Nur temporär flexibel - Peter Keller - E-Book

Nur temporär flexibel E-Book

Peter Keller

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Beschreibung

Der um die 40 Jahre alte Paul hat trotz eines universitären Abschlusses im Bereich Wirtschaftswissenschaften, nie den Sprung auf einen soliden Karrierepfad geschafft. Vielmehr wurstelt er sich mittels temporärer Büroeinsätze im kaufmännischen Bereich und Nebenjobs als Paketkurier oder Tankstellenmitarbeiter durch. Nicht zu kurz kommen auch kurzfristige Arbeitseinsätze in der Gastronomie. Im Buch wird auf sein Erlebtes und Gefühltes während dieser Beschäftigungen und dem erlebten gesellschaftlichen Wandel, in der ach so prosperierenden Schweiz eingegangen. Dabei bezieht er wichtige menschliche, tierische und sportliche Stützen auf seinem holprigen Lebensweg mit ein. Ein zentraler Einfluss hat dabei auch der Verdacht auf ein atypisches Asperger-Syndrom.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Peter Keller

Nur temporär flexibel

Vom gutbürgerlichen Karrierepfad abgekommen, schlägt sich Paul sich mit temporären Übergangslösungen herum. Dabei erhält er Einblick in verschiedene Arbeitsfelder und lernt dabei eine bunte Mischung von menschlichen Charakteren kennen. Er sucht dabei sein Seelenheil ausserhalb der Arbeitswelt.

Inhaltsverzeichnis

Run for your life

Im Tagesrhythmus

Hallenbad

Paw Patrol

Basel Mulhouse

Der Pro

Polki

Bummelzug

Etikettieren

Wöchentlicher Einkauf

Crowd Money

Zerbrechlich

Testreihe

Pauls Evaluation

40 Fragen

Jobinterview (x)

