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Ist es ausgerechnet unsere permanente Fixierung auf Gesundheit, die uns krank macht? Wie definieren wir Gesundheit, wenn das Reden über selbige stets von der Suche nach Krankheitsrisiken oder dem Vorhandensein von Krankheit bestimmt wird? Das Kursbuch "Gefährdete Gesundheiten" zeigt auf, warum eine zu gesunde Lebensführung zum Krankheitsrisiko werden kann. Wie sehr Gesundheit und Krankheit von unterschiedlichen kulturellen Erwartungen geprägt sind. Wie stark ökonomische, wohlfahrtsstaatliche und politische Entscheidungen Gesundheiten gefährden können. Und wie sehr sich die Vorstellung von Gesundheit sowie die Akteure ihres Systems gewandelt haben. Mit Beiträgen von Gunnar Stollberg, Manfred Lütz, Joachim Müller-Jung, Gina Atzeni, Wilhelm Schmid, Peter Wagner, Robert Pfaller, Katarina Greifeld, Michael von Brück, Deborah Lupton, Thomas Gerlinger, Rainer Merkel, Armin Nassehi und Norbert Seitz.
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Inhalt
Armin Nassehi
Editorial
Norbert Seitz
Brief eines Lesers (5)
Gunnar Stollberg
Was ist Gesundheit?
Auf den Spuren eines lädierten Begriffs
Manfred Lütz
Auf Gedeih und Gesundheit!
Über Risiken und Nebenwirkungen einer neuen Religion
Joachim Müller-Jung
Der kranke Gesunde
Die Grenzen der Genmedizin
Armin Nassehi
Eine Kritik des gesunden Menschenverstandes
Oder: Krankheit als Chance
Gina Atzeni
Wer gefährdet hier welche Gesundheiten?
Das Selbstbild der Ärzte
Wilhelm Schmid
Was macht ein Philosoph im Krankenhaus?
Lebenskunst an lebendigen Orten
Peter Wagner
Dreck macht Speck
Über die Unmöglichkeit, vom Essen nicht zu sterben
Robert Pfaller
Lasst euch nicht verführen!
Über Bevormundungspolitik und die Riten der Unterbrechung
Katarina Greifeld
Meine Gesundheit gehört mir!
Lokale Menschenbilder und Medizin in der globalisierten Welt
Michael von Brück
32 Arten des Pulses
Über das interkulturelle Verstehen von Gesundheit
Deborah Lupton
Persönlich verantwortlich
Gesundheit im digitalen Zeitalter
Thomas Gerlinger
Wettbewerb und Privatisierung
Über den Wandel von Gesundheitssystemen
Rainer Merkel
Aschura
Die Leichtigkeit der Körper
Anhang
Autoren
Impressum
Armin Nassehi
Editorial
Gefährdete Gesundheiten – eigentlich ist das ein Pleonasmus. So etwas wie ein alter Greis, ein runder Kreis, ein endgültiger Tod oder kaltes Eis. Aber es ist hier nicht der Ort, die Wahl des Kursbuch-Titels zu kritisieren, wir haben ihn schließlich selbst gewählt, und zwar deshalb, weil Gesundheit tatsächlich stets gefährdet ist. Man sieht es nur nicht so deutlich wie das Alter eines Greises, die Rundung eines Kreises, die Endgültigkeit des Todes oder die Kälte des Eises. Den Ausdruck Gefährdete Gesundheiten einen Pleonasmus zu nennen, verweist dabei weniger auf eine Information als auf Performatives.
Gesundheit wird erst thematisiert, wenn mögliche Gefährdungen in Betracht kommen. Wer auf einer Speisekarte eine gesunde Speise sucht, muss das schon im Horizont möglicher Gefährdungen tun. Wer sich nach der Gesundheit oder dem Wohlbefinden eines Bekannten erkundigt, erwartet kaum, dass die Antwort die Tage aufzählt, an denen der Befragte gesund war. Er wird sagen: »Mir geht es recht gut, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Nur die Sache mit meinem Blutdruck kriege ich nicht so recht in den Griff. Und da muss ich in meinem Alter schon aufpassen.« Eher unwahrscheinlich wäre die Antwort: »Mein Wohlbefinden ist insbesondere in psychosozialer Hinsicht ganz prima, und ich spüre deutlich, wie toll meine Lebensfunktionen wundervoll koordiniert ineinandergreifen. Überhaupt: Ich glaube, ich bin so richtig gesund.« Ich gebe zu, das ist sehr konstruiert – aber es lässt sich kaum anders als in dieser Weise etwas gestelzt konstruieren, wie wir solche Antworten kaum geben würden. Wenn ich eine solche Antwort hören würde, würde ich womöglich fragen, warum jemand seine Gesundheit so betont, und mich mit der Alltags- und Küchenpsychologie, mit der wir hilfsweise durchs Leben gehen, fragen, was da wohl nicht stimmt, wenn jemand betont, dass er so gesund sei. Wenn das einen solchen Informationswert hat, muss es ja wohl einen Unterschied machen – nur: wovon? Hätte die Antwort auf die Frage nach dem Wohlbefinden einfach gelautet: »Danke, gut!« oder: »Und selber?«, wäre ich mit der Information zufrieden gewesen – nicht obwohl, sondern weil die Antworten letztlich keine Informationen enthalten hätten.
Einen Informationswert hat letztlich nur das, was einen Unterschied macht, am besten eine Störung, denn das lässt die Struktur von Sprache und Kommunikation besonders gut bearbeiten – gerade deshalb befördert Kommunikation stets die Kritik an den Verhältnissen, weil Affirmation kaum einen Informationswert hat (es sei denn, man kritisiert Affirmation). Genau deshalb haben engstirnige Ideologen (wieder ein Pleonasmus!) die größte Furcht vor freier Kommunikation.
