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Wo beginnt und endet Privatheit? Enden private Öffentlichkeiten zwangsläufig in der globalen Überwachung? Wo liegen die neuen Schnittstellen zwischen öffentlich und privat und welche Konsequenzen haben sie auf unser Leben? Das Kursbuch "Privat 2.0" rückt den Kampf um Privatheit in den Mittelpunkt. Patrick Bahners analysiert die Gesetze rund um die Telefonüberwachung in den USA, während Jan Schallaböck, Urs Stäheli und Evgeny Morozov konkrete Handlungsoptionen aufzeigen: das Löschen aller Daten, eine kollektive Entnetzung und einen politischen Kampf um Privatheit. Eric Jarosinski fragt schließlich "Hätte Adorno getwittert?". Mit Beiträgen von Georg von Wallwitz, Patrick Bahners, Urs Stäheli, Jan Schallaböck, Olaf Unverzart, Evgeny Morozov, Karl-Heinz Ladeur, Jörn Müller-Quade, Steffan Heuer, Gesa Lindemann, Eric Jarosinski, Jacob Schrenk und Armin Nassehi.
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Seitenzahl: 226
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Inhalt
Armin Nassehi
Editorial
Jakob Schrenk
Brief eines Lesers (7)
Georg von Wallwitz
Endlich Ruhe!
Als Lord Byron sich nicht schämen wollte
Armin Nassehi
Die Zurichtung des Privaten
Gibt es analoge Privatheit in einer digitalen Welt?
Patrick Bahners
Bitte legen Sie nicht auf!
Eine kleine Geschichte der privaten Telefonüberwachung in den USA
Urs Stäheli
Aus dem Rhythmus fallen
Zur öffentlichen Entnetzung
Jan Schallaböck
Löscht die Daten!
Wo anfangen, wenn Edward Snowden recht hat?
Olaf Unverzart
Somalia Houses
Evgeny Morozov
Datenagenten in eigener Sache
Die Zukunft der Demokratie im Big-Data-Zeitalter
Karl-Heinz Ladeur
Cyber Courts
Private Rechtsprechung in den neuen Medien
Jörn Müller-Quade
Privatsphäre gesucht!
Neue Big-Data-Techniken auf dem Vormarsch
Steffan Heuer
Arbeit 2.0
E-Recruiting, ohne sich zu bewerben
Gesa Lindemann
In der Matrix der digitalen Raumzeit
Das generalisierte Panoptikum
Eric Jarosinski
Memeia Moralia
Ein Bilderbuch ohne Bilder. Und ohne Buch.
Anhang
Die Autoren
Impressum
Armin Nassehi
Editorial
Gerade als ich mit der Niederschrift dieses Editorials beginne, kurz, allzu kurz vor der Drucklegung, Peter Felixberger hat schon gemahnt und die Produktion wartet schon, bekomme ich eine E-Mail von einer Organisation, die sich um Studenten kümmert, Studierende jedenfalls empowern möchte. Worum es genau geht, weiß ich nicht, weil ich die beigefügten Links lieber nicht öffne. Angesprochen werde ich freundlich mit Dear Professor. Das ist schon fast persönlich. Unterzeichnet ist die Nachricht nicht mit einem Namen einer natürlichen Person, sondern mit einer URL, also mit einem Link, dem ich nicht folge. Eher unpersönlich das. Unter dieser Nicht-Unterschrift findet sich der folgende Hinweis: We value your privacy. Your information will not be shared.
Das beruhigt mich – zunächst. Denn zumindest muss der unpersönliche Absender meine E-Mail-Adresse haben – ich sehe nach und stelle fest, dass er nicht nur meine hat, sondern mehrere, denn die E-Mail ging an undisclosed recipients, also an ein unspezifisches Publikum, das zumindest auf Dear Professor hören muss und etwas mit dem empowerment von students zu tun hat. Der Absender hat also durchaus eine ganze Menge an Informationen über mich und teilt sie gerade. Der Absender dürfte ein (zugegebenermaßen recht simpler) Algorithmus sein, der aus allerlei Daten zwar undisclosed, aber durchaus handhabbare recipients identifiziert hat, von denen er hofft, dass einer der Links angeklickt wird. Ich werde nie erfahren, welche Folgen ein Klick gehabt hätte, schon weil mein eigenes Mailprogramm wenigstens Zweifel an der Mail hat, es könne Werbung sein. Vielleicht ist das nur eine Untertreibung meines schönen Mailprogramms aus Cupertino, CA. Ein anderes aus Redmond, WA, hätte wohl ähnlich untertrieben.
