenden Dialog. Denn für eine fruchtbare, sinnstiftende und synergetische Zusammenführung wissenschaftlicher und künstlerisch-forschender Zugänge ist es erforderlich, auch Differenzierungen und Gegenbewegungen nachvollziehbar aufzuzeigen. Dabei werden historische und praxisorientierte Aspekte thematisiert, die die Geschichte und Zukunftsaufgaben der Verbindung von Kunst und Krankenhaus markieren.
Das Krankenhaus als medizinische Einrichtung folgt einem klar umrissenen Versorgungsauftrag, der auf die Organisation zur Diagnostik, Heilung und symptomatischen Behandlung von Erkrankungen und Beschwerden ausgerichtet ist. Wird das Krankenhaus nun zu einem Ort, an dem Kunst gezeigt und vermittelt werden soll, wird sie in eine bereits definierte Umgebung, in einen funktionalen Zusammenhang integriert. Die Auswahl von Kunstwerken beispielsweise für eine Ausstellung oder die Herstellung einer Rauminstallation unterliegt Kriterien, die vor allem an den Interessen und Bedürfnissen der Patient*innen orientiert sind. Dazu gehört aktuelles Wissen sowohl um Krankheitsverläufe und ihre Auswirkungen als auch um die Vielfalt an Wechselwirkungen auf physischer, psychischer und sozialer Ebene im Genesungsprozess. Die Gewichtung von Kultur im Krankenhaus bzw. die Entwicklung einer gesundheitsförderlichen Krankenhauskultur bieten dabei die Chance, praxis-, personen- und situationsbezogen über verschiedene systemisch-komplexe Zusammenhänge ästhetisch-erfahrend nachzudenken und einen transdisziplinären Austausch zu fördern (vgl. Heeck 1997).
Ein Krankenhausaufenthalt ist verbunden mit zumeist belastenden Erfahrungen für die Patient*innen selbst, aber auch für ihre Angehörigen. Einerseits kann das Erleben existenziell einschneidender Veränderungen und damit verbundener Einschränkungen zu akuten Krisen führen. Anderseits ermöglichen die im Krankenhaus gemeinsam gesammelten Erfahrungen, z. B. die Bearbeitung des emotionalen Umgangs mit der Erkrankung, auch progressive Entwicklungen, die Ressourcen und dialogische Potenziale aktivieren. Insofern ist es bedeutsam, das gesamte Krankenhauspersonal (Pflege, Therapeut*innen, Ärzt*innen, Verwaltung), Angehörige und Besucher*innen im Hinblick auf die Entwicklung einer guten Kommunikationskultur zur Verbesserung von Lebensqualität im Krankenhaus einzubeziehen (vgl. Altgeld und Kolip 2018, S. 65 f.).
Wird das Krankenhaus als Institution betrachtet, in der mit und für Patient*innen Kunst partizipativ geschaffen, ausgestellt und kommuniziert wird, rücken neben den individuellen vor allem auch soziokulturelle und gesundheitspolitische Perspektiven stärker in den Blick (Heeck 1997). Das Krankenhaus wird dann zum öffentlichen Lebens- und Begegnungsraum sowohl mit moderner Gesundheitsdienstleistung (Präventionsauftrag) als auch mit dem Anspruch, ein Anlaufpunkt für Menschen auf der Suche nach Sinn, nach Beratung und Unterstützung zu sein. Hier interessieren die Potenziale von künstlerischem Handeln und sinnlich-ästhetischen Formen der Kommunikation, welche den Stellenwert von Kunst bzw. Kunstprojekten im Krankenhaus als einer gesundheitsfördernden Lebenswelt mitbegründen. Entsprechend erhalten die Schnittstellen von Kunst und Therapie aus systemischer Sicht – mit Blick auf produktive und rezeptive Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Kunst – eine praxis- und forschungsbezogene Aufmerksamkeit.
Künstlerische Therapien sind vielerorts erfolgreich in klinisch-medizinischen Versorgungsbereichen etabliert, wie z. B. in der Psychosomatik. Hier stellen sie eine überzeugende und sinnvolle Ergänzung der psychosozialen Therapien dar. Durch die Anforderung, ihre Wirksamkeit nachvollziehbar zu belegen und ihre Evidenzlage zu verbessern, stehen sie jedoch unter einem zunehmenden Druck im Gesundheitswesen. Dies gilt auch für weitere soziale Einsatzbereiche der Künstlerischen Therapien und das Krankenhaus als kulturellem Ort.
Indem die Gesundheitsförderung in soziokulturelle Lebenswelten eingebunden gedacht werden muss (vgl. Altgeld und Kolpi 2018, 57), kommt das Krankenhaus als innovative Plattform für Ausstellungen, künstlerische Projekte und künstlerische Forschungsprozesse ins Spiel. Auch aus (kunst-)psychologischer Perspektive erscheint eine Verankerung von Kunst und Krankenhaus im Sinne der Gesundheitsförderung zielführend: In wissenschaftlichen Studien wurde etwa gezeigt, dass künstlerische Tätigkeiten zur Verbesserung kognitiver und sozialer Fertigkeiten, motorischer Funktionen, der visuellen Vorstellungskraft sowie der Stressverarbeitung beitragen (vgl. Malchiodi 2012) und damit über konkrete, gesundheitsförderliche Qualitäten verfügen. Darüber hinaus wird der Kunst ein transformativer Charakter zugeschrieben (vgl. Preminger 2012). Transformativ meint an dieser Stelle, dass Kunst in der Lage ist, kognitive, emotionale und soziale Verhaltensmuster zu verändern. In Genesungs- und Rehabilitationsprozessen spielen solche Verhaltensmuster eine wichtige Rolle und gerade ihre Veränderungsfähigkeit weist eine hohe gesundheitspsychologische Relevanz auf.