Pimpic

Cooney

Lebenserhaltungsmassnahmen

Waldhof

Alles in Stürmen rings

Drei Nachmittage

Karim

Spätsommermorgen

Praktikum und Selbstreflektion

Spengler Cup

Number one

Chinesischer Wald

Drei Schichten Prinzip

Abklärung Kasimirov

Morra

Feuer in der Nacht

Zwei Hochzeiten

Licht und Schatten

Stauffacher Medien

Frühlingserwachen

Der Abgang

WTF

Neue Route

Corona

Meditation in grau

Träumereien

Fantasia

Meat balls

120'000’000

Ralph am Ziel

Brave new world

Kurierfahrer

Alessandro und Jeanne

Willensleistung und Einsicht

Basta

TreuImmo

Keine Spur

Langlauf Revival

Nachzahlen

Egomania

Sonnenbier

Schattenarbeit

Spaziergang

Schlussgang

Run for your life

Langsam erwachte er aus einem Traum. In der Ferne spielte sich die Weckmelodie vom Smartphone in die letzten Atemzüge des nächtlichen Schlafs. „Wake up, run for your life with me“, von den Foo Fighters. Solide Rockmusik. Die Melodie eines Lieds, das zu seiner Situation passte: aufstehen und weitermachen, wie an so manchem Tage zuvor. Der Krampf um sein täglich Brot. Um ein paar Brotkrümel, in Form einer bescheidenen Anzahl verschiedenfarbiger Geldscheine. Traumtrunken tastete er nach dem Gerät, auf dessen Anzeige in penetrantem Gegensatz zur frühmorgendlichen Ruhestätte, die Ziffern 06:30 grell leuchtend in der Dunkelheit brannten. Geblendet drückte Paul das Snooze Icon und zog die Decke noch etwas weiter über seinen Kopf. Fünf Minuten später ertönten die hartnäckig an seinen Nerven zerrenden Klänge erneut. Widerwillig swipte Paul das Deaktivierungssymbol nach rechts und kroch aus dem warmen Bett. Selbstdisziplin hörte sich so einfach an, wenn vorgenommen, erwies sich aber als harte Nuss, wenn wirklich ausgeführt. Verschlafen ins Bad getorkelt, begann sein übliches Morgenritual mit dem Einseifen von Hals und Gesicht mit Rasierschaum. Eingeschäumt schlich er unsicher durch die verdunkelte Wohnung und öffnete die Balkontür, wobei ihn eine kühle Brise umhüllte. Auf freien Hautpartien formte sich Gänsehaut, währenddem Paul leicht zitternd auf einen ertasteten Balkonstuhl plumpste. Langsam übers Gesicht gleitend, kappte der Wegwerf-Rasierer widerspenstige Bartstoppeln. Pauls Augen auf die sich zufällig als Pflanzensamen in einem tönernen Topf niedergelassene und vorzüglich entwickelnde Ringdistel fixiert. Am Stil sprossen lange, dünne Blätter, um deren Blattadern sich parallel nach links und rechts, symmetrisch angeordnete, furchterregende Stacheln hervortaten. Tautropfen widerspiegelten die grüssenden Strahlen der aufgehenden Morgensonne, das Gewächs in ein funkelndes Gewand hüllend. Als sei die lebensspendende, sanfte Wärme der Pflanze Lohn für die widrigen Bedingungen, in der von Ihrem Vorgänger zurückgelassenen, nährstoffarmen Gartenerde. Als sprühe die Distel vom Lichtspiel der glitzernden Wassertropfen auf Ihrer Epidermis umwoben, vor Freude. Im Bann des Naturschauspiels die Rasur überstanden, schritt Paul in die Küche um den Wasserkocher für seine zwei bis drei morgendlichen Kaffee bereit zu machen. Genügend Wasser aufgebrüht, wurde die erste Tasse mit einer Mischung aus siedendem Wasser, Kaffeepulver und einem Schuss Milch befüllt und die würzig duftende Mischung kräftig gerührt. Sich einen tüchtigen Schluck gegönnt, ging Paul lauwarm duschen. Erfrischt im Tag ankommend, schlüpfte er in die aus einem paar Boxer Shorts, schwarzen Socken, einer schwarzen Anzugshose und bequemen T-Shirt zusammengesetzte Werktags-Kleidung. Für des Tages Aufgaben gerüstet, schaltete der Suchende den PC an und loggte sich bei Coople.ch ein. Geschwind durch etliche Stellenangebote scrollend, identifizierte Paul nach kurzer Zeit einen interessanten Kandidaten für einen Tagesauftrag: Servicemitarbeiter für Firmenevent im Hotel Radisson Blu, gleich beim Flughafen Zürich. Heute von 08:30 bis 17:30. Er klickte auf den Bewerben-Button und bestätigte sein Interesse mit nochmaligem Drücken der linken Maustaste. Nun galt es abzuwarten, ob seine Bewerbung akzeptiert oder abgelehnt würde, was