Wer über Gesundheit redet, redet stets über ihre Gefährdungen. Sich um seine Gesundheit zu kümmern, ist fast gleichbedeutend mit der Suche nach ihrem Gegenteil beziehungsweise nach Indikatoren ihrer Gefährdung. Darmspiegelungen, Mammografien, genetische Untersuchungen, auch die inzwischen obligatorischen Check-ups suchen nicht nach Gesundheit, sondern nach ihren Gefährdungen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Das soll nicht kritisiert werden, aber es verweist eben doch auf den performativen Gehalt der Rede über Gesundheit, die nur dann vermieden werden kann, wenn sie wirklich da ist. Ein gesunder Körper und eine gesunde Psyche machen letztlich nicht auf sich aufmerksam. Sie sind Grundbedingungen unseres Lebens. All die Prozesse unseres Körpers, die so im Hintergrund ablaufen, bleiben im Hintergrund, und solange wir sie nicht merken, fühlen wir uns gesund.
Die Beiträge dieses Kursbuchs handeln deshalb auch weniger von Gesundheit als von ihren Gefährdungen. Einige zeigen, wie die Fixierung auf Gesundheit womöglich krank macht, wie sehr Gesundheit und Krankheit von kulturellen Erwartungen geprägt sind, wie die einen Ängste durch andere ersetzt werden, wie sich die Akteure im Gesundheitswesen, insbesondere Ärzte, gewandelt haben und nicht zuletzt: wie stark ökonomische, wohlfahrtsstaatliche und politische Entscheidungen Gesundheiten gefährden können.
Deborah Lupton zeigt schließlich in ihrem Beitrag, wie sich die Vorstellungen von Gesundheit durch die neuen Technologien grundsätzlich verändern.
Wie gefährlich wiederum Essen ist, macht Peter Wagner auf eindrucksvolle Weise deutlich: Alle früheren Menschengenerationen hätten mehrmals täglich gegessen – und alle seien sie tot.
Apropos Tod: Es fällt auf, wie nah viele Analysen an religiöser Sprache gebaut sind: Säkularisierte Seelsorge spendet der Philosoph Wilhelm Schmid im Krankenhaus, rituelle Unterbrechungen schlägt Robert Pfaller vor, von der Tyrannei der Gesundheitsreligion spricht Manfred Lütz, den Zusammenhang von Spiritualität und Gesundheits-/Krankheitserleben zeigen Michael von Brück und Katarina Greifeld auf. Und Rainer Merkel lässt seinen Erzähler in seinem wunderbaren Stück beim Besuch eines Aschura-Festes, einer islamischen Selbstgeißelung in Erinnerung an die Schlacht von Karbala im Jahre 680, von einer »sehnsuchtsvollen Regression« fasziniert sein, die ihn an spirituelle Vergangenheiten mit seiner Großmutter erinnert – nur um am Ende auf den Boden der Tatsachen gebracht zu werden. Es sei nur mehr Show, Geschäftemacherei und Folklore, wird ihm versichert. Welche Gesundheiten hier wohl in Gefahr geraten?
Wir danken Norbert Seitz für den fünften Brief eines Lesers.
Armin Nassehi, im August 2013
Norbert Seitz
Brief eines Lesers (5)
Wenn selbst der Spiegel damit anfange, »überheblich-intellektuelle Bekenntnisse zum Nichtwählen abzudrucken«, laufe es »doppelt gut für die christdemokratische Schlafwagengesellschaft«. So rüffelt der Sprecher des Berliner Senats, Richard Meng, im Kommentar eines SPD-Parteiblatts das Hamburger Magazin, wo in einem Essay von Harald Welzer das Nichtwählen in höchst fragwürdiger Weise als eine »politische Handlung« beschrieben wird. Der Vorgang ist in der Tat etwas peinlich, denn schon wieder hat sich vor einer Bundestagswahl ein prominenter Alarmist gefunden, der aus weltbewegenden Gründen zur Abstinenz aufruft und von der Wahl eines »kleineren Übels« nichts mehr wissen will. Ebenso überflüssig will uns die Reaktion eines Regierungssprechers vorkommen, der in seiner amtlichen Funktion Journalisten und Redakteuren eher Rede und Antwort zu stehen hätte, statt diese in Zensoren-Manier abzuwatschen.
Für das Kursbuch ist das Spiegel-Dropping erst recht ärgerlich, stand doch der Aufsatz Welzers, auf den hier angespielt wird, in seiner letzten Ausgabe (Nr. 174, S. 31–43). Dabei hat dessen Plädoyer nur wenig Aufrührerisches. Er fügt sich in eine eher bieder trotzige Tradition von nachkriegsdeutscher Ohnemichelei oder innenpolitischem Sonderwegsdenken, wie es nach dem KPD-Verbot 1956, der Enttäuschung über die sozialdemokratische Kurskorrektur des Godesberger Programms 1959 und der Ostermarschbewegung an der Grenze zum politischen Sektierertum üblich war.
Wer mit einem Wahlboykott als einzig verbliebener Alternative kokettiert, bestätigt damit ungewollt das TINA-Prinzip der Kanzlerin– getreu der Devise: »Wer mich nicht wählt, soll lieber gleich zu Hause bleiben«. Dies entspricht der bewährten Unionsstrategie einer »asymmetrischen Demobilisierung«, über »Themenklau« SPD-Wähler in die Wahlenthaltung zu treiben und damit die identitätsverdächtigen Inhalte des politischen Gegners in ihrer Harmlosigkeit vorzuführen. Welzer hin, Merkel her, seit geraumer Zeit gilt: Zur Nichtwahl muss nicht erst aufgerüttelt werden, sie findet im größer werdenden »Prekariat« der Gestrandeten und Hoffnungslosen längst statt.
Der erwähnte Rüffel des Berliner Regierungssprechers macht überdies deutlich, dass die Medienverschwörungstheoretiker bereits zum nächsten Gefecht nach der Bundestagswahl am 22. September rüsten. Denn schon 2009 wurde dem Journalisten Gabor Steingart (Ansichten eines Nichtwählers) und dem Schriftsteller Thomas Brussig unterstellt, eine Negativ-Kampagne gegen das Wählen losgetreten zu haben, um gleichsam schwankende SPD-Anhänger zur Abstinenz zu verleiten und Merkel damit gleichzeitig zur konservativ-liberalen Mehrheit zu verhelfen.
