Kursbuch 190 -  - E-Book

Kursbuch 190 E-Book

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Beschreibung

Und da bin ich daheim! In Städten kristallisiert sich nicht nur der gesellschaftliche Fortschritt. Tür an Tür wohnen unterschiedlichste Kulturen, Lebensstile und Überzeugungen. Hier wird das Unkontrollierbare gepflegt, die Abweichung, der Protest, aber auch Innovation, Kreativität und digitale Arbeitswelten. Das Kursbuch unternimmt deshalb eine Reise in ausgewählte Metropolen und Städte rund um den Erdball. Dorthin, wo Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung auf Kontrolle und Zurichtung treffen. Dorthin, wo der Mensch zum selbstbewussten Citoyen wird, aber auch ausgegrenzt und an den Rand gedrängt wird. Dorthin, wo Autonomie und Gewalt nur einen Steinwurf auseinanderliegen. Denn Städte sind die Laboratorien einer globalisierten Moderne, in denen ein immer größer werdender Anteil der Weltbevölkerung leben will. Die Städte der Welt sind miteinander vernetzt – eng oder lose gekoppelt, auf Augenhöhe oder in asymmetrischen Beziehungen, ähnlich oder sehr unterschiedlich. Die Städte der Welt befinden sich inzwischen in einer Welt – sie alle tragen Namen, sind mit einem Charakter, einer eigenen Geschichte, einer Identität ausgestattet. Aber haben Städte wirklich eine besondere Seele oder eigene Identität? Sind sie unverwechselbar oder doch austauschbar? Wir präsentieren intellektuelle Ansichtskarten aus aller Welt.

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Stadt. Ansichten.

 

Inhalt

Armin Nassehi | Kein Editorial. Urbanität als Anerkennungsmedium

Janina Fleischer | Brief einer Leserin (18)

Alexander Gutzmer | Donald Trump hasst Städte. Über die kreative Uneindeutigkeit im städtischen Raum

Gregor Dotzauer | Peking

Kevin Kuhn | Mexiko-Stadt

Stephan A. Jansen | Magnetische Metropolen. Über die Anziehungskraft von beweglichen Städten

Kathrin Röggla | Berlin

Hermann Sottong | Stadt. Bürger. Sinn. Glanz und Elend von Stadtpolitik – der Fall Regensburg

Iwan Baan | CITIES

Hans Pleschinski | München

Stephan Rammler | Stadt ohne Wagen. Eine kleine Geschichte urbaner Mobilität

Jochen Schmidt | Sankt Petersburg

Daniela Roth | Für jedes Volk ein Wartesaal. Afrika und seine Megastädte

Sven Murmann | Hamburg

Alfred Hackensberger | Tanger

Anhang

Die Autoren

Impressum

Armin Nassehi Kein Editorial Urbanität als Anerkennungsmedium

Hier steht üblicherweise das Editorial. Dies ist kein Editorial. Das Editorial hat etwas Zentralistisches, es ist eine Textsorte, die so tut, als kontrolliere sie den Rest des Kursbuchs – auch wenn alle Welt weiß, dass es erst geschrieben wird, wenn es nichts mehr zu kontrollieren gibt, also zum Schluss, damit es am Anfang stehen kann. Ein Editorial entspricht der Ästhetik des Städtischen, widerspricht aber der Praxis des Städtischen. Auch Städte sehen ästhetisch oft so aus, als hätten sie ein Editorial – eine erzählbare Geschichte, einen Namen mit Legende, ein Zentrum mit Prunk oder ein repräsentatives Ensemble, das sich wie eine Art Kontrollzentrum ausgibt. Aber auch all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Städte eher dezentral operieren – was gerade deshalb zentralistische Instanzen wie Stadtplaner und Ordnungsagenten anzieht. Je mehr Planungsinstanzen, desto weniger Kontrolle.

In der Stadt ist man aber immer schon drin, egal, wo man einsteigt, reinfährt, aussteigt oder landet. Es muss nicht das Zentrum sein, auch nicht der Anfang, nicht einmal der Ort selbst. Wir steigen also beliebig ein, nämlich hier: Hier geht es nicht um Städte, sondern um Urbanität. Die folgenden Überlegungen sind keine empirischen Überlegungen, sondern eher begriffliche oder besser: diagnostische Überlegungen. Sie sollen freilegen, wovon wir eigentlich reden, wenn wir vom Städtischen reden – vom Städtischen, nicht von konkreten Städten. Städte sind relativ späte Erfindungen der Menschheitsgeschichte, auch wenn vormoderne Hochkulturen sogar begrifflich am Städtischen orientiert sind. Es ist übrigens umstritten, was unter Städten zu verstehen sei. Sie haben keine klaren Grenzen, man kann sie im soziologischen Sinne nicht als Systeme beschreiben. Sie sind keine Gesellschaften, aber auch keine Organisationen. Was Städte aber ausmacht, ist ein Raum- oder besser Ortsprinzip. Städte sind stets irgendwo. Man findet sie auf Landkarten, man kann die Welt danach beschildern, wo Städte sind. Sie sind also Orte, an denen etwas geschieht.