Die experimentellen und forschenden Praxen der Kunst folgen einer Forschungslogik, welche sich erkenntnistheoretisch und methodologisch von den naturwissenschaftlich geprägten Forschungspraxen unterscheidet. Sie gründet wesentlich auf künstlerischem Handeln und ästhetischem Denken, deren Eigenarten aus künstlerischer, kunst- und kulturwissenschaftlicher und philosophischer Perspektive eingehend untersucht worden sind. Wenngleich das Diskursfeld zur Forschung durch Kunst (Borgdorff 2009) disparat aufgestellt ist, so liegt doch ein von Vielen geteilter Fokus auf Formen von implizitem und verkörpertem Wissen und der Lokalisierung von künstlerischer Forschung und ihrem Ergebnis im künstlerischen Handeln oder der künstlerischen Erfahrung selbst (Jung 2016, Klein 2011). Dieter Mersch geht aus philosophischer Perspektive davon aus, dass die Künste mit ihren experimentellen Praxen ihre eigenen Beziehungen zum Wissen unterhalten. Künstlerische Exponate oder Formationen sind insofern immer auch künstlerische Erkenntnis ihrer Mittel. Literarische Werke beispielsweise können als künstlerische Erkenntnis von Sprache verstanden werden (vgl. Mersch et. al. 2019), Choreographien als Erkenntnis von Bewegung.
Das Wissen der Künste ist mit ihren Produktionsweisen verbunden und vollzieht sich in Wahrnehmungen. Das künstlerische Wissen kann als ein verkörpertes Denken, als eine gleichsam nichttheoretische theōria verstanden werden (vgl. Mersch 2019, S. 246 f.), welche sich der Diskursivierung entzieht und in ihrer wahrnehmungsbezogenen Medialität vollzogen wird. Die Provokation dieses Verständnisses von Wissen liegt in der Annahme eines radikal nichtsprachlichen Denkens, »das seine Möglichkeiten allein im Medium von Handlungen und Dingen oder von Praktiken ihrer Zusammenstellung Assoziierung und Verbindung entfaltet, um aus Körpern, Licht, Material und Klang komplette Bauwerke alternativer ›Argumentationen‹ zu errichten (vgl. ebd., S. 251). Dabei geht es in den Künsten weniger um Aufklärung, als vielmehr um ein anders nicht zu gewinnendes Reflexionswissen, welches gleichwohl weit über die engeren Grenzen von künstlerischer Reflexion hinausreicht und oft auf gesellschaftliche Fragen und menschliche Konstitution bezogen ist.
Vor diesem erkenntnistheoretischen Hintergrund haben in den letzten Jahren zahlreiche künstlerische Projekte auch in Krankenhäusern stattgefunden, welche sich selbst als Forschungspraxen begreifen. Manche Projekte sind eher anwendungsbezogen ausgerichtet, wie etwa die künstlerische Untersuchung zum Führungsverständnis im Krankenhaus (vgl. Scheuermann 2011) oder jüngst die künstlerische Befragung der akustisch-klanglichen Umgebung im Krankenhaus im Projekt Healing Soundscapes (vgl. Hajdu et. al. o.J). Andere Projekte können eher als künstlerische Grundlagenforschungen betrachtet werden und befassen sich beispielsweise mit dem Einsatz von Biofeedbackverfahren als künstlerischem Mittel für die Erzeugung von Klangkompositionen (vgl. Klein 2004). Hier deutet die künstlerische Untersuchung von biologischen Rhythmen auf das Potenzial der Künste, mit ihren Mitteln zur weiteren Erforschung von für die Gesundheitsförderung und Prävention wesentlichen Phänomenen wie Empathie und Synchronisierung von emotionalen Zuständen beizutragen. Künstlerische Forschungspraxen stellen vor allem Phänomene heraus, die sich lohnen in weiteren Forschungen im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention fokussierter zu verfolgen. Sie können einen wichtigen Beitrag zur weiteren Fundierung einer reflektierten Krankenhauskultur leisten.
Alles, was im Krankenhaus geschieht, soll einer möglichst ganzheitlichen Heilung der Patient*innen dienen. Ein Thema, das noch nicht selbstverständlich mit dieser medizinisch und funktional geprägten Einrichtung in Verbindung gebracht wird, sind die heilenden Möglichkeiten von Kunst (Healing Art) im Krankenhaus (vgl. Grüner 2019).
Zwar hat sich vielerorts in Kliniken das Bewusstsein durchgesetzt, dass für die Gesundung eines Menschen auch ein heilungsförderndes Umfeld notwendig ist, doch scheinen diesbezüglich innovative Konzepte und Modelle der Klinikgestaltung bislang weniger entwickelt. Hier setzt eine genauere Betrachtung des Potenzials von Kunst bzw. künstlerischer Interventionen im Klinikraum an (Architektur, Raumgestaltung, Schaffung sowohl einer förderlichen Atmosphäre im Sinne der Erlebnisintensivierung als auch anregende Beeinflussung des Verhaltens, Erlebens, Denkens und vor allem der Kommunikation).
