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Lechts und Rinks – in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft weichen vormals klare Abgrenzungen und Kategorien auf, die im ursprünglichen Sinne Gesellschaft ordnen und strukturieren sollten. Die Notwendigkeit, einen Unterschied zu machen, scheint aber gleichzeitig ungebrochen. Das Kursbuch 173 "Rechte Linke" spürt diesem Paradoxon nach. So streiten unter anderem Axel Honneth und Paul Nolte über das politische Links-Rechts-Schema, es werden aber auch andere Dichotomien in den Blick genommen – beispielsweise fragt Nico Stehr, inwieweit Nichtwissen das neue Wissen darstellt und Ernst Pöppel beschreibt die feinjustierte Interaktion der linken und rechten Gehirnhälfte. Mit Beiträgen von Johan Schloemann, Armin Nassehi, Susan Sontag, Axel Honneth, Paul Nolte, Peter Felixberger, Ernst Pöppel, Konrad Paul Liessmann, Hans-Peter Feldmann, Barbara Vinken, Florian Rötzer, Karl Bruckmaier, Michael Brenner, Nico Stehr, Gesa Lindemann und Georg M. Oswald.
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Seitenzahl: 250
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Armin Nassehi
Editorial
Dies ist ein Kursbuch über Unterscheidungen, über Unterschiede, über Differenzen – und es ist ein Kursbuch über die Implosion, die Verschiebung, über das Untauglichwerden und die Neufassung von Unterscheidungen. Es geht nicht nur um die politische Unterscheidung von rechts und links, sondern auch um andere Unterscheidungen – Wissen/Nichtwissen, Mann/Frau, rechte und linke Gehirnhälfte, um die Ehe zur Linken etc. –, und es geht ums Unterscheiden schlechthin. Aber gerade an der politischen Unterscheidung von rechts und links wird am plausibelsten, dass das Unterscheiden schon einmal einfacher war, dass sich hier Eindeutigkeiten verschoben haben – und dass man auf die Unterscheidung dennoch nicht recht verzichten kann. Wir haben das Heft Rechte Linke genannt, was ja viel weniger heißt, dass die Unterscheidung nicht mehr funktioniert. Manches hat sich nur anders, weniger eindeutig geordnet.
Die Konservativen sind linker geworden, sowohl kulturell als auch bezogen auf die Distribution von Gütern und Lebenschancen, und die Linken haben sich ohne Zweifel mit dem Kapitalismus versöhnt (wobei zumindest im deutschen Parteienspektrum die Einzigen, die sich auch links nennen, diese Versöhnung wenigstens verbal ablehnen). Doch die Grundkonflikte sind geblieben – vor allem der zwischen unterschiedlichen Nebenfolgen: Kostet zu viel soziale Sicherheit zu viel ökonomische Dynamik? Kann man ökonomische Dynamik mit weniger sozialer Sicherheit erkaufen, und wenn ja, führt das dann zu mehr sozialer Sicherheit? Ist der Markt ein weiser Regulator, oder ist es eher der Staat? Alte Debatten, an denen sich die großen politischen Strömungen wenigstens in den alten westlichen Demokratien orientieren. Aber für eine wirkliche Rechts-links-Unterscheidung taugen sie nicht. Sie alle reagieren vergleichsweise konservativ (das gilt für die sozialdemokratische wie für die klassisch-konservative Variante), indem sie die Schwäche der Menschen durch Institutionen und Verträge zu kompensieren versuchen. Sie hoffen nicht auf den Neuen Menschen als Bewohner einer idealen Gesellschaft.
Peter Felixberger zeigt in diesem Kursbuch, wie die romantische Vorstellung einer vollendeten Gesellschaft mit vollkommenen, optimierten Menschen die gemeinsame Klammer eines Kapitalismus à la Hayek und des Kommunismus sei. So links und so rechts können nur noch politische Desperados denken. Johan Schloemann beschreibt in seinem »Brief eines Lesers« sehr schön die Diskrepanz zwischen übergeordneten politisch-gesellschaftlichen Überzeugungen und dem Lebensstil einer urbanen Mittelschicht. Die Überzeugungen zehren von toleranten, gerechtigkeitsorientierten und allerlei kritischen Perspektiven. Womöglich kennt man sogar die Referenzautoren jener Generation, die die kulturelle Öffnung der verstaubten 1950er- und 1960er-Jahre ermöglicht haben. Sicher steht bei vielen das Kursbuch noch im Wohnzimmerschrank. Der Lebensstil aber zehrt nicht nur von den ökonomischen Segnungen einer durch Bildung und zumeist auch Herkunft oder sozialen Aufstieg befeuerten Karriere, sondern auch durch klare Distinktionsbemühungen. Am deutlichsten, wenn es entweder um die Schulbildung der Kinder oder um das Wohnquartier geht – bei beidem bleibt man lieber unter sich und tut einiges dafür, das auch durchzusetzen. Sind die Überzeugungen universalistisch links, ist die Praxis eher partikular rechts. Und spielen kann man damit schön, wenn man, wie in München im August 2009, auf dem Nockherberg, einem stadtbekannten Biergarten, Oskar Lafontaine und Peter Gauweiler mit der Unterscheidung spielen lässt und am Ende Gauweiler unter dem Gejohle des wohlsituierten, aber schon ziemlich beschwipsten Publikums resümieren lässt: Niemand kann ganz links und ganz rechts sein!