Vielleicht kann man für den europäischen Fall drei Idealtypen solcher Örtlichkeiten unterscheiden: das Dorf, das Kloster und die Stadt. Das Dorf ist vor allem von Gleichartigkeit geprägt. Tätigkeiten, die innerhalb eines Dorfes verrichtet werden, sind nicht wirklich gleich, aber insofern gleichartig, als sie sichtbar aufeinander bezogen sind und deshalb sehr sensibel auf Abweichung und Varietät reagieren. Hier hat alles und jeder und jede einen Ort, Rollen sind transparent und bekannt. Das Kloster dagegen ist wie eine Organisation aufgebaut, mit klarer arbeitsteiliger Struktur und vor allem mit dem Medium der zentralistischen Entscheidbarkeit von Sachverhalten und spezifischen Mitgliedschaftsrollen – deshalb waren Klöster in manchen Regionen mindestens so starke Modernitätsgeneratoren wie Städte. Diese beiden Sozialformen bringen zueinander passende Formen miteinander in Verbindung.

Städte dagegen haben es mit der Koordination von Disparatem zu tun, mit starken Unterschieden im Hinblick auf Tätigkeitsfelder, Aufgaben, Funktionen, Milieus und im Hinblick auf soziale Ungleichheit. Schon diese erste Annäherung sollte deutlich machen, dass das Städtische vor allem mit Unterschiedlichem zu tun hat, Komplexität und Unsichtbarkeit bewältigen muss.

Im Gegensatz zu den beiden anderen Formen kommt in Städten zusammen, was nicht zusammengehört. Das Bild von Städten ist davon geprägt, dass auf engstem Raum Unterschiedliches und fast Unkoordinierbares aufeinandertrifft. Man kann es an den Gebäuden und an den Menschen sehen. Kirchen und Produktionsbetriebe, Verwaltungen und Kulturinstitutionen, Universitäten und Schulen, Regierungen und Oppositionen, Parlamente und Standesorganisationen, Verkehr und Erholung, Wohnungen und Konsumorte, unterschiedliche Milieus, Schichten und Klassen, verschiedene Kulturen, maximal verschiedene Lebensformen, moralische Gewohnheiten, sogar unterschiedliche Sprachen, dunkle Ecken und Löcher ebenso wie das Licht der Aufklärung, gerade Straßen und krumme Gassen, geplante und gestaltete Boulevards ebenso wie Ensembles ohne Plan, Industrie und Handwerk, Szenen und Zonen, Lautstärke und Stille, Verbrechen, Sünde und Tugendhaftigkeit, das Bordell ebenso wie der bürgerliche Verein, Sichtbares und Unsichtbares, öffentliche Räume und private Räume, Distinktionsbemühungen und Einheit. Alles, was Gesellschaften ausmacht, nämlich die Gleichzeitigkeit all dieser Formen, kommt in den Städten räumlich zusammen.

Es kommt wirklich zusammen, was nicht zusammengehört – deshalb gehören zum Urbanen stets eine konfliktträchtige Dynamik und der Versuch ihrer Kontrolle. Vielleicht sind die historisch entscheidenden Charakteristika des Städtischen die Stadtmauer und die Polizei – beide versuchen, wenigstens die Illusion der Kontrolle aufrechtzuerhalten. Die Stadtmauer kann kontrollieren, was und wer rein- und wieder rauskommt, aber sie kann nicht konditionieren, wie sich das Innen zu Ensembles gruppiert. Und die Polizei passt auf.

Urbanität ist ein Prinzip der Vielfalt und der Verschiedenheit – nicht als wohlfeiles Programm oder als normative Idee, sondern als Konsequenz eines Ortes, an dem sich tatsächlich ballt, was modernisierende Gesellschaften ausmacht. Die Begriffe Vielfalt und Diversität sind in der Gegenwart eher normativ aufgeladen, sie sind Kampfbegriffe im Kulturkampf der Gegenwart geworden – wenn man die Frage der Urbanität ernst nimmt, dann sind Städte per se, oft auch gegen den Willen und gegen die Motive der Akteure, bereits divers, vielfältig – wie sagt man so schön? –, bunt! Es lohnt sich, dieses Verständnis kurzzeitig einzuklammern, um es wirklich verstehen zu können – zumal auch die Protagonisten des Bunten oftmals ziemlich einfältig sein können, wenn sie die anderen, die, die das Bunte verwünschen, gerne exkludieren würden. Paradoxerweise gehören zum Städtischen stets auch die Protagonisten der Einfalt, geschlossene Gruppen, Einheitsfanatiker. Sie gehörten immer auch zur Vielfalt der Städte dazu – und das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Man könnte sagen: Vielfalt ist ein funktionales Erfordernis, eine Unvermeidlichkeit, die nur um den Verlust des Urbanen eingeschränkt werden kann. Insofern kann man tatsächlich behaupten: Es kann durchaus nicht urbane Städte geben!

Städte sind aufgrund ihrer strukturellen Vielfalt und inneren Diversität immer konflikthaft und eigensinnig. Und gerade weil sie keine klare Einheit haben oder sind, haben sie oft klingende Namen und Legenden, die auch stets für eine bestimmte Praxis stehen, für ein Arrangement all der Dinge, die nicht zusammengehören. In den Städten ereignet sich erst jener Austausch von Unterschiedlichem, der für Komplexitätsaufbau sorgt, dafür, dass Dinge geschehen, die man sich vorher nicht vorstellen konnte. Künste, Wissenschaften, religiöse Formen, politische Willensbildung, Kritik und Revolutionen, Unkontrollierbares, Risiken usw.