Das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart beispielsweise überzeugt durch sein Engagement in der Verfolgung dieses Weges, orientiert an aktuellen Positionen der zeitgenössischen Kunst und in enger Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern. Neben fest installierten Kunstwerken auf den Stationen und in Wartebereichen werden in den repräsentativen Verbindungsfluren regelmäßig Wechselausstellungen mit Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts gezeigt. Dabei wechseln sich kunsthistorische Überblickausstellungen mit Leihgaben aus Sammlungen mit Einzel- und Gruppenausstellungen zeitgenössischer Künstler*innen ab. Begleitend dazu werden verschiedene Wirkungsdimensionen, z. B. zwischen Medizin, Architektur und Raumgestaltung untersucht, unter Berücksichtigung allgemeiner kunstpsychologischer und spezifisch forschungsrelevanter Fragestellungen (vgl. Brichetti und Mechsner 2019). Erste Studienbelege verweisen darauf, dass das erlebte Krankenhausumfeld wesentlich zum psychischen und physischen Wohlbefinden und damit insgesamt zur Genesung der Patient*innen beiträgt (vgl. Grüner 2019).
Um den Einsatz von Kunst bzw. künstlerischen Interventionen angemessen evaluieren zu können, sind evidence- und experience-based Designs forschungsmethodisch wichtige Instrumente. Diese sind bislang in Kliniken Deutschlands noch wenig bis kaum genutzt.
Hier besteht also ein großer Forschungsbedarf, um in größer angelegten Studien die Wirksamkeit von Kunst unter Einbezug von Patient*innen, aber auch Ärzt*innen Therapeut*innen und Pflegenden in partizipativen Prozesse untersuchen zu können. Da Kunst mannigfaltige Dimensionen hat, die jeweils sehr unterschiedliche gesundheitsrelevante Aspekte in sich bergen, beschränkt sich der Untersuchungsbedarf allerdings nicht nur auf interpersonelle Prozesse. Ebenso wie diese sind auch der Einfluss und die Wirksamkeit von räumlichen und kontextuellen Faktoren, wie etwa architektonischen Merkmalen und Veränderungen oder installativen Maßnahmen, von großem Interesse, wenn es darum geht, der Frage nach der Wirkung von Kunst nachzugehen.
Künstlerische Aufzeichnungsprozesse - wie etwa Handzeichnungen, Fotografien, Videos oder auch plastische, gestische und choreographische Formationen - können mit ihrer Eigenlogik für die Entwicklung von sinnvollen Designs zur Entwicklung und Erforschung partizipativer Prozesse Hinweise liefern. Die österreichische Soziologin und Filmemacherin Christina Lammer beispielsweise führt seit vielen Jahren künstlerische Kooperationsprojekte in Krankenhäusern durch. Moving Faces etwa zeigt die Arbeit mit gesichtsgelähmten Kindern, die sich chirurgisch behandeln lassen (vgl. Lammer 2015). Mit dem Wiener Chirurgen Manfred Frey entwickelte Lammer einen künstlerischen Forschungsansatz, der medizinische Therapien mit Performance, Tanz und Theater verbindet. Lammer kombiniert sensorische Ethnographie mit Video-, Performance- und Körperkunst und konzentriert sich auf verkörperte Emotionen und sensorische Interaktionen zwischen Patient*innen und Ärzt*innen während der medizinischen Behandlung. In diesem Zusammenhang hat Lammer den Begriff Empathografie geprägt (vgl. Lammer und Pröpper 2015). Er verweist auf die Notwendigkeit, empathische Prozesse in der Zusammenarbeit von Teams und in der medizinischen und therapeutischen Behandlung auch aus anderer als der bislang medizinischen Trainings zugrundeliegenden simulationstheoretischen Perspektive zu betrachten.
Der Zusammenhang von Kunst und Gesundheit sollte demgemäß sinnvollerweise aus erkenntnistheoretisch vielfältig begründeten Perspektiven betrachtet werden. Dies bildet auch die Grundannahme des von der WHO in Auftrag gegebenen und im November 2019 veröffentlichten Reviews zum Nachweis der Wirksamkeit der Künste in den Feldern von Gesundheitsförderung und Prävention, der Behandlung und der Aus- und Fortbildung von medizinischem Personal (vgl. Fancourt und Finn 2019). Die berücksichtigen Quellen des Überblicks-Review spiegeln zugleich die Suche nach einer sinnvollen Forschungsmethodologie, die Erkenntnisse aus Psychologie, Psychiatrie, Medizin, Philosophie, Anthropologie und Soziologie berücksichtigt. Bezogen auf die untersuchten Felder der Gesundheitsförderung und Prävention kommt das Review zu dem Schluss, dass die Künste in der Lage seien, die sozialen Determinanten von Gesundheit zu beeinflussen (vgl. ebd., S. 7). Die Künste könnten demnach empathische Imagination fördern und so letztlich auch zu effektiverer Zusammenarbeit des klinischen Personals führen. Zugleich unterstützen die Künste die emotionale Wahrnehmung in der zwischenmenschlichen Begegnung, was sowohl die mentale Gesundheit als auch die Zusammenarbeit des Pflegepersonals unterstützt. Ebenso könnten Kunstprogramme verschiedener Formate und in unterschiedlichen Settings die Interaktion zwischen Patient*innen und dem Pflegepersonal verbessern (ebd. S. 26 ff).
