Künstler der Schaufel - Warlam Schalamow - E-Book

Künstler der Schaufel E-Book

Warlam Schalamow

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Beschreibung

Was der Mensch nicht wissen darf Nach Durch den Schnee und Linkes Ufer erscheint nun der dritte Band der Erzählungen aus Kolyma. Er enthält zwei Zyklen des monumentalen Werks Warlam Schalamows. Wieder entführt er den Leser in die erbarmungslose Welt der sibirischen Lager und erzählt die Geschichte der Besiegten. Im Mittelpunkt steht in diesem dritten Band die meisterhaft geschilderte Ganovenwelt im Lager, ihr Alltag, ihre Sprache, ihre Sitten und ihr Verhältnis zu den politischen Gefangenen.

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Warlam Schalamow

Künstler der SchaufelErzählungen aus Kolyma 3

Werke in EinzelbändenBand 3

Warlam Schalamow

Künstler der SchaufelErzählungen aus Kolyma 3

Aus dem Russischen von Gabriele LeupoldHerausgegeben von Franziska Thun-HohensteinMit einem Nachwort von Michail Ryklin

Inhalt

Künstler der Schaufel

Der Anfall

Die Grabrede

Wie alles begann

Die Handschrift

Die Ente

Der Geschäftsmann

Caligula

Künstler der Schaufel

RUR

Bogdanow

Ingenieur Kisseljow

Die Liebe des Kapitän Tolly

Das Kreuz

Der Lehrgang

Der erste Tschekist

Der Weismannianer

Ins Krankenhaus

Juni

Mai

Im Badehaus

Der Diamantenquell

Der grüne Staatsanwalt

Der erste Zahn

Echo in den Bergen

Berdy Ali As

Prothesen

Die Jagd nach dem Rauch der Lokomotive

Der Zug

Skizzen der Verbrecherwelt

Über einen Fehler der schönen Natur

Gaunerblut

Die Frau in der Ganovenwelt

Die Gefängnisration

Der »suki«-Krieg

Apoll unter den Ganoven

Sergej Jessenin und die Welt der Diebe

Wie man »Rómans stanzt«

Michail Ryklin: Lager und Krieg.Die Geschichte der Besiegten nach Warlam Schalamow

Anmerkungen

Glossar

Künstler der Schaufel

Der Anfall

Die Wand schwankte, und eine bekannte süße Übelkeit schnürte mir die Kehle zu. Das abgebrannte Streichholz auf dem Boden tauchte zum tausendsten Mal vor meinen Augen auf. Ich streckte die Hand aus, um dieses lästige Streichholz einzufangen, und das Streichholz verschwand – ich sah nichts mehr. Die Welt hatte sich noch nicht ganz von mir entfernt: dort, auf dem Boulevard, war noch eine Stimme, die ferne, nachdrückliche Stimme der Krankenschwester. Dann flogen Kittel, eine Hausecke, der Sternenhimmel vorüber, eine riesige graue Schildkröte erschien, ihre Augen schimmerten gleichgültig; jemand brach der Schildkröte eine Rippe heraus, und ich kroch in irgendeine Höhle, mit den Händen klammerte ich mich an und zog mich hoch: ich vertraute nur auf die Hände.

Ich erinnerte mich an fremde nachdrückliche Finger, die mir Kopf und Schultern geschickt ins Bett drückten. Alles wurde still, und ich blieb allein mit jemand Riesigen wie Gulliver. Ich lag auf einem Brett wie ein Insekt, und jemand betrachtete mich starr durch eine Lupe. Ich drehte mich, und die schreckliche Lupe folgte meinen Bewegungen. Ich wand mich unter dem riesigen Glas. Und erst, als die Sanitäter mich ins Krankenbett hinübertrugen und die selige Ruhe der Einsamkeit anbrach, begriff ich, dass die Gulliver-Lupe kein Albtraum war – das waren die Brillengläser des diensthabenden Arztes. Das freute mich unaussprechlich.

Der Kopf tat weh, bei der kleinsten Bewegung wurde mir schwindelig, und ich konnte nicht denken – ich konnte mich nur erinnern, und alte drohende Bilder tauchten auf wie Stummfilmszenen, schwarzweiße Figuren. Die süße Übelkeit, ähnlich wie eine Äthernarkose, hörte nicht auf. Sie war bekannt, und dieses erste Gefühl war jetzt enträtselt. Ich erinnerte mich, wie vor vielen Jahren, im Norden, nach sechs Monaten Arbeit ohne Erholung zum ersten Mal ein freier Tag angekündigt wurde. Jeder wollte liegen, nur liegen, nicht die Kleider flicken, sich nicht bewegen … Aber alle wurden am Morgen geweckt und zum Brennholzholen gejagt. Acht Kilometer von der Siedlung gab es einen Holzeinschlag – man musste sich ein seinen Kräften entsprechendes Stämmchen suchen und es nach Hause tragen. Ich beschloss, seitwärts ab zu gehen – dort gab es in etwa zwei Kilometern Entfernung alte Holzstapel, dort konnte ich ein passendes Stämmchen finden. Bergauf zu gehen war schwer, und als ich beim Stoß ankam – gab es dort keine leichten Stämme. Weiter oben lagen schwarze auseinandergeworfene Holzstöße, und ich machte mich auf den Weg. Hier gab es dünne Stämme, aber ihre Enden klemmten im Stapel, und ich war zu schwach, ein Holzstämmchen herauszuziehen. Ich versuchte es mehrmals und ermattete endgültig. Aber ohne Holz durfte ich nicht zurückkommen, und ich nahm meine letzten Kräfte zusammen und kroch weiter aufwärts zu einem Stapel, der mit Schnee bedeckt war. Lange schaufelte ich mit Füßen und Händen den knirschenden pulvrigen Schnee beiseite und zog am Ende eines der Stämmchen heraus. Aber das Stämmchen war zu schwer. Ich nahm das schmutzige Handtuch vom Hals, das mir als Schal diente, band das obere Ende fest und zog das Stämmchen bergab. Das Stämmchen hüpfte und schlug mir gegen die Beine. Oder es riss sich los und schoss schneller bergab als ich. Das Stämmchen blieb an einem Krummholzbusch hängen oder steckte im Schnee, und ich kroch hin und nötigte das Stämmchen, sich weiter zu bewegen. Ich war noch hoch auf dem Berg, als ich sah, dass es schon dunkel wurde. Ich begriff, dass viele Stunden vergangen waren, und der Weg zur Siedlung und zur Zone war noch weit. Ich zog am Schal, und das Stämmchen sprang wieder ruckweise abwärts. Ich zerrte das Stämmchen hinaus auf den Weg. Der Wald begann vor meinen Augen zu schwanken, eine süße Übelkeit schnürte mir die Kehle zu, und ich kam im Häuschen des Windenführers zu mir – der rieb mir Hände und Gesicht mit beißendem Schnee warm.

All das erschien mir jetzt an der Krankenhauswand.

Doch anstelle des Windenführers hielt der Arzt meine Hand. Der Riva-Rocci-Apparat zum Blutdruckmessen stand neben ihm. Und als ich begriff, dass ich nicht im Norden war, freute ich mich.

»Wo bin ich?«

»Im Institut für Neurologie.«

Der Arzt fragte etwas. Ich antwortete mit Mühe. Ich wollte allein sein. Ich hatte keine Angst vor meinen Erinnerungen.

<1960>

Die Grabrede

Alle sind sie tot …

Nikolaj Kasimirowitsch Barbe, einer der Begründer des russischen Komsomol, der Kamerad, der mir half, einen großen Stein aus dem engen Schurf hinauszubefördern, der Brigadier, wurde erschossen für Nichterfüllung des Plans auf dem Abschnitt, auf dem seine Brigade arbeitete, aufgrund des Rapports des jungen Abschnittschefs, des jungen Kommunisten Arm; dieser bekam einen Orden für das Jahr 1938 und wurde später Bergwerkschef, Verwaltungschef – Arm machte große Karriere. Nikolaj Kasimirowitsch Barbe besaß einen sorgfältig gehüteten Gegenstand, einen Kamelhaarschal, einen blauen langen warmen Schal aus echter Wolle. Den stahlen ihm im Badehaus die Diebe – als Barbe sich umdrehte, nahmen sie ihn einfach weg, und basta. Und am folgenden Tag holte sich Barbe Erfrierungen an den Wangen, starke Erfrierungen – bis zu seinem Tod heilten die Geschwüre nicht mehr ab …

Tot ist Ioska Rjutin. Er war mein Partner bei der Arbeit – die Arbeiter wollten mit mir nicht arbeiten. Aber Ioska arbeitete mit mir. Er war viel stärker und geschickter als ich. Aber er wusste genau, warum man uns hierher gebracht hatte. Und nahm mir nicht übel, dass ich schlecht arbeitete. Schließlich befahl der Oberinspektor – so hießen die Dienstgrade im Bergbau tatsächlich im Jahr 1937, wie zur Zarenzeit –, mir eine »Einzelschicht« zu geben; was das ist, wird an anderer Stelle erzählt. Und Ioska war Partner von jemand anderem. Aber unsere Plätze in der Baracke lagen nebeneinander, und ich wurde sofort wach von einer linkischen Bewegung, die jemand in Leder, nach Hammel Riechender machte; dieser Jemand, der mir im engen Durchgang zwischen den Pritschen den Rücken zukehrte, weckte meinen Nachbarn:

»Rjutin? Anziehen.«

Und Ioska zog sich eilig an, und der nach Hammel Riechende durchsuchte seine wenigen Sachen. Unter dem Wenigen fand sich ein Schachspiel, und der Ledermann legte es beiseite.

»Das gehört mir«, sagte Rjutin eilig. »Mein Eigentum. Ich habe Geld bezahlt.«

»Na und?«, sagte das Schaffell.

