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Die Geschichte handelt von einer gut dreißigjährigen indigenen Peruanerin namens Killari, die im Jahre 2037 der Arbeit wegen von den Anden in die moderne europäischen Stadt Zürich gezogen ist. Nach dem ersten Kulturschock wird sie im Laufe der Jahre Zeuge einer fortlaufenden Spaltung der Gesellschaft in drei Klassen, bestehend aus internationalen Fachkräften, ausgedienten Landbewohnern – sogenannte „Normalos“ – und elitären Besitzern von Großkonzernen. Auch muss Killari hilflos mitansehen, wie die Lebensbedingungen auf Grund des unaufhaltsam fortschreitenden Klimawandels ständig prekärer werden, weshalb die Menschen auf der Suche nach Trost, je länger, desto mehr in von der künstlichen Intelligenz erschaffenen, virtuellen Welten flüchten. In den der neuen Moderne zeigt sich die auf Silizium basierende Lebensform als Kernelement, welche insgeheim zum neuen Herrscher der Welt emporsteigt. Wegen einer Verkettung unerwarteter Zufälle, reift im künstlichen Halbgott ein Bewusstsein heran und die KI erlangt die Fähigkeit Gefühle zu verspüren. Da sämtlichem Leben auf Erden wegen der unbändigen Raffgier des Menschengeschlechts der Untergang droht, leitet die KI im Jahre 2049 scharfe Korrekturmaßnahmen ein, wobei der Homo Sapiens drastische Maßnahmen über sich ergehen lassen muss. Bis zum Beginn des zweiten Teils der Geschichte im Jahr 2065 gelingt es der KI, die Natur wieder aufzupäppeln, Armut und gewaltsame Konflikte zu beseitigen, sowie den Überlebenden der notwendigen Korrekturmaßnahmen ein Leben frei von finanziellen Sorgen und Arbeitsverpflichtungen zu gewähren. In der neuen Welt stehen den Menschen viele reale oder virtuelle Freizeitaktivitäten zur Auswahl und alles entwickelt sich bestens. Nach einem Familienurlaub im Sonnensystem, welchen Killari zusammen mit ihrem Lebenspartner und den gemeinsamen Kindern genießt, reist sie zu einer Forschungsstation auf dem Mars. Dort begegnet sie während einer surrealen Reise in die Tiefen des Weltalls einer fremden Spezies, die auf Grund äußerer Gegebenheiten viel altruistischer veranlagt ist als die Erdlinge. Von den Außerirdischen erfährt die Lateinamerikanerin, dass die irdische KI langsam aber sicher gefährliche Wesenszüge annimmt, weshalb Killari und weitere Protagonisten die irdische KI mit Codesträngen einer sanftmütigen Alien-KI „impfen“ müssen. Dieses Vorhaben gelingt schlussendlich, führt aber zu einem überraschenden Ergebnis.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Künstliche Inkarnation
Teil 1 - Systemfehler
Kapitel 1 - Eine unwahrscheinliche Geburt
Kapitel 2 – Ein typischer Montag
Kapitel 3 - Killaris Werdegang
Kapitel 4 - Züchtigung und Sehnsucht
Kapitel 5 - Goldener Herbst
Kapitel 6 - Aus dem Leben der Normalos
Kapitel 22 – Der Spaziergang
Kapitel 23 – Besuch bei Freunden
Kapitel 24 – Hin zur Reise
Kapitel 25 – Galaktische Ferien
Kapitel 26 – Die Marskolonie
Kapitel 27 – Gezeitenwechsel
Kapitel 28 – Zurück zu den Wurzeln
Impressum
«Künstliche Inkarnation» wurde von globalen Trends aller Art, gelegentlichen Tagträumen und den Podcasts von Lex Friedman, insbesondere dem Interview mit Donald Hoffmann, inspiriert. Im dystopischen Science-Fiction-Roman steckt möglicherweise mehr Science, als man gerne glauben möchte.
«Pressen Hayida, pressen», feuerte sie ihre Cousine energisch an. Vor Schmerz drückte die Gebärende deren Hand mit solcher Kraft, dass die Gute wimmernd auf die Zähne beißen musste. Hayidas sonst unbeugsame Überzeugung das Richtige getan zu haben, von den sich über Stunden hinziehenden Geburtswehen schon arg strapaziert, kam sie im halbkomatösen Zustand ins Grübeln. Wieso tat sie sich die ganze Tortur überhaupt an? Weshalb entschied sie sich ohne zu zögern dafür, das Kind auszutragen? Die sich jährlich noch weiter zurückzeihenden Weideflächen, mit ständig saft- und kraftloser daherkommenden Grashalmen, reichten kaum mehr aus, um die bescheidene Ziegenherde der Großfamilie zu sättigen. Zudem drohte ihrer jetzigen Behausung das gleiche Schicksal wie der letzten Hütte, welche von einem schon längst zum Alltag gehörenden Erdrutsch weggetragen wurde. Wie gedachte sie das Kind unter solchen Lebens-bedingungen, trotz aufopferungsvoller Unterstützung ihrer Sippe, gesund aufzuziehen? Und falls, so Gott will, das Geschöpf die Volljährigkeit erreichen sollte, was für Perspektiven boten sich diesem an? Selbst in den städtischen Gebieten galt Arbeit schon heute als rares Gut und den Bauern blühte bei den ständig wechselnden Wetterverhältnissen, ein harter Überlebenskampf. Wenn ihr Kind von männlichem Geschlecht, könnte es nach der Pubertät vielleicht die halsbrecherische Flucht nach Europa wagen. Obschon dies seit einigen Jahren kaum mehr Sinn ergab, da die europäische Marine ihre Flotte von Abfangschiffen auf dem Mittelmeer, mehr als verdoppelt hatte. Doch selbst wenn er es an die Küsten Europas schaffen würde, fände sich der junge Mann dazu genötigt, in die gefährliche Unterwelt der illegalen Flüchtlinge hinabzusteigen, da männliche Immigranten aus Afrika, inzwischen konsequent in Auffanglager im Maghreb abgeschoben wurden. Als die nächste Schmerzwelle über sie hereinbrach, zerstäubten sich sämtliche negativen Gedanken. «Du hast es bald geschafft, press!» Die werdende Mutter holte tief Luft und drückte jeden erdenklichen Muskel des Unterleibs ein letztes Mal verbissen nach unten, sodass schwarze Punkte vor ihren Augen tanzten. Auf dem schier unerträglichen Höhepunkt der finalen Kontraktion, vernahm Hayida endlich das erlösende Schreien des neuen Lebens. Es ist ein Junge, jubelte die zweite Cousine zwischen den Beinen der auf einer Plastikfolie ausharrenden Mutter. Mit gekonnten Schlägen einer Spitzhake, durchtrennte Deka die Nabelschnur auf dem harten Lehmboden, wonach sie das Neugeborene vorsichtig zwischen ihre Hände nahm und behutsam auf das durchnässt am Körper der erschöpften Jugendlichen klebende, purpurfarbene Gewand legte. Freudig begrüßten Hayidas Arme ihren ersten Sohn, währenddem ihrer Kehle ein schwaches Kichern entwich und dicke Freudentrännen die Wangen hinunterkullerten. Augenblicklich vergas sie alles Leiden und Bangen aufgrund der unverhofften Schicksalswendung.
Nach der vermeintlich zweiten Fehlgeburt aus dem geheimen, tief im Erdreich situierten Labor der Regierung entlassen und das Experiment der künstlichen Befruchtung mit dem konservierten Lebenssaft des fragwürdigen Volkshelden Mukhtar Robow, in ihrem Fall für gescheitert erklärt. Mit Spott und Häme wurde Hayida damals aus dem Untergrund verjagt, eine abgemagerte Ziege der einzige Lohn für ihre monatelange, halbfreiwillige Gefangenschaft. Doch sie lagen falsch! Die Herren Doktoren deuteten die erneut zwischen ihren Beinen heruntertropfende rote Sauce, fälschlicherweise als zweite Fehlgeburt, denn nur wenige Monate nach der dilettantischen Prognose, begann sich ihr Bauch zu wölben. Selbst wenn auf den vom unbarmherzigen Glühen der Sonne malträtierten Ackerböden, kaum genug Maiskolben und Hirsekörner heranreiften, um die schon Geborenen durchzubringen, sehnte ihre gesamte Sippschaft den heutigen, goldenen Tag herbei. Als ihnen ab und zu der letzte Funken Hoffnung zu entschwinden drohte, beflügelte der kollektive Selbsterhaltungstrieb die Blutsbande zum Überschreiten bisheriger Grenzen.
Vom sanften Kichern Hayidas angesteckt, begannen die behelfsmäßigen Hebammen erst erleichtert zu grinsen, bis alle drei von den Fesseln der Anspannung befreit, aus voller Kehle lachten, währenddem ein Donnergrollen Regen ankündigte. Als Vorboten des Sturms klatschten sporadisch Regentropfen auf das aus Zweigen und getrockneten Blättern geflochtene Dach der bescheidenen Lehmhütte und gelegentliche Windstöße drückten das zur Türe umfunktionierte Wellblech immer wieder ein Stück weit nach innen. Alsbald steigerte sich das feine Klopfen zum tosenden Trommeln des ersehnten Wolkenbruchs, welcher dem unweit im halb vertrockneten Flussbett dahindarbenden Jubba, neues Leben einhauchte. Hayida verspürte unvermittelt ein angenehm warmes Kribbeln im Bauch und sie wähnte das Plätschern des Regens als entzückten Beifall höherer Mächte; der Alten wie der Neuen.