Diese E-Mail ist nun nichts Besonderes – aber sie zeigt deutlich, wie sehr wir, ob wir wollen oder nicht, in das verstrickt sind, was Gesa Lindemann in ihrem Beitrag die »Matrix der digitalen Raumzeit« nennt, in der wir für uns, aber nicht für andere unbemerkt Spuren hinterlassen und dann zu für uns undisclosed, für andere durchaus disclosed Adressen werden. Über die Folgen dieser neuen technologischen Potenziale wird derzeit viel nachgedacht – bis vor Kurzem vor allem im Hinblick auf ihre politischen, ökonomischen, moralischen, militärischen und rechtlichen Folgen. Dass das Thema sich freilich als Thema der Hauptnachrichten und der Feuilletons etabliert hat, ist wohl ein Zeichen dafür, dass es die Lebenswelt unseres Alltags erreicht hat – spätestens in dem Moment also, in dem diese technischen Potenziale nicht nur in unsere Privatsphäre eindringen – das tun sie schon länger –, sondern in dem Moment, in dem das nicht mehr unsichtbar bleiben kann. Wer hat nicht schon unpersönlich personalisierte Mails bekommen? Wer bekommt nicht zielgenaue Kaufempfehlungen? Und es hat sich sogar herumgesprochen, dass die Teilnahme an social networks nicht deshalb kostenlos ist, weil es sich dabei um ein Menschenrecht handelt, sondern weil es ein Geschäftsmodell ist, dessen Wertschöpfungskette mit den Daten beginnt, die dort freiwillig eingegeben werden. Sichtbar wird all das also in dem Moment, in dem es die Grenzen zur Privatheit nicht nur überschreitet, sondern porös werden lässt.
Diese Erfahrung nehmen wir zum Anlass für dieses Kursbuch Privat 2.0. Die Beiträge kreisen, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, um den neuen Kampf um Privatheit. Und sie begeben sich auf die Suche nach den neuen Schnittstellen zwischen öffentlich und privat. Und beschreiben ihre Konsequenzen auf unser Leben. Die ersten drei Beiträge holen historisch aus. Georg von Wallwitz rekonstruiert Lord Byrons Kampf um seine Privatsphäre als eine Parabel darauf, dass Privatheit sich immer schon dadurch definiert hat, dass sich andere dafür interessieren; der darauffolgende Beitrag sieht bereits am Beginn der Moderne einen Zusammenhang zwischen Datenerhebung und der Zurichtung von Privatheit; und Patrick Bahners führt Auseinandersetzungen um die Telefonüberwachung in den USA als eine frühe Form des Ringens um jene Grenze vor.
Wo anfangen, wenn Edward Snowdon recht hat? Es geht um die Frage der Konsequenz. Urs Stäheli diskutiert diesbezüglich Bedingungen, wie man nicht anschlussfähig sein kann. Es geht um Strategien, keine Antwort zu erhalten, woran Jan Schallaböck mit einer radikalen Forderung anschließt: Löscht die Daten! Wie der Kampf um Privatheit repolitisiert werden könnte, führt Evgeny Morozov vor, und Karl-Heinz Ladeurs Vorschlag der Etablierung von privaten Cyber Courts als rechtlicher Selbstregulierung des Netzes könnte eine der Formen einer neuen, kollektiv bindenden Gestaltung des Internets sein. Jörn Müller-Quade, Fachmann für Kryptographie und Datensicherheit, gibt nicht gerade beruhigende Einblicke in neue technologische Konstellationen rund um Big Data. Und Steffan Heuer zeigt, wie in Zukunft Arbeitsstellen uns finden und nicht umgekehrt – so ähnlich wie das anticipatory shipping, das Amazon gerade entwickelt, unseren Kaufwunsch schon erfüllt, bevor wir ihn geäußert haben werden, bewerben wir uns mit unseren Daten bei anderen Arbeitgebern, bevor wir womöglich den Wunsch verspüren, uns zu verändern. All das eben, wie schon mit Gesa Lindemann erwähnt, das Ergebnis von Spuren in der »Matrix der digitalen Raumzeit«.
Äußerst froh sind wir über Eric Jarosinskis »Memeia Moralia«. Jarosinski ist Betreiber des unglaublich erfolgreichen Twitter-Accounts @NeinQuarterly – der vielleicht ersten intellektuellen Plattform mit maximal 140 Zeichen, gehalten bisweilen im Stil Theodor W. Adornos, der kaum einen seiner Sätze in 140 Zeichen bekommen hätte. Jarosinski freilich fragt: Hätte Adorno getwittert? Antwort: Klar, hat er doch. Und zwar in Minima Moralia, die Jarosinski als Memeia Moralia rekonstruiert.