Kann man denn überhaupt noch rechts sein? Es gibt viel rechtes Potenzial – wenn rechts sein bedeutet, Menschen nur als Gruppenexistenz, als Angehörige unhintergehbarer, partikularer Gruppen zu definieren: Völker, Rassen und Geschlechter, Familien und Schichten, Religionen und Kulturen. Und auf die rechten NSU-Morde hat die Öffentlichkeit lange tatsächlich rechts reagiert – man konnte sich gar nicht vorstellen, dass die Morde von anderen begangen worden sein sollen als von kriminellen Migrantenmilieus. Wer sollte sonst ein Interesse haben, solche Leute umzubringen? – So der Subtext vieler Insinuierungen. Das Rechte lässt sich aber auch in der Zustimmung zu Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab beobachten. Es gab eine geradezu dankbare Reaktion darauf, dass jemand sagt, man werde es doch noch sagen dürfen … Ja, das Rechte ist unsagbar geworden, aber nicht verschwunden, wie das Linke längst nicht mehr links im engeren Sinne ist.
Und doch macht die Unterscheidung einen Unterschied, wie viele Beiträge in diesem Kursbuch deutlich zeigen – etwa das Gespräch, das wir mit Axel Honneth und Paul Nolte führen durften. Es ist weit davon entfernt, sich in der allzu einfachen Diagnose zu ergehen, die Unterscheidung sei eben implodiert, aber auch hier wird am Ende deutlich, wie unübersichtlich die Lage geworden ist. Auch Michael Brenner zeigt, wie wenig eindeutig die Verhältnisse sind: Antisemitismus ist kein Privileg der Rechten.
Besonders erwähnen möchte ich Karl Bruckmaiers Beitrag, welcher der Frage nach links und rechts in der Popmusik nachgeht. Er kommt zu einem klaren Ergebnis: Auch wenn man sich der Formen der Popmusik für konservative und rechte Zwecke bedienen kann, bleibt sie doch selbst links, weil sie schon wegen ihrer Herkunft aus der US-amerikanischen »Volksmusik« mit ihren vielen Quellen stets subversiv und bottom-up war, also links in dem Sinne, dass sie vom Volk und nicht von den Eliten ausging. Das ist weit weg vom Geruch, den »Volksmusik« in Europa immer auch hat. Bruckmaier schreibt: »Pop ist zum größten gesellschaftlichen Feldversuch der Menschheitsgeschichte angewachsen, weiter verbreitet als parlamentarische Demokratie und zuckerfreies Cola. Etwas wohnt diesem kulturellen Hybrid inne – eine Kraft der vielen – das auch ohne Worte vom Wert des Individuums spricht, von seinem Recht auf Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.« Darüber könnte man lange debattieren –, aber die Assoziation ist klar: Es muss irgendwie links sein, was wiederum für die Stabilität der Unterscheidung spricht.
Was der Links-rechts-Unterscheidung widerfährt, passiert auch anderen Unterscheidungen, wie es in diesem Heft vorgeführt wird – und das gemeinsame Ergebnis lautet: Aus dem Unterscheiden gibt es kein Entrinnen.
Das gilt auch für Susan Sontag. Ihre Notizen über einen damals sehr umstrittenen Besuch 1968 in Hanoi, in Nordvietnam, sind geprägt davon. »Hier ist alles schwarz-weiß«, schreibt sie, und alle Kommunikation wird davon überlagert, alles in diese Eindeutigkeit einzupassen. Dabei ringt Sontag um Nuancen – um Nuancen, die andere Unterscheidungen verlangen als schwarz und weiß. Aber eben auch: Unterscheidungen, einen eigenen Blick.
Mit dem Kursbuch 173 beginnen wir unseren zweiten Jahrgang. Wir stellen ab sofort von drei auf vier Hefte im Jahr um, so dass das nächste Kursbuch, das Kursbuch 174, bereits im Juni 2013 erscheinen wird. Es ist Wahljahr, deshalb wird das Heft den Titel tragen Richtig wählen – eine kleine Wahlhilfe, die aber nicht weiterhelfen soll, sondern nur zeigt, warum Wählen nicht einfach ist. Letztlich geht es auch hier ums Unterscheiden.