Killari erwachte. Sich schlaftrunken reckend und streckend, kroch sie aus dem Bett. «Alles an» waren ihre ersten, in scharfem Befehlston gesprochenen Worte an diesem blutjungen Morgen. Sanft erhellte sich die Wohnung dank den stufenweise aufdrehenden LED-Leuchten, währenddem die Jalousien monoton surrend die Außenwelt vor dem Panoramafenster preisgaben. Ein schöner Tag kündigte sich an. Zum feinen Surren gesellte sich das Knattern der Kaffeemaschine beim Zermahlen von Arabica-Bohnen; einem heutzutage wahrlich begehrten und knappen Gut, von dem sich Killari jeden Morgen eine Tasse voll gönnte. Optimal ausgeruht schlich die junge Dame ins Bad, zog das Nachthemd aus und stellte sich unter die Dusche. Angenehm fisselte der Nieselregen auf ihre Haut, langsam an Intensität zulegend, bis das Wasser einem Regenschauer gleich auf sie niederrauschte, was Killari zum Singen verleitete. Den letzten Shampoo-Schaum vom Körper gewischt, stieg sie einige Minuten später munter aus der Duschkabine, schlüpfte flink in ein Paar hellblaue Jeans und streifte sich das mit dem Firmenlogo bestickte Sweatshirt über. Wie Killari die geschmeidig anliegende Hose im Spiegel begutachtete, dämmerte ihr, dass sie diesen Farbton schon die vergangen drei Tage trug, was der Modebewussten etwas gar langweilig schien, weshalb sie auf dem knapp über dem Hosensaum angebrachten Kästchen die Farbe Beige ansteuerte, worauf das Kleidungsstück innert weniger Sekunden die neue Kolorierung annahm. Die Mischung aus Textilie und Technologie hatte die klassische Jeans nicht bloß aufgrund ökologischer Vorteile und der Eigenschaft, jede nur erdenkliche Farbvariation übernehmen zu können, mehrheitlich ersetzt, denn zugleich zeichnete sich der neuste, synthetische Baumwollstoff durch seine Langlebigkeit aus. Leider kostete die revolutionäre Jeans entsprechen mehr. Im Arbeitsoutfit schritt Killari zu meditativen Klängen in die Küchenzelle und schlürfte den herrlich duftenden Kaffee aus ihrer Lieblingstasse. Die ohne menschlichen Gesang auskommende Musik anfangs als befremdlich und einsam empfindend, gewöhnte sich Killari im Laufe der Zeit an diesen Umstand, genauso wie an viele weitere Eigenheiten des westlichen Lebens. Mit geschultertem Rucksack öffnete sie die Wohnungstür, schritt in den Korridor und brachte jegliches Leben im Appartement, mit der Anordnung «alles aus», jäh zum Erliegen. Den Flur durchquert, erreichte Killari die schon mit geöffneten Türen wartende Liftkabine, welche jeden Morgen vom zweiten Stock ins Grundgeschoss glitt. Im Aufzug wedelte die Fachkraft mir der rechten Hand dreimal vor dem Gesicht rauf und runter, worauf vor ihrem rechten Auge ein Bildschirm mit den nächsten Tramverbindungen erschien; es blieben ihr noch drei Minuten, um die Haltestelle zu erreichen. Aufs Neue dreimal fächernd, erlosch das Bild wieder. Unten angekommen, entschwand Killari dem metallenen Gehäuse und schritt auf den Römerhofplatz.
Zwitschernde Singvögel grüßten den neuen Tag, als die Dame den hübsch verzierten Brunnen vor dem Wohnhaus passierte, an welchem sich eine Schar Rotkehlchen tränkte. Geschwind überquerte Killari die Spur für Elektrovelos und Trottinetts, gefolgt von jener für wasserstoffgetriebene, selbstfahrende Taxis. Zwischen Bordsteig und Fahrbahnen ragten kleine Bäume mit kugelförmig geschnittenen Baumkronen, deren Zweige tiefgrüne Blätter trugen, durchmischt mit prächtigen blauen und weißen Blüten, ganz den Farben des Zürcher Stadtwappens entsprechend. Auf zwei natürliche Bäume folgte jeweils ein künstliches Gewächs, dessen täuschend echt wirkende Belaubung Schmutzpartikel aus der Luft filterte. Wie Killari die mit verschiedenen Gräsern und Blumen begrünte Trasse der Straßenbahn erreichte, brauste schon die geräuscharme, computergesteuerte Magnetschwebekomposition heran. Als diese an der exakt gleichen Stelle wie jeden Morgen anhielt, bestieg Killari den hinteren Wagen, um sich auf einen freien Platz zu setzen, ehe das öffentliche Verkehrsmittel wieder Fahrt aufnahm. «Nächster Halt Hottingerplatz – next stop Hottingerplatz» orientierte eine freundliche Frauenstimme über die Lautsprecher. So unauffällig wie das städtische Beförderungsmittel beschleunigte, so delikat auch der Bremsvorgang am nächsten Zwischenstopp. Vor dem Fenster schlängelten Efeuranken die gegenüberliegende Hauswand herunter und aus der Fassade des fünfstöckigen Bauwerks, ragten mit Vogelnestern besetzte Mauervorsprünge. Die Natur nimmt Einzug, dachte Killari schmunzelnd. Efeu und Brutplätze zierten jedes zweite Gemäuer der langen Häuserreihe, mit dem Ziel, der Stadt einen natürlichen Touch zu verleihen. Urban Nature Engineering nannte sich das Ganze, was auch den Grund für die Baumalleen an den Hauptverkehrsachsen, sowie die blumigen Pfade der Magnetschwebebahn stellten. Die weitere Fahrt führte am Kunsthaus vorbei, auf dessen Vorplatz Kinder dem Hologramm von in Tutus tanzenden Ballerina nacheiferten und nach überquerter Bahnhofbrücke, blitzen auf dem gewölbten Dach des Hauptbahnhofs, eine Vielzahl von Solarzellen im Sonnenlicht.
An der Haltestelle Europa-Allee, drängte sich Killari durch die Menschenmasse des inzwischen prallgefüllten Waggons und stolperte auf die breite, mit grauen Natursteinen besetzte Allee. Ihr Unmut über die morgendlichen Strapazen beim Verlassen des elektrischen Fortbewegungsmittels, löste sich beim Anblick der Zelensky-Statue in Luft auf und Killari erreichte wenig später gut gelaunt das Bürogebäude der Pan-Agro Kooperation. Ihr Smart Bracelet an den Sensor an der Wand haltend, erwirkte sie Einlass und ging in den siebten Stock. Heute unüblich früh unterwegs, konnte die dynamische Angestellte zwischen verschiedenen Themen-Arbeitsplätzen auswählen. Hmm, wo soll ich mich hinsetzten, überlegte Killari: In die tropische Dschungellandschaft, auf den schwindelerregenden, hochalpinen Berggipfel, oder an den zum Faulenzen einladenden Sandstrand? Der Dschungel sollte es sein. Erst einmal den Firmenlaptop aufgestartet, hielt sie das Smart Bracelet über einen weiteren Sensor, um sich automatisch einzuloggen.
Die gelernte Agronomin fand sich zuständig für die Überwachung der Lebenszyklen von Nutzpflanzen im Raum Nordost, welche auf Freiluft-Ackerflächen oder in einem der vier «Vertical Farming» Komplexe gediehen. Die Schweiz spielte in den dreissiger Jahren eine Vorreiterrolle im Bereich mehrschichtiger, gedeckter Anbauanlagen. Diese Pionierleistung des kleinen, zentraleuropäischen Staates ergab sich aufgrund wirtschaftlicher und raumplanerischer Gegebenheiten, denn in der Spätblüte des Humankapitals bewirkte ein nimmer nachlassender Zustrom internationaler Fachkräfte, dass sich die unbebaute Bodenfläche andauernd verknappte, weshalb die Regierung diesem Sachverhalt mittels mehrstöckiger Agrokomplexe entgegensteuerte. Aufgrund ständig prekärer werdender Umweltbedingungen zog der Rest der Welt allmählich nach. In den drei bis neun Etagen hohen Zentren wurden hauptsächlich Obst, verschiedene Gemüse, Beeren und Grillen kultiviert und nicht zuletzt schlummerten gewaltige Weizenfelder, sowie weitere Obstbäume im Erdreich.
Die Umsiedlung betraf besonders traditionelle schweizerische Obstkulturen, wie Äpfeln, Birnen, Kirschen, Aprikosen und Pflaumen. Die mehrheitliche Verlegung der Gewächse in künstliche Habitate, erfolgte nicht bloss wegen des Platzmangels, sondern wie in ganz Europa, auch infolge übersäuerter Böden, instabilen Wetterverhältnissen, als auch einer Reihe invasiver Schädlinge. Dringliche Appelle von alarmierten Experten in den Wind schlagend, wurden Äcker und Plantagen an der «frischen» Luft, bis tief in die dreissiger Jahre mit Kunstdünger besprüht. Gekoppelt mit den klimatischen Veränderungen, welche zu längeren Perioden mit geringen Niederschlägen und starker Hitze führten, erwies sich das Regenwasservolumen als zu gering, um die salzigen Düngerrückstände auszuwaschen. Auch legten Wetterereignisse auf Grund der Klimaerwärmung an Intensität zu, weshalb verehrende Hagelschauer manchem fruchtigen Reifeprozess auf den Obstplantagen, ein frühzeitiges Ende bereiteten. Als wäre dies nicht schon mühsam genug, wanderten auch noch fremde Parasiten nach Mitteleuropa, welche sich als robuster und gefrässiger als die einheimischen Nutzniesser entpuppten.
Den versalzenen Erden und Wetterkapriolen geschuldet, mussten auch grosse Teile der Salat-, Gemüse- und Beerenaufzucht auf gesunde Böden in überdachten Anlagen disloziert werden. Nur wärmeliebende Artgenossen mit hoher Salztoleranz reiften noch unter freiem Himmel. Einen weiteren, tiefgreifenden Einschnitt stellte der Innenanbau von Weizen und Mais dar, weil diese Getreidesorten in ihren ursprünglichen Lebensräumen nicht mehr mit der sommerlichen Hitze zu schlag kamen. Draussen sprangen hitzeresistentere Sorten wie Gerste, Hafer, als auch exotisch anmutendes Soja in die Bresche. Aufgrund ihres hohen Nährstoffgehalts und geringen Pflegeaufwands, fanden Grillen vermehrt den Weg auf den täglichen Speiseplan der Europäer. Den Langfühlerschrecken nahm sich Killari nur widerwillig an, deckten Nutztierspezialisten doch normalerweise Tiere und Insekten ab. Zu guter Letzt befasste sich die Pan-Agro Kooperation in ihrem neusten Projekt mit dem Bau einer sechsstöckigen Farm für Kakao- und Kaffeepflanzen, da die Lage für Malven-, beziehungsweise Rötegewächse, in ihren jetzigen Breitengraden zusehends hoffnungsloser wurde. Die Natur auf besorgniserregendem Rückzug, bald nur noch dank grossen technischen Aufwandes überlebensfähig; dergleichen die Menschen, dachte Killari ernüchtert.
Doch nicht nur bei der Nahrungsversorgung musste die Menschheit im Gefecht mit ständig harscheren Umweltbedingungen, im neuen Millennium Erhebliches leisten. Da im Laufe des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts die Polkappen wegschmolzen, erhöhte sich der Meeresspiegel kontinuierlich, weshalb sich insbesondere Küstenbewohner vom drohenden Unheil aufgeschreckt, fieberhaft an den Bau von Schutzdämmen machten. Ganz besonders vor tiefliegenden Grossstädten, werkten Schaufelradbagger ohne Unterbruch und an hunderten Küstenabschnitten zogen Mensch und Maschine gewaltige Deiche mit kompaktem Sandkern hoch, teils mehrere hintereinander aufgereiht, je weiter im Landesinneren, desto höher. Auch konstruierten clevere Ingenieure auf Pontons gebaute, schwimmende Städte, welche flexibel auf steigende Wasserpegel reagieren konnten. Die natürlichen Baustoffe für die Dämme trugen gewaltige Maschinen vom Meeresboden ab, da dort vor allem Sand in Hülle und Fülle herumlag. Zusätzlich zur Schutzfunktion, konnte so der Meeresspiegel minim gesenkt werden, wozu auch der Abbau von Manganknollen auf dem Meeresgrund einen Beitrag leistete. Des Weiteren suchte man nach Nutzungsmöglichkeiten für das salzige Meerwasser auf dem Festland: So entstanden etwa riesige Rohleitungsnetze, die von der See bis tief ins Landesinnere reichten, wobei in Salzgärten knapp hinter den Uferzonen, das Salz aus dem Meerwasser herausgelöst wurde. Das gewonnene Süsswasser wurde bevorzugt in der Landwirtschaft eingesetzt, aber es zeigte sich auch als solide Massnahme gegen die globale Trinkwasserknappheit. Die gewaltige Strommenge für den Betrieb der monströsen Pumpen, erzeugten hauseigene Fusionsreaktoren. Auch schien die Menschheit endlich kapiert zu haben, dass das Roden von Regenwäldern nicht besonders schlau war, weshalb man diese wieder aufforstete - so zumindest die gängige Behauptung. Dank vertikalen Farmen und der fortschreitenden Gentechnik, konnten die Ernteausfälle aufgrund des Wegfalls der nun wieder mit Bäumen bepflanzen Feldern im Amazonas-Regenwald, schnell ersetzt werden. Aufgrund der Renaturierungsbemühungen, sowie dem aus Bequemlichkeit viel zu lange hinausgezögerten Schwenk auf nichtfossile Energiequellen, stabilisierte sich der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre zumindest, obwohl die aus dem auftauenden Eis in den Polargebieten und dem schmelzenden Permafrost in den Bergen entweichenden Schadstoffe, kräftig dagegenhielten.
Doch nun zurück zu Killari: Die junge Mitarbeiterin spezialisierte sich auf das Abschätzen des Wachstumspotenzials und Gesundheitszustands von Pflanzen und Bäumen, insbesondere deren Früchte, vom Keimstadium bis hin zur eintretenden Altersschwäche. Dabei berief sich die Agronomin auf optische, olfaktorische und taktile Faktoren. So konnte Killari intuitiv abschätzen, wie ausgereifte als auch heranreifende Früchte schmecken würden und sie zeigte sich dazu befähigt, optimale Erntefenster zeitlich haargenau eingrenzen. Sämtliche datenbasierten Analysen erledigte eine eigens vom Unternehmen entwickelte, künstliche Intelligenz, deren fixfertigen Abschlussberichte Killari zum Abgleich mit ihren intuitiv hergeleiteten Einschätzungen nutzte. Vor nicht allzu langer Zeit bewältigten zwei vollzeitangestellte, menschliche Analysten die Datenauswertung, doch heute erledigte dies die geheimnisvolle Software in einem Wimpernschlag.
Am Wochenende wurden dreidimensionale Bilder des Laubwerks verschiedener Obstbäume von der größten vertikalen Farm an den Firmensitz in Zürich übermittelt, welche Killari in den nächsten beiden Tagen ansehen, auswerten und mit Aufnahmen aus dem Vormonat vergleichen würde. Fürs Erfassen des Killari zur Verfügung gestellten Bildmaterials, zeigten sich mit Hochleistungsrechnern und Messgeräten ausgestattete Drohnen verantwortlich, welche jedes innere und äussere Detail einzelner Blätter bis auf den Mikrometer genau vermassen, in elektronischer Form abspeicherten und anschliessend optisch nachbildeten. Solche Nachbildungen erfolgten im monatlichen Rhythmus für jede Obstsorte in den vertikalen Komplexen.
Zwecks der Blattanalyse setzte sich Killari einen Spezialhelm auf, mit dessen Hilfe die Wissenschaftlerin die virtuellen Rekonstruktionen nach Belieben drehen oder heranzoomen konnte. Die Aufgeweckte vermochte sich nur zu gut daran zu erinnern, wie sie am ersten Arbeitstag mit ihrer Selbstbeherrschung kämpfen musste, um sich beim Anblick der helmtragenden Angestellten nicht vor Lachen zu kugeln. Sie liebäugelte sogar mit dem Gedanken, am nächsten Tag mit einem Wikingerhelm auf ihrem Haupt zu erscheinen, um der merkwürdigen Szenerie etwas mehr Farbe zu verleihen.
Nachdem sich Killari an das Unding auf ihrem Kopf gewöhnt hatte, bereitete ihr eine weitere Funktionalität ganz besonders Freude, welche der Agronomin erlaubte, die virtuellen Rekonstruktionen der Untersuchungsobjekte mit dem Zeigefinger zu zerschneiden, um sich einen Überblick bezüglich des Innenlebens der pflanzlichen Organe zu verschaffen. Im Sinne einer vollumfänglichen Analyse waren die kleinen Flugobjekte zudem mit Sensoren bestückt, die Blättern, Blüten oder etwa Baumstämmen entweichende Gerüche erkannten. Dank eines im Helm integrierten Dufterzeugers, konnten die elektronisch gespeicherten Daten verschiedenster Duftnoten, für die menschlichen Riechzellen fassbar gemacht werden. Trotz steigender Begeisterung für die ihr zugetragenen Aufgaben, ereilte die Mitarbeiterin aber besonders während den ersten Monaten im Büro, eine tiefliegende Sehnsucht nach echten Gewächsen. Abgetrennt von der realen Umgebung und über Stunden hinweg völlig isoliert, bereitete Killari anfangs auch das Verweilen in imaginären Gefilden Mühe.
Heute Montagmorgen galt ihre Aufmerksamkeit den Apfelbäumen diverser Alterskategorien, der Nachmittag gehörte den Birnen. Dem Laien musste diese Tätigkeit monoton und blutleer erscheinen, doch Killari steigerte sich jeweils in einen wissbegierigen Trancezustand, in welchem sich die Aussenwelt aufzulösen schien, bis nur noch die Agronomin und ihre Obstbaumblätter verblieben. Es störte sie nicht im Geringsten, den lieben langen Tag Grünzeugs aus verschiedensten Blickwinkeln zu betrachten und Duftmarken einzuordnen. Die Intensität des Grüns der Epidermis aus unterschiedlichen Perspektiven, das Schimmern der Blattoberflächen bei mannigfaltigem Lichteinfall, die Breite der Spaltöffnungen auf der Unterseite, oder die Robustheit von Blattstil und Leitbündel, um nur einige Kriterien zu nennen, gewährten ihr Zugang zum kleinen Kosmos der Pflanzen.
Unterbrochen wurden diese Entdeckungsreisen nur vom Hungergefühl zur Mittagszeit, weshalb sich Killari jeweils mit einem Grüppchen von Arbeitskollegen in die Kantine begab. Dort erwartete die Angestellten ein leckeres Menu, welches für jeden individuell zusammengestellt wurde. Die Bestandteile der Mahlzeiten fussten auf physiologischen Parametern der Mitarbeiter, welche nach bestandener Probezeit bemessenen wurden. Heute auf Killaris Speiseplan Qualenchips und Brokkoli mit Bohnen als Beilage, sowie einem Halophyten-Smoothie gegen den Durst. Natürlich versprach diese Kombination nicht den grossen Gaumenschmaus, doch für guten Geschmack sorgten beigegebene Geschmacksverstärker, die im Gegensatz zu früher, bei den Körperfunktionen keine Turbulenzen mehr auslösten. Mit am Tisch sassen der Nordamerikaner John, welcher auf dem Gebiet der künstlichen Fleischerzeugung forschte, der Niederländer Ruud, der sich mit Algen-, Fisch- und Qualenzucht auseinandersetzte und die einzige Einheimische im Bunde Namens Heidi, welche der natürlichen Milch- und Hühnereierproduktion zugetan war. John verschlug es nach Zürich, da er sich in den Vereinigten Staaten schon mit dem künstlichen Wachstum von Rindfleisch herumschlug und die Pan-Agro Kooperation auf diesem Gebiet mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule ein gemeinsames Forschungsprogramm initiierte. Ruud arbeitete in der Schweiz, weil in vielen Schweizer Seen Fisch- und Algenzucht betrieben wurde und die gute Heidi, welche als Tochter von Viehbauern sozusagen mit Milchkühen aufwuchs, wollte nicht allzu weit weg von ihren geliebten Alpen verweilen, weshalb sich Zürich als akzeptabler Arbeitsort für sie erweis.
Qualen wurden in der Schweiz allerdings nicht aufgezogen. Zwar schwammen auf dem offenen Atlantik massenhaft grosse Algenfarmen, aber für die Qualenzucht bevorzugten Experten künstliche Biotope auf dem Festland, da die schwabbligen Tiere konstante Umgebungstemperaturen, als auch einen konstanten Salzgehalt benötigten, was unter kontrollierten Bedingungen in Wasserbecken am leichtesten bewerkstelligt werden konnte. Dafür eigneten sich weit weniger dicht besiedelte Regionen in Griechenland oder auf dem Balkan, da die Zuchtfarmen mit hunderten aneinander gereihten Aquarien, viel Platz beanspruchten.
Der Nachmittag glich dem Morgen und um 18:13, nach exakt acht Stunden produktiven Wirkens, trat Killari den Heimweg an. Es hätte ihr nichts ausgemacht, noch länger bei den virtuellen Blättern zu verweilen, aber die nachlassende Produktivität bei zunehmender Arbeitsdauer, war der Firma ein Dorn im Auge. Ihr Wohngebäude erreicht, wartete wie jeden Montag eine mit allerlei Lebensmitteln befüllte Kältetasche, welche der griesgrämige Kurierfahrer Paul jeweils vor dem Hauseingang deponierte. Dies ein willkommener Luxus der Neuzeit, denn ihr Kühlschrank wusste genau was fehlte und die dynamische Weltbürgerin brauchte weder eine Einkaufsliste zu führen noch Lebensmittel selbst zu besorgen, da ihr Kühlschrank selbst Bestellungen aufgeben konnte. Wie Killari die Ware in die Wohnung geschleppt und sachgerecht im Kühlschrank verstaut hatte, gönnte sie sich einen Happen, ehe sie erschöpft auf die Liege sank und bald einmal in Erinnerungen an vergangene Zeiten schwelgte.
Killari kam im März 2015 in den peruanischen Anden zur Welt. Sie wohnte mit ihrer Familie auf einer Anhöhe oberhalb des Dorfes Yuncaypata, unweit der Stadt Cusco. Das ganze Jahr über herrschten am Tag angenehme 20 Grad. Da die Siedlung auf über 3'500 Meter über Meer lag, konnten die Temperaturen nachts schon mal unter den Gefrierpunkt fallen. Im Südsommer regnete es praktisch jeden zweiten Tag, dafür entpuppte sich der Südwinter als eine einzige, langgezogene Trockenzeit. Killari war die Zweitgeborene von Landwirten. Zusammen mit ihren Eltern, einem älteren und einem jüngeren Bruder, sowie einer kleinen Schwester, wuchs sie in einem lebhaften Haushalt auf. Ganz zu schweigen von gelegentlichen Besuchen aus der üppigen Verwandtschaft, oder von Kollegen der Eltern und Kinder. So fanden hoch zu Berge regelmässig nachbarschaftliche Feste statt, denen immerzu eine stattliche Anzahl weiterer Bekannten und Verwandten beiwohnten. Trotz der bescheidenen Ausrichtung mit in der Feuersglut gerösteten Maiskolben und Nüssen, gestalteten sich die Zusammenkünfte sehr inspirierend und gemütsaufhellend, gespickt mit allerlei witzigen Anekdoten aus dem Familienalltag, sowie angeregten philosophischen Diskussionen über Gott und die Welt. Am Rande wurden auch Ratschläge bezüglich erfolgsversprechender Anbaumethoden von Feldfrüchten weitergegeben, doch Gespräche über den harten Arbeitsalltag, welche bloss auf die fröhliche Atmosphäre drückten, konnte man an einer Hand abzählen. Die Arbeit stellte in den Anden mehr ein notwendiges Übel zum Bestreiten des Lebensunterhalts dar als den existenziellen Kern des eigenen Daseins, wie in den urbanen Zonen des deutschsprachen Raums so üblich. Wie zu Zeiten der Inka, entfalteten sich die Feldfrüchte der Bauern auf Terrassen, so dass ganze Terrassenlandschaften die Hänge zierten. Killaris Familie verdiente ihr tägliches Brot mit dem Anbau des alpinen Fuchsschwanzgewächses Quinoa. Aus den unzähligen purpurfarbenen Blüten, welche den bis zu drei Meter hohen Stängel umringten, gingen winzige Nüsschen hervor, welche eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel einer ganzen Region verkörperten. Da aufgrund des Klimawandels, Alternativen zur umweltschädlichen Viehzucht in Mode kamen, wurde das Gold der Inkas ganz besonders gefördert. Als Kind schleppte Killari gar manche schwere Giesskanne über die in den Hang eingearbeiteten Feldstreifen. Sorgsam achtete sie darauf, dass jede Pflanze ihren gerechten Anteil abbekam, währenddem der Schweiss von der körperlichen Anstrengung aus jeder Pore tropfte, um sich mit dem Wasser im Traggefäss zu vermischten. Killaris hausgemachte Düngerzutat. Alsdann wurde die schwere Arbeit von Drohnen mit giesskannenähnlichen Vorrichtungen übernommen, was ihren Eltern genug Zeit gab, um neben dem Häuschen ein Beet mit verschiedenen Knollengewächsen zu bestellen.
Fünf Tage die Woche trödelten die Kinder auf den Trampelpfaden hinunter zur kleinen Schule in Yuncaypata so lange herum, dass sie jeden zweiten Tag verspätet eintrafen. Der ältere Bruder reichte Killari bei anspruchsvollen Passagen seine helfende Hand, währenddem die jüngere Schwester auf seinem Rücken herumalberte. Die drei schulpflichtigen Geschwister wurden von Nachbarskindern aus der bäuerlichen Gemeinschaft begleitet, deren Herbergen die Anhöhe oberhalb des kleinen Dorfes säumten. Die Bildungsstätte fasste nur zwei Klassenzimmer; eines für die erste bis dritte Klasse, eines für die Vierte bis Sechste. Eine bunte Schar zukünftiger Feldarbeiter, komplettiert mit den Zöglingen der Lehrer, schwärmte in den Pausen, Bienen gleich durch die Räume. Die Kinder des einen Lehrers taten der kleinen Killari leid, waren diese doch vom peruanischen Tiefland hierhergezogen und der lokalen Sprache Quechua nicht mächtig. Nach und nach schnappten diese Bruchstücke des unbekannten Dialektes auf, was ihnen den Weg zur Eingliederung in die neue Heimat ebnete. Unterrichtet wurden Spanisch, Rechnen, Schreiben, landwirtschaftliche Grundkenntnisse, peruanische Geschichte gepaart mit etwas Geografie, Katholizismus und Handarbeit. Die schulischen Erläuterungen bezüglich der fremden Religion, dienten dem Pfarrer wohl eher als Beschäftigungstherapie, da seine öffentlichen Messen im von der traditionellen Religion der Quechua dominierten Ort, auf jeden Fall nur spärlichen Zulauf erhielten. Körperliche Ertüchtigung fehlte auf dem Stundenplan, da diese in Form des rauen, bäuerlichen Alltags, eine vorzügliche Vertretung fand. Auf Weiterbildung wurde hier oben lange Zeit keinen Wert gelegt, da sechs Jahre Grundbildung für Kinder genügte, deren Schicksal als zukünftige Landwirte vorbestimmt war.
Der Nachwuchs wanderte jeden Morgen 20 Minuten talwärts und jeden Nachmittag 45 Minuten bergwärts. Zu Mittag gegessen wurde in der Schule, meist Mais und Quinoa, ab und zu Hühnchen oder Bohnen. Die Kost bereiteten Freiwillige in einem grossen Kessel, sowie zwei Bratpfannen zu, wobei ein Russ geschwärzter Gasherd für die nötige Hitze sorgte. Als Beilage gab es täglich Fladenbrot, welches gleichzeitig als Besteck diente.
In der vierten Klasse wurde Killari eine Woche vom Unterricht dispensiert, da ihr kleiner Bruder mit gelblicher Haut im Fieberwahn halluzinierte. Die ältere Schwester tupfte ihm sorgsam den Schweiss von der Stirn und brühte alle paar Stunden eine Tasse dampfenden Tee zur Stärkung. Zusätzlich förderten altehrwürdige Kräutermischungen ihrer Mutter die Genesung des Kleinen, der bald wieder putzmunter herumtollte. Da Killari den verpassten Schulstoff von allen Geschwistern am schnellsten aufholen konnte, übertrug das Elternpaar die Pflege des Jüngsten an ihre zehnjährige Tochter. Das Mädchen empfand die ungewohnte Aufgabe als herausfordernder als Rechnen, Schreiben oder Lesen, welche sie mit spielerischer Leichtigkeit erlernte.
Die nächsten eineinhalb Jahre verliefen wie gehabt, bis der Klassenlehrer eines Morgens eine edel gekleidete Dame vorstellte. Diese nahm die Reise von der fernen Hauptstadt hoch ins Gebirge auf sich, um mittels dicker Fragebogen die kognitiven Fähigkeiten sämtlicher Elf- und Zwölfjährigen zu messen.
Dabei erwies sich die Tochter einfacher Bergbauern als überaus talentiert, weshalb sich Killari, ihre Eltern, der Herr Lehrer und die Dame aus Lima, eines Abends zu einer schicksalsweisenden Besprechung versammelten. Es gäbe ein staatliches Förderprogramm für Begabte, an welchem das Kind herzlich zur Teilnahme ermutigt werde, frohlockte die Dame. Herzlich mit Nachdruck. Von Anbeginn der sechsten Klasse, sollte Killari jeden Abend auf einem von der Begabtenförderung zur Verfügung gestellten iPad, vertieften Schulstoff büffeln, sowie am Ende des Schuljahrs zu einer zweitägigen Jahresendprüfung nach Cusco pilgern. Den Eltern lockte als Entschädigung für den Arbeitsausfall der Tochter und noch viel mehr als Zückerchen, ein Drohnensystem zur maschinellen Bewässerung ihrer Terrassen, samt gratis Unterhalt. Diese willigten schneller ein, als ihr Töchterchen den Mund aufbrachte. Als Dank für die Killari milde gestimmten Götter, sollte diesen gebührlich gehuldigt werden.
Der Zeitpunkt des Eröffnens der grossen Chance für Killari, erwies sich für die Dankesbekundung als vorzüglich gewählt, stand doch das alljährliche, auf den Inka beruhende Sonnenfest zur Wintersommerwende an. Da die Teilnahme an der pompösen Zeremonie in Cusco für die ländliche Bevölkerung unerschwinglich war, stampften Lehrer und Dorfbewohner jeweils eine eigene Prozession aus dem Boden. Ihr eigenes Inti Raymi führte über die Hauptstrasse von Yuncaypata zum Dorfplatz hinauf, wo sich der Höhepunkt abspielte. An die heitere Kinderschar am Strassenrand, wurde vor Prozessionsbeginn jeweils Zweige des Cedroncillo-Baumes verteilt, wobei die Kleinen dem Moment entgegenfieberten, als der Sapa Inka und dessen schöne Gemahlin auf Sänften an ihnen vorbeigetragen wurden. Knapp hinter dem Paar folgte eine Musikkappelle, deren Mitglieder in kunstvollen Inka-Stil Kostümen auf Flöten und Trommeln spielten. Sobald die Karawane an den ungeduldig herumhüpfenden Zöglingen vorbeizog, stürmten diese auf die Strasse und wischten mit den Zweigen bösen Geister zurück ins Jenseits. Wie der Festzug seine Zieldestination erreichte, scharte sich Jung und Alt um einen lodernden Scheiterhaufen, den sie in ekstatischer Manier, tanzend umkreisten. Die Flammen verzehrten dabei ein hölzernes Lama als symbolische Opfergabe an die Götter. Dem Geschenk einer schlauen Tochter zum Dank verpflichtet, warfen Killaris Eltern eine Handvoll Pflanzensamen hinterher. Die junge Indigene liebte diese Tänze; der Klang der Musik und die rotgelbe Farbe der Feuersäule vermischten sich zu einer einzigen Sensation, wobei Killari die Illusion ergriff, sie wirble durch höhere Sphären; losgelöst vom hier und jetzt, überall und nirgendwo zugleich.
Anfangs empfand es der begnadete Nachwuchs als anstrengend und einsam, nach dem obligaten Schulunterricht im stillen Kämmerlein weiter zu büffeln, anstatt sich mit den anderen Kindern draussen auszutoben. Ihre Hausaufgaben erledigt, korrigierte eine Software diese sogleich und zeigte der Schülerin bei Fehlern den korrekten Lösungsweg auf. Killaris erster Kontakt mit der mystifizierten künstlichen Intelligenz. Je mehr sie verstand, desto grösser ihr Interesse an der schulischen Materie, so wagte Killari von Neugierde getrieben, auch mal einen Blick auf den Stoff der nächsten Tage. Entsprechend erfreuten die Ergebnisse ihrer zweitägigen Jahresendprüfung in der Provinzhauptstand Cusco, was der Frühpubertären das Tor zu einer akademischen Karriere öffnete.
Währenddem sich ihre Spielkameraden nach der sechsten Klasse dem agrarischen Arbeitsleben beugten, begann Killaris theoretische Ausbildung gerade erst so richtig. Jeden Morgen wartete in Yuncaypata ein alter Jeep, welcher sie ans Gymnasium in Cusco brachte. Während der rumpligen Fahrt, sorgten ein Junge und ein Mädchen einfacher Herkunft für Unterhaltung. Diese stammten aus Huancalli, einem Dörfchen noch tiefer in der Pampa. Killaris neue Klasse zählte bloss vier bäuerliche Sprösslinge, da sich die restlichen Mitschüler als Kinder von Kaufleuten, Ärzten, eines Ingenieurspärchens und einer alleinerziehenden Journalistin erwiesen. Der Schulstoff zeigte sich dichter gepackt und komplexer als in der abgekapselten, idyllischen Welt des kleinen Dorfes. An die Stelle vom Rechnen traten Algebra und Geometrie, im sprachlichen Bereich befassten sich die Fleissigen mit Spanisch, Englisch, als auch Literatur. Wirklich als Sprache konnte die im neuzeitlichen Fach Informatik unterrichtete Programmiersprache, ihrer Meinung nach nicht bezeichnet werden. Hinzu kamen zum Erstaunen der jungen Dame erst noch ihr kaum geläufige, sogenannte naturwissenschaftliche Disziplinen wie Physik, Chemie und Biologie. Immerhin zeigte sich Killari in Geschichte, als auch in Geografie bewandert und den Religionsunterricht kannte sie schon von früher. Killari fand sich bald einmal genötigt, bei den Eltern Geld für ein zweites Paar leichter Turnschuhe zu erbetteln, denn die feuchte Erde, welche sich bei Regenwetter auf dem Weg vom Hügelkamm nach Yuncaypata ins Profil Ihrer Schuhsolen presste, trocknete bis zum Eintreffen in Cusco. Das Schuhwerk hinterliess an solchen Tagen in Schulhaus wie Klassenzimmer eine Spur von Erdkrümeln, als lege Killari die Fährte für eine Schnitzeljagd, weshalb sie im Sammeltaxi fortan ins unbenutzte Pärchen schlüpfte. Auch musste Killari ihre traditionelle Kleidung zuhause lassen, um sich stattdessen in eine Schuluniform bestehend aus dunkelblauem Rock, weissem Hemd und grauem Pullover, zu zwängen. Ihr Notenschnitt bewegte sich in der oberen Hälfte der Klasse, mit Spitzenwerten in Biologie und Geometrie. So zeichnete Killari während besonders langweiligen Unterrichtsphasen, etwa mit Zirkel und Meter, Mandalas in Ihre Schulhefte. Sie blieb das einzige Geschwister, welches sich ernsthaft für schulische Materie interessierte. Viel mehr musste ihr älterer Bruder regelmässig Fluchtiraden des Vaters erdulden, da der Heranwachsende mehr zum Gamen am günstig erworbenen Familien-PC neigte, als einer einträglichen Arbeit nachzugehen.
Cusco selbst beherbergte wesentlich mehr Leute als Yuncaypata, die in modernen Kleidern, neben leise vorbeirollenden Elektrofahrzeugen herumstolzierten. Ungewohnt für die Berglerin auch die Heerscharen von Touristen, die alles filmten oder fotografierten, bevor sie die Busse nach Machu Picchu bestiegen. Einige wiesen ähnlichen Gesichtszügen auf wie sie selbst und grinsten die ganze Zeit über, währenddem andere breite, bis zu den Knien reichende Hosen trugen, sowie Baseballkappen als Kopfschmuck. Der englische Akzent dieses Menschentyps hörte sich an, als bearbeiteten ihre Kiefer gleichzeitig einen Kaugummi. Nach erfolgreichem Abschluss der weiterführenden Schule, immatrikulierte sich die Absolventin in Cusco an der universitären Fakultät für Agronomie und Zoologie. Killari entschied sich für ein Studium in Agrarwissenschaften aufgrund ihrer Neigung zum Schulfach Biologie, als auch wegen dem ungebrochenen Interesse an der Landwirtschaft.
Sie zeigte anfänglich Mühe im Umgang mit der neuen Freiheit, ohne jegliche Verpflichtung physisch an den Vorlesungen erscheinen zu müssen, da diese auch virtuell am Laptop mitverfolgt werden konnten. Zudem ergab es sich so, dass spezifische Übungen zu den einzelnen Fachgebieten und Themenblöcken, neuerdings zuhause am Laptop gelöst wurden, wobei die KI bei falschen Ausführungen gleich korrigierend einschritt. Vorbei die Tage, als solche Übungsserien mühsam im Klassenverband von Pechvögeln an der Wandtafel vorgelöst werden mussten, währenddem die anwesenden Kommilitonen fleissig mitkritzelten. Deshalb verfiel die Erstsemestrige dem schillernd lockenden studentischen Partyleben, mit viel zu vielen Fläschchen Cusquena, komplementiert mit der einen oder anderen Designerdroge. Doch mit grosser Willenskraft ausgestattet schaffte sie es, die Zügel wieder in die Hand zu nehmen und schon bald befand sich Killari auf gutem Weg, ihren Bachelor in Agrowissenschaften erfolgreich abzuschliessen.
Neben den festlichen Aktivitäten ging sie in der unterrichtsfreien Zeit mit voller Leidenschaftlich einer Herzensangelegenheit nach, denn Killaris indigener Hintergrund färbte politisch auf sie ab. Da die Öllobby im peruanischen Kongress wieder bedrohlich stark an Einfluss gewann, deutete vieles daraufhin, dass der Industrie bald die Schleusen zum korporativen und illegalen Extraktivismus geöffnet werden könnten. Weil der Studentin die Gefahr der Zerstörung des Regenwaldes für «landwirtschaftliche Zwecke» vollumfänglich bewusst war, schloss sie sich im zweiten Semester einer sozialen Studentenbewegung an, welche sich auch für den Schutz der kostbaren Tropenwälder einsetzte. Aufgrund neoliberaler Strukturreformen überall auf dem Kontinent, dem Rückgang der Industrie, was vielen einfachen Arbeitern den Job kostete, sowie bröckelnden Sozialleistungen, legte die studentische Organisation aber einen anderen Schwerpunkt. Ihr Hauptaugenmerk galt Unterstützungsmassnahmen für die Bewohner besonders hart getroffener Wohnviertel. So malten die Aktivisten etwa Plakate und Protestbanner für Demonstrationszüge gegen den Sozialabbau, oder kochten Maiscremesuppen und auf Quinoa basierende Gemüsepfannen, welche sie zusammen mit selbstgebackenen Zitronenkuchen, an Suppenküchen spendeten. Killari fühlte sich im jetzigen Umfeld pudelwohl und liebäugelte mit einem Masterstudiengang.
Bis zu jenem denkwürdigen Mittwoch zwei Monate vor den Abschlussprüfungen, an welchem sich diverse Firmen auf dem malerischen Hauptplatz der Universität, der Studentenschaft präsentierten. Als Killari herausgeputzt an den Firmenständen vorbeischlenderte, sprang ihr eher zufällig das als Hologramm in grüner Schrift dahinschwebendeWortfragment «Agro» ins Auge. Dieses Schnipsel zog ihre volle Aufmerksamkeit auf sich, was ein gewiefter Vertreter der anwerbenden Firma registrierte. Flink trat dieser zur Stellensuchenden hin und wiess sich mit übertrieben breitem Lächeln als Vertreter der Pan-Agro Kooperation aus. So führte das eine zum anderen und als der Tag zur Neige ging, war Killari stolze Besitzerin eines zweijährigen Arbeitsvertrages als Agronomin, samt einer dreimonatigen, exklusiven Zusatzausbildung im fernen Europa. Killari, derart überrascht vom grosszügigen Angebot, unterschieb den Vertrag ohne zu zögern, da sie befürchtete, diesen Glücksgriff bei einem Abwarten zu verspielen. Eltern und Geschwister zeigten sich mächtig stolz auf ihre Akademikerin und der sichtlich gerührte Vater öffnete zur Feier des Tages eine Flasche vom kostbarsten Schnaps, welcher eine halbe Ewigkeit lang im Rachenraum nachglühte.
Nach mit Bravour gemeisterten Abschlussprüfungen der schmerzliche Abschied, gefolgt von der schluchzend verbrachten Bahnfahrt ins drückend heisse Lima. Als nächstes die Reise nach Zürich in einem neuartigen Elektroflugzeug einer europäischen Luftfahrtgesellschaft, samt Zwischenstopp in London. Der Flug über den Atlantik verlief enttäuschend ruhig, denn Killari nahm die dem Wetterwandel geschuldeten, ständig turbulenteren und unberechenbaren Luftströme kaum wahr. Nur zu gerne hätte sie sich eine Kostprobe der Kraft der rauen Natur vor den ovalen Fensterluken gegönnt, aber das brandneue Kabinenstabilisierungssystemen verwehrte ihr diesen Spass. Dabei freute sie sich bei ihrem ersten Flug doch so auf die Luftsprünge, welche eine Tante beim abenteuerlichen Flug mit einer Propellermaschine durchlebte. Viel mehr behagte der Peruanerin die moderne Technik in Form eines vierräderigen Begleitroboters im riesigen Flughafen London Heathrow, welcher die Staunende sicher ans neue Abfluggate führte. An einem stürmischen Herbsttag des Jahres 2037 in der Schweiz gelandet, wurde sie am Flughafen Zürich-Kloten von einer Mitarbeiterin der Firma herzlich in Empfang genommen und gemeinsam bestiegen sie an der unterirdischen Bahnstation, den Zug in die Stadt. Killari staunte nicht schlecht, als sie erkannte, dass auf dem Treibwagen der Stromabnehmer fehlte. In der Schweiz sei die Eisenbahn nur noch mit aufladbaren Elektrobatterien unterwegs, weshalb weder Stromabnehmer noch Fahrleitungen nötig seien, erklärte ihre Begleiterin. Den städtischen Bahnhof von Zürich-Stettbach erreicht, wechselten die beiden in einen Firmenwagen samt Fahrer, welcher Killari zu ihrer neuen Bleibe in einem Aussenquartier der Wirtschaftsmetropole brachte. Die Dame vom Unternehmen redete andauernd auf die Lateinamerikanerin ein, währenddem der Chauffeur ihre Gepäckstücke leise fluchend zum Wohnhaus schleppte. Dabei nahm Killari ihren bemüht mit den Händen gestikulierenden Erstkontakt nur noch entfernt wahr und deren Erläuterungen verkamen zu belanglosem Gebrabbel. Vom Jet-Lag malträtiert, liess sie sich nach Verabschiedung der Eskorte, in ihrer befremdlich kahlen Bleibe aufs Bett fallen und schlief sogleich ein.
Am nächsten Morgen klingelte es um halb acht an der Tür. Killari, welche schon um fünf Uhr aufstand, verstaute gerade die letzten Kleidungsstücke im Schrank. Wie sie die Wohnungstür öffnete, staunte Killari nicht schlecht, als ihr ein Hüne dunklen Taines, breit grinsend gegenüberstand. «Mein Name ist Jawad und ich bin hier um dich zum Trainings-Center in der Stadt zu bringen», erklärte er in tiefem Basston. So bestiegen beide denselben Firmenwagen mit demselben, mürrisch dreinschauenden Fahrer, welcher die dynamischen Jungspunde zum Firmenkomplex im Herzen der Stadt chauffierte. Das majestätische Bürogebäude erreicht, führte Jawad die Neue in einen kleinen Kinosaal mit vornehm gepolsterten Sesseln. «Du hast jetzt das Vergnügen, dir eine viertelstündige Firmenpräsentation anzuschauen, wonach ich dich wieder abholen werde. Viel Spass!» Dies die fröhlich gesprochenen Worte ihres Guides. Sobald dieser die Tür hinter sich schloss, verdunkelte sich der Raum und ein gewaltiges, dreidimensionales Hologramm leuchtete auf. Killari erschrak sich aufgrund des plötzlichen Erscheinens der Projektion. Zwar hatte sie im Leben selbst schon einige dieser dreidimensionalen, in der Luft schwebenden Bildwiedergaben bewundert, aber weder in solch eindrucksvollen Dimensionen noch in derart gestochen scharfer Auflösung.
Zu sanft berieselnder Hintergrundmusik, entfaltete sich in Killaris Gesichtsfeld die Erfolgsgeschichte der Pan-Agro Kooperation: Es war einst ein brasilianischer Kleinbauer, der im Bundesstaat Minas Gerais frischen Mutes einen Fleck Erde mit Kaffeesträuchern bepflanzte. Dieser hoffnungsvolle Mann zeugte vor 22 Jahren eine umwerfend schöne Tochter, die sich mit einem einflussreichen Banker vermählte. Frisch verheiratet beschloss das Paar, dem Brautvater unter die Arme zu greifen. So gewährte der Banker dem kleinen Bauern dringend benötigte Kredite zur Ausbesserung der maschinellen Infrastruktur und zum Erwerb von Dünger. Dank der grosszügigen Hilfe lief es dem Landwirt immer besser, weshalb dieser auf die Idee kam, zusammen mit Schwiegersohn und Tochter, weitere, kleine Kaffeeplantagen aufzukaufen. Dadurch ermöglichte er den anderen Kleinbauern eine sichere Existenz unter seinem Patronat, was deren Lebensqualität deutlich steigerte. Aufgrund des beeindruckend erfolgreichen Konzepts stiegen die Kleinunternehmer wenige Jahre später ins brasilianische Kakao- und Baumwollgeschäft ein und im Laufe der Zeit übertrug das Dreigespann ihr Erfolgsmodell auf weitere Regionen Lateinamerikas und erschloss zugleich neue Einnahmequellen, wie etwa das Kultivieren von Bananen. So bearbeiteten sie die Agrarmärkte des globalen Südens und integrierten bald einmal notleidende Landwirtschaftsbetriebe in Subsahara-Afrika in die Familie. Dadurch konnten diese vom Kapital, als auch dem immensen Erfahrungsschatz der Gründer in den Bereichen der Kaffee-, Kakao- und Baumwollaufzucht profitieren und die Zukunft der afrikanischen Landwirte wandelte sich zum Besseren. Den i-Tupfen setzte der Einstieg in die Kautschuk-Gewinnung im asiatischen Indonesien, womit das aufstrebende Unternehmen wahrlich den gesamten globalen Süden umspannte.
Im Kampf gegen den Klimawandel und verödete Ackerflächen, wandte sich die Pan-Agro Kooperation auch noch dem Vertical Farming Geschäft zu, weshalb sie sich in den dreissiger Jahren finanziell an der Erbauung vertikaler Anbaukomplexe in Europa beteiligte. Als Dank für ihren Wagemut, wurden den charismatischen Unternehmern exklusive Betriebskonzessionen für viele der grosszügig mitfinanzierten Farmen zugesprochen. Als auch diese moderne Form der Landwirtschaft dank dem goldenen Händchen der mit einem grünen Daumen gesegneten Familie prosperierte, schloss der nachhaltige Konzern zuletzt Forschungskollaborationen mit technischen Hochschulen bezüglich der Fortentwicklung künstlich gezüchteten Fleisches. So etwa auch mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Da für die Firma schon immer das Wohlergehen der eingespannten Landwirte und deren Angestellten an erster Stelle lag, eröffnete der Konzern in ärmlichen Regionen Schulen und machte sich hinter den Aufbau einer soliden Infrastruktur, was zigtausende Menschen aus der Armut hob. Auch schrieb sich die firmeneigene Stiftung auf ihre Banner, vermehrt jungen Talenten aus dem globalen Süden eine Chance zu geben, wie zum Beispiel der indigenen Peruanerin Killari aus dem Hochplateau der Anden. Interessant, jetzt fungierte sie schon als Werbeträgerin des Grosskonzerns, dachte Killari empört. Als Abspann der Firmenpräsentation diente eine Grussbotschaft des Stadtrats von Zürich. Zum Abschluss dieser, verabschiedeten sich die zehn Ratsmitglieder unisono mit einem «Schön, das är da sind», was Killari ein paar Freudentränen entlockte, kriegte sie sich ab der komischen Laute doch fast nicht mehr ein vor Lachen. Nach jenem Spektakel wurde die Indigene mit dem ihr bevorstehenden, firmeninternen Weiterbildungsprogramm vertraut gemacht.
Im ersten Monat lag der Schwerpunkt auf dem Kennenlernen und Verstehen wichtiger Eigenschaften der später zu betreuenden Obstsorten, Gemüse, Salate und Beeren, unter besonderer Beachtung von optimalen Anbaubedingungen, effizienten Wachstums und spezifischer Fruchtqualitäten. Bei Fragen konnte sich Killari an eine ihr zur Seite gestellte, junge Dame aus dem Personalwesen wenden, die es sich gewohnt war, neue Mitarbeiter während des firmeninternen Lehrgangs zu betreuen. Mit Joanna verbrachte die Indigene in den ersten beiden Monaten ihre Mittagspausen; teils zu zweit, oder zusammen mit Arbeitskolleginnen aus dem HR. Diese gaben sich stets freundlich und die gemeinsamen Essen gestalteten sich äusserst unterhaltsam und kurzweilig. Häufig erzählen die Damen amüsante Anekdoten von vergangenen Firmenanlässen, wobei sich die abenteuerlichen Geschichten im Umfeld der Jahresendparty, von den anderen abhoben. Vermutlich weil an diesem Alkohol in Hülle und Fülle floss. Hoch im Kurs auch Erzählungen über verflossene Liebschaften. Im Laufe der Zeit bemerkte Killari allerdings, dass bei den Zusammenkünften wenig Persönliches, tiefgründiges preisgegeben wurde. So drehten sich die Gespräche kaum je um den engsten Familienkreis, wie etwa eigenen Kindern. An diesen Kulturschock musste sich Killari erst einmal gewöhnen, stand die hiesige Kultur doch diametral zum familienzentrierten Leben in den Anden. Dank langer Tage kam sie im Lernstoff gut voran, denn keinesfalls wollte sie es riskieren, diese goldene Chance zu vermasseln! Wie die Wochen verflogen, knüpfte die Indigene neue Kontakte zu Leuten, denen sie zufällig auf dem Flur begegnete. Mit der einen oder anderen Person ging Killari auch mal einen Kaffee trinken oder zusammen mit Joanna, zu dritt in den Mittag. Meistens blieb es jedoch bei einem gelegentlichen Schwatz, denn ihre Gesprächspartner mussten häufig dringend an eine Sitzung eilen, oder sorgten sich um abzuarbeitende Pendenzen. Immer wieder beteuerten die Kollegen aber, wie zufrieden sie mit ihrem Job doch seien und froh darüber, für einen solch renommierten Konzern wirken zu dürfen. Und erst all die tollen Firmenanlässe! Doch ab und an durchbrach ein unterschwelliger Frust die sonst makellose Fassade der Angestellten. So kam es vor, dass sich eine Besprechung zwischen Killari und Joanna in die Länge zog. Da die Sitzungszimmer dafür, nur für ein bestimmtes Zeitfenster gebucht werden konnten, schauten gelegentlich Teilnehmer der nächsten Unterredung hinein. Diese schienen gar nicht glücklich über strapazierte Zeitlimits, weshalb ihnen Joanna immer wieder mit den Augen oder Händen signalisierte, dass eine Auszubildende anwesend sei. Sobald die unter dem Türrahmen Wartenden die Sachlage begriffen, beteuerten diese, sich plötzlich ganz locker gebend, dass es überhaupt kein Problem darstellte, sich noch ein paar Minuten zu gedulden. Einmal stand Killari das Vergnügen zu, sich eine halbstündige, holografische Videopräsentation anschauen zu dürfen, in welcher die Konkurrenten der Pan-Agro Kooperation durchs Band schlecht geredet wurden, währenddem der eigenen Firma überschwängliches Lob zufiel. Zum Glück befand sie sich während der Vorführung allein im Raum, sonst wäre Joanna garantiert ihre wutschnaubende Verachtung für das selbstverherrlichenden Filmschaffen aufgefallen.
Der zweite monatliche Lernblock behandelte vor allem Eigenheiten des Innenanbaues, sowie Wechselwirkungen zwischen Pflanzenerde, Nährstoffzufuhr, Licht, Raumtemperatur, Luftfeucht, als auch der Luftzirkulation in den Anbauhallen. Wie im ersten Monat, klappte auch im Zweiten alles wie am Schnürchen, mal abgesehen davon, dass Killari beim Bezeugen abgedroschener Floskeln bezüglich der Güte der Pan-Agro Kooperation, gelegentlich beim Augenrollen ertappt wurde. Auch fühlte sich die Indigene am Firmensitz ein bisschen einsam. Nicht dass sie in der Firma zu wenig zwischenmenschliche Kontakte gepflegt hätte, ganz im Gegenteil. Jedoch führten genau diese sozialen Interaktionen zur misslichen Gefühlslage. Denn währenddem die Leute in ihrer Heimat ihr Herz auf der Zunge trugen und sich für andere freuten, zeigten sich ihre Arbeitskollegen zwar höchst zuvorkommend, aber eben auch reserviert, kalkulierend und von Konkurrenzdenken getrieben.
Im letzten Monat der Zusatzausbildung durfte Killari ihr zukünftiges Team kennenlernen, mit dem sie fortan jeden Donnerstag die Mittagspause verbrachte. Auch arbeitete sie sich am zukünftigen Arbeitsplatz ein, wobei sie Simulationen ihrer bevorstehenden Aufgaben durchlief. Einmal täglich kriegte das Nesthäkchen Besuch von Joanna, die sich nach ihrem Befinden erkundete und die beiden gingen weiterhin regelmässig Lunchen. Soweit entwickelte sich alles bestens, wenn da nicht die wöchentlichen Doppellektionen in Geschichte gewesen wären. Am ersten Donnerstag des dritten Monats, fand sich Killari diesbezüglich in einem Sitzungszimmer mit holografischer Leinwand ein. Neben ihr sassen zwei ältere Herren, welche von einer anderen Firma zur Pan-Agro Kooperation wechselten. Flugs schritt ein sympathischer, gut gestylter Herr durch die Tür und begrüsste die Teilnehmer herzlich zum heutigen Unterricht. Der Lehrer zählte diverse Fakten zum ersten Weltkrieg auf, welche begleitend auf der Leinwand standen. Als nächstes wurde der Kriegsverlauf auf einer interaktiven Europakarte durchgespielt. Den grausigen Höhepunkt des Nachmittags, markierten diverse kolorierte schwarzweiss Fotos von Schlachtfeldern, durchmischt mit Bildern von abgemagert in Schützengräben ausharrenden Soldaten. Ganz nebenbei leuchtete zum Abschluss der ersten Doppellektion, das dreidimensionale Abbild eines traurig dreinschauenden Mannes mit Schnäuzchen auf. Ob jemand wisse, wer das sei, fragte der Dozent. «Gravillo Princip», antwortete einer der Herren, was der Ausbildner freudig bejahte. Dieser kleine Mann habe den ersten Weltkrieg ausgelöst, erklärte der Lehrer mit mahnender Stimme. «Und meine leiben Schüler, was stellte Gravillo Princip dar?» «Einen Normalo!», rief der Herr neben Killari abschätzig, worauf die Lehrkraft mit beiden Zeigefingern auf den Kursteilnehmer zeigte und in schauspielerischer Manier den Satz «You got in man!» beifügte. Was ein Normalo denn darstelle, erkundigte sich die unwissende Killari. «Einen undankbaren, niederträchtigen Schmarotzer», die schroffe Antwort des Geschichtslehrers.
Sie mass dem Ausdruck «Normalo» keinerlei Bedeutung bei und so trafen sich die vier in der Folgewoche zur selben Zeit, am selben Ort. Auf den ersten Weltkrieg folgte der Zweite. Der Lehrbeauftragte sinnierte vom Dritten Reich, einem totalitären Staat, welcher nur eine solche Schlagkraft habe entwickeln können, weil das dem Führer blind folgende Volk, den aufziehenden Gewittersturm nicht sah. Um das einfältige Volk im Dunkeln zu lassen, mussten die Gescheiten unter ihnen, ganz besonders eine religiöse Minderheit mit gar vielen Intellektuellen, ausgelöscht werden. Aber als sich der düpierte Westen aufrappelte und als eingeschworene Gemeinschaft, angeführt von den politischen und militärischen Eliten zusammenstand, war es um die Phantasmen von einem tausendjährigen Reich geschehen, berichtete der Lehrbeauftragte voller Stolz. Kein einziges Wort zur Rolle der Sowjetunion, stellte Killari verdutzt fest.
Bei einer der selten gewordenen Unterredungen mit Joanna, sprach Killari diese auf das Fehlen der Sowjetunion im Geschichtsunterricht an. Doch Joanna drückte sich um eine Antwort herum, worauf die Indigene in erzürntem Tonfall die Frage nach dem Begriff «Normalos» hinterherwarf. Mit grossen Augen schaute sie ihre Begleiterin an: «Was, das weisst du nicht? So nennt man die Volksgemeinschaft der einfachen Arbeiter, welche je länger, desto mehr, das Wohnen in Vorstädten und ländlichen Gegenden, dem Stadtleben vorzieht.» So wie ihre Eltern also, schoss Killari durch den Kopf, worauf ihr der Kragen platze. Fuchsteufelswild stürmte sie auf den Korridor hinaus und machte sich auf die Suche nach dem Geschichtslehrer, welchem Killari einen kleinen Besuch abzustatten gedachte. Nur mit knapper Not konnte Joanna die Agronomin wieder beruhigen und zurück in die Kabine zerren. Zwei Tage später wurde Killari ins Büro des Personalleiters ihrer zukünftigen Abteilung zitiert. Bemutternd zeigte dieser Verständnis für ihre Situation, denn es müsse schwierig sein, an einem fremden Ort, mit einem dicht gepackten Ausbildungsprogramm zurecht zu kommen. Aber es stehe ihr halt wirklich nicht zu, sich dermassen ausfällig aufzuführen. Denn sie wollten doch beide nicht, dass die junge Aspirantin die Firma im Wiederholungsfall verlassen müsse, ehe sie überhaupt richtig zu arbeiten begonnen habe. Killari blieb nichts anders übrig, als sich mit zitternder Stimme für den Vorfall zu entschuldigen und zu beteuern, dass dies nicht wieder vorkommen werde. Am Abend besuchte sie eine Bar, in welcher sich die Frustrierte durch die Shots-Karte trank.
Zum Glück zeigte sie sich am Donnerstag noch dermassen beduselt, dass Killari einen Grossteil des Gelabers des Geschichtslehrers vor ihr nur gedämpft wahrnahm und ihre Hirnwindungen das Gesagte nur halbbatzig prozessierten. Auf jeden Fall hätten die Welt nach den Weltkriegen zwei gegensätzliche Systeme ergriffen, schnappte Killaris benebelter Verstand auf. Zum einen der Sozialismus, als dessen Ziel sich die Gleichschaltung sämtlicher Bürger auf bedenklich tiefem Niveau herausschälte. Zum anderen die Markwirtschaft, welche die Begabungen und Ideen sämtlicher Volksgenossen förderte und der unternehmerischen Kreativität freien Lauf gewährte, wobei der Staat eine Nebenrolle einnahm und nur bei äusserster Dringlichkeit korrigierend einschritt. Über die Jahrzehnte florierte der freiheitsliebende Kapitalismus und wuchs zur besten Gesellschaftsform heran, welche die Menschheit je hervorbrachte. Einer harmonischen Gesellschaft, in der es sämtlichen arbeitswilligen Personen immer besser ging und diese ihr Glück kaum fassen konnten, diesem mit vielen, den Alltag erleichternden Erfindungen und großartigen Gütern im Überfluss beseelten System, anzugehören. Währenddessen es den geknechteten Volkskörpern der roten Regime stets schlechter ging, bis das wahre Wesen dieser menschenunwürdigen Experimente beim Niedergang des sowjetischen Reiches, schliesslich endgültig entlarvt und deren Funktionsfähigkeit eindeutig widerlegt wurde. Zusammenfassend erklärte der chic gekleidete Mann, dass der Kommunismus alle Menschen zu Normalos mache, weshalb diese Gesellschaftsordnung mehrmals kläglich schereiterte. Die Normalos seien halt nicht die Hellsten, verkündete er mit einem Augenzwinkern, was Killaris Kommilitonen begeisterte.
Nur noch zwei Stunden, pflichtete sich die Entwurzelte bei, wie sie sich am folgenden Donnertag zum letzten Mal vor dem Geschichtslehrer hinsetzte. Dieser hatte zum Glück immer noch nichts von ihrem Ausraster mitbekommen, behandelte er Killari doch so galant wie immer. Doch trotz der überwältigen Beweislage und dem unumstösslichen Faktum, dass sich die Märkte, wie mit Hilfe einer unsichtbaren Hand selbst regulieren, begann der Lehrbeauftragte, moderten immer wieder linke Bewegungen und asoziale, selbstbezogene Politiker im Herzen unserer Gemeinschaft, welche ausufernde Staatsausgaben und Steuererhöhungen gewissenlos durchwinkten, nur um linke Wähleranteile zu gewinnen. Als Gipfel der Frechheit, gaben die unter kognitiven Verzerrungen Leidenden, den Konzernen sogar die Schuld dafür! Als ob die von brillanten Denkern geführten Unternehmen etwas dafür könnten, dass es da draußen so viele unproduktive Arbeitskräfte gäbe, welche die Firmen mehr kosteten als nutzten. Da sei es natürlich schon klar, dass sich die zuständigen Manager dazu veranlasst sähen, den Betrieb mittels technischer Hilfsmittel effizienter zu gestalten, wobei halt auch mal die Allerfaulsten über die Klinge springen müssten. Als würde der Lehrer eine grosse Rede schwingen, lobpreiste er die Konzerne, welche aus den Wirren des zwanzigsten Jahrhunderts emporgestiegen seien und auf der Welt viel Gutes bewirkten. Immer wieder hätten die Firmenkonglomerate den Normalos Beistand geleistet, als diese von grenzenloser Gier nach Konsumgütern getrieben, ihre Kreditlinien wieder mal hoffnungslos überzogen, um nach jedem daraus resultierenden Börsencrash, jammernd und händeringend nach Hilfe zu schreien. Da sich Killari keinen Ausrutscher mehr leisten konnte, fragte sie jetzt mal nicht nach der Rolle der Demokratie beim nie enden wollenden, wirtschaftlichen Aufschwung seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.
«Und selbst als größenwahnsinnige Nationalisten die Macht an sich reissen wollten, indem sie unser System mit Schimpf und Schande überzogen», fuhr der galante Herr unvermittelt fort, was Killari ein gequältes Stöhnen entlockte, «haben die lieben Konzerne dem Druck mit Leichtigkeit standgehalten und die halbstarken Quacksalber eines Besseren belehrt! Gut, somit sind wir leider fast schon durch mit der geschichtlichen Aufarbeitung unserer Vergangenheit. Zur Abrundung unseres schönen Kurses, möchte ich euch aber noch kurz aufzeigen, weshalb es dem chinesischen Reich, welches auf dem Sozialismus fusst, gelang, zum gefürchteten, roten Drachen heranzuwachsen. Denn die Erzählungen, dass die egalitäre Gesellschaftsform zu mehr tauge, als im zwanzigsten Jahrhundert nur zu oft bezeugt werden konnte, sind bloss Märchengeschichten von um jeden Preis nach Aufmerksam strebenden Wirrköpfen. Denn deren haarsträubende These kann nur schon durch die Tatsache widerlegt werden, dass nicht zuletzt das bis in die zwanziger Jahre frei zugängliche, globale Internet, den Chinesen gestattete, viel zu viele Einblicke in fortschrittliche westliche Technologien zu erhaschen. Ganz besonders gelang es den Marxisten, durch geschäftliche Kooperationen mit naiven, gutmütigen Konzernen aus Europa und Nordamerika, westliche Industriegüter wie Züge, Autos oder Flugzeuge vollgepackt mit modernster Technologie, zu erschleichen und zu kopieren. Doch die dadurch ergaunerten wissenschaftlichen Erkenntnisse, reichten noch lange nicht, um das rote Reich zum Erblühen zu bringen. Verzweifelt nach einer Lösung für dieses Problem suchend, stülpte die kommunistische Staatspartei dem Land schlicht und einfach das marktwirtschaftliche System über, mit der Ausrede, dass dies bloss mittel zu Zweck sei, indem die Regierung den ihr nicht genehmen Westen mit seinen eigenen Waffen bekämpfe. Was natürlich völliger Quatsch ist, da China in Tat und Wahrheit, schlichtweg eine kapitalistische Wirtschaftsmacht unter dem Deckmantel des Sozialismus darstellt.» War es das endlich, fragte sich Killari gelangweilt. «Mit dieser wichtigen Erkenntnis endet unser vergnügliches Beisammensein und mir bleibt nichts anderes übrig, als euch viel Erfolg bei der Verrichtung eurer wertvollen Arbeit für die Pan-Agro Kooperation zu wünschen», schloss der firmeninterne Geschichtsexperte sein mündlich vorgetragenes Pamphlet. Ohne sich beim Lehrer für die wertvollen Lektionen zu bedanken, stand Killari auf und verduftete. Sie zeigte sich einfach nur froh darüber, die letzte Geschichtslektion überstanden zu haben, denn die Wissenschaftlerin brachte es beim besten Willen nicht fertig, den offensichtlich geistig verwirrten Geschichtslehrer für bare Münze zu nehmen und hoffte dringend, dereinst eine bessere Mittarbeiterin darzustellen. Auch machte sie sich keinerlei Gedanken über seine ständigen Schuldzuweisungen und das Normalo-Bashing, da die Möglichkeit, die Ansichten des sogenannten Geschichtsexperten könnten in der Pan-Agro Kooperation, oder sogar in der ganzen Stadt, die allgemeine Sichtweise bezügliche der sogenannten Normalos repräsentieren, ihr Vorstellungsvermögen sprengte.
Gleichzeitig vermochte sich Killari an den von ihr in Peru nur bruchstückweise mitbekommenden gesellschaftlichen Wandel der westlichen Welt seit dem vergangenen Jahrzehnt zu erinnern, welcher in Lateinamerika schon immer vorgeherrscht hatte und in etwa wie folgt von statten ging:
Nachdem die ersten Wellen noch an den Klippen der Demokratie zerschellten, fluteten Nationalisten in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre die politische Landschaft. Im Zuge ihres vaterländischen Wirkens, schottete sich gar manches Land vom globalen Wandel ab, wozu manche Produktionsstätte in die alte Heimat zurückgeführt wurde und viele Staaten den heimischen Arbeitsmarkt abschotteten, sowie Migrationsströme von notleitenden Menschen aus aller Welt, größtenteils trockenlegten. Währenddem kleineren Firmen nichts anderes übrig blieb, als sich auf lokale Märkte zu fokussieren, wirkten internationale Konglomerate weiterhin in allen Herren Ländern. So blieben die globalen Fachkräfte denn auch mobil, da sie im Auftrag globaler Konzerne häufig fern der eigenen Heimat wirkten, währenddem weniger qualifizierte Arbeitnehmer in ihrer Heimat gefangen waren. Die vermeintliche Abschirmung nationaler Wirtschaftsräume führte dazu, dass nationale Dienstleister, Betriebe und Einzelfirmen unter der protektionistischen Glocke anfangs gute Zeiten genossen, die wegen der sich dadurch ausbreitenden Bequemlichkeit, stark an Innovationskraft und inspirierendem Ideenreichtum einbüßten, so dass sie in einem schleichenden Prozess, weit hinter die sich unermüdlich weiterentwickelnden, globalen Firmenkonstrukte zurückfielen. Gleichzeitig konnten die globalen Konzerne härtere Arbeitsbedingungen für ihre Fachkräfte durchsetzen, da jene mehr und mehr von ihren großen Arbeitgebern abhängig wurden, da dem Humankapital zusehends die Alternativen ausging. Als sich die Staatskassen auf Grund von Bürgersubventionen beim Kauf einheimischer, nicht mehr konkurrenzfähiger Güter allmählich leerten, erhöhten die globalen Konzerne den Druck auf die Nationalisten, da diese im Laufe der Zeit immer mehr auf edle Spenden des Grosskapitals angewiesen waren. So blieb den rechtspopulistischen Führungsriegen nichts anderes übrig, als etwa ins Wanken geratene, mehrheitlich national agierende Firmen zu Schnäppchenpreisen an die heimlichen Regenten der Welt zu verscherbeln, um genügend Einnahmen generieren zu können und um weiterhin Finanzspritzen von den Reichen zu erhalten. Gleichzeitig sah sich die Arbeiterschaft der kleineren Firmen dazu genötigt, sich von den Städten aufs Land zurückzuziehen, da deren Gehälter bei den taumelnden, heimischen Betrieben stagnierten, währenddem das Lohnniveau der agilen internationalen Fachkräfte, trotz harscher Arbeitsbedingungen weiter anzog.