Die Wahlabstinenz wird – wie bei Welzer – auf fehlende problembewusste Inhalte oder einen Mangel an Unterscheidbarkeit der Parteien zurückgeführt. Doch die Demoskopie kann solche Urteile nicht bestätigen: Über 70 Prozent bringen etwa– laut infratest dimap– die derzeit miesen Werte der SPD mit deren politischem Personal in Verbindung, während nur 20 Prozent die von Welzer so vermissten Inhalte für ausschlaggebend halten.
Dabei wird ein wichtiges Enttäuschungsmotiv gerne ausgespart– die stupende Lernunfähigkeit der Parteien und ihrer Kader, Misserfolge bei Wahlen aufzuarbeiten, was für sich betrachtet schon einer Missachtung des Wählers gleichkommt. Dass die SPD bei ihrem 23-Prozent-Debakel 2009 mehr Stammwähler an Union und Liberale verlor als an die Linkspartei, »spielte merkwürdigerweise in der Aufarbeitung des Wahlergebnisses weder in den Medien noch in den Parteigremien eine wesentliche Rolle«, wundert sich Julian Nida-Rümelin im letzten Kursbuch. Offenbar standen die demoskopischen Werte quer zu den identitätsverbürgenden Dolchstoßlegenden der Agenda-Gegner. Das Heft 174 (Richtig wählen) lässt sich von alldem nicht kirre machen und fächert genügend plausible Gründe auf, weshalb es noch immer ernsthaft infrage kommt, wählen zu gehen, statt »intellektuell-überheblich« den Wahlzettel zu zerreißen und sich damit noch in einer Art Retterpose zu brüsten.
Da das Blatt sich in wohltuender Weise nicht mit der Pflege einer avantgardistischen Tradition aufbläst, vermeidet es auch jeden Anflug von Kampagne, auch nicht jener der üblich staatstragenden Art, auf jeden Fall wählen gehen zu sollen, getreu der biografisch verständlichen Maxime unseres Bürgerrechtlers im Bellevue: »Wir haben immer eine Wahl.«
Was da fehlt? Zum Beispiel ein analytischer Blick auf das zusehend wahlentscheidende Segment der unentschlossenen Spätentscheider und hernach doch Daheimgebliebenen. Außerdem: Warum wecken offenbar nur noch das Ausmaß des Merkel-Triumphes und die dramatischen innerparteilichen Konsequenzen im Falle eines weiteren SPD-Debakels Interesse und Neugier? Will sagen, das eigentliche Event wird erst hinterher erwartet, was die Blattmacher des neuen Kursbuch natürlich auch als eine kleine Bestätigung erfahren könnten, haben sie doch »die Krise der Parteien« im Auftaktheft 170 »geradezu als einen Demokratiegenerator« – so bei Jasmin Siri – herausgestellt.
Die »Kultur der Gelassenheit« ist als Gründungsbotschaft des neuen Kursbuchs von Armin Nassehi beschworen worden: »die Dinge erst mal sprechen und aufeinander beziehen zu lassen«. Dafür brauche man »Platz, Raum und Zeit« und vielleicht auch mal »schwierige Sätze«, wie beispielsweise jene Hammerparolen im letzten Heft: »Nichtwähler bilden den Brutkasten für die nächste Diktatur« (Felix W. Weyh) oder »Lynchjustiz ist vollendete Partizipation« (Armin Nassehi).
Doch wer unseren täglichen Alarmismus mit fast schon spielerischer Gelassenheit abtropfen lassen möchte, läuft stets Gefahr, der Abgehobenheit oder Beliebigkeit verdächtigt zu werden. Dies gilt erst recht für die stilisierte Neigung, der Permanenz von Schreckensnachrichten und Untergangsszenarien mit provokanten Bekenntnissen wie jenem, Krisen lieben zu können – so ein früherer Hefttitel –, widerstehen zu wollen.
Intellektuelle Köpfe nach legitimen Gründen Ausschau halten zu lassen, die für die Wahl etablierter Parteien (noch) sprechen könnten, mag als staatserhaltende Idee ganz gut wirken. Von einem »Spagat zwischen kritischer Distanz und solidarischer Nähe« sollte man freilich mehr erwarten. Den empfohlenen Parteien wäre weiß Gott etwas mehr zuzumuten, als ihnen nur die hehren programmatischen Ideale ins Gedächtnis zu rufen. Denn im Grunde müssten sich doch fast alle Parteien neu formieren, um nicht zu sagen neu erfinden, da sie mit ihren alten Formaten den Herausforderungen der globalisierten Welt gegenüber eher hilflos erscheinen.
Dies setzte einen Mut zur intellektuellen Zuspitzung voraus, der nicht die Sache von Enzensbergers Blattenkeln ist. So bleibt denn auch der Leser mit einem eigentümlichen Gefühl an souverän bewältigter Leere zurück. Schade, dass auch das intellektuelle Wahlkampf-Highlight schlechthin nicht gestreift wurde: Die letzte Hoffnung des fast entmutigten Sozialphilosophen Jürgen Habermas auf ein wachrüttelndes Wahlergebnis der trotzigen Anti-EU-Recken von der »Alternative für Deutschland«. Eine Art »Sonthofen-Strategie« von links – bestehend aus der vagen Aussicht, durch die Nacht populistischer EU-Gegner doch noch zum Licht eines nach wie vor visionär gedachten Europa zu gelangen.
Gunnar Stollberg
Was ist Gesundheit?
Auf den Spuren eines lädierten Begriffs
Vor einem Vierteljahrhundert, im Jahre 1987, erschien das letzte Kursbuch zum Thema »Gesundheit«. Einige seiner Beiträge sind heute noch erstaunlich aktuell: Gesundheit werde in der Industriegesellschaft individualisiert, wozu auch die Präventionsideologie beitrage. Sie werde so zu einer nicht mehr kritisierbaren Kategorie sozialen Handelns, vielleicht sogar zu einem »Fetisch«. Jedoch seien »Verbesserungen im Gesundheitssystem« nicht »ohne umfassende Änderungen seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen« zu haben. Wenn auch manche Sätze dem damaligen Zeitgeist geschuldet sind: »Die Machteliten manipulieren die unbewußten Unsterblichkeitswünsche der Subjekte, um davon abzulenken, daß sie selbst zur vorzeitigen Sterblichkeit so wirkungsvolle Beiträge leisten«, bleibt doch die Thematisierung von natürlicher Lebensführung, gesundheitlicher Selbstverantwortung (»Krankheit als Metapher«) und heterodoxen Medizinformen aktuell (die seit damals »alternative Medizin« genannt, obgleich sie meist komplementär verwendet werden).