Städte sind Gebilde, die sich selbst kontrollieren müssen. Und dies ist das Entscheidende: Was ist hier das Medium der Kontrolle? Im Dorf ist es die Sichtbarkeit und Transparenz, die jede Abweichung registriert und deshalb einschränken kann. Im Kloster ist es die kontrollierte Arbeitsteilung. In der Stadt aber ist es eine Handlungskoordination, die dezentral erfolgen muss, weil es den zentralen Ort der Handlungskoordination nicht gibt. Im Unterschied zu Dorf und Kloster ist das eine Handlungskoordination unter Fremden. Die Dörfler kennen sich, die Klosterbrüder sowieso, aber Städter bleiben sich fremd.

Urbane Lebensformen sind nur deshalb möglich, weil sich in den Städten vor allem Fremde begegnen. Es klingt auf den ersten Blick vielleicht paradox, aber gerade in den Ballungsräumen, in denen sowohl räumliche Nähe als auch funktionale Abhängigkeiten untereinander extrem gesteigert werden, werden die Grenzen der Gemeinschaft, die Unmöglichkeit, das gesellschaftliche Leben auf direkte persönliche Reziprozität aufzubauen, besonders deutlich. Distanz und persönliche Neutralität treten an ihre Stelle. Kurz: Nur weil man reden, argumentieren, deliberieren könnte, sind Schweigen und Distanzierung eine Option.

Die Urbanität der Städte lebt vom Privileg, in Ruhe gelassen werden zu können. Nur in Städten kann es gelingen, Hunderten von Fremden zu begegnen und niemand von ihnen bedrohlich zu finden. Nur in Städten kann man wirklich allein sein – weil so viele andere da sind. Nur in Städten bleibt man unbeobachtet – weil der andere eben ein Fremder ist. Nur in Städten kann man in Ruhe gelassen werden – weil andere da sind, die auch in Ruhe gelassen werden wollen. Und übrigens gibt es letztlich auch nur dort Freundschaft im engeren Sinne, weil solche Freunde eben keine Freunde sein müssen, sondern auch anders könnten und es nur deshalb auch wollen können. Die Zukunft der Städte wird sich daran erweisen, ob es gelingt, dieses Privileg der Fremdheit zu erhalten. Die Möglichkeit, in Ruhe gelassen zu werden, setzt voraus, dass viele andere da sind, die auch in Ruhe gelassen werden wollen. Und all das setzt Verhaltensweisen voraus, an die sich die anderen ohne Einwirkung von außen auch halten. Urbanität lebt von Innenregulierung, nicht von Außenregulierung.

Und dies ist das Medium der urbanen Selbstkontrolle: Urbanität als äußere Struktur zeigt sich im Habitus der Städter. Urbanität ist mehr als eine Idee, mehr als eine Theorie, mehr als ein Anlass für hehre normative Sätze, mehr als ein Konzept. Urbanität ist eine Praxis, die habituell eingeübt werden will. Sie leitet die Bewegung der Körper ebenso an wie die Blicke der Menschen. Auch Fremdheit muss eingeübt werden. Der indifferente Blick, nicht auf den anderen zu reagieren, sich trotz Sichtbarkeit unbeobachtbar zu machen, Blicke ebenso wie Nichtblicke aushalten zu können, all das muss der Körper und müssen die Augen, muss die innere Aufmerksamkeit und der eigene Wille praktisch einüben. Als Habitus liegt Urbanität in der Wechselseitigkeit der Bewegungen, gewissermaßen in einem aktiven Nichtstun, in differenzierter Indifferenz. Der Habitus des Urbanen ist nicht auf Konsens angewiesen. Er ist erst dann urban, wenn er in der Lage ist, nicht einmal Dissens zu registrieren, sondern Indifferenz. Der urbane Habitus gewöhnt sich an das andere, nicht, indem er das andere prinzipiell anerkennt oder die Handlungskoordination auf Freundschaft aufbaut, sondern im Gegenteil: indem er das andere ausklammern kann, wenn man es nicht anerkennen will. Die Anerkennung des Urbanen kann eine paradoxe, eine fraktale Form der Anerkennung sein. Sie kann eine anerkennende oder eine nicht anerkennende Form der Anerkennung sein – aber sie gibt sich mit dem anderen zufrieden. Unter diesen Bedingungen haben ethnische, kulturelle, sexuelle und sonstige Minderheiten die besten Überlebenschancen – nicht dort, wo sie auf explizite Anerkennung angewiesen sind, sondern dort, wo dies implizit erfolgt. Vielleicht ist die gegenwärtige Betonung dieser Minderheitenpositionen als ostentative Adressen für explizite Anerkennung ein nicht urbanes Missverständnis, weil auch die Mehrheitspositionen auf zu starke Formen der expliziten Ansprache verzichten können. Vielleicht.

Urbanität hält Differenz aus, ohne sie begrüßen zu müssen. Insofern können auch die Einfältigen urban sein, wenn sie nur darauf verzichten, das andere zu beleidigen oder zu bekämpfen. Unter diesen Bedingungen entsteht eine Solidarität, die dann paradoxerweise gerade deshalb in der Lage ist, von konkreten persönlichen Merkmalen abzusehen, weil diese keine Rolle spielen müssen. In den partikularen Gruppen unserer Milieus, unserer Familien, Berufsgruppen, kulturellen Bestätigungsgruppen usw. sehen wir genauer hin. Aber Urbanität zeichnet sich dadurch aus, auch den Fernsten auszuhalten. Vielleicht meint die christliche Nächstenliebe so etwas – eine bedingungslose Form der Anerkennung des anderen, der ganz unabhängig von konkreten Anerkennungsmerkmalen anerkannt bleibt.