normalerweise innerhalb der nächsten 30 Minuten geschah. Paul goss sich die zweite Tasse Kaffee ein und durchstöberte zwischenzeitlich das Internet nach neusten Sensationsmeldungen aus aller Welt. Zwanzig Minuten später surrte sein Smartphone und Paul nahm den Anruf entgegen. „Ja Hallo?» «Das ist richtig, ich habe mich für den heutigen Einsatz beworben. Schwarze Hose, weisses Hemd, schwarze Lederschuhe. Habe ich alles. Spätestens fünf Minuten vor Arbeitsbeginn bei der Rezeption melden. Alles klar, bis später“. Nach zwei erfolglosen Morgen konnte er sich heute wieder mal einen der heiss begehrten Tageseinsätze ergattern. Die Bus- und Zugverbindungen von Erlenbach an den Flughafen waren ihm von früheren Einsätzen in dieser Umgebung schon geläufig. Schnell stürzte er den Kaffee herunter und schruppte sich die Zähne. Die Mundspülung ins Lavabo gespuckt, zwängte Paul seine Füsse in ein paar dunkle, lederne Geschäftsschuhe, streifte die Winterjacke über und ergriff seinen am Vorabend präparierten Rucksack. Dieser bepackt mit weissem Hemd samt Unterleibchen, einer kleinen Cola Zero Flasche und – besonders wichtig – einem Deodorant Spray. Die Hilfskraft verschloss die Wohnungstür und machte sich auf den Weg zum öffentlichen Verkehrsmittel. Die Busstation lag bloss 100 Meter entfernt und Werktags fuhr das regionale Beförderungsmittel morgens und abends sogar halbstündlich. So auch an diesem Dienstag. An der Haltestelle trudelten fröhlich tratschende Schulkinder auf Kickbords ein, sowie, konträr zur kindlichen Leichtigkeit, mit ernster Miene herbeischreitende Erwachsene in vornehmen Anzügen. Trotz der gedämpften Stimmung der Berufstätigen, empfand Paul ein bisschen Neid, denn vermutlich krampften diese für wesentlich mehr als CHF 23 die Stunde, exklusive Abzüge. Kaum kam das mit tiefem Brummton heranbrausende Gefährt pünktlich zum Stehen, drängten die Menschen hinein, in der Hoffnung auf einen der begehrten Sitzplätze. Dasselbe Spiel wiederholte sich beim hastigen Besteigen der S16 ein paar Minuten später am Bahnhof. Zum Glück pendelte dieser Zug bis zum Flughafen Zürich-Kloten. Den Flugplatz erreicht, marschierte Paul in nördlicher Richtung durch die untere Check-in-Halle. Diese Überwunden, durchschritt er gähnend den direkt zum Hotel Radisson Blu führenden Verbindungskorridor, der kurze Spaziergang vom ungewohnten Donnern losgelassener Düsen-Jets begleitet. In Bezug auf die Sprachenvielfalt der ihm begegnenden Flugpassagiere, vernahm der Hellhörige aber keinen Unterschied zum Volk auf Dorfbus und S-Bahn. Paul zeigte daran durchaus Interesse, konnte er zum Zeitvertrieb doch versuchen, möglichst viele Sprachen und Akzente aus der Redewolke herauszuhören. Vom sprachlichen Potpourri eingenommen, fand sich der Tagträumer plötzlich vor einer Hotelrezeption, wo sich bereits ein knappes Dutzend einsatzwillige Frauen und Männer die Füsse vertrat. Von der Vollständigkeit der Gruppe überzeugt, lass eine Dame von Coople.ch in bayerischem Akzent Nachnamen von einer Liste herunter, denen Sie gleich Tagesaufgaben zuordnete. Schliesslich stellte sie den Gruppenverantwortlichen für diesen Einsatz namens Aarif vor, welcher die Einzelheiten des bevorstehenden Tages so verständlich wie möglich erläuterte. Die Tätigkeiten bestanden im Wesentlichen aus dem Bedecken der Tische im Restaurantbereich, Servieren von Speis und Trank, gefolgt vom Zusammentragen von Tellern, Gläsern und Besteckstücken für den Abwasch. Zuletzt sollte in der Hotellounge ein kleiner Apéro an Bistrotischen betreut werden. Abräumen und Säubern von Champagnergläsern und Gebäckschalen, blieb der Einsatzgruppe vom Spätdienst vorbehalten. Als Kunde entpuppte sich eine internationale Consultingfirma, die im Hotel ein optimiertes «Success Optimization Management» Seminar abhielt. Der Arbeitsfluss von Hektik durchdrungen, liess den Schluss zu, dass es sich bei der Servicemannschaft nicht um ein eingespieltes Team, sondern um eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Tagelöhner handelte. Der auftretenden