Doch was ist Gesundheit? Die WHO (World Health Organization)-Definition aus dem Jahre 1948 erscheint trotz aller Kritik, die ihr in mehr als sechs Jahrzehnten zuteilwurde, noch immer wegweisend: »Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.« In dieser Tradition steht auch eine modernisierte Definition gesundheitswissenschaftlicher Provenienz. Gesundheit ist, wenn man Klaus Hurrelmann1 folgen will, der »Zustand des objektiven und subjektiven Befindens einer Person, der gegeben ist, wenn diese Person sich in den physischen, psychischen und sozialen Bereichen ihrer Entwicklung im Einklang mit den eigenen Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den jeweils gegebenen äußeren Lebensbedingungen befindet«. Hurrelmann ergänzt also die WHO-Definition um Aspekte von Gesundheitsverhalten und -verhältnissen. Kurzum, es geht ihm mehr um die Frage, wie gesellschaftlich bedingt und beeinflusst sich Gesundheit darstellt.
Um den aktuellen Debattenstand zu skizzieren, werde ich zunächst auf Basis eines Schicht- oder Klassenmodells die gesundheitlichen Ungleichheiten benennen. Danach werde ich der Frage nachgehen, ob Gesundheit durchweg als höchstes Gut in einer Gesundheitsgesellschaft begriffen wird, und mich dabei des Milieu-Modells bedienen. In der Folge werde ich kurz erörtern, ob es eine Klassenmedizin in dieser Gesellschaft gibt, sowie die Asymmetrie des Arzt-Patienten-Verhältnisses und die Entwicklung von gut informierten Patienten debattieren. Schließlich werde ich das Verhalten von Patienten als aktive Konsumenten und den Pluralismus medizinischer Konzepte/Programme, die Ökonomisierung des Gesundheitswesens umreißen und zu guter Letzt auf Gesundheit und Krankheit als Beobachtung eingehen. Die Auswahl dieser Themen ist ihrer Aktualität geschuldet. Ihre Nähe zu den Themen des damaligen Kursbuchs ist auffällig. Hat sich tatsächlich seither nichts geändert?
Gesundheitliche Ungleichheiten
Zwar ist häufig von »Klassenmedizin« die Rede, von Gesundheits- oder Krankheitsklassen spricht indes niemand, obgleich es dazu Anlass gäbe. Soziale Ungleichheiten werden klassisch nach Einkommen, Beruf und Bildung (der »meritokratischen Triade«, so Reinhard Kreckel2) mit einem Schicht- oder Klassenmodell gemessen. Dies gilt auch für gesundheitliche Ungleichheiten. Andreas Mielck und Uwe Helmert haben diesbezüglich einen Überblick über eine Großzahl empirischer Studien gegeben. Hier die wichtigsten Ergebnisse:
• Hinsichtlich Morbidität und Mortalität insgesamt weisen nur zwei von insgesamt 72 Studien »eine höhere Prävalenz mit höherem sozioökonomischem Status auf (bei Scharlach und Psoriasis); neun zeigen keine eindeutige Beziehung und die Übrigen deuten auf eine höhere Mortalität oder Morbidität mit niedrigerem sozioökonomischem Status hin. … (Es) ergibt sich … ein relativ deutliches Bild höherer Mortalität und Morbidität bei Personen aus den unteren sozioökonomischen Gruppen.«3
• »Die Beziehungen zwischen dem sozioökonomischen Status und der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen sind auf den ersten Blick weniger eindeutig … Bei näherer Betrachtung lassen sich jedoch relativ eindeutige Tendenzen unterscheiden. So nehmen offenbar mit höherem sozioökonomischem Status die Besuche beim Allgemeinarzt ab und beim Facharzt zu; eine Abnahme ist auch z. B. bei der Medikation zu erkennen; die Selbstmedikation nimmt dagegen mit dem sozioökonomischen Status zu …«4
• »Mit zunehmendem sozioökonomischem Status nimmt die Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft offenbar ebenso zu wie die Teilnahme an Früherkennungs-Programmen für Kinder … Die Teilnahme an Früherkennungs-Untersuchungen weist dagegen keine eindeutige Beziehung zum sozioökonomischen Status auf …«5
• »Personen mit höherem sozioökonomischem Status rauchen weniger, leiden seltener an Übergewicht, treiben häufiger Sport und weisen häufiger Typ A Verhalten auf« (einem von Unruhe, Nervosität usw. gekennzeichneten Verhalten, das mit höherem Herzinfarkt-Risiko einhergeht).6
Diese gesundheitlichen Ungleichheiten eröffnen das Bild einer Schichten- oder gar Klassengesellschaft. Sie haben sich über Jahrzehnte hin kaum verändert. Was ihnen gemeinsam ist? Sie unterscheiden sich nicht grundsätzlich von Strukturen der meritokratischen Triade und bauen auf der Erwerbssphäre auf. Das heißt, Nichtberufstätige, wie Studierende, Rentner, Arbeitslose, Hausfrauen usw., können in dieses Modell nur schwer subsumiert werden. Es wird auf die Verhältnisse, nicht aber auf Werte, Orientierungen und Verhalten abgestellt. Daher hat man die Modelle erweitert.