»Lassen Sie es mir.«

Das Schaffell lachte auf. Und als es ausgelacht und sich das Gesicht mit dem Lederärmel abgewischt hatte, erklärte es:

»Du brauchst es nicht mehr …«

Tot ist Dmitrij Nikolajewitsch Orlow, der ehemalige Referent Kirows. Mit ihm habe ich Brennholz gesägt in der Nachtschicht im Bergwerk, und am Tag, als Besitzer einer Säge, arbeiteten wir in der Bäckerei. Ich erinnere mich gut, mit welch kritischem Blick uns der Werkzeug- und Lagerverwalter taxierte, als er die Säge ausgab, eine gewöhnliche Quersäge.

»So, Alter«, sagte der Werkzeugwart. Wir alle wurden damals Alte genannt – nicht erst zwanzig Jahre später. »Kannst du die Säge schärfen?«

»Natürlich«, sagte Orlow schnell. »Gibt es eine Schränkzange?«

»Du nimmst zum Schränken ein Beil«, sagte der Werkzeugwart, der in uns schon erfahrene Leute sah, nicht wie diese Intelligenz.

Orlow lief gebückt den Pfad entlang, die Hände in die Ärmel gesteckt. Die Säge hatte er unter den Arm geklemmt.

»Hören Sie, Dmitrij Nikolajewitsch«, sagte ich und holte Orlow hüpfend ein. »Ich kann das doch nicht. Ich habe noch nie eine Säge geschärft.«

Orlow drehte sich zu mir, rammte die Säge in den Schnee und zog die Handschuhe an.

»Ich finde«, sagte er in dozierendem Ton, »dass jeder Hochschulabsolvent eine Säge schärfen und schränken können muss.«

Ich stimmte ihm zu.

Tot ist der Ökonom Semjon Aleksejewitsch Schejnin, ein guter Mensch. Er begriff lange nicht, was sie mit uns machen, aber schließlich verstand er und erwartete ruhig den Tod. An Mut fehlte es ihm nicht. Irgendwann erhielt ich ein Päckchen – dass ein Päckchen ankam, war eine große Seltenheit –, und darin waren Flieger-Filzburki und weiter nichts. Wie schlecht kannten unsere Angehörigen die Verhältnisse, unter denen wir lebten. Mir war klar, dass mir die burki in der ersten Nacht gestohlen, weggenommen würden. Und ich verkaufte sie noch in der Wache für hundert Rubel an den Vorarbeiter Andrej Bojko. Die burki hatten siebenhundert gekostet, aber es war ein günstiger Verkauf. Denn ich konnte dafür hundert Kilo Brot kaufen, und wenn nicht hundert, dann konnte ich Butter und Zucker kaufen. Butter und Zucker hatte ich zuletzt im Gefängnis gegessen. Und ich kaufte im Laden ein ganzes Kilo Butter. Ich erinnerte mich an ihre Bekömmlichkeit. Einundvierzig Rubel kostete diese Butter. Ich kaufte sie am Tag (wir arbeiteten nachts) und lief zu Schejnin – wir wohnten in unterschiedlichen Baracken –, das Päckchen feiern. Ich kaufte auch Brot …

Semjon Aleksejewitsch war erregt und erfreut.

»Ja warum denn ich? Mit welchem Recht?«, murmelte er, außerordentlich bewegt. »Nein nein, ich kann nicht …«

Aber ich überredete ihn, und freudig lief er nach kochendem Wasser.

Und sofort stürzte ich von einem schrecklichen Schlag auf den Kopf auf den Boden.

Als ich hochfuhr, war die Tasche mit Butter und Brot nicht mehr da. Bei der Bettstelle lag das Lärchenscheit, einen Meter lang, mit dem sie mich niedergeschlagen hatten. Und rundherum lachten alle. Schejnin kam mit dem Wasser gerannt. Später konnte ich viele Jahre nicht ohne schreckliche, fast schockhafte Erregung an den Diebstahl denken.

Semjon Aleksejewitsch – ist tot.

Tot ist Iwan Jakowlewitsch Fedjachin. Er und ich sind mit demselben Zug, auf demselben Dampfer gekommen. Wir kamen ins selbe Bergwerk, in dieselbe Brigade. Er war ein Philosoph, ein Bauer aus Wolokolamsk, der die erste Kolchose in Russland gegründet hatte. Die ersten Kolchosen wurden bekanntlich in den zwanziger Jahren von Sozialrevolutionären gegründet, und die Gruppe Tschajanow-Kondratjew vertrat ihre Interessen »oben« … Iwan Jakowlewitsch war so ein dörflicher Sozialrevolutionär – einer von der einen Million, die 1917 für diese Partei stimmte. Für die Gründung der ersten Kolchose bekam er eine Strafe – fünf Jahre Haft.

Irgendwann ganz am Anfang, im ersten Kolyma-Herbst 1937, arbeiteten er und ich an der Lore – wir standen am berühmten Gruben-Förderband. Es gab zwei Loren, abkuppelbar. Während der Pferdetreiber die eine auf die Waschvorrichtung fuhr, schafften es zwei Arbeiter kaum, die andere zu füllen. Zum Rauchen hatten sie keine Zeit, und die Aufseher erlaubten das auch nicht. Dafür rauchte unser Pferdetreiber – eine riesige Selbstgedrehte, aus fast einem halben Päckchen Machorka (Machorka gab es damals noch), und hinterlegte uns am Rand der Schürfgrube einen Rest für einen tiefen Zug.

Der Pferdetreiber war Mischka Wawilow, ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Trusts »Industrieimport«, und die Schürfarbeiter Fedjachin und ich.

Während wir ohne Eile Erde in die Lore schaufelten, sprachen wir miteinander. Ich erzählte Fedjachin von der Lektion, die man den Dekabristen in Nertschinsk erteilt hatte – nach den »Aufzeichnungen der Marija Wolkonskaja« drei Pud Erz pro Person.

»Und wie viel, Wassilij Petrowitsch, wiegt unsere Norm?«, fragte Fedjachin.

»Ich habe es überschlagen – ungefähr 800 Pud.«

»Sehen Sie, Wassilij Petrowitsch, wie die Normen gestiegen sind ...«

Später, während des Hungers im Winter, verschaffte ich mir Tabak – ich erbat ihn, hortete, kaufte ihn – und tauschte ihn gegen Brot. Fedjachin missbilligte meinen »Handel«:

»Das steht Ihnen nicht, Wassilij Petrowitsch, Sie sollten das nicht tun …«

Das letzte Mal habe ich ihn im Winter in der Kantine gesehen. Ich hatte ihm sechs Mittagessentalons gegeben, die ich an diesem Tag für das nächtliche Abschreiben im Kontor bekommen hatte. Meine gute Handschrift half mir manchmal. Die Talons verfielen – sie hatten Datumsstempel. Fedjachin hatte die Portionen bekommen. Er saß am Tisch und goss die dünne Brühe von einem Napf in den anderen, die Suppe war extrem flüssig, und kein einziges Fettauge schwamm darauf … Die Schrappnellgrütze von sämtlichen sechs Talons füllte nicht einen Halbliternapf … Einen Löffel hatte Fedjachin nicht, und er leckte die Grütze mit der Zunge aus. Und weinte.

Tot ist Derfel. Das war ein französischer Kommunist, der auch in den Steinbrüchen von Cayenne gewesen war. Außer unter dem Hunger und der Kälte litt er moralisch – er wollte nicht glauben, dass er, ein Mitglied der Komintern, hierhin geraten war, in die sowjetische katorga. Sein Entsetzen wäre geringer gewesen, wenn er gesehen hätte, dass er der einzige war. Aber allen erging es so, mit denen er gekommen, mit denen er untergebracht war, mit denen er starb. Er war ein kleiner, schwacher Mann, das Prügeln war schon in Mode gekommen … Einmal versetzte ihm der Brigadier einen Schlag, einfach mit der Faust, sozusagen der Ordnung halber, aber Derfel fiel um und stand nicht mehr auf. Er starb als einer der ersten, glücklichsten. In Moskau hatte er als Redakteur bei der TASS gearbeitet. Die russische Sprache beherrschte er gut.

»In Cayenne war es auch schlimm«, sagte er einmal zu mir. »Aber hier ist es sehr schlimm.«

Tot ist Fritz David. Das war ein holländischer Kommunist, Mitglied der Komintern, den man der Spionage beschuldigte. Er hatte wunderbares lockiges Haar, tiefblaue Augen, einen kindlich geschnittenen Mund. Russisch sprach er fast nicht. Ich traf ihn in einer Baracke, die so voll war mit Menschen, dass man im Stehen schlafen konnte. Wir standen nebeneinander, Fritz lächelte mir zu und schloss die Augen.

Der Raum unter den Pritschen war zum Bersten voll mit Menschen, man musste warten, um sich niederzuhokken, hinzuhocken, sich dann irgendwo an eine Pritsche, an einen Pfosten, an einen fremden Körper anzulehnen und einzuschlafen. Ich wartete mit geschlossenen Augen. Plötzlich sank neben mir etwas zusammen. Mein Nachbar Fritz David war umgefallen. Bestürzt stand er auf.

»Ich bin eingeschlafen«, sagte er erschrocken.

Dieser Fritz David war der erste aus unserer Etappe, der ein Päckchen bekam. Das Päckchen hatte ihm seine Frau aus Moskau geschickt. In dem Päckchen waren ein Samtanzug, ein Nachthemd und eine große Fotografie einer schönen Frau. In diesem Samtanzug hockte er auch neben mir.

»Ich habe Hunger«, sagte er lächelnd und wurde rot. »Ich habe großen Hunger. Bringen Sie mir etwas zu essen.«

Fritz David wurde verrückt, und man brachte ihn irgendwohin fort.

Das Nachthemd und die Fotografie wurden ihm schon in der ersten Nacht gestohlen. Wenn ich später von ihm erzählte, konnte ich es immer nicht fassen und und empörte mich: Wer braucht denn eine fremde Fotografie, wozu?