Wenn man ganz genau hinsieht, kann man gerade in dieser so gefühlskalt beschriebenen Form tatsächlich die aufklärerische Idee des Menschen sehen – Menschen im emphatischen Sinne gibt es erst, seit man diese Wesen mit einer gewissen Unterbestimmung ausstattet, die sie trotz faktischer und sozialer Ungleichheit zu Gleichen macht, zu vernunftbegabten tabulae rasae, deren Benutzoberfläche nur die Kontingenz der Welt widerspiegelt, deren Kern aber rechtlich geschützt, anthropologisch anerkannt und für allgemeine Leistungen anspruchsberechtigt macht. All das hängt davon ab, von der konkreten Person absehen zu können, um die konkrete Person davon profitieren lassen zu können. Urbanität ist das Medium, in dem dies historisch möglich wird und eingeübt werden kann. Es ist eine fragile Form der Sozialität – deshalb ist derzeit auch Urbanität das Ziel von Terroranschlägen. Der Terror in den Städten nutzt die Potenziale der Urbanität, um sie zu bekämpfen. Der islamistische Kämpfer oder rechtsradikale Anschlagstäter bewegt sich indifferent wie jeder andere – er nutzt die Unsichtbarkeit, die er zerstören will.

Urbanität ist aber nicht der Regelfall – Urbanität kann verfehlt und gesteigert werden. Aber mit dem Konzept der Urbanität hat man einen Kriterienkatalog bei der Hand, an dem man den Charakter des Städtischen messen kann. Es ist weniger ein normatives als ein diagnostisches Konzept – und es ist offen genug, der Unterschiedlichkeit der Städte in ihren kulturellen, nationalen, strukturellen, historischen, räumlichen und sonstigen Gestalten Rechnung zu tragen. Wo der hier angedeutete urbane Habitus in Gefahr gerät, stimmt jedenfalls etwas nicht.

Janina Fleischer Brief einer Leserin (18)

In ihrer Freizeit fahren Städter gern aufs Land. Sie füllen einen Picknickkorb mit Freilandeiern, glyphosatfreien Schrotsemmeln und Äpfeln aus der unmittelbaren Region. Sie holen den SUV mit Grip Control aus dem Stadtteil, in dem sie tags zuvor einen Parkplatz fanden, und reihen sich ein in den Stau Richtung Natur. Einfach mal für ein paar Stunden ohne Netz.

Manchmal ziehen sie auch ganz aufs Land. Wenn die Kinder Glück haben, sind sie da schon alt genug, sich ein WG-Zimmer in der Stadt nehmen zu können. Das kostet zwar mehr, als ein Erzeuger für 1000 Liter Weidemilch bekommt, liegt aber verkehrsgünstig zwischen Veganer Vleischerei und Bürger*innenbüro gegen Gentrifizierung. Wer mit 15 aufs Land muss, kann nichts dafür – wer es mit 50 noch will, hat nichts zu verlieren. Der Ruf des Dorfes lebt vom poetischen Realismus vergangener Zeiten: Natur, Nähe, Nachhaltigkeit.

Da draußen aber geht es nicht mehr wie bei Anton Tschechow zu: »Die Hunde haben die ganze Nacht gebellt – die witterten wohl, daß die Herrschaft kommt«, heißt es im Kirschgarten. Die Hunde sollte man heute im Griff haben, sonst flattert eine Klage ins Bauernhaus. Nicht jeder Hahn darf krähen, wann er will. Denn ist der Streit am Maschendrahtzaun nicht das Sinnbild der Deutschen? Und ruinieren die meisten Tatort-Leichen den Teppich nicht in einem Eigenheim?

Manchmal lässt sich etwas daraus machen: »Ihr Gut liegt nur zwanzig Werst von der Stadt ab, und es hat direkte Bahnverbindung: Wenn der Kirschgarten samt dem Terrain am Flusse parzelliert und mit Sommerhäuschen bebaut wird, können Sie sich ein Jahreseinkommen von mindestens 25 000 Rubeln sichern.« Als hätte Tschechow bei Engel & Völkers abgeschrieben. 

So ein Städter sucht vor allem seine Ruhe. Während Landmenschen mit dem »Baikal IJ 512« Kaliber 4,5 Millimeter im Anschlag den Kirschbaum nicht aus den Augen lassen, laden sich Stadtleute Singvogelstimmen runter. Sie lagern auch nicht wie Oblomow in »besorgter Pose« auf dem Ost-Diwan. Sie schaffen sich was. Etwas Eigenes.

Es ist wie beim Kochen: Das Landhaus von heute ist der Thermomix der Parzelle. Die »Schweizer Pendelhacke« gibt es bei Manufactum, »She-Sheds-Damen-Hütten« im Hornbach-Katalog: »Diese Zweithäuser sind Ich-Zeit-Häuser, Yoga-Höhlen, Lese-Inseln, Kreativ-Hütten oder auch lichtdurchflutete Nähstuben im Freien.« Baumarkt statt Bauhaus. Fakten wie »Eigenheimzulage« und »Entfernungspauschale« haben Wörter wie »Ich-Zeit-Häuser« erst möglich gemacht. Oder »Wanderungsverluste«.

Zu den Themen der Frühsommerausgabe der Landlust, die im Zeitschriftenfachhandel neben Mein schönes Land, Landfreunde oder Liebes Land liegt, gehören »Ein Haus mit Weitblick« und »Der Zugezogene«. Hinter Letzterem verbirgt sich übrigens der Marderhund – nicht der Spätumsiedler mit Erbschaftshintergrund.

