Kursbuch 181 -  - E-Book

Kursbuch 181 E-Book

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Beschreibung

"Jugend forsch" – das Kursbuch 181 huldigt nicht dem Jugendwahn, sondern lässt AutorInnen unter 36 zu selbstgewählten Themen sagen, was sie schon immer mal sagen wollten. Klare Forderungen, Schluss mit Gefühlsduselei, Einmischung statt Rückzug – forsch eben. So beschreibt Eduardo Maura von der spanischen Bewegung Podemos seinen Kampf gegen Korruption und Machtmissbrauch, die Israelin Adi Livny fordert eine neue Politik für Israel, Lara Fritzsche beklagt den Magerwahn, dem vor allem Frauen unterliegen und Tilo Jung spricht über Insiderspiele in politischen Talkshows.

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhalt

Armin Nassehi

Editorial

Vera Bachmann

Brief einer Leserin (11)

Julian Müller

Émile und die Rousseauisten

Über die Erziehung zu ein bisschen weniger Pathos

Sabine Donauer

Ihr seid mir unheimlich

Von der Welt- zur Selbstoptimierung

Dark Horse

Einfach ausprobieren

Aus dem Leben von Hoffnungsträgern in der First-World-Economy

Gustav Theile

Erneuerung jetzt

Warum die Volkswirtschaftslehre ihr intellektuelles Ghetto verlassen muss

Leo Fischer

Warum ich links bin …

… und immer noch meine Deutschlehrerin hasse

Tilo Jung

Hört auf, zu schwafeln

Macht und Machtverschiebung in den Medien.

Ein Gespräch von Hans Hütt

Mario Gerth

Einsteiger in das Leben

Unterwegs mit jungen afrikanischen Nomaden.

Ein Gespräch von Heike Littger

Eduardo Maura

Vertrauen verspielt

Warum wir in Spanien eine neue Partei brauchen

Adi Livny

Raketengetrieben

Wie die post-israelische Generation um ihr Leben kämpft

Anne Wizorek

Generation müsy

Der Rückzug ins Private ist gefährlich

Lara Fritzsche

Bah, Nahrungsaufnahme

Warum Frauen unter 35 ihren Körper hassen

Jakob Schrenk

Heult doch

Die schlimmste Jugendmode aller Zeiten ist die Empfindeley

Dominik Prantl

Der Berg ist flach

Wenig Risiko, viel Spaß – Gipfelstürmer heute

Nora Bossong

Robinson Bahrain

Eine Erzählung

Anhang

Die Autoren

Impressum

Armin Nassehi

Editorial

In diesem Kursbuch schreiben nur Autorinnen und Autoren, die 36 Jahre oder jünger sind. Mein Lieblingssatz in diesem Kursbuch lautet: »Es wäre naiv zu glauben, dass junge Menschen, die damit aufgewachsen sind, dass selbst ein Waschmittel eine eigene Farbe, einen Jingle und einen Geruch haben muss, nicht auf die Idee kommen, auch sie bräuchten ein Konzept, eine Markenbotschaft, eine Identity zum Herzeigen.« Er stammt aus dem Beitrag von Lara Fritzsche und bringt ziemlich gut auf den Punkt, was ich als mehr als 20 Jahre Älterer an Bildern über diese Generation im Kopf habe.

Diese Bilder bewegen sich auf zwei Gebieten: Zum einen haben diese etwas mit Ästhetiken und Bildhaftem zu tun, zum anderen mit einer Individualität, die sich vor allem über Emotionalisierbares identifiziert. Die Beiträge loten all das aus. Sie arbeiten sich am Verhältnis von Selbstoptimierung und einer besseren Welt ab, sie fremdeln mit der Arbeitswelt, suchen darin aber verträglichere Formen, sie zeigen sich genervt vom Gefühl und der Expression als zentralem Wahrheitsmedium, tragen aber auch das mit emotionaler Verve vor.

Wir haben erst vor Kurzem ein »Generationen-Kursbuch« gemacht. Kursbuch 178 beschäftigte sich mit dem Jahrgang »1964«, also den nun 50-Jährigen, die anders als die vorherige Kriegs-, Flakhelfer- oder skeptische Generation keine wirklich identifizierbare Generation sind – von den 68ern als Mutter aller Jugendgenerationen ganz zu schweigen.

Vielleicht ändert sich das nun wieder, denn gemeinsamer Tenor der Beiträge ist tatsächlich eine nun stark durchgesetzte Erwartung, dass Beschreibungen authentisch und jetzt wirklich individuell sein sollen, darin aber gebrochen in der Einsicht, dass Authentizität auch eine Erwartung ist, etwas, das inszeniert werden muss, ähnlich wie die kolorierte, olfaktorisch und auditiv überzeugende Authentifizierung eines Waschmittels. Diese Generation scheint die Benutzeroberfläche von der dahinterliegenden Tiefe des virtuellen Raums unterscheiden zu können – und ist doch mit der Benutzeroberfläche schon ziemlich beschäftigt. Ich habe selbst in Kursbuch 178 meine eigene Generation als die erste digitale Generation bezeichnet. Vielleicht muss das korrigiert werden. Meine Generation ist noch in eine analoge Welt hineingeboren worden. Wir haben das dann alles verflüssigt, erst kommunikativ, dann computergestützt. Die jetzigen Jungen müssen diese Verflüssigungen wieder materialisieren, in Formen bringen. Wir haben uns gegen Formen gewandt, eine Art »Häresie der Formlosigkeit« (wie Martin Mosebach die Verflüssigung seiner katholischen Kindheit beschrieben hat) gepflegt. Jetzt wird reritualisiert, werden neue Formen gesucht und gefunden, jetzt werden auf Augenhöhe individuelle Lösungen gesucht, mit einem neuen Glauben an die Form – aber ganz ohne das Erlösungsversprechen, sondern eher in dem Sinne, dass man Authentizität letztlich mit digitalem Spielmaterial herstellen muss.

Julian Müller übrigens hat uns in seinem Beitrag ins Stammbuch geschrieben, dass noch der Titel dieses Kursbuchs aus einer ganz anderen Generation stammt, jener bürgerlichen Idealisierung der Jugend als »forsch« – ein ziemlich forscher Einwand. Zumindest zeigt er: Die jeweilige Jugend war schon immer eher eine Erfindung der Erwachsenen. Das gilt auch für die erwachsene Jugend, die in diesem Kursbuch spricht.

München, im Februar 2015

Armin Nassehi

Vera Bachmann

Brief einer Leserin (11)

Dass die Jugend von heute auch nicht mehr das ist, was sie einmal war, das zumindest war schon immer so. Ob sie aber für die Verrohung der Sitten steht oder die Verheißung einer besseren Zukunft transportiert, das änderte sich im Lauf der Zeit immer mal wieder. Das Bild, das man von der Jugend jeweils hatte, sagt dabei meist mehr über die eigene Zeit und die eigene Generation aus als über die kommende. Und in dieser Hinsicht hat sich auch die Haltung dieser Publikationsreihe trotz aller Kursänderungen nicht gewandelt: Das Kursbuch, das laut seinem ersten Herausgeber Hans Magnus Enzensberger nie die Richtung vorgeben, sondern nur aktuelle Verbindungen anzeigen wollte, richtet seit seinem Bestehen den Blick auffallend oft auf die Gleise, die in die Zukunft führen. Der Blick auf die Jugend ist dabei ein doppelter, er verbindet Zukunft mit Vergangenheit. Denn eine Jugend hatten die meisten. Und so bestimmt die Erinnerung daran unweigerlich die Perspektive auf das Thema, und das umso stärker, je weiter die eigene Jugend zurückliegt. Die Frage nach dem, was kommt, wird gemessen an dem, was war.

Dass Jugend kein biografisches Zwischenstadium ist, sondern eine Lebenshaltung, die nicht an Altersgrenzen gebunden ist, diese Idee geht auf die vorletzte Jahrhundertwende zurück: Damals begann die Münchner illustrierte Zeitschrift Jugend, dieselbe als Lebensgefühl zu feiern, bebilderte sie bunt und wurde damit für eine ganze kunstgeschichtliche Epoche stilbildend: den Jugendstil. Das Kursbuch hat den Spieß dann umgekehrt und die jeweilige Kinder- und Jugendgeneration immer wieder daraufhin befragt, inwieweit sie noch und überhaupt das Versprechen von Zukunft, Leben und Erneuerung transportiert. Gerade wenn man sich die Thematisierung der Jugend ansieht, fällt die Kontinuität des Kursbuchs auf, das stets stark auf den politischen Zeitgeist reagiert und damit sehr unterschiedliche Bilder der kommenden Generationen entwirft.

So schreibt man 1969 über antiautoritäre Erziehung und die Kindererziehung in der Kommune, was heute recht fremd klingt: »Die durchschnittliche Kleinfamilie produziert anlehnungsbedürftige, labile, an infantile Bedürfnisse und irrationale Autoritäten fixierte Individuen. Diese Tatsache ist unabhängig vom guten Willen oder den Erziehungsmethoden der Eltern. Nur der radikale Bruch mit der Dreiecksstruktur der Familie kann zu kollektiven Lebensformen führen, in denen die Individuen fähig werden, neue Bedürfnisse und Phantasie zu entwickeln, deren Ziel die Schaffung des neuen Menschen in einer revolutionären Gesellschaftsordnung ist.«1

Dieser Ausgabe lag auch der Kursbogen mit dem Titel »Liebesspiele im Kinderzimmer« bei, eine Fotoserie der nackten Kinder der Kommune 2. Er war es unter anderem, der der 68er-Generation den Vorwurf pädophiler Tendenzen eingebracht hat, dabei richtet sich das Begehren hier nicht auf die Kinder als Objekt, sondern auf die Idee einer natürlichen Sexualität, die sich in der Kommune vermeintlich frei von gesellschaftlichen Zwängen und Manipulationen der Kleinfamilie entfalten kann. Der Bildbogen zeigt dabei etwas ganz anderes: Zu sehen sind nackte Kinder, die im Zimmer herumhüpfen. Die Bildunterschriften offenbaren, was es mit der freien Entfaltung dieser Kinder auf sich hat: »Der frühe Morgen, wenn die Erwachsenen noch schlafen, ist die Stunde zärtlichen Spielens für die Kinder.« Von wegen »schlafen«, in Wirklichkeit liegen die Erwachsenen längst mit der Kamera auf der Lauer, um die Kinder beim Unbeobachtetsein zu beobachten … Dem Verhalten der Kinder wird ein ihnen äußerliches Konzept übergestülpt: das der erwachsenen Sexualität, die sich nach kindlicher Unschuld und Natürlichkeit sehnt.

Die Kinder kann man anscheinend theoretisch nicht in Ruhe lassen. Nicht beim »zärtlichen Spielen« und auch nicht bei ihrer revolutionären Tätigkeit: 1973, im KursbuchKinder, kritisiert die amerikanische Autorin Shulamith Firestone zwar die Institution Kindheit als solche (durch Verweis auf ihre historische Bedingtheit) und fordert einen völligen Rückzug der Erwachsenengeneration (insbesondere der Frauen) aus der Sozialisation der Kinder. Die Großstadtgangs feiert sie als sich selbst organisierende Gruppen altersgemischter Kinder. »Wenn es im heutigen Amerika überhaupt irgendwo eine freie Kindheit gibt, dann in der Unterschicht, wo der Mythos [der Kindheit] am wenigsten entwickelt ist.«2 Doch dabei wird, heute unübersehbar, ein neuer Mythos entworfen: der der »Arbeiterkinder«, dem sich im gleichen Heft gleich mehrere Aufsätze widmen, zu »Schule im Leben der Arbeiterkinder«, »Arbeiterkinder und Solidarität« oder »Soziodramatische Spiele mit Arbeiterkindern«. Einerseits, so die Diagnose, habe man es hier mit einer freieren Jugend zu tun, die bürgerlichem Erziehungswahn weitgehend entzogen sei, andererseits müsse man sich besonders um sie kümmern, weil revolutionäres Bewusstsein eben nicht von selbst entstünde.

Bisher waren Kinder einfach da, man musste nur etwas aus ihnen machen. Diese Selbstverständlichkeit wird aus Perspektive der 1980er-Jahre problematisch, in denen das gesamte Konzept der Generativität infrage gestellt wird. 1983 erscheint im Kursbuch mit dem Titel Die neuen Kinder ein Artikel, der für das ganze Jahrzehnt zu stehen scheint: »Kinderwunsch im sauren Regen«. Eine neue Frage zieht sich durch die Artikel: Warum überhaupt Kinder, warum Zukunft angesichts von Umweltzerstörung, Kaltem Krieg und dem durch Verhütungsmittel gegebenen Zwang zur Familienplanung? Frauen, berichtet eine Therapeutin, erleben mitunter eine »mystische Einheit mit den Schmerzen der Natur«3 und können sich daher nicht vorstellen, Kinder zu bekommen. Und die Kinder, die da sind, benehmen sich auch seltsam. Liegt es an den Kindern oder ihren Müttern, dass Kinder so lange gestillt werden, bis zu vier oder fünf Jahre? Was soll aus ihnen werden? Das sind die Fragen, die die 1980er-Jahre umtreiben.

Glücklicherweise kamen dann offensichtlich doch noch weiter Kinder zur Welt. Die mussten sich dann in den 1990er-Jahren von ihren Geschichts- und Sozialkundelehrern fragen lassen, wieso sie eigentlich so phlegmatisch, unkritisch, so schlicht unpolitisch seien. 1995 erscheint ein Kursbuch mit dem Titel Generationenbruch. Mehr als über die Jugend erfährt man hier über die Erwartungshaltung derer, die sich ihrer annahmen. Die Protesthaltung, das politische Engagement der eigenen Jugendzeit dient als Messlatte, an der die Jüngeren sich einfach nicht messen lassen wollen. Augenreibend steht man vor einer Generation, die alles nicht so ernst nimmt. Gemächlich sitzt sie da und konsumiert völlig unkritisch, was man ihr vorsetzt. »Die Apokalyptiker und die Depris sind out«, stellt man fest, »abgelöst wurden sie von einer Generation neuer Chefjugendlicher, die alles können. Heute managen sie ein Café, morgen entwerfen sie ihre eigene Modelinie, übermorgen spekulieren sie an der Börse in Hongkong«, diagnostiziert Eckart Britsch.4 Immerhin geben sie es selbst zu, dass mit ihnen nichts los ist: »Zumindest aber heucheln wir – jetzt sag ich schon ›wir‹ – nicht dumm herum, von wegen Weltrevolution, fünf vor zwölf und so«, sagt Nadja, 22, in derselben Ausgabe. »In unserem Alter wirst du wenige finden, die noch irgendwas mit vollster Begeisterung ausüben«, fügt sie hinzu. Im Interview! Hat sie selbst gesagt, die Jugend. »Lifestyle ist alles, was uns bleibt«, lautet auch schon gleich der nächste Titel. Dass die Loveparade als politische Demonstration genehmigt wurde, wird von mehreren Autoren zum Symbol der Zeit erhoben. »Wann hat das eigentlich angefangen: unser Rückzug ins Private, unser Nischendenken, unser Desinteresse für die Welt, wenn es nicht gerade unseren Lieblingsitaliener oder wenigstens unseren nächsten Urlaubsort betrifft? Wann war das, als wir eine bezahlbare renovierte Altbauwohnung, mit Stuck an der Decke und Holzfußboden, in Schwabing, Eppendorf oder Schöneberg, zu unserem eigentlichen Lebensziel erklärten?«, fragt Walter Wüllenweber unter dem Titel »Die Hornhautgeneration oder wir 30jährigen«.5

Das war 1995, vor 20 Jahren. Wer jetzt noch keine Altbauwohnung in Schwabing hat, der findet keine mehr. Ansonsten steht den abgewatschten »Tekkno-Kids« der Hornhautgeneration längst eine neue Jugend gegenüber, die die Frage aufwirft: Wohin? Was bleibt noch zu tun im Zirkel der Abgrenzung von der Elterngeneration? Sind die Konvertiten aus euren Reihen die Antwort, seht ihr im IS die letzte Möglichkeit zur Rebellion und Abgrenzung? Seid ihr faul oder arbeitssüchtig oder essgestört? Interessiert ihr euch überhaupt noch für die Welt? Keine Angst, wir urteilen nicht über euch. Wir lassen euch selbst zu Wort kommen. Psst! Der frühe Morgen, wenn die Herausgeber noch schlafen, ist die Stunde zärtlicher Selbstreflexion der Jugend … Fühlt euch ganz unbeobachtet!

Anmerkungen

1 Bookhagen, Christel et al.: »Kindererziehung in der Kommune«. In: Kursbuch 17: Frau – Familie – Gesellschaft. Frankfurt am Main 1969, S. 149.

2 Firestone, Shulamith: »Nieder mit der Kindheit«. In: Kursbuch 34: Kinder. Berlin 1973, S. 21.

3 Kronau, Franziska: »Kinderwunsch im sauren Regen. Erfahrungen einer Therapeutin«. In: Kursbuch 72: Die neuen Kinder. Berlin 1983, S. 9.

4 Britsch, Eckart: »Jede Jugend ist die Dümmste«. In: Kursbuch 121: Generationenbruch. Berlin 1995, S. 164.

5 Wüllenweber, Walter: »Die Hornhautgeneration oder wir 30jährigen«. In: Kursbuch 121: Generationenbruch. Berlin 1995, S. 19.

Julian Müller

Émile und die Rousseauisten

Über die Erziehung zu ein bisschen weniger Pathos

Wie also über Jugend schreiben? Wie über einen Gegenstand schreiben, der sich offenbar so schwer fassen lässt, der einem sofort zu entgleiten droht, sobald man über ihn nachzudenken beginnt? Nach allem greifen wir, aber wir fassen nur Wind. Ja, es ist sogar noch schlimmer: über den man überhaupt erst dann nachzudenken beginnt, sobald er schon längst verschwunden ist. Solange die Jugend da ist, denkt man über alles Mögliche nach, nur nicht darüber, was sie ausmacht und was sie eigentlich ist.

Einen Text so anzufangen, heißt allerdings auch, bereits mit einem Fuß in die Falle getappt zu sein, die sich einem unweigerlich stellt, sobald man sich dem Thema »Jugend« nähert. Man kommt kaum umhin, im Modus der Sehnsucht und des Verlusts über sie zu schreiben und »Jugend« somit als das Ungreifbare, das Unfassbare, das Schon-Verlorene und Nichtrevidierbare zu stilisieren. »Wie rasch ist unser Dasein auf dieser Erde dahin! Das erste Viertel ist abgelaufen, ehe wir es noch zu nutzen verstanden. Das letzte läuft dahin, und wir sind nicht mehr fähig, es zu genießen. Zu Beginn wissen wir nicht, was leben heißt – bald darauf können wir es nicht mehr. […] Das Leben ist kurz, weniger wegen seiner kurzen Dauer, als vielmehr weil wir in dieser geringen Spanne kaum dazu kommen, es wirklich auszukosten.«1

Es ist im Grunde immer noch Rousseau, in dessen Tonfall wir fast automatisch zu sprechen beginnen, sobald es um das eigene Leben und vor allem um die eigene Jugend geht. Mit seinem Erziehungsroman Émile ou de l’éducation hat er uns die wohl berühmteste und bis heute wahrscheinlich einflussreichste Beschreibung des Jugendlichen geliefert. Darin erzählt uns Rousseau von einem merkwürdigen Wesen, das gleichzeitig unberechenbar und hilfsbedürftig ist. Ein Feuer brenne in ihm, und er verhalte sich »in seiner fieberhaften Leidenschaft« wie ein schwer zu zähmender Löwe. Nicht nur sein Antlitz widersetze sich einer eindeutigen Bestimmung, auch sein Charakter. Weder Kind noch Mann sei er, launisch, stürmisch, zornig, aufbrausend. Sein ganzes Verhalten sei Ausdruck einer großen und unübersehbaren Transformation, die sich mit jedem Blick und jeder Geste ankündige, ebenso »wie das Grollen des Meeres das nahende Unwetter anzeigt«.2

Die Jugend als die zweite Geburt des Menschen und der Jugendliche als ein wildes und zu domestizierendes Tier also, so hat ihn uns Rousseau präsentiert. Aber er ist damit nicht allein, es gibt in der Literatur und auch der Philosophie eine lange Geschichte der Faszination für und durch den Jugendlichen. Wenn Johann Wolfgang von Goethe ihm etwa den treuen Gefährten Leichtsinn an die Seite stellt und die Jugend als Trunkenheit ohne Wein beschreibt oder Hegel der souveränen Gelassenheit des Mannes die naive und bloß aktionistische Sicht der Jugend, »die Welt liege schlechthin im argen«3, entgegensetzt, dann haben all diese Erzählungen maßgeblich jenes Bild mitbestimmt, das wir uns bis heute vom Jugendlichen und ganz allgemein von der Jugend machen. Die Jugend als die Phase der Launen und des Wankelmuts, der unkontrollierbaren Leidenschaften und der Erregung, der Naivität und der Extreme. So weit, so klassisch. Womöglich müssen wir aber, um heute weiterzukommen, noch einmal näher an das herantreten, was wir so selbstverständlich »Jugend« nennen.

Auf der Suche nach den »wilden« Jugendlichen

Bei meiner Suche nach der Jugend bin ich auf der Straße zufällig jemandem begegnet, der mir angeboten hat, dabei behilflich zu sein. Jener Mann, den ich bei mir hatte, war ein einfacher, ungeschliffner Mensch – was ja eine günstige Voraussetzung für wahrheitsgetreue Aussagen ist; denn die Leute mit Feinschliff beobachten zwar aufmerksamer und sehen folglich mehr, aber sie liefern gleich ihren Kommentar dazu; und um ihrer Interpretation Geltung zu verschaffen und sie andern aufzureden, können sie der Versuchung nicht widerstehn, das tatsächliche Geschehen etwas umzumodeln. Dieser Mann versicherte mir also glaubhaft, das Reich der Jugendlichen gut zu kennen, kürzlich sogar erst dort gewesen zu sein und alles mit eigenen Augen gesehen zu haben. Deshalb begnüge ich mich mit seinem Bericht, ohne weiter nachzuprüfen. Was er mir von der Jugend berichtet hat, widerspricht allerdings all dem, was wir weiter oben bereits über die Jugendlichen gehört haben. Denn in seinen Schilderungen stellen sich diese keineswegs als unberechenbar und schwer zähmbar dar, sondern im Gegenteil als geradezu umgänglich und kontrolliert, umsichtig und vorsichtig. Sie wirken auch nicht naiv oder leichtsinnig, sondern eher ausgesprochen pragmatisch und sachlich.

Wenn man seinen Berichten Glauben schenken darf, dann sind die Jugendlichen es sogar gewohnt, ihre Leidenschaften zu kontrollieren und sehr vorausschauend zu agieren, weswegen sich bei ihnen unübersehbar die Fähigkeit zur Langsicht ausgebildet hat. »Alle Lust will Gegenwart«4 ist nicht ihr Motto, haben sie doch schon früh damit zu trainieren begonnen, sich in ganz unterschiedliche und unbestimmte Zukünfte hineinzuversetzen, ob als künftige Akteure auf einem unübersichtlichen Arbeitsmarkt oder im Hinblick auf Fragen der Gesundheits- oder Altersvorsorge. Diese Jugendlichen sollen virtuose Probabilisten sein und es zu regelrechter Meisterschaft auf dem Gebiet des Scenario Planning gebracht haben. Ihre Zeitform ist daher auch nicht etwa das Präsens, sondern eher das distanzierende Futur II. Sie hätten gelernt, sich selbst aus der Perspektive einer Zukunft zu beobachten, die sich bereits geändert haben wird, auf die sie jedoch gar nicht unmittelbar Einfluss haben. Allzu einfachen Problembeschreibungen misstrauen sie daher wohl ebenso wie simplen Lösungsvorschlägen und simplifizierenden Parolen. Sie wägen stets behutsam ab und wechseln den Standpunkt lieber einmal zu viel als zu wenig. Dass ihnen das als Opportunismus und Standpunktlosigkeit ausgelegt wird, darüber seien sie sich durchaus im Klaren. Auch, dass das natürlich einer der schwerwiegendsten Vorwürfe an einen Jugendlichen ist.

Von dem, was ich aus den Beschreibungen des Passanten entnehmen konnte, ähneln diese Jugendlichen in vielerlei Hinsicht dem, was ich an anderer Stelle selbst einmal bei Helmut Schelsky gelesen habe, einem ehemals berühmten, heute allerdings fast in Vergessenheit geratenen Soziologen der Nachkriegszeit. Schelsky hatte in einer äußerst lesenswerten Studie aus dem Jahr 1957 das Porträt einer Generation gezeichnet, der er den Titel Die skeptische Generation verpasst hat. Damit sollte jene Geburtskohorte der um 1930 in Deutschland Geborenen bezeichnet sein, die die Schrecken des Zweiten Weltkriegs als Kinder zwar hautnah miterlebt haben, aber selbst zu jung waren, um eingezogen zu werden. Diese Generation zeichnete sich Schelsky zufolge durch einen rigorosen Konkretismus, ein starkes Misstrauen gegenüber Obrigkeiten, eine generelle Skepsis der Zukunft gegenüber sowie eine unpathetische und pragmatische Haltung zur Welt aus.

»Diese Generation ist in ihrem sozialen Bewußtsein und Selbstbewußtsein kritischer, skeptischer, mißtrauischer, glaubens- oder wenigstens illusionsloser als alle Jugendgenerationen vorher, sie ist tolerant, wenn man die Voraussetzung und Hinnahme eigener und fremder Schwächen als Toleranz bezeichnen will, sie ist ohne Pathos, Programme und Parolen. […] Die Generation ist im privaten und sozialen Verhalten angepaßter, wirklichkeitsnäher […] als je eine Jugend vorher. Sie meistert das Leben in der Banalität, in der es sich dem Menschen stellt, und ist darauf stolz.«5

Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Jugendlichen aus unserer Erzählung in diesen Beschreibungen Schelskys womöglich selbst wiederfinden könnten, ohne jedoch gleichzeitig auch auf Distanz zu ihnen zu gehen. Misstrauisch zu sein, skeptisch und bis zu einem gewissen Grade sogar illusionslos, das würden sie wahrscheinlich auch für sich reklamieren, und dennoch würden sie wohl auch betonen wollen, dass ihre eigene Situation nicht mit derjenigen der skeptischen Generation zu vergleichen sei. Sie haben nicht die Folgen des Krieges, nicht Flucht und Vertreibung erlebt oder gar massenhaft den Verlust von Angehörigen zu verkraften gehabt. Dass ihrer Skepsis und ihrer Illusionslosigkeit daher etwas Merkwürdiges und für Außenstehende nur schwer Nachzuvollziehendes eignet, da sie doch auf dem Boden eines historisch nie da gewesenen Wohlstands erwachsen sind, dessen sind sie sich durchaus bewusst. Wie sie sich ohnehin ihrer eigenen Stellung sehr wohl bewusst sind. Denn an abrufbaren Beschreibungsformeln für ihre eigene generationsspezifische Problemlage fehlt es ihnen keineswegs. Ob von der Generation Y, der Generation Praktikum, der Generation Merkel oder der überforderten Generation die Rede ist, womöglich handelt es sich um eine der meistbeschriebenen Jugendgenerationen aller Zeiten. Diese Jugendlichen kennen sogar all diese Beschreibungen ihrer selbst, all die Etiketten und Labels, die Woche für Woche auf den Titelblättern der mittlerweile zu Lifestyleheften geschrumpften Wochenzeitungen kursieren, nur allzu gut. Und das Schöne ist, auch ihnen misstrauen sie. Sie wissen es nämlich sehr wohl einzuordnen, dass es sich dabei um öffentlichkeitswirksame Fremdbeschreibungen handelt, die womöglich einen interessanten Punkt treffen, aber letztlich doch in erster Linie der Logik und der Ökonomie der Massenmedien gehorchen müssen.

Was diesen Jugendlichen, die keineswegs unsolidarisch, aber eben doch nur lose miteinander verbunden sind, jedoch tatsächlich fehlt, ist das, was Gruppen üblicherweise als Gruppen konstituiert: ein gemeinsamer Feind, ein gemeinsames Projekt, eine gemeinsame Erzählung. Sie wissen selbst um diese Leerstelle, betrauern das aber nicht. Larmoyanz ist ihnen fremd, denn sie sind klug genug, zu wissen, dass sich ein Feind nicht einfach künstlich herstellen lässt und dass es nicht nur in ihrem Fall, sondern ganz generell schwer geworden ist mit den verbindlichen, Kollektivität und Solidarität stiftenden großen Erzählungen.

Da diese Jugendlichen nicht nur sichtlich gut ausgebildet, sondern darüber hinaus auch sehr sensibel für ihre Umwelt sind, spüren sie sehr wohl das Unbehagen mancher Erwachsenen, die an ihnen die für die Jugend doch so typische Leidenschaft vermissen. Dieser vermeintliche Mangel an Empörung, an Fantasie und utopischer Spinnerei stößt einigen der Älteren sauer auf, weswegen diese nicht müde werden, selbst von den eigenen Schlachten und Kämpfen zu berichten, von einer Jugend, in der das Lesen noch wild, das Reisen noch aufregend, der Sex noch leidenschaftlich und die Gegner noch dumme Schweine waren. Auch an dieser Stelle lohnt es sich, noch einmal bei Schelsky nachzuschlagen, denn dieses Lamento der Älteren über die Fantasielosigkeit und Angepasstheit der Jüngeren ist natürlich alles andere als neu.

»Man hört heute zuweilen in der Erwachsenenwelt die Forderung: ›Wir brauchen neue Ideen für die Jugend‹, und die Enttäuschung der Älteren über den Mangel an ›Idealismus‹ in der gegenwärtigen jungen Generation ist ziemlich weit verbreitet; diese Einstellung verkennt, daß ›Ideen‹ genügend kursieren, die Jugend aber gar nicht danach sucht, weil ihr die Bereitschaft, sie zu glauben, fehlt«.6

Die großen Ideale, die starken Sätze, Pathos, Heroismus, das ist auch unseren Jugendlichen fremd. Die Bereitschaft zu glauben fehlt ihnen ebenso, wie sie auch nicht wirklich leicht verführbar sind durch Utopien oder gar anfällig für so etwas wie Eskapismus. Wo sollten sie auch hin? Nach Tanger, nach Marrakesch, Goa, Ibiza? Ihre Eltern haben ihnen das doch alles schon vorgelebt und waren dort, als alles noch unentdeckt und unberührt war. Selbst Italien kann für diese Jugendlichen nicht mehr als Sehnsuchtsort herhalten – Italien, das ist nicht mehr Grand Tour oder Bocciaspielen in Cadenabbia; Italien, damit verbinden sie in erster Linie zwei Städtenamen: Pisa und Bologna.

Trotz einer generellen Skepsis gegenüber Ideen, Idealen und Ideologien wäre es aber falsch, diese Jugendlichen einfach unpolitisch zu nennen. Man würde übersehen, dass das Politische für sie womöglich ganz neue Formen angenommen hat. Auch hierin lässt sich übrigens eine Nähe zur skeptischen Generation ausmachen: »Die Dienste, die diese Generation der Gesamtgesellschaft und Öffentlichkeit zu leisten bereit ist, liegen in den Tätigkeitsbereichen, die sich noch als unmittelbar privates und persönliches Anliegen verstehen und vollziehen lassen: in Beruf und Konsum.«7 Dass privater Konsum stets auch eine politische Dimension hat, das haben die meisten dieser Jugendlichen längst verinnerlicht, und sie machen von der subpolitischen Kraft des Konsums durchaus und vor allem auch ganz bewusst Gebrauch, indem sie sich nicht selten für einen erstaunlich konsequenten Lebenswandel entscheiden. Dass Politik heute nicht mehr nur in Parlamenten und im Politikressort der großen Tageszeitungen stattfindet, das wissen diese Jugendlichen nicht aus Theorien, sondern ganz instinktiv und alltagspraktisch.

Alles in allem haben wir es also mit einer Jugendgeneration zu tun, der offenbar alles Träumerische und Schwärmerische abgeht und die sich stattdessen durch Nüchternheit und einen ganz offenen Pragmatismus auszeichnet. Ich möchte sie hier einmal versuchsweise und durchaus in Anlehnung an Schelsky eine reflektierte Generation nennen. Und ich spreche absichtlich von einer reflektierten und nicht einer reflektierenden Generation, schließlich soll damit nicht gemeint sein, dass sie mehr oder intensiver nachdenken würde als andere Jugendgenerationen vor ihr. Vielmehr stellt der Begriff darauf ab, wie sehr diese Jugendlichen in ihrem Alltag daran gewöhnt sind, ihr Tun und Handeln widergespiegelt zu bekommen und ihr Tun und Handeln daher permanent und selbstverständlich auf diese ganz unterschiedlichen Spiegelbilder hin zu kontrollieren und mit ihnen abzugleichen. Sie wissen ganz praktisch darum, dass alles, was sie tun, von unterschiedlichen Positionen aus gleichzeitig beobachtet, evaluiert und kommentiert wird, und haben deshalb Routinen entwickelt, stets auch das eigene Beobachtetwerden mitbeobachten zu können. Das hat unter anderem zur Folge, dass sie ihr Sprechen nicht so sehr als Ausdruck eines Inneren verstehen, sondern eher als das Offenhalten von Möglichkeiten nach außen hin. Was hier kultiviert wird, ist das merkwürdige, aber interessante Format einer jegliche Eigentlichkeit verweigernde und damit zu sich selbst Distanz aufbauende Form des Sprechens.8 Wenn man so will, also eine ganz alltagspraktische, instrumentelle Form der Ironie, die nicht mit romantischer Ironie verwechselt werden darf.

Wie man sehen kann, fällt es an dieser Stelle gar nicht so leicht, den Jugendlichen das zuzuschreiben, was wir gemeinhin und ganz selbstverständlich mit Jugendlichkeit assoziieren. Ihr Verhalten zeichnet sich vielmehr durch ein hohes Maß an Distanziertheit, an Mäßigung, Kalkül, Langsicht und Nüchternheit aus. Es steht völlig außer Frage, dass man ihr Verhalten in weiten Teilen gar nicht anders als »erwachsen« bezeichnen kann.

Eine Jugendliche hat einmal unserem Mann von der Straße davon berichtet, wie sie das Reich der Erwachsenen betreten habe. Dabei wies sie auf drei Dinge hin, von denen ich zu meinem großen Ärger das dritte vergessen habe; doch die beiden andern sind mir noch gut in Erinnerung. Erstens, sagte sie, hätte sie es höchst seltsam gefunden, dass sie bei ihrem Spaziergang durch die Stadt erwachsene Menschen dabei beobachten konnte, wie diese bereits vor Ladenöffnung ihre Nasen an den Schaufenstern eines Spielwarenladens platt gedrückt hätten, in denen doch nur technische Geräte wie Telefone oder Computer ausgestellt werden. Wie kleine Kinder seien sie davorgestanden, aufgelöst und mit offenen Mündern. Staunen, das sei doch eigentlich das Privileg der Kinder, dachte sich unsere Jugendliche, als sie das sah.

Am selben Tag sei sie zweitens auch noch auf eine große Menschenansammlung getroffen, wohl eine politische Demonstration, aber so genau war das für sie gar nicht zu dechiffrieren. Es sei dort heiß hergegangen, Schilder und Plakate wurden in die Luft gereckt, und es wurde gebrüllt. Die durchweg älteren Teilnehmer – mit Turnschuhen und Funktionsjacken bekleidet – hätten sich in Ästhetik und Gebaren dabei unübersehbar an genuin jugendlichen Formen des Protests orientiert. Sie seien zornig gewesen und laut, unbelehrbar und trotzig. Besonnenheit, Milde, Gelassenheit oder gar die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung, all das, was unsere Jugendliche doch für charakteristische Eigenschaften der Erwachsenen gehalten hatte, hätten diese Demonstranten vermissen lassen; was unsere Jugendliche zweifeln ließ, ob womöglich mit ihrem eigenen Bild des Erwachsenseins etwas nicht stimmen könnte.

Der Bericht unseres Mannes von der Straße ist hiermit zu Ende. Ich hoffe, es wurde deutlich, wozu dieser Bericht dienen sollte. Er sollte uns nicht in erster Linie das exakte Profil einer konkreten Jugendgeneration zeichnen. Diesbezüglich bräuchte es solide empirische Untersuchungen und eine angemessene Datengrundlage. Es sollte in diesem Bericht eher darum gehen, die Unmöglichkeit einer allzu plausiblen und eindeutigen Trennung zwischen »erwachsenen« und »jugendlichen« Verhaltensformen vorzuführen. Es ist ein bisschen so wie in Montaignes Essai über die Kannibalen, an dessen Dramaturgie und an dessen Form ich mich bis hierhin anzulehnen versucht habe.9 Montaigne macht sich darin auf die Suche nach den Wilden, den Barbaren und Kannibalen. Im Laufe seines Textes muss Montaigne nicht nur die Zivilisiertheit der Barbaren anerkennen, sondern darüber hinaus auch noch feststellen, wie barbarisch demgegenüber die französische Zivilisation wirkt. Am Ende der Lektüre seines Essai weiß man als Leser dann gar nicht mehr so genau, wer nun eigentlich der Zivilisierte und wer der Wilde ist.

Die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Alter

Ich hoffe, dass die hier erzählte, zugegeben etwas stark stilisierte Geschichte von den Jugendlichen und den Erwachsenen doch einen ähnlichen Effekt erzielt; dass es ihr gelingt, vor Augen zu führen, wie schwer es ist, zwischen so etwas wie eindeutig erwachsenen und so etwas wie eindeutig jugendlichen Verhaltensformen zu unterscheiden. Es ist zweifellos so, dass Jugendliche von heute in manchen Bereichen deutlich infantiler sind als andere Jugendgenerationen vor ihnen. Und doch kann man nicht daran vorbeisehen, dass sie in ebenso vielen Bereichen auch wesentlich reifer und erwachsener sind und sein müssen als andere Jugendgenerationen vor ihnen. Nun wäre das egal, handelte es sich hierbei bloß um die Eigenheiten einer ganz konkreten Jugendgeneration. Aber das tut es aus meiner Sicht eben nicht. Ich glaube vielmehr, dass es diese Unmöglichkeit einer klaren Trennung zwischen eindeutig jugendlichem und eindeutig erwachsenem Verhalten und Benehmen ist, an der sich eine generelle gesellschaftliche Entwicklung ablesen lässt.

Was wir beobachten können, ist, dass in der modernen Gesellschaft nebeneinander ganz verschiedene und disparate Anforderungen und Anrufungen existieren, die den Einzelnen je unterschiedlich involvieren. Das biologische Alter spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle und wird als Ordnungsfaktor zunehmend unwichtiger. Nehmen wir als Beispiel die Ökonomie. Sie ist, zumindest im Hinblick auf die Konsumenten, schlichtweg nicht an erwachsenen Menschen interessiert. Worauf sie schielt, und das soll nicht als Vorwurf verstanden werden, sind Konsumenten, die sich verführen lassen, die neugierig sind, alert, sprunghaft, distinktionsbewusst, aber bis zu einem gewissen Grade natürlich auch unreif. Der Konsument, der etwa durch Werbung, Marketing oder Produktdesign angesprochen und verführt werden soll, ist immer ein Jugendlicher, ganz egal, wie alt er tatsächlich ist. In der Medizin oder auch im Versicherungswesen hingegen verhält es sich ganz anders. Hier wird vom Einzelnen verlangt, sich so früh wie möglich in die Rolle eines Hilfsbedürftigen zu versetzen, sich also heute schon als medizinischen oder ökonomischen Pflegefall zu imaginieren, um verantwortungsvoll mit der eigenen Zukunft umgehen zu können. Während hier ein kaum zu überhörender Vorsorge-Imperativ potenziell aus jedem einen senilen Greis macht, behandelt die Pädagogik wiederum prinzipiell jeden als Kind, also als ein durch gezielte pädagogische Eingriffe formbares Wesen. Und dass Pädagogik heute nicht allein in Kindergärten, Schulen und vermehrt auch in Universitäten stattfindet, sondern dass sich eine allgemeine Pädagogisierung der Gesellschaft beobachten lässt, die auf weite Teile unseres Alltags durchgreift, daran lässt sich kaum vorbeisehen. Wer diese Beschreibung für übertrieben hält, der sollte zumindest hellhörig werden, wenn er das nächste Mal einen Termin mit seinem Personal Trainer ausmacht, am Wochenende einen Workshop zur Verbesserung seiner Skills belegen muss oder eine App installiert, die die täglich zurückgelegten Schritte zählt und den Kalorienverbrauch kontrolliert.