Private Rückzugsräume ganz eigener Art zeigen die Somalia Houses von Olaf Unverzart. Vielleicht gelingt nur noch in ihnen Privatheit? Ohne Strom- und DSL-Anschluss und ohne maschinenlesbare Sensoren. Aber vielleicht trügt der Schein auch.
Jakob Schrenk danken wir für die Fortführung unserer Kolumne »Brief eines Lesers«. Suchen Sie sich eine private Nische und lesen Sie Privat 2.0 – wir werden es schon irgendwie erfahren!
München, im März 2014
Armin Nassehi
Jakob Schrenk
Brief eines Lesers (7)
Ich finde, es war eine gute Entscheidung, mich diesen Leserbrief schreiben zu lassen. Es schmeichelt meiner Eitelkeit, mein Selbstdarstellungsinteresse an so einem elitären Ort zu verwirklichen. Außerdem glaube ich, dass ich der typische Kursbuch-Leser bin. Ich bin 36 Jahre alt, also weder besonders alt noch besonders jung, weder besonders gebildet noch besonders dumm, sehr interessiert an der Gegenwart, sehr gelangweilt darüber, wie mir die Meinungsmoguln der Bestsellerlisten und des Feuilletons diese Gegenwart erklären. Als Journalist lese ich den ganzen Tag Zeitungen und Zeitschriften und frage mich: Könnte man die Welt, in der wir leben, nicht ein wenig origineller und genauer analysieren?
Dem Kursbuch gelingt das ganz gut. In Heft 176 entlarvt Gert G. Wagner die Doppelmoral im Kampf gegen Doping. Sportler, Sportfunktionäre und Zuschauer wissen ganz genau, dass Tiefschläge, versteckte Tritte, Regelübertretungen und Betrug zum Sport gehören. Weil außerdem die Gesundheit des Athleten wenig zählt, der Sieg aber alles, gibt es, genau genommen, keinen Grund, nicht zu dopen. In Wahrheit hoffen die Fans auch gar nicht, dass ihr Idol nicht dopt, sie hoffen, dass ihr Idol beim Dopen nicht erwischt wird. Armin Nassehi attackiert im gleichen Heft die Vorstellung, dass sich in einem »Dialog der Kulturen« Differenzen zwischen Christen und Muslimen, Eingeborenen und Eingewanderten versöhnen lassen. Tatsächlich treten diese Differenzen im Dialog der Kulturen erst so richtig hervor. Auf Veranstaltungen wie der Islamkonferenz, dem Karneval der Kulturen oder beim Besuch eines Gotteshauses einer anderen Religion ist man förmlich dazu gezwungen, einen Menschen, der Audi-Fahrer, Sachbearbeiter oder Kuchenliebhaber und zufälligerweise auch noch Migrant ist, nicht als Audi-Fahrer, Sachbearbeiter und Kuchenliebhaber anzusprechen, sondern eben nur noch als Migranten. Aus dem Migrationshintergrund wird der Migrationsvordergrund. Besser sei Gleichgültigkeit, meint Nassehi. Und er hat ja recht: Golfspieler und Fußballer verabreden sich ja auch nicht in ihren Klubhäusern, um ihre unterschiedlichen Lebensstile und Freizeitgewohnheiten zu entdecken und zu diskutieren.
Eigentlich ist es ganz einfach: Abweichung erzeugt Aufmerksamkeit. Das Kursbuch ist also immer dann interessant, wenn sich die Autoren nicht an gängige Rederoutinen und Denkdemarkationslinien halten, wenn sie noch einmal ganz anders und ganz kühl auf ein bekanntes Problem blicken und überraschende Sätze schreiben. Oft werden dabei linke oder pseudolinke Gewissheiten widerlegt (»Wir brauchen mehr Moral in der Wirtschaft«, »Wir müssen mehr miteinander reden«), aber das hängt wohl damit zusammen, dass die Rechten sich immer schon selbst widerlegen und es nach wie vor so etwas wie einen linken intellektuellen Mainstream gibt.
