Kursbuch 178 -  - E-Book

Kursbuch 178 E-Book

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Beschreibung

Hinter dem Jahrgang 1964 verbergen sich 1,3 Millionen Menschen. Es ist der geburtenstärkste Jahrgang in Deutschland, den es je gab. Die Babyboomer kommen in die Jahre, sie haben technologische und gesellschaftliche Umbrüche erlebt wie keine Generation vor ihnen. Deshalb schreiben in diesem Kursbuch überwiegend 1964-Geborene. Sie fragen sich, was sie geleistet haben, welches Zwischenfazit sie ziehen und wohin es sie treibt. So entsteht ein Kaleidoskop von 64er-Selbstbeschreibungen in einer turbulenten Gesellschaft. Daneben blicken bekannte Publizisten und Wissenschaftler auf den berühmtesten Jahrgang der Republik: Von Johano Strasser über Ulf Poschardt bis zu Ursula Pasero und Karl Bruckmaier.

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Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhalt

Armin Nassehi

Editorial

Jürgen Kaube

Brief eines Lesers (8)

Max Otte

Ganz passabel!

(INTERMEZZO 1)

Peter Felixberger

Kind, Korn und Kachelofen

Was wurde eigentlich aus 1964?

Ulf von Rauchhaupt

Generation Star Trek

(INTERMEZZO 2)

Armin Nassehi

Die erste digitale Generation

Eine kontraintuitive Diagnose

Ömer Şimşek

Fremde Eltern – fremde Welt

(INTERMEZZO 3)

Johano Strasser

Wir bleiben im Gespräch

Meine Tochter wird 50!

Kai Hafez

Wir Profiteure!

(INTERMEZZO 4)

Franziska Hohl

Ausgeburt der Ohnmacht

Bilanz einer Tochter

Martina Koederitz

Macher einer neuen Zeit

(INTERMEZZO 5)

Ulf Poschardt

Der lange Marsch in die Normalität

Welcome im Normcore. Von den Ruhesehnsüchten der Babyboomer und dem Glanz ihres aufgeklärten Opportunismus

Erik Lindner

Das dicke Ende kommt noch

(INTERMEZZO 6)

Karl Bruckmaier

When I’m 1964

Über das fleischgewordene Wirtschaftswunder

Inge Kloepfer

Wer sind wir Babyboomer-Frauen?

(INTERMEZZO 7)

Stefan Willeke

Wir haben uns treiben lassen

Der fröhliche Materialismus der Vierundsechziger

Rainer Forst

Die Unwahrscheinlichen

(INTERMEZZO 8)

Ursula Pasero

Die vielen

Inspektionen zu Sex und Gender

Peter Klotzki

Die fetten Jahre sind vorbei

(INTERMEZZO 9)

Rainer Merkel

Zeige deine Wunde

Die Generation der Angst

Oliver Lepsius

Generation Establishment

(INTERMEZZO 10)

Anhang

Die Autoren

Impressum

Armin Nassehi

Editorial

1964 war der geburtenstärkste Jahrgang Deutschlands, und zwar in Ost und West – danach ging es nur noch bergab, wenigstens im Westen. In der DDR hat es in den Siebzigern und Achtzigern dann wieder einen Anstieg der Geburten gegeben, was sicher auch an der Selbstverständlichkeit von Betreuungseinrichtungen lag. Die Raten von 1964 freilich wurden hier wie dort nie wieder erreicht.

Es gibt so etwas wie eine Faustregel: Je zufriedener, zukunftsgewandter, optimistischer und unbeschwerter die Menschen leben, desto höher liegt die Geburtenrate. Daraus kann man wenigstens zwei Schlüsse ziehen: 1964 muss es den Europäern ziemlich gut gegangen sein. Sie müssen optimistisch in die Zukunft geblickt haben – in den meisten Fällen noch ziemlich festgelegt in traditionellen Familienformen mit klaren geschlechtlichen Rollenverteilungen und relativ stabilen Schichtindizes. Die kulturellen Öffnungen, die man später mit den Achtundsechzigern assoziieren wird, haben bereits ihre Schatten vorausgeworfen. Die Arbeitsmarktlage gab keinen Anlass zu individuellen Sorgen – und mit dem Kippen der Stimmung durch die Ölkrise Mitte der Siebzigerjahre war die Generation der Mittsechziger schon auf dem Weg in die weiterführenden Schulen.

Der zweite Schluss, den man ziehen kann, ist der, dass die Stimmung heute erheblich gedämpfter, pessimistischer, weniger zukunftsgewandt ist, setzt man tatsächlich die Geburtenrate als Indikator fest. Dass die Geburtenrate auch von anderen Faktoren abhängt, wird deutlich, wenn man Deutschland und Frankreich vergleicht – und Frankreich kann derzeit nicht gerade als ein Ort grandiosen Optimismus angesehen werden. Aber handelt es sich bei den jetzt etwa Fünfzigjährigen um eine Generation in dem Sinne, dass ihnen so etwas wie eine gemeinsame Erfahrung zugesprochen werden kann, etwas, das sie von anderen unterscheidet? Bei vorherigen Generationen, den Achtundsechzigern oder der sogenannten skeptischen Generation, scheint das einfacher zu sein, selbst wenn nicht alle, die ihre wichtigsten politischen Sozialisationserfahrungen Ende der Sechzigerjahre gemacht haben, Achtundsechziger im Sinne jener Protestformen sind, die wir bei den Achtundsechzigern sofort imaginieren.

Vielleicht kann die Generation der Mittsechziger nur negativ beschrieben werden. Sie waren keine Achtundsechziger mehr, die sich vor allem durch die Durchpolitisierung der gesamten Weltsicht auszeichneten, sie sind aber auch noch nicht jene Generation X oder Y, die von den zuvor angeblich klaren Konfliktlinien nichts mehr wissen will. Wir wollen in diesem Kursbuch die Frage der einen, einheitlichen, identitätsstiftenden Generationslage gar nicht überstrapazieren, nehmen lediglich die Tatsache, dass der geburtenstärkste Jahrgang heuer 50 wird und in den wichtigen Positionen in Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Bildung, Politik und Kultur sitzt, zum Anlass, über diese Gruppe nachzudenken – ob man sie nun als Generation beschreiben will oder nicht.

Die Jahre seit Mitte der Sechzigerjahre sind vielleicht die undramatischsten des 20. Jahrhunderts, auch wenn sich in Europa fast alles verändert hat – eine merkwürdige Paradoxie. Es war die heiße Phase des Kalten Krieges, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten nur gut zwei Jahrzehnte später schien so weit weg wie zuvor der Dreißigjährige Krieg. Die Utopien der Stadt-, Sozial- und Medizinplaner waren technikeuphorisch. Aber die Technik dieser Zeit war eine analoge Eins-zu-eins-Technik. Politische Konflikte waren stabil, man wusste, wo der Gegner steht, und doch begannen sich friedliche Formen der Auseinandersetzung zu etablieren. Man entdeckte das Ausland nun nicht mehr militärisch, sondern touristisch. Peter Felixberger macht sich in seinem Beitrag auf eine Zeitreise mit denen, die 1964 in Wohlstand und Überfluss geboren wurden und nun zu den Verwaltern des »Weniger-ist-Mehr« geworden sind; Ulf Poschardt beschreibt, wie in dieser Generation die Vorstellung von einer unaufgeregten Normalität nicht mehr als repressive Zumutung, sondern als entdramatisierte Form der Selbstgenügsamkeit erlebt wurde – er macht eine Rechnung auf: die vielleicht langweiligste, aber auch friedlichste Generation; Ursula Pasero zeichnet nach, wie sich Geschlechterverhältnisse in Ost und West verändert haben und meint, es sei nun Sache der Vierundsechziger, die Frage des Gender-Bias jenseits der alten Konfliktlinien auf die Agenda zu setzen; Stefan Willeke sieht die Vierundsechziger als eine verwechselbare Generation und Karl Bruckmaier stellt 1964 in den Kontext des Pop; mein eigener Beitrag behauptet recht kontraintuitiv, die Vierundsechziger seien die erste digitale Generation.

Zwei Beiträge sollten als Komplementäre gelesen werden. Wir haben einen Autor und eine Autorin gebeten, die Vierundsechziger aus je unterschiedlichen Positionen zu beschreiben. Johano Strasser, sozialdemokratischer Vordenker, Literat und ehemaliger PEN-Präsident, Jahrgang 1939, berichtet, dass seine Tochter dieses Jahr 50 wird – und Franziska Hohl, Studentin der Musikwissenschaften und Soziologie, Jahrgang 1990, schreibt aus der Perspektive einer Tochter, deren Mutter eine Mittsechzigerin ist. Strasser verteidigt die Generation seiner Tochter vor dem Vergleich mit den Achtundsechzigern. Ihre Generation sei weniger blass, als es im Schatten der Achtundsechziger erscheint. Es sei eher eine individualisierte pragmatische Generation, die viel von dem praktisch umgesetzt habe, was zuvor charismatisch gefordert wurde. Hohl dagegen reklamiert gelungene Individualisierung für ihre Generation und wirft ihrer Elterngeneration vor, eher zwanghaft herausstechen, sich unterscheiden zu wollen. Die Vierundsechziger hätten es einfach nicht verstanden, sich auf die Faktizität der Welt einzustellen. Ist das ein weiterer Schritt in Richtung Entdramatisierung? Am Ende passt kongenial dazu, wie Reinhard Merkel die Vierundsechziger als eine Generation der Angst beschreibt.

Neben diesen Beiträgen haben wir zusätzlich zehn echte Vierundsechziger, also Autorinnen und Autoren, die selbst dieses Jahr 50 Jahre alt werden, gebeten, in eher kurzen Intermezzi eine idiosnykratische Haltung zu sich und ihrer Generationslage einzunehmen. Die Beiträge sind sehr unterschiedlich geworden – was bei nur zehn Beiträgen durchaus als eine Parabel auf die vielen gelesen werden kann. Gemeinsamer Tenor aber auch hier: Die Vierundsechziger haben etwas geschafft, auch wenn es ihnen niemand so recht zugetraut hat, und wenn das nur daran liegt, dass niemand sie als Generation adressiert hat.

Sehr stolz sind wir auf die Bildstrecke von Thomas Demand – und ich versage mir jede Interpretation, man könne daran sehen, dass die 50-Jährigen in voller Blüte stünden.

Jürgen Kaube danken wir für die elegante Fortführung der Kolumne »Brief eines Lesers«. Übrigens – nächstes Jahr wird das Kursbuch selbst 50 Jahre alt!

München, im Mai 2014

Armin Nassehi

Jürgen Kaube

Brief eines Lesers (8)

Beim Lesen des Kursbuchs kommt man unweigerlich auf die Frage, wozu Zeitdiagnosen gut sind und was eine gute Zeitdiagnose wäre. Denn die Aufgaben intellektueller Magazine haben sich ja seit der Mitte des 20. Jahrhunderts verändert. Als Lionel Trilling 1946 über The Function of the Little Magazine schrieb – er hatte die New Yorker Partisan Review im Blick –, war seine Ausgangsbeobachtung, dass die gebildeten Bürger sich nur wenig für Literatur interessierten. Ärzte, Rechtsanwälte und Geschäftsleute beschäftigten sich in ihrer Freizeit nicht mit Proust, Eliot, Kafka oder Gide. Die sozialliberalen Eliten glaubten an den Wohlfahrtsstaat, an Fortschritt, Wissenschaft und internationale Zusammenarbeit, aber das wiederum sei den Schriftstellern und den intelligentesten Intellektuellen gleichgültig. Folglich herrsche zwischen beiden Gruppen Entfremdung.

Heute ist nicht die Distanz der Lesefähigen zur Literatur das Problem. Man kann sich vielmehr fragen, wie viele Mitglieder jener »gebildeten Stände« überhaupt an ernsten Diskussionen interessiert sind. Als sich neulich bei einer Managerfortbildung die Teilnehmer kurz vorstellen sollten, gaben von 15 Bankern der höheren Etagen 14 als primäre Freizeitverwendung Sport an, von Mountainbiking über Motorradfahren bis zu Marathonlauf.

Nein, das wird jetzt keine Kulturkritik, kein »o tempora, o mores«, kein Klagen »Früher wurde noch gelesen«. Erstens wurde früher auch nicht gelesen. Und zweitens versorgen sich selbstverständlich Manager und andere »Professionals« auf irgendeinem Weg mit der Kenntnis von Diskursen: über Internet, Fernsehen, Zeitungen, populäre Sachbücher und Managerfortbildung. Die Frage ist nur, welches Publikum den stärker artikulierten Ideenaustausch hat, die Beschäftigung mit einem Argument, das kein schon hundertmal gehörter Klingelton, kein Statement auf Podien ist. Mit einer Unterscheidung aus dem vorangegangenen Leserbrief zum Kursbuch: Gibt es zwischen den Mikroproblemen, die von der Wissenschaft und anderen spezialistischen Fachkulturen bearbeitet werden, und den großen Thesen, für die sich Zeitdiagnostiker zuständig sehen, ein lesendes Erkenntnisinteresse?

Zeitdiagnosen mit großen Thesen kann man eigentlich nicht mehr hören. Jedes Jahr werden eine neue und das Ende einer bisherigen Gesellschaft ausgerufen, samt dazugehöriger Generationen. Wer Mitte 20 war, als er von der »Risikogesellschaft« erfuhr, hätte danach in einem guten Dutzend verschiedener Gesellschaften gelebt: postindustriell, postmodern, neoliberal, postdemokratisch, in der Wissens-, der Multioptions- und der Informationsgesellschaft, nach dem Ende der Arbeit, des Eigentums und der Privatsphäre. Kann das sein? Im Heft 177 des Kursbuchs formuliert Evgeny Morozov in diesem Sinne, die Datenapokalypse sei »nur eine von vielen, die uns erwarten«. Daraus folgt dann wieder, dass alle Begriffe zu revidieren sind: Der Kapitalismus, die Demokratie, das Subjekt, eine neue Ontologie muss her usw.

Das suggeriert stets auch ein wenig, man habe von alldem durchgearbeitete Begriffe gehabt, die jetzt eben nur durch die Entwicklung plötzlich außer Kraft gesetzt worden seien. Zeitdiagnosen, hält Armin Nassehi demgegenüber in seinem Beitrag fest, vereinfachen strategisch und stilisieren die Vergangenheit, um deren Abstand zur Gegenwart zu vergrößern. Als Zeuge einer epochalen Zäsur kann man nur auftreten, wenn gerade noch alles anders war. Das »Ende der Privatheit« setzt als Zeitdiagnose voraus, dass es sie soeben noch voll entfaltet gab. Die Postdemokratie, in die uns der Verbund aus NSA, Google und Facebook führt, leuchtet als epochale Zäsur vor allem ein, wenn Demokratie bislang eine lobbyistenfreie Partizipationsveranstaltung zur Erwirkung von diskursivem Konsens war. Der Abfolge von Interneteuphorie und Internetangst entspricht die von Demokratieerwartung und postdemokratischer Endzeitstimmung. Aber wir brauchen keinen neuen Glauben an die Politik (Technik, Kultur, Wissenschaft, Theorie), nur um in der nächsten Runde des Diagnosespiels dann wieder diese Prophetie für beendet und die entsprechenden Erwartungen für enttäuscht zu erklären.

Das macht beispielsweise die verschachtelte Geschichte des Rechts auf Privatheit deutlich, wie sie Patrick Bahners am Beispiel der Telefonüberwachung im vergangenen Heft nachgezeichnet hat. Wer das liest, wird auf Apokalypsen nicht mehr ansprechen. Auch Karl-Heinz Ladeurs Hinweis darauf, dass gegenüber dem Datensammeln womöglich die Enthemmung der Internetkommunikation (Bullying, Verleumdung) der folgenreichere Effekt ist, bremst die zeitdiagnostische Selbstgewissheit, wir wüssten schon, was es mit dem Internet auf sich hat. Und Steffan Heuers hochinformativer Bericht über digitale Personalrekrutierung mitsamt ihrem Zahlenglauben reiht sie letztlich in die Historie der äußerst folgenreichen Managementfantasien ein.

Überhaupt ist die Obsession durch Statistik erstaunlich, die angeblich professionelles Handeln und Theorie zugleich ersetzen können soll. Nicht dass es schon eine Beruhigung für Marktforscher sein kann, die um ihre Stelle bangen, wenn die raffinierten Amazon-Algorithmen ausrechnen, dass Käufer von Band 1 sich eventuell auch für Band 2 interessieren und teure Rotweine von älteren Männern geordert werden. Eventuell genügt ja zur Streichung der entsprechenden Stellen der bloße Glaube, die Maschine ersetze Urteilskraft. Aber in die Behauptung, es genüge zur Vorhersage der Zukunft die Steigerung der Datenmenge, gehen so viele Prämissen ein, dass bestimmt noch ein bisschen Zeit ist, um darüber zu diskutieren, bevor ein Algorithmus das Ergebnis dieser Diskussion und vor allem die Reaktionen aller Beteiligten auf sie vorhergesagt hat. Der Befund, dass »Schmuckkäufe der Frau ein erstes Anzeichen für eine künftige Scheidung sind«, wie Jörn Müller-Quade in seinem Aufsatz über die Analytik von Kreditkartenfirmen berichtet, wäre geeignet, um die von ihm treffend als »Hochleistungsvorurteile« bezeichneten Ergebnisse der maschinellen Mustersuche selbst zu analysieren. Wie verhält es sich beispielsweise, wenn die Verhaltensberechnung kommuniziert wird und ihrerseits in Entscheidungen eingeht?

Die große These, alles werde jetzt in einem bestimmten Sinne anders, hat also ihre eigenen Mikroprobleme. Für die Zeitdiagnostik legt das nahe, semantisch abzurüsten und sich auf sachdienliche Hinweise zu konzentrieren, die zur Ergreifung des Tatbestandes führen. Es gibt, das zeigen die genannten Aufsätze, so viele davon, dass man sich auch keine Sorgen machen muss, Texte würden ohne Verkündigung einer Epochenzäsur langweilig. Das ist kein Appell zu mehr Skepsis oder Gelassenheit. Optimismus und Pessimismus sind als intellektuelle Programme gleichermaßen ungeeignet. »Haltung« jeglicher Art bringt kognitiv nichts, es sei denn, es wäre eben eine kognitive Haltung. Sie ist aber nicht schon dadurch bewiesen, dass man in der Gesellschaft Erkenntnisdefizite beobachtet. Manche Sorge gegenüber dem Internet beruht auf der impliziten Unterstellung der Kritiker, dass »die Leute« (zum Beispiel als Kunden, Jugendliche, Bürger) zu dumm sind, um Reklame oder die Folgen von exhibitionistischem Verhalten oder die Interessen von Konzernen zu durchschauen. Das kann sein, vor allem im Einzelfall. Aber da die Dummheit der Leute zu den Standardannahmen der intellektuellen Gesellschaftskritik gehört, fällt es nicht ganz leicht, herauszufinden, ob diese Annahme ihrerseits eine Reklame darstellt oder empirisch gemeint ist. Was das denkbare Publikum eines Magazins angeht, so scheint mir jedenfalls die Unterstellung sinnvoll, dass es jenem Publikum weniger an Wertbekräftigungen (»Endlich sagt’s mal einer«) und Epochenzäsuren (»… muss neu gedacht werden«) mangelt, als an signifikanter Unterrichtung über folgenreiche Sonderwelten (Privatrecht, Personalmanagement, Supreme-Court-Urteile, Überwachungstechnologien). In Kursbüchern steht erstens etwas, was man nicht weiß, sonst schlüge man sie ja nicht auf. Und die Verbindungen, die in ihnen angegeben werden, sollten zweitens Verbindungen zwischen Tatsachen sein. Es gibt keinen Halt in der Zukunft und also dort auch keine Ausstiegsmöglichkeit.

INTERMEZZO 1

Max Otte

Ganz passabel

Als der bekannte amerikanische Historiker und Kennedy-Vertraute Arthur M. Schlesinger jr. im Jahr 1986 an der American University in Washington, D. C., sein Buch The Cycles of American History vorstellte, befand sich im Auditorium auch der knapp 22-jährige Austauschstudent Max Otte. Endlich war er im Land seiner Ambitionen angekommen und saß nun einer Persönlichkeit gegenüber, über die er bereits als Teenager gelesen hatte. Unter den Austauschstudenten befand sich auch Wolfram Weimer, der spätere Chefredakteur von Welt, Cicero und Focus, ebenfalls ein Vierundsechziger.

Schlesinger legte dar, dass die amerikanische Geschichte in gewisser Weise einen zyklischen Charakter habe, bei dem das Land zwischen einer stärkeren Ausrichtung auf das Gemeinwohl (»public purpose«) und das Individuum schwanke. In diesem Zusammenhang sei der Einfluss der Generationenfolge auf Politik, öffentliches Leben und Wirtschaft häufig unterschätzt worden und es sei an der Zeit, diesen angemessen zu würdigen. Darüber dachte ich nach und kann dem Argument bis heute viel abgewinnen. Es hat aus meiner Sicht einen erheblichen Einfluss auf das Lebensgefühl, wie wir aufwachsen. Durch welche Bedingungen sind wir, der geburtenstärkste Jahrgang der Republik, geprägt worden?

Vielleicht lohnt es sich, zum Vergleich die wahrscheinlich meistbeleuchtete Nachkriegsgeneration – die Achtundsechziger – heranzuziehen. Sie fielen dadurch auf, dass sie das traditionelle Deutschland kräftig durchschüttelten (»Unter den Talaren der Mief von 1000 Jahren«), Kommunen gründeten und außerparlamentarische Opposition betrieben. Der demografische Kern dieser Generation waren die damals 18- bis 28-Jährigen, also die Jahrgänge von 1940 bis 1950. Dass es da an den Rändern zeitliche Unschärfen gibt und nicht jeder sich als typischer Vertreter seiner Generation entpuppt, versteht sich dabei von selbst.

Heute fällt vor allem auf, wie etabliert diese Generation ist, wie sehr sie die Macht vor allem im öffentlich-rechtlichen Raum erobert und sich dort breit gemacht hat. Von den alten Idealen ist bis auf Sonntagsreden wenig übrig geblieben, und oft nicht einmal die. Man denke an Daniel Cohn-Bendit oder Joschka Fischer. Bei vielen ist die Entwicklung geradezu unappetitlich. Einige wenige – der Autor zählt hierzu auch Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine – haben mit den Jahren an Statur gewonnen.

Wie konnte diese Generation in der Jugend so große Reden schwingen und sich später umso mehr anpassen? Ihre Mitglieder sind oft unter schwierigsten und armen Nachkriegsbedingungen groß geworden. Aber es ging ständig bergauf. Rücksetzer gab es kaum. Man konnte sich fast alles erlauben – auch, beim Studium auszurasten. Das deutsche Jobwunder lief. Jeder, auch Studienabbrecher, konnten sich ziemlich sicher sein, nachher ordentlich unterzukommen. Zudem war man nahe dran an der Kriegsgeneration, den hauptsächlich von 1910 bis 1925 Geborenen. Die Achtundsechziger wurden also von zwei Motiven und einer Grundstimmung getragen: Ein Hauptmotiv war sicher, sich von den Vätern, der Kriegsgeneration, abzusetzen, ein anderes, das Leben zu genießen. Dabei gab es bei aller Ärmlichkeit des Starts das Gefühl einer hohen Grundsicherheit – es wurde alles fast unaufhaltsam immer besser. Dieses Gefühl der Grundsicherheit hatten wir heute 50-Jährigen auch noch. Allerdings bröckelte es schon etwas. Wir mussten uns schon mehr anstrengen, und wir wussten das von Anfang an. Denn wir waren viele. Das Jahr 1964 markiert den Höhepunkt des Babybooms. Die Schulen waren übervoll. In meiner Grundschulklasse starteten wir mit knapp 40 Schülern. »Ja, wenn du dich anstrengst, ist dir eine gute Position in der Gesellschaft sicher«, das war der Grundgedanke. Und es funktionierte.

Gleichzeitig hatten wir nicht das Gefühl, uns so nachdrücklich von der Kriegsgeneration absetzen zu müssen. Vor kurzem sprach ich mit einem Bekannten aus der 68er-Generation, der früher sehr aktiv bei den Jusos war. Er erzählte davon, wie sehr ihm die Erzählungen der alten Frontsoldaten gegen den Strich gingen. Diese waren ja oft nicht so viel älter als er. Dass diese oftmals traumatisierten Menschen nicht viel mehr als ihre Erinnerungen hatten, vergaß er dabei.

Auch ich hatte noch Lehrer, die im Zweiten Weltkrieg waren. Bei unserem Musiklehrer Benno Jünemann waren zwei Finger der linken Hand gelähmt, dennoch spielte er erstaunlich gut Klavier. Als Chorleiter verfiel er in Ekstase. Seine ungemeine Begeisterung für die Musik steckte etliche von uns an – wenn auch manchmal erst sehr viel später. Als Teilnehmer des Russlandfeldzugs kamen auch seine Traumata durch, wenn er sich ob unserer Unaufmerksamkeit geärgert hatte und die Klasse zusammenbrüllte. Ein ehemaliger Nazi war er nicht, aber ein Patriot – und das zeigte er auch. Bei einem anderen Lehrer war ich mir bezüglich der Parteizugehörigkeit zur NSDAP nicht so sicher. Wir haben die Menschen dieser Generation mit all ihren Macken so genommen, wie sie waren – und von ihnen profitiert.

Wir haben auch die Bilder von Woodstock gesehen. Rockmusik hat auch uns fasziniert. Dennoch wurde die Generation der heute 50-Jährigen eine Generation der eher stillen Leistungsträger, die eine insgesamt konservativere Ausrichtung haben. Sie ist pragmatischer, differenzierter. Sie hatte nicht so viel nachzuholen wie die Achtundsechziger und musste sich auf der anderen Seite schon mehr anstrengen. Und da sie nicht mit ganz so hohen Idealen angetreten ist wie die Achtundsechziger, fiel der Sturz nachher auch nicht so dramatisch aus.

So glaube ich, dass wir Babyboomer ein insgesamt recht passables Bild abgeben. Die Umstände, die uns formten, erwiesen sich im Nachhinein als ausgesprochen glücklich.

Sorgen macht mir die Zukunft der Generation der jetzt vielleicht 20- oder 25-Jährigen. Sie sind in eine harte, ungerechte, ungleiche Gesellschaft hineingeboren, in der auch gute und kontinuierliche Leistung kein Garant mehr für ein materiell halbwegs sorgenfreies Leben ist. Die Unwägbarkeiten sind im Hyperkapitalismus stark angewachsen. Wenn ich die Studierenden an meiner Hochschule sehe, blicke ich in die Gesichter einer wie wir pragmatischen Generation mit der Energie der Jugend. Das tut gut. Es belebt. Ein Privileg meines Berufs. Aber trotz aller Verlockungen möchte ich mein Geburtsjahr nicht mit dem eines Angehörigen dieser Generation tauschen.

Peter Felixberger

Kind, Korn und Kachelofen

Was wurde eigentlich aus 1964?

Willkommen, liebe Zeitgenossen, wir schalten sogleich um in das Jahr 1964: Die Deutschen sind in Europa das ökonomische Musterland. Kaufkraft über alles! Obwohl sich zwischen 1953 und 1963 die Preise um knapp 25 Prozent erhöhen, steigt die Kaufkraft im gleichen Zeitraum um 107 Prozent. Absoluter Spitzenwert in Europa. Die Steuern sprudeln nur so und liegen um zehn Prozent höher als im Vorjahr (die Deutschen zahlen übrigens die meisten, Italiener die wenigsten Steuern in der EWG). Und gearbeitet wird hierzulande auch mehr als anderswo. »Für 1964 wird damit gerechnet, dass die bezahlte Arbeitszeit um 2,75 Stunden höher sein wird«, schreibt die Zeit. Unterdessen gibt es zu wenige junge Schulabgänger für Hunderttausende Lehrstellen, die unbesetzt bleiben. Überdies herrscht Facharbeitermangel. Und die Bürger sparen sich einen Wolf, allein 6,6 Milliarden D-Mark in diesem Jahr. Schon liegen wieder über 81 Milliarden Spareinlagen in Sparkassen und Banken herum. Überfluss allerorten? Nicht ganz. Denn in den Medien werden erste Meldungen laut, dass künftig 500000 Ehen jährlich geschlossen werden, aber nur etwa die Hälfte der jungen Ehepaare mit einer frei werdenden Wohnung rechnen könne. Wohnungen in Großstädten seien sowieso Mangelware. Für die wachsende Bevölkerung müssten die nächsten zehn Jahre rund 4,3 Millionen Wohnungen gebaut werden. Denn die Zahl der Kinder nimmt unaufhörlich zu. Es sind mittlerweile 3,6 Millionen Kinder, für die der Staat den etwa 1,9 Millionen dazugehörigen Eltern Kindergeld zahlt. Gute alte Zwei-Kinder-Familie. Einzig, was die Arbeitsproduktivität betrifft, rangiert die Bundesrepublik international ziemlich weit hinten. Im Vergleich zu den USA um über 60 Prozent weniger. Das nagt am Selbstbewusstsein des Wirtschaftswunderlandes.

Dennoch: Die Deutschen verfügen über ausreichend Geld, sie arbeiten mehr, sparen mehr und zahlen mehr Steuern als der Rest in Europa. Aber sie saufen mehr als je zuvor, Schnaps und vor allem Bier. Die Zeit hält fest: »In den ersten zehn Monaten dieses Jahres tranken die Bundesbürger 60,6 Millionen Hektoliter Bier. Das sind acht Prozent mehr als im Vorjahr. Mit 40 Millionen Hektoliter entfielen zwei Drittel des Absatzes auf Flaschenbier. Hier lag die Steigerungsrate bei zehn Prozent.« Getrunken wird gerne zu Hause, kein Wunder, dass man gerade jetzt für Eigenheim und Wohnung mehr Geld ausgibt. Soll gemütlich sein zu Hause. Der Kachelofen wird in diesem Jahr zum Aufsteiger Nummer eins unter den Wohlstandsattributen. Rund eine Million werden 1964 verkauft.

Bolte-Zwiebel und Dahrendorf-Häuschen

Der Kachelofen ist eine naheliegende Wohlstandsmetapher der Vierundsechzigereltern. Kachelöfen strahlen Wärme ab und Sicherheit aus. In ihrer Nähe fühlt sich der Vierundsechzigerpapa wohl. Plopp, ein Bier wird entkorkt, Feierabend. Wer viel arbeitet, trinkt und sich wohlfühlt … da fliegen die Funken. Ihr Kinderlein kommet. Der Weg zum bevölkerungsreichsten Jahrgang ist nicht mehr weit, das sieht doch ein Blinder! Doch da draußen lauern bereits Wissenschaftler und Publizisten, die das deutsche Geld-, Arbeits- und Familientier in seiner anschwellenden mentalen und sozialen Ausdifferenzierung vermessen, verplanen und seine Zukunft vorhersagen wollen.

Hier beginnt unsere kleine Reise durch 50 Jahre Gesellschaftserzählung. Karl Martin Bolte ist einer der ersten Soziologen in den Sechzigern, der die Gesellschaft und ihre Bevölkerung, die sich so lebendig auszudifferenzieren beginnt, bändigt. Mit der Figur der Zwiebel, einem sozialen Schichtenmodell, das die Deutschen in sieben Statuszonen einteilt. Die Oberschicht ganz oben, darunter der neue und alte Mittelstand, und noch einmal darunter die Arbeiterschaft und die sozial Verachteten. Wenn man ihre quantitative Verteilung in eine Grafik bringt, entsteht die Form einer Zwiebel. Der dicke Mittelstand geht dabei in die Breite, die Ober- und Unterschicht bilden schmale vertikale Abschlüsse. Doch wir alle wissen: Wer Zwiebeln schneidet, fängt schnell an zu weinen. Denn das Gas, das aus der Zwiebel entweicht, vermischt sich mit der Tränenflüssigkeit, und es entsteht Schwefelsäure. Weshalb sofort noch mehr Tränen einschießen, um die Säure zu verflüssigen. Wen wundert es, dass Bolte und seine Zwiebel in der Sozialforschung längst Geschichte sind. Denn um die aufsteigenden Zwiebeldämpfe zu lindern, sollte man sein Gesicht möglichst weit fernhalten.

Ähnlich ergeht es Ralf Dahrendorf und seinem Reihenhaus, das er 1965 zum ersten Mal vorstellt. Darin wohnen sieben Schichten, die der berühmte Soziologe nach Beruf, Sozialmentalität und Einkommen einteilt. An der Spitze steht die Elite (ein Prozent). Darunter findet man deren bürokratische Erfüllungsgehilfen: die Dienstklasse (zwölf Prozent) und den Mittelstand (20 Prozent). Darunter wiederum die einfachen Dienstleister mit falschem Arbeitsbewusstsein, die Dahrendorf »falscher Mittelstand« nennt (zwölf Prozent), sowie die eigentliche Arbeiterelite (fünf Prozent), die Arbeiterschicht (45 Prozent) und die Unterschicht (fünf Prozent). Die große Ära des Reihenhauses sind die Sechziger. In den Vorstädten breiten sich diese Ziegelrechtecke familiären Wohlstands munter aus. Doch in ihnen wachsen die Vierundsechzigerkinder in einer immer bunteren, schillernderen Welt auf. Mit dem Bildungsfahrstuhl fahren sie ins Gymnasium und entwöhnen sich mehr und mehr von den Schichtmodellen gescheitelter Soziologen im eisernen Determinierungsmodus. Die Kinder der Arbeiterschicht lernen Latein und Zitronensäurezyklus, Bob Dylan und Andy Warhol kennen. Das Reihenhaus wird ihnen bald zu eng. Der falsche Mittelstand ist längst ein unübersichtlicher geworden. The kids are alright! Die Reihenhäuser verfallen.

30 Jahre nach zwölf!

Diese mittelständische Erweckung der Vierundsechziger geht bevölkerungswissenschaftlich gut bis 1972, dann kommt es zur ersten Abwärtsbewegung. Denn die Geburtenbilanz in der jungen Geschichte der Bundesrepublik ist erstmals negativ. Plötzlich ist Schluss mit dem adenauerschen Generationenversprechen, gemäß dem die Arbeitnehmer während ihres Berufslebens Beiträge zahlen, von denen sie im Alter zehren. Dieses Rentenjunktim wird gebrochen. Doch davon bekommen die jetzt Achtjährigen aus dem Geburtsjahr 1964 noch nicht viel mit. Während die Bevölkerung fortan klammheimlich, aber stetig zu schrumpfen beginnt, zelebrieren die Vierundsechziger in ihrer Pubertät und als junge Erwachsene die Lust zur politischen Einmischung in Demonstrationen gegen die technische und bürokratische Großmannssucht der Moderne. Tschernobyl und Volkszählungsboykott tauchen Mitte der Achtzigerjahre am Horizont auf. Die jetzt Zwanzigjährigen individualisieren sich und befreien sich weiter aus den Ober-, Mittel- und Unterschichtskorsetts. Genau an dieser biografischen Weggabelung kommt es jetzt zur demografischen Paradoxierung einer Generation.

Es wird Zeit, dass wir Herwig Birg herbeizitieren. Vor allem seine Erzählung der ausgefallenen Generation. Diese hat er ausführlich in einem gleichnamigen Buch aus dem Jahr 2005 dargestellt. Deutschland, so Birg darin, ist ein rätselhaftes Land. Zum Beispiel, was die Pro-Kopf-Kinderzahl betrifft. Seit 1964 ist sie stetig gesunken und zu Anfang der Nullerjahre nur noch halb so hoch wie damals – und das, obwohl das Pro-Kopf-Einkommen seither um das Doppelte gestiegen ist. Das nennt man ein demografisch-ökonomisches Paradoxon: Kinder werden nicht geboren, obwohl die Menschen es sich mehr leisten könnten denn je. Stellt sich die Frage: Warum? Nun, das eigentliche Problem liegt für Birg eine Ebene darunter, und damit treffen wir unmittelbar auf unsere ökonomische und lebensweltliche Eingangsromantik des Jahres 1964: Wer sich als 1964 Geborener später selbst für Kinder entscheidet, begibt sich in eine wirtschaftlich riskante Situation, was die Zukunft betrifft. Das Risiko: Kinder werden teurer, und man selbst wird nach dem Ende des Rentenidylls womöglich stärker geschröpft als bisher angenommen. Einerseits zahlt man in ein Renten- und Krankenversicherungssystem, das einen jetzt und später nicht mehr so wie vereinbart bedienen wird, weshalb die persönliche Alterssicherung in Gefahr gerät. Andererseits sind die Investitionen in Kinder nicht mehr unbedingt »rentabel«. Denn diese Kinder sind einfach zu wenige, um ihre Eltern später im Alter ausreichend versorgen zu können. Es wachsen zu wenige Beitragszahler nach, um die Vierundsechzigerrentner von morgen zu versorgen.