Was war eher da: Stadtflucht oder Landlust? Jahrelang haben Wissenschaftler und Künstler in Leipzig »Shrinking Cities« untersucht, jetzt planen sie ein Projekt zum Thema »Wachsende Stadt«. Wenn sie schrumpft, wird Alarm geschlagen, wenn sie wächst, wird Alarm geschlagen – kein Wunder, dass es so laut wird, dass alle nur noch raus wollen. Zumal es fürs Lebensglück nicht mehr genügt, »Guerilla-Gardening-Samenbomben« auf dem urbanen Grünstreifen zwischen Invest-Ruine und Town-Haus zu versenken. In der Dokusoap Ab ins Beet! bringt VOX seit über zehn Jahren Hobbygärtner in die Erde. Mit Erfolg.

Bei uns hieß so was früher Datsche. Es war die Ausweitung der Balkonzone bis zu einem Zaun, der eine Wiese zusammenhielt und im Frühjahr mit Carbolineum lasiert wurde. Tags gab es im Schuppen zu tun, abends am Grill. Im Dorf galt das Wort von Pfarrer, LPG-Chef und Konsum-Filialleiter. Wind, Kraft und Anlagen traten zwar auf, aber getrennt. Inzwischen kämpfen Bürgermeister, Aldi-Filialleiter und der Vorstand des Schützenvereins gegen Windmühlen.

Auf dem Land würde die DDR heute noch existieren, und nicht nur in der Dübener Heide sieht es hier und da auch noch so aus. Ein Aufstand aber wurde immer in der Stadt geprobt. Barrikaden auf dem Feldweg machten optisch wenig her. Was nicht bedeutet, dass die Landbevölkerung nicht gern mal zündelt. Wo Flüchtlingsheime nur einen Steinwurf entfernt sind, wird ein potemkinsches Dorf plötzlich zur Festung. Ob nun Kommunal-, Landtags- oder Bundestagswahlen – nicht nur in Deutschland dunkeln sich die Infografiken der Stimmenverteilung zum Land hin ein. Dort sammeln sich die schwarzen Ränder unterm Daumennagel der Demokratie.

Als die traditionellen Räuchermännchen aus dem Erzgebirgskreis plötzlich auch mit »Pegida«-Transparenten zu haben waren, mit Mütze, Schal und Schildern wie »Wir sind das Pack«, »Dresden zeigt, wie’s geht« oder »Merkel muss weg«, da tauchten sie in Großstadt-WGs höchstens ironisch im Gemeinschaftsbad auf, so wie sonst der Gartenzwerg mit durchgestrecktem Mittelfinger. Bei der Verwandtschaft auf dem Lande aber? Wer weiß schon genau, ob die nicht doch zum Sonnenwendfeuer ein paar »Gutmenschen« in der Pfeife rauchen.

In ihrer Freizeit fahren Landbewohner gern in die Stadt. Sie reisen zum Weinfest und zum Lichtfest an, zum Oster- und zum Weihnachtsmarkt. Und wenn RB spielt, kommen sie natürlich auch. Die Rasenballer schenken der Stadt und dem Landkreis ein Wir-Gefühl, das so nur am Stammtisch gepflegt wird. Doch aus den Schänken sind Landgasthöfe geworden, die sich auf Renekloden-Fruchtaufstrich spezialisiert haben und auf Schafsmilchseife. Aus den Kneipen der Stadt wurden Nichtraucherdielen, die »Craft Beer« brauen für die Zugezogenen. Und damit ist jetzt nicht der Marderhund gemeint.

Der ist hier schon lange heimisch. Enten laufen durch die Innenstadt, Füchse warten an der Ampel auf Grün. Erst wenn die Wölfe aus den nahen Wäldern Sachsen-Anhalts kommen, gibt es ein Problem. Sie hinterlassen ihren Kot gern auf Wegen und Kreuzungen. Wer ist da zuständig? Wer macht das weg? Bürgerinitiativen werden aus dem Boden schießen.

Darum fahren die Städter gern aufs Land. Der einen Wald ist der anderen Welt, des einen Wäldchen des anderen Weltchen. Im Winter bleiben sie da und gehen ins Theater; für Kultur sind Städte immer gut. Mit etwas Glück gibt es Tschechow zu sehen: »Ohne den Kirschgarten verstehe ich das Leben nicht, und wenn er schon verkauft werden soll, so mag man mich gleich mitverkaufen.« So bleibt der Mensch in Bewegung. Und sein Geld gleich mit. 

Alexander Gutzmer Donald Trump hasst Städte Über die kreative Uneindeutigkeit im städtischen Raum

Wenn Städte gesellschaftliche Experimentierfelder sind, dann liegt eines der spannendsten in einer Region, in der man kulturelles Neudenkertum eher nicht vermuten würde: in Texas. Die dortige 930 000-Einwohner-Stadt Austin ist ein urbanes Kraftwerk von außergewöhnlicher Dichte. Sie birst vor Kreativen und Selbsterfindern aller Couleur. Das Erfolgs-Start-up Dropbox hat hier sein zweites Zuhause. Der Claim »Keep … weird«, mit dem sich momentan viele amerikanische Städte als quirliges Gegenstück zur neuen reaktionären Tristesse positionieren, hat in Austin seinen Ursprung.1

Der Innovationscharakter Austins hat nicht zuletzt mit einem omnikulturellen Ideenfestival zu tun, das sich hier jedes Jahr im Frühling abspielt. Seit 1987 pilgern immer im März Kreative unterschiedlichster Fakultäten zum »South by Southwest« (SXSW), zeigen Installationen oder Filme, tauschen sich über Innovationen und Geschäftsmodelle aus. Und verhandeln so, ohne den Weltrettergestus anderer Großkongresse, indirekt nichts weniger als die Zukunft der Globalgesellschaft.