Nach Einschätzung von Fancourt und Finn (2019) gibt es vor dem Hintergrund eines weiten Verständnisses von Evidence einen substantiellen Nachweis für den gesundheitlichen Nutzen von Kunst. Dies entnehmen sie sowohl ethnographischen Studien, nicht kontrollierten Pilotstudien als auch den in das Review aufgenommenen randomisierten kontrollierten Studien. Das zukunftsweisende Review verdeutlicht die Notwendigkeit eines sorgsamen und gegenstandsangemessenen Umgangs mit Evidenz in den künstlerischen und künstlerisch- therapeutischen Forschungszusammenhängen (vgl. hierzu auch Kriz 2019). Aus forschungsmethodischer Sicht interessieren uns die Möglichkeiten - orientiert am Mixed-Methods Ansatz - um die Künste erweiterte Untersuchungsdesigns und Instrumentarien zu entwickeln, die von der Planung bis hin zur Veröffentlichung von Studienergebnissen notwendigerweise disziplinäre Perspektivwechsel integrieren.
Eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung in Krankenhäusern ist maßgeblich vom professionellen Handeln der darin tätigen fachspezifischen Berufsgruppen abhängig. Entscheidend dafür ist der Erwerb von aktuell fachspezifischem Wissen und die Vertiefung in möglichst praxisnahe Lern- und Erfahrungsprozesse bereits innerhalb der Ausbildung. Die Einbindung und sinnstiftende Verflechtung von inter- bzw. transdisziplinären Studieninhalten sind hier besonders bedeutsam, um den jeweils eigenen fachspezifischen Blick im späteren Berufsalltag einfacher weiten und den Stellenwert flexibler Perspektivwechsel erkennen und mittragen zu können.
Bislang schließt die Ausbildung der verschiedenen Berufsgruppen im Allgemeinen zentrale Themen zum Stellenwert und Wirkpotenzial der Künste mit ihren verschiedenen Medien und Formaten nicht ein. Der Band thematisiert daher konkrete Praxisansätze und Projektbeispiele, die Hinweise geben, inwiefern die curriculare Einbindung von kunstbezogenem Wissen und entsprechenden Aktivitäten in fächerübergreifende Anteile im Studium, z. B. der Medizin, Psychologie oder Pflege bedeutsam sein kann. Darüber hinaus bieten sich aus unserer Sicht performative Kunstprojekte im Krankenhaus auch zur Stärkung der interdisziplinären und multiprofessionellen Zusammenarbeit im Behandler*innen-Team an, z. B. innerhalb multimodaler Behandlungsansätze. Das erfordert zunächst von allen Mitarbeiter*innen ein hohes Maß an Flexibilität und Reflexion, sowie die grundlegende Bereitschaft, änderungsrelevante Informationen und Interventionen in die gemeinsame Teamarbeit zu integrieren.
Eine weitere Möglichkeit gezielter Integration von Kunst bieten Ausstellungen und neue Formen performativer Kunstvermittlung im Krankenhaus: Das Betrachten von und die Begegnung mit Kunst bzw. Kunstwerken berührt und fördert die Wahrnehmung eigener Gefühle und schult damit auch eine empathische Haltung. Die Auseinandersetzung mit Kunst fordert zudem in besonderem Maße dialogische Prozesse vor Ort heraus, sowohl innere Dialoge als auch den zwischenmenschlichen Austausch auf verschiedenen Ebenen. Kunst sollte daher aus unserer Sicht für alle im Krankenhaus erfahrbar gemacht werden. Dazu gehören die Integration künstlerischer Interventionen im Krankenhaus als kulturellem Lebenskontext sowie die Implementierung künstlerischer Therapie als wichtiges psychosoziales Angebot innerhalb klinischer Behandlung.
Die vielen chronisch und mehrfach erkrankten Menschen benötigen Fachkräfte, die im Sinne der Patient*innen nicht nur gut zusammenarbeiten, sondern engagiert neue Ideen in individuelle Therapieverläufe und die klinische Versorgung insgesamt umsetzen. Dabei ist es unersetzlich, Patientensituationen in ihrer Komplexität zu verstehen, patientenzentriert zu handeln und verantwortungsvoll Entscheidungen auf allen Ebenen der klinischen Versorgung zu treffen.
Eine zunehmend interprofessionelle Sicht auf klinische Zusammenhänge und neues Wissen über die eigendynamischen Prozessverläufe von Genesung erweitern das Verständnis von Gesundheit und Krankheit (vgl. Hurrelmann et al. 2018). Die individualisierte Psychotherapie und praxisbasierte Evidenz beschreiben hierfür eine Gesundheitsversorgung im Krankenhaus, die an der situativen Bedürfnislage und den Voraussetzungen der einzelnen Patient*innen orientiert sind (vgl. Sack 2019). Sie setzt ausdrücklich auf eine stärkere Betonung und Methodenentwicklung von Prävention. Hintergrund ist die klare Ausrichtung an dem Wissen, dass die Biologie des Menschen ebenso wie seine individuellen Krankheits- und Krisenverläufe heterogen sind. Dieser Heterogenität muss mit differenzierten Behandlungsansätzen begegnet werden, die neben den Symptomen und den Ausprägungen der zugrundeliegenden Erkrankung (z. B. einer Depression oder Essstörung) ebenso die Konstitution der Psyche, individuelle Bedürfnisse und die Ressourcen von Patient*innen und Angehörigen stärker berücksichtigt.
