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Die Jubiläumsausgabe zum 50. Geburtstag des Kursbuchs blickt sowohl retro- als perspektiv auf die Politik- und Kulturzeitschrift und fragt "Wozu? ". Zum einen werden frühere Kursbuch-Texte wirklich von ihren Autoren weitergeschrieben: Wie haben sich die eigenen Perspektiven verändert? Welche Befürchtungen haben sich bewahrheitet? Zum anderen wird in längeren Essays erkundet, wie das, als was das Kursbuch stets wahrgenommen wird, weitergeschrieben werden kann: Kritik, Revolte, Protest. Mit Beiträgen von Peter Schneider, Konrad Paul Liessmann, Armin Nassehi, Hannelore Schlaffer, Stefan Welzk, Rahel Jaeggi, Barbara Klemm, Herlinde Koelbl, Regina Schmeken, Krisztina Koenen, Bahman Nirumand, Mark Greif, Cora Stephan, Barbara Sichtermann, Karen van den Berg, Georg von Wallwitz.
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Seitenzahl: 223
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Alle Kursbuch-Cover der vergangenen 50 Jahre sind auf der Kursbuch-Webseite zu sehen und können als PDF-Datei heruntergeladen werden: http://kursbuch-online.de.
Inhalt
Armin Nassehi und Peter Felixberger
Editorial
Georg von Wallwitz
Schlafwandler aus den Kommunen
Nach dem Ende des gesellschaftlichen Brodelns
Peter Schneider
Revisiting end
Anatomie eines Irrwegs
Konrad Paul Liessmann
MENSCH 2.0
Die Kritik gehört zu einer Welt von gestern
Armin Nassehi
Mehr Kritik, bitte!
Aber welche?
Hannelore Schlaffer
Maximal unverbindlich
Der neue Mitsprachebürger braucht keine intellektuelle Leitfigur. Er mischt selbst mit – wann und wo und wie er will.
Stefan Welzk
Der Wald, die Angst und das Geld
Vertagte Katastrophen, bedrohte Symbiosen
Rahel Jaeggi
Das Ende der Besserwisser
Eine Verteidigung der Kritik in elf Schritten
Zweifler, Herausforderer, Rebellen
Barbara Klemm
Herlinde Koelbl
Regina Schmeken
Krisztina Koenen
Die Freiheit, die sie meinten
Warum in Mitteleuropa kaum noch ein Rechtsstaat existiert
Bahman Nirumand
Zufallstreffer
Die Kursbuch-Autoren haben Deutschland verändert – aber anders als gedacht
Mark Greif
Eine andere Welt
Wer verändern will, muss überraschen
Cora Stephan
Schule des Schreibens
Was ich dem Kursbuch alles verdanke
Barbara Sichtermann
Trash, Pornos und chinesische Kleinbauern
Die Niveau-Apostel des Fernsehens sind weg, lasst uns über Niveau sprechen
Karen van den Berg
Kritik, Protest, Poiesis
Künstler mischen sich ein – von 1970 bis heute
Anhang
Die Autoren
50 Jahre Kursbuch-Cover
Impressum
Armin Nassehi und Peter Felixberger
Editorial
Das Kursbuch wird 50 Jahre alt. Gegründet im Jahre 1965 von Hans Magnus Enzensberger, weitergeführt von Nachfolgern in wechselnden Verlagen und Formaten, sind bis zum Frühjahr dieses Jahres 181 Ausgaben erschienen. Dass diese kontinuierliche Zählung womöglich mehr Kontinuität suggeriert, als es die diskontinuierliche Geschichte des Kursbuchs in seinen Textsorten, Denkungsarten und Autoren, aber eben auch im Wandel der Zeitläufte verbürgt, kann nur einem Beobachter aufstoßen, der Kontinuität mit Stillstand oder Stabilität gleichsetzt. Continere heißt in erster Linie enthalten – etwas zu kontinuieren bedeutet also, dass das Neue das Alte und Überwundene enthält, sonst könnte es gar nicht neu sein, sonst könnte es sich nicht verändern. Das hat sogar in den theologischen Sprachgebrauch Eingang gefunden, da die Erfahrung der sich verändernden Welt irgendwie dem Gedanken der Schöpfung am Anfang zuwiderlief, so dass man auf creatio continua umgestellt hat, was Gott in die merkwürdige Lage versetzt, zwar allmächtig zu sein, sich aber durch seine eigene Schöpfung eingeschränkt zu sehen.
Die Kontinuität von 181 Kursbüchern besteht also vor allem darin, dass es sie gibt und dass sie irgendwie immer in sich selbst enthalten sind – und darin eben unterschieden werden können. Ihre Kontinuität ist ihre Diskontinuität. Und nur wo man wenigstens Kontinuitätszumutungen macht, können Veränderungen sichtbar werden, die stärker von dem Vorherigen abhängig sind, als es Novitäts- und Originalitätsbehauptungen oftmals hergeben.
Wir könnten nun dem großen Jubiläum entsprechend mit wirklich Pathetischem fortfahren, was uns ja schon in die Nähe des Schöpfers selbst gebracht hat. Wir könnten das Kursbuch rühmen, womöglich die früheren Herausgeber, in der Hoffnung, selbst von späteren einmal gerühmt zu werden. Wir könnten darauf hinweisen, wie sehr das Kursbuch in die Debatten der Bundesrepublik eingelassen war. Wir könnten auch historisierend analysieren, wie sich die Zeiten dann doch verändert haben – nicht nur der Stil der Kritik, sondern auch ihr Gegenstand. Wir könnten also hinter das Kursbuch zurücktreten und es selbst zum Gegenstand machen. Oder aber, und dafür haben wir uns entschieden, wir tun das, was wir selbst seit 2012 mit dem Kursbuch tun: weiterschreiben. Wir schreiben das Kursbuch weiter, und zwar in dieser Ausgabe mit zwei unterschiedlichen Textsorten. Zum einen werden frühere Kursbuch-Texte wirklich weitergeschrieben, zum anderen wird in längeren Essays erkundet, wie das, als was das Kursbuch stets wahrgenommen wird, weitergeschrieben werden kann: Kritik, Revolte, Protest.
Wir haben Autorinnen und Autoren des Kursbuchs gebeten, eigene frühere Texte buchstäblich weiterzuschreiben. Dabei haben wir sie mit einem Ausschnitt eines Textes konfrontiert, an den sie frei anschließen sollten. Der älteste dieser Texte stammt von Bahman Nirumand aus dem Kursbuch 13 aus dem Jahre 1968, der jüngste von Barbara Sichtermann aus dem Kursbuch 145 aus dem Jahre 2001. Die Spannung zwischen Kontinuität und Diskontinuität ist diesem Weiterschreiben ja gewissermaßen als zweite Natur eingeschrieben. Die acht Beiträge arbeiten sich regelrecht daran ab, wie sich die eigenen Perspektiven verändern, wie Befürchtungen sich bewahrheitet haben, wie sich Fragen heute ganz anders stellen, wie begrenzt mancher frühere Blick war und wie sehr das auch bedeutet, dass uns die Begrenzungen unseres heutigen Blicks ähnlich unsichtbar bleiben wie diejenigen von damals.
Wir greifen zwei Beispiele heraus: So beeindruckt schon Krisztina Koenens Beitrag aus dem Kursbuch 102 von 1990 damit, wie sie die damals geradezu revolutionären Erwartungen an eine Demokratisierung Europas nach 1990 bezweifelt hat, um sich nun, weiterschreibend, am Beispiel Ungarns darin bestätigt zu sehen. Sie weist dabei auf die geradezu paradoxe Folge hin, dass mit der Integration gescheiterter Demokratien in die »westliche« Hemisphäre deren demokratische Selbstkritik geradezu unmöglich wird, weil man dann das eigene wieder zum anderen machen müsste.
Besonders beeindruckend und vielleicht auch repräsentativ für eine ganze Generationserfahrung ist die Relektüre von Bahman Nirumand. Seine Rolle bei der Öffnung des sehr engen, auf sich selbst bezogenen Blicks der Bundesrepublik für deren Verflechtung mit der sogenannten »Dritten Welt« kann nicht unterschätzt werden. Jenseits von Vietnam hat er am Beispiel des Irans bereits früh auf Verflechtungen hingewiesen, die erst sehr viel später als Globalisierungserfahrung geradezu universal werden sollten. Beeindruckend ist, wie er zeigt, wie sehr diese Aufklärungsarbeit damals von ganz eigenen Scheuklappen begleitet war – etwa in der Einschätzung der chinesischen Kulturrevolution, die man damals nicht als das große Verbrechen wahrnehmen wollte, das sie in erster Linie war. Und dennoch haben diese Scheuklappen keineswegs jenen Lernprozess behindert, den Nirumand beschreibt: dass Deutschland und Europa weltoffener und pluralistischer geworden sind – was man vom Iran wohl kaum behaupten kann, der vom autoritären Modernisierungsregen des Kalten Krieges in die Traufe der Islamisierung kam. Wenn diese biografische Bemerkung erlaubt ist: Einer der Herausgeber (Armin Nassehi) ist Bahman Nirumand, der als Student mit seiner schwäbischen Mutter und seinem persischen Vater befreundet war, Anfang der 1960er Jahre schon einmal begegnet, als Kleinkind. Auch die Art dieser Begegnung hat sich in 50 Jahren verändert.
Hannelore Schlaffer, Barbara Sichtermann, Cora Stephan, Stefan Welzk, Konrad Paul Liessmann und Peter Schneider, die sechs weiteren Leser und Kommentatoren ihrer eigenen Texte, machen allesamt ganz ähnlich darauf aufmerksam, wie sich die Perspektiven verschoben haben und wie sehr Kritik an die eigenen Kontexte gebunden ist, ohne ihren Stachel über die Zeit zu verlieren, gerade weil sie sich an manchen Stellen selbst korrigieren muss.
Vielleicht ist Selbstkorrektur ein gutes Stichwort für die fünf Beiträge, die sich der Frage nach den Möglichkeiten von Kritik widmen. Denn in all diesen Beiträgen geht es um exakt dies: Welche Potenziale haben Gesellschaften, sich selbst zu korrigieren, weiterzuentwickeln, überhaupt Korrekturbedarf auszumachen. Karen van den Berg exerziert dies an einem geradezu klassischen Thema durch, nämlich am Beispiel der Kunst, die der bürgerlichen Gesellschaft als ihr ganz eigenes Anderes stets den Spiegel vorgehalten hat. Van den Berg macht hier eine deutliche Kontinuität aus, die sich heute freilich neue Arrangements für die künstlerische Bearbeitung von Asymmetrien zwischen Kunst und Establishment sucht. Die beiden Beiträge von Rahel Jaeggi und Armin Nassehi beginnen theoretisch und methodisch an ganz unterschiedlichen Stellen und kommen auch zum Teil zu unterschiedlichen Ergebnissen bezüglich der Möglichkeitsbedingungen von Kritik – aber beide machen besonders stark deutlich, dass Kritik immer weniger mit dem Überblick des Kommandohügels operieren kann. Kritik muss immer stärker mit den konkreten empirischen Ressourcen rechnen, die zur Verfügung stehen, sie muss Praktikabilität nachweisen, um nicht ins Leere zu laufen. Daran schließt Mark Greifs lapidare Bemerkung an, dass wir uns Kritik nicht mehr wie in Kants Diktum vom Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit vorstellen dürfen: Erwachsen zu werden reiche nicht, meint der Mitbegründer und Mitherausgeber des amerikanischen Literaturmagazins n+1.
Der historische Beitrag von Georg von Wallwitz bindet unsere beiden Textsorten zusammen, weil er auch eine Relektüre darstellt. Von Wallwitz rekonstruiert die revolutionäre Bedeutung von Kommunarden – gemeint sind einerseits diejenigen aus dem Paris des Jahres 1871, andererseits die Kommunarden der 1968er Jahre, die sich semantisch explizit auf die Pariser Kommune bezogen haben. Die zweite, so von Wallwitz, war eine bürgerliche Bewegung, die erste, so seine Bemerkung, meinte es wirklich ernst. So unterschiedlich beide waren, so sehr hat sich beider Kritik in die gesellschaftliche Entwicklung eingeschrieben. 1871 und 1968, so schreibt von Wallwitz, haben die Gesellschaft toleranter, durchlässiger und kritikfähiger gemacht – nicht ohne andeutend hinzuzufügen, dass diese gute Nachricht auf eine neue Belle Èpoque hinweist, die zwar genossen werden will, uns aber auch zu Schlafwandlern machen kann.
Ganz besonders möchten wir auf unsere Bildstrecke hinweisen. Es ist uns gelungen, die drei Grandes Dames der politischen Fotografie in Deutschland zu gewinnen, die uns ihre Eindrücke von Kontinuität und Diskontinuität und von Protest, Revolte und Kritik zur Verfügung gestellt haben. Barbara Klemm, Herlinde Koelbl und Regina Schmeken bieten hier Einblicke in historische Situationen – mit und ohne historische Persönlichkeiten, aber alle von historischer Bedeutsamkeit und Unterscheidbarkeit.
Wir haben schon angekündigt, dass wir auf Pathos möglichst vollständig verzichten wollen, sondern das Kursbuch einfach weiterschreiben wollten. Eine Spur Pathos haben wir uns dann doch erlaubt, indem wir die Cover aller bisherigen Kursbücher zur Abbildung bringen, was wirklich ein beeindruckendes Bild ergibt. Noch schöner, weil ein wenig paradox, wäre es gewesen, wenn auch das Cover dieses vorliegenden Kursbuchs schon dabei gewesen wäre. Abgesehen von der Paradoxie des Sachverhalts und der produktionstechnischen Herausforderung möchten wir das Fehlen dieses Covers als expliziten Ausdruck dessen verstehen, auch nach 50 Jahren Kursbuch auf jegliches Pathos verzichtet haben zu wollen.
München, im Mai 2015
Armin Nassehi und Peter Felixberger
Georg von Wallwitz
Schlafwandler aus den Kommunen
Nach dem Ende des gesellschaftlichen Brodelns
In Frankreich ist das Jahrhundert der Revolutionen bis heute ein offenes Thema, welches bis in die Tagespolitik hineinragt. Die große Revolution von 1789 endet keineswegs mit der Kaiserkrönung Napoleon Bonapartes. Sechzehnmal haben die Bürger von Paris zwischen 1789 und 1871 Barrikaden auf ihren Straßen gebaut, bereit zum Häuserkampf: Royalisten gegen Republikaner, Klerikale gegen Säkulare, Bürger gegen Arbeiter, Kommunisten und Anarchisten gegen alle anderen oder auch gegeneinander. Am Ende sogar Männer gegen Frauen. Das unverdaute Ende dieser Epoche macht Frankreich bis heute zu schaffen. Das Zeitalter der Französischen Revolution endete erst 82 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille mit der Zerstörung erheblicher Teile von Paris in Krieg und Bürgerkrieg, in einem bemerkenswerten Gleichklang von Naivität und Brutalität, welche die nachfolgenden Revolutionsjahre 1918 und 1968 in Westeuropa wie Sandkastenspiele aussehen ließen. Die Gräben in der Gesellschaft sind bis heute tief und lähmen das Land bei jedem Reformversuch. Das gesellschaftliche Brodeln ist in Frankreich durch glanzvolle Zwischenzeiten immer nur überdeckt, nie aber befriedet worden.
Auslöser der Kommune war die desaströse Niederlage Frankreichs gegen Preußen im Krieg von 1870/71. Napoleon III. fühlte sich stark nach Siegen gegen die Russen (1854 im Krimkrieg) und die Österreicher (im Sardischen Krieg 1859) und traute sich noch mehr zu. Aus recht nichtigem Anlass (es stand zur Diskussion, ob ein Hohenzollern-Prinz die spanische Erbfolge antreten könnte) verlangte er eine Unterwerfungsgeste von Preußen. Seine Generäle versicherten ihm, die Emporkömmlinge aus dem Osten seien leichte Beute, ein Unterschied zwischen Preußen und Österreich sei nicht auszumachen. Diese Geisteshaltung nahm Bismarck als Gelegenheit wahr, denn auch ihm versicherten seine Generäle, mit den Franzosen werde man spielend fertig. So nahm er die Provokation gerne an, und Frankreich erklärte postwendend den Krieg. Die süddeutschen Mittelmächte stellten sich, wie von Bismarck kalkuliert, an die Seite Preußens.
Auf beiden Seiten des Rheins freute man sich auf den Krieg, aber die Stimmung in Paris war besser, als die harten Tatsachen es rechtfertigten. Das Offizierskorps war ein Hort der Vetternwirtschaft und bei den einfachen Soldaten unbeliebt. Es fehlte ein echter Oberkommandeur: Als Neffe des gefühlt größten Feldherrn aller Zeiten sah Napoleon III. keine Notwendigkeit, den Siegeskranz einem Dritten zu überlassen, und übernahm selbst die Regie in diesem Feldzug. Der Aufmarsch war chaotisch und langsam, es fehlten Uniformen, topografische Karten und Versorgung. Lediglich zwei Drittel der erwarteten Soldaten meldeten sich bei ihren Sammelstellen, der Rest verpasste urlaubs- oder krankheitsbedingt diesen wichtigen Termin. Die deutsche Armee wurde von einem echten General kommandiert. Sie rollte über fünf ausgebaute Bahnlinien Richtung Elsass. Den Franzosen stand lediglich eine einzige Linie zur Verfügung. Fünfzig deutsche Züge fuhren jeden Tag an die Front gegenüber zwölf französischen. Nach 18 Tagen hatten die Deutschen 1,2 Millionen Soldaten an der Grenze stehen – während ein in Panik geratener französischer General ins Hauptquartier telegrafierte: »Bin in Belfort angekommen. Kann meine Brigade nicht finden. Kann den Divisionskommandeur nicht finden. Was soll ich tun? Weiß nicht, wo meine Regimenter sind.«
Der Krieg war besonders ruhmlos für die französische Armee. Eine Schlacht nach der anderen ging verloren, und schließlich, am 2. September 1870 in der Schlacht bei Sedan, auch der Kaiser selbst. Er wurde in Kassel eingesperrt und bald nach England ins Exil geschickt – im 19. Jahrhundert bereits der dritte französische Monarch, der auf der ungeliebten Seite des Kanals um Unterschlupf bitten musste. In Paris sorgte dies für erheblichen Unmut in der Bevölkerung, und der radikale Antiimperialist Léon Gambetta rief am 4. September zweimal die Republik aus (am Morgen und am Abend). Dies war die Geburt der Dritten Republik.
Es entstand ein gewaltiges Machtvakuum. Eine legitime Zentralregierung gab es nicht mehr, und hätte es sie gegeben, so hätte sie keinen Zugriff auf die Hauptstadt mehr gehabt, denn diese wurde nun von den Preußen und ihren Verbündeten belagert. Es entstand unter der Führung von Adolphe Thiers, der bereits unter dem Bürgerkönig Louis Philippe Ministerpräsident gewesen war, eine Regierung. Diese berief sich auf die aus Paris geflohenen Parlamentarier und erneuerte diese Legitimation durch eilig durchgeführte landesweite Wahlen. Andererseits bildete sich in Paris eine eigene Regierung, ein kommunaler Zusammenschluss aus den Abgeordneten der Arrondissements. Diese »Kommune« genannte Regierung nahm die Angelegenheiten der Stadt in die Hand, solange sie abgeschnitten war vom Rest des Landes, welches ohnehin keine ordentliche Regierung hatte. Sie wurde von Anfang an von den Abgeordneten der Arbeiterviertel im Osten der Stadt dominiert, die auch die Hauptlast des Krieges tragen mussten. Diese Arrondissements stellten darüber hinaus den Großteil der Nationalgardisten, welche aus der Mitte der Bevölkerung rekrutiert wurden, um die Stadt gegen den heranrückenden Feind zu verteidigen.
Die Kommune in Paris hatte kein Mandat und war zu links, zu sozialistisch und anarchistisch, um im Rest des konservativen Landes Autorität ausüben zu können. Hier und da gab es zwar auch in der Provinz Versuche, Kommunen nach Pariser Vorbild zu organisieren (hervorzuheben ist der grandios gescheiterte Anlauf von Michael Bakunin und Gustave Paul Cluseret in Lyon), aber es wurde keine landesweite Bewegung daraus. Die Regierung von Thiers hingegen war in Paris nicht vermittelbar: Dort traute man dem konservativen Thiers zu, seine alten Herren, die Bourbonen, wieder an die Macht bringen zu wollen. Darüber hinaus nahm ihm die Pariser Arbeiterschaft übel, dass er schnell bereit war, mit den Preußen Frieden zu schließen und das Elsass und Lothringen abzutreten. Der Vorwurf lautete, die Besitzbürger wollten nur feige ihr Eigentum vor der Zerstörung schützen und verstünden nichts von der Ehre der Nation.
So standen sich bei Paris plötzlich drei bewaffnete Einheiten gegenüber: die Preußen, die Zentralregierung mit den Resten der regulären Armee sowie die Pariser Kommune mit ihren Nationalgardisten. Das preußische Militär wollte die Stadt nicht erobern (zu verlustreich der Häuserkampf, zu schwierig die Versorgung der Truppen im Winter), die Franzosen waren ihrerseits zu schwach, um die Belagerung zu durchbrechen. In dieser Pattsituation erkannte Thiers, dass sein innenpolitischer Vorteil in einer schnellen Niederlage bestand. Am 28. Januar unterschrieb er einen Vorfrieden und kapitulierte im Namen der Stadt, die er ohnehin nicht kontrollierte. Die Preußen nutzten den Aufenthalt in Versailles noch für eine starke Geste im Spiegelsaal, zogen sich dann aber bald in ihre Stellungen zurück, wo sie den Eingang der Reparationszahlungen abwarteten und im Übrigen neutraler Zuschauer bei dem nun folgenden Drama blieben.
Es begann nun die Entmilitarisierung von Paris. Die Zentralregierung schickte Soldaten, um aus einem Pariser Arrondissement nach dem anderen die Waffen abzutransportieren. Der Anfang sollte am 18. März 1871 mit den 171 Kanonen auf dem Montmartre gemacht werden, einer Hochburg des Proletariats. Die Bevölkerung sah dies als eine Art Staatsstreich an, um den Machtanspruch der konservativen Zentralregierung durchzusetzen. Es gärte und rumorte heftig im Volk, als die Soldaten durch die engen Gassen den Berg hinaufmarschierten. Die Gärung übertrug sich auf die Truppen, und bald verbrüderten sich reguläre Soldaten, Nationalgardisten und das einfache Volk. Die kommandierenden Generäle ordneten noch an, auf das Volk zu schießen, welches sich in den Weg gestellt hatte, aber es war zu spät, die Befehle wirkten nicht mehr. Im Gegenteil: Die Generäle Lecomte und Thomas wurden gefangen genommen und wenig später von der Volksmenge – die sonst nichts mit ihnen anzufangen wusste – im Hinterhof des Hauptquartiers der Nationalgarde erschossen. Was als spontane Verteidigung der Kanonen der Nationalgarde begonnen hatte, wurde plötzlich zu einer Revolution. Edmond de Goncourt notierte an diesem Tag in seinem Journal: »Um mich herum reden alle über Provokationen und machen sich lustig über Thiers … eine triumphale Revolution bemächtigt sich der Stadt Paris: Nationalgardisten finden sich an jeder Straßenecke, und überall werden Barrikaden gebaut; freche Kinder klettern auf ihnen herum. Es gibt keinen Verkehr; die Läden schließen.« Das Tischtuch zwischen Paris und dem Rest des Landes war zerschnitten.
Im Rathaus versammelten sich nun Abgeordnete der Arrondissements. Von Anfang an war klar, dass die Kommune sich nicht nur nicht der Zentralregierung unterordnen wollte, sondern auch eine soziale Revolution im Blick hatte. Wenige Tage nach dem 18. März veröffentlichte sie ein Manifest, in dem eine soziale und demokratische Republik gefordert wurde, in welcher es ein »System kommunaler Versicherung gegen alle sozialen Risiken« geben sollte, so auch gegen Insolvenz und Arbeitslosigkeit. Kapital und Kredit sollten den Arbeitern in einer Weise zur Verfügung stehen, welche die Massenarmut beenden würde.
Sehr konkret waren die politischen Vorstellungen der Kommune nicht. Vor allem lehnten die Kommunarden die Rückkehr zur Monarchie, den Einfluss der katholischen Kirche und die finanziellen Privilegien von Adel und Besitzbürgertum ab. Marxisten, Anarchisten, Blanquisten, Proudhonisten und Kleinbürgerliche konnten sich aber auf wenig mehr als diese abstrakten Grundsätze einigen. Gleichwohl war die Stimmung gut, denn eine Stadt, die der preußischen Belagerung widerstehen konnte, musste sich auch von einer schwachen Zentralregierung mit geschlagener Armee nichts sagen lassen. Das aber war eine Fehleinschätzung. Thiers sammelte seine Truppen.1
Die Kommune hatte einen fröhlichen Beginn. Ohne den Druck hoher Mieten oder Zinsen fühlte sich das Leben leicht an. Endlich konnte man sein Geld für Schöneres ausgeben. Die Geschäfte und Restaurants öffneten wieder, und für eine Weile konnte man vergessen, was sich offensichtlich zusammenbraute. Geld stand zur Verfügung, lag die Banque de France doch im Stadtgebiet. So war es der Kommune ein Leichtes, sich schon am Tag nach der Revolution dort 700000 Francs zu leihen. Auch das Bankhaus Rothschild war sich nicht zu schade, den Kommunarden mit einem Kredit auszuhelfen.
* * *
»Kommune« klang in den Ohren vieler Bürger wie »Kommunismus«, und damit schwang ein ganzes Bündel von Assoziationen mit, die auch hundert Jahre später noch funktionierten. In Frankreich berief sich die 68er-Bewegung daher auch explizit auf die Kommune von 1871 und ihren heroischen Kampf gegen die Restauration des alten Staates. In Deutschland bezogen die »Kommunen« von Berlin und München einen guten Teil ihrer Aura aus der französischen Geschichte. Abgesehen von der Lust am Erschrecken der Bürger hatten die Kommunen aber nicht viel gemein, und die Berufung auf den Geist von 1871 war eigentlich ganz unangebracht. Die Kommune von 1871 wurde weitgehend von waschechten Vertretern des Proletariats geführt, von einfachen Leuten ohne nennenswerte eigene Konzepte. Die guten politischen Köpfe waren entweder nicht in der Stadt (Gambetta) oder zogen sich schnell aus der Kommune zurück (Clemenceau). Die Theoretiker der Revolution waren entweder verhindert (Bakunin, Blanqui), oder sie zogen die Sicherheit des Exils vor (Marx schickte seine Tochter, um für die Internationale zu berichten). Einzig Louise Michel hatte Format, konnte sich in der Männergesellschaft der Kommune aber keinen festen Platz erstreiten.
Die Träger der 68er-Revolte hingegen waren im Wesentlichen Professoren und ihre Studenten, tendenziell kopflastig, theorieverliebt und eigentlich recht bürgerlich in ihrer Ablehnung der Bürgerlichkeit. Engen Kontakt zu den arbeitenden Massen haben sie nicht gefunden und wohl auch gar nicht gesucht. Ihre Lebenserfahrung war weder von drückender Arbeit noch von drückenden Krediten geprägt – allenfalls von drückenden Pfarrhäusern. Die 68er wollten das akademische Milieu nie ernsthaft verlassen. Ihre Karrieren später waren oft gut, viele wurden Beamte, einige wurden Minister, manche gründeten Solarfirmen und wurden reich. Keiner ist dafür bekannt geworden, dass er das Leben der einfachen Arbeiter zu teilen gesucht hätte. In gewisser Weise fehlte es den 68ern an biografischer Substanz, um eine echte Revolution loszutreten.
Die Kommunarden wollten den Staat verändern, beendeten auch tatsächlich das zweite Empire. Die 68er hingegen mussten sich von der nachfolgenden »Generation Golf« sagen lassen, sie hätten den Weg von der Rebellion in den Staatsdienst ohne den Umweg über die eigentliche Systemkritik gemeistert. Im System der parlamentarischen Demokratie wurden sie zu (Verfassungs-)Patrioten, ohne deren Form auch nur im Geringsten zu ändern. Die von Jürgen Habermas entwickelte Diskursethik und das in Faktizität und Geltung entwickelte Staatsverständnis wirkten schon auf die unmittelbare Nach-68er-Generation wenig spannend, handelte es sich dabei doch am Ende um die Affirmation dessen, was in einer freiheitlichen, demokratischen, pluralistischen und marktwirtschaftlichen Ordnung selbstverständlich war (oder sein sollte). An den Rändern und den Inhalten der bestehenden Gesellschaftsordnung haben die 68er wohl geschliffen, aber der Ertrag war weder eine Revolution noch eine Umwertung aller Werte, sondern allenfalls der billige Schwur der Jungen, nicht werden zu wollen wie die Alten. Philipp Felsch hat das eben wunderbar beschrieben.2 Die Revolte der 68er war ein theoretisches Projekt, welches die Anstrengung am Begriff scheute und die Inszenierung bevorzugte. Daher endete sie nicht in der Praxis, sondern in der Kunst, in der Ästhetisierung der Lebenswelt: »Und während sich der Kunstbetrieb mit einer Wolke aus Theorie umgibt, wird die Theorie der Kunst immer ähnlicher.«
Die 68er wurden von der Polizei schlecht und teilweise brutal behandelt. Sie wurden von den konservativen Medien (insbesondere aus dem Hause Springer) beschimpft und verleumdet. Da sie aber, bis auf den sehr schmalen Rand, der in den Terrorismus abgeglitten ist, niemals die Grundordnung des Staates in Frage gestellt haben, war ihre Kritik für die Gesellschaft am Ende durchaus verkraftbar. Die Kritik der 68er ging durchaus tief: Sie bezog sich auf das Familienbild, auf den Umgang mit der Sexualität und (in Deutschland) auf die nationalsozialistische Vergangenheit der Väter, sie stellte die freiheitlich-demokratische Grundordnung aber nie in Frage. Sie blieb, im wörtlichen Sinne, in der Familie.
Und tatsächlich konnte die nachfolgende Generation kaum noch erkennen, warum sich die Großeltern über die studentischen Revolutionäre aufgeregt hatten. Im geduzten Lehrer konnten wir nicht den Bürgerschreck erkennen, Woodstock war lange vorbei, die Familie hatte die Kritik akzeptiert oder ignoriert oder zurückgewiesen, jedenfalls wurden die Weisen des Zusammenlebens bunter. Die Gesellschaft hat sich sehr schnell wieder mit sich selbst vertragen. Die Generation vor dem Golf hat einfach eine eigene Partei gegründet mit sehr vernünftigen Zielen, alle innerhalb der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Spätestens in den 1990er Jahren waren die Revolutionäre von 1968 in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Wie anders und wie viel radikaler waren die Vorstellungen der Kommunarden. Sie verlangten den Wechsel der Regierungsform. Die Organisation des Staatsaufbaus sollte vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Nicht mehr die Zentrale mit einem Monarchen sollte das Sagen haben, sondern die Städte und Dörfer. Mit ihren sozialistischen Vorstellungen von Mieten und Zinsen zielten sie auf das Mark der bürgerlichen Wirtschaftsweise, auf das gemütliche Dasein der Vermögenden, die Einnahmen erzielten, ohne dafür etwas Nennenswertes leisten zu müssen.
Und dennoch enden beide Revolten in Epochen, die mehr für ihren künstlerischen und ökonomischen Fortschritt als für ihren politischen Tiefgang bekannt geworden sind.
* * *
Waren die Kommunen der 1960er Jahre eher ein bürgerliches Gedankenexperiment, so meinten die Kommunarden in Paris es 1871 bitter ernst. Adolphe Thiers sah daher in der Kommune nichts anderes als einen Anschlag auf das Leben der anständigen Leute(honettes gens) und damit auf die Zivilisation selbst. Für ihn konnte es keine Verhandlungen und keine Kompromisse geben, sondern nur die bedingungslose Unterwerfung der Kommunarden von Paris, die für ihn nichts anderes als Abschaum und Verbrecher waren. Also sammelte Thiers die verbliebenen Streitkräfte, begann, die Stadt mit Granaten zu beschießen, und bereitete das Land durch laute Propaganda auf den kommenden Sturm auf die Hauptstadt vor.
Die Kommunarden in Paris nahmen es erstaunlich gelassen. Ihr Selbstbewusstsein war deutlich gestärkt durch die erfolgreiche Verteidigung gegen die Preußen und die unproblematische Beseitigung des Empire. Sie freuten sich an ihrem Sieg und waren zuversichtlich, dass sich das Land ihnen bald anschließen würde. Es wurden Festveranstaltungen organisiert, wie etwa der Sturz der Napoleon-Statue und der Triumphsäule in der Mitte der Place Vendôme. Für dieses Ereignis wurden von der Kommune Eintrittskarten verkauft, und so gingen kultureller Fortschritt und Gemeindefinanzierung Hand in Hand. Den Rest des Landes versuchte die Kommune durch Schreiben an andere Gemeindeverwaltungen für sich zu gewinnen, bekam aber kein positives Feedback.
Der Kommune gelang es nicht, irgendeine sinnvolle Art von Organisation zu bilden. Die fähigsten Genossen wurden verjagt, eingesperrt, oder sie zogen sich zurück (Clemenceau, Gambetta). Die einzelnen Fraktionen waren unfähig, eine gemeinsame Linie zu finden, weder inhaltlich noch formal. So gab es nicht einmal auf dem Gebiet der Verteidigung eine eindeutige Befehlskette: Die Führung der Nationalgarde unterstellte sich nicht der Kommune, die aber dennoch irgendwie davon ausging, die Befehlsgewalt innezuhaben. Chef der Polizei wurde Raoul-Georges-Adolphe Rigault, ein Blanquist aus sehr bescheidenen Verhältnissen, der seine plötzliche Macht über Leben und Tod so sehr genoss, dass er sich bei Verhaftungen und Erschießungen nur an den eigenen Willen gebunden fühlte – auf welches Gesetzbuch soll ein Revolutionär sich auch stützen? Es half auch nicht, dass er sehr viel Zeit in Restaurants zubrachte, große Mengen Wein und Absinth trank und seinen Rausch meist bis in den frühen Nachmittag, also während der normalen Bürostunden, ausschlief.
Während die Kommune mit sich selbst beschäftigt war, rüstete die Regierung in Versailles, wohin Thiers ihren Sitz verlegt hatte, zum Sturm. Es dauerte eine Weile, bis die eben noch geschlagene Armee in brauchbare Einheiten geordnet war. Aber Preußen entließ die Kriegsgefangenen zügig, und so füllten die Reihen der Regierungssoldaten sich stetig. Währenddessen begann bereits ein lebhafter Propagandakrieg, wobei Versailles sofort dazu überging, frei erfundene Gräueltaten der Kommunarden im ganzen Land zu berichten.