SXSW hat mal als Festival für neue Musik begonnen. Dann kamen weitere Kreativdisziplinen wie Tanz oder Film hinzu. Schließlich inkludierte das Megaevent auch Design, Digitalisierung und Marketing. Und diese Themen werden nicht in einem antiurbanen, klimatisiert abgekapselten Tagungsumfeld verhandelt. Die aus aller Welt anreisenden Digitalnomaden fallen gleichsam über die Stadt her, okkupieren sämtliche sich bietenden Locations, von ranzigen Pubs bis zu alten Lagerhallen. Das »German Haus«, Heimstätte der teutonischen Kreativszene, residiert demonstrativ unprätentiös in einem Schuppen, der sonst als Bierbar fungiert, aber eher wirkt wie eine illegale Mofa-Werkstatt. Das ohnehin wenig repräsentative Austin Convention Center gleicht schon nach wenigen Stunden Festival einem Camp für digital angereicherte Flüchtlinge, mit iPhone und Macbook als obligatorischen Zugehörigkeitsinsignien.

Digitalisierung als urbaner Prozess

Die verschiedenen, sich in Austin vermischenden Kreativszenen diskutieren und kreieren nicht nur in der Stadt, sondern mit ihr und um sie herum. Die Erfolgsstory des Festivals hat viel mit dem städtischen Raum zu tun. Festival und Besucher gehen mit dem urbanen Feld und seinen Heterogenitäten eine höchst produktive Symbiose ein. Die Stadt ist dabei nicht nur Treiber der Diskussionen. Sie ist auch deren Thema. Die Zukunft unserer Metropolen, die Digitalisierung des urbanen Raumes, Smart Cities oder das autonome Fahren im urbanen Kontext werden in Austin rauf und runter diskutiert.

Die digitale Elite arbeitet sich an der Stadt ab – nicht nur in Austin. Was auch Sinn macht. Digitalisierung selbst ist nämlich kein Kontrafaktor zur urbanen Aufladung unserer Kultur, sondern einer ihrer zentralen Treiber. Im Zuge der vielen digitalen Transformationen, die uns momentan widerfahren, herausfordern und mitunter verfolgen, gerät der städtische Raum in immer neuer Weise und in stetig zunehmender Intensität ins Blickfeld. Digitale Innovationen bieten die Chance, den komplexen urbanen Raum stets wieder neu zu vermessen. Sie liefern konstant neue Zugänge zum Kulturraum Stadt. Die digitale Revolution ist zugleich eine urbane.

Interessant dabei ist: Die vielen urbanen Messexerzitien, welche Forschungseinrichtungen, Kommunen und Unternehmen momentan durchführen, nehmen unbewusst eine ausgesprochen moderne Perspektive auf die städtische Gegenwart ein. Gerade für unternehmerische, also kapitalistische Neuvermessungen der Stadt gilt dies. Was in der kulturwissenschaftlichen Theorie momentan erst mühsam operationalisiert wird, haben diese Messansätze implizit intus: Sie sehen Stadt nicht als statisches Gebilde, nicht als administrative Einheit, auch nicht als strukturalistisches Konstrukt, sondern als hochvolatiles Ensemble an Bewegungen und Dynamiken – als Prozess.2 Die Stadt als Prozess ist etwa die automatisch angenommene Perspektive, wenn der Mobilfunkanbieter Telefónica die Bewegungsmuster von Stadtbewohnern verfolgt.3 Die »ambient data« 4, von denen Wissenschaftler in diesem Zusammenhang sprechen, sind zugleich hochgradig mobile Daten.

Offene urbane Arena

Dieser Gedanke führt zu einer wichtigen Perspektiverweiterung auf das Phänomen Stadt: Diese ist nicht nur volatil und permanent im Werden begriffen. Sie ist auch offen für immer neue Interaktionsteilnehmer. Dies können einzelne Bewohner sein, ganz normale Citizens, urbane Kreative oder auch Flüchtlinge. Es können Kunstinstitutionen sein oder NGOs. Es können aber, und das mag Kulturkritikern im Geiste der Frankfurter Schule gefallen oder nicht, auch große Unternehmen sein. Auch diese machen sich den Kreativraum Stadt zu eigen. Sie müssen das tun, denn ihre Produkte funktionieren heute nicht mehr im luftleeren Raum, sondern sind nur dann erfolgreich, wenn sie sich in unserer urbanen Kultur niederschlagen.

Die Stadt wird damit zu einer Ressource für den unternehmerischen Innovationsprozess.5 Player wie BMW, Audi oder Siemens scheinen das zunehmend zu verstehen. Sie schlagen Wurzeln im städtischen Raum, vernetzen sich mit jenen, die Städte erforschen oder aktiv an der Stadt von morgen arbeiten: mit Künstlern, Forschern, Planern, Architekten, Aktivisten. BMW beispielsweise hat gerade in Brooklyn das urbane Labor »A/D/O« aufgemacht. Kreative aus unterschiedlichen Bereichen können sich dieses »Amalgamated Drawing Office« zu grenzüberschreitenden Kooperationen aneignen. Wichtig an Maßnahmen wie diesen ist: Die Unternehmen gehen nicht mit der klassischen, ausschließlich sender- und botschaftenorientierten Marketinglogik in den Stadtraum. Sie schaffen Orte des Dialogs und initiieren Dialoge. Sie verstehen: Wir sind als Unternehmen im Stadtraum zwar ein ernst genommener Akteur – aber eben auch nur einer unter vielen.