War noch was? Ja, unsere Kunststrecke. Wir sind sehr froh, die acht Bilder von HP Feldmann präsentieren zu können. Sie tragen keinen Titel. Schließlich ist Feldmann ein entschiedener Gegner jeder Form von International Art English. Sie werden nicht kommentiert. Auch nicht im Editorial. Nur dies: Lassen Sie sich von den Unterscheidungen in Ihrem Kopf überraschen, wenn Sie die Bilder sehen. Ein paar davon kann ich mir schon vorstellen. Und dann unterscheiden Sie mal anders.
München, im Februar 2013Armin Nassehi
Johan Schloemann
Brief eines Lesers (3)
Wenn ich »rechte Linke« höre, dann fällt mir als Erstes eine Episode der jüngeren Pressegeschichte ein. Kurz nach der Jahrtausendwende gehörte ich zur Redaktion der Berliner Seiten. Diese an jedem Werktag erscheinende Beilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war der Versuch, einen unkonventionellen, unterhaltsamen, aber anspruchsvollen Lokalteil zu machen, ein politisch und kulturell neugieriges Hauptstadtfeuilleton – etwa so in der Tradition von Heinrich von Kleists Berliner Abendblättern stehend, wie auch das Kursbuch in einer nunmehr ehrwürdigen, zwischendurch unterbrochenen Traditionslinie steht.
Als nun die FAZ sich im Sommer des Jahres 2002 gezwungen sah, jene originelle Hauptstadtbeilage, die wunderbar spielerische, ja anarchische Züge hatte (dafür aber praktisch keine gewinnbringenden Anzeigen), nach dem Platzen der seinerzeitigen New-Economy-Blase ersatzlos einzustellen, um die Kosten zu senken, da hagelte es Mitleidsbekundungen. Unzählige Leserbriefe beklagten das Ende eines lebendigen und kritischen urbanen Forums, wie es das stets für provinziellen Mief und Kiez-Denken anfällige Berlin doch so nötig habe; und allerlei Prominente aus Politik und Kultur schickten kleine Kondolenztexte an die Redaktion, die in den letzten Tagen der Berliner Seiten abgedruckt wurden – unter der Rubrik »Statt Blumen«. Einer fiel dabei aus der Reihe: Georg Gafron, ein als recht schmierig und halbseiden geltender Boulevard-König und konservativer Hardliner, der sich als Chefredakteur des örtlichen Radiosenders »Hundert,6« und sodann des Springer-Blatts B.Z. nicht den allerbesten Namen machte. Dieser Georg Gafron also steuerte einen »Glückwunsch zur Einstellung« bei. Das Ende der Berliner Seiten, so befand der Mann, sei »ein guter Tag für Berlin – die taz in der FAZ verschwindet«. Und dann fügte er hinzu: »Die Garde der ›Rechts leben und links reden‹-Schwätzer tritt ab.«
So böswillig und unsympathisch diese Abkanzelung von entlassungsbedrohten journalistischen Kollegen war, so traf sie doch einen gewissen Nerv. Jede urbane Elite, die kreativ und aufgeschlossen sein will, die eine liberale Haltung gegenüber Verschiedenheit einnimmt, die für soziale Toleranz eintritt und für das Aushalten der Kompliziertheit der Welt, welche sich zumal in einer Großstadt zeigt, jede solche Elite neigt zugleich zur Verfeinerung des eigenen Geschmacks, zum Interesse an ästhetischer Vielfalt und Qualität, zum stilbewussten Genuss des Wohlstands. Das heißt konkret: Sie schreibt wohlwollende Reportagen über Berliner Hartz-IV-Eckkneipen, wo es noch den guten alten Filterkaffee gibt, sie schätzt die Subkulturen und sie ist für den menschenwürdigen Umgang mit mittellosen Flüchtlingen – und sie geht selbst zu Vernissagen in trendige, teure Galerien, wohnt in schönen Wohnungen oder sucht gehobene Restaurants mit raffinierter Küche verschiedenster globaler Provenienz auf. Ob »linkes« Reden und »rechtes« Leben dafür die richtigen Begriffe sind, mag dahingestellt sein. Jedenfalls gibt es in bestimmten Kreisen der aufgeklärten Mittelschicht (wenn man das so ungenau ausdrücken darf in einer von einem Soziologen herausgegebenen Zeitschrift) eine gewisse Spannung zwischen übergeordneten politisch-gesellschaftlichen Überzeugungen und dem eigenen Lebensstil. Das Problem ist spätestens seit der Entstehung des Schimpfworts »Salonkommunist« bekannt, und es stellt sich heute etwas anders, aber bekanntlich nicht weniger drängend dar, wenn diejenigen Rücksicht auf die drohende Klimakatastrophe einfordern und Wachstums- und Beschleunigungskritik formulieren, die selbst in ihrem Alltag auf den urbanen westlichen Lebensstil, welcher auf industriellem Wirtschaften und Konsumieren beruht, schwer verzichten wollen oder können.