Der Band gliedert sich inhaltlich in vier Teile. Im ersten Teil werden grundlegende Überlegungen zur Wirksamkeit und Geschichte von Kunst im Krankenhaus sowie zum Verhältnis von Kunst und Krankheit bzw. Kunst und Genesung skizziert. Zudem werden transdisziplinäre Fragen für die klinische Versorgung und zukunftsweisende Perspektivwechsel formuliert, die auch die wichtige Unterscheidung zwischen künstlerischen und künstlerisch-therapeutischen Interventionen begründen. Der zweite Teil widmet sich dann der Ausdifferenzierung verschiedener Ansätze künstlerischer und künstlerisch-therapeutischer Projektformen und Arbeitsweisen in der Institution Krankenhaus, die mehr ist als ein Ort optimaler medizinischer Versorgung. So erhält beispielsweise das Atelier als kreativer und vitalisierender Ort eine besondere Aufmerksamkeit. Im dritten Teil werden künstlerische Forschungszugänge im Krankenhaus bezogen auf ausgewählte Projekte aus dem Bereich der bildenden Kunst und des Theaters vermittelt. Eine historische Perspektive zur Thematik Kunst und Krise beschließt dieser Teil. Der vierte Teil schließlich fokussiert wichtige Naht- und Schnittstellen von Kunst und Therapie im Krankenhaus unter Berücksichtigung verschiedener System- und Interventionsebenen. Hierbei werden nicht nur die Sichtweisen und Erfahrungen der Patient*innen aus der Kunsttherapie gewichtet, sondern vor allem auch übergreifend der integrative Stellenwert von Künstlerischen Therapien anschaulich und praxisnah thematisiert.
Die Auseinandersetzung mit Fragen zur Heilwirkung von Kunst im Krankenhaus ist keineswegs neu (vgl. Smerling und Weiss 1986). Auch sind vielfach Überlegungen angestellt und publiziert, wie schwerfällig sich eine Zusammenführung der verschiedenen Begriffs-, Denk- und Arbeitsfelder von Kunst und therapeutischer Arbeit gestaltet und was es dafür bedarf (vgl. Wichelhaus 2000, Menzen 2009). Eingeleitet durch die Frage: Was macht Kunst im Krankenhaus? stehen im ersten Teil dieses Bandes eher mögliche Wirkungsebenen und -dimensionen von Kunst im Krankenhaus im Fokus. Denn sowohl Patient*innen, Angehörige als auch das Personal sollen von der Einbindung von Kunst im Krankenhaus profitieren. Ebenso interessiert, inwiefern durch eine stärkere und gleichberechtigte Einbindung von Kunst als kommunikativem Geschehen sich auch neue sinnstifte und forschungsrelevante Perspektiven für den Umgang mit insbesondere psychischem Kranksein und Gesundheit als Prozess ableiten lassen.
Marc Schipper widmet sich in seinem Beitrag möglichen Wirkungsebenen von Kunst und verweist dabei als Psychologe auf einzelne Wirkfaktoren und Theorien zur Wirkung von Kunst. Er sucht bedeutsame Faktoren der Künste für die Gesundheit zu konkretisieren und assoziiert diese mit grundlegenden Annahmen des bio-psycho-sozialen Gesundheitsmodells. Orientiert am Verständnis der Salutogenese interessiert ihn die Frage, wie theoretisches Wissen auf die Praxis transferiert und wie Kunst im Krankenhaus und übergreifend im gesundheitswissenschaftlichen Kontext wirksam eingesetzt werden kann. Schipper ist es dabei wichtig, das Spektrum und die Vielfalt der Künste in ihrer Anwendung zu berücksichtigen, wie beispielsweise architektonische, installative, performative und partizipatorische Strategien, aber auch künstlerisch-therapeutische Ansätze. Schipper stellt heraus, inwiefern Kunst mannigfaltige Dimensionen hat, die jeweils unterschiedliche gesundheitsrelevante Aspekte in sich bergen.
Thomas Röske befasst sich mit einer historisch wichtigen Etappe der Auseinandersetzung mit bildnerischer Kunst von nicht akademisch ausgebildeten Künstler*innen. Ausgewählt hat er das Jahr 1972, in dem der englische Romanist Roger Cardinal den Band »Outsider Art«, das erste englischsprachige Buch über Art brut, veröffentlichte. Röske kontextualisiert und untersucht aus kunsthistorischer Sicht die Position des streitbaren französischen Künstlers Jean Dubuffet, der die wahre Kunst des gemeinen Mannes, der kulturellen Kunst gegenüberstellt. 1972 war auf der documenta Nr. 5 zum ersten Mal Outsider Art vertreten, in Form von Bildnerei der Geisteskranken. Harald Szeemann stellte damit als Kurator eine sogenannte parallele Bildwelt vor. Zu sehen war eine Nachbildung des Krankenzimmers von Adolf Wölfli (1864-1930) mit seinen Büchern sowie weitere Bilder und Objekte aus der Sammlung der Psychiatrie Waldau bei Bern. Interessanterweise boten die Werke auch Beispiele für eine Identität von Abbildung und Abgebildetem. In Korrespondenz zu Werken neuer Kunstströmungen, wie Konzeptkunst und Performance, wurde also bereits 1972 in Kassel für viele Besucher klar, dass Outsider Art sich durchaus als (wenn auch besondere) Kunst neben anderer verstehen ließ. Dieser Impuls hat die Erfolgsgeschichte der Outsider Art in den letzten Jahren geprägt.