Für meine Generation, die mit den politischen Kämpfen der 60er- oder 70er-Jahre nichts anfangen kann und die Appellen von Religionslehrern oder Romanciers misstraut, ist dieser Kursbuch-Blick sehr attraktiv. Ich merke selbst, wie gut Argumente, die ich aus den Heften gezogen habe, in Diskussionen oder Streits funktionieren. Ich merke aber auch, dass meine Freunde, alles kluge, belesene Leute, die Artikel, von denen ich rede, gar nicht gelesen haben. Auch das Tagesfeuilleton bezieht sich nur selten auf das Kursbuch. Könnte es sein, dass die Hefte nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen? Ich kenne nicht die aktuellen Verkaufszahlen, aber wahrscheinlich würden mir Herausgeber, Chefredakteur und Verleger zustimmen, wenn ich sage, dass noch viel mehr Menschen das Kursbuch lesen sollten. Wie kann das gelingen?
Ich glaube, die Kursbuch-Autoren bräuchten noch ein genaueres Bild von ihrem Publikum, also: von Leuten wie mir. Es ist natürlich sehr erwartbar und daher ein wenig langweilig, wenn ein Journalist wie ich eine verständlichere oder bessere Sprache anmahnt. Deswegen halte ich mich damit nicht lange auf. Mir fällt aber auch auf, das viele Beiträge mit ihren umständlichen Einleitungen, historischen Verweisen, ihren vielen Fußnoten und ihrem Vollständigkeitsfimmel wie Artikel für eine Fachzeitschrift wirken. Ein universitäres Publikum muss man nicht für einen Text begeistern, weil ihn die Kollegen oder Studenten ja eh lesen müssen, um sich beim Fachgespräch im Aufzug oder im Seminar nicht zu blamieren. Ich bin aber ein Freizeitintellektueller. Ich bin durchaus bereit, lange Texte und schwierige Sätze zu lesen. Ich will keinen Autor, der mich auffordert, zur nächsten Demo zu gehen, wie das im alten Kursbuch der Fall war. Aber ich würde mich über einen Autor freuen, der nicht nur weit zurückgelehnt im Stuhl sitzt und entspannt die Welt betrachtet, sondern sich auch einmal vorbeugt, mich an der Hand packt und mir sagt, warum ich seinen Text unbedingt lesen muss, hier und jetzt.
Gut möglich, dass die Kursbuch-Autoren auch ein besseres Bild von sich selbst nötig hätten. Im Moralheft beschäftigt sich Irmhild Saake mit der aktuellen Symmetrisierungseuphorie: Wir hinterfragen die Autorität der klassischen Experten wie Arzt oder Professor, ertragen am Arbeitsplatz nur noch schlecht, dass es da einen Vorgesetzten und so etwas wie Hierarchie gibt, und wählen die Piraten, weil die sich genauso ahnungslos geben, wie wir selbst auch sind. Studenten, so Saake, sind mittlerweile so geübt darin, »auf Augenhöhe« zu diskutieren, dass sie es unanständig finden, wenn sich in einem Gespräch das bessere Argument auf Kosten eines anderen durchsetzt. Ich finde das eine brillante Beobachtung, es ist vermutlich auch die bisher witzigste Widerlegung der Habermas-Hoffnung auf das gute, demokratische Gespräch. Sie findet sich aber ganz versteckt, ganz am Ende ihres Textes, nach vielen Seiten über die Funktionsweise klinischer Ethikgremien. Mir fällt auf, dass viele Texte im Kursbuch sich eher an Mikroproblemen abarbeiten, anstatt eine große These zu wagen und diese selbstbewusst zu präsentieren. Es bräuchte mehr essayistischen Ehrgeiz, mehr Eitelkeit, um vor dem Publikum zu glänzen.
Eigentlich wollte ich noch sagen, dass sich die Kursbuch-Autoren nicht nur für sich selbst und ihre Texte, sondern auch für die Gegenwart mehr begeistern sollen. Ich finde die Heftthemen oft etwas willkürlich gewählt, viele Artikel wirken zeitlos, ohne Bezüge zu dem, was gerade passiert. Allerdings heißt ja das Thema des aktuellen Hefts »Privat 2.0«: Wieso empört sich niemand so richtig über die NSA? Ist das, was wir auf Facebook machen, eigentlich überhaupt noch mit der klassischen Trennung von privat und öffentlich zu fassen? Aktuellere Fragen gibt es wohl wirklich kaum. Es trifft sich also gut, dass meine Kritik hier zu Ende ist.
Georg von Wallwitz
Endlich Ruhe!