Eine andere Struktur sozialer Ungleichheit stellt die Geschlechterdifferenz dar. Johannes Siegrist und Anne Maria Möller-Leimkühler haben deren gesundheitliche Aspekte zusammengefasst und dabei die These von der übermäßigen Belastung der Frauen, aber auch von Defiziten der weiblichen Sozialisation kritisiert. Epidemiologische Daten zeigen bei vielen Erkrankungen in der modernen Gesellschaft, »dass Frauen weder gesünder (trotz höherer Lebenserwartung der Frauen um durchschnittlich sieben Jahre) noch kränker sind als Männer, sondern dass sie unterschiedliche Häufigkeiten für verschiedene Krankheiten aufweisen. Frauen sind häufiger von akuten und nicht-tödlich verlaufenden chronischen und kurzfristigen Beeinträchtigungen betroffen. Männer erkranken und sterben dagegen häufiger an koronarer Herzkrankheit, Lungen-, Nieren- und Harnwegskrebs, Leberzirrhose, chronischer Bronchitis, Unfällen und Suizid. Frauen sind von psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Neurosen und Angstsyndromen etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Bei der Alkoholabhängigkeit ist eine deutliche Zunahme des Anteils der Frauen zu verzeichnen, bei der Medikamentenabhängigkeit liegt die Häufigkeitsrelation von Frauen zu Männern bei 3 : 1«.7 Die Erklärung dieser Differenzen bereitet Schwierigkeiten. Die Autoren schlagen vor, sie mit unterschiedlichen Risikolagen zu erklären, die aus der gesellschaftlichen Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern resultieren.
Unsere Gesundheitsgesellschaft: Gesundheit als höchstes Gut?
Die frühere Direktorin des Regionalbüros Europa der Weltgesundheitsorganisation, Ilona Kickbusch, hat 2006 ein weithin beachtetes Buch publiziert: Die Gesundheitsgesellschaft. Unsere Gesellschaft, so Kickbusch, erfahre ihre Dynamik durch die demografischen und epidemiologischen Übergänge,8 die zu einer Expansion des Gesundheitswesens führen und durch die ökonomische Globalisierung verstärkt werden. Entsprechend dehnen sich persönliche, öffentliche, medizinische und marktorientierte Gesundheit weiter aus. Zwar besticht diese weite Optik des Buchs, die sich nicht nur auf das beschränkt, was allgemein »Gesundheitswesen« genannt wird (Luhmann nennt es »System der Krankenbehandlung«), sondern auch die marktförmige Nachfrage nach und das Angebot von Gesundheitsläden, Fitnessstudios usw. mit einbezieht. Kickbuschs Analyse teilt jedoch mit anderen zeitdiagnostischen Perspektiven das Problem, ein auffälliges Merkmal mit Gesamtgesellschaft gleichzusetzen. Damit konkurriert die Gesundheits- mit der Markt-, Risiko-, Erlebnis-, Wissens- oder Computergesellschaft, ohne dass entschieden werden kann, welche Beschreibung der Gesamtgesellschaft adäquater ist.
Unstrittig aber scheint, dass Gesundheit einen der höchsten Werte unserer Gesellschaft darstellt. Das Problem ist nur: Sie lassen sich empirisch schwer fassen, und ihr ökonomischer Wert ist schwer zu bestimmen. Mit dem seit den 1980er-Jahren von Pliskin, Shephard und Weinstein entwickelten concept of health-related quality of life (HRQOL) sind die Dinge nicht weniger kompliziert geworden. Zwar wird Gesundheit nun gemessen und quantifiziert, aber ihr Charakter als Wert erschwert die Relation zu anderen Werten oder gar anderen Gütern. Stellt sich nicht hier die Frage: Ist Gesundheit wichtiger als Freiheit, als Glück? Eine Antwort auf ontologischer Ebene ist nicht möglich.
Einen empirischen Zugriff versucht das Modell sozialer Milieus zu bieten, das eine Erweiterung des Schichtenmodells darstellt. Es handelt sich um eine Studie des Sinus-Instituts und der Konrad-Adenauer-Stiftung.9 Die Studie fragt nach der Wertigkeit von Gesundheit und nach Gesundheitsverhalten in neun verschiedenen sozialen Milieus:
• Das Milieu der Etablierten umfasst demnach etwa zehn Prozent der Bevölkerung, vor allem der Ober- und der oberen Mittelschicht. In diesem Milieu ist Gesundheit ein hohes Gut, das man schützen muss. Es herrscht hohe Eigenaktivität, befürwortet werden Wahlmöglichkeiten zwischen Gesundheitsleistungen.
• Das Milieu der Postmateriellen umfasst ebenfalls zehn Prozent der Bevölkerung, vor allem der oberen und mittleren Mittelschicht. Dort ist Gesundheit ein eminent wichtiges Thema, vor allem psychische und soziale. Man tritt für Vielfalt und Wettbewerb im Gesundheitssystem ein und verwendet im Krankheitsfall viele Internet-Informationen.
• Das Milieu der modernen Performer vereint die junge, unkonventionelle Leistungselite. Es umfasst ebenfalls rund zehn Prozent der Bevölkerung der oberen und mittleren Mittelschicht. Hier ist vor allem psychische Gesundheit wichtig; es wird eine hohe Eigenverantwortung postuliert. Eigene Gesundheitsprobleme spielen in diesem jungen Milieu eine untergeordnete Rolle.
• Das konservative Milieu umfasst circa fünf Prozent der Bevölkerung aus der oberen und mittleren Mittelschicht. Es herrschen eine moralische Pflicht des verantwortlichen Umgangs mit Gesundheit und Fatalismus hinsichtlich Krankheit. Ärzte gelten als Reparaturbetrieb. Die eigene Gesundheit wird mit dem Alter ein relevanteres Thema.
• Das traditionsverwurzelte Milieu umfasst 14 Prozent der Bevölkerung aus der mittleren Mittel- und Unterschicht. In diesem Milieu vieler Älterer sind Beschwerden der Preis des Älterwerdens, mit dem sich arrangiert werden muss. Vielfalt und Wettbewerb im Gesundheitswesen werden eher abgelehnt.
• Die bürgerliche Mitte umfasst 15 Prozent der Bevölkerung und rekrutiert sich aus der Mittelschicht. Hier gilt Gesundheit als Erhalt der eigenen Leistungsfähigkeit besonders im Beruf. Sie wird erst im Krankheitsfall thematisiert. Dann wird auch im Internet gesucht, jedoch wird die persönliche Information bevorzugt.
• Die Konsum-Materialisten, zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung, entstammen der unteren Mittel- und Unterschicht. Sie fassen Gesundheit vor allem als physische Gesundheit und schenken ihr im Alltag wenig Beachtung. Der vorherrschende Fatalismus hinsichtlich Krankheit macht die Underdog-Mentalität noch schlimmer. Informationen über Gesundheitsthemen sind wenig verbreitet.
• Die Experimentalisten umfassen acht Prozent der Bevölkerung und gehören meist zur mittleren Mittelschicht. Sie stellen das jüngste Milieu dar. Physische Gesundheit hat für sie einen hohen Stellenwert, psychische Krankheit wird in besonderer Weise gefürchtet. Sie sehen sich als weitgehend für ihre Gesundheit verantwortlich; dennoch werden krank machende Verhaltensweisen in der Hoffnung betrieben, dass sie für junge Leute keine nachhaltig negativen Auswirkungen haben. Das gesundheitliche Informationsbedürfnis ist gering und wird meist über das Internet befriedigt.
• Die Hedonisten schließlich umfassen elf Prozent der Bevölkerung aus unterer Mittel- und Unterschicht. In diesem ebenfalls jugendlichen Milieu spielen eigene Krankheitserfahrungen eine geringe Rolle. Der akute Krankheitsfall kommt einer persönlichen Beleidigung gleich. Das Gesundheitssystem wird eher als Alte-Leute-Kram verachtet, muss aber im eigenen Krankheitsfall funktionieren. Eigene Informationen über Gesundheitsthemen werden zwar gewünscht, aber kaum ausgewertet/angewandt. Alter und Krankheit sind eine andere Welt.
Es wird deutlich, dass die Wertigkeit der Gesundheit innerhalb der modernen Gesellschaft vielgestaltig und unterschiedlich ist. Als hohes Gut fungiert sie vor allem in den Milieus der Etablierten, der Postmateriellen, der Konservativen und der modernen Performer, also bei rund 35 Prozent der deutschen Bevölkerung. Eine erhebliche Rolle spielt sie bei den Traditionsverwurzelten und der bürgerlichen Mitte. Zusammen mit der ersten Gruppe sind dies immerhin 64 Prozent. Bei den Konsum-Materialisten, den Experimentalisten und den Hedonisten, das heißt bei knapp einem Drittel der Bevölkerung, ist diese Einstellung geringer oder gebrochen. Bezieht man die Milieus auf die soziale Schichtung, ist Gesundheit vor allem ein hohes Gut der Oberschicht und der oberen und mittleren Mittelschichten, weniger der unteren Mittel- und der Unterschicht.
Historisch gesehen sind die Pluralität der Werte und die hohe Stellung der Gesundheit bürgerliche Projekte. Sie sind Resultate der Säkularisierung und speziell der Aufklärung. Der Arzt und Enzyklopädist Johann Georg Krünitz (1728–1796) unterteilte 1788 Gesundheit in »natürliche« und »willkürliche«. Erstere würde den Menschen in unterschiedlicher Weise als Glück und himmlische Gabe zuteil. Letztere resultiert aus den Pflichten, die die Natur den Menschen gegeben habe, und insbesondere aus der Beachtung diätetischer Vorschriften. Ähnlich unterschied Christoph Wilhelm Hufeland (1762–1836), damals Weimarer und später preußischer Hofarzt, in seiner Makrobiotik (zuerst 1796 erschienen) zwischen der Kenntnis der Gesetze, die das Leben als eine eigentümliche animalisch-chemische Operation regieren, und dem Wissen über die moralischen Gesetze, welche die höheren Zwecke der menschlichen Natur ausmachten. Erst beide zusammen »geben vereint das Resultat der veredelten und vollkommensten Menschennatur«. Bei Krünitz wird Gesundheit als ein bürgerliches Projekt erkennbar. Die willkürliche Gesundheit unterscheidet die pflichtgetreuen Bürger von der natürlichen der Bauern, aber auch von den an Standestraditionen statt an Vernunft orientierten Verhaltensweisen des Adels. Gesundheit ist zumindest teilweise ein potenzielles Resultat von Arbeit. Bei Hufeland wird Gesundheit als Produkt nicht nur naturwissenschaftlicher, sondern auch moralischer Erkenntnisse postuliert. Vergleichen wir diese Formulierungen der Aufklärung mit gegenwärtigen, etwa der des oben zitierten Hurrelmann, so fällt erstens auf, dass das Gesundheitsverhalten eher im Vordergrund der historischen Texte steht. Die Gesundheitsverhältnisse rücken erst mit Friedrich Engels (1820–1895) in seinem Werk Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845) ins Blickfeld. Zweitens wird, schaut man auf die modernen Milieus, deutlich, dass Gesundheit als Wert in der modernen Gesellschaft seine bürgerliche Herkunft nicht ganz abgelegt hat.
Moderne Klassenmedizin?
Dass zwischen gesetzlich und privat Versicherten in Deutschland oder den deutschsprachigen Ländern eine Klassenschranke besteht, ist häufig zu lesen. In einer Umfrage waren allerdings nur neun Prozent der Befragten dieser Ansicht.10 Sie ist, was den relativen Reichtum der privat Versicherten betrifft, leicht zu widerlegen, trifft jedoch zum Beispiel hinsichtlich der Wartezeiten durchaus zu. In Österreich hat der Nationalrat sogar eine Gesetzesvorlage beschlossen, die ein transparentes Wartezeitenmanagement der Krankenhäuser einführen will. Zur Rechtfertigung der unterschiedlichen Wartezeiten wird meist darauf verwiesen, dass die Privatpatienten einen Teil der für die gesetzlich Versicherten erbrachten medizinischen Leistungen mitfinanzieren. Das trifft der Sache nach durchaus zu, ist aber nicht den gesetzlich Versicherten, sondern ihrem Versicherungssystem zuzuschreiben.
Eine andere Frage ist, ob die Zwei- oder Mehrklassenmedizin zu höherer Morbidität und gar Mortalität der gesetzlich Versicherten beiträgt. Diese Frage ist eher zu verneinen. Der Zugang zu medizinischen Leistungen ist im Prinzip weitgehend gleich. Die Nachfrage nach medizinischen Leistungen ist allerdings in den einzelnen Milieus unterschiedlich ausgeprägt.
Asymmetrie von Arzt und Patient?