Das ist gewissermaßen gelebte Actor-Network-Theory. Wir erinnern uns: Die »ANT« proklamiert, dass die heutige Gesellschaft von einem komplexen Evolutionsprozess gekennzeichnet ist, in dem unterschiedlichste Arten von Aktivposten den Austausch mit anderen suchen können – Menschen (Akteure), aber auch inhumane Player (Aktanten). Der gesellschaftliche Austausch wird damit breiter und auch pluralistischer. Und der urbane Austauschprozess wird es auch. Die Integration immer neuer Prozessteilnehmer in den urbanen Kontext ist Beleg für eine Kernthese dieses Textes – dass Städte, in einem radikalen, weil im Vorhinein nicht determinierbaren Sinn, Pluralismusmaschinen sind.

Doch wie bei jeder Maschine, so gibt es auch unter den urbanen Zylindertrakten effizientere und weniger effiziente. Auch wenn es eine grundlegende Stärke unserer Städte darstellt, dass sie unterschiedliche Aktanten/Akteure in den urbanen Kreativflow integrieren,6 so tun das doch nicht immer alle Städte gleichermaßen. Und man kann ihnen eine gewisse Pluralismusskepsis auch nicht verdenken. Nehmen wir den klassischen architektonischen Planungsprozess. Hier ist die Bürgerbeteiligung ein noch recht neuer, hehrer Anspruch. Doch wie weit kann sie gehen? Nicht umsonst hat der Architekt Markus Miessen ein Buch mit dem Titel The Nightmare of Participation vorgelegt.7 Bürgerbeteiligung kann, muss aber nicht funktionieren. Sie ist ein zäher Prozess – und einer, der nicht unbedingt dann besser gelingt, wenn die beteiligten Planer komplett blauäugig an die Beteiligung herangehen und allzu großherzig bei der Gründung immer neuer Bürgerplattformen verfahren. Urbane Integration verläuft selten linear.

Auch sind nicht alle Aktanten und Akteure immer und überall gleichermaßen für diese Integration geeignet. Ihre Integrationsfähigkeit hängt nicht nur von der jeweiligen Absorptionsbereitschaft des konkreten urbanen Raumes ab, sondern auch von der eigenen Offenheit und Lernfähigkeit. Das heißt: Kulturelle wie planerische Stadtentwicklung ist eine permanente Folge an Andockaktivitäten und Reaktanzen. Der Urbanist AbdouMaliq Simone spricht in diesem Zusammenhang von einem »constant process of encountering, pushing and pulling, wheeling and dealing, caring for and undermining«, ein Prozess, »that potentially keeps almost everyone ›in play‹, that is, able to manoeuvre and pursue«.8 So funktioniert Stadt. Als Austauschprozess, in dem radikal unterschiedliche Strategien aufeinanderprallen, aber eben potenziell auch in einen produktiven Kreationsmechanismus miteinander geraten. Wer dabei jeweils die Oberhand behält, ist offen. Oftmals, und dann ist die Stadt wirklich produktiv, glaubt jeder Akteur/Aktant genau das von sich.

Das Ende der Architektur?

Wenn wir Urbanität in diesem Sinne als permanenten Aushandlungsvorgang verstehen, in gewisser Hinsicht also auch als eine basisdemokratische, zumindest aber hierarchieaverse Entwicklung, so stellt sich die Frage, wie es sich mit der Relevanz der klassischen Strukturgeber im sozialen Raum verhält, zum Beispiel den Architekten und Landschaftsarchitekten. Die gute Nachricht: Gestaltung bleibt wichtig. Gerade den Landschaftsplanern kommt im Management des vermeintlichen urbanen Chaos eine Schlüsselrolle zu. Sie müssen Räume schaffen, die genau die genannten Aushandlungsprozesse befördern. Und zwar, indem sie strukturelle Unterschiede und politische oder ökonomische Hierarchien einebnen. Es geht darum, »level playing fields« für das große Spiel des urbanen Miteinanders zu schaffen.

Das ist gar nicht so einfach. Die Klassiker politisch korrekter Stadtplanung reichen dafür nämlich nicht aus. Vielen Stadtplanern und Landschaftsvisionären gilt ja beispielsweise eine möglichst fahrrad- und fußgängerzentrierte Stadt als der Inbegriff einer glücklichen urbanen Weltgesellschaft. Der dänische Stadtforscher Jan Gehl etwa vertritt seit Jahren immer wieder diese These, zur steten Freude seiner globalen Anhängerschaft.

Und ja, ich fahre auch gerne mit dem Fahrrad durch den Englischen Garten in München oder, zunehmend, auch durch London. Und dennoch greift Gehls Vision zu kurz. Denn sie basiert auf symbolischer Ab- und Ausgrenzung. Der Autoverkehr gilt ihr als das Böse schlechthin. Sie arbeitet sich rituell am Auto ab, doch vernachlässigt dabei, dass Autos eben nicht nur stinkende Stahlkarossen sind, sondern auch kulturelle Artefakte und Sehnsuchtskondensatoren.9 Sie reflektieren die Ästhetikvorstellungen ihrer Zeit, sind in diesem Sinne metaindividuell designte Kulturobjekte – und im Zuge der Digitalisierung der Autoindustrie im Übrigen auch Vernetzungsvehikel eher als Instrumente permanenter Abschottung. Auch sie sind, selbst wenn das Stadtromantiker nicht wahrhaben wollen, Teil des urbanen Interaktionskosmos. Allerdings müssen sie selber sich verändern. Die Stichworte sind hier E-Mobilität, Shared Mobility und autonomes Fahren.