Kunst- und Kulturprojekte im Krankenhaus, so belegt die Entwicklungsgeschichte der Atelierarbeit u. a. als Angebot zur Strukturierung und kulturellen Bereicherung des klinischen Alltages, sind keine neuen Initiativen (Benkert und Gorsen 1990). Was sich mit Blick auf die zukünftige Etablierung von Kunst im Krankenhaus lohnt, ist die Betrachtung und zugleich Auswertung der wissenschaftlich fundierten Entwicklung von Praxiskonzeptionen im institutionellen und gesundheitspolitischen Wandel. Wichtig scheint hierbei, Kunst von ihrer Wirkung her nicht als abgeschlossenes Werk (oder Projekt), sondern als Ereignis, Kommunikation und Werdeform zu verstehen. Zudem ist in diesem Zusammenhang eine klare Beschreibung des Einsatzes jeweiliger Interventionen relevant, d. h. wie genau künstlerische Arbeit mit welchen Mitteln im Rahmen von Kunstprojekten oder Künstlerischen Therapien eingesetzt werden.
Uwe Gonther beleuchtet das Verhältnis von Kunst und Psychiatrie aus theoretischer, historischer und vor allem praktischer Sicht. Als ärztlicher Direktor formuliert er Erfahrungen und Zielperspektiven des Ausbaus künstlerischer Therapieangebote im AMEOS Klinikum Bremen, Dr. Heines. Die enge Zusammenarbeit mit Ausbildungs- und Forschungseinrichtungen, wie z. B. mit der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg, hebt er deutlich hervor. Deutlich wird mit seinem Beitrag, auf welche Weise psychotherapeutische Ansätze durch künstlerische Angebote ergänzt werden können. Nachvollziehbar wird beschrieben, wie sich Medikamentenreduktionsprozesse mit Künstlerischen Therapien stationär und ambulant erfolgreich begleiten lassen. Die Förderung von Ausdruck und Darstellung von u. a. situativem Erleben und psychischer Befindlichkeit mit künstlerischen Mitteln sollen auch die Zufriedenheit der Mitarbeitenden, etwa im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements, fördern. Moderne Ausstellungskonzepte und künstlerische Projekte geben Gelegenheit zum Selbst- und Fremdverstehen aller Beteiligten im Sinne einer kulturell eingebundenen trialogischen Netzwerkarbeit.
Historische Hospitäler stellen Kunst- und Kulturdenkmäler dar und offerieren ein reichhaltiges Erbe. Diesem Leitgedanken folgt der kunsthistorische Beitrag von Friedhelm Scharf. Dieser gibt Einblick in die künstlerische Ausstattung von historischen Hospitälern, die Zeugnis über institutionelle Wandlungsprozesse geben. Dazu gehören einerseits Architekturen und Bauaufgaben, die auf künstlerischer Ebene das karitative Engagement vermitteln. Anderseits verweisen Ikonografien sowohl auf seelische und physische Heilsvorstellung als auch religiöse bzw. spirituelle Weltanschauung. Ausgehend von der Darstellung der Geisteswelt der Antike (Asklepion in Epidaurus) werden wichtige Paradigmenwechsel zwischen Mittelalter, früher Neuzeit und Aufklärung bzw. »Vormoderne« thematisiert. An den Beispielen wird gezeigt, wie Bedürftigkeit, medizinisch-soziale Versorgung und Heilung versus Heilsgeschichte jahrhundertelang die rein körperliche Erfahrung von Krankheit und Heilung ins Göttliche transzendiert haben. Scharf verweist auch darauf, wie Kunstwerke in historischen Hospitälern eine Bildlektüre zu Machtverhältnissen ermöglichten. Entsprechend akzentuiert er die Frage, was Kunst in historischen Hospitälern für diejenigen zu leisten hatte, die sie in Auftrag gaben bzw. für die Künstler, die sie erschufen.
Rose Ehemann zeichnet die historische Entwicklung des Atelierkonzeptes des Living Museums nach und versucht zu belegen, inwieweit die Geschichte der Psychiatrie durch verschiedene kulturelle und gesellschaftspolitische Wendungen geprägt war und es bis heute noch ist. Das Living Museum ist ein Atelierkonzept, was das künstlerische Handeln und die damit verbundenen therapeutischen Wirkpotenziale in den Vordergrund rückt. Es eröffnet eine andere Sicht auf ambulante und stationäre Patient*innen im Psychiatriekontext. Seinen Ursprung hat die konzeptuelle Entwicklung und Modellierung des Living Museums in New York. Mittlerweile wird dieses Atelierkonzept an verschiedenen Orten weltweit kopiert, was zur Gründung eines Vereins Living Museum geführt hat. Aufgrund seines augenscheinlich wirksamen Potenzials, so belegen erste Evaluationsstudien, überzeugt das Living Museum Betroffene, Angehörige, das Klinikpersonal und jeweils regional Interessierte gleichermaßen. Einen stressfreien Schutzraum in einer schwer beschreibbaren ästhetischen Atmosphäre zu kreieren und das hochstehende künstlerische Potenzial von den Menschen zu würdigen, ist oberstes Prinzip des Living Museums. Sie ermöglicht scheinbar selbstverständlich eine Verschiebung der Aufmerksamkeit für Menschen mit psychischen Erkrankungen als sinnsuchende Künstler bzw. Künstlerinnen.
Interdisziplinär ausgerichtete Ansätze, z. B. in der Behandlung von Essstörungen, integrieren erfolgreich künstlerisch-therapeutische Interventionen. Davon unterscheiden wir Kunstprojekte und künstlerische Forschungsprojekte im Krankenhaus, die beispielsweise gezielt partizipative Erkundungen der Selbst- und Fremdwahrnehmung im Sinne zeitgenössischer künstlerischer Untersuchungen anstoßen.