Das letzte Kursbuch-Heft zum Thema »Gut leben« fand ich sehr anregend und vielfältig, von der Wohnarchitektur über die Religion bis hin zu den Reflexionen über Markt und Gerechtigkeit. Was mir in dem Heft allerdings schmerzhaft gefehlt hat, das waren deutliche Erörterungen über ebenjene Spannung, die mich gerade sehr interessiert – also die klassisch aristotelische Frage, in welchem Verhältnis das gute Leben und das Gemeinwohl unter heutigen Bedingungen zueinander stehen oder stehen sollten. Doch als Entschädigung dafür bekomme ich derzeit in München, wo ich seit gut acht Jahren lebe, reichlich Anschauungsmaterial zu den Dilemmata der Gegenwart. Der Wohlstand dort ist beträchtlich, der Immobilienboom der jüngeren Zeit hat die Entwicklung noch einmal beschleunigt; in einigen Gegenden und Bauprojekten reicht München inzwischen an Londoner Verhältnisse heran. Zugleich aber gibt es in München, trotz aller Bedeutung des Geldes im dortigen Leben, vielerorts eine wirklich sympathische demokratische und tolerante Grundhaltung. Auch die Reste der Volks- und Wirtshauskultur – so sehr man darüber auch spotten kann, und so sehr deren egalitärer Geist von den Schönen und Reichen oft nur als leere Behauptung beschworen wird – kann man als heilsames Korrektiv durchaus schätzen lernen. Aber natürlich werden die Widersprüche, wie in jeder reicher werdenden westlichen Stadt mit Eliten von liberaler Gesinnung, eklatanter. Man bestellt sich, ohne mit der Wimper zu zucken, ein 0,1-Liter-Glas Wein für 5,90 Euro und klagt im selben Atemzug darüber, wie sehr doch die neue Investorenarchitektur und die hohen Mieten den Charakter der Stadt zu verändern drohen; man sorgt sich um den Klimawandel, ist aber letztlich doch froh, wenn Siemens und EADS prosperieren und Arbeitsplätze schaffen – in dem Sinne gibt es in München ziemlich viele rechte Linke.
Am augenfälligsten wurde das bei der Volksabstimmung über eine dritte Startbahn des Münchner Flughafens im vergangenen Jahr, bei der sich eine Mehrheit in der Stadt gegen den Ausbau entschied, auch wenn die konkret betroffenen Gemeinden außerhalb Münchens liegen. Die Botschaft dieser Volksabstimmung war, wohlwollend betrachtet, diese: Von einem gewissen Niveau des Wohlstands an sind westliche Gesellschaften zu einer gewissen Selbstbeschränkung fähig. Weniger hochtrabend gesagt, hat sich ein grün gesinntes Münchner Wohlstandsbürgertum mit der Aussage durchgesetzt: Uns geht’s schon gut genug, wir brauchen ja nicht noch mehr Flugverkehr. Dass das gute Leben des Kaffeetrinkers am zentralen Gärtnerplatz irgendwie mit den Firmen zusammenhängt, die draußen im Speckgürtel ihr schnödes Business betreiben und sich möglichst viele Flugverbindungen wünschen, um ihren globalen Geschäften nachzugehen, das wird in München gerne mal verdrängt. Ich lebe trotzdem gerne dort; und mit jenem Spruch aus Berlin noch im Gedächtnis frage ich mich, ob ich nicht selbst immer noch zur »Garde der ›Rechts leben und links reden‹-Schwätzer« gehöre – und bin deshalb jetzt gespannt auf dieses Kursbuch-Heft.
Armin Nassehi
Die Macht der Unterscheidung
Ordnung gibt es nur im Durcheinander
Ich muss einen Text schreiben, diesen Text, über die Macht der Unterscheidung. Wie immer bin ich viel zu spät dran, was mir nicht schlimm erscheint, weil ich ja weiß, was ich schreiben will. Ich habe eigentlich alles im Kopf, ich muss es nur hinschreiben. Und dann ist es irgendwie weg. Ich weiß genau, was ich sagen will, aber ich weiß nicht genau, wie ich es sagen will, schon weil nicht alles in einen Satz passt. Und wenn es drauf ankommt, kann ich wirklich sehr lange Sätze – aber so lange auch wieder nicht. Helfen würde es auch nichts. Mein Kopf, mein Bewusstsein hat nicht die Art von organisierter Intelligenz, die ich gerne hätte. Es ist eher so etwas wie verteilte Intelligenz – distributed intelligence nennen die Informatiker Programme und Architekturen, in denen unterschiedliche Probleme, Lösungen, Geschwindigkeiten, Kapazitäten und operative Einheiten lose miteinander gekoppelt werden. Das ermöglicht einerseits höhere Freiheitsgrade für die Komponenten, hat aber andererseits als Nebenfolge, dass es schwierig ist, die Dinge in eine lineare Form zu bringen – aber genau das ist es, was ein Text erfordert. Ein Bewusstsein übrigens auch. Aber dass ich genau weiß, was ich schreiben will, ist ja nur eine der Komponenten verteilter Intelligenz, so ähnlich wie das Management in einer Organisation weiß, wie es weitergehen soll, aber auch nur deshalb, weil das Management dazu da ist, dieses Wissen zu simulieren, für nichts mehr – es ist immer nur Beschreibung dessen, was beschrieben wird, aber nicht das Beschriebene selbst. Aber an das muss ich nun herankommen.