Es gehört zu den Grundüberzeugungen der die medizinischen Verhältnisse thematisierenden Soziologie und Ökonomie, dass zwischen Arzt und Patient eine Asymmetrie herrsche. Meist wird aber darauf hingewiesen, dass diese Asymmetrie aufgrund des allgemein gestiegenen Bildungsstandards und dem Aufkommen von well informed patients, insbesondere durch den Gebrauch des Internets, geringer werde. Die Pflege- und Gesundheitswissenschaften nutzen diese Aspekte als Mythos, indem sie die im politischen System verankerten partizipatorischen Erwartungen auf die Arzt-Patienten-Beziehung ausdehnen und von Partizipationswünschen der Patienten, die sie Kunden nennen, an medizinischen Entscheidungen ausgehen.
Zwar wünschen die meisten Patienten Informationen über Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten der jeweiligen Krankheit, und die Gebildeteren beschaffen sich diese häufig über das Internet. Sie wünschen sich aber auch eine Bewertung dieser Informationen durch ihren jeweiligen Arzt, dem sie hinsichtlich der Auswahl und Durchführung der Therapie letztlich vertrauen.11
Zu mehr als 90 Prozent erteilen Ärzte von sich aus und ohne entsprechende Nachfragen von Patientenseite Informationen; zu mehr als 90 Prozent nehmen Patienten von sich aus aktiv an den Gesprächen teil.12 Dabei verhalten sich Ärzte, die eher partnerschaftlich orientiert sind, nicht anders als Ärzte, die an ihrer professionellen Kontrolle festhalten wollen.13
Insofern scheint der klassische soziologische Begriff einer Publikumsrolle (Soziologen gehen davon aus, dass wir in der Gesellschaft alle Theater spielen) von Patienten gegenüber der Leistungsrolle der Ärzte problematisch. Publikumsrolle meint, dass ihre Ausführung keiner besonderen Qualifikation bedarf und jeder sie einnehmen kann. Allerdings erlebt im Theater das Publikum die Performanz der Leistungsrollenträger auf der Bühne. In der Medizin erleben die Inhaber der Publikumsrolle die Performanz der Leistungsrollenträger an ihrem eigenen Körper. Sie sind bisweilen Koproduzenten, Mitspieler im Stück, Mittätige des trajectory.
Seine Tücken hat auch der Kundenbegriff. Wie die Betriebsökonomen vor allem über die Bindung der von Anbieter zu Anbieter wechselnden Kunden an bestimmte Unternehmen nachdenken, geht es auch in der Gesundheitspolitik um die Steuerung der potenziellen doctor hoppers, die doppelte und dreifache Diagnosekosten verursachen. Kunden, die detaillierte Wünsche an die Ärzte und eine klare Präferenzstruktur haben, gibt es nur in wenigen Bereichen der »wunscherfüllenden« Medizin, beispielsweise in der Schönheitschirurgie. Über Wunsch-Kaiserschnitte, mit denen die Babys zum gewünschten Termin zur Welt gebracht werden, wird aus Brasilien berichtet. In Deutschland wurden (oder werden?) eher solche Terminwünsche realisiert, die den Wünschen der Ärzte/Hebammen und der Eltern entsprechen– möglichst nicht nachts oder am Wochenende.
Was die informierten Patienten betrifft, wissen wir, dass derlei Verhaltensweisen nach Milieus differenziert sind. Aus Medien informieren sich über Gesundheitsfragen vor allem die Postmateriellen und die bürgerliche Mitte. Über mögliche Therapieformen informieren sich vor dem Arztbesuch vor allem Etablierte. Die bürgerliche Mitte erwartet meist von den Ärzten auch eine Bewertung der Informationen, die sie aus den Medien einschließlich des Internets gewonnen haben.
Aktive Konsumenten und medizinischer Pluralismus
Well informed patients sind in größerer Zahl unter den Patienten heterodoxer Medizinformen zu erwarten. Denn die Pharmaka und Therapien müssen gesetzlich, aber eingeschränkter auch privat Versicherte häufig aus eigener Tasche bezahlen. Dies wiederum macht sie zu Kunden oder tendenziell aktiven Konsumenten. Nach Merrijoy Kelner und Beverly Wellman14 zeichnen sich heterodoxe Patienten durch Aktivitäten aus, die sie zu einer Avantgarde im Gesundheitswesen machen: Smart consumers, die ihre gesundheitlichen Belange in die eigenen Hände nehmen, sich in verschiedensten Medien über Angebote im Gesundheitswesen informieren und schließlich eine medizinische Dienstleistung ihrer Wahl in Anspruch nehmen. Damit entsprechen heterodoxe Patienten dem Typ des wohlinformierten Bürgers.
Ein Blick nach Nordamerika: Die dort lebenden Patienten, so Kelner und Wellman, müssen ihre Therapeuten aus eigener Tasche bezahlen. Das unterscheidet sie zum Teil von den deutschen Patienten heterodoxer Medizin, die Robert Frank und ich vor zehn Jahren befragt haben.15 Während die ayurvedischen Patienten ebenfalls ihre Ärzte aus eigener Tasche bezahlen mussten, waren Akupunktur-Patienten in große Studien eingebunden, die von Krankenkassen finanziert wurden. Dennoch haben wir viel Gemeinsames zwischen den deutschen Ayurveda- und den Akupunktur-Patienten gefunden. Der stärkste Gegensatz zu den nordamerikanischen Konsumenten bestand im Informationsverhalten der deutschen Patienten und dessen Konsequenzen für Entscheidungsmuster in der Konsultation. Von ihren Ärzten geführt zu werden, erschien ihnen wichtiger als Autonomie in Gesundheitsfragen. Die befragten Patienten strebten weder tiefere Einblicke in die Logik asiatischer Medizinen an, noch waren sie daran interessiert, in die therapeutischen Entscheidungen einbezogen zu werden.
Es gab wenig Hinweise auf informierte oder gemeinsame Entscheidungsfindungsprozesse. Sie fügten sich in paternalistische Formen der Arzt-Patienten-Kommunikation, da die Kontrolle über therapeutische Alternativen beim Arzt verblieb. An den Berichten der Patienten wurde dennoch deutlich, dass ihre Bedürfnisse wahrgenommen und ihre Perspektiven einbezogen wurden. Somit erscheinen diese Konsultationen in asiatischen Medizinen als paradox, als paternalistisch und patientenzentriert zugleich. In diesem Sinne erscheinen »unsere« Patienten als passive Konsumenten, die zwar guten Service erwarten, es aber an ihre Ärzte delegieren, diesen zu liefern. Einige heterodoxe Ärzte waren auch entsprechend aktiver, indem sie individuell maßgeschneiderte Therapiekonzepte entwarfen. Als Entscheidungskriterien dienten hierbei die perzipierten Erwartungen der Patienten sowie die jeweiligen diagnostischen Kategorien. So ergänzten sie auf aktive Weise die passive Konsumentenhaltung ihrer Patienten.