Der partizipative Aspekt künstlerischer Arbeit und Forschung spielt eine bedeutsame Rolle in den Beiträgen, die im Kontext des Forschungsschwerpunkts: »Künstlerische Interventionen in Gesundheitsförderung und Prävention« der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg angesiedelt sind. Aspekte von Partizipation werden als Beitrag zur künstlerisch-gestalterischen Tätigkeit von Künstler*innen beschrieben, insbesondere wenn es um die bildnerische oder auch performative Gestaltung von öffentlichen oder halböffentlichen Räumen geht, wozu Krankenhäuser gehören. Eine historische Perspektive zum Zusammenhang von Kunst und Krise am Beispiel von Joseph Beuys schließt diesen Teil ab und gibt Einblick in einen Prozess, der sich zwischen künstlerischer Erkenntnis und der transformativen Krise des Künstlers bewegt.
Peer de Smit geht in seinem Beitrag einer Reihe von Fragen nach, die sich während und nach einer längerfristigen künstlerischen Projektarbeit zu Gestischer Forschung und Resonanzphänomenen in einer psychiatrischen Klinik ergeben haben. An der Theaterarbeit nahmen der Projektleitende und Studierende der Hochschule mit Mitarbeiter*innen und Patient*innen aus mehreren Abteilungen der Klinik teil. Das Projekt festhalten. berühr mich nicht und die performativen Dokumentationen, die ihm folgten, lassen zum einen die besonderen Potenziale eines solchen Formats von künstlerischer Praxis und Zusammenarbeit im Krankenhaus hervortreten, zum anderen zeigen sich auch die Probleme, die sich einer solchen Praxis und ihrer Akzeptanz und Verstetigung entgegenstellen. Denn es gehört zu den Eigenarten künstlerischer Interventionen, dass sie gelegentlich Probleme lösen, indem sie welche schaffen: Der Klinikalltag wird durchkreuzt, Abläufe unterbrochen und hierarchische Strukturen in Frage gestellt. Im spezifischen Kontext der hier vorgestellten Gestischen Forschung lässt sich Forschung nicht getrennt von der Praxis betreiben, auf die sie sich bezieht. Gestische Forschung wird als eine der künstlerischen Praxis immanente Form des Wissensgewinns verstanden. Produktion, Präsentation und Dokumentation sind eng aufeinander bezogen; die Formen und Formate, in denen Forschungsergebnisse gewonnen werden, sind eng verbunden mit denen, die sie vermitteln sollen.
Der Beitrag »Vom Sehen. Partizipatorische Projekte im Krankenhaus« von Cony Theis und Gabriele Schmid besteht aus dem dialogischen Zusammenspiel einer künstlerischen und einer künstlerisch-autoethnographischen Perspektive. Gegenstand der Beschreibungen sind verschiedene, von Cony Theis initiierte künstlerische Projekte in Krankenhäusern, die sich mit dem künstlerischen Genre des Portraits befassen. Alle Projekte zeichnen sich durch ihre partizipatorische Konzeption aus. Der Fokus liegt auf dem Changieren zwischen Distanz und Nähe zwischen den Portraitierenden respektive zwischen den Portraitierenden und ihren Werken, welches auf die Phänomene von Sympathie und Empathie in klinischen und künstlerischen Kontexten bezogen wird. Im Zentrum des Beitrags steht das Projekt Spieglein Spieglein, das im Rahmen des Forschungsschwerpunkts »Künstlerische Interventionen in Gesundheitsförderung und Prävention« in Kooperation mit der Alexianer GmbH Münster und dem dort angesiedelten Kunsthaus Kannen durchgeführt wurde. Die daran angeschlossene künstlerische Grundlagenforschung befasst sich mit dem physiologischen Nachbild und seiner künstlerischen Bearbeitung und beschreibt den dadurch ermöglichten Wissensgewinn.
Der Beitrag von Hartmut Kraft schließlich zeichnet eine längere Entstehungsgeschichte des Zusammenhangs von Kunst und Krise am historischen Beispiel von Joseph Beuys nach. Als Kraft Mitte der 1980er Jahre das Manuskript zur ersten Auflage des Buches »Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie« (1986) schrieb, verzichtete er auf ein Kapitel über Joseph Beuys (1921 – 1986). Seine psychische Krise war zwar vom Hörensagen bekannt, verlässliche Quellen, wie sie zum Zeitpunkt der zweiten Auflage 1998 vorlagen (Müller 1993, Stachelhaus 1988), existierten damals noch nicht. Vor allem aber befürchtete der Autor, den Künstler in einen Zusammenhang zu stellen, der eher Vorurteilen Vorschub leisten als etwa für das Verständnis seines Werkes erhellend wirken könnte. Inzwischen haben seine umfangreichen Studien zum Schamanismus, zu Initiationsstrukturen und transformativen Krisen einen neuen Blick auf Leben und Werk von Joseph Beuys und einige andere Künstler eröffnet (Kraft1995, 2005). Beuys selber hat die hier in Frage stehenden Ereignisse in seinem Leben als Umstrukturierungs- und Klärungsprozesse verstanden. Die hier vorgestellten Überlegungen wurden erstmalig 1995 publiziert (Kraft 1995) und für diese Veröffentlichung erneut überarbeitet.