Als Lord Byron sich nicht schämen wollte
Das Schreiben von Essays ist eine sehr private Angelegenheit, betont Montaigne immer wieder. Der Essayist stellt den Menschen in all seinen Facetten dar, in seinen Vorlieben und Abneigungen, in seinen Eitelkeiten und Niedrigkeiten, in seinem Heroismus und seiner Banalität. Auch wenn er nicht über Tugenden schreibt, sondern über Dinge oder Geschichten, geht es dabei stets um die Beziehung des Menschen zu diesen im Speziellen und um die condition humaine im Allgemeinen. Wiederholt beklagt Montaigne, dass er in seinen Schriften gerne noch offenherziger gewesen wäre, was die Regeln des Anstands aber, zu seinem Bedauern, unmöglich machten. Das Thema des Essays ist, so lässt es sich verkürzend dem Schöpfer des Genres in den Mund legen, der Mensch – ein schwer zu fassendes, wenig standhaftes Wesen in einer schwankenden Welt, das, in seiner Veränderlichkeit eingefangen, kategorisiert, charakterisiert, vermessen, gewogen und skizziert werden soll.
Nichts und niemanden kennen wir so genau wie uns selbst, und wenn wir uns selbst nicht gut kennen, dann ist es mit dem Verstehen unserer Mitmenschen meist auch nicht weit her. Das ist die Prämisse, unter der Montaigne seine Essays schreibt. Also bleibt dem Essayisten wenig anderes, als die condition humaine an sich selbst erscheinen zu lassen, und so dröselt Montaigne mit jedem neuen Versuch seine Privatsphäre vor einer staunenden literarischen Welt weiter auf. Er ist kein Freund der abstrakten Formeln der Moralphilosophie und beschreibt, so konkret es nur geht, wie es sich mit dem Menschsein verhält – was nichts anderes bedeutet, als dass er möglichst realistisch und anschaulich (und soweit moralisch möglich) über sich und seine eigenen Zustände erzählt.
Essays sind damit immer eine private Angelegenheit. Und ein Essay über die Privatheit ist es in doppelter Weise. Es lässt sich kaum über eine andere Privatheit schreiben als die eigene, wenn es nicht akademisch abstrakt, sondern konkret historisch werden soll. Die einzige Maske, die sich bietet, ist die der biografischen Notiz. So begebe ich mich auf die slippery slope dieses Textes.
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Die Privatsphäre wird meist in Zeiten ein Thema, in denen die Konventionen gering geachtet werden. Konventionen bezeichnen Grenzen, entstanden aus Pflichten und Selbstverständlichkeiten, die irgendwann bedrückend geworden sind und abgeschüttelt werden müssen, die aber auch Privates abschirmen und in dieser Funktion erst vermisst werden, sobald sie untergegangen sind.
Selten ist mit größerer Wonne gegen Konventionen verstoßen worden als in der Zeit um 1800. Das ging in Frankreich los mit anstößigen Pamphleten, in denen das angeblich ausschweifende Geschlechtsleben der Königin reich bebildert wurde. Es ging weiter mit der bald offen gestellten Frage, warum der Dritte Stand so wenig Ansehen und Mitsprache hat. Und es machte in Frankreich, bei den französischen Verhältnissen, nicht halt. In der Revolutionszeit hatten nicht nur viele Regierungen große Not, das Volk von ihrer legitimen Herrschaft zu überzeugen, es stand auch das Bürgertum in Angst, neben den Werten des Adels (vielleicht Name, Verantwortung, Treue, Ehre, Frömmigkeit) könnten auch die eigenen (wahrscheinlich Fleiß, Effizienz, Besitz, Bildung) in das Mahlwerk der Revolution geraten.
Große Teile der jungen Generation, auch außerhalb Frankreichs, genossen die Hilflosigkeit der Konservativen restlos, jedenfalls bis die Revolution in den Terror abglitt. Ihr in vieler Hinsicht wichtigster Exponent war Lord Byron, der sich nicht scheute, die Revolution in jeder ihrer Phasen zu bewundern, und der Napoleon auch dann noch zu seinen Helden zählte, als dieser mit England im Krieg lag. Byron war kein Revolutionär im landläufigen Sinn, dazu hatte er zu wenige Illusionen über das Volk, sondern er war in erster Linie Dichter. Er wollte die bestehenden Verhältnisse nicht grundsätzlich verändern, er hatte in Politik und Moral eine pure, interesselose Lust am Unanständigen, welches wohl eine Steigerungsform des Unkonventionellen ist.