»Alles wissen auch Sie nicht«, sagte mir einmal ein pfiffiger Gesprächspartner. »Dreimal dürfen Sie raten. Die Fotografie wurde von Ganoven gestohlen, für die ›Séance‹, wie die Ganoven sagen. Zum Onanieren, mein naiver Freund …«

Tot ist Serjosha Kliwanskij, mein Kamerad aus dem ersten Studienjahr an der Universität, den ich zehn Jahre später in der Etappenzelle des Butyrka-Gefängnisses traf. Er war 1927 aus dem Komsomol ausgeschlossen worden wegen eines Vortrags über die chinesische Revolution, den er in einem Zirkel für aktuelle Politik gehalten hatte. Sein Studium konnte er abschließen, und er arbeitete als Ökonom beim Staatlichen Plankomitee, bis sich dort die Verhältnisse änderten und Serjosha gehen musste. Er hatte die Aufnahmeprüfung für das Orchester des Stanislawskij-Theaters bestanden und war zweite Geige – bis zu seiner Verhaftung 1937. Er war ein Sanguiniker, ein Spaßvogel, die Ironie verließ ihn nicht. Das Interesse am Leben, an seinen Ereignissen auch nicht.

In der Etappenzelle liefen alle fast nackt herum, übergossen sich mit Wasser, schliefen auf dem Boden. Man musste ein Held sein, um die Nacht auf den Pritschen auszuhalten. Und Kliwanskij flachste:

»Das ist Folter durch Verdampfen. Danach werden sie uns im Norden der Folter durch Vereisen unterziehen.«

Das war eine präzise Vorhersage, aber es war nicht das Gejammer eines Feiglings. Im Bergwerk war Serjosha fröhlich und mitteilsam. Enthusiastisch versuchte er, sich den Ganovenwortschatz anzueignen, und freute sich wie ein Kind, wenn er mit der entsprechenden Intonation Ganovenausdrücke gebrauchte.

Jetzt werde ich mich wohl fläzen, sagte Serjosha, wenn er auf die obere Pritsche kroch.

Er mochte Gedichte, im Gefängnis rezitierte er oft aus dem Gedächtnis. Im Lager rezitierte er keine Gedichte.

Er teilte den letzten Bissen, genauer, er teilte ihn noch … Das heißt, er hat die Zeit nicht mehr erlebt, als niemand mehr einen letzten Bissen hatte, als niemand mehr etwas mit anderen teilte.

Tot ist der Brigadier Djukow. Ich weiß und wusste seinen Vornamen nicht. Er war ein »bytowik«, mit Artikel 58 hatte er nichts zu tun. In den Lagern auf dem Festland war er sogenannter Kollektivvorsitzender, er war nicht gerade romantisch gestimmt, aber wollte »eine Rolle spielen«. Er kam im Winter an und hielt schon auf der ersten Versammlung eine erstaunliche Rede. Die bytowiki hatten manchmal Versammlungen – denn wer Allerwelts- und Dienstvergehen begangen hatte, galt, ebenso wie die Gewohnheitsverbrecher, als »Volksfreund«, der zu bessern, nicht zu bestrafen war. Im Unterschied zu den »Volksfeinden«, den nach Artikel 58 Verurteilten. Später, als man den Gewohnheitsverbrechern Artikel 58, Punkt 14 gab – Sabotage (für Arbeitsverweigerung) –, wurde der ganze Paragraph 14 aus dem Artikel 58 herausgenommen und von den langjährigen und vielfältigen Strafmaßnahmen entlastet. Die Gewohnheitsverbrecher galten immer als »Volksfreunde« – auch noch in der berühmten Berija-Amnestie von 1953. Dieser Einschätzung und Krylenkows »Gummiband« und der berüchtigten »Umschmiedung« wurden viele Hunderttausende unglücklicher Menschen geopfert.

Auf jener ersten Versammlung bot Djukow an, eine Brigade von Artikel-58ern unter seine Leitung zu nehmen – gewöhnlich war der Brigadier der Politischen einer von ihnen. Djukow war kein übler Kerl. Er wusste, dass die Bauern im Lager ausgezeichnet, besser als alle anderen arbeiten, und wusste auch, dass Artikel 58 bei den Bauern sehr häufig war. Darin muss man eine besondere Weisheit Jeshows und Berijas sehen, die verstanden hatten, dass der Arbeitswert der Intelligenz außerordentlich gering ist und sie also die Produktionsaufgabe des Lagers nicht erfüllen können, im Unterschied zur politischen Aufgabe. Aber Djukow ließ sich auf so komplexe Erwägungen nicht ein, er hatte wohl kaum etwas im Sinn als die Arbeitsfähigkeit der Leute. Er stellte seine Brigade zusammen – ausschließlich aus Bauern – und ging an die Arbeit. Das war im Frühjahr 1938. Djukows Bauern hatten den ganzen Hungerwinter 1937/38 mitgemacht. Er ging mit seinen Leuten nicht ins Badehaus, sonst hätte er längst verstanden, was los war.

Sie arbeiteten nicht übel, und man musste sie nur besser ernähren. Doch diese Bitte wurde Djukow von der Leitung in schroffster Weise abgeschlagen. Die hungernde Brigade produzierte heroisch die Norm, sie arbeitete mit großer Mühe. Von nun an wurde Djukow betrogen: von den Vermessern, den Abrechnern, den Aufsehern, den Einsatzleitern; er beschwerte sich, protestierte immer schärfer und schärfer, die Produktion der Brigade sank und sank, die Ernährung wurde immer schlechter. Djukow versuchte, sich an die hohen Natschalniks zu wenden, aber die hohen Natschalniks rieten den entsprechenden Mitarbeitern, die Brigade Djukow gemeinsam mit ihrem Brigadier auf eine bestimmte Liste zu setzen. Das taten sie, und alle wurden in der berühmten Serpantinnaja erschossen.

Tot ist Pawel Michajlowitsch Chwostow. Das Schlimmste an hungernden Menschen ist ihr Verhalten. Alles ist wie bei Gesunden, und trotzdem sind sie Halbverrückte. Hungernde kämpfen immer verbissen um Gerechtigkeit – wenn sie nicht zu hungrig, nicht allzu ausgezehrt sind. Sie sind ewige Streithähne, verzweifelte Raufbolde. Gewöhnlich treibt nur ein Tausendstel von miteinander heftigst Streitenden die Sache bis zur Prügelei. Hungernde prügeln sich ständig. Der Streit bricht zu den tollsten, überraschendsten Anlässen aus: »Warum hast du meine Hacke genommen?, stehst du auf meinem Platz?« Die Kleingewachsenen, Kurzen legen es darauf an, dem Gegner ein Bein zu stellen und ihn zu Fall zu bringen. Die Größeren – sich auf den Feind zu werfen und ihn mit dem eigenen Gewicht zu Fall zu bringen, und dann wird gekratzt, geschlagen, gebissen … All das kraftlos, nicht schmerzhaft, nicht tödlich – und zu oft, als dass sich die Umgebung dafür interessieren würde. Raufende werden nicht getrennt.

So einer war Chwostow. Er prügelte sich jeden Tag mit irgendwem – in der Baracke und in dem tiefen Ableitungsgraben, den unsere Brigade schaufelte. Er war für mich ein Winterbekannter – ich hatte noch nie seine Haare gesehen. Er trug eine Ohrenklappenmütze mit zerrissenem weißen Fell. Und die Augen waren dunkel, glänzende Hungeraugen. Ich rezitierte manchmal Gedichte, und er sah mich an wie einen Verrückten.

Plötzlich fing er an, verzweifelt mit der Hacke auf den Stein des Grabens zu schlagen. Die Hacke war schwer. Chwostow schlug mit aller Wucht, schlug fast ohne Pause. Ich staunte über diese Kraft. Wir waren schon lange zusammen, hungerten schon lange. Dann fiel die Hacke klirrend hin. Ich sah mich um. Chwostow stand, die Beine gespreizt, und schwankte. Seine Knie knickten ein. Er schwankte und fiel aufs Gesicht. Er streckte die Hände weit vor – in den Handschuhen, die er jeden Abend selbst stopfte. Die Arme schauten heraus – beide Unterarme waren tätowiert. Pawel Michajlowitsch war Kapitän auf großer Fahrt.

