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Kursbuch 172 E-Book

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Beschreibung

Gut leben will jeder. Doch nicht allen gelingt es. Was macht ein gutes Leben aus und welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein? "Schon Aristoteles wusste, dass die Glückseligkeit als Ziel des guten Lebens, zwar selbst erstrebt werden muss, aber durchaus von Bedingungen abhängig ist, die wir nicht allein in der Hand haben", heißt es im Editorial des Kursbuchs 172. Von dieser aristotelischen Vorgabe ausgehend, sprechen unter anderem Tobias Esch, Jürgen Dollase, Christina von Braun und Herfried Münkler über die Bedingungen der Möglichkeit des guten Lebens und zeigen auf, wie man über das gute Leben nachdenken könnte.

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Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Inhalt

Armin Nassehi

Editorial

Ines Pohl

Brief einer Leserin (2)

Armin Nassehi

Gut wirtschaften

Die anschwellende Werteorientierung in der Unternehmenskommunikation

Christina von Braun

Wir zahlen alle den Preis des Geldes

Auf der Suche nach einer neuen ökonomischen Rationalität

Tobias Esch

Wie kann man Glück lernen?

Eine medizinisch-biologische Einkreisung

Jürgen Dollase

Gut essen

Ein Aufruf zur kulinarischen Selbstbeschränkung

Peter Berner

Neues Wohnen

Anders leben als gewohnt – Vom Glück in Stadt und Heim

Hans Förstl

& sterben

– mit Alzheimer

Gian Domenico Borasio

Gut sterben – wie geht das?

Gedanken und Erfahrungen eines Palliativmediziners

Friedrich Wilhelm Graf

Dient Religion dem guten Leben?

Ein Plädoyer gegen jede Selbstverabsolutierung

Herfried Münkler

Wann marschieren wir ein?

Militärische Interventionen als Exportmärchen guten Lebens

Peter Felixberger

Gut : Gerecht

Paradoxe Begründungswelten in Politik und Wirtschaft

Anhang

Autoren

Impressum

Die Beiträge von Thomas C. Boyle, In guten Händen. Eine Erzählung und Reinhard K. Sprenger, Leadershit. Gut managen – und was wir damit anrichten. finden Sie in der gedruckten Ausgabe.

Armin Nassehi

Editorial

Leben alleine reicht nicht. Zumindest für Menschen hat das bloße Leben noch keinen Informationswert. Das liegt daran, dass das Leben auch verfehlt werden kann – sonst könnten wir nicht gut leben. Leben muss qualifiziert werden, es ist keine rein biologische Kategorie, sondern eine soziale, oder besser: eine prozessuale – aber wahrscheinlich ist das exakt unsere Biologie. Die Kategorie des guten Lebens, wie wir sie spätestens seit Aristoteles kennen, ist von zwei Charakteristika geprägt: von ihrer teleologischen Struktur und ihrer Unerreichbarkeit. Teleologisch, weil es um ein Ziel geht, und zwar ein Ziel, das um seiner selbst willen wertvoll ist; unerreichbar, weil das Streben Bedingung des Teleologischen ist. Das gute Leben findet nicht einfach statt beziehungsweise ist nicht einfach da, sondern muss gewollt, erstrebt, geführt werden.

Dabei wusste schon Aristoteles, dass die Eudaimonie, also die Glückseligkeit als Ziel des guten Lebens, zwar selbst erstrebt werden muss, aber durchaus von Bedingungen abhängig ist, die wir nicht allein in der Hand haben: An äußeren Gütern seien Wohlgeborenheit, Geld oder Ehre durchaus hilfreich, bei den inneren Gütern könnten Schönheit, Gesundheit oder Besonnenheit nicht schaden. Das gute Leben ist also ein Leben, das von vielen Faktoren abhängig ist – es muss selbst geführt werden, aber es findet gute oder schlechte Bedingungen vor. Deshalb bedarf das glückselige Leben auch eines Rahmens, der bei Aristoteles von der Polis und von Freunden gewährt wurde. Es ist also wie im richtigen Leben, die Sache mit dem guten Leben.

Wir haben deshalb ein Kursbuch aus dem richtigen Leben komponiert. Alle Beiträge halten sich letztlich an die aristotelische Vorgabe, dass man es selbst machen muss, aber am besten in einem entgegenkommenden Umfeld. Tobias Esch erläutert das an der Frage, ob und wie man Glück lernen kann, Gian Domenico Borasio fragt nach dem guten Sterben und Hans Förstl spürt dem Leben mit Alzheimer nach. Friedrich Wilhelm Graf stellt Religiosität auf die Probe – wann und wie dient sie dem guten Leben? Dass gut zu essen mehr impliziert, als gut zu essen, zeigt Jürgen Dollase. Und Herfried Münkler stellt die schwierige Frage, ob militärisches Einschreiten »unserem« guten Leben oder dem guten Leben der »Anderen« dient – oder ob es Bedingungen gibt, welche die beiden Seiten nicht mehr als Antipoden erscheinen lassen.

Gerechtigkeit war für das aristotelische gute Leben eine Zentralkategorie – Peter Felixberger fragt nach den heutigen Bedingungen gerechten Lebens und stößt auf merkwürdige Paradoxien. Fürs Ökonomische hatte Aristoteles nur Spott parat. Für die Eudaimonie spielte sie keine Rolle, soweit der Erwerb von Geld ein Selbstzweck wird. Vielleicht ist es ein geradezu paradoxes Symptom der allenthalben beklagten Ökonomisierung des Lebens, dass auch das Ökonomische nun umgekehrt mit Begriffen des guten Lebens erfasst werden soll. Christina von Braun macht sich deshalb auf die Suche nach der Bedeutung des Geldes, Reinhard K. Sprenger spottet über gute Führung – die gebe es »nur im Knast« –, und ich wundere mich darüber, dass Unternehmenskommunikation heute gerne als Wertekommunikation daherkommt.

Wir geben keine Anleitung zum guten Leben. Wer könnte das schon? Und wer dürfte das schon? Und welche anderen Sätze würden dabei herauskommen als solche, die dann doch wieder nur die Tradition aufrufen. Bleiben wir doch bei Aristoteles. In seiner Welt war es noch einfacher, das gute Leben wenigstens theoretisch zu bestimmen. Als größte Tugend galt, »dem Fehler des Übermaßes und des Mangels« zu entsagen, wie es in der Nikomachischen Ethik heißt. Als quantitatives Problem freilich lässt sich das gute Leben nur in einer Welt denken, in der man mit einer Zentralperspektive rechnen kann. Und dann lässt sich auch trefflich eine Anleitung geben. Diese Möglichkeit haben wir nicht mehr. Deshalb sprechen wir eher über die Bedingungen der Möglichkeit des guten Lebens und darüber, wie man übers gute Leben nachdenken könnte. Oder ist das schon die Anleitung?

Wie schwierig die Kriterien des guten Lebens zu bestimmen sind, zeigt sich sehr deutlich in der Architektur, die jene Räume schafft, in denen unser Leben stattfindet und die bestimmte Lebensbedingungen erst ermöglicht – oder behindert. Peter Berner beschreibt und zeigt, wie Räume durch Gestaltung und vor allem durch Umgestaltung Lebensräume erschließen. Wie schwierig die Kriterien des guten Lebens praktisch zu finden sind, drückt die Erzählung »In guten Händen« von Thomas C. Boyle aus – die Protagonistin jedenfalls strebt und wird getrieben. Vielleicht ist das tatsächlich die Bedingung des guten Lebens – die Differenz zwischen Realität und Potenzialität nicht aus den Augen zu verlieren. Ines Pohl führt unsere Kolumne »Brief eines Lesers« fort.

Wir beschließen mit diesem Kursbuch 172 den ersten Jahrgang des neuen Kursbuchs im Murmann Verlag. Unsere Pläne fürs nächste Jahr – ein Wahljahr! – sind vielversprechend. Bleiben Sie gespannt.

München, im September 2012

Armin Nassehi

Ines Pohl

Brief einer Leserin (2)

Was für ein Dreisprung, Krisen lieben, Besser optimieren und jetzt auch noch Gut leben. Das klingt aufs Erste fast wie ein weiteres Produkt des Landwirtschaftsverlags Münster, das gut und gerne unter dem Titel Denklust in den Bahnhofskiosken um Aufmerksamkeit heischen könnte. Was soll das bitte mit dem Kursbuch zu tun haben, das doch zumindest meiner Generation der Bildungsaufsteiger eine so gewichtige und ehrwürdige Wegmarkierung auf dem Weg hinauf in die Sphären des befreienden Denkens und Meinens war? Und weil manchmal eben nur der Schritt zurück hilft, um den Blick für die Gegenwart freizukriegen, gestatte ich mir folgendes Zitat.

Hans Magnus Enzensberger schreibt im Vorwort der ersten Ausgabe im suchenden Jahr 1965: »Kursbücher schreiben keine Richtungen vor. Sie geben Verbindungen an, und sie gelten so lange wie diese Verbindungen. So versteht die Zeitschrift ihre Aktualität.« Sie schreiben nicht vor, sondern geben Verbindungen an. Und sie gelten so lange wie diese Verbindungen. Das klingt doch eigentlich auch schon 1965 ganz schön nach Denklust, nur dass es damals eben die Landlust noch nicht gab.

Nun wissen wir: Im Jahr 2012 sind Kursbücher so etwas von aus der Zeit gefallen. Pausenlos aktualisierte Apps geben an, um wie viele Minuten der Zug in einer Stunde Verspätung haben könnte, wenn sich denn nichts Unerwartetes auf den Gleisen abspielt. Schon lange geht es nicht mehr um das Große und das Ganze, die Welt erweiternden Verbindungen, die Kursbücher für Generationen von Eisenbahnüberzeugungstätern zur geliebten Feierabendlektüre werden ließen.

Jetzt heißt es: Wann muss ich wo sein, um möglichst das Beste aus meiner Zeit zu machen. Und schwups bin ich mitten drin, in dieser Spirale des ewigen Optimierens. Des Irrglaubens, tatsächlich immer das Optimum aus irgendetwas machen zu können – und zu müssen.

Vorweg: Mein Lieblingssatz dieser 171. Ausgabe kommt von Albert Einstein. Ein Satz, von dem man sich durchaus auch an die Hand nehmen lassen kann auf dem Weg durch den sommerhimmelblauen Band: »Man kann die Probleme nicht mit dem gleichen Denken lösen, das die Probleme hervorgebracht hat.«

Was für eine wohltuende Perspektive. Das Gegenteil zum Verharren im Alternativlosen, der Verstrickung in Systemanalysen und Strukturdebatten. Einstein, der alte Fuchs, packt die Misere am Schlafittchen. Yes, it is the economy, stupid! Aber noch viel größer, himmelweit, das Denken an sich, unsere Denkfähigkeit, mehr Denken, anderes Denken wagen! Das ist mein Eigenoptimierungsmantra, mit dem ich mich auf den Weg mache, um dieses Kursbuch zu erkunden.

Es geht wohl nicht anders, mögen sich Herausgeber und Chefredakteur gedacht haben, als in diesen Zeiten den Reigen mit einem Text wie dem von Birger P. Priddat zu eröffnen. Wenn der Euro bröselt, muss es wohl um Kapitalismus gehen, und darum, was Reichtum ist und wie leer die Fülle sich anfühlen kann.

So ein Text ist gut. Er erdet und muss in einen solchen Band. Aber erfrischender wäre es gewesen, und hübsch, mit diesem feinen Interview aufzumachen, das am Ende zwar einen zauberhaften Endakkord setzt nach all dem Schweren, aber auch einen trefflichen Auftakt gemacht hätte. Weil Musik eben nicht nur Kunst ist, sondern auch Industrie und Ware, spielt sie auf allen möglichen Ebenen. Und die Beschäftigung damit, allemal wenn sie durch ein Gespräch mit einem sorgfältigen Denker wie dem Großkapellmeister Christian Gansch erfolgt, kann dann so erhellend wie unterhaltsam sein. Armin Nassehi selbst führt neugierig, respektvoll und klar hinein in diese Welt, die für viele doch so verklärt ist. Wir lernen, dass ein Wohlklang immer nur ertönt, wenn die verschiedenen Kräfte und Ebenen zusammenkommen. Dass das Technisch-Handwerkliche Grundvoraussetzung ist, um die Freiheit zu besitzen, sich dem Künstlerisch-Emotionalen hinzugeben. Das aber wiederum nur dann wirklich erklingen kann, wenn der Musiker um die Hintergründe und Ursachen einer Komposition weiß. Eine Kernpassage des Interviews ist die Auseinandersetzung mit Perfektion und ob nicht gerade Optimieren nicht auch heißen kann, auf genau das letzte Optimum zu verzichten, beispielsweise bei der technischen Virtuosität: »Die allergrößte Kunst ist, im richtigen Moment loslassen zu können.«

Weiß Christian Gansch mit den Möglichkeiten zu verzaubern, lässt Niels Pfläging uns fast wonnevoll auf den Boden der Tatsachen knallen. Glaube, Hoffnung, Geld sind die drei Größen, mit denen er herrlich mittelalterlich erklärt, wie Beratungsfirmen schröpfen und schamanisieren. Allen, die im Management unterwegs sind, gibt er böse Gedankenanregungen. Pfläging belässt es nicht dabei, die geldgierigen Firmen zu bashen, sondern geht den einen Schritt weiter. Wohin führt es, wenn Management zu einer Optimierungsideologie verkommt, deren einziges Ziel die Steigerung von Effizienz ist. Welche Folgen für die Gesellschaft hat diese Sozialtechnologie, die Müßiggang im klassischen Sinn nicht mehr möglich macht. Ausgesprochen lehrreich seine Einlassungen zu den Folgen, wenn wir uns dem tayloristischen Mechanismus ausliefern und im Hamsterrad der Optimierung genau das verlieren, was Albert Einstein als große Grundvoraussetzung beschreibt für eine wirkliche Weiterentwicklung der Gesellschaft – das Denken (nämlich) SELBST. Auch das ein wunderbarer Satz aus diesem Kursbuch: »In den meisten Unternehmen führt das heute effektiv zu einem Verbot des intelligenten Zweifelns. (…) Die Folge: Denkstillstand. Hirntod.« Klar und böse und wahr.

Jörn Müller-Quade versucht, in sein Feld der Kryptografie einzuführen und nimmt wohl nur jene mit, die schon sehr viel Vorwissen mitbringen. Schade, denn auch der interessierten Laiin ist klar, dass Müller-Quade wichtige Dinge schreibt, wenn er von den Möglichkeiten spricht, wie geheime Daten optimiert werden können, eben ohne sie offenzulegen. Ein Geheimnis, das mir nun vorerst verschlossen bleibt.

Die erste Frau dann (Jungs, das geht optimaler) beschäftigt sich, wie sollte es auch anders sein, mit der Körperlichkeit. Lydia Rea Hartl huscht durch die Jahrtausende, ist politisch, wenn es um den Organhandel geht und den Gesundheitstourismus, kritisiert die modernen Gesellschaften, die Schönheit als Lockmittel für privaten und beruflichen Erfolg bemessen. Hübsch, dass sie dabei nicht nur die äußerlichen Optimierungsmöglichkeiten aufs Korn nimmt, sondern auch einführt in die Welt des Body Tunings und Hirndopings. Die interviewte Coladose ist eben platt gefahren, aber immerhin ein Übergang zu einem Text, der sich dann endlich in den internationalen Kontext begibt, ein Muss in einem Kursbuch, alles andere käme einem Verrat gleich. James Shikwati argumentiert stringent und überzeugend, warum Afrika sich aus der westlichen und asiatischen Entwicklungshilfe befreien muss. Hier werden die Denkräume durch faktenschwangere Argumente eröffnet, ein Zugang, der den Band abrundet und in seiner Überzeugungskraft nichts zu wünschen übrig lässt. In jedem ordentlichen Sammelband, der eine wie auch immer geartete linke Traditionslinie in sich trägt, darf es dann auch einen Beitrag geben, der die Auseinandersetzung mit dem Denk-Gegenstand als solche für überhöht hält. Einer tazlerIn herrlich vertraut ist die Distanzierung vom Auftraggeber in einem Nachtrag, wie sie Ingo Rechenberg formuliert. Skurril. Und nach Sabine Maasen und Irmhild Saake dann der Klang, die gelungene Abrundung eines Büchleins, in dem viel drinsteckt an Gehirnfutter, für den Manager, die Mutter, den Menschen. Allein die zerquetsche »Verwandlung« am Ende, hätte man als Original in den Regalen der Schulbibliotheken belassen sollen. Aber das macht ja nichts. Denn wir haben ja gelernt: Überoptimieren geht sowieso nicht. Ich bin nun wirklich gespannt, was das Gut leben an neuen öffentlichen Denkräumen und Kurskorrekturen eröffnet.

Armin Nassehi

Gut wirtschaften

Die anschwellende Werteorientierung in der Unternehmenskommunikation

Wenn man die Selbstbeschreibungen von wirtschaftlichen Akteuren in den Blick nimmt, muss man sich wundern. Ob in Form von Codes of Conduct oder Social Responsibility Commitments, in Form von Vision und Mission Statements, ob als Katalog spezifischer Werte wie Passion, Respect, Integrity, Discipline, Responsibility, Diversity, Sustainability, Community, in Form gendersensibler Formulierungen und Programme, als Präambel für Geschäftsberichte oder als interne Selbstbeschreibung zur Plausibilisierung von Strategien und Zielen – die Unternehmenskommunikation hat die moralische Kommunikation entdeckt, um sich selbst darstellen zu können. Welche Ziele sie damit eigentlich verfolgt, will der folgende Essay näher beschreiben. Damit ist auch umrissen, worum es im Folgenden nicht geht: Es erfolgt keine Diskussion wirtschaftsethischer Ansätze und ihrer empirischen Wirkmächtigkeit. Meine Frage lautet nur: Warum ist werteorientierte Kommunikation als Selbstbeschreibung von Unternehmen und Managern so erfolgreich?

Werteorientierte Kommunikation

Als Beispiel für viele mag vielleicht die von Unternehmen, Consultants und Wissenschaftlern ins Leben gerufene »Wertekommission – Inititiative Werte Bewusste Führung« dienen, die im August 2012 eine bundesweite Wertekampagne initiiert hat. Abgesehen von der verunglückten Syntax ist die merkwürdige Semantik interessant. Auf der Homepage der Wertekommission (www.wertekommission.de) heißt es:

»Unsere Werte haben wir in zahlreichen Diskussionen und auf Foren definiert und geschärft, neu gefasst und wieder überarbeitet.

Sie sind ›im Fluss‹, und wir behaupten nicht, dass es nicht auch andere Werte gäbe, die zählen. Jeder Mensch definiert sein eigenes ›Werteset‹.

Uns geht es darum, dass sich Werte als Grundlage modernen Managements und erfolgreicher Führung überhaupt durchsetzen. Die Werte, die wir für uns definiert haben, sollen das verdeutlichen und zum Nachdenken anregen – über die jeweils eigenen Werte ebenso wie über die Chancen wertebewusster Führung. Und die Diskussion geht weiter – das ist der eigentliche ›Wert‹.«

Das ist in der Tat nur ein Beispiel für viele – aber es macht sehr schön deutlich, wie diese Art Wertekommunikation funktioniert. Wenn man übrigens genauer hinsieht, fallen die Wertekataloge von Unternehmen fast alle mehr oder weniger identisch aus. Schon deshalb ist es in dem hier zitierten Statement jener Wertekommunikation gar nicht nötig, die Werte eigens zu benennen. Kontingent ist allenfalls ihre Anordnung, ihre Gewichtung und genaue Formulierung, nicht aber die Sache selbst.

Werte sind Kategorien, denen man schwer widersprechen kann – das ist ihr diskursstrategischer Sinn. Auf Werte wird in der Kommunikation immer dann rekurriert, wenn es keine Sachargumente mehr gibt, also wenn es nicht gelingt, von der Sache selbst her zu Problemlösungskriterien zu kommen. Man stellt dann darauf um, die Person als Person anzusprechen und sie mit Werten herauszufordern. Völlig unabhängig vom Inhalt ist der Effekt von Wertekommunikation, dass man Werten nicht wirklich widersprechen kann und dass das, was mithilfe von Werten ausgedrückt wird, hinreichend unscharf bleiben kann, damit die Wirkung tatsächlich eher auf die Person, ihre Innenwelt, ihre Motive und die Einschränkung von Nein-Stellungnahmen zielt als auf sachlich kritisierbare Kategorien. Kommunikationsinhalte, denen man nicht widersprechen kann, erzeugen automatisch Ja-Stellungnahmen. Wer auf Werte umstellt, dem ist Zustimmung sicher.

Versuchen Sie einmal, das Gegenteil von Respekt, Verantwortung, Diversität, Nachhaltigkeit einzufordern, also Respektlosigkeit, Verantwortungslosigkeit, Eindimensionalität oder selbstzerstörerische Verschwendung – das würde kommunikativ nicht funktionieren. Das heißt aber auch, dass der Informationswert solcher Kommunikation gering ist. Sätze, deren Gegenteil nicht wenigstens prinzipiell gelten könnte, sind leer, Anschauungen ohne begriffliche Alternativen sind blind. Und doch sind es keine sinnlosen Sätze, sonst kämen sie nicht in dieser Konzentration vor. Diese Art Kommunikation zielt letztlich weniger auf den rein sachlichen Aspekt einer Äußerung, sondern eher auf den performativen Aspekt, so etwas wie eine Bindung zwischen Sprecher und Hörer herzustellen. Das ist es, was Moral leistet. Sie erzeugt eine zustimmungsfähige Bindung an Motive und schützt Kommunikation vor Abweichung. Das schließt moralische Konflikte nicht aus, denn moralische Kommunikation kann nur dort gelingen, wo der Adressat einer Äußerung sich von moralischen Zumutungen beeindrucken lässt. Deshalb gilt: Je allgemeiner moralische Kategorien formuliert sind, desto unterschiedlichere inhaltliche Aspekte lassen sich darunter subsumieren und desto größer ist die Chance, dass der Adressat an die moralische Zumutung gebunden werden kann. Respekt und Verantwortung, Nachhaltigkeit und Diversität, Leidenschaft und Exzellenz sind hinreichend allgemein und unscharf, um dem Gegenüber keine Chance zu lassen, sich nicht zustimmend zu verhalten. In diesem Sinne passt moralische Kommunikation genau – für das, was Wertekommunikation letztlich möchte: ins Gespräch kommen. Wie es auf der Homepage der »Wertekommission« heißt, ist der Kommunikationsanlass der eigentliche Wert. Man findet Chiffren für etwas, das sich anders schwer benennen lässt. Und kann mit maximal unscharfen Gehalten Schärfe zeigen.

Flankiert werden solche Kommunikationsstrategien übrigens noch durch Befragungsergebnisse unter zumeist jüngeren Führungskräften, die jene Werte auch in ihre eigenen, persönlichen Selbstbeschreibungen einbauen. Nicht mehr Karriere- und Aufstiegsorientierung um jeden Preis, sondern der Wunsch nach werteorientiertem Arbeiten, nach nachhaltigem Wirtschaften, verantwortlichem Handeln usw. stehe nun im Vordergrund, wie die jüngste Managerbefragung (2012) im Auftrag der besagten »Wertekommission« zeigt – die prozentuale Verteilung zu nennen, kann ich mir sparen, denn sie findet sich ähnlich in ähnlichen Studien, an denen offensichtlich großes Interesse besteht. Was die Ergebnisse vor allem zeigen, ist, dass sich diese Form der Selbstbeschreibung, die Beurteilung des Wirtschaftens mithilfe von werteorientierter Kommunikation, bewährt und authentische Stellungnahmen plausibler erscheinen als jene, die durch die klassische männlich-heroische Führungskultur der Altvorderen geprägt war. Im Übrigen geben die meisten Studien auch an, dass jüngere Führungskräfte einen deutlichen Abstand zwischen den Werteorientierungen der Unternehmen und der Wirklichkeit in den Unternehmen wahrnehmen – was ja nur ein Hinweis darauf ist, dass Wertekommunikation nur eine Selbstbeschreibung ist.

Vielleicht wären die klassischen männlich-heroischen Beschreibungen des Wirtschaftslebens als Kampf um Ressourcen, als Konkurrenz um den eigenen Vorteil, als Wettbewerb um die eigenen Interessen sogar authentischer, wenigstens realistischer, weil sie eher abbilden, worum es faktisch geht. Insofern wird Unternehmenskommunikation heute »weiblicher« – selbst wenn es nicht gelingt, Frauen nach angemessenen Quoten zu installieren. Wie eine Generation zuvor in den Familien weibliche Ansprüche insbesondere in Form von Wertekommunikation (Gerechtigkeit/Gleichberechtigung, Emanzipation, Anspruch auf eigenes Leben, Kritik der ausschließlichen Erwerbsorientierung von Männern) erfolgreich waren, werden nun in den Unternehmen mithilfe von Wertekommunikation traditionelle Muster umgestellt, die die Askese des (vormals) männlichen Karrieremodells infrage stellt und so den Sinn des Arbeitens nicht im Arbeiten selbst mehr findet. Dass man das eine eher männlich nennen kann, das andere eher weiblich beziehungsweise eher als Kritik am paternalistischen Paradigma des Immer-schon-so-Gewesenen, ist ebenso perfide wie zutreffend. Plausibler jedenfalls scheint heute Wertekommunikation zu sein – was insofern auch eine gewisse Ironie beinhaltet, als der Begriff des Wertes selbst eine ökonomische Karriere hinter sich hat und als abstrakter Wert durch das Wirtschaftsgeschehen sich im Preis konkretisiert, im Sinne der Differenz von Produktionskosten und Nachfrage – und zwar als Geldwert.

Bloße Ideologie? Falsches Bewusstsein?

Als man noch ausreichend kapitalismuskritisch gehärtet war, hätte man all dies als bloße Ideologie abtun können (und die Frage der semantischen Feminisierung von Ansprüchen als Nebenwiderspruchsgedöns), als falsches Bewusstsein in einem falschen Spiel, an dem allenfalls richtig ist, dass es offenbar etwas zu verdecken gibt – wozu sonst diese unrealistischen Beschreibungen?

Aber so einfach lassen sich diese Selbstbeschreibungen nicht abtun, als könne man eine eigentliche Realität hinter diesen Beschreibungen vermuten. Dass sich die Dinge auch anders beschreiben lassen, versteht sich von selbst. Um der Frage nach dem »guten Wirtschaften« auf die Spur zu kommen, stelle ich nun auf eine ganz andere Beschreibung des Ökonomischen um – um danach wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen.

Was ist gutes Wirtschaften? Die Erfolgsparameter des Wirtschaftens sind relativ simpel. Es muss zu einem return on investment kommen, sonst nimmt sich ein wirtschaftlicher Akteur die Bedingung der Möglichkeit, weiter zu wirtschaften, oder verschlechtert zumindest seine Position. Die Erfolgsbedingungen des Wirtschaftens sind nahezu unabhängig von den Intentionen und Motiven wirtschaftlicher Akteure, denn es ist ein abstrakter, kaum steuerbarer, in Rückkopplungsschleifen gefangener Marktzusammenhang, der darüber entscheidet, ob sich Erfolg einstellt oder nicht. Das Ökonomische ist vielleicht der eigensinnigste Bereich der Gesellschaft. Geradezu subjektlos resultiert aus der Kumulation vieler Einzelhandlungen ein selbst erzeugter Mechanismus, in dem Wertschöpfung und Wertzerstörung Hand in Hand gehen. Oder anders gewendet: Aus der Kumulation je subjektiver Handlungen folgt eine subjektlose Struktur mit eigensinnigen Folgen.

Als besonders eigensinnig erscheint dieser Bereich der Gesellschaft deshalb, weil in ihm nicht einmal der Verdacht aufkommt, als würde er durch andere Mechanismen getrieben als seine in Bilanzen darstellbaren Parameter. Märkte lügen nicht – sie mögen ungerecht sein oder unangenehme Folgen haben, in ihnen setzt sich nicht automatisch die beste Lösung durch, sie erzeugen Nachfragen, die es ohne ihr Angebot gar nicht gäbe, und nicht zuletzt erzeugen sie Gewinner und Verlierer. Aber sie lügen nicht – freilich sagen sie auch nicht die Wahrheit, sondern objektivieren ihre Resultate aus eigensinnigen Gründen. So sehr die auf Märkten erzeugten Werte Konstruktionen ihrer eigenen Praxis sind, so sehr haben diese Werte einen geradezu objektivierbaren Charakter. Das Geld, jenes fluide Medium, dessen Wert schon durch Gerüchte oder Vertrauensverlust infrage gestellt werden kann, muss stets herhalten, wenn es darum geht, auf »harte« Realitäten zu verweisen, auf Realitäten überhaupt. Das wirtschaftliche Geschehen freilich pflegt volatil zu sein – was ja nichts anderes bedeutet, als dass es schnell ist, so schnell, dass es nicht wirklich stabil sein kann. Gut zu wirtschaften heißt also, sich als ökonomischer Akteur so zu stabilisieren, dass einem die Volatilität der Preise, der Nachfrage und des Angebots nichts anhaben kann und man existent bleibt. Die einzige Existenzbedingung ist die Marktpräsenz – und sie ist für den wirtschaftlichen Prozess in den meisten Fällen nicht wirklich nötig (Stichwort: angebliche oder wirkliche Systemrelevanz!), deshalb sind Märkte eben auch Zerstörer. Sie lassen verschwinden, was nicht marktgängig ist, und sie lassen den überleben, der am Markt überlebt.

Man könnte diese Beschreibung nun so fortführen und käme dann dazu, den Eigensinn der Marktwirtschaft als einen selbstreferenziellen Prozess zu beschreiben, der letztlich im Blindflug oder wie ein U-Boot Realitätskontakt ausschließlich mit den systemeigenen Instrumenten pflegen kann. Diese Instrumente messen rein ökonomieinterne Parameter – und ihr ästhetisch beredtester Ausdruck ist womöglich der Computerhandel an Börsen, in dem Apparate nach Algorithmen über Kauf und Verkauf entscheiden, indem sie Angebot und Nachfrage letztlich an Preisdifferenzen und ihren Dynamiken modellieren.

Auch diese Beschreibung des Ökonomischen ist eine Karikatur – aber sie enthält durchaus die entscheidenden Parameter. Denn es ist keineswegs so, dass der Markt eine Maschine ist, in der Angebot und Nachfrage allein über den Preis reguliert werden und damit eine Struktur entstehen lassen. In der Konsequenz sind es aber in der Tat die Bilanzen ökonomischer Akteure, an denen sich ihre Zahlungsfähigkeit oder Kreditwürdigkeit ablesen lässt und die darüber entscheiden, ob man »gut« gewirtschaftet hat. Was ökonomisch »gut« war und was nicht, entscheidet sich letztlich über die Dynamik und die internen Folgen von Zahlungsketten, die nichts anderes hinterlassen als Zahlungsfähigkeit oder -unfähigkeit. Das ist letztlich das letzte factum brutum des ökonomischen Systems, dessen Medium Geld das einzige Medium ist, mit dem sich Formen ökonomisch ausdrücken lassen. Mit anderen Worten: Was sich nicht als Geldwert darstellen lässt, existiert nicht – zumindest nicht in dem Sinne, dass es Folgen für jene Parameter hätte, in denen sich Erfolg und Misserfolg des Wirtschaftlichen auf den Begriff bringen lassen. Der Geldverkehr, dieser mächtige, zugleich doch so blinde Systemzusammenhang, ist ein Symbol reinster Immanenz. Es gilt nur, was in ihm und durch ihn gilt. Geldwert lässt sich durch keinen anderen Wert substituieren – zumindest nicht ökonomisch. Damit ähnelt die Transaktion mit dem Medium Geld auch anderen Transaktionen, etwa Transaktionen durch sprachliches Bezeichnen.

Die poststrukturalistische Zeichentheorie etwa hat auf die radikale Immanenz allen Bezeichnens hingewiesen: das heißt auf die nicht hintergehbare Gefangenschaft allen Sprechens in der Sprache und auf die Unbenennbarkeit der Welt außerhalb von Benennungen. Um sprachlich Wirkung zu erzielen, bedarf es wieder des Sprechens, weil Sprache nichts anderes registrieren kann als Gesprochenes/Sprachliches. Sprache kann die ganze Welt ausdrücken – aber eben nur in sprachlichen Formen. Schon die Innenwelten der Sprecher kommen in ihr nur in sprachlicher Form vor. So muss man sich die radikale Immanenz der Geldwirtschaft vorstellen. Sie kann alles darstellen – aber eben nur ökonomisch. Das gilt auch für die außerökonomischen Motive ökonomischer Akteure, wenn sie gerecht, tolerant oder gar tolerabel sein wollen.

Die besondere Potenz dieser auf Geldwirtschaft und dezentrale Organisation setzenden Form des Wirtschaftens, vulgo bekannt als »Kapitalismus«, besteht – oder: bestand – wohl darin, dass Knappheitsausgleich von anderen Funktionen unabhängig gemacht werden konnte. Das Geld ist ein geschichts- und gesichtsloses Medium, weil man ihm nicht ansieht, wo es herkommt und wo es hingeht. Geld ist das vielleicht simpelste Medium, weil es wenig Interpretationsspielraum hinterlässt. Es kann harte Faktizitäten simulieren und lässt sich in alle möglichen Waren, Dienstleistungen, Erlebnisse usw. übersetzen, wenn man nur zahlen kann. Doch dabei folgt es wieder nur seiner eigenen Logik. Deshalb war dieses besonders potente Medium auch nie in der Lage, gesellschaftliche Probleme zu lösen – und war deshalb der entscheidende Kulminationspunkt für Kritik. Der Markt kann alleine keine Ordnung schaffen, er kann keine Bevölkerungen versorgen, kann nicht für Gerechtigkeit sorgen, ist nicht daran interessiert, wie Güter und Möglichkeiten distribuiert werden. All das interessiert den Markt deshalb nicht, weil sich das letztlich nicht ökonomisch im engeren Sinne darstellen lässt.

Die klassische Ökonomie und Ökonomik hatte gehofft, dass diese Immanenz des Knappheitsausgleichs den egoistischen Akteur mit einseitigen Interessen – den eigenen nämlich – mit einem Systemgleichgewicht versöhnt, das allen Akteuren einen Platz zuweist, der ihnen weitere Zahlungsfähigkeit ermöglicht, gemessen an der eigenen Leistungsfähigkeit und -bereitschaft. Aber so einfach, wie sich die klassische Ökonomie den Markt vorstellt, ist er letztlich nur in den Konsequenzen, das heißt, das, was auf dem Markt als das factum brutum erworbener Zahlungsfähigkeit übrig bleibt, sind die objektivierbaren geldförmigen oder geldwerten Potenziale, was übrigens stets auch die Basis der linken Kritik des Marktes war: dass am Ende, wie Marx sagte, die Magie des Geldes darin bestehe, dass nur mehr der Geldwert einer Sache von Bedeutung sei und damit Fetischcharakter bekomme.

Es ist sowohl die Potenz wie die Impotenz der kapitalistischen Wirtschaftsform, dass sich Werte auf Märkten tatsächlich nur nach diesem Kalkül bilden. Die Potenz besteht darin, dass damit ein Tool vorliegt, das auf alles anwendbar ist und zu einem universalistischen Medium wird, das alte kulturelle und traditionelle Schranken aufbrechen kann. Die Impotenz besteht darin, dass Werte nur in Geldwerten ausgedrückt werden können. Das eine ist wohl ohne das andere nicht zu haben.