Das fällt schwer – auch durch die Linearität, die in den wenigen Sätzen, die jetzt schon stehen, eine gewisse Pfadwahrscheinlichkeit erzeugt. Leicht könnte man jetzt anschließen mit dem Verhältnis von Komplexität und Ordnung. Wer derzeit Zeitung liest, dem fällt wahrscheinlich der Flughafen BER ein, der ja gar kein Flughafen ist, weil man dort nicht starten und landen kann – und der vor allem deshalb kein Flughafen ist, weil es kaum gelungen ist, verteilte Intelligenz (wozu nicht nur die Verteilung unterschiedlicher Kompetenzen, Fertigkeiten und Problemlösungskonzepte gehört, sondern auch verteilte Unfähigkeit, kriminelle Energie und verteilte operettenhafte Politik) in eine lineare oder wenigstens organisierte (also durchaus auch mehrzeilige) Ordnung zu bringen. Der Pfad des linearen Textes könnte nun weiterverfolgt werden, aber es käme dann ein anderer Text heraus als der, den ich eigentlich schreiben wollte. Aber irgendwie taucht schon eine Unterscheidung auf – die zwischen Komplexität und Ordnung. Vielleicht bin ich also doch auf dem richtigen Weg.
Kehren wir also zurück zur verteilten Intelligenz in meinem Kopf. Ganz ähnlich wie beim Nichtflughafen BER gehört zu dieser verteilten Intelligenz auch manches, was nicht gleich intelligent wirkt – allzu schnelles Assoziieren, allzu Widersprüchliches, operettenhafte Befindlichkeiten, obwohl ich kaum etwas schrecklicher finde als Operetten. Ich will damit nur sagen: Es bedarf einer Architektur der verteilten Motive, Formen, Gedanken, um sie hinschreiben zu können – und meistens ist es ja so, dass man die Ordnung der Gedanken erst wirklich kennt, wenn man sie hingeschrieben hat. Unser ganzes Bildungssystem lebt letztlich davon, Gelegenheiten zu schaffen, Schülerinnen und Schüler, Studierende (womit man eine Unterscheidung unterlassen kann) und alle, die etwas lernen sollen, mit Selbstgeschriebenem zu konfrontieren, weil sie nur so auf die Ordnung stoßen, die in ihrem Kopf herrscht – wobei diese Ordnung nur ein Effekt des Schreibens ist und nicht das Schreiben ein Effekt der Ordnung, was ich gerade an mir auch erlebe. Wieder erfordert der Text Anschlüsse, die eigentlich nicht vorgesehen waren.
Was wir derzeit an Bildungsreform an Schulen und Universitäten machen, ist eine groß angelegte Vermeidungsstrategie des Schreibens. Weder in den Schulen noch in den Hochschulen bleibt Zeit zum Schreiben – mit der idiotischen Begründung, dass man dann mehr Zeit fürs Lernen hätte. Dass Bücher (und funktionale Textäquivalente) Semantik-/Wissens-/Kulturspeicher sind, ist ja nur die halbe Wahrheit. Man denkt dabei nur an die Rezeption – dabei ist die Produktion der Ort, an dem die Ordnung entsteht, die da gespeichert wird. Die Linearität der Kommunikation diszipliniert unser Bewusstsein, weil nicht alles sofort, nicht alles gleichzeitig geschehen kann – und vor allem nicht alles, was möglich gewesen wäre. Schreiben bringt Ordnung in die Welt – dabei dachten wir, im Geschriebenen werde ihre Ordnung nur gespeichert. Aber da wollte ich gar nicht hinschreiben – zumindest nicht direkt.
Durcheinander und Ordnung
Noch einmal angesetzt: Ich weiß, was ich schreiben will, aber es will nicht recht. Was macht man in dieser Situation? Ich stelle mich vor meine Bücherregale und versuche, die Ordnung des Geschriebenen als disziplinierenden Faktor in Anspruch zu nehmen, stelle zunächst von Schreiben auf Lesen um. Und hier stellt sich auch wieder ein Ordnungsproblem. Meine Bücher sehen sehr ungeordnet aus – und irgendwie sind sie es auch. Das hat freilich den Vorteil, dass ich vor der Suche nicht genau wissen muss, wo ich nachschauen muss – in einem eindeutig geordneten Bücherschrank kann man nicht suchen, weil man ja schon weiß, was wo steht. Wenigstens kann man weniger überrascht werden. Das hätte durchaus Vorteile, denn wenn ich ein bestimmtes Buch suche, würde ich durchaus Zeit sparen, wenn ich wüsste, wo es steht. Man stößt dann aber nicht auf Überraschungen. Eine so geordnete Welt ist wirklich geordnet. Sie verhält sich, wie man es erwartet. Eine weniger geordnete Welt dagegen stellt das bereit, was der Kybernetiker William Ross Ashby das Gesetz der erforderlichen Vielfalt genannt hat. Diese requisite variety ermöglicht es erst, sich durch eigene Variationsmöglichkeiten besser auf komplexe Anforderungen einstellen zu können. Diesem sogenannten Ashby’s Law kommt mein Bücherschrank tatsächlich entgegen. Es ermöglicht hohe Varietät – und kann sich deshalb komplexen Anforderungen stellen, und es kann Überraschungen produzieren, die im Nachhinein als Ordnung erscheinen.
So ist es mir gerade gegangen. Als ich nicht weiterwusste, bin ich ans Regal gegangen, habe allerlei Bücher verworfen, habe in einem Regal nachgesehen, dessen Ordnungsprinzip kein sachliches, sondern ein physisches und ästhetisches ist – es stehen dort nur Bücher einer wissenschaftlichen Taschenbuchreihe eines Verlages, der gerade die Komplexität von Literatur/Kunst, Ökonomie, Recht und Familie unter großer öffentlicher Beteiligung in Ordnung zu überführen versucht. Diese Bücher passen vor allem deswegen so gut zusammen, weil sie alle gleich groß sind, sehr ähnlich aussehen und bei mir in großer Zahl vorhanden sind. Hier jedenfalls habe ich zugegriffen – und in die Hand fiel mir Gregory Batesons Ökologie des Geistes.
Der geneigte und informierte Leser wird jetzt vielleicht argwöhnen: Was für eine blöde Inszenierung wird hier geboten. Wo sollte man sonst nachsehen als in der Ökologie des Geistes, wenn man etwas Gelehrtes über die Macht der Unterscheidung schreiben soll? Das ist so naheliegend. Und der geneigte Leser, ebenso die geneigte Leserin, hätte recht. Zumal in dem Buch ja der wichtigste zitierbare Satz zum Thema steht, sicher auch derjenige, der zu diesem Thema am häufigsten zitiert wird: Eine Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied ausmacht. Steht übrigens auf Seite 582 (nur weil es inzwischen ein Sprichwort ist und wohl eher selten nachgeschaut wird). Aber ich versichere: Es war wirklich so (eingedenk dessen, dass ich weiß, dass das auch nur ein Satz ist, der nicht kontrollieren kann, ob darin das steht, was der Autor wirklich gemeint hat; und eingedenk dessen, dass ich ja vorhin behauptet habe, dass der Autor erst weiß, was er denkt, nachdem er es hingeschrieben hat).
Also: Ich stieß auf die Ökologie des Geistes, und diese fängt tatsächlich mit exakt dem Problem an, dessen Lösung mich das Buch hat finden lassen. Der erste Teil des Buches beginnt mit sieben Metalogen, Gesprächen Batesons mit seiner Tochter Cathy, in denen nicht nur über etwas gesprochen wird, sondern auch darüber, wie darüber gesprochen wird. Der erste Metalog beginnt mit der Frage der Tochter an den Vater: Pappi, warum kommen Sachen durcheinander? Die Tochter präzisiert die Frage, dass Leute viel Zeit damit verbringen, Sachen aufzuräumen und Ordnung zu stiften, aber wenig Zeit damit, es wieder durcheinanderzubringen. Und danach müssten die Leute dann wieder aufräumen. Vater und Tochter einigen sich dann darauf, dass es wahrscheinlich weniger Zustände gibt, die man ordentlich nennen würde, als solche, die durcheinander sind. Freilich kann man unterschiedliche Zustände von »durcheinander« nur dann identifizieren, wenn man sie ihrerseits an Ordnungsvorstellungen scharfstellt. Klinken wir uns kurz in das Gespräch ein:
Vater: … glaubst du denn auch, du meinst dasselbe mit »ordentlich« wie alle anderen Leute? Wenn Mammi deine Sachen aufräumt, weißt du dann, wo du sie findest?
Tochter: Hmmm … manchmal – weil, siehst du, ich weiß, wo sie sie hinlegt, wenn sie aufräumt –
V: Ja, ich versuche auch, sie daran zu hindern, meinen Tisch aufzuräumen. Ich bin sicher, daß sie und ich nicht dasselbe unter »ordentlich« verstehen.
T: Pappi, verstehen du und ich dasselbe unter »ordentlich«?
V: Ich bezweifle es, mein Schatz – ich bezweifle es.
T: Aber Pappi, ist es nicht komisch, daß jeder dasselbe meint, wenn er »durcheinander« sagt, aber alle unter »ordentlich« etwas anderes verstehen. Und »ordentlich« ist doch das Gegenteil von »durcheinander«. Oder nicht?
V: Jetzt geraten wir langsam an schwierige Fragen. Laß uns noch mal von vorne anfangen. Du hast gefragt: »Warum kommen Sachen immer durcheinander?« Wir haben einen oder zwei Schritte getan – und jetzt wollen wir die Frage abändern in: »Warum kommen Sachen in einen Zustand, den Cathy als ›nicht ordentlich‹ bezeichnet?« Verstehst du, warum ich diese Änderung vornehmen möchte?
T: … Ja, ich glaube – denn wenn ich eine besondere Bedeutung für »ordentlich« habe, dann werden mir einige »Ordnungen« anderer Leute als Durcheinander vorkommen – selbst wenn wir uns über das meiste einig sind, was wir als Durcheinander bezeichnen –1
Die beiden stoßen, pädagogisch sensibel geführt vom Vater, einerseits darauf, dass Ordnungen offensichtlich unwahrscheinlicher sind als Unordnung – das kennen wir schon aus der Bewusstseinsphilosophie: Kant hat dem Verstand die Funktion zugewiesen, die Mannigfaltigkeit der Sinneseindrücke mithilfe von ordnenden Kategorien, eigentlich: Unterscheidungen (Einheit versus Vielheit; Kausalität versus Wechselwirkung; Möglichkeit versus Unmöglichkeit; Notwendigkeit versus Zufälligkeit etc.) in eine Form zu bringen – also aus unordentlichen Sinneseindrücken eine ordentliche Welt zu machen. Darüber hinaus erkennt Bateson im Gespräch mit seiner Tochter, dass es offensichtlich ganz unterschiedliche Kategorisierungen für Ordnung gibt, die aus der Warte eines anderen als Unordnung oder wenigstens als andere Ordnung erscheinen. Kant wird gerne ein geradezu übertrieben ordentliches Leben nach strengen Regeln nachgesagt – was, wie wir inzwischen wissen, wohl nicht stimmt. Kant war von großer Geselligkeit und lud viele Gesprächspartner zu sich ein. Aber er hatte keine Kinder. Und wer Kinder hat, stößt unweigerlich auf unterschiedliche Ordnungslogiken. Hier ist Bateson mit Cathy eindeutig im Vorteil.
Das Gespräch zwischen Vater und Tochter geht weiter und stößt nun nicht nur darauf, dass es unterschiedliche Ordnungen und Ordnungsvorstellungen gibt, dass es also durchaus beobachterabhängig ist, ob etwas als Ordnung betrachtet wird beziehungsweise wie eine Ordnung beschaffen ist oder sein soll. Die beiden stoßen auch auf die Frage, wie Ordnungen überhaupt zustande kommen, wenn es doch unterschiedliche Ordnungen geben kann. Als Beispiel fällt dem Vater ein Filmtrailer ein – im Kino hatten er und Cathy gesehen, wie ein Buchstabensalat mit vielen Buchstaben, die kreuz und quer lagen, durchgeschüttelt wurde, bis sie sich zu dem Wort DONALD gruppiert haben. Aus einer komplexen, ungeordneten Menge von Elementen wurde durch Irritation und Bewegung eine geordnete Menge, die ein sinnhaftes Wort ergab. Es stellte sich nun die Frage, wie man eine solche ungeordnete Menge dazu bekommt, eine Ordnung zu generieren. Die Antwort: Indem eine unter vielen möglichen Auswahlen getroffen wird – da es aber sehr viele Kombinationsmöglichkeiten gibt und es höchst unwahrscheinlich ist, dass ausgerechnet DONALD dabei herauskommt, müssen die Filmleute einen Trick anwenden, um das demonstrieren zu können. Wir hören noch einmal in das Gespräch hinein:
V: Und dann schüttelt irgendwas die Bildebene, so daß sich die Buchstaben zu bewegen anfangen, und das Schütteln geht so lange weiter, bis sich alle Buchstaben zusammenfinden und den Titel des Films ergeben.
T: Ja, das habe ich schon gesehen – dabei kam DONALD raus.
V: Darauf kommt es nicht so sehr an. Wichtig ist, daß du gesehen hast, wie etwas geschüttelt und aufgestört wurde, und anstatt noch mehr vermischt zu werden als vorher, fanden sich die Buchstaben zu einer Ordnung zusammen, alle in der richtigen Stellung, und ergaben ein Wort – sie bildeten etwas, das eine Menge Leute für Sinn halten würden.
T: Ja Pappi, aber weißt du …
V: Nein, ich weiß nicht; ich versuche nur zu sagen, daß in der wirklichen Welt nie so etwas passiert. Das gibt es nur im Kino.
T: Aber Pappi …
V: Warte noch einen Augenblick, laß mich diesmal ausreden – – – Und im Kino lassen sie es so erscheinen, indem sie das Ganze rückwärts drehen. Sie reihen die Buchstaben so auf, daß sie DONALD ergeben, dann setzen sie die Kamera in Gang und dann fangen sie an, die Bildebene zu schütteln.