Roman Romanowitsch Romanow starb vor meinen Augen. Irgendwann war er bei uns etwas wie Kompaniechef gewesen: er gab die Päckchen aus, sorgte für Sauberkeit in der Lagerzone, kurz, er war in einer privilegierten Stellung, von der niemand von uns, Artikel-58er oder »litjorki«, wie die Ganoven sagten, oder »literniki«, wie die obersten Lagerfunktionäre dieses Wort aussprachen, auch nur träumen konnte. Der Gipfel unserer Träume war die Arbeit als Wäscher im Badehaus oder Reparaturschneider in Nachtschicht. Alles andere als den Stein verboten uns die Moskauer »Sonderanweisungen«. Das entsprechende Papier gehörte zur Akte eines jeden von uns. Aber Roman Romanowitsch saß auf einem solchen unerreichbaren Posten. Und hatte sich sogar schnell seine Geheimnisse erschlossen: wie man eine Päckchenkiste so öffnet, dass der Zucker auf den Boden rieselt. Wie man ein Glas Konfitüre zerschlägt, Zwieback und Trockenfrüchte unter die Liegebank rollen lässt. All das hatte Roman Romanowitsch schnell gelernt, und mit uns pflegte er keine Bekanntschaft. Er war streng offiziell und gab sich als höflicher Vertreter jener hohen Leitung, zu der wir keinen persönlichen Kontakt haben konnten. Er riet uns niemals irgendetwas. Er erklärte nur: Brief kann man einen schicken pro Monat, Päckchen werden von 8 bis 10 Uhr abends in der Lagerkommandantur ausgegeben und dergleichen. Wir beneideten Roman Romanowitsch nicht, wir wunderten uns nur. Offensichtlich hatte hier eine zufällige persönliche Bekanntschaft von Romanow eine Rolle gespielt. Übrigens war er nicht lange Kompaniechef, nur etwa zwei Monate. Ob die übliche Überprüfung des Personals (von Zeit zu Zeit, und zu Neujahr obligatorisch werden solche Überprüfungen durchgeführt) stattgefunden oder jemand »gepfiffen« hatte, um einen bildhaften Lagerausdruck zu verwenden. Aber Roman Romanowitsch verschwand. Er war ein Militär, offenbar Oberst. Und dann vier Jahre später kam ich in die »Vitamin-Außenstelle«, wo die Nadeln des Krummholzes gesammelt wurden, der einzig immergrünen Pflanze hier. Diese Nadeln fuhr man über viele hundert Werst in ein Vitaminkombinat. Dort wurden sie gekocht, und die Nadeln verwandelten sich in ein zähes braunes Gemisch von unerträglichem Geruch und Geschmack. Es wurde in Fässer gefüllt und über die Lager verteilt. Die damalige örtliche Medizin hielt es für das wichtigste erschwingliche und unverzichtbare Mittel gegen Skorbut. Der Skorbut grassierte, noch dazu in Verbindung mit der Pellagra und anderen Avitaminosen. Aber alle, die auch nur einen Tropfen dieser schrecklichen Arznei hatten schlucken müssen, wollten lieber sterben, als sich mit solchem Teufelszeug behandeln lassen. Doch es gab Befehle, und Befehl ist Befehl, so dass in den Lagern keine Nahrung ausgegeben wurde, ehe die Arzneiportion nicht geschluckt war. Der Diensthabende stand mit einer winzigen Kelle bereit. Beim Betreten der Kantine konnte man dem Krummholzverteiler nicht entgehen, und so wurde das, was der Häftling besonders schätzte – das Mittagessen, die Nahrung –, unwiederbringlich verdorben durch diese vorbereitende verpflichtende Ladung. So ging es mehr als zehn Jahre … Kundigere Ärzte staunten – wie kann in dieser zähen Schmiere das Vitamin C erhalten bleiben, das so empfindlich ist gegen jede Temperaturveränderung? Diese Behandlung brachte keinerlei Nutzen, aber der Extrakt wurde weiter ausgegeben. Ganz in der Nähe, bei allen Siedlungen, gab es sehr viele Hagebutten. Aber die Hagebutten zu sammeln konnte sich niemand entschließen – von ihnen war in der Order nicht die Rede. Und erst lange nach dem Krieg, es war wohl 1952, gab es, wieder im Namen der örtlichen Medizin, einen Brief, der die Ausgabe des Krummholzextrakts als nierenzerstörend kategorisch untersagte. Das Vitaminkombinat wurde geschlossen. Aber zu der Zeit, als ich Romanow traf, wurde Krummholz gesammelt, was das Zeug hält. Gesammelt wurde es von den »dochodjagi« – der Bergwerkschlacke, dem Auswurf der Goldgruben –, von Halbinvaliden, chronisch Hungernden. Die Goldgruben machten aus gesunden Menschen in drei Wochen Invaliden: der Hunger, der Schlafmangel, die vielstündige schwere Arbeit, die Schläge … Die Brigade nahm Neue auf, und der Moloch kaute … Am Ende der Saison war in der Brigade Iwanow niemand mehr übrig als der Brigadier Iwanow. Der Rest war im Krankenhaus, »am Hügel« und auf »Vitamin«außenstellen, wo es einmal am Tag zu essen gab und man mehr als 600 Gramm Brot pro Tag nicht bekommen konnte. Romanow und ich arbeiteten in jenem Herbst nicht beim Nadelnsammeln. Wir arbeiteten auf dem »Bau«. Wir bauten uns ein Haus für den Winter – im Sommer lebten wir in zerrissenen Zelten.

Mit Schritten wurde die Fläche abgemessen, kleine Pfähle aufgestellt, und wir rammten einen groben zweireihigen Zaun in den Boden. Der Zwischenraum wurde mit gefrorenen Moos- und Torfstücken gefüllt. Innen gab es Stangenpritschen, einstöckige. In der Mitte stand ein eiserner Ofen. Für jede Nacht gab man uns eine Portion Holz, die empirisch errechnet war. Allerdings hatten wir weder Säge noch Axt – diese scharfen Werkzeuge wurden bei den Wachsoldaten aufbewahrt, die in einem eigenen geheizten und mit Sperrholz verkleideten Zelt schliefen. Sägen und Äxte wurden nur morgens beim Ausrücken ausgegeben. In der benachbarten »Vitamin«außenstelle hatten nämlich einige Kriminelle einen Brigadier überfallen. Die Ganoven neigen sehr zur Theatralik und tragen sie auf eine Weise ins Leben, dass Jewreinow sie beneiden würde. Es war beschlossen, den Brigadier umzubringen, und der Vorschlag eines der Ganoven – dem Brigadier den Kopf abzusägen – wurde begeistert aufgenommen. Der Kopf wurde mit einer gewöhnlichen Quersäge abgesägt. Und darum verbot eine Order, den Häftlingen über Nacht Äxte und Sägen zu überlassen. Warum über Nacht? Aber in den Ordern suchte man niemals nach Logik.

Wie sollte man das Holz zerkleinern, damit die Scheite in den Ofen passten? Dünnere Scheite wurden mit den Füßen durchgebrochen, und die dicken wurden mit dem dünnen Ende voraus in die Öffnung des brennenden Ofens geschoben und brannten allmählich ab. Irgendjemand schob sie mit dem Fuß tiefer – es war immer jemand zum Aufpassen da. Dieses Licht aus der offenen Ofentür war auch das einzige Licht in unserem Haus. Bis Schnee fiel, wurde das Haus vollkommen durchgeblasen, doch wir schichteten Schnee um die Wände herum, übergossen ihn mit Wasser – und unsere Winterhütte war fertig. Die Tür wurde mit einem Fetzen Planenstoff verhängt.

Und hier, in diesem Schuppen, traf ich Roman Romanowitsch. Er erkannte mich nicht. Gekleidet war er als »Feuer«, wie die Ganoven – immer treffend – sagen, Wattefetzen standen von der Weste, den Hosen, der Mütze ab. Nicht wenige Male hatte Roman Romanowitsch wohl »nach einem Kohlestückchen« laufen müssen, um einem Ganoven die Papirossa anzustecken … Seine Augen glänzten im Hungerglanz, und seine Wangen waren rosig wie früher, aber glichen nicht mehr Luftballons, sondern spannten über den Backenknochen. Roman Romanowitsch lag in der Ecke und zog geräuschvoll die Luft ein. Sein Kinn hob und senkte sich.

»Es geht zu Ende«, sagte Denissow, sein Nachbar. »Er hat gute Fußlappen.« Und geschickt zog Denissow die burki von den Füßen des Sterbenden und wickelte seine festen grünen Fußlappen aus Deckenstoff ab. »… So«, sagte er und sah mich drohend an. Aber mir war es egal.

Romanows Leiche wurde herausgetragen, als wir vor dem Ausrücken antraten. Seine Mütze war auch nicht mehr da. Die Schöße der aufgeknöpften Steppjacke schleiften über die Erde.

Ist Wolodja Dobrowolzew tot, der Pointist? Pointist – ist das eine Arbeit oder eine Nationalität? Das war eine Arbeit, die in den Baracken der Artikel-58er Neid weckte. Getrennte Baracken für die Politischen in einem allgemeinen Lager, in dem es Baracken für die »bytowiki« und die Gewohnheitsverbrecher gab, hinter einem gemeinsamen Zaun, waren natürlich ein juristischer Hohn. Vor Überfällen des Gesindels und blutigen Abrechnungen unter Ganoven hat das niemanden geschützt.

Der Point ist ein Eisenrohr mit heißem Dampf. Dieser heiße Dampf erwärmt das Gestein, das gefrorene Geröll; von Zeit zu Zeit holt der Arbeiter den erwärmten Stein mit einem Metalllöffel von der Größe einer menschlichen Hand und einem drei Meter langem Stiel heraus.

Die Arbeit gilt als qualifiziert, denn der Pointist öffnet und schließt die Hähne mit dem heißen Dampf, der aus einer Bude durch die Rohre läuft, aus einem Boiler – einer primitiven Dampfvorrichtung. Am Boiler zu stehen ist noch besser als Pointist. Nicht jeder Maschineningenieur mit Artikel 58 kann von einer solchen Arbeit träumen. Und nicht darum, weil das eine Qualifikation war. Es war reiner Zufall, dass von Tausenden Leuten Wolodja diese Arbeit bekam. Aber das verwandelte ihn. Er brauchte nicht daran zu denken, wie er sich wärmen soll – der ewige Gedanke … Die eisige Kälte durchdrang nicht sein ganzes Wesen, hielt die Arbeit seines Hirns nicht an. Das heiße Rohr rettete ihn. Und darum beneideten Dobrowolzew auch alle.

Es wurde geredet, dass er nicht ohne Grund Pointist wurde – das ist der sichere Beweis, dass er ein Zuträger ist, ein Spion … Natürlich, die Ganoven sagten immer – wenn du im Lager als Sanitäter gearbeitet hast, heißt das, du hast Arbeiterblut getrunken, und man wusste, was solche Urteile wert waren: Neid ist ein schlechter Ratgeber. Wolodja war in unseren Augen gleich maßlos gewachsen, als hätte sich unter uns ein hervorragender Geiger gefunden. Und dass Dobrowolzew – das erforderten die Betriebsverhältnisse – allein wegging und beim Verlassen des Lagers durch die Wache das Wachfensterchen öffnete und seine Nummer »fünfundzwanzig« mit so freudiger, lauter Stimme hineinrief – daran waren wir längst nicht mehr gewöhnt.