Viel wurde über Byrons Liebesleben geschrieben, hinreißend und schmutzig, wie es war. Er sah gut aus, war schon in jungen Jahren ein berühmter Dichter, galt als vermögend und führte durch den frühen Tod seines Vaters schon als Jugendlicher einen der berühmtesten Namen und Titel des Landes. Byron liebte den großen theatralischen Auftritt und kleidete sich gern in Fantasieuniformen. Die große Geste, poetisch wie modisch, beeindruckte seine Zeitgenossen. Früh hatte er überwältigenden Erfolg mit seinen traurigschönen Texten, voll tiefer Gefühle, für die es auf dieser Welt keinen Platz gibt. Viele Damen der Gesellschaft wandten sich mit Briefen an ihn, in denen sie ihm ihre eigenen, ebenfalls traurigschönen Schicksale entdeckten und um ein Treffen baten. Byron sagte nicht immer Nein. »Von frühester Gewöhnung an«, schrieb er im Jahr 1812 an seine ältere enge Freundin Lady Melbourne, »muss man Liebe so mechanisch machen, wie man schwimmt; einst hatte ich beides ganz gerne, aber heute schwimme ich nur noch, wenn ich ins Wasser falle, und Liebe mache ich beinahe nur noch aus Pflicht.«
Das Theater, das er aus seinem Leben machte, diente Byron in erster Linie dazu, seine Geheimnisse und Ängste von der Oberfläche verschwinden zu lassen. Deren erstes war sein Klumpfuß, der ihn im Internat in Harrow zu einem Außenseiter machte, wo die Jungs sich in den unteren Jahrgängen gerne balgten und sportlich aneinander maßen, bis sie in der Pubertät feststellten, dass man auch poetischer miteinander umgehen konnte. Seinem Tutor war die schlechte Behandlung durch seine Altersgenossen nicht entgangen, und er fand Worte des Bedauerns für Byron: »Es ist mir unangenehm, My Lord, Sie in solchem Schmerz hier sitzen zu sehen, denn ich weiß, dass Sie leiden müssen.« Worauf Byron antwortete: »Nichts für ungut, Sie werden an mir keinen Hinweis darauf wahrnehmen.« Konnte er den Klumpfuß schon nicht verbergen, so wollte er wenigstens seine Gefühle für sich behalten.
Byron wird über Nacht berühmt (»I woke up one morning and found myself famous«) durch Childe Harold’s Pilgrimage, eine Verserzählung, die im Wesentlichen von ihm selbst handelt, von einem jungen Aristokraten auf einer Reise durch Lateineuropa und das Osmanische Reich, der gesellschaftlich isoliert ist und sich durch Ausschweifungen aller Art ein dunkles Geheimnis schafft, welches ihn noch einsamer werden lässt. Byrons Texte handeln von Rebellion und unnennbaren Leidenschaften, die am Ende in einen grenzenlosen Weltschmerz münden, in eine Sehnsucht nach Frieden mit sich selbst. Das große Geheimnis, welches es zu bewahren gilt, ist dabei letztlich eine Frage der Freiheit: Wer uns und unsere tiefen und untiefen Gründe kennt, kann über uns bestimmen. Daher kann nur fremdbestimmt sein, wer keine Geheimnisse hat, und es kann nur selbstbestimmt sein, wer sich in seinen Untiefen erkannt hat. Das gesellschaftliche Stigma, welches mit dem großen Geheimnis einhergeht, ist bei Byron eine der Wurzeln der Freiheit und die Privatsphäre deren Schutz. Damit wird die Überschreitung von Grenzen, die Verletzung der Konventionen, zur Bedingung für ein eigenständiges freies Leben – auch wenn der Preis dafür die Einsamkeit ist.
Seine jungen Jahre verbrachte Byron damit, sich Geheimnisse und damit eine Privatsphäre anzuschaffen, deren Wert er aber nur in der Öffentlichkeit abschätzen konnte. Ruhm war für ihn ein Mittel, die Grenzen seiner Privatsphäre abzutasten, denn als Berühmtheit konnte er feststellen, was er vor der Welt in jedem Fall verbergen konnte. Da war etwa seine Affäre mit Lady Caroline Lamb, der für ihre wilden Szenen bekannten Frau des späteren Premierministers William Lamb. Als er sie verließ, bekam sie erst einen Nervenzusammenbruch, verbrannte dann öffentlich ihre Andenken an ihn (bis auf die Briefe, von denen sie nur behauptete, sie dem Feuer übergeben zu haben) und machte sich schließlich daran, den dreibändigen Roman Glenarvon zu schreiben, in welchem sie die Beziehung detailliert aufarbeitet. Im Zentrum der Handlung steht Lady Calantha Deleval, naiv, unschuldig, religiös und schön, die mit dem kühl weltlichen Lord Avondale verheiratet ist. Das junge Ding ist auf die Ehe mit einem solchen Mann nicht vorbereitet und wird bald das Opfer des faszinierenden Lord Glenarvon, dessen Lächeln »wie das Strahlen des Himmels war«, und dessen Stimme, »wenn er sprach, in ihrer Süßigkeit betörender war als Musik«. Sie erkennt nicht, dass er hartherzig ist und ein Menschenverächter, und sie lässt sich verführen von dem Schuft. Dabei zitiert die Autorin ausgiebig aus Byrons Briefen die privatesten und intimsten Stellen. Die Geschichte nimmt ihren verwirrenden Lauf in der damals gängigen Mode der »Gothic Novel«, mit finsteren Klerikern, verfallenen Schlössern und verschlagenen Italienern.
Lord Glenarvon hat ein dunkles Geheimnis, niemals ausgesprochen, aber vielen Lesern der Gesellschaft war es erkennbar als Byrons Verhältnis mit seiner Halbschwester Augusta Leigh. Mit dieser hat der Dichter eine leidenschaftliche Affäre und auch ein Kind (vielleicht war sie die einzige Frau, die er jemals wirklich geliebt hat – Freud hätte wohl eine narzisstische Spiegelung diagnostiziert). Um den Skandal zu vertuschen, wurde er von Freunden gedrängt, zu heiraten. Seine Wahl fiel auf Annabella Milbanke, die ein großes Erbe von einem Onkel zu erwarten hatte und hinreichend ahnungslos war von den Gerüchten, die sich um Lord Byron rankten. Annabella fand ihre neue Schwägerin ganz hinreißend und lud sie oft in das neue Haus ein, das Byron an der Piccadilly Terrace gemietet hatte. Für ihn war die Anwesenheit beider Damen wohl zu viel, und er suchte und fand Ablenkung in Unmengen von Branntwein sowie in der Begleitung einer Schauspielerin. Darüber hinaus konnte er aggressiv sein (er fühlte sich von seiner Frau in der Einsamkeit bedrängt, die er als Dichter mitunter benötigte) und auf dem Höhepunkt einer ehelichen Auseinandersetzung schon mal mit der Pistole in die Wohnzimmerdecke schießen (gegen Ende der Ehe ging Byron auch in das Schlafzimmer stets mit geladenen Pistolen). Vollends unpassend war aber, dass er sein dunkles Geheimnis (wie auch alle anderen) nicht für sich behalten konnte und andauernd Hinweise gab auf das inzestuöse Verhältnis. Obwohl er seit seiner Kindheit darauf bedacht war, sein Innenleben zu verbergen unter Mantel, Degen und Dichtung, hatte er doch oft die fatale Laune, mit seinen Geheimnissen vor Publikum zu spielen.
Und schließlich das elende Geld: Annabellas Onkel erwies sich als langlebig, und Byrons Gläubiger waren impertinent. Zeitlebens hat er das Geld ausgegeben wie ein guter Aristokrat, ohne falsche Rücksicht auf Einkommen und Vermögen. Die Ländereien, die er in der Nähe von Nottingham geerbt hatte, waren heruntergewirtschaftet und warfen wenig ab. Byron hatte nicht den Ehrgeiz, sie wiederzubeleben, und entschied sich, sie zu verkaufen. Er richtete seinen Lebensstandard mindestens auf die erwartete Summe aus, die sich aber hartnäckig nicht einstellte. Das Gut blieb viele Jahre auf dem Markt, und die Schulden bei den Wucherern türmten sich. Aus seinen Veröffentlichungen hatte Byron ebenfalls keine Einnahmen, denn diese wären ein nicht standesgemäßer Lohn gewesen. Als ihm das Wasser bis zum Hals stand und die Gerichtsvollzieher schon vor der Türe waren, schickte sein Verleger ihm die gewaltige Summe von 1500 Pfund, aber Byron wies sie zurück, so etwas ging wirklich nicht: »Ihr gegenwärtiges Angebot ist eine Gunst, die ich von Ihnen annehmen würde, wenn ich so etwas von irgendjemandem annehmen würde«, schrieb er dazu. Er drängte vielmehr darauf, den fehlenden Teil von Annabellas Mitgift auszuzahlen, die nach damaligem Brauch und Recht allein in das Eigentum des Mannes überging. Aber die Ehe war schon zu offensichtlich am Ende, als dass ihre Familie dies als gute Investition gesehen hätte, und so wollte auch diese Geldquelle nicht sprudeln.