Die Gesamtheit der »Schulmedizin« und der heterodoxen Formen wird allgemein als medizinischer Pluralismus bezeichnet. Der Begriff Pluralismus kommt aus der politischen Theorie und meint ein aktives Engagement hinsichtlich Diversität oder Pluralität; er erfordert ein gewisses Maß an wechselseitiger Anerkennung der Differenzen. Akteure und Konzeptionen erkennen andere Akteure und Konzeptionen als Mitglieder eines gemeinsamen sozialen Feldes an. In diesem Sinne bezeichnet medizinischer Pluralismus eine Ordnung medizinischer Akteure und Konzeptionen, die andere Akteure und Konzeptionen als Mitglieder des medizinischen Systems in einer (National-)Gesellschaft anerkennen. Wir können einen politisch und rechtlich basierten von einem medizinisch basierten Pluralismus unterscheiden. Der politisch basierte beruht auf einem politischen Kompromiss; der medizinisch basierte beruht auf Anerkennung gemäß den Regeln des medizinischen Systems.
Die deutsche rechtliche Entwicklung transformierte zwischen 1869 (der Einführung der Kurierfreiheit) und 1933 medizinische Diversität in einen rechtlich basierten Pluralismus. Höhepunkt in der weiteren Entwicklung war das westdeutsche Arzneimittelgesetz von 1976. Unterschiedliche Kommissionen wurden eingesetzt, die die Zulassung von Pharmaka vornahmen. Die Kommissionen für »schulmedizinische« Arzneimittel wurden nach medizinischen Sachgebieten unterschieden. Eine zweite Unterscheidung drückte den Pluralismus aus: Homöopathisch orientierte Ärzte usw. bildeten eine Kommission für die Zulassung homöopathischer Medikamente, und entsprechend wurde für die Anthroposophie und die Phytotherapie verfahren. Diese zweite Differenzierung folgte einem politischen Kompromiss, schulmedizinische Wissenschaftler und viele Ärzte haben diesen Pluralismus bis heute nicht akzeptiert.
Seit 2004 produziert der »Gemeinsame Bundesausschuss« (G-BA) Richtlinien, die die Finanzierung von Pharmaka und Therapien durch die gesetzliche Krankenversicherung regeln. Der G-BA entstand in der keynesianischen Tradition der konzertierten Aktion, die die Ausgaben der Versicherung reduzieren sollte. Er hat neben Kassen- und Patientenvertretern auch Medizin-Wissenschaftler und Ärzte als Mitglieder. Seine Entscheidungen stellen daher eine Mischung aus politisch und medizinisch basiertem Pluralismus dar.
Der medizinisch basierte medizinische Pluralismus wurde durch wissenschaftliche Studien zur Effizienz von Pharmaka und medizinischen Praktiken vorbereitet. Solche Studien gibt es in Deutschland seit den Homöopathie-Studien der 1820er-Jahre. Heute ist die evidence based medicine (EBM) in vielen Ländern die wichtigste Evaluationsform geworden. Mit einer Verengung der ursprünglichen Fragestellung sind die randomisierten klinischen Studien (RCTs) zum Goldstandard der EBM geworden. Auf diesem Hintergrund waren die deutschen Akupunktur-Studien der Jahre 2002 bis 2005 ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum medizinisch basierten medizinischen Pluralismus. 2003 empfahl die Bundesärztekammer, eine ärztliche Zusatzbezeichnung (das ist der sogenannte »kleine Facharzt«) »Akupunktur« zu etablieren. 2006 nahm der G-BA die Akupunktur als Kassenleistung bei chronischen Rückenschmerzen und Knie-Arthrose auf.
So erleben wir bei der Akupunktur, dass die EBM zumindest teilweise die medizinische Basis des Pluralismus begünstigt. Die gegenteilige Entwicklung ist bei der Phytotherapie zu beobachten. Der medizinische Pluralismus, politisch oder medizinisch begründet, ist daher kein stabiles Phänomen.
Ökonomisierung des Gesundheitswesens
Kenneth Arrow hat bereits 1963 die Unterschiede von Gesundheit zu anderen Gütern umrissen. Gesundheit ist politischer Intervention unterworfen und zeichnet sich durch Unsicherheit aus; es gibt asymmetrische Information, Zutrittsbarrieren zur Krankenversorgung und einen bedeutenden externen Akteur: den Arzt. Treffen diese Unterschiede zu? Dass der Staat den Gesundheitsmarkt nicht nur rahmt, sondern regelmäßig interveniert, ist in der Tat der sozialstaatlichen Rahmung des Gesundheitswesens in vielen Ländern geschuldet. Diese Rahmung und der Interventionismus verringern allerdings die Unsicherheit, die allen Gütermärkten– von den Finanzmärkten ganz zu schweigen– eigen ist, eher, als dass sie sie verstärken. Die asymmetrische Information zwischen Arzt und Patient habe ich im obigen Abschnitt eher bestätigt. Zutrittsbarrieren zum Gesundheitsmarkt werden sozialstaatlich eher niedriger. Als externer Akteur ist der Staat– jedenfalls in den Sozial- und Wohlfahrtsstaaten– eher bedeutender als die Ärzte. In Deutschland jedenfalls haben– entgegen dem Augenschein– die Ärzteverbände seit dem späten 19. Jahrhundert eine schwächere Stellung als der Staat. Die Gründung der Kassenärztlichen Vereinigungen 1931/32 war zum Beispiel mit Erfolg gegen das Gewicht der Kassen wie der Ärzteverbände gerichtet. In unserer Gegenwart ist die Staatsintervention noch gewichtiger geworden. Der Bismarck-Pfad eines korporatistischen Typs von governance