Manchmal arbeitete er in der Nähe unserer Grube. Und weil wir ihn kannten, liefen wir der Reihe nach hin, uns am Rohr zu wärmen. Das Rohr hatte etwa anderthalb Zoll im Durchmesser, man konnte es mit der Hand umfassen, in der Faust halten, und die Wärme ergoss sich fühlbar von der Hand in den Körper, und wir hatten nicht die Kraft, uns loszureißen, um in die Grube, in den Frost zurückzukehren …

Wolodja vertrieb uns nicht wie die anderen Pointisten. Niemals sagte er uns ein Wort, obwohl ich weiß, dass es den Pointisten verboten war, unsereins zum Aufwärmen an die Rohre zu lassen. Er stand aufrecht, in dichte weiße Dampfwolken gehüllt. Seine Kleidung war vereist. Jede Fluse an der Steppjacke funkelte wie eine Kristallnadel. Er sprach niemals mit uns – der Wert dieser Arbeit war offenbar doch zu groß.

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Am Weihnachtsabend dieses Jahres saßen wir am Ofen. Seine Eisenwände waren aus Anlass des Festtags röter als gewöhnlich. Der Mensch spürt den Temperaturunterschied sofort. Und wir, die wir hinter dem Ofen saßen, überließen uns der Träumerei, der Poesie.

»Wie schön wäre es, Freunde, wenn wir nach Hause fahren könnten. Denn es geschehen doch Wunder …«, sagte der Pferdetreiber Glebow, ein ehemaliger Professor für Philosophie und in unserer Baracke dafür bekannt, dass er vor einem Monat den Namen seiner Frau vergessen hatte. »Aber bitte, nur die Wahrheit.«

»Nach Hause?«

»Ja.«

»Ich sage die Wahrheit«, antwortete ich. »Lieber ins Gefängnis. Das ist kein Scherz. Ich möchte jetzt nicht zurück zu meiner Familie. Dort wird man mich niemals verstehen, verstehen können. Das, was ihnen wichtig erscheint – ich weiß, dass es eine Nichtigkeit ist. Das, was mir wichtig ist – das wenige, das mir geblieben ist –, vermögen sie weder zu verstehen noch nachzufühlen. Ich bringe ihnen neue Angst, eine weitere Angst zu den tausend Ängsten, die ihr Leben erfüllen. Das, was ich gesehen habe – soll ein Mensch nicht sehen und nicht einmal wissen. Das Gefängnis ist etwas anderes. Das Gefängnis ist Freiheit. Es ist der einzige Ort, den ich kenne, wo die Menschen ohne Angst alles aussprachen, was sie dachten. Wo sie sich innerlich erholten. Körperlich erholten, weil sie nicht arbeiteten. Dort war jede Stunde des Daseins sinnvoll.«

»Du erzählst uns ja was«, sagte der ehemalige Philosophieprofessor. »Und das nur, weil sie dich während der Untersuchung nicht geschlagen haben. Wer Methode Nummer drei erlebt hat, der ist anderer Meinung …«

»Und du, Pjotr Iwanytsch, was sagst du?«

Pjotr Iwanowitsch Timofejew, ehemaliger Trust-Direktor im Ural, lächelte und blinzelte Glebow zu.

»Ich würde nach Hause zurückkehren, zu meiner Frau, zu Agnija Michajlowna. Ich würde einen Laib Roggenbrot kaufen! Ich würde Grütze kochen aus Magara – einen ganzen Eimer! Quarkklößchen-Suppe – auch einen Eimer! Und das würde ich alles essen. Zum ersten Mal im Leben würde ich mich sattessen an all dem Guten, und die Reste müsste Agnija Michajlowna aufessen.«

»Und du«, wandte sich Glebow an Swonkow, den Hauer unserer Brigade und in seinem ersten Leben Bauer aus dem Gebiet Jaroslawl oder Kostroma.

»Nach Hause«, antwortete ernst, ohne Lächeln, Swonkow. »Ich glaube, ich würde sofort hingehen und keinen Schritt von meiner Frau weichen. Wohin sie geht, ich gehe mit, wohin sie geht, ich gehe mit. Nur die Arbeit haben sie mir abgewöhnt – ich habe die Liebe zum Land verloren. Aber irgendwo werde ich schon unterkommen …«

»Und du?«, Glebows Hand berührte das Knie unseres Barackendienstes.

»Als allererstes würde ich ins Partei-Kreiskomitee gehen. Dort lagen immer Kippen auf dem Fußboden – in rauen Mengen …«

»Mach keine Witze …«

»Ich mache keine Witze.«

Plötzlich sah ich, dass nur noch einer antworten musste. Dieser eine war Wolodja Dobrowolzew. Er hob den Kopf, ohne die Frage abzuwarten. Das Licht der glühenden Kohlen aus der offenen Ofentür fiel in seine Augen – die Augen waren lebendig, tief.

»Und ich«, und seine Stimme war ruhig und bedächtig, »wäre gern ein Klotz. Ein menschlicher Klotz, versteht ihr, ohne Arme, ohne Beine. Dann würde ich in mir die Kraft finden, ihnen in die Fresse zu spucken für alles, was sie mit uns machen.«

<1960>

Wie alles begann

Wie alles begann? An welchem Tag im Winter drehte der Wind, und alles wurde allzu schrecklich? Im Herbst waren wir noch bei der Arb …

Wie alles begann? Die Brigade Kljujew wurde bei der Arbeit festgehalten. Ein unerhörter Fall. Die Grube war durch Begleitposten abgesperrt. Die Grube – das war Tagebau, ein riesiger Krater, um dessen Rand die Begleitposten standen. Und darin krabbelten Menschen herum, eilig und einander antreibend. Die einen insgeheim beunruhigt, die anderen – in dem festen Glauben, dass dieser Tag ein Zufall, dieser Abend ein Zufall ist. Wenn der Tag graut, der Morgen kommt – wird sich alles lichten, alles klären, und das Leben wird so sein wie im Lager, aber wie bisher. Festgehalten bei der Arbeit. Wozu? Bis der Tagesauftrag erfüllt ist. Leise winselndes Gestöber, feiner trockener Schnee schlug an die Wangen wie Sand. In den dreieckigen Strahlen der »Jupiter«-Scheinwerfer, die die nächtlichen Gruben ausleuchteten, kreiselte der Schnee wie Staubkörnchen im Sonnenstrahl, er glich den Staubkörnchen im Sonnenstrahl vor der Tür der väterlichen Scheune. Nur war in der Kindheit alles klein, warm, lebendig. Hier war alles riesig, kalt und böse. Die Holzkörbe quietschten, in denen man das Erdreich zu den Halden karrte. Vier Mann ergriffen den Korb, schoben, zogen, rollten, stießen, zerrten den Korb an den Rand der Halde, wendeten und kippten ihn und schütteten den gefrorenen Stein auf den Abhang. Die Steine rollten leise nach unten. Da ist Krupjanskij, da Nejman, da der Brigadier Kljujew selbst. Alle beeilen sich, doch die Arbeit nimmt kein Ende. Es war schon gegen elf Uhr nachts, und das Signal war um fünf gewesen, die Bergwerksirene hatte um fünf geheult, um fünf gewinselt, als die Brigade »nach Hause« entlassen wurde. »Nach Hause« – in die Baracke. Und morgen um fünf Uhr früh – Wecken und ein neuer Arbeitstag, und ein neuer Tagesplan. Unsere Brigade und Kljujews lösten sich in dieser Grube ab. Heute wurden wir zur Arbeit in die Nachbargrube geschickt, und erst um zwölf Uhr nachts lösten wir die Brigade Kljujew ab.

Wie alles begann? Im Bergwerk kamen plötzlich viele, sehr viele »Soldaten« an. Zwei neue Baracken, Holzbarakken, die die Gefangenen für sich gebaut hatten, wurden an die Wache übergeben. Wir blieben den Winter über in Zelten – zerrissenen Planenzelten, nach den Sprengungen im Bergwerk von Steinen durchschlagen. Die Zelte waren winterfest gemacht: wir hatten Pfähle in die Erde gerammt und auf die Latten Teerpappe aufgezogen. Zwischen Zelt und Teerpappe – eine Schicht Luft. Im Winter, hieß es, füllt ihr Schnee hinein. Aber all das war später. Unsere Baracken wurden an die Wache übergeben – das ist der Kern des Ereignisses. Der Wache gefielen die Baracken nicht, denn die Baracken waren aus feuchtem Holz – die Lärche ist ein tückischer Baum, sie mag die Menschen nicht, und Wände, Böden und Decken trocknen den ganzen Winter lang nicht. Das war allen im Voraus klar – denen, auf deren Buckel die Baracken getrocknet werden sollten, und denen, die zufällig an die Baracken kamen. Die Wache nahm ihr Unglück als voraussehbare Härte des Nordens.

Was braucht das Bergwerk »Partisan« eine Wache? Ein kleines Bergwerk, 1937 hatte es nur zwei-, dreitausend Häftlinge. Die Nachbarn von »Partisan« – das Bergwerk »Schturmowoj« und Bersino (das künftige Werchnij At-Urjach) – waren Städte mit einer Bevölkerung von zwölf-, vierzehntausend Häftlingen. Selbstverständlich, die Todesstrudel von 1938 haben diese Ziffern wesentlich verändert. Aber all das war später. Wozu braucht es heute eine Wache im »Partisan«? 1937 gab es im Bergwerk »Partisan« einen einzigen ständigen, mit einem Revolver bewaffneten Soldaten, der mühelos für Ordnung sorgte im demütigen Reich der Trotzkisten. Die Ganoven? Der Wachhabende drückte ein Auge zu bei den lieben Gaunerstreichen der Ganoven, bei ihren Raubzügen und Gastspielen – und in besonders brisanten Fällen hielt er sich diplomatisch fern. Alles war »friedlich«. Und jetzt plötzlich zahllose Begleitposten. Wozu?