In den Künstlerischen Therapien ist ein Spannungsverhältnis von Kunst und Therapie tief und vielfach verwurzelt, was sich in ihrer interdisziplinären Grundlegung und breiten Ausdifferenzierung spiegelt. Das begründet den nicht leichten Umgang mit den Anforderungen und drängenden Forschungsaufgaben von Seiten des Gesundheitswesens, ihre Wirkweisen nachvollziehbar zu belegen bzw. ihre spezifischen Wirkfaktoren evidenzbasiert zu untersuchen. Die therapeutische Praxis erfährt jedoch gerade durch künstlerisches Handeln als Form der Kommunikation eine besondere Qualität, von der nicht nur die Patient*innen, sondern auch Angehörige und das gesamte Behandler*innen-Team im Krankenhaus profitieren können.
Aus verschiedenen Sichtweisen und Blickwinkeln wird in diesem Teil das Potenzial von Kunsttherapie, Möglichkeiten methodischer Kombination und konzeptioneller Integration sowie einzelne Wirkdimensionen in verschiedenen klinischen Arbeitsfeldern herausgestellt.
Juliana Ortiz, Forian Schepper und Marianne Buttstädt stellen ihre interdisziplinär modellierte Intervention vor, die in ihrem strukturierten Vorgehen Methoden und spezielle Techniken von Kunsttherapie und Familientherapie begründet zusammenführt. Entwickelt wurde diese künstlerisch-therapeutische Intervention Hand in Hand für den Einsatz im Akutsetting der Pädiatrischen Onkologie, die sich gleichermaßen an das erkrankte Kind sowie an seine Eltern richtet. Hintergrund dafür ist, dass die Krebserkrankung nicht nur emotionale Auswirkungen auf die jungen Patient*innen selbst hat, sondern das gesamte Familiensystem - über alle Generationen hinweg - existenziell herausfordert. Innerhalb einer zumeist von Funktionalität, Autonomieverlust und Wartezeit geprägten Akutbehandlung erweist sich die kontinuierlich angebotene, familienorientierte Kunsttherapie als wichtige Unterstützung. Ein Fallbeispiel veranschaulicht insbesondere den kommunikativen Wert des gemeinsamen künstlerischen Gestaltens. Durch das methodisch-kombinierte Vorgehen werden gleichzeitig individuelle und Familienressourcen fokussiert, was die Krankheitsverarbeitung fördert und nachhaltig helfen kann, psychische Belastungen zu verringern.
Die diagnostische und therapeutische Herangehensweise ist in den psychiatrischen Krankenhäusern Deutschlands unterschiedlich. Besonders bei einem institutionell getragenen, psychodynamischen Krankheitsverständnis greifen Krankenhäuser häufig auf ergänzende künstlerische Therapieverfahren zurück. Martin D. Ohlmeier und Nina Dixon veranschaulichen anhand ausgewählter Praxisbeispiele die Bedeutung künstlerisch-therapeutischer Arbeit für den Zugang intrapsychischer Prozesse, sowie für die differentialdiagnostische Einschätzung und sich daraus ergebenden Behandlungsstrategien. Die skizzierten Praxisbeispiele verweisen darauf, dass eine tiefenpsychologisch-psychodynamisch ausgerichtete Kunsttherapie in Krankenhäusern einen hohen Stellenwert im Hinblick auf die ätiopathogenetische Einschätzung psychischer Erkrankungen einnehmen kann. Übergreifend wird damit das Potenzial von Perspektivwechsel durch künstlerische Sichtweisen, Interventionen und Reflexionen im Rahmen eines psychotherapeutischen Gesamtkonzeptes erkennbar.
Constanze Schulze-Stampa und Nina Kaletta widmen sich in ihrem Beitrag aus systemisch-kommunikativer Sicht dem vielschichtigen Beziehungsverhältnis von Kunst und Therapie, auch im Hinblick auf aktuelle Forschungsaufgaben und Etablierungsschritte der Künstlerischen Therapien in der klinischen Arbeit. Dabei lassen sie Perspektiven zirkulierend wechseln zwischen Künstler*innen, Kunstherapeut*innen und Patient*innen, die im Krankenhaus Beziehungen mitgestalten, teilnehmend beobachten und künstlerisch handeln. Konzepte und Strategien aus Bereichen der Gesundheitsförderung und Prävention werden dabei mit performativen Ansätzen und Impulsen aus der zeitgenössischen Kunst in Zusammenhang gebracht. So wird beispielsweise der wichtige erste Eindruck in der Begegnung mit einer jungen Patientin nicht nur aus Sicht einer erfahrenden Kunsttherapeutin beschrieben. In der Kunsttherapie verweben sich künstlerisches, therapeutisches und interaktives Wissen auf besondere Art und Weise, was sie als komplexe Intervention verstehen lässt. Indem künstlerische Prozesse und Ereignisse als spezifische Form und Medium der Kommunikation fungieren, bieten sie nicht nur Patient*innen Möglichkeiten des visuellen Ausdrucks und Mitteilens von Erfahrungen und Erlebnissen im künstlerisch-therapeutischen Setting, vielmehr profitieren insbesondere Eltern und Angehörige von dem möglichen Gebrauch eines Bildes als kommunikatives und wahrnehmbares Drittes im Krankenhaus.
Altgeld, T., Kolip, P. (2018): Konzepte und Strategien der Gesundheitsförderung. In: Hurrelmann, K., Richter, M., Klotz, T., Stock, S. (Hrsg.): Referenzwerk Prävention und Gesundheitsförderung. Bern: Hogrefe, S. 57–72.
Benkert, O., Gorsen, P. (Hrsg.) (1990): Von Chaos und Ordnung der Seele: Ein interdisziplinärer Dialog über Psychiatrie und moderne Kunst. Springer.