Geld aber ist nicht nur geprägte Freiheit, sondern auch einer der Fäden, aus dem der Schleier der Privatsphäre gewoben ist. Mit Geld können wir entkommen, Mauern bauen, Distanz etablieren, Ruhe (und manchmal auch Frieden) erkaufen. In einer Phase, in der die Gesellschaft sich immer mehr für die Einzelheiten seines Lebens interessierte, trieb es Byron in den Wahnsinn, durch den Mangel an liquiden Mitteln, zu denen er sowieso keine Beziehung hatte, immer weniger Spielraum für sein Leben zu haben.
Irgendwann kippte die Stimmung in der Gesellschaft. Seine homo- und heterosexuellen Affären, der Inzest, die prekäre finanzielle Situation, all das war mehr, als man dem Dichter nachsehen wollte. Auch seriöse Zeitungen druckten eindeutige Andeutungen über den Dichter der Helden mit den dunklen Geheimnissen. Damit war er eines der ersten Opfer des Verschwindens von Privatheit in einer Mediengesellschaft, in der Tratsch von einer schlechten Angewohnheit zu einer Handelsware wurde und dadurch seinen Charakter veränderte. Es erschien eine Flut von meist anonymen Gedichten über ihn, voll Neid und Häme und Sinn für moralische Überlegenheit. Er wurde von der Gesellschaft geschnitten, und Annabella verließ ihn mit ihrem neugeborenen Kind. Der eben noch gefeierte Romantiker wurde zum Schmutzfinken, zur öffentlichen Unperson, und das konnte ihm nicht egal sein. So sehr er die Gesellschaft mit ihren albernen und oberflächlichen Konventionen verachtete, so sehr ihm die Politik der Restauration nach der Niederlage Napoleons zuwider war, so sehr er als Lord nur sich selbst und dem König verantwortlich war, fühlte er sich doch wie ein in die Enge gehetztes Wild, dem die Deckung abhandengekommen war, das entblößt von der geifernden und schaulustigen Menge gestellt wurde und nun zu erschöpft war, um zu kämpfen. Ihm war seine Privatsphäre entglitten, das Experiment mit den öffentlichkeitswirksam inszenierten Geheimnissen war gescheitert. Byron war, anders als seine Helden, ein Rebell ohne Geheimnis geworden.
Was nun kam, würde man heute unromantisch Burn-out nennen. Überstürzt verließ Byron im Frühsommer des Jahres 1816 England und brach zunächst nach Genf auf, weit weg, wo niemand ihn schimpfte. Dort mietete er die große Villa Diodati und zog sich mit seinem Leibarzt Polidori fast völlig zurück – was die englischen Touristen dazu zwang, sich Boote zu mieten, um ihn, gleich einem wundersamen Tier in seinem Käfig, vom See aus mit Ferngläsern anzustarren. Gelegentlich besuchte er Madame de Staël und ihren Kreis in Coppet, aber die meiste Zeit verbrachte er mit Shelley, dessen Noch-nicht-Ehefrau Mary und deren Stiefschwester Claire Clairmont, die, wie so viele, ein Kind von Byron erwartete und ihn sehnlichst heiraten wollte.
Nur langsam gewann Byron sein Gleichgewicht und seine Privatsphäre wieder – und nicht etwa, indem er sich schämte. Er war viel allein, aber nicht einsam. Schon 1813 hatte er in seinem Tagebuch vermerkt, was nun umso mehr galt: »Ich gehe nur aus, um mir das Alleinsein wieder schmackhaft zu machen.« Er war einfach nur nüchtern, weitgehend enthaltsam, viel an der frischen Luft, fast sportlich. Mit Shelley fuhr er am Genfer See die Orte ab, an denen Rousseaus Nouvelle Héloïse spielt. Sie reisten zum Montblanc und bewunderten das erhabene Massiv und seine eisigen Gletscher. Meist zwang das Wetter die kleine Gesellschaft ins Haus, denn ein im fernen Indonesien ausgebrochener Vulkan führte zu einer extrem kalten und regnerischen Saison in Europa. So fand Byron wieder Geschmack an der Arbeit, die in den Monaten des Ehedramas in den Hintergrund getreten war. Abends versuchte man sich in der Mode der Erzählung von Gruselgeschichten, wobei, fast nebenher, Mary Shelley sich die Geschichte des Frankenstein ausdachte und Polidori den Vampir für die Literatur erfand.
Unter diesen Umständen dauerte es nicht lang, bis Byron seine animal spirits