Plötzlich wurde eine ganze Brigade von Arbeitsverweigerern weggefahren, von »Trotzkisten«; zu jenen Zeiten nannte man sie übrigens nicht Verweigerer, sondern wesentlich milder »Nichtarbeitende«. Sie lebten in einer eigenen Baracke mitten in der Siedlung, einer nichtumzäunten Häftlingssiedlung, die damals auch keinen so schrecklichen Namen hatte wie in Zukunft, einer sehr nahen Zukunft, die »Zone«. Die »Trotzkisten« erhielten auf gesetzlicher Grundlage 600 Gramm Brot am Tag und das warme Essen und arbeiteten ganz offiziell nicht. Jeder Häftling konnte sich ihnen anschließen, in die Nichtarbeiter-Baracke wechseln. Im Herbst siebenunddreißig lebten in dieser Baracke fünfundsiebzig Mann. Sie alle verschwanden ganz plötzlich, der Wind klapperte mit der unverschlossenen Tür, und innen war unbewohnte schwarze Leere.

Plötzlich zeigte sich, dass die staatliche Zuteilung, die Brotration nicht ausreicht, dass der Hunger groß ist, aber man nichts kaufen und von den Kameraden nichts erbitten kann. Um Hering, ein Stück Hering kann man einen Kameraden noch bitten, aber um Brot? Plötzlich bot einem niemand mehr etwas an, alle aßen oder kauten verstohlen etwas, schnell, im Dunkeln, in den eigenen Taschen nach Brotkrümeln tastend. Das Suchen nach diesen Krümeln wurde zur fast automatischen Beschäftigung in jeder freien Minute. Aber freie Minuten gab es immer weniger. In der Schusterwerkstatt hatte immer ein riesiges Fass Fischtran gestanden. Das Fass war halb mannshoch, und wer wollte, tauchte einen schmutzigen Lappen in dieses Fass und rieb sich damit die Schuhe ein. Erst nach einiger Zeit kam ich darauf, dass der Fischtran Fett, Öl, Nahrung ist, dass man diese Schuhwichs essen kann – diese Erleuchtung war wie das Heureka des Archimedes. Ich stürzte, das heißt schleppte mich in die Werkstatt. Leider stand das Fass schon längst nicht mehr in der Werkstatt, andere Leute waren schon denselben Weg gegangen, den ich gerade antreten wollte.

Ins Bergwerk wurden Hunde gebracht, deutsche Schäferhunde. Hunde?

Wie alles begann? Für November wurde den Schürfarbeitern kein Geld gezahlt. Ich erinnere mich, wie in den ersten Tagen der Arbeit im Bergwerk, im August und September, der Bergwerksinspektor – diese Bezeichnung hatte sich wohl seit Nekrassows Zeiten erhalten – bei uns, den Arbeitern, stehenblieb und sagte: »Das ist schlecht, Jungs, schlecht. Wenn ihr so arbeitet, werdet ihr nichts nach Hause zu schicken haben.« Ein Monat verging, und es stellte sich heraus, dass jeder irgendein Einkommen hatte. Die einen schickten per Postüberweisung Geld nach Hause und beruhigten ihre Familien. Die anderen kauften für dieses Geld im Lagergeschäft, im Lädchen, Papirossy, Milchkonserven und Weißbrot … Mit all dem war es auf einmal, plötzlich vorbei. Wie der Wind verbreitete sich das Gerücht, die »Latrinenparole«, es würde kein Geld mehr gezahlt. Wie alle »Latrinenparolen« im Lager, bestätigte sich auch diese »Latrinenparole« vollkommen. Abgerechnet wird künftig nur noch in Verpflegung. Überwachen werden die Erfüllung des Plans neben den Lagermitarbeitern, sie sind Legion, und neben der um ein Mehrfaches erweiterten Produktionsleitung – eine bewaffnete Lagerwache, Soldaten.

Wie alles begann? Einige Tage hatte ein Schneesturm getobt, die Straßen waren eingeschneit und der Bergpass geschlossen. Schon am ersten Tag, als der Schneefall vorüber war – während des Sturms hatten wir zu Hause gesessen –, führte man uns nach der Arbeit nicht »nach Hause«. Von Begleitposten eingeschlossen, liefen wir ruhig in ungeordneten Häftlingsreihen, liefen mehrere Stunden über unbekannte Pfade zum Bergpass, bergauf, immer bergauf – die Müdigkeit, der steile Aufstieg, die dünne Luft, der Hunger, die Erbitterung, all das bremste uns. Die Anschnauzer der Begleitposten peitschten uns vorwärts. Es herrschte schon völlige Dunkelheit, eine sternenlose Nacht, als wir den Schein zahlreicher Feuer an den Wegen um den Pass bemerkten. Je tiefer die Nacht wurde, umso heller brannten die Feuer, brannten mit der Flamme der Hoffnung, der Hoffnung auf Erholung und Essen. Nein, diese Feuer hatte man nicht für uns gemacht. Die Feuer waren für die Begleitposten. Eine Menge Feuer bei vierzig, fünfzig Grad Frost. Über drei Dutzend Werst schlängelten sich die Feuer. Und irgendwo unten in den Schneekratern standen Menschen mit Schaufeln und legten die Straße frei. Die Schneewände des schmalen Grabens waren fünf Meter hoch. Der Schnee wurde terrassenartig von unten nach oben geschaufelt, zwei-, dreimal weitergeschaufelt. Als alle Leute an ihrem Platz und von den Begleitposten – der Schlangenlinie der Feuer – umstellt waren, überließ man die Arbeiter sich selbst. Ob die zweitausend Mann überhaupt nicht arbeiteten oder schlecht arbeiteten oder arbeiteten wie toll, interessierte keinen. Der Pass musste freigelegt werden, und ehe er nicht freigelegt ist – rührt sich keiner vom Fleck. Wir standen viele Stunden in diesem Schneegraben und schwenkten die Schaufeln, um nicht zu erfrieren. In dieser Nacht verstand ich eine seltsame Sache, machte ich eine Beobachtung, die sich später viele Male bestätigte. Schwer, quälend schwer und hart ist die zehnte, die elfte Stunde einer solchen zusätzlichen Arbeit – danach nimmst du die Zeit nicht mehr wahr, und eine Große Gleichgültigkeit ergreift dich, die Stunden vergehen wie Minuten, schneller noch als Minuten. Zurück »nach Hause« kamen wir nach mehr als dreiundzwanzig Stunden Arbeit – wir hatten gar keinen Hunger, und die angesammelte Nahrung eines ganzen Tages aßen alle ungewöhnlich faul. Mit Mühe gelang es uns einzuschlafen.

Drei Todesstrudel kreuzten sich und tobten durch die verschneiten Gruben der Goldbergwerke der Kolyma des Winters 37/38. Der erste Strudel war die »Bersin-Affäre«. Der Direktor des Dalstroj, der Begründer der Lager an der Kolyma Eduard Bersin wurde Ende siebenunddreißig als japanischer Spion erschossen. Nach Moskau gerufen und erschossen. Mit ihm zusammen kamen seine engsten Gehilfen um – Filippow, Majsuradse, Jegorow, Waskow, Zwirko – die ganze Garde der Wischera-Leute, die 1932 gemeinsam mit Bersin zur Kolonisierung der Kolyma-Region gekommen war. Iwan Gawrilowitsch Filippow war Chef des USWITL und Stellvertreter Bersins im Lager. Als alter Tschekist, Mitglied des Kollegiums der OGPU, war Filippow ehemals Vorsitzender der »Entlastungstrojka« auf den Solowezker Inseln. Es gibt einen Dokumentarfilm »Solowki« aus den zwanziger Jahren. Und in diesem Film wird Iwan Gawrilowitsch in seiner damaligen Hauptrolle gezeigt. Filippow starb im Gefängnis von Magadan – sein Herz versagte.

Das »Waskow-Haus« – so hieß und heißt bis zum heutigen Tag das Gefängnis von Magadan, das Anfang der dreißiger Jahre gebaut wurde; später wurde aus dem hölzernen ein Steingefängnis, doch es behielt seinen ausdrucksvollen Namen, den Namen des Chefs, Waskow. An der Wischera hatte Waskow – ein alleinstehender Mann – die freien Tage immer gleich verbracht: er setzte sich auf eine Bank im Garten oder dem Gehölz, das den Garten ersetzte, und schoss den ganzen Tag aus einem Kleinkalibergewehr ins Laub. Aleksej Jegorow – der »fuchsrote Ljoschka«, wie man ihn an der Wischera nannte, war an der Kolyma Chef der Produktionsverwaltung, die offenbar mehrere Goldbergwerke der Südlichen Verwaltung zusammenfasste. Zwirko war Chef der Nördlichen Verwaltung, zu der auch das Bergwerk »Partisan« gehörte. 1929 war Zwirko Chef der Grenzwache gewesen und hatte Urlaub in Moskau gemacht. Nach einem Gelage im Restaurant schoss Zwirko hier auf die Quadriga des Apollo über dem Eingang des Bolschoj Theaters – und landete in der Gefängniszelle. Litzen und Knöpfe wurden von seiner Kleidung abgetrennt. In einer Häftlingsetappe kam Zwirko im Frühjahr 1929 an die Wischera und büßte dort die vorgesehenen drei Jahre ab. Mit der Ankunft Bersins an der Wischera Ende 1929 ging es mit Zwirkos Karriere schnell bergauf. Noch als Häftling wurde Zwirko Chef der Außenstelle »Parma«. Bersin hatte einen Narren an ihm gefressen und nahm ihn mit an die Kolyma. Erschossen wurde Zwirko, heißt es, in Magadan. Majsuradse war Chef der URO, er hatte wegen »Schüren nationalen Zwistes« gesessen, wurde noch an der Wischera freigelassen und war gleichfalls ein Favorit Bersins. Verhaftet wurde er in Moskau, im Urlaub, und sofort erschossen.

