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Kursbuch 179 E-Book

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Beschreibung

Liberté, Égalité, Fraternité! Eine Parole, die neu justiert werden muss. An die Stelle der Brüderlichkeit ist die Ausbeutung getreten, die nach dem marxistischen Ursprung des Begriffs Fremdbestimmung ohne monetären oder ideellen Ausgleich meint. Das Kursbuch 179 "Freiheit, Gleichheit, Ausbeutung" diskutiert den Zusammenhang zwischen Freiheit und Gleichheit auf der einen und Ausbeutung auf der anderen durchaus kontrovers. Welche zivilisatorische Bedeutung kommt Ausbeutung zu? Ist Ausbeutung nicht auch ein Garant für Weiterentwicklung? Mit Beiträgen von Sudhir Venkatesh, Georg von Wallwitz, Hansjörg Küster, Erich Weede, Regina Schmeken, Elma Altvater, Dirk Baecker, Armin Nassehi, Gerhard Klas, Elísio Macamo, Dorthe Nors und Thomas Palzer.

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Seitenzahl: 238

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhalt

Armin Nassehi

Editorial

Thomas Palzer

Brief eines Lesers (9)

Sudhir Venkatesh

Freiheit im Untergrund

Die Gangsterökonomie in New York

Georg von Wallwitz

Der große Schwund

Warum das Loslassen nützlich ist

Hansjörg Küster

Mensch und Natur

Innovation, Ausbeutung, Übernutzung

Erich Weede

Freiheit impliziert Ungleichheit …

… Ungleichheit impliziert Ansporn und Chancen

Regina Schmeken

Glamour

Elmar Altvater

Die Dialektik der Ausbeutung

Ohne Ausbeutung keine Moderne, mit Ausbeutung keine Zukunft

Dirk Baecker

Der Arbeitskraftunternehmer

Arbeit im Zeichen ihrer Kritik

Armin Nassehi

Arbeit 4.0

Was tun mit dem nicht organisierbaren Rest?

Gerhard Klas

Mythos Mikrokredit

Warum Kleinstdarlehen die Armen noch ärmer machen

Elísio Macamo

Vorsprung durch Aufklärung

Ein Märchen, an das Europäer nach wie vor glauben

Dorthe Nors

Der Buddhist

Eine Erzählung

Anhang

Die Autoren

Impressum

Armin Nassehi

Editorial

Georg von Wallwitz schreibt in seinem Beitrag, in der Parole der Französischen Revolution – Liberté, Égalité, Fraternité – sei die Dritte im Bunde, die Brüderlichkeit, ein Fremdkörper. Freiheit und Gleichheit seien diejenigen Mechanismen, die individuelle Eigeninteressen promovieren, Eigeninteressen, die die Brüderlichkeit mit dem anderen korrumpieren. Wallwitz bezieht das vor allem auf ökonomische Beziehungen, in denen etwa asymmetrisches Wissen ökonomisch hilfreich ist, unter Brüderlichkeitsaspekten aber eher nicht. Diese Art von Asymmetrien freilich scheint sich durch alle möglichen Beziehungen zu ziehen. Deshalb ist unsere Begriffsreihe Freiheit, Gleichheit, Ausbeutung erwartbarer, als es auf den ersten Blick erscheint.

Die Beiträge in diesem Heft variieren allesamt diesen Zusammenhang zwischen Freiheit und Gleichheit auf der einen Seite und Ausbeutung auf der anderen, und das durchaus kontrovers. Die Beiträge von Erich Weede und Elmar Altvater etwa bestechen in ihrer Gegensätzlichkeit – aber vielleicht ist das nur die halbe Wahrheit, denn beide stoßen auf eine merkwürdige Dialektik: Weede darauf, wie der Kapitalismus als Ungleichheitsgenerator die Voraussetzung für Demokratie schafft, und Altvater darauf, dass inkludierende Ausbeutung womöglich besser ist als die Exklusion aus allen Ausbeutungsverhältnissen. Eine deutliche Absage erteilt Gerhard Klas den sogenannten Mikrokrediten für die Armen, die nur selten die Freiheit der Kreditaufnahme in eine Freiheit der Lebensführung ummünzen – parallel dazu nimmt Elísio Macamo die inneren Widersprüche der expandierenden kolonialen Aufklärung aufs Korn, die Freiheit in Abhängigkeit und Asymmetrie ummünzt. Wirklich aufregend ist auch Sudhir Venkateshs Reflexion über die Gangsterökonomie im New Yorker Untergrund. Er zeigt, wie sich Unternehmertum, also die bewusste Übernahme von Risiken mit dem Ziel der Maximierung eigener Optionen, in den sogenannten Unterwelten nach den gleichen Regeln richtet wie in der sichtbaren Welt. Man weiß am Ende nicht, ob der ethnografische Soziologe Venkatesh die Ökonomie der Glaspaläste als Parabel auf die Gangsterökonomie führt, oder ob diese eine Parabel auf jene sein soll. Jedenfalls zeigt er schön, wie sich gute Motive in ihr Gegenteil verwandeln können – und umgekehrt. Ähnliches hat auch Dirk Baecker im Blick, der in seiner furiosen Dekonstruktion des »Arbeitskraftunternehmers« den denunziatorischen Gehalt von »Arbeit« und »Unternehmer« aufnimmt, um diese beiden Seiten ganz neu zu ordnen und als eine Kippfigur darzustellen, die weder für Moral noch für Kritik taugt, aber Moral und Kritik anzieht. Auch Hansjörg Küster stößt auf eine Kippfigur: Die Forderung nach Schonung der Natur zielt darauf, eine Natur zu schonen, die selbst Ergebnis einer kulturgeschichtlich rekonstruierbaren Ausbeutung ist – einer Ausbeutung der Natur übrigens. Er plädiert für Strategien, die die Perspektive der gesamten Landschaft einnehmen, also nicht auf Reparatur an bestimmten Stellen, sondern als eine Strategie, die zwar lokal ansetzt, sich aber irgendwie aufs Ganze richten muss. Mit diesem Gedanken sind wir wieder am Anfang angelangt. Denn das ist genau das Problem: Man kann das Ganze benennen, aber gehandelt werden kann nur hier und dort. Das erzeugt neue Freiheiten und Gleichheiten, aber auch neue Ungleichheiten und Ausbeutungsverhältnisse.

Und es erzeugt merkwürdige innere Widersprüche, aus denen man auch beim besten Willen nicht herauskommt. Dorthe Nors’ kleine, schöne Erzählung »Der Buddhist« beschreibt jemanden, der beim besten Willen in etwas gerät, was er nicht will, oder doch? Man weiß es nicht. Man weiß auch nicht, was man in den Bildern von Regina Schmeken sieht – und doch sieht man genau, was man sieht. Wir freuen uns sehr über diese beiden ästhetischen – literarischen und fotografischen – Beiträge. Thomas Palzer danken wir für die Fortführung der Leserbriefkolumne.

Ein Thema wird in diesem Kursbuch nicht behandelt – es ist das Thema der Selbstausbeutung. Der Autor, den wir darum gebeten haben, ein »Lob der Besessenheit« zu schreiben, eine Apologie der Selbstausbeutung, hat leider nicht geliefert. Es sollte kein Beitrag sein, der dafür wirbt, das Humankapital besser einzusetzen, abhängig Beschäftigte stärker in Anspruch zu nehmen, Kostensenkung durch Arbeitsverdichtung und Abwälzung von Risiken vom Unternehmen auf den Beschäftigten zu legitimieren. Es sollte eher um die Frage gehen, wie denn Innovation und Kreativität ohne Ausbeutung möglich sein kann, wenn man Ausbeutung wie Karl Marx dort beginnen sieht, wo der Arbeiter mehr leisten muss, als zu seiner Reproduktion nötig ist. Dass in der ökonomischen Rekonstruktion dieses Mehr bei Marx mitgemeint war, dass jener Mehrwert eben nicht dem Arbeiter, sondern Anderen zugute kommt, setzt ja nicht die Überlegung außerkraft, dass Innovation und Kreativität stets damit zu tun haben, mehrere Versionen eines nutzlosen Mehr zu produzieren, bevor es passt, mehr auszuprobieren, als funktionieren kann, vielleicht sogar besessen und wahnhaft ein Ziel zu verfolgen, das letztlich zum Scheitern verurteilt sein muss. Man kann einwenden, dass das auf bürgerliche Formen unternehmerischer Risikostrategien zielt, oder eher auf künstlerische Tätigkeiten als auf Produktion und Arbeit. Und doch bleibt der Gedanke: Schöpferisches Handeln, also Handeln mit Überraschungswert setzt mehr voraus als die Erfüllung eines Plans. Mehr im qualitativen Sinne und mehr im quantitativen Sinne, manchmal mit selbstzerstörerischen Folgen, manchmal triumphal. Langer Rede kurzer Sinn: Unser Autor konnte nicht liefern, er hat die Aufgabe unterschätzt, er hat uns kurz vor Toresschluss gesagt, dass es nicht zu schaffen sei. Er konnte nur im Konjunktiv sagen, was er geschrieben hätte.

Es ist nicht üblich, über nicht geschriebene Beiträge zu berichten – und auch Autorenschelte ist unüblich. Allein, dies ist keine Autorenschelte, im Gegenteil. Wir möchten gerade diesem Autor danken, denn dass er nicht geliefert hat, ist fast eine Parabel aufs Thema. Denn gerade diese Art der Selbstausbeutung und Besessenheit, die wir dem Autor als Thema ans Herz gelegt haben, ist eben nicht planbar, nicht organisierbar. Man kann damit nicht rechnen – und man darf damit womöglich auch nicht rechnen. Insofern ist die Nichtrealisierung dieses Beitrags ein Beitrag zum Thema. Hier enthält bereits ein nicht geschriebener Beitrag mehr Informationen als mancher Beitrag, der viele Seiten in Anspruch nimmt. Den Widerspruch, dass all das nur sichtbar wird, weil nun doch in diesem Editorial darüber geschrieben wird, sehen Sie uns bitte nach.

München, im August 2014

Armin Nassehi

Thomas Palzer

Brief eines Lesers (9)

Was ist Ausbeutung? Leider hat Kant zur Beantwortung dieser Frage keine wasserdichte Gebrauchsanleitung hinterlassen. Wir müssen uns auf unsere Intuition verlassen. In einer Welt, in der es aufgrund knapper werdender Ressourcen zunehmend um Verteilungsgerechtigkeit geht, sind wir da schnell überfordert. Das gilt erst recht für das digitale Double, wo permanent Entscheidungen darüber getroffen werden müssen, wie viel Batterieleistung ein Programm nutzen darf, wie viel Speicher oder Bandbreite und wie viel Aufmerksamkeit des Benutzers für sich reklamieren. Doch auch Maschinen, die in der Lage sind, sich selbst Regeln zu geben und sich an sie zu halten, bleiben im Zweifelsfall auf uns angewiesen. Kein Algorithmus kann Fairness bis in den letzten Winkel ausleuchten. Der menschliche Faktor bleibt unersetzlich. Als positiver side effect kann dabei in Rechnung gezogen werden, dass wegen der Konstitution und angeborenen Resilienz des Menschen bei dessen Herumhüpfen von Ast zu Ast im Entscheidungsbaum dem üblichen Beschleunigungsfuror Einhalt geboten wird.

Wer das Inhaltsverzeichnis des vorliegenden Kursbuchs überfliegt, dem fallen je nach eigener Profession im Hinblick auf den gesuchten Begriff noch weitere Ausschnitte der Wirklichkeit ein, die dringend dem Amt für Ausbeutungsschutz zur Vorlage gebracht gehörten. Ich spreche von der euphemistisch so genannten Gratiskultur und dem jedem Autor bekannten Anruf, bei dem man um einen schönen Text gebeten wird, für den, wie man schnell erfährt, leider bedauerlicherweise nichts bezahlt werden könne – in Zahlen: null, nüll, zéro. Wer Lust hat, seine Fähigkeiten einem professionellen Textbroker im Netz zur Verfügung zu stellen, der muss jeden Monat ein Buch von 50 000 Worten schreiben, um in der Uckermark mit Ach und Krach über die Runden zu kommen. Das Fernsehen hält sich seinerseits über Wasser, indem es zwei Drittel seines Programms mit Interviews befüllt, deren Urheber nur in den seltensten Fällen mit einem Obolus entschädigt werden. Vielleicht ist von daher das meistverwendete Motiv auf historischen Münzen das Opfertier gewesen. Du Opfer – jedenfalls, wenn von einem Autor die Rede ist. Für die Natur, die Ressourcen und einen Großteil der Menschen auf diesem Planeten sieht es allerdings noch schlimmer aus.

Um die Frage zu klären, was fair und was unfair ist, kann man eine Ethikkommission berufen oder selbst nachdenken. Die Antwort ist abhängig von dem Ort, an dem man spricht, und von der Zeit, in der man das tut. In unseren Breiten darf als Antwort gelten: Unfair ist, wenn ein Mensch, der acht Stunden am Tag arbeitet, von seinem Lohn nicht leben kann. Das ist sogar nicht nur unfair, das ist Ausbeutung.

Nun kann man die Frage stellen, wie ein Kontinent, dem vor über 200 Jahren der dreifaltige Geist von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aufgegangen ist, so herunterkommen kann, dass ein Syllogismus denkbar wird, dessen Konsequenz Ausbeutung lautet. Das Kursbuch hat diesen Schluss gezogen – und er funktioniert schon rein intuitiv. Es wundert die Gegenwart eben nicht sonderlich, wenn der altehrwürdigen Werttrias das Vorzeichen verkehrt wird. Darin liegt unter dem Aspekt von Fortschritt der eigentliche Skandal.

Natürlich ist in den vergangenen bald 224 Jahren einiges passiert. Ich fasse mich kurz: Die Aufklärung ist über sich selbst aufgeklärt, und es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Sozialstaat nicht unbedingt etwas mit Fairness zu tun haben muss. Man stellt die Frage, was das Ungerechte an der Gerechtigkeit ist, und bekommt zur Antwort: Wenn zur Durchsetzung von Gleichheit ungleiche Anstrengungen und Leistungen nivelliert werden – dann ist das ungerecht. Zudem ist der moralische Rigorismus als Tyrann entlarvt, der nur allzu leicht bereit ist, im Namen der guten Sache die Freiheit der Andersdenkenden einzuschränken. Und um Gleichheit und Koexistenz zu gewährleisten, muss die Wirklichkeit parzelliert werden, was Parallelgesellschaften begünstigt und den Tatbestand verschärft, dass wir ohnehin nur noch eine fragmentierte Realität bewohnen. Kurz: Wie so oft im Leben zeigt sich auch diesmal, dass eine einfache und eigentlich evidente Losung, der sich nur mutwillig widersprechen lässt, bei näherer Betrachtung ihre Tücken besitzt.

Und nun also: Freiheit, Gleichheit, Ausbeutung statt Freiheit, Fairness, Loyalität. Man würde den Blick in die falsche Richtung lenken, wenn man in der Geschichte, die von der Französischen Revolution bis heute reicht, eine Verfallsgeschichte erkennen wollte. Der Verlauf zeigt vielmehr an, dass die Moderne auf einem Kurs ist, bei dem sie sich selbst radikalisiert. Und der von der Emanzipation in die Entfesselung führt, in die »Emanzipation vom Gewissen«, um Dolf Sternberger zu zitieren. Wenn Manager alle zwei Jahre ihren Arbeitsplatz wechseln, haben sie mit dem Ort, an dem sie arbeiten, nichts zu tun. Außer mit Zahlenverhältnissen sind sie mit nichts vertraut. Der Verlust des Ethos wird mit Hybris bestraft – wir erinnern uns.

In seinen Reflections on the Revolution in France hat der erklärte Gegner der Französischen Revolution, Edmund Burke, die Auffassung vertreten, dass ein wohlbegründeter Staat nur als »Gemeinschaft zwischen den Lebenden, den Toten und denen, die geboren werden« gedacht werden kann. Nun ist in dem Wort Gemeinschaft inkludiert, dass alle von dem Satz miteinbezogenen Zeitformen gleich gewichtet sind. Das ist längst nicht mehr der Fall. Die Zuversicht, den der Fortschrittsoptimismus zum Programm erhoben hat, setzt den Dispens zweier Zeitformen voraus: den der Vergangenheit und den der Gegenwart. Der Blick ist fest und froh auf die Zukunft geschweißt.

Heute befindet sich die Gegenwart weiß Gott in keinem ausgeglichenen Verhältnis zu Vergangenheit und Zukunft. Statt ein Politikverständnis zu fördern, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander im Gespräch sind, wird viel zu viel Aufmerksamkeit auf die Zukunft gelenkt, die man üblicherweise als grenzenlos imaginiert. Und die neuen Kräfte, die die Zukunft mit sich bringt, werden prima facie als gut und verheißungsvoll begrüßt. Wo es doch nach aller Erfahrung ratsam wäre, ein vernünftiges Maß an Skepsis walten zu lassen. Inzwischen hat der Verbrauch der Zukunft dermaßen zugenommen, dass sie im großen Stil hergestellt werden muss. Die experimentellen Dispositive sind letztlich nichts anderes als Maschinen zur Erzeugung von Zukunft in Gestalt neuer Fragen. So der Evolutionsbiologe François Jacob.

Das ungeduldige Vorwärtsstürmen in die Zukunft erinnert allerdings an das Rufen im Walde, denn es verrät, wie sehr man auf die Zeit eifersüchtig ist. Ein erreichter Zustand wird immer nur als die Vorstufe einer prinzipiell unabschließbaren Entwicklung gesehen, die unentwegt im Begriff steht, dem Fortschritt einen weiteren Schritt hinzuzufügen. Mit Google Earth betrachtet, erweist sich die fromme Hoffnung, die man in die Zukunft setzt, nur als Flucht nach vorn.

Die Voreingenommenheit für die Zukunft verhindert, dass wir – wie Michael Oakeshott bemerkt – moralisch auf die Entstehung von Kräften wie den Verbrennungsmotor, die Atomenergie oder die Digitalisierung vorbereitet sind – mit den bekannten Folgen. Nun zeigt sich, dass einer Welt, die nur nach vorn guckt, jeder Rückhalt verloren geht. Und jede Rücksicht. Jedes Vertrauen und jede Vertrautheit. Der Boden kippt unter unseren Füßen weg. Entfremdung ist es, die Ausbeutung psychologisch überhaupt erst ermöglicht.

Wir sollten uns erinnern, was es heißt, in der Zeit und an dem Ort, die uns hervorgebracht haben, eingebettet zu sein, sich dort zurechtzufinden – zum Recht zu finden. Tradition ist vielschichtiger und mehrdeutiger, als man gedacht hat. In ihr sind Erfahrungen gespeichert, auf die wir nicht alle einfach verzichten können zugunsten eines mutwilligen Neuanfangs. Wir sollten lernen, uns zu beschränken und Rücksicht zu nehmen. Emanzipatorische Tendenzen müssen sich mit einer Bildungswelt, in der die Tradition vergegenwärtigt ist, die Waage halten. Denn Expansion führt nirgendwo anders hin als in die Emanzipation vom Gewissen. Weil das Kursbuch eine Institution ist, also etwas, was in der Zeit zurückreicht, steht hier nichts zu befürchten.

Sudhir Venkatesh

Freiheit im Untergrund

Die Gangsterökonomie in New York

Ich kam viel zu früh zur Vernissage und war nervös und aufgeregt. Es war der Tag, als Shine in mein Leben treten sollte.

Nachdem ich 1997 nach New York City gekommen war, hatte ich mich fünf Jahre lang mit der Untergrundökonomie der Stadt beschäftigt, einer weitgehend unbekannten Schattenwelt, in der Menschen Einkommen unterschlagen, Gesetze brechen und eine schier grenzenlose Kreativität entfalten, um an Geld zu kommen. In der Fachwelt würde man mich als »Ethnografen« bezeichnen, ein schickes Wort für einen Soziologen, der seine Zeit vor allem damit verbringt, andere Menschen in ihrem Alltag zu beobachten – also jemand, der herumlungert, statt Daten zu erheben oder Umfragen durchzuführen. In meiner Arbeit gehe ich davon aus, dass die Zeit für mich arbeitet. Sie bringt Dinge ans Licht, die Menschen gern verbergen. Sie lässt sie Sachen sagen, für die sie sich im Grunde schämen, und sie vermittelt ihnen ein Gefühl der Sicherheit, indem sie Dinge preisgeben, die sie fürchten. Zeit schafft Vertrauen. Nach zehn Jahren mit einer Crack-Bande in Chicago war auf diese Weise mein letztes Buch Underground Economy. Was Gangs und Unternehmen gemeinsam haben entstanden.

Jetzt stand ich vor derselben Hürde wie damals: Ich brauchte einen Zugang.

Dieser Zugang war Shine. Als ich ihn kennengelernt hatte, war er ein gewiefter Crack-Dealer in Harlem, doch seit dem Ende des Crack-Booms versuchte er, sich andere Märkte zu erschließen. Das bedeutete Midtown und Wall Street, Greenwich Village und Upper East Side. Ich folgte ihm bei seinen Abenteuern über gesellschaftliche Grenzen hinweg und lernte dabei eine ganze Menge Leute kennen, die sich außerhalb der Legalität bewegen: Prostituierte, Zuhälter, Puffmütter, Pornoproduzenten und tausenderlei Schieber und Drücker, die alle ihre Stückchen vom Kuchen abhaben wollten. Manchmal wurde daraus eine methodische Untersuchung, zum Beispiel, als ich mit Forschungsfördergeldern den Drogenmarkt von Harlem untersuchte oder in Zusammenarbeit mit den städtischen Justizbehörden eine Erhebung unter 150 Prostituierten durchführte. Aber oft blieb am Ende das nagende Gefühl, dass es Zusammenhänge gab, die ich nicht durchschaute. Richtig faszinierend und bewegend wurde es jedoch, als Shine mit Menschen in Berührung kam, die ich aus meinem Privatleben kannte, und die Grenze vom interessanten Forschungsgegenstand zur schmerzhaften Realität überschritten wurde.

Als ich kam, war die Party bereits in vollem Gange. In der großen weißen Atelierwohnung lagen wahllos verstreut Balken, Altmetallteile und gigantische Abbruchbirnen herum. Auf mich wirkte das Ganze weniger wie Kunst, eher wie eine verlassene Baustelle, doch es ist gut denkbar, dass ich nach anderthalb Jahrzehnten der Armuts- und Verbrechensforschung kein geeigneter Gast für dieses Zeug war.

Auf der anderen Seite des Raums erspähte ich Shines Cousine Evalina. Wir hatten uns vor einigen Jahren kennengelernt. Bei meinen Untersuchungen über die Schattenwirtschaft tauchte Evalina regelmäßig an Orten auf, an denen ich sie am wenigsten vermutet hätte. Sie war eine kleine, dralle Frau, die vor Energie nur so sprühte. In der Highschool hatte sie für Shine gearbeitet, dann war sie an die Westküste durchgebrannt, um sich selbst zu finden. Nachdem sie wegen Laden- und Autodiebstahl eingesessen hatte, war sie wieder nach New York City gekommen, wo Shine sie Kokain verkaufen ließ, unter der Bedingung, dass sie wieder zur Schule ging. Sie landete schließlich in der Fotografie und Bildhauerei. In der heutigen Ausstellung wurde eines ihrer Stücke gezeigt. Vielleicht war es ja keine schlechte Idee, auch ihr bei ihren Abenteuern zu folgen.

»Ist das nicht geil?«, fragte sie mich. »Ist das nicht alles total durchgeknallt?«

»Ja, cool«, erwiderte ich. »Glückwunsch, dass du hier ausgestellt wirst.«

Sie strahlte und sah glücklich aus, aber sie schien mir ein bisschen bemüht. Genau wie ich stach sie aus dem Meer der weißen Gesichter heraus. Von Shine wusste ich, dass sie in die Kunstwelt von Soho und Chelsea vernarrt war und irgendwann eine eigene Galerie aufmachen wollte. Er ließ sie sogar 30 Prozent der Einnahmen behalten, die sie dort machte. Evalina tat ihren hippen neuen Freunden gern einen Gefallen, aber wenn es ans Kassieren ging, stellte sie sich nicht immer sonderlich schlau an. Das war auch der eigentliche Grund, weshalb Shine heute Abend in die Galerie kommen wollte. Wenn sie in diesem neuen Territorium überleben wollte, so Shine, dann musste sie diese verdammten Künstler auch dazu bringen, die Scheine rüberwachsen zu lassen.

Mit einem Mal stand er in der Tür, in Jeans, Kapuzenpulli und weißen Basketballschuhen. Langsam überblickte er den Raum, so wie es jeder gute Verkäufer tun würde. Er wirkte selbstbewusst, groß, attraktiv – und völlig fehl am Platz.

Mit drei Nichtweißen im Raum war dies die multikulturellste Party, die ich je in Soho besucht hatte.

Einen Augenblick lang zögerte Shine. Vielleicht kamen ihm Zweifel. Dann ging er auf einen Knäuel von Abbruchbirnen zu, die an unsichtbaren Schnüren von der Decke herunterhingen. Sie waren kotzgrün, schwarz bemalt und groß genug, um sich dahinter zu verstecken.

Ich ging auf ihn zu. »Komisches Zeug, oder?«

»Findest du?«

Ich verdrehte die Augen.

Er sah sich die schwebenden Kugeln an und überlegte einen Moment lang. »Ich find’s cool.«

In den letzten fünf Jahren hatte ich erlebt, wie er nach einer Schlägerei seine Fingerknöchel verarztete, sich um Verwandte in Not kümmerte, junge Männer als Drogenhändler rekrutierte, und was weiß ich, was noch alles. Mich konnte er nur wenig überraschen. Aber jetzt erstaunte er mich doch. Wollte er mich auf den Arm nehmen? »Echt? Das Zeug findest du cool?«

Er nickte. »Könnte eine Krankheit sein oder einfach nur Seifenblasen – weißt du, das Zeug, das du als Kind so gemacht hast.«

Er lächelte. Der Gedanke schien ihm zu gefallen. »Es kann einen glücklich machen, aber es kann einen auch umbringen. Ja, das ist echt cool. Der Typ hat’s geschnallt.«

Ich war ein bisschen genervt. Wollte dieser Drogendealer aus Harlem an diesem fremden Ort vielleicht auch den Boss spielen? Aber ich unterdrückte das Gefühl.

Ich war dabei gewesen, als Shine seine ersten Schritte aus Harlem heraus in die Bars an der Wall Street und in Soho gemacht hatte. Ich wusste, wie viel Mut dazu nötig war, wie viel sorgfältige strategische Analyse, welche Vision. Ich hatte viele Drogenhändler kennengelernt, aber niemand überschritt mit solcher Leichtigkeit immer neue Grenzen. So gesehen war Shine nichts anderes als ein junger Amerikaner, der seinen Traum leben wollte, und alles tat, um riesige Hindernisse zu überwinden. Statt mich zu ärgern, hätte ich lieber seine geniale Anpassungsfähigkeit beobachten sollen.

*

Shine war allerdings nicht der einzige Großstadtpionier, den ich beobachtete. Aus verschiedenen Blickwinkeln der Untergrundökonomie und der jungen Reichen konnte ich zusehen, wie die Kräfte der Globalisierung und Stadtentwicklung ganz New York umkrempelten. Rudy Giulianis ehrgeiziges Säuberungsprogramm hatte der Stadt die Dollars der Touristen und eine beschleunigte Gentrifizierung beschert. In Manhattan richteten multinationale Konzerne neue Unternehmenszentralen ein. An der Wall Street boomten die Finanzdienstleister mit schier manischer Energie. Angehörige der Mittel- und Oberschicht strömten scharenweise aus den Vororten zurück in die Innenstadt. Das alles war mit bloßem Auge erkennbar und wurde in den Medien abgefeiert. Auch der Untergrund war in Bewegung, auch wenn die Umwälzungen dort kaum Beachtung fanden. In der zunehmenden Gentrifizierung suchten Tausende Aufstrebende aus der Unterschicht nach neuen Marktnischen und Betätigungsfeldern. Von südasiatischen Pornoladeninhabern und nigerianischen Taxifahrern in Hell’s Kitchen bis zu ambitionierten lateinamerikanischen Prostituierten der Lower East Side und den Luxusescorts der Upper East Side schufen die raschen Umwälzungen in dieser Weltstadt neue Gewinner und Verlierer.

Der Strudel ließ den kommenden Crash bereits erahnen, doch vieles davon war schwer zu greifen. In den Verschiebungen im riesigen Kontinent der Untergrundökonomie warfen kommende Ereignisse ihre Schatten voraus – doch wie diese Ereignisse aussehen würden, das konnte niemand ahnen.

In diesem Zusammenhang schien Shines Begegnung mit der zeitgenössischen Kunst so etwas wie ein Signal. Ich befand mich nicht mehr in einer Stadt des Mittleren Westens, in der die Grenzen zwischen gesellschaftlichen Milieus und Stadtteilen stabil waren, egal welche Kräfte auf sie wirkten. Chicago feiert sich etwa als »Stadt der Stadtviertel«, und dahinter verbirgt sich ein Ort der systematischen gesellschaftlichen und ethnischen Segregation. Das hat seine Vor- und Nachteile. Jeder hatte sein Viertel, auf das er stolz war und in dem er sich engagierte. Selbst der Untergrund organisierte sich streng nach Stadtteilen. Egal ob es um Babysitter, Drogen oder Kredite ging: In Chicago machte man seine Deals mit dem Nachbarn. Es war nahezu unvorstellbar, dass die Banden, die ich untersuchte, die Wege von Menschen aus meinem universitären Milieu kreuzten. Ich war davon ausgegangen, dass alle Städte nach diesem Muster funktionierten. Doch die Stabilität Chicagos lag hinter mir, und im Rest des Landes schien einiges in Bewegung geraten zu sein. Vielleicht war New York ein Vorbote der Zukunft.

Aber was brachte diese Zukunft?

Sie verhieß eine Welt mit durchlässigen Grenzen. Der Vergleich der Bricolage drängte sich mir auf – die Kunst, aus den Einzelteilen von Bestehendem eine neue Ordnung zu schaffen. Vielleicht konnte ich ein neues Muster erkennen und eine neue Sprache finden, um zu beschreiben, wie die Unterwelt in Interaktion mit dem Mainstream die Welt der Zukunft erschafft.

*

Während Shine und ich noch vor den riesigen grünen und schwarzen Kugeln standen, hörte ich aus der Mitte des Raums eine weibliche Stimme: »Hey! Sudhir!«

Es war Analise, eine Frau aus der elitären Subkultur der jungen und reichen New Yorker, die die karitativen Stiftungen ihrer Eltern weiterführten. Heute Abend war sie brünett und strahlte diese elegant-lässige Herzlichkeit aus, die diesen reichen jungen Frauen angeboren zu sein scheint.

Ich hatte einen kurzen Aussetzer. Einmal, als ich eine Prostituierte in einer zwielichtigen Bar in Hell’s Kitchen interviewte, waren ein paar von meinen Studenten zur Tür hereingekommen. Es folgte eine peinliche Begrüßung, ehe ich sie abschütteln und mein Interview fortsetzen konnte. Bei einer anderen Untersuchung von Prostituierten in Striptease-Bars erkannte ich zwei ehemalige Studentinnen – eine arbeitete als Stripperin, die andere hinter der Theke. Begegnungen wie diese sind mir nicht peinlich. Es gehört zu meinem Job, in Striptease-Bars herumzuhängen.

Aber das war Analise, die Tochter Amerikas.

An dieser Stelle sollte ich etwas erklären. Jeder bringt eine bestimmte Perspektive mit, und meine ist die eines indisch-amerikanischen Jungen, der in Kalifornien aufgewachsen ist. Ich begeisterte mich für alles »Amerikanische«, von den Urenkeln afrikanischer Sklaven, die in den Slums von Chicago lebten, bis zu den südasiatischen Einwanderern am Steuer der New Yorker Taxis, die in die Fußstapfen der Italiener und Iren treten. Analise konnte dagegen ihren Stammbaum bis zu den Pilgervätern zurückverfolgen; wenn irgendjemand »Amerikanerin« war, dann sie. Sie war eine der vom Schicksal verwöhnten Reichen und Schönen, die mit privaten Stiftungen und Wohltätigkeitsbällen, Pferden und Mädcheninternaten, Sommerferien in Maine und Skiurlaub in Sankt Moritz aufwachsen. Jedes Mal, wenn ich sie sah, schien sie ein anderer Mensch zu sein, immer voller verrückter Abenteuer und überbordender Emotionen. Ihre befremdliche Angewohnheit, Kellner und Taxifahrer wie ihre privaten Butler zu behandeln, machte sie nicht weniger sympathisch. Ihr elitäres Verhalten hatte nichts Boshaftes, es war einfach angeboren. Genau das faszinierte mich.

Aber jetzt machte ich mir Sorgen. In den vergangenen sechs Monaten hatte ich Analise auf einer Party und einer Vernissage gesehen, und beide Male hatte sie mich beiseitegenommen und mit dem manischen Enthusiasmus und verräterischen Schnüffeln auf mich eingeredet, das ich von gewohnheitsmäßigen Kokainkonsumenten kannte. Das war an sich schon schlimm genug, und ich hoffte, dass das nicht von Dauer war. Aber heute Abend war ich mit einem der größten Koks-Dealer von Harlem unterwegs, und ich wollte nicht derjenige sein, der der Tochter Amerikas den perfekten Zugang zur Drogenwelt verschafft.

Ich sah mich rasch um und war erleichtert, dass Shine nicht in der Nähe war. Lächelnd kam Analise zu mir herüber und verschüttete dabei ein paar Tropfen ihres Cocktails.

»Wow, ich hätte nicht gedacht, dass ich dich heute hier treffe«, sagte sie. »Kennst du Carter One?«

»Wen?«

Es seien Zwillinge, sagte sie, Carter One und Carter Two. Carter One war ihre Freundin Mindy. »Das Gebäude gehört ihrer Familie.« Sie zeigte mit der Hand herum. »Cool, was?«

Just in diesem Moment tauchte Shine hinter dem Kunstwerk auf. »Tut mir leid, Mann, ich hab dich nicht gesehen«, sagte er.

Ich stand eine gefühlte Ewigkeit lang wie erstarrt da. Sollte ich die beiden miteinander bekannt machen?

Analise kam mir zuvor und streckte ihre Hand aus. »Du bist Sudhirs Freund? Ich bin Analise.«

»Shine«, sagte er.

Die beiden grinsten einander an, als wäre etwas hochgradig Amüsantes passiert. Shine gegenüber hatte ich erwähnt, wie sehr mich die Welt der Reichen und Schönen faszinierte, und Analise wusste, dass ich Drogenhändler erforschte, die sich an die Veränderungen auf dem Crack-Markt anzupassen versuchen. Das Projekt war zwar noch in der Schwebe, aber ich hatte die Vorstellung, Drogenbanden aus den Vierteln von Chicago mit unabhängigen Drogenhändlern wie Shine in New York zu vergleichen. Sie schien ihn mit großem Interesse zu beobachten und folgte seinem Blick zu einem nostalgischen Foto eines Hauses mit Hinterhof.

Ich betete, dass sie ihn nicht fragen würde, wie es sich anfühlte, als Schwarzer oder Krimineller aufzuwachsen. So unsensibel war Analise in der Regel zwar nicht, im Gegenteil, meist zeichnete sie sich durch eine anrührende Herzensgüte aus. Aber so aufgekratzt, wie sie in diesem Moment war, und so, wie ihre Augen glänzten, fürchtete ich das Schlimmste.

»Ein hässliches Bild, findest du nicht?«, fragte Analise und wandte sich von mir ab hin zu Shine.

»Er hätte es von innen aufnehmen sollen«, meinte Shine.

Sie schien überrascht. »Warum?«

»Wegen des Titels. Was ich gesehen habe.«

Sie gluckste. »Ja, aber ätzend ist es trotzdem.«

»Ich habe ja nicht gesagt, dass es gut ist.«

Sie schauten sich gemeinsam ein paar Kunstwerke an und blieben vor einer großen pelzigen Puppe stehen. »Das finde ich sexy.«

»Ich würd’s kaufen«, erwiderte Shine. Ich sah nur einen Kartoffelsack, der mit billigem Flokati beklebt war. Ich konnte mir nicht vorstellen, was jemand daran finden konnte.

Aber die beiden waren bereits ein verschworenes Paar. Ich fühlte mich so überflüssig wie eine verdorrte Topfpflanze.

Analise zeigte auf einige rosa Knautschbälle und lachte. »Die hat’s wohl schon länger nicht mehr gemacht.«

»Ich glaube, sie ist einfach frustriert«, meinte Shine.

Ich wagte Widerspruch. Wie kamen sie nur darauf, dass es sich um eine Frau handelte? Abgesehen von der Klischeefarbe Rosa konnte ich keinen Hinweis erkennen. »Woher wollt ihr wissen, dass das eine Frau gemacht hat?«, fragte ich.

»Natürlich war das eine Frau«, sagte Analise.

»Das war nie und nimmer ein Mann«, bestätigte Shine.

Ich ergab mich. Wie hatten die beiden so schnell ein Bündnis geschmiedet? Spielten sie mir etwas vor?

Ehe sie sich das nächste Meisterwerk vornehmen konnten, erschien Evalina. »Schön, dass ihr da seid!« Sie gab Shine einen dicken Kuss und drückte mir die Hand, dann wandte sie sich Analise zu. »Hallo. Wir haben uns auf dem Gang gesehen.«

Analise grüßte halb abwesend, dann schien sie aufzuwachen. »Natürlich! Du bist die Freundin von Taylor!«