T: Oh Pappi – das wußte ich, und ich wollte dir dasselbe erzählen –; und wenn sie dann den Film spielen, lassen sie ihn rückwärts laufen, damit es aussieht, als sei alles vorwärts passiert. Aber in Wirklichkeit passierte das Schütteln rückwärts. Und sie müssen es verkehrt ’rum photographieren … Warum machen sie das Pappi?
V: Oh Gott.2
Wahrscheinlich – unwahrscheinlich
Was Bateson seiner Tochter und Cathy ihrem Vater sagen möchte: Ordnung ist unwahrscheinlich und letztlich nur aus sich selbst heraus erklärbar, nicht aus der Gesamtmenge aller Möglichkeiten. Deshalb kann man Ordnung nicht vorwärts, sondern nur rückwärts verstehen. Wir kennen das aus komplexen technischen Unfällen. Es könnte passieren, dass ein Verkehrsflugzeug abstürzt, weil aufgrund einer fehlerhaften Sicherung in der Kaffeemaschine die Bordküche Feuer fängt und dieses Feuer auf systemrelevante Komponenten des Flugzeugs ausgreift und es zum Absturz bringt. Wäre aber zuvor die fehlerhafte Sicherung aufgefallen, hätte man daraus nicht auf den künftigen Absturz schließen können.
Wahrscheinlich werden die Aufsichtsbehörden nun alles daransetzen, dass Verkehrsflugzeuge ab sofort alle vor dem Start daraufhin geprüft werden, ob die Sicherungen der Kaffeemaschinen in Ordnung sind – bis das nächste Flugzeug aus einem anderen Grund abstürzt. Wahrscheinlich ist es sogar Unsinn, sich zu lange mit dieser Sicherung zu beschäftigen, weil es sehr unwahrscheinlich ist, dass eine mit dem Rest des Flugzeugs so lose gekoppelte Ursache das ganze Flugzeug zerstört – ähnlich unwahrscheinlich, wie es für die Filmleute gewesen wäre, so lange an den Buchstaben zu rütteln, bis DONALD erscheint. Das geht nur rückwärts, nicht vorwärts – und gilt nicht nur für technische Systemunfälle.
Wenn es stimmt, dass die Weltfinanzkrise ihren Ausgangspunkt in der US-amerikanischen Immobilienkreditwirtschaft hatte, konnte man dies den damaligen eher unspektakulären Transaktionen nicht entnehmen. Und genauso wenig gilt, dass man künftige Finanzkrisen verhindern können wird, wenn man amerikanischen Immobilienfinanzierern genauer auf die Finger schaut (was übrigens nicht heißt, dass man das nicht tun sollte). Und es gilt auch biografisch. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard schrieb in seinen Tagbüchern 1843, das Leben könne, wie die Philosophen immer schon wüssten, nur rückwärts verstanden werden, aber es müsse vorwärts gelebt werden. Dieser Satz, der in kaum einer launigen biografischen Rede fehlt, hat es in sich. Das mit der Vergangenheit ist ohnehin plausibel, aber dass es auch zugleich bedeutet, dass es kein Verstehen im Vorwärtsgang geben kann, oder besser: dass uns nur die Unterscheidungen zur Verfügung stehen, die uns aus der Vergangenheit bekannt sind, die aber für die Zukunft kaum taugen, ist das Entscheidende.
Es kommt also, darauf will auch Bateson hinaus, darauf an, was einen Unterschied macht. Wer im Nachhinein erklärt, sieht die Sicherung der Kaffeemaschine, die einen Unterschied gemacht hat, sieht kleine Immobilienfinanzierer, die einen Unterschied gemacht haben, sieht frühere Erfahrungen, die einen Unterschied machen – und schon entsteht die Welt, in der wir eine Ordnung deswegen sehen, weil wir sie so sehen und weil wir uns an sie gewöhnt haben. Ordnung ist das Ergebnis unseres eigenen Blicks – aber sie ist nicht beliebig, weil der Blick genau die Form ist, in der wir sie sehen. Wir sind immer schon drin in der Welt, deshalb können wir nie anfangen.
Ohne jetzt allzu abstrakt zu werden: Ich lebe immer in der Ordnung, die ich durch mein Leben hervorbringe. Der Mathematiker George Spencer Brown hat das in der schönen Formel ausgedrückt, dass alles, was geschieht, der Aufforderung folgt: draw a distinction – mache einen Unterschied, will heißen: Tu dies, nicht jenes, wähle aus den Möglichkeiten aus, die es nur in der Unterscheidung gibt. Deshalb ist dieser Befehl draw a distinction meistens gar nicht hörbar, denn er ist immer schon erfüllt – es sei denn, wir verfliegen in einem konturenlosen Nirwana ohne Unterscheidungen (aber das Nirwana kennen wir ja auch nur als Differenz zu der Welt, die uns zum Ausschluss anderer Möglichkeiten, zu Entscheidungen usw. zwingt).