All diese Toten sind Leute aus Bersins nächster Umgebung. In der »Bersin-Affäre« wurden viele Tausende Menschen, Freie und Häftlinge, verhaftet und erschossen oder mit »Haftstrafen« bedacht – Chefs von Bergwerken und Lagerabteilungen, Propagandisten und Sekretäre der Parteikomitees, Vorarbeiter und Einsatzleiter, Älteste und Brigadiere … Wie viel tausend Jahre Lager- und Gefängnis»haft« wurden gegeben? Wer weiß …

Im stickigen Rauch der Provokationen wirkte die Kolyma-Ausgabe der sensationellen Moskauer Prozesse durchaus respektabel.

Der zweite Strudel, der das Land an der Kolyma erschütterte, waren die endlosen Erschießungen im Lager, die sogenannte »Garaninschtschina«. Eine Abrechnung mit den »Volksfeinden«, eine Abrechnung mit den »Trotzkisten«.

Monatelang wurden Tag und Nacht bei den Morgen- und Abendkontrollen zahllose Erschießungsbefehle verlesen. Bei fünfzig Grad Frost spielten Musiker, Häftlinge aus der Gruppe der bytowiki, vor und nach der Verlesung jedes Befehls einen Tusch. Die rauchenden Benzinfackeln drangen nicht durch die Dunkelheit und lenkten Hunderte Augen auf die bereiften dünnen Papierblättchen, auf denen in Maschinenschrift solche schrecklichen Worte standen. Und gleichzeitig war es, als wäre nicht von uns die Rede. Alles war wie fremd, zu schrecklich, um real zu sein. Aber der Tusch existierte, er schmetterte. Die Musiker erfroren sich die Lippen an den Mundstücken der Flöten, der silbernen Helikontuben, der Ventilkornetts. Das Zigarettenpapier überzog sich mit Reif, und irgendein Natschalnik streifte, wenn er den Befehl verlas, die Schneeflocken mit dem Ärmel vom Blatt, um den nächsten Namen eines Erschossenen zu entziffern und aufzurufen. Alle Listen endeten gleich: »Das Urteil wurde vollstreckt. Der Leiter der USWITL Oberst Garanin.«

Ich habe Garanin an die fünfzig Mal gesehen. Vielleicht fünfundvierzig Jahre alt, breitschultrig, dickbäuchig, mit Halbglatze, mit dunklen, flinken Augen, war er in seinem SIS-110 Tag und Nacht in den Bergwerken des Nordens unterwegs. Später hieß es, er habe persönlich Menschen erschossen. Persönlich hat er niemanden erschossen – er unterschrieb nur die Befehle. Garanin war Vorsitzender der Erschießungstrojka. Die Befehle wurden Tag und Nacht verlesen: »Das Urteil wurde vollstreckt. Der Leiter der USWITL Oberst Garanin.« Nach der Stalinschen Tradition jener Jahre musste Garanin bald sterben. Und tatsächlich wurde er gefasst, verhaftet, als japanischer Spion verurteilt und in Magadan erschossen.

Kein einziges der zahlreichen Urteile aus Garanins Zeiten wurde jemals von irgendjemandem aufgehoben. Garanin ist einer der zahlreichen Henker Stalins, der zur rechten Zeit von einem anderen Henker umgebracht wurde.

Eine »Tarn«-Legende wurde in die Welt gesetzt, um seine Verhaftung und seinen Tod zu erklären. Angeblich wurde der echte Garanin auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle von einem japanischen Spion getötet, und entlarvt hat diesen die Schwester Garanins, die ihren Bruder besuchen wollte.

Die Legende ist eines von Hunderttausenden Märchen, mit denen die Stalinzeit den Leuten Ohren und Hirn verstopfte.

Und weswegen ließ Oberst Garanin erschießen? Weswegen töten? »Wegen konterrevolutionärer Agitation« – so nannte sich die eine Abteilung der Garaninschen Erschießungen. Was im Jahr 1937, in Freiheit, als »konterrevolutionäre Agitation« gelten kann, muss man niemandem erzählen. Hast du einen russischen Roman aus dem Ausland gelobt – zehn Jahre »asa«. Hast du gesagt, dass die Schlangen nach flüssiger Seife viel zu lang sind – fünf Jahre »asa«. Und nach russischer Gewohnheit, der Natur des russischen Charakters entsprechend freut sich jeder, der fünf Jahre bekommt, dass es nicht zehn sind. Wenn er zehn bekommt, ist er froh, dass es nicht fünfundzwanzig sind, und wenn er fünfundzwanzig bekommt, tanzt er vor Freude, dass er nicht erschossen wird.

Im Lager existiert diese Stufung – fünf, zehn, fünfzehn – nicht. Laut zu sagen, dass die Arbeit schwer ist, reicht schon aus für die Erschießung. Wegen jeder noch so unschuldigen Bemerkung über Stalin – Erschießung. Bei Hurrarufen auf Stalin zu schweigen – ist auch schon ausreichend für die Erschießung. Schweigen ist Agitation, das ist längst bekannt. Die Listen der künftigen, der Toten von morgen wurden in jedem Bergwerk von den Untersuchungsführern aus den Denunziationen zusammengestellt, aus den Berichten der eigenen »Zuträger«, der Informanten, und der zahlreichen Freiwilligen, der Orchestranten des bekannten Lagerorchester-Oktetts – »sieben blasen, einer pfeift« –, die Sprichwörter der Ganovenwelt sind aphoristisch. Aber ein »Fall« selbst existierte gar nicht. Es wurde auch keinerlei Untersuchung geführt. Den Tod brachten die Protokolle der »Trojka« – einer bekannten Einrichtung der Stalinzeit.

Und obwohl man damals noch keine Lochkarten kannte, versuchten die Lagerstatistiker sich die Arbeit zu erleichtern, indem sie die »Formulare« mit besonderen Markierungen versahen. Ein Formular mit blauem diagonalen Streifen hatten die Lagerakten der Trotzkisten. Grüne (oder lila?) Streifen hatten die Gewohnheitsverbrecher – gemeint waren politische Gewohnheitsverbrecher. Registratur ist Registratur. Mit dem eigenen Blut eines jeden kann man dessen Formular nicht färben.

Weswegen wurde noch erschossen? »Wegen Beleidigung des Lager-Begleitpostens«. Was ist das? Hier ging es um verbale Beleidigung, um eine zu wenig ehrerbietige Antwort, um jede »Widerrede« – als Reaktion auf Schläge, Püffe, Stöße. Jede allzu ungenierte Geste des Häftlings beim Reden mit dem Begleitposten galt als »Überfall auf den Begleitposten« …

»Wegen Arbeitsverweigerung«. Sehr viele Menschen kamen um, ohne das Lebensgefährliche ihres Benehmens überhaupt begriffen zu haben. Den kraftlosen Alten, den hungrigen, gequälten Menschen fehlte die Kraft, den Schritt aus dem Tor zu machen beim morgendlichen Ausrücken. Die Verweigerung wurde in Protokollen festgehalten. »Nach der Saison beschuht, gekleidet«. Die Formulare für solche Protokolle wurden auf dem Abziehapparat vervielfältigt, in reichen Bergwerken bestellte man sogar in der Druckerei Formulare, in die man nur den Nachnamen und die Daten: Geburtsjahr, Artikel, Haftdauer eintragen musste … Drei Verweigerungen – und Erschießung. Nach dem Gesetz. Viele Menschen konnten das wichtigste Lagergesetz nicht verstehen – um seinetwillen wurden die Lager ja erfunden –, dass man im Lager die Arbeit nicht verweigern darf, dass die Verweigerung als das ungeheuerlichste Verbrechen gilt, schlimmer als jede Sabotage. Man muss sich, und sei es aus letzter Kraft, an den Arbeitsplatz schleppen. Der Vorarbeiter zeichnet die »Einheit«, die »Arbeitseinheit« ab, und der Betrieb wird die »Annahmeerklärung« geben. Und du bist gerettet. Für heute vor der Erschießung. Und bei der Arbeit brauchst du keineswegs zu arbeiten, und du kannst auch nicht arbeiten. Halte die Qual dieses Tages bis zu Ende aus. Im Betrieb wirst du sehr wenig leisten, aber du bist kein »Verweigerer«. Erschießen können sie dich nicht. Dieses »Recht«, heißt es, hat die Leitung in diesem Fall nicht. Ob so ein »Recht« existiert, weiß ich nicht, aber viele Jahre habe ich viele Male mit mir gekämpft, die Arbeit nicht zu verweigern, wenn ich zum Ausrücken am Tor der Lagerzone stand.

»Wegen Metalldiebstahls«. Alle, bei denen »Metall« gefunden wurde, wurden erschossen. Später wurde ihr Leben geschont, und man gab nur eine zusätzliche Haftstrafe – fünf, zehn Jahre. Eine Unmenge von Goldklumpen sind durch meine Hände gegangen – das Bergwerk »Partisan« war sehr »goldträchtig«, aber das Gold weckte bei mir kein anderes Gefühl als den tiefsten Ekel. Goldklumpen muss man sehen können, sie von Stein zu unterscheiden lernen. Erfahrene Arbeiter brachten den Neulingen dieses wichtige Fertigkeit bei – damit sie das Gold nicht in die Schubkarre werfen, damit der Aufseher an der Waschtrommel nicht schrie: »Hej, ihr, Schlafmützen! Wieder habt ihr Goldklumpen in die Wäsche geworfen.« Für die Goldklumpen wurde den Häftlingen eine Prämie gezahlt – einen Rubel pro Gramm, ab dem einundfünfzigsten Gramm. Eine Waage gab es nicht in der Grube. Ob der von dir gefundene Klumpen vierzig oder sechzig Gramm wiegt – kann nur der Aufseher entscheiden. Höhere Ränge als den Brigadier sprachen wir nicht an. Zurückgewiesene Klumpen fand ich viele, und zur Bezahlung aufgestellt wurde ich zweimal. Der eine Goldklumpen wog sechzig, der andere achtzig Gramm. Selbstverständlich bekam ich keinerlei Geld auf die Hand. Ich bekam nur eine »Stachanow«-Lebensmittelkarte für eine Dekade und vom Vorarbeiter und vom Brigadier je eine Prise Machorka. Das war der Dank.