Urbanität bedeutet nicht Konfliktfreiheit

Was aber muss Landschaftsgestaltung leisten, um als Kondensator des Heterogenen, als Förderer von überraschenden urbanen Austauschprozessen zu fungieren? Meine These ist: Sie muss sich selber in diesen Dialog einbringen. Sie darf auch gerne provozieren. Es gilt, die kulturellen, historischen und politischen Anknüpfungspunkte, die die jeweilige Stadt bietet, zu verstehen und in Raumprogramme einfließen zu lassen, die als solche erkennbar sind, jedoch nicht überdominant auftreten, nicht deterministisch wirken, sondern selber »Raum« bieten für kulturelle Überraschungsmomente.

Eine solche Raumplanung darf dann auch schon mal gegen die einfachen Wahrheiten der klassischen Nutzerzentrierung verstoßen. Ich halte nichts von zu viel urbaner Gefälligkeit. Nehmen wir ein Beispiel aus einem momentan alles andere als heimeligen urbanen Raum, aus Athen. Dort hat, seltene Freude griechischer Kunstliebhaber, kürzlich das privat finanzierte Museum Stavros Niarchos eröffnet, geplant vom italienischen Architekten Renzo Piano. Die drei neuen Kulturbauten umgibt ein 17 Hektar großer öffentlicher Park. Und der ist – schräg. Das provoziert natürlich Unmut. Kritiker merken an, der Park sei doch uneben und damit ungeeignet für Freizeitkicker oder andere Erholungssportler. Ist er auch. Aber spricht das wirklich gegen ihn? Reflektiert hier nicht womöglich auf anderer Ebene der Park viel authentischer die soziokulturelle Wirklichkeit des krisengeschüttelten Athens? Darf nicht auch die Raumgestaltung sich trauen, in dieser Weise politische Signale zu setzen?

Stadt als Mythos

Aus meiner Perspektive darf und muss sie das. Ihr Wert liegt nicht im routinierten Erfüllen universal gelernter Raumerwartungen, sondern im geohistorischen Aufgreifen des örtlich Speziellen – und in der Integration der dabei entdeckten Kraftfelder in die Formulierung räumlicher Kohärenz und die Produktion sozialer Interaktion. Stadtraum schafft in diesem Sinne Bedeutung – wobei dies nicht als linguistische Reduktion auf eine eindeutige Zeichenhaftigkeit missverstanden werden sollte. Die »Bedeutung« des städtischen Raumes liegt vielmehr gerade im Uneindeutigen, in der Schaffung räumlich-interpretatorischer Vielschichtigkeiten.10 Die Stadt ist kein Zeichen, sondern eher ein Mythos im Sinne Roland Barthes’.11

Die Bedeutungsebenen, die dieser Mythos generiert, mögen manchmal unbequem sein und können auch wehtun. Schließlich liegt seine Stärke gerade darin, kulturell virulente Konflikte nicht im Sinne der Eindeutigkeit getroffener Aussagen zu leugnen. Er kann sie vielmehr integrieren. Die so thematisierten sozialen Verwerfungen und Widersprüchlichkeiten sind Teil unserer komplizierten Gegenwart. Stadtplanung und Raumentwicklung müssen sich dieser stellen. Sie müssen, überspitzt formuliert, auch den realen oder nur eingebildeten Konfliktlinien unserer Welt Raum bieten – ohne sie allerdings zu akkomodieren oder in eine große Erzählung linearen Fortschritts aufgehen zu lassen.12

Unsere Städte sind mehr als Bühnen der permanenten Verfeinerung hipsteresker Lebensentwürfe. In ihnen prallen massiv unterschiedliche Identitätsvorstellungen aufeinander. Das zeigt sich sogar am Beispiel des wohl größten Urbanitätskillers unserer Tage, des islamistischen Terrorismus. 9/11 war eben kein singulärer Akt grausiger städtischer Symbolpolitik, sondern der Auftakt zu immer neuen Versuchen, den Stadtraum als perverse politische Aktionsfläche zu missbrauchen. Während ich schreibe, führen RSS-Feeds von der jüngsten Terrorattacke vor dem Londoner Parlament genau dies vor. Wenn Sie dies lesen, gibt es vielleicht schon neue Meldungen.

Die Stadt ist ein Konfliktfeld. Auch die Architektur hat dies reflektiert. Nach 9/11 wurden wir häufig mit architektonischen Bunkerelementen konfrontiert, Symbolik einer angenommenen städtischen Wehrhaftigkeit. Gut zu sehen ist dies etwa am nach unten hin hässlich trutzigen Neubau »1 WTC« von Skidmore, Owings & Merrill in Manhattan.13

Diese gestalterische Abwehrgeste war sicher ein wenig simpel – und natürlich Ausdruck einer damals verbreiteten urbanen Paranoia. Doch es geht auch subtiler. Der seltsam unförmig in den Stadtraum gerammte Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt (Architektur: Coop Himmelb(l)au) etwa artikuliert auf mutig sperrige Weise, wie in der Bankenstadt Frankfurt das urbane Gleichgewicht der unterschiedlichen Kräfte immer ein hochgradig fragiles ist, und wie sich auch eine dort ansässige Finanzinstitution wie die EZB als städtischer Inputnehmer von