Kursbuch 187 -  - E-Book

Kursbuch 187 E-Book

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Beschreibung

Alles anders. Alles neu. Veränderung, Change, Wandel: Wohin rast die Welt? Bis in die Neuzeit hinein hat die Menschheit viel Energie darauf verwendet, dass sich möglichst wenig ändert. In der Moderne dagegen ist die Veränderung Tugend und Last in einem. Tugend, weil die Welt als gestaltbar gilt und Veränderung damit zur Hauptaufgabe gerät; Last, weil sich manches von ganz allein und bisweilen auch anders verändert, als es unsere Bemühungen intendieren. Dieses Kursbuch ist kein weiteres Plädoyer vom Schlage `Ändere dich/die Welt/alles!´ oder vom Schlage `Empört euch/Widersteht!´. Es diskutiert vielmehr die merkwürdige Erfahrung, dass die Welt sich widerständiger zeigt, als die Veränderer es gerne hätten und dass sie sich dennoch immer schneller verändert. Mit Essays unter anderem von Michael Lind, Birger Priddat, Stefan Rammler, Irmhild Saake, Hans Hütt, Alfred Hackensberger und einer Kunststrecke von Olaf Unverzart.

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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Welt verändern

 

Inhalt

Armin Nassehi | Editorial

Jörg Hackeschmidt | Brief eines Lesers (15)

Armin Nassehi | Die große Weltveränderung – Eine Collage in sieben Bildern

Stephan Rammler | Schiffe bauen – Über die Kunst, Zukunft anders zu erzählen

Michael Lind | Im Namen des weißen Mannes – USA und Europa im Gleichschritt von Spaltung und Veränderung

Alfred Hackensberger | Die letzte Reise in den Dschihad – Die Geschichte eines deutschen IS-Kämpfers

Kompakt Campact – Ein Gespräch mit Günter Metzges-Diez, Mitgründer des größten deutschen Kampagnen-Netzwerks

Olaf Unverzart | Hundert – Ein runder Geburtstag

Wolfgang Schröter | Fluch des Mammons – Schicksal und Entscheidung in der Finanzkrise

Birger P. Priddat | Tante Emma, Big Brother – Wie Märkte ihre Käufer zurichten

Irmhild Saake | Schweigen für eine bessere Welt – Über Symmetrie und die heldische Kuh Bavaria

Hans Hütt | Ins Herz der Finsternis – Eine Ausgrabung im letzten Moment

Franz Stadler | Ich und Ihr – Geschichte eines Rückzuges, dem wahren Leben nacherzählt

Anhang

Die Autoren

Impressum

Armin Nassehi Editorial

Verändern ist ein transitives Verb, das heißt, es braucht ein Subjekt und ein Akkusativobjekt. Es muss also jemand verändern, und jemand muss etwas verändern. Ich verändere geht nicht. Ich verändere die Welt geht – oder besser: Es geht grammatikalisch, in echt geht’s eher nicht, weil die Welt schon deshalb nicht wirklich verändert werden kann, weil alle Veränderung in der Welt stattfindet und damit Subjekt und Objekt in eins fallen. Wenigstens im Prinzip. Und genau deshalb – nein, nicht genau deshalb, aber immerhin: Immerhin kann man das transitive Verb »verändern« auch reflexiv gebrauchen. Man kann dann sagen: Die Welt verändert sich. Damit fallen Subjekt und Objekt wieder in eins – neutralisieren dabei aber das Subjekt in der Weise, dass die Zurechnung auf das Subjekt der Veränderung schwierig wird. Wer hat die Welt denn verändert, wenn die Welt sich verändert?

Wer das für eine Spitzfindigkeit hält, damit sich das Editorial füllt (da es am Ende geschrieben wird, gibt es aus der Produktion zumeist eine – unveränderliche! – Vorgabe für die Länge des Editorials) – wer das also für eine Spitzfindigkeit hält, liegt falsch. Denn mit der Transitivität (notwendiges Objekt) und der möglichen Reflexivität ist ein recht guter Problemaufriss für die Veränderung der Welt gegeben. Natürlich ist es fahrlässig, die Veränderung der ganzen Welt oder, wenn man so etwas überhaupt denken kann, ganzer Welten jemandem zurechnen zu wollen. Das würde dann schon in schöpfungstheologische Dimensionen führen. Aber nicht ganz so genau genommen besteht durchaus die Spannung zwischen der bloßen Transitivität der Veränderung – jemand ändert etwas – und der Reflexivität des sich verändernden Dings – etwas ändert sich, ohne dass man es jemandem wirklich eindeutig zurechnen kann. Das ist das Problem aller Revolutionäre, Sozialplaner, aller Führungskräfte – auch derer, die ihr eigenes Leben führen wollen und müssen –, all derer, die sich irgendwie mit ihren Verhältnissen auseinandersetzen (müssen) und Bedarf für anderes sehen. Wir greifen in eine Welt ein, die permanent beweglich ist und in sich selbst eingreift.

Überhaupt ist das Handeln, damit auch das Veränderungshandeln, eine allzu einfach gebaute Kategorie. Wer handelt, will etwas bewirken. Da aber auch andere handeln und da die Handlungen kompliziert ineinanderspielen und auch das zu verändernde Objekt sich bisweilen ganz anders verändert, als wir das gewollt haben, ist die Unterscheidung zwischen den beiden grammatikalischen Formen des Veränderns vertrackter, als es uns bisweilen lieb ist.

Die Beiträge dieses Kursbuchs oszillieren alle zwischen dem »Verändern« und dem »Sich-Verändern«. Birger P. Priddat erzählt, wie Märkte die Menschen verändern, obwohl ja die Menschen auf veränderten Märkten anders handeln als in anderen Märkten; Wolfgang Schröter rekonstruiert die Veränderungsdynamik des Geldes, die sich selbst mitverändert; Alfred Hackensberger begleitet einen jungen deutschen IS-Kämpfer, der die Welt verändern will, sich dabei selbst verändert und dann verschwindet – ganz ähnlich übrigens, wie der Schriftsteller Franz Stadler die Geschichte eines Rückzuges erzählt, eines Rückzuges aus dem Leben. Auch der Protagonist dieser Erzählung findet sich als Konsequenz eigenen Handelns, selbst induzierter Veränderungen, in einer Dynamik vor, die ihn weit transzendiert – und auslöscht.

Irmhild Saake beschreibt in ihrem Beitrag, wie sich mit der Durchsetzung von Symmetrien als dem großen Versprechen der Moderne geradezu Unsagbarkeiten einstellen – eine wirklich paradoxe Situation, denn die von ihr beschriebenen Symmetrisierungsprozesse kommen vor allem dadurch zustande, dass sich neue Sprecherpositionen etablieren, die freilich verstummen, wenn es zu schwierig wird. Geradezu komplementär dazu beschreibt Stephan Rammler, dass es an Narrationen fehlt, an »transformativem Storytelling«. Es geht ihm um die soziale Wirkungskraft des großen Wollens, also um die Frage, wie sich das Wollen wirkmächtig in ein Wirken übersetzen lässt. Auch hier also eine Diagnose des Verstummens. Gegen solches Verstummen richtet sich auch Hans Hütt. Sein biografischer Rückblick auf seine eigene frühe Auseinandersetzung mit Joseph Conrads Herz der Finsternis – in unterschiedlichen Veränderungsdimensionen: als biografischer Veränderungsgenerator, als ein Text, der den Blick des kolonialen Zentrums der Welt auf sich selbst verändert hat, auch ein Text, dessen unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten radikal auf Veränderungen verweisen. Von Hans Hütt stammt denn auch mein Lieblingssatz aus diesem Kursbuch: »Rigoros zu interpretieren heißt, die Welt zu verändern.«

Rigoros interpretiert Michael Lind die Veränderung der Debattenlage und die Selbstwahrnehmung der US-amerikanischen Gesellschaft. Er zeigt in seinem Beitrag auf, wie unmerklich sich die grundlegenden Konfliktlinien verschoben haben, deren Unmerklichkeit im derzeitigen Wahlkampf um die Nachfolge Barack Obamas gerade verschwindet.

Peter Felixberger und Evelin Schultheiß haben mit Günter Metzges-Diez gesprochen, einem der Gründer des Kampagnen-Netzwerkes Campact. Weltveränderung wird hier mit Kampagnenformen betrieben, die die Resonanzverstärker des Netzes und der dazugehörigen Medien verwenden. Es ist interessant, dass das Selbstbewusstsein des Kampagnenmachers, auf der richtigen Seite zu stehen, offensichtlich auch mit der Kampagnenform identifiziert wird. Auch hier: The medium is the message?

Dieses Kursbuch, das sich dem »Welt verändern« verschrieben hat, bietet, das sollte diese editoriale Beschreibung schon deutlich gemacht haben, weder Lösungen für Veränderungsstrategien an, noch mahnt es Veränderungen an oder rekonstruiert Veränderungsprozesse. Es geht in allen Beiträgen vielmehr genau um diese merkwürdige Gleichzeitigkeit des transitiven und des reflexiven Verwendungskontextes der prädikativen Form des Veränderns. Wie sehr sich all dies zwischen Tun und Widerfahrnis ereignet, bezeugen die Fotografien von Olaf Unverzart. Die Bilder seiner 100-jährigen Großmutter sind ein einziges Zeugnis des Veränderns – transitiv und reflexiv, vor allem aber sehr beeindruckend. Mich haben sie sprachlos gemacht.

Wir danken Jörg Hackeschmidt, der den Staffelstab der Briefe unserer Leser aufnimmt und die 15. Folge beisteuert.

Jörg Hackeschmidt Brief eines Lesers (15)

Das neue Kursbuch verweigere Zeitgenossenschaft. Seine »programmatische Gelassenheit« sei letztlich problematisch, denn: »Wer lediglich auf Komplexität und Kompliziertheit, auf Krisenhaftigkeit und Unregierbarkeit verweist, bezahlt dies mit einem Verlust an Relevanz.« Also: Bitte mutiger, bitte eckiger, bitte mehr Einordnung und Analyse und weniger bloßes Beobachten. Offenbar haben sich die Herausgeber des Kursbuches die Kritik von Jens Bisky zu Herzen genommen, die er im ersten »Brief eines Lesers« geäußert hat – in der Nummer 171 mit dem wunderbaren Titel Besser optimieren, erschienen im Juni 2012. Die letzte Ausgabe, Nummer 186, trägt den schicken Titel Rechts. Ausgrabungen und positioniert sich klar und deutlich. Vermutlich aber nicht unbedingt so, wie es Jens Bisky vorschwebte.

Ton und Flughöhe dieser Ausgabe setzt taz-Redakteur Daniel Bax, der sich seit Jahren zum Thema Islam, Migration und »Rechte« äußert und gegen alle polemisiert, die er der »Islamkritik« für verdächtig hält. Man wird ihm nicht zu nahe treten, wenn man ihn als einen Wortführer des linken Justemilieu bezeichnet. Sein Beitrag mit dem Titel »Feindbild: Islam. Die rechten Retter des Abendlandes« ist eine Art Zusammenfassung eines Buches, das er vor ein paar Monaten publiziert hat. Und damit beginnt das Problem, denn eine »Ausgrabung«, welcher Art auch immer, hat Herr Bax nicht zu bieten. Für ihn ist der Islam lediglich eine Art Lackmustest. Zwischen Muslimen und Islam unterscheidet er nicht. Er erkennt auch keinen Unterschied zwischen deutschen AfD-Politikern, französischen Rechtspopulisten und Intellektuellen wie Hamed Abdel-Samad, Ayaan Hirsi Ali, Necla Kelek oder Leon de Winter. Alle machen sich des »antimuslimischen Rassismus« schuldig, alle sind »vermeintliche Islamexperten«, alle gehören einer großen Verschwörung an: der »Islamkritik-Industrie«. Klappe zu, Affe tot, Diskurs unterbunden. Der moralisierende Gestus ersetzt das Argument. Ein pauschaler Rassismusvorwurf wird mehrmals wiederholt, augenscheinlich, um möglichst viele Namen mit dem Bannstrahl des Gesinnungsrichters zu markieren: Ralph Giordano, Henryk M. Broder, Heinz Buschkowsky, Papst Benedikt XVI., Bischof Joachim Huber.

Nun ist es nicht so, dass der Leser nicht durchschaute, dass es Daniel Bax keineswegs um überraschende Zusammenhänge, um den Austausch von Argumenten oder überhaupt um Erkenntnis geht, sondern ausschließlich um Meinung; genauer gesagt führt er den immerwährenden Kampf um die sprichwörtliche Deutungshoheit, den alle Anhänger des italienischen Neo-Marxisten Antonio Gramsci seit jeher führen. Was zählt, ist Definitionsmacht: Worüber darf geredet werden – und worüber nicht. Delegitimierung, zum Beispiel durch die Verwendung des Attributs »vermeintlich« in Verbindung mit »Islamexperte«, ist ein bewährtes Mittel dieser moralisierenden, aber argumentationsfreien Paintball-Taktik, die unverhohlen dogmatisch und antiliberal auftritt. Trotzdem ist man immer wieder überrascht von der manichäischen Wut, die alle und jeden zu ideologischen Feinden erklärt, die die vorgegebenen diskursiven Spurstangen, gesetzt von den kleinen und großen Savonarolas des Justemilieu, ignorieren. Angemerkt sei an dieser Stelle, dass Liane Bednarz in ihrem Beitrag »Radikal bürgerlich« einen ähnlichen Weg wie Bax beschreitet und gleichermaßen argumentationsfrei mit ihrem politischen Paintball-Markierer durch die Diskurslandschaft der Republik schreitet.

Über die Neue Rechte ließe sich in der Tat viel schreiben und auch ausgraben. Der Publizist und Schriftsteller Marko Martin schrieb bereits Anfang Januar 2016 in einem knappen Essay für die Welt, dass die Möchtegern-Abendlandretter, Europas neue Autoritäre, mit Werten hausieren gehen, die sie täglich selbst verraten. Und er wies darauf hin, dass der Hauptfeind dieser vermeintlichen Traditionalisten der Liberalismus, die demokratische, tolerante Mitte ist. Was also nicht passieren darf, ist, dass unsere offene Gesellschaft bei jedem Problem, bei jeder neuen Herausforderung fragt, ob man überhaupt darüber sprechen darf; es könnte ja bestimmten Leuten politisch in die Hände spielen.

Im Übrigen ist der Streit um eine angemessene Auseinandersetzung mit der kulturell-gesellschaftlichen Anspruchshaltung des Islam alles andere als neu. Erinnert sei an die europaweit geführte Debatte über Multikulturalismus, Integration und Islam, die mit einem Essay von Pascal Bruckner auf dem Literaturblog Perlentaucher.de (und der englischen Schwester-Website signandsight.com) im Januar 2007 begann. Angezettelt hatte sie Perlentaucher-Chef Thierry Chervel und teilgenommen haben Intellektuelle, Wissenschaftler und Publizisten wie Ian Buruma, Timothy Garton Ash, Francis Fukuyama, Ulrike Ackermann, Adam Krsemiński, Bassam Tibi und andere. Dokumentiert ist sie nicht nur im Netz, sondern auch ganz konventionell bei der Edition Suhrkamp unter dem Titel Islam in Europa. Eine internationale Debatte (hrsg. von Thierry Chervel und Anja Seeliger, 2007). Eine (erneute) Lektüre lohnt, denn ein echter Diskurs über das Aufeinandertreffen des Islam und des Toleranzgebots unserer Gesellschaften steht erst am Anfang und wird uns noch lange begleiten. Interessant wären eine Erweiterung des Denkraumes und eine Berücksichtigung von Einsichten, wie sie Verhaltensökonomen oder Spieltheoretiker zum Thema Migration, Integration und Religion beisteuern könnten.

Vor 24 Jahren veröffentlichte Hans Magnus Enzensberger, Gründer des Kursbuches und intellektueller Leuchtturm bis in unsere Tage, einen Essay in Buchform: Die Große Wanderung. 33 Markierungen. Enzensberger beklagte schon in der damaligen Migrationsdebatte den moralisierenden Gestus, »der an Selbstgerechtigkeit nichts zu wünschen übrigläßt«. Immigranten würden idealisiert, nach einem Schema, das an Philosemitismus erinnert. Doch wer Gesinnung als politische Lösung ausgibt, »ohne Rücksicht auf Realisierbarkeit«, mache sich unglaubwürdig und handlungsunfähig. Da nütze es auch nichts, zu glauben, »dass das widerspenstige Sein dem richtigen Bewusstsein schon parieren werde, wenn man den Leuten nur genügend einheizt«, wie »eine desorientierte Linke« offenbar nach wie vor glaube.

Armin Nassehi hat es zu seinem Markenzeichen gemacht, darauf hinzuweisen, dass links, rechts, progressiv und konservativ als politische Kategorien nicht mehr taugen. Jens Bisky merkte an, dass distanziertes Konstatieren auch so seine Nachteile hat. Das führt zu Jürgen Kaube, der für das Kursbuch 178 in seinem »Brief eines Lesers« mit Blick auf eine gelungene Zeitdiagnostik anmahnt, »semantisch abzurüsten« und sich im Übrigen »auf sachdienliche Hinweise zu konzentrieren«. Was nicht heißt, in Zukunft keine neuen »Tiefenbohrungen« (Felixberger) zu versuchen. Im Gegenteil: Kursbuch verpflichtet.

Für eine versöhnliche Schlusslektüre sorgt schließlich ein alter Liberaler, John Stuart Mill, dessen eleganter Stil und, mehr noch, dessen stichhaltige Argumentation den Leser gleichzeitig beschwingt und demütig zurücklässt. Wie er den wahrhaft rassistischen Hochmut und die intellektuelle Schlichtheit von Thomas Carlyle in »Die Negerfrage« entblößt, der zu den einflussreichsten Meinungsbildnern im viktorianischen Großbritannien zählte, ist bemerkenswert. Ironietauglich ist es, dass Carlyle, ein berühmter Vertreter des sozialen Idealismus und tapferer Kämpfer gegen den Materialismus, der selbst von Friedrich Engels gerühmt wurde, sich so unumwunden als Apologet eines gnadenlosen Kolonialismus outet – und ausgerechnet von jemandem bloßgestellt wurde, der heute wohl unter »neoliberal« oder gar »rechts« abgeheftet würde.

Wo waren gleich noch einmal links und rechts?

Armin Nassehi Die große Weltveränderung Eine Collage in sieben Bildern

Erstes Bild: Veränderung ist unvermeidlich

Veränderung ist ein starker Imperativ. Veränderung ist ein unvermeidlicher Imperativ, meist gepaart mit der Idee, dass die Veränderung auf Verbesserung gerichtet ist. Der Blick in die Vergangenheit verheißt eine bessere Zukunft, weil die Vergangenheit den Maßstab für die Veränderung liefert und damit auch Verheißungen fürs Zukünftige. Bildungsverläufe, Produktzyklen, Problemlösungen aller Art reagieren auf und erzeugen Veränderungen. Nichts soll bleiben, wie es ist, bisweilen auch darum, damit manches bleiben kann, wie es ist. Veränderung ist der Normalfall der Welt, den einen zu schnell, den anderen zu langsam, aber allen plausibel. Aber eben: unvermeidlich.

Zweites Bild: Die Vermeidung von Veränderung

Es ist sicher keine Übertreibung, zu behaupten, dass der größte Teil der Menschheitsgeschichte davon geprägt war, Veränderungen zu vermeiden und dafür zu sorgen, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind. Ohne dies hier systematisch zu entfalten, kann man etwa an Jan Assmanns Rekonstruktion der altägyptischen Gesellschaft denken. Selbstverständlich hat auch Altägypten Bewegung wahrgenommen, etwa die Bewegung der Sonne und der Gestirne ebenso wie die Bewegungen des Alltags und der weltlichen Ereignisse. Aber gerade in der rituellen Wiederholung der Bewegungen der Sonne im Sonnenkult wird letztlich eine stationäre Welt erzeugt, deren Perfektion darin besteht, dass Bewegung am Ende doch zur Permanenz hin strebt und, so Assmann, besonders in den Monumentalbauten dieser frühen Hochkultur zum Ausdruck kommt, als Verhältnis von »Stein und Zeit«.1 Überhaupt haben die klassischen Hochkulturen sich mit großen metaphysischen Entwürfen der Permanenz gegen die physischen Plagen der Veränderung gewehrt. Im europäischen Denken kommt das sicher im Platonismus am ehesten zum Ausdruck. Die Vergänglichkeit des Seienden und die Bewegungen in der Welt sind für Platon, wie man im Timaios (38a) nachlesen kann, keineswegs Anlass dafür, eine sich verändernde Welt anzunehmen. Die vom uneigentlichen Wandel der Welt getrennte Sphäre des Unwandelbaren ist semantischer Ausdruck einer Welt, die sich letztlich nicht dem Imperativ der Veränderung unterwirft, sondern Veränderung möglichst entdramatisieren wollte. Aristoteles konnte die Bewegung der Welt nur auf einen unbewegten Beweger zurückführen.

Erst mit der Idee der Heilsgeschichte des jüdischen und christlichen Denkens kam so etwas wie Beweglichkeit in die Welt, als Heilsgeschichte freilich kein innerweltliches Veränderungsprinzip. Erst mit der Neuzeit und langsamer, als wir uns heute vorstellen können, hat sich mit der Emanzipation des Neuen in Spezialbereichen der Gesellschaft ein Sensus für Veränderung, und zwar für gewollte Veränderung durchgesetzt. Das Neue in Wissenschaft, Wirtschaft, Pädagogik, Politik, im Künstlerischen und sogar im Religiösen wird unmerklich zum eigentlichen Ziel von Wissenschaft, Wirtschaft, Pädagogik, Politik, Kunst und sogar der Religion. Die Welt begann modern zu werden und erzeugte eine Veränderungsdynamik.

Schon im späten Mittelalter wird der Begriff »modern« benutzt, um ein zeitliches Verhältnis zu beschreiben. Die Unterscheidung zwischen den antiqui und den moderni dient etwa dazu, sich theologisch von den Kirchenvätern oder den Juden des Alten Testaments abzusetzen. Modernus war bis dahin nur ein Ausdruck für das Heutige, das Gegenwärtige, ohne dass damit eine weitere qualitative Dimension angesprochen wäre. Später kommt der Begriff des Modernen dann vor allem in Diskursen der Renaissance vor, in denen es um das zeitliche und qualitative Verhältnis zur Antike geht. Besonders bedeutsam für den Begriffsgebrauch war die »Querelle des Anciens et des Modernes«, ein literarischer Streit in Frankreich gegen Ende des 17. Jahrhunderts, in dem es ebenfalls um die Frage des qualitativen Verhältnisses von antiker und »moderner« Dichtung ging.2 Zunächst als reiner Zeitbegriff verstanden, wandelte sich der Begriff des Modernen in der Querelle zu einem Begriff, der eine »neue Zeit« bezeichnet, oder, wie Reinhart Koselleck schreibt, »nämlich neu zu sein in dem Sinne des ganz Anderen, gar Besseren gegenüber der Vorzeit. Dann indiziert die neue Zeit neue Erfahrungen, die so zuvor noch nie gemacht worden seien, er gewinnt eine neue Emphase, die dem Neuen einen epochalen Zeitcharakter beimißt.«3 Wenn es etwa bei Michel de Montaigne noch vorsichtig heißt: »Eine Wahrheit ist nicht deshalb vernünftiger, weil sie alt ist«4, heißt es bei Francis Bacon schon: »Das günstige Vorurtheil für die Alten ist aber ganz grundlos und steht fast mit dem Worte selbst in Widerspruch. Denn es gebührt dem spätern mündigern Alter der Welt, also unsern und nicht jenen jüngern Zeiten, worin die sogenannten Alten lebten, der Name des Alterthums. Jene Zeit ist in Rücksicht auf die unsrige zwar älter, aber in Rücksicht der Welt selbst jünger.«5 Während bei Montaigne Epochen noch prinzipiell und potenziell gleich gut und gleich schlecht sein können, was sich schon von der Heilsgeschichte der göttlichen kairoi wie von der Begeisterung der Renaissance für die Antike absetzt, wird Wahrheit bei Bacon verzeitlicht: Die Abfolge der Epochen ist ein Reifungsprozess von der jungen Antike zur älteren Gegenwart, wobei die Geschichte selbst als Mutter der Wahrheit betrachtet wird. Bacon nennt »die Wahrheit eine Tochter der Zeit, nicht des Ansehns«6. Hier beginnt dann die Idee der Zukunftsorientierung, des Immer-Mehr und Immer-Besser der Moderne und damit die Unvermeidlichkeit der Veränderung – zunächst tatsächlich noch als Fortschrittsglaube an eine bessere, später dann als Risikobewusstsein einer unsicheren Zukunft.7

Drittes Bild: Evolution vs. Planung

Planung ist eine Idee davon, was geschehen soll. Evolution ist das, was geschieht. Beides findet in konkreten Gegenwarten statt, und beides verändert die Welt. Wer die Welt planend verändern will, muss in einer gegenwärtigen Gegenwart eine Idee einer zukünftigen Gegenwart haben, zugleich auch eine Idee davon, wie man die zukünftige Gegenwart erreichen kann. Planung muss also in der Lage sein, mithilfe von erklärbaren Kriterien, nachvollziehbaren Rationalitäten und verfügbaren Ressourcen die Zukunft so zu binden, dass die erwünschte Wirkung erzielt werden kann. Übrigens entscheidet sich die Güte von Planung zunächst in der planenden Gegenwart, denn wer plant, muss jetzt überzeugen, also glaubhaft machen, dass die Dinge sich so entwickeln, wie man es erwartet, wenn bestimmte Mittel eingesetzt werden. Man muss jetzt die Berechnungsgrundlagen plausibel machen, jetzt in der Lage sein, Gefolgschaft für Planungen zu bekommen oder finanzielle Mittel dafür zu akquirieren. Planungen sind paradoxe Veranstaltungen, weil sie etwas wissen müssen, was man nicht wissen kann. Das heißt übrigens nicht, dass man nicht planen kann. Die Formel lautet vielmehr: Je komplexer, also je uneindeutiger, je weniger monokausal eine Situation ist, desto schwieriger dürfte Planung sein.

In den Reflexionstheorien des Planens hat man sich deshalb inzwischen von strikten Kausalitäten und Eindeutigkeiten auf Szenarien verlegt.8 Szenarien gehen stets davon aus, dass sich aus einer bestimmten Situation mehrere unterschiedliche Folgen ergeben können. Das Unerfreuliche am Kausalitätsschema ist nämlich, dass es nur im Nachhinein funktioniert. Wir kennen das aus der Forschung über große technische Systemunfälle. Man kann im Nachhinein fast immer ziemlich genau kausal rekonstruieren, warum ein Atomkraftwerk havariert, ein Flugzeug abstürzt, ein Börsenkurs crasht oder ein Flughafenbau nicht fertig wird. Aber aus den Elementen solcher Systeme lässt sich eben nicht im Vorhinein bestimmen, welche Art von Störung beziehungsweise ob überhaupt eine Störung auftaucht. In Szenarien zu denken ist natürlich ein selektives Geschehen, weil man auch nur jene Szenarien in den Blick nehmen kann, auf die man vorher kommt oder die auf bestimmte Parameter reagieren, aber letztlich hat man schon auf die Idee der Kausalität und der strikten Planung verzichtet, wenn man Szenarien überhaupt in Erwägung zieht. Die Planungseuphorie in der Mitte des letzten Jahrhunderts hat jedenfalls nicht aus theoretischen oder akademischen Gründen Schaden gelitten, sondern schlicht deswegen, weil sich beim Versuch, die Welt planend zu verändern, ganz andere Veränderungen eingestellt haben.

Man musste also beginnen, mit Evolution zu rechnen, das heißt nicht nur damit, was man will, sondern vor allem damit, was tatsächlich geschieht. Als grundlegende evolutionäre Mechanismen gelten Variation und Selektion. Dieses Modell hat Donald T. Campbell für die soziokulturelle Evolution um eine dritte Kategorie erweitert, die Restabilisierung nämlich.9 Campbell war es vor allem darum zu tun, neben der Variation und Selektion auch den Mechanismus der (Re-)Integration des Neuen in ein System beschreibbar zu machen. Ein erfolgreicher Evolutionsschritt ist erst dann erfolgt, wenn das Neue so auf Dauer gestellt werden kann, dass seine Struktur gesichert bleibt, etwa durch Institutionen oder andere Formen der Stabilisierung von Erwartungen. Einfacher gesagt: wenn sich die Welt durch Restabilisierung verändert hat. Evolution ist ein blindes Geschehen, das sich in Echtzeit, gegenwartsbasiert, unmerklich ereignet. Und das ist eine der Grunderfahrungen unserer Zeit: dass sich die Dinge evolutionär verändern, ohne dass die Ergebnisse so jemals geplant oder gewollt wurden.

Die Ergebnisse von Planungen werden deshalb oftmals durch Evolution eingeholt, vielleicht sogar konterkariert oder gewendet. Man weiß dann am Ende nicht mehr, ob sich die Welt selbst geändert hat oder ob jemand sie verändert hat. Beides, so muss man freilich sagen, gehört zur soziokulturellen Evolution.

Viertes Bild: Die Trägheit der Masse

Wie kann man offenkundig unerwünschte Praktiken verändern? Denken wir an alltägliche Phänomene: das Paar, das immer wieder in die gleichen Streitigkeiten und Konflikte gerät; das eigene Essverhalten, das dem Körpergewicht nicht guttut; der unangemessene Fahrstil im Straßenverkehr; die Neigung, beim Arbeiten den eigenen Schreibtisch in ein Schlachtfeld zu verwandeln; die Dokumentation von Informationen zum Weitergebrauch (etwa Einträge in den Kalender) usw. Es handelt sich bei alldem um relativ leicht überschaubare Störungen, für deren Bewältigung genügend Wissen zur Verfügung steht: Man kann in einer Partnerschaft wissen, welche Sätze man nicht sagen sollte – und tut es doch; man weiß, was, wie und wie viel man essen müsste, um lästiges Gewicht loszuwerden – und hält sich doch nicht daran; man weiß genau, wie man zu schnelles Fahren vermeiden kann – und tut es doch nicht; man weiß genau, dass man am Schreibtisch die Dinge nach Gebrauch wieder an seinen Platz legen muss – und lässt doch alles liegen; man weiß genau, dass der eben vereinbarte Termin mit großer Wahrscheinlichkeit verloren geht, wenn man ihn nicht gleich in den papiernen oder elektronischen Kalender einträgt, usw. Die Beispiele sind ebenso simpel wie beliebig. Sie verweisen aber darauf, wie schwierig es ist, Praktiken, die sich einmal etabliert haben, wieder loszuwerden. Zu glauben, dass bloßes Wissen ausreicht, um sich, sein Verhalten oder die Welt zu verändern, ist naiv. In evolutionstheoretischen Begriffen gesprochen, verfangen wir uns stets in den institutionalisierten Restabilisierungen, die hinter unserem Rücken gelten und wirken – mächtiger als unsere Beteuerungen, mächtiger als unser Wissen, sogar mächtiger als unsere Intentionen.

Das Bild der Trägheit der Masse passt deshalb gut, weil mit der Massenträgheit Bewegungsrichtungen, Pfadabhängigkeiten und Wahrscheinlichkeiten vorgegeben sind, die fast nur indirekt zu verändern sind. Hier stoßen wir wieder auf die Unterscheidung von Evolution und Planung. Wahrscheinlich wird man solche Pfade nur los, wenn man der Evolution unter die Arme greift und Variations- und Selektionsmöglichkeiten erhöht, um dann auf Restabilisierungen zu hoffen. Veränderungen müssen listig angegangen werden, listig in dem Sinne, dass man ihnen eine Chance geben muss, sich von den Intentionen der Beteiligten unabhängig zu machen. Wenn sich die Dinge bewähren, kommen die Intentionen schon hinterher.

Die Beispiele waren Alltagsbeispiele für Restabilisierungen, in denen wir gefangen sind und die zu verändern schwierig ist. Wir leben also, um im Bilde zu bleiben, nicht in einer leibnizschen prästabilierten Harmonie, sondern in einer restabilierten Harmonie, deren unsichtbare Macht man nicht unterschätzen darf. Paradox ist dann, dass es offenbar nicht möglich ist, Veränderung durch Aufklärung anzuregen, sondern eher umgekehrt: Aufklärung durch Veränderung. Das ist ein pädagogischer Gedanke: Verhältnisse einzurichten, in denen sich anderes Verhalten so bewähren kann, dass es sich normalisiert. Deshalb sind Veränderungsprozesse auch nicht zu demokratisieren oder zu rationalisieren – es gehört immer ein Stück Führung, Asymmetrie und listige Strategie dazu. Am Ende muss es dann die Evolution richten. Die Kunst wäre also geplante Evolution? So weit kann man nicht gehen, aber das ist die Richtung, in die gedacht werden muss.

Fünftes Bild: Die Unerreichbarkeit der Welt/Gesellschaft

Der Begriffsgebrauch, die Welt zu verändern, ist fahrlässig. Veränderungen kann es nur in der Welt geben – und man muss dabei die Welt voraussetzen. Beliebt sind die Veränderungshebel, die gesamte Welt oder Gesellschaft wie ein Objekt verändern zu wollen oder aber auf Einsicht in die Notwendigkeit bestimmter Verhaltensänderungen zu setzen. An anderer Stelle habe ich das Erste mit eher linken Veränderungsideen und dem Motiv der Gesellschaftskritik verknüpft, das Zweite mit dem eher konservativen Gedanken der bürgerlichen Selbsteinschränkung, also der Versöhnung von Wollen und Sollen.10 Beide jedenfalls stoßen auf die Veränderungsverweigerung einer Gesellschaft, deren Evolution einen nie gekannten Variantenreichtum erlaubt – Varianten von Lebensformen, kulturellen Möglichkeiten, Pluralität, Uneindeutigkeit, Abweichungsverstärkungen usw. Die Gesellschaft kennt aber auch die brutale Stabilität mancher ihrer evolutionär restabilisierten Grundcodierungen und Logiken, die Veränderungsmöglichkeiten geradezu korrumpieren. So kann man eine andere Wirtschaft wollen – stößt aber auf die Brutalität, dass ökonomisch nur geht, was sich ökonomisch rechnet; man kann Politik verändern wollen – stößt aber auf innere Notwendigkeiten, dass es nicht nur um andere Lösungen geht, sondern auch um ihre Durchsetzbarkeit vor einem politischen Publikum; man kann rechtlich mehr Gerechtigkeit wollen – stößt aber auf das Problem, dass das entscheidungs- und verfahrensbasiert geschehen muss; man kann eine andere Bildung wollen – stößt dann aber auf das grundlegende Technologiedefizit aller Pädagogik; man kann eine andere Gesellschaft wollen – und ist doch immer in derselben schon gefangen. Wir leiden unter der Erfahrung, dass die Gesellschaft, ja die Welt sich selbst verändert, während wir sie verändern wollen – und unter der Erfahrung, dass sich viele Routinen der Welt schlicht nicht um unsere Veränderungsbemühungen kümmern. Diese Kränkung kompensieren wir wohl damit, dass Veränderungsabsichten oder Veränderungsimperative gerne mit moralischen und pathetischen Verstärkern dargereicht werden.

Sechstes Bild: Change Management

Eines der wichtigsten sozialen Gebilde der modernen Gesellschaft sind Organisationen: Es gibt in der Moderne keine Ökonomie ohne Unternehmen, Banken und Börsen, keine Wissenschaft ohne Forschungsinstitute und Universitäten, keine Bildung ohne Schulen, keine Politik ohne staatliche Organisationen, kein Recht ohne Gerichte, Staatsanwaltschaften, Kanzleien, keine Religion ohne Kirchen, keine Medien ohne Verlage, TV-Sender und Redaktionen usw. Fast alles, was mit Folgen geschieht, geschieht in und durch Organisationen. Organisationen organisieren Komplexität und Arbeitsteilung, sie reproduzieren sich durch Selbstfestlegungen und Entscheidungen, sie können relativ klare Mitgliedschaftsbedingungen festlegen. Sie stemmen sich gegen Veränderungen.

Auch deshalb hatten Organisationen immer schon eine schlechte Presse. Als »Bürokratie« standen sie für schwerfälliges Wiederholen des immer Gleichen; sie standen im Ruf, dass es ihnen ziemlich egal ist, was organisiert wird, wenn es nur gut organisiert wird; sie standen im Verdacht, Menschen nach anonymen Kriterien zu behandeln; sie galten als Instrumente, aus kreativen Menschen Fließbandbediener, Stempelstempler und entfremdete Korinthenkacker zu machen. Max Webers »Fachmenschen ohne Geist« oder Frederick Winslow Taylors »scientific management« hört man hier buchstäblich mitschwingen – und profitiert doch davon, dass Prozesse fast somnambul wiederholbar sind, dass man als Kunde oder Antragsteller anonym bleiben kann und dass es in Organisationen Leute gibt, die sich stupend an Regeln halten und nicht groß nachfragen. Das Eigentümliche an Organisationen ist, dass ihre Schwächen und ihre Stärken aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Sie stellen Muster auf Dauer, haben ausgeprägtere Erinnerungsleistungen als ihre Mitglieder und lassen sich bisweilen schwer irritieren – und wo dies die Lösung für vielfältige Probleme ist, wird daraus bisweilen das Problem selbst.

Aber: Gerade weil Organisationen die Funktion haben, sich gegen allzu schnelle Veränderungen zu wappnen, kann man sie verändern!

An der gegenwärtigen Diskussion um den Wissenschaftsstandort Deutschland etwa lässt sich das gut beobachten. Die stupende (und bisweilen stupide) Rede von der Exzellenz der Forschung, der Relevanz der Lehre, der Investigation von Fragen und der Implementation von Lösungen ist die eine Seite. Die andere Seite ist die, dass die Reformprozesse nichts mit Fragen nach Exzellenz und Relevanz im engeren Sinne zu tun haben, sondern nur mit ihrer Organisation. Es ist die Rede von neuen Führungskonzepten; Fakultäten sollen hinter thematischen Zentren verschwinden; die Einzelforschung soll sich großen Clustern fügen; der Bologna-Prozess organisiert Studiengänge so, wie es jeder Karikatur einer kafkaesken Zwangsverwaltung zur Ehre gereichen würde; und alles wird stets und immer wieder effizient und nach wiederholbaren Mustern bewertet, evaluiert, zielvereinbarungskompatibel dokumentiert und entsprechend inszeniert.

Exzellenz scheint ein Organisationsproblem zu sein. Wenn man die Großberater von Universitäten so reden hört, kann man sehr schön beobachten, welche Sätze ausdrücklich vermieden werden. Allerlei Fakultäten, sowieso die geistes- und kulturwissenschaftlichen, sind dann »falsch aufgestellt«, wie es immer wieder heißt.

Vermieden wird dagegen offensichtlich die Frage, was denn bessere Forschung und Lehre wäre, wie sich das Denken und Tun von Wissenschaftlern tatsächlich verbessern ließe – und was denn »besser« eigentlich heißt. Und wer sich in solchen Organisationen aufhält, wird gerne dagegen protestieren, wie wenig es dabei um das Eigentliche geht: ums Forschen und Lehren, um Themen und Aufgaben usw. Man müsste sich freilich den Aufstand vorstellen, der sich einstellen würde, wenn es wirklich um diese Fragen ginge. Stattdessen stellen wir uns immer wieder neu auf. Wir fusionieren und verkoppeln; wir differenzieren und entkoppeln; wir machen Studienleistungen von Sizilien bis zum Nordkap Punkt für Punkt kompatibel und führen interne und externe Bewertungs- und Komparationsparameter ein, die ja nicht messen, was da ist, sondern provozieren, was sich dann messen lässt.

Vielleicht reicht diese oberflächliche Beschreibung aus dem universitären Bereich schon, um zu verstehen, warum sich die moderne Gesellschaft (hier in Form ihrer Wissenschaft) zwar nicht wirksam und direkt verändern lässt, dafür aber ihre Organisationen – was eine ganze Change-Management-Industrie ermöglicht, die wahrscheinlich deshalb so gut bezahlt wird, damit man die Diskrepanz zwischen dem Organisierbaren und dem Unorganisierbaren nicht sehen muss.

Siebtes Bild: Der Segen des Unorganisierbaren

Wenn wir etwas geplant verändern, verändern wir meistens durch Entscheidung von Organisationen. Das heißt: Verändert wird das Organisierbare, zumeist Strukturen, Zuständigkeiten, Arbeitsteilung, Geldflüsse, Ressourcenaufteilung usw. Davon kann das Nichtorganisierbare verschont bleiben, wenn es gut läuft.11 Ob an Universitäten gut gelehrt wird, ob die Ärztin den Patienten versteht, ob der Priester dem verzweifelten Gläubigen wirklich hilft, ob der Richter Augenmaß hat, ob der Politiker auf eine gute Idee kommt oder der Lehrer seine Schülerinnen und Schüler erreicht – all das kann sich weitgehend nur praktisch, nur von selbst verändern und entzieht sich dem Zugriff der Organisationsentscheidung. Selbst in den autoritärsten Systemen, selbst mit den dümmsten Führungskräften und selbst mit den beklopptesten Change-Beratern lässt sich nicht verhindern, dass sich das Unorganisierbare selbst an die Gegebenheiten anpasst und verändert – bisweilen ungestört von den Veränderungsmanagern mit den großen Sätzen und den großen Tagessätzen. Es gibt einen Segen des Unorganisierbaren.

Es gibt aber auch einen Segen der Organisation, die Biotope ermöglicht, in denen getan werden kann, was getan werden muss. Vielleicht ist das die Quintessenz des Veränderungsthemas: dass es nur mit List und Tücke, mit indirekten Strategien und mit einem wirklich klugen Können geht, will man tatsächlich etwas verändern. Ansonsten ist beruhigend, wie wenig sich die Welt um unsere Veränderungsabsichten schert und sich unmerklich selbst verändert. Liberal und plural können Gesellschaften jedenfalls nur sein, indem sie darauf verzichten, alles veränderungsbereit organisieren zu wollen – exakt deshalb haben autoritäre Ideologien von rechts und links ganze Gesellschaften stets mit Organisationen verwechseln wollen.

Anmerkungen

1 Vgl. Jan Assmann: »Stein und Zeit. Das ›monumentale‹ Gedächtnis der altägyptischen Kultur«. In: Jan Assmann, Tonio Hölscher (Hrsg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt am Main 1988, S. 97–114.

2 Vgl. Hans Ulrich Gumbrecht: »Art. Modern, Modernität, Moderne«. In: Otto Brunner et al. (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 4. Stuttgart 1978, S. 93–131.

3 Reinhart Koselleck: »Das achtzehnte Jahrhundert als Beginn der Neuzeit« In: Reinhart Herzog, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Epochenschwelle und Epochenbewusstsein. München 1987, S. 269–282, hier S. 271.

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