Die letzte, stärkste »Rubrik«, unter die eine große Zahl von Erschossenen fiel: »Wegen Nichterfüllens der Norm«. Wegen dieses Lagerverbrechens erschoss man ganze Brigaden. Es wurde auch eine theoretische Grundlage gelegt. Im ganzen Land wurde in dieser Zeit der staatliche Plan bis an die Werkbank »herangeführt« – in Fabriken und Werken. An der Häftlings-Kolyma wurde er bis an die Grube, an die Schubkarre, an die Hacke herangeführt. Der staatliche Plan – ist Gesetz! Das Nichterfüllen des staatlichen Plans ist ein konterrevolutionäres Verbrechen. Wer die Norm nicht erfüllt – auf den Mond!

Der dritte Todesstrudel, der mehr Häftlingsleben vernichtete als die beiden ersten zusammengenommen, war das Massensterben – an Hunger, an den Schlägen, an Krankheiten. Bei diesem dritten Strudel spielten die Ganoven, die Kriminellen, die »Volksfreunde« eine große Rolle.

Im ganzen Jahr 1937 starben im Bergwerk »Partisan« mit einem Listenbestand von Zwei-, Dreitausend nur zwei Personen – der eine ein Freier, der andere ein Häftling. Sie wurde nebeneinander am Hügel beerdigt. Auf beiden Gräbern stand eine Art Obelisk – der des Freien höher, der des Häftlings niedriger. 1938 war eine ganze Brigade mit Gräberschaufeln beschäftigt. Der Stein und der Dauerfrostboden wollen die Toten nicht aufnehmen. Man muss bohren, sprengen, das Gestein ausheben. Das Gräberschaufeln und das »Schlagen« von Erkundungsschürfen ähneln sich in den Arbeitsverfahren, den Werkzeugen, dem Material und den »Ausführenden«. Eine ganze Brigade war allein mit Gräberschaufeln beschäftigt, nur Gemeinschafts-, nur »Massengräber« mit namenlosen Toten. Übrigens nicht ganz namenlosen. Gemäß den Instruktionen band der Arbeitsanweiser als Vertreter der Lagerobrigkeit vor dem Beerdigen ein Sperrholzplättchen mit der Nummer der Lagerakte an den linken Knöchel des nackten Toten. Vergraben wurden alle nackt, natürlich! Die – ebenfalls gemäß den Instruktionen – ausgebrochenen Goldzähne wurden in ein spezielles Beerdigungsprotokoll eingetragen. Die Grube mit den Leichen wurde mit Steinen zugeschüttet, aber die Erde nahm die Toten nicht an: ihnen war Unvergänglichkeit bestimmt – im Dauerfrostboden des Hohen Nordens.

Die Ärzte hatten Angst, in den Befunden die wirkliche Todesursache zu schreiben. Sie nannten »Poliavitaminosen«, »Pellagra«, »Ruhr«, »RFI« – beinahe das »Rätsel N.F.I.«, wie bei Andronikow. Dann ist RFI, »extreme physische Auszehrung«, schon ein Schritt in Richtung Wahrheit. Aber solche Diagnosen stellten nur mutige Ärzte, die nicht Häftlinge waren. Die Formel »alimentäre Distrophie« sprachen die Ärzte von der Kolyma erst viel später aus – nach der Leningrader Blockade, während des Kriegs, als man es für möglich hielt, die wahre Todersursache, wenn auch auf Latein, zu nennen. »Das Brennen einer Kerze, die verlöscht, Symptome und die trockne Liste dessen, Was für den Arzt alimentäre Dystrophie, Doch für den Nichtlateiner anders heißt, Auf Russisch – ›Hunger‹«. Diese Verse von Vera Inber habe ich viele Male rezitiert. Um mich herum gab es längst keine Menschen mehr, die Gedichte mochten. Aber diese Verse hatten für jeden Kolyma-Bewohner Klang.

Die Arbeiter wurden von allen geschlagen: dem Barakkendienst, dem Friseur, dem Brigadier, dem Erzieher, dem Aufseher, dem Begleitposten, dem Ältesten, dem Verwalter, dem Arbeitsanweiser – von jedem. Straflosigkeit für Schläge, wie auch Straflosigkeit für Morde demoralisiert, verdirbt die Seelen der Menschen – aller, die das getan, gesehen, gewusst haben … Die Begleitposten waren damals, nach dem weisen Gedanken irgendeiner höheren Leitung, verantwortlich für die Erfüllung des Plans. Darum prügelten forschere Begleitposten den Plan mit dem Gewehrkolben durch. Andere Begleitposten verfuhren noch schlimmer – sie übertrugen diese wichtige Verpflichtung auf die Ganoven, mit denen die Brigaden von Artikel 58 immer durchsetzt wurden. Die Ganoven arbeiteten nicht. Sie sorgten für die Erfüllung des Plans. Sie liefen mit einem Stock durch die Grube, dieser Stock nannte sich »Thermometer«, und verprügelten die demütigen frajer. Sie prügelten auch zu Tode. Die Brigadiere – unsere eigenen Kameraden – versuchten mit allen Mitteln, der Leitung zu zeigen, dass sie, die Brigadiere – mit der Leitung sind, nicht mit den Häftlingen; die Brigadiere versuchten zu vergessen, dass sie – Politische sind. Aber sie waren niemals Politische. Wie im Übrigen auch der gesamte damalige Artikel 58. Die straflose Abrechnung mit Millionen Menschen gelang gerade darum, weil das unschuldige Menschen waren.

Es waren Märtyrer, keine Helden.

1964

Die Handschrift

Spät nachts wurde Krist »hinter den Pferdestützpunkt« gerufen. So hieß im Lager die Hütte, die sich am Rand der Siedlung an die Bergkuppe schmiegte. Dort wohnte der Untersuchungsführer in besonders wichtigen Verfahren, wie man im Lager scherzte, denn es gab im Lager keine nicht besonders wichtigen Verfahren – jedes Vergehen, schon der Anschein eines Vergehens konnte mit dem Tod bestraft werden. Entweder Tod oder vollständiger Freispruch. Wer konnte im Übrigen von seinem vollkommenen Freispruch reden. Auf alles gefasst, gleichgültig gegen alles, lief Krist den schmalen Pfad entlang. Dort im Küchenhäuschen brannte Licht – wahrscheinlich fängt jetzt der Brotschneider an, die Ration für das Frühstück zu schneiden. Für das morgige Frühstück. Wird es für Krist einen morgigen Tag und ein morgiges Frühstück geben? Er wusste das nicht und freute sich über sein Nichtwissen. Krist stieß an etwas, das kein Schnee oder Eisbrocken sein konnte. Krist bückte sich, hob eine gefrorene Kruste auf und begriff sofort, dass das eine Rübenschale, eine vereiste Rübenhaut war. Das Eis taute schon in seinen Händen, und Krist schob sich die Schale in den Mund. Beeilen brauchte er sich offensichtlich nicht. Krist lief den gesamten Pfad entlang, von der letzten Baracke her, ihm war klar, dass er, Krist, diesen langen Schneeweg als erster ging, dass heute vor ihm noch niemand hier gegangen war, um die Siedlung herum zum Untersuchungsführer. Auf dem gesamten Weg lagen, festgefroren am Schnee, wie in Zellophan gewickelte Rübenstückchen. Krist fand ganze zehn – manche größer, manche kleiner. Schon lange hatte Krist keine Menschen mehr gesehen, die Rübenschalen in den Schnee werfen würden. Das hatte kein Häftling getan, sondern natürlich ein Freier. Vielleicht der Untersuchungsführer selbst. Krist kaute und aß all diese Schalen, und in seinem Mund duftete es plötzlich nach etwas längst Vergessenem – nach heimatlicher Erde, nach rohem Gemüse –, und in freudiger Stimmung klopfte Krist an die Tür der Hütte des Untersuchungsführers.

Der Untersuchungsführer war mittelgroß, hager, unrasiert. Hier war nur sein Dienstkabinett und ein Eisenbett, mit einer Soldatendecke bedeckt, und ein zerdrücktes schmutziges Kissen … Der Tisch – ein selbstgebauter Schreibtisch mit schiefen Schubladen, vollgestopft mit Schriftstücken und irgendwelchen Aktendeckeln. Auf dem Fensterbrett ein Zettelkasten. Das Regal ebenfalls überhäuft mit vollgestopften Aktendeckeln. Ein Aschenbecher aus einer halben Konservendose. Eine einfache Uhr am Fenster. Die Uhr zeigte halb elf. Der Untersuchungsführer heizte den eisernen Ofen mit Papier an.

Der Untersuchungsführer war weißhäutig und blass wie alle Untersuchungsführer. Weder Ordonnanz noch Revolver.

»Setzen Sie sich, Krist«, sagte der Untersuchungsführer, er siezte den Häftling, und schob ihm einen alten Schemel hin. Er selbst saß auf einem Stuhl, einem selbstgebauten Stuhl mit hoher Lehne.

»Ich habe Ihre Akte durchgesehen«, sagte der Untersuchungsführer, »und ich mache Ihnen einen Angebot. Ich weiß nicht, ob es Ihnen zusagt.«

Krist wartete gebannt. Der Untersuchungsführer schwieg.

»Ich muss noch etwas über Sie wissen.«

Krist hob den Kopf und konnte ein Rülpsen nicht unterdrücken. Ein angenehmes Rülpsen – mit dem unwiderstehlichen Geschmack der frischen Rübe.

»Schreiben Sie eine Eingabe.«

»Eine Eingabe?«

»Ja, eine Eingabe. Hier ist ein Blatt Papier, hier eine Feder.«

»Eine Eingabe? Was betreffend? An wen?«

»An irgendwen. Oder wenn keine Eingabe, dann ein Gedicht von Blok. Na, ganz egal. Verstanden? Oder Puschkins ›Vögelchen‹: