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"Power Frauen" oder "Emanzipation macht Angst": Im Jahr 1977 erschien das Kursbuch 47, das – ganz schlicht – Frauen hieß und neben diesen 11 weitere Artikel verschiedenster Autorinnen versammelte. 40 Jahre und etliche Nummern später schließt nun das aktuelle Kursbuch 192 mit dem ebenso schlichten Titel Frauen II an. In ihm schreiben wieder ausschließlich Frauen, wieder über die vielfältigen Konstellationen im Gefüge Frau-Gesellschaft – und doch sind sie ganz anders als 1977. Dass die sogenannte "Frauenfrage" von einst sich selbst überholt hat – so viel ist klar. Das bedeutet aber nicht, dass sie sich erledigt hat. Sie muss in Zeiten von Genderdebatten, Feminismus und #MeToo nur ganz neu gedacht werden. Mit Beiträgen von Margarete Stokowski, Sonja Zekri und Jasmin Siri.
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Seitenzahl: 227
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Frauen II
Inhalt
Armin NassehiEditorial
Sonja ZekriBrief einer Leserin (20)
Margarete Stokowski Stadt, Land, Fluss beim Sex Mein Leben als feministische Kolumnistin
Christina von Braun Anti-Genderismus Über das Feindbild Geschlechterforschung
Tatjana Schönwälder-Kuntze Antigones Verletzungen Anmerkungen zum Gender Trouble bei Judith Butler
Barbara Thiessen »Entlastet von häuslichen Pflichten« Ein trügerisches Emanzipationsideal
Moshtari Hilal Das Mädchen mit dem Damenbart
Paula-Irene Villa »Frauen« Warum es sie gar nicht gibt und man trotzdem über sie redet
Gertrud Lehnert Der kleine Unterschied Weibliche Modelust und männlicher Modefrust
Shila Meyer-Behjat Eine Qual hinter dem Vorhang Das starke Leben der persischen Feministin Tahiri
Karin Reschke Power Frauen! Zum Wiederabdruck meines Essays aus dem Kursbuch 47. Frauen, 1977
Jasmin Siri Rechte Frauen Ein Blick hinter unsichtbare Fassaden
Widad Nabi Eine Frau am Spreeufer Geschichte und Gedichte
Die Autorinnen
Impressum
Armin NassehiEditorial
Es ist dies das 145. Kursbuch seit dem Kursbuch 47 mit dem Titel Frauen, das 1977 erschienen ist. Ob die damaligen Autorinnen – es waren tatsächlich ausschließlich Autorinnen – damals gedacht haben, dass es nach 40 Jahren erneut ein Frauen-Kursbuch geben würde?
Wir wissen es nicht, haben uns die Frage aber selbst gestellt. Ein Frauen-Kursbuch in einer Zeit, in der Rechtsnormen wenigstens in unseren Breiten geschlechtsblind geworden sind? Ein Frauen-Kursbuch in einer Zeit, in der sich die Semantik der Geschlechter im Vergleich zu 1977, von 1967 oder 1957 ganz zu schweigen, radikal geändert hat? Ein Frauen-Kursbuch in einer Zeit, in der die Rede von »der Frau« längst dekonstruiert ist, feministisch, epistemologisch, empirisch? Ein Frauen-Kursbuch angesichts einer jungen Generation von Frauen, deren Selbstbewusstsein als Frauen mit dem früherer Generationen kaum vergleichbar ist? Radikaler formuliert: Lohnt sich ein Frauen-Kursbuch überhaupt?
Wir drucken einen der Texte aus dem 40 Jahre alten KursbuchFrauen wieder ab, nämlich »Power Frauen!« von Karin Reschke. Es ist ein dunkler, ein fast pessimistischer Text. Es ist ein Text, der einerseits ein beginnendes Selbstbewusstsein für Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten beschreibt, der Versuche beschreibt, wie sich Frauen beruflichen und familiären Zwängen zu entziehen versuchen. Andererseits beschreibt er die Macht einer Praxis, die jenes Selbstbewusstsein immer wieder korrumpiert. Untereinander seien Frauen in entsprechenden Initiativen selbstbewusst und stark, aber zurück in den praktischen Zwängen ihrer Familien und Arbeitsplätze bleibe davon nicht viel übrig. Was Reschke beschreibt, ist die Widerständigkeit einer Gesellschaft, die oftmals stärker ist als der Wunsch ihrer Akteure, an ihren Praktiken etwas zu ändern. In der kurzen Vorbemerkung zu dem Wiederabdruck konstatiert Reschke durchaus einen Fortschritt, wähnt die Dinge auf einem guten Weg, deutet an, dass sich gegenwärtige Feministinnen vielleicht allzu sensibel zeigen und auch dort Diskriminierung wittern, wo sie womöglich nicht zu finden ist, aber dass die Frauenfrage, wenn man das so altmodisch ausdrücken will, noch lange nicht gelöst ist. Aber lesen Sie selbst!
Man könnte vielleicht in Analogie zu Kant argumentieren, der 1784 auf die selbst gestellte Frage, ob wir in einem aufgeklärten Zeitalter leben, meinte: Nein, wir leben in einem Zeitalter der Aufklärung. So scheint es sich hier auch zu verhalten. Progress als work in progress, könnte man sagen.
Dieses Editorial ist der einzige Text dieses Kursbuchs, der von einem Mann geschrieben wurde. Ob die folgenden Sätze davon bestimmt sind? Kann man nicht wissen. Aus meiner Perspektive – und das sieht der andere Herausgeber genauso – ist ein Frauen-Kursbuch trotz aller Dekonstruktion des Geschlechts, trotz aller erreichten Gleichstellung der Geschlechter, trotz der Feminisierung vieler Teile der Gesellschaft, trotz eines erheblichen Selbstbewusstseins von Frauen, die explizit als Frauen sprechen, und trotz einer ohne Zweifel liberaler und pluraler gewordenen Kultur nicht nur möglich, sondern nötig. Gerade an diesem Thema lässt sich eindrucksvoll sehen, wie weit formale Gleichstellung und ihre informelle Umsetzung, wie weit semantische Verstärkungen und konkrete Praktiken, wie weit Ansprüche und Wirklichkeiten voneinander entfernt sind. Das gilt übrigens für beide Seiten: für Männer, aber auch für Frauen selbst, die in mancher Hinsicht womöglich die Fremdzurechnung als Frau in eine praktische Selbstzurechnung übersetzen, die strukturell gar nicht so weit von dem entfernt ist, was Karin Reschke 1977 beschrieben hat. Nicht nur Männer sehen in Frauen nur Frauen, sondern auch die Praktiken von Frauen erzeugen Frauen.
Um nicht missverstanden zu werden: Es scheint eine praktische Form zu geben, mit der sich Männer und Frauen als Männer und Frauen verhalten, selbst dann, wenn sie gerade darüber reden, dass ihre Argumente mit dem Geschlecht des Argumentierenden nichts zu tun haben. Über diese Stabilität hinter dem Rücken der Akteure muss man sich wundern – übrigens auch darüber, dass der Grad des Wunderns darüber bei den beiden Seiten sehr ungleich verteilt ist.
Es gibt wohl kaum eine ostentativere Form der Sichtbarkeit als diejenige, die an Frauenkörpern hängt – was sich ziemlich bescheuert anhört, weil auch Männer Körper haben. Aber als Männer werden sie nur sichtbar, wenn Frauen dazukommen. Und die ostentative Form der Zurschaustellung von Männerkörpern – etwa in der Werbung – muss sich am Bild der Frau messen lassen. Wo Männerkörper immer schon hingehörten – im Sport zum Beispiel –, sind sie keine Männerkörper. Zuvor spielte das Geschlecht tatsächlich keine Rolle, nämlich weil keine Frauen sichtbar waren. Wir unterscheiden dort, wo es einen Unterschied macht. Aber auch dort, wo es eigentlich keinen machen müsste. Aber keinen Unterschied macht es nur dann, wenn man keine Männer und Frauen sieht, oder besser: wenn man keine Frauen sieht. Frauen, so schreibt Margarete Stokowski in ihrem Beitrag, würden »immer noch viel stärker als körperliche Wesen wahrgenommen«, und Männer verschwänden »in einer nahezu körperlosen Neutralität«.
Das Mysterium besteht wohl darin, dass auch in Bereichen der Gesellschaft, in denen es ganz offenkundig nicht um Geschlechterunterscheidungen geht und das Geschlecht des Handlungsträgers (generisches Maskulinum, sonst wäre der Satz sinnlos!) für die Sache selbst keinen Informationswert hat, die jeweilige Geschlechterpräsenz dennoch eine Rolle spielt. Aber warum scheitern nur weibliche Dax-Vorstände öffentlich, männliche aber selten? Wohlgemerkt: selten öffentlich oder wenigstens weniger öffentlich! Nur weil es weniger davon gibt? Und Frauen einen Körper haben?
Diese Fragen sind nach wie vor ungelöst – und vielleicht sind sie heute noch schwieriger zu beantworten als 1977. Denn die Provokation besteht ja darin, dass nach 40 Jahren wirklich anders geredet und gedacht wird. Dass nach 40 Jahren wenigstens konfessionell das meiste erreicht scheint und trotzdem fast alles gilt, was Karin Reschke 1977 berichtet hat, ist die Provokation – es gilt in veränderter Form, aber was die Asymmetrie von Frauen und Männern angeht, sehr wohl ähnlich. Es scheint bis tief in die Praktiken der Gesellschaft hinein eine Asymmetrisierung zu geben, die sich nicht einmal durch die stärksten Symmetriebekenntnisse auflösen lässt. Dass sich dies zumeist in Machtkonflikten niederschlägt – etwa bei der Frage sexueller Machtausübung –, ist ja nur ein Hinweis darauf, dass es um stabile Asymmetrien geht. Deren Stabilität ist das Merkwürdige, das erklärt werden muss. Deshalb darf, deshalb muss auch 2017 noch über »Frauen« geschrieben werden.
Wir haben unsere Autorinnen gebeten, sich dieser Asymmetrie anzunehmen und das Terrain zu vermessen. Sie nähern sich alle von unterschiedlichen Seiten dem Gegenstand. Der Unterschied zum Kursbuch 47 jedenfalls wird dadurch markiert, dass der Gegenstand damals klarer war. Auf die Idee zu kommen, ob man die