Unordnung stemmten sich glücklicherweise beigemischte Festangestellte der bekannten Hotelkette entgegen, was sich im für Gastronomieeinsätze üblichen Befehlston manifestierte. Deren Härte verstörte zwei augenscheinlich ihre erste Schicht bestreitende Damen, stellte für den Resten der Mannschaft aber längst gewohnte Routine dar. Improvisationsgeschick erwies sich sowieso als Mass aller Dinge bei solchen Aufträgen. Auffällig der grosse Anteil an weiblichen Studentinnen, die bei Aufgaben mit Kundenkontakt besonders begehrt. Deren Beleibtheit bewirkte bei Paul und einem weiteren Herrn mittleren Alters, bei höchstens einem Zehntel aller Ausschreibungen im Gastronomiebereich zu reüssieren. Deshalb spezialisierte sich Paul auf Expresseinsätze, da deren Zusage-Rate dank der Kurzfristigkeit, wesentlich höher. Aufgrund seines teils etwas amateurhaften Gebaren bei Besteck-Platzierung und Speiselieferung, beobachtete er zu lernzwecken das Werken einer professionellen Servierdame beim Abräumen. Flink schob diese ihre linke Hand zwischen Teller und Tischtuch und hob das Geschirrstück schräg an. Mit einer Gabel in der Rechten, streifte sie noch immer fein duftende Gemüsereste auf ein zweites, darunter platziertes Gedeck. Dabei erzeugte die Reibung zwischen metallener Gabel und Keramikoberfläche ein scharfes Kratzen, wobei Paul bei jedem Gabelwischer von neuem, ein leichtes Kribbeln die Wirbelsäule hinunterjagte. Den ersten Teller gesäubert, folgte der Zweite. Das gleiche Spiel wiederholte sich so lange, bis der linke Arm der Kellnerin unter der steigenden Last ermüdete und sie den weissen Turm samt Messern und Gabeln, auf ein holzfarbenes Kunststofftablett hievte. Damit schlängelte die Dame geschickt zwischen Tischen und Stühlen hindurch, um in die Küche zu entschwinden. Das Kratzgeräusch weckte bei Paul Erinnerungen ans Herausarbeiten von Weinflaschen aus schützenden Styroporhüllen, im kühlen Keller seiner Grosseltern. Damals überzog beim Ton von quietschendem Styropor, ein wellenförmig fortschreitendes Kribbeln seine Haut, was sich zugleich angenehm und abstossend anfühlte. Die Consultants zeigten sich kultiviert und zuvorkommend, was durchaus nicht immer der Fall bei dieser Menschengattung. Wahrscheinlich hatte man Ihnen eingebläut, die Firma zu jedem Zeitpunkt nach aussen professionell zu repräsentieren und stets bescheiden aufzutreten. Besondere Auffälligkeiten gab es am heutigen Tag kaum zu vermelden. Nur einmal stiess eine mit Speisen befüllten Tellern in den Restaurantbereich stürmende Kellnerin, mit einer ihr entgegenkommenden, ein Tablet leerer Gläser balancierenden Kollegin zusammen. Als Konsequenz des Malheurs ging eines der Gläser zu Bruch und die Bluse der Tellerträgerin wandelte sich in ein modernes Kunstgemälde. Dies führte bei den sonst sehr seriös anmutenden Seminarteilnehmern zu einer gewissen Belustigung. Bei Aarif jedoch, zu einer Tirade von in keinem Wörterbuch auffindbaren, arabisch anmutenden Flüchen. Eine Stunde verspätet endete Pauls Arbeitstag schliesslich um 18:30, als die letzten Seminarteilnehmer nach ein paar Apéro Drinks, nun nicht mehr so bescheiden auf Ihre Zimmer torkelten. Überstunden begrüsste dieser sehr, bedeuteten sie doch eine zusätzliche Vergütung von 20 Prozent die Stunde. Deswegen konnte er sich anschliessend am Flughafen ein für seine Verhältnisse exquisites Abendmahl gönnen. Während der wohl verdienten Verköstigung, lud die Aufbruchstimmung am Verkehrsknotenpunkt, den Geschaffenen zum Träumen vergangener Reiseabenteuer ein. Vom kühlen Nass und warmen Sand, kaltem Schnee und heissen Kafi Lutz. Eine Erlebniskulisse von Sizilien bis ans Nordkap, von Asien bis Amerika. Welch unbeschwerte Stunden und Tage, fast ohne Gedanken an die graue Alltagslast regnerischer Tage. Genüsslich schnabulierte Paul die vor lauter Tagträumerei schon halb zerlaufene Vanille Glace und machte sich vom Acker. Zuhause angekommen, huschte er in den Ruheraum und sehnte, erschöpft aber zufrieden auf sein Bett fallend, dem Schlaf entgegen.

Im Tagesrhythmus

Am nächsten Morgen lockte derselbe eintrainierte Tagesbeginn, wobei heute mit weniger Einsatzglück gesegnet. So wandte sich Paul einer weiteren Routinetätigkeit zu: dem Umgarnen von festen oder temporären Verdienstmöglichkeiten im kaufmännischen Bereich. Für diese Art von Beschäftigungstherapie zeigte er sich theoretisch bestens gerüstet. Ein abgeschlossenes Volkswirtschaftsstudium an der Universität Zürich, erfolgreiches Bestehen aller drei Stufen der zugegebenermassen medial etwas aufgeplusterten, aber sehr wohl renommierten und international, nein sogar global, anerkannten Weiterbildung zum Finanzanalytiker vom CFA-Institute und als Sahnehäubchen, ein Diploma of Advanced Studies in Controlling, ausgestellt von der Fachhochschule Nordwestschweiz. Dabei kreiste bei den ersten beiden Studiengängen alles um Können und Disziplin beim Lernen, der Dritte erwies sich mit Kursgebühren von rund 12‘000 Schweizerfranken, vor allem als kostspielig. Geld, welches Paul im Nachhinein vielleicht besser für das von Ihm so geschätzte Reisen verpulvert hätte. Aber im Nachhinein ist man meistens schlauer. Oder glaubt es zumindest. Bei der Gilde der Kaufleute legte er sein Augenmerk auf Ausschreibungen in den betriebs- und finanzwirtschaftlichen Segmenten. Das Projekt Volkswirt legte er schon vor langer Zeit ad acta, entsprach er bei Sichtung des universitären Notenblatts, doch nur einer studentischen Kraft von durchschnittlicher Güte. Trotz einer Durchfallrate von annähernd 50 Prozent bei einem universitären Wirtschaftsstudium in der Schweiz, genügte es im volkswirtschaftlichen Bereich bei weitem nicht, bloss das Studium zu überstehen. Nein, man musste auch noch zu den Besten aller Überlebenden gehören. Das passierte halt bei einem Übergewicht von Absolventen in Relation zu offenen Stellen. Das unbarmherzige Spiel von Angebot und Nachfrage. Doch dieser erste Dämpfer lag schon Jahre zurück. Nun bedurfte es vielmehr einer anständigen Teil- oder Vollzeitstelle, deren Lohn zumindest für Wohnungsmiete, Lebenshaltungskosten, sowie gelegentlichem Ausgang am Wochenende genügte und Paul im besten Fall auch einmal im Jahr eine längere Ferienreise erlaubte. Eigentlich wusste der Anrennende gar nicht so recht, wo er sich noch bewerben sollte. Schien es ihm doch, als habe er schon jedes halbwegs bekannte Unternehmen in der Schweiz abgeklappert. Dies verlangte nach einer Öffnung des Suchspektrums. Umfassen tat diese Ausweitung Einsätze bei Coople.ch, kurzfristigen, temporären Engagements im kaufmännischen Bereich und Verkäuferjobs bei Läden und Tankstellen. Da erst Mittwoch, konnte er die unangenehmste Aufgabe im Suchprozess noch zwei weitere Tage herauszögern, da sich Paul jeweils bis am Freitag Zeit gab, um seine wöchentlichen E-Mails zu checken, worunter auch Stellenabsagen. Wenn sich kein Tageseinsatz bei Coople.ch ergab, nahm sich Paul zumindest vor, am Morgen jeweils drei seriöse Bewerbungen abzusenden. Dabei rotierte er im Tagesrhythmus zwischen Stellen in den kaufmännischen Bereichen des sogenannten „Controllings“, der Buchhaltung, der Finanzanalyse und kaufmännischen Assistenzpositionen, sowie Arbeitsmöglichkeiten im Verkauf. Nicht länger in Betracht zog er Anstellungen als Lehrer. Denn unser wackerer Kämpfer musste sich an allen drei Vorstellungsgespräche in diesem Metier von der jeweiligen Schulleitung anhören, dass es zum im Zaume halten von jugendlichen und erwachsenen Schülern, einer grösseren Portion natürlicher Autorität bedürfe.

Hallenbad

Nachmittags radelte Paul regelmässig mit dem Mountain Bike zum Hallenbad in Meilen oder Zollikon, wo er 1 bis 1.5 Kilometer durchs Wasser pflügte. Je nach Lust und Laune ergaben sich auch mehrstündige Radtouren in der näheren Umgebung. Diese Aktivitäten schienen Paul durchaus mit Arbeit vergleichbar, mit dem Unterschied, dass seine körperliche Fitness, anstatt sein Bankkonto wuchs. Heute bevorzugte er das kühle Nass in Meilen. Zu Mittag gegessen, schlüpfte er in Trainerhose und Jacke, band die Schnürsenkel seiner leichten Turnschuhe und montierte den weissen Fahrradhelm. Der Weg ans Ziel stellte für sich allein schon mehr als ein gemütliches Aufwärmen dar. Führte die Strecke doch über ansteigende Quartierwege und abfallende Nebenstrasse, mitsamt einer zirka 300 Meter langen Schlusssteigung, die in den Oberschenkeln brannte. Die Anfahrt überstanden, löste der Sportliche am kürzlich installierten Billett-Automat eine Eintrittskarte, um möglichst unerkannt und völlig verschwitzt, zu den Umkleidekabinen zu schleichen. Trotz leisen Sohlen von einer Mutter samt Kind ertappt, liess Paul diese von Anblick und Geruch irritiert, entsetzt staunend zurück. Nach kurzer Dusche umgarnte ihn beim Einstieg ins Schwimmbecken das ruhige Wasser, als er tief durchatmend loslegte. Es dauerte jeweils eine Weile, bis der Schwimm-Rhythmus geeicht. Seine Arme nach vorne stossend, glitt er mit ausgestrecktem Körper durchs Medium. Einen Augenblick später, drückte Paul die Arme kraftvoll nach aussen, bis diese senkrecht zum Leib standen. Daraufhin zog er beide zum Rumpf zurück, um diese in der Folge erneut in Schwimmrichtung nach vorne zu pressen. Synchron zum Hinausdrücken der Arme, zog der Schwimmer seine Beine in Richtung Hüftbereich und liess sie wie ein Frosch beim Absprung, wieder nach hinten schnellen. Das Wasser kräuselte Pauls Gesicht, als er Fahrt aufnahm und bald agierte sein Bewegungsapparat wie von selbst. Seine volle Konzentration galt diesem Ablauf. Alles gestaltete sich einfach und klar, denn er wusste genau was es als nächstes folgte und wohin ihn dies führen würde. Ja, beim Schwimmen zeigte sich Paul als wahrer Könner. Aber nicht bloss im Wasser ein Kraftakt von Nöten, um nicht unterzugehen! Der Sportliche erfüllte seine Zielvorgabe von 1000 Metern in knapp einer halben Umdrehung des Stundenzeigers. Mit schweren Beinen und frischem Kopf, begab er sich zurück in die Umkleide. Neu ausstaffiert, trampelte das kleine Multitalent zufrieden nach Hause, um den Tag gemütlich ausklingen zu lassen.

Paw Patrol

Am Donnerstagmorgen ward ihm das Glück auch nicht hold, weshalb er an den drei für diesen Fall vorgesehenen Bewerbungen im Bereich der Buchhaltung herumtüftelte. Nach getaner Arbeit fieberte er dem Highlight der Woche entgegen, denn am Donnerstagnachmittag und -abend half Paul jeweils seinen Eltern beim Hüten vom ersten Kind seiner zweiten Schwester. Der Nachwuchs ein gut zweijähriger Junge namens Alessandro. Zum Erreichen der stolzen Grosseltern, nahm der Onkel die S6 nach Meilen, wo ihn sein Vater und Alessandro am Bahnhof freudig begrüssten. Die elterliche Bleibe erreicht, wurde Paul vom Wildfang erst einmal enthusiastisch mit seinen neusten „Paw Patrol“ Plastikfiguren vertraut gemacht: Blaze, dem strahlenden Rettungshund in blauem Gewand mit gespitzten Ohren, einen Raketenrucksack auf dem Rücken befestigt, der ihm erlaubte, herumzufliegen. Als auch Everest, der alpinen Hündin hinter dem Steuer eines rosaroten Pistenfahrzeugs, mit welchem sie verschüttete Lawinenopfer bergen konnte. Nach gut einer Stunde auf Patrouille, setzte sich Alessandro auf den abgenutzten Plastiklastwagen, an dessen Lenkrad ein Seil befestigt. Dieses ermöglichte Paul, den Kleinen kreuz und quer durchs Grundgeschoss des Hauses zu ziehen. Rennend versteht sich! Danach folgte das Spektakel Abendessen. Der Gurkensalat wurde für einmal ohne allzu viel Kleckern vertilgt. Während der Hauptspeise Kartoffelpure mit gedämpften Rüben, errichtete Paul im Auftrag des Neffen einen Turm aus Gewürzgläsern, der mit Alessandros Beihilfe, zu seiner Freude und zum Schrecken der Grosseltern, zuerst ins Wanken geriet und schliesslich auf eine Schüssel voller Speisen krachte. Nach gierigem Konsum des mit viel Sahne verzierten Vanille- und Schokoladepuddings zum Dessert, stand die Smartphone-, bzw. Telefonsession bevor. An diesem Abend zusammengesetzt aus drei Trickfilmfolgen von Shaun, dem Schaf. Zu guter Letzt wurde das Kind, dessen Augenlieder immer schwerer, mit frischen Windeln ausgestattet zu Bett gebracht. Sich dabei trotz nachlassender Energie erstaunlich widerspenstig zur Wehr setzend. Erschöpft, aber jedes Mal aufs Neue inspiriert vom kreativen Tatendrang des Windelflitzers, machte sich Paul auf den Heimweg. Auf der S-Bahn zurück nach Erlenbach, gedachte er jenem sonnigen Julinachmittag, an welchem er seinen Neffen zum ersten Mal bestaunen durfte. Hastig schritt Paul zwei Stufen auf einmal erklimmend, die Treppe zur Spitalterrasse empor, wo Schwester und Schwager unter einem Sonnenschirm weilten. Doch die beiden für ihn an diesem Tag zweitrangig. Umso mehr galt seine Aufmerksamkeit der Kinderkrippe zwischen den frischgebackenen Eltern. Beiläufig zur gut überstandenen Geburt gratulierend, richtete sich sein Augenmerk auf das winzige Wunder der Natur. Mit weisser Mütze döste dieses im wohlig weichen Bettchen friedlich vor sich hin, dabei die kleinen Händlein langsam öffnend und schliessend. Als ob im Rhythmus zur klassischen Musik im Hintergrund, die zur Beruhigung und Stärkung der kognitiven Fähigkeiten des neuen Lebens gedacht. Diesem friedlichen Schauspiel gesellten sich entzückt die frischgebackene Tante samt Ehemann hinzu. Zur Feier des Tages wurde Champagner bestellt und nach zwei unterhaltsamen Stunden für Mutter und Kind an der Zeit, sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen. Behutsam hob Pauls Schwester den inzwischen aufgewachten Allessandro aus der Krippe, wobei der Kleine zur Freude der Anwesenden gähnte. Behutsam legte Ursina das frischgebackene Clanmitglied in die Arme des Onkels, was diesen wegen fehlender Erfahrung im Umgang mit so fragilen Geschöpfen, sichtlich nervös machte. Die Anspannung des Onkels erahnend, öffnete Allessandro seinen Mund, um lauthals gegen diesen Umstand zu protestieren. Aber von der strapaziösen Geburt noch geschwächt, reichte die Kraft dafür noch nicht und der kleine Mund schloss sich wieder. Während dem sanften Wiegen des Geschöpfs in seinen Armen, entwickelte sich eine seltsam angenehme Wärme in Pauls Bauchgegend, welche langsam auf den ganzen Körper überging. Irgendwie anders als alles, was er je empfunden hatte – irgendwie gut! Diesem Gefühl frönend, reichte Paul nach ewig andauernden Momenten, den Kleinen widerwillig an dessen Tante weiter, die ihn mit einem breiten Grinsen im Gesicht entgegennahm. In hormonellem Schwebezustand machte sich der Neo-Onkel kurze Zeit später auf den Heimweg. Wie gerne er doch noch lange in dieser Gefühlslage verweilt wäre. Ohne Gedanken an den bedrohlich rasch näherkommenden Montagmorgen und dem damit verbundenen, sich unendlich dehnenden, zweieinhalbstündigen Arbeitsweg hin zum Flughafen Basel-Mulhouse!

Basel Mulhouse

Ach ja, der Einsatz am Flughafen Basel-Mulhouse. Dieses heitere Vergnügen hiess er zwei Monate nach Ablauf seiner Berechtigung auf Arbeitslosengelder, höchst gerne willkommen! Fühlte es sich während der Zeit ohne Geldzufluss doch unheimlich an mit anzusehen, wie schnell sich sein Bankkonto leerte. Was über einen längeren Zeitraum mühsam angespart, zerrann in viel kürzerer Zeit unaufhaltsam. Dabei meinte Paul die Fragilität der Situation des durchschnittlichen Arbeitnehmers zu erkennen. Die Ersparnisse einem sicheren Polster gleichend, schmolzen in einkommensarmen Phasen, nicht zuletzt der hohen Lebenshaltungskosten wegen, bedrohlich rasch dahin. Die halbjährige Beschäftigungsmöglichkeit umfasste hauptsächlich buchhalterische Sacharbeiten, gespickt mit ein paar wenigen finanzanalytischen Berechnungen. Diese Gelegenheit in der administrativen Abteilung, eröffnete sich Paul aufgrund der hohen Fluktuationsrate im besagten Betrieb. Die Aufgaben im samt ihm acht Personen umfassenden Buchhaltungsteam, setzten sich aus scannen und erfassen von Rechnungen in standardisierten Vorlagen auf dem PC, sowie dem Abpacken von Originalbelegen für den physischem Versand ans Rechenzentrum in Deutschland, zusammen. Zusätzlich begleiteten Paul und Daniel, so der Name des zweiten temporären Angestellten in der Gruppe, die Übergabe deren Aufgaben an neue, polnische Mitarbeiterinnen. Polnisch deshalb, weil sich IPS auf die Fahnen schrieb, möglichst alle buchhalterischen Aufgaben sämtlicher europäischen Tochtergesellschaften, in einem Service Center in Polen zu zentralisieren. Zweck der Übung ein effizienterer Ablaufprozess, sowie eine Minderung der dabei auflaufenden Kosten – also auf gut Deutsch Profitmaximieren. Doch damit noch nicht genug. Zur Buchhaltungsabteilung gesellten sich im Grossraumbüro in Basel die MitarbeiterInnen von Auftragsabwicklung und Beschwerdemanagement, welche mit der Auslagerung eines Teils derer Tätigkeiten nach Dublin, dasselbe Schicksal fristeten. Die Sprachbarriere zwischen den deutschsprachigen Kunden in der Schweiz und dem Service Center im englischsprachigen Dublin wurde umschifft, indem die Firma die relevanten Stellen zu irischen Lohnverhältnissen in Deutschland ausschrieb. Offenbar tummelten sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt genug Subjekte, die aus jugendlicher Abenteuerlust bis hin zu schieren Existenznöten, Bereitschaft zeigten, ihr Dasein zu einem tiefen Lohn, fünf Tage die Woche, in einem irischen Call Center zu fristen. Wohnen sollte die deutschstämmige Belegschaft in vom Unternehmen gegen Bezahlung zur Verfügung gestellten Zimmern. Dies in aus IPS-Mitarbeitern gebildeten Wohngemeinschaften, am Stadtrand der typischerweise verregneten Metropole. Lieber einen tiefen Lohn in Irland zugesprochen erhalten als gar keiner bezahlten Beschäftigung in Deutschland nachgehen! Das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage eben. Bei der ganzen Tragik der Auslagerungsaktivitäten für die betroffenen Beschäftigten am Flughafen, ergab sich eine kuriose Nebensächlichkeit. Zwar bewegte sich das Lohngefüge in den oben erwähnten Abteilungen in der Bandbreite eines höchst mittelmässigen Schweizer Sachbearbeiter-Lohns, was jedoch aufgrund der geographischen Gegebenheiten des im Westen ans französische Elsass und im Norden an den süddeutschen Raum grenzenden Standort am Flughafen Basel-Mulhouse, dem Angebot an Arbeitswilligen keine Abstriche zollte. Die Konsequenz daraus ein Überhang an französischen und deutschen Grenzgängern. In den vom lokalen Stellenabbau betroffenen Teams, musste deshalb nur eine einzige in der Schweiz niedergelassenen Person über die Klinge springen: Paul. Da dieser bei Stellenantritt seit zwei Monaten ausgesteuert und deshalb nicht mehr in der offiziellen schweizerischen Arbeitslosenstatistik aufgeführt, würde die Schweiz nach besagter Restrukturierung offiziell keinen einzigen Stellensuchenden mehr verzeichnen. Gelegentliche Spannung kam beim Job weniger aufgrund interessanter Aufgaben, sondern vielmehr wegen der unsicheren Lage auf. Da der Umfang des Verlagerungsprogramms nach Polen und Irland bei Pauls Stellenantritt noch ungewiss und sein Arbeitsvertrag mit einer Klausel versehen, deren Inkrafttreten das sechsmonatige Beschäftigungsverhältnis, jeweils per Ende Monat, abrupt aufzulösen vermochte. Als Gegenpol durften sich er und Daniel zumindest in der Frühphase ihrer Engagements, aber durchaus auch Hoffnung auf eine Festanstellung machen. Dieser Silberstreifen am Horizont korrodierte schon nach einem Monat empfindlich, als bekannt wurde, dass die Verlagerung eines Teils der Buchhaltung nach Polen nun definitiv. Jedoch machte ihnen der Abteilungsleiter der Administration, Jacque, gewisse Hoffnung darauf, den beiden nach dem halben Jahr vielleicht in der Auftragsabwicklung, oder im Beschwerdemanagement Unterschlupf zu gewähren.

---ENDE DER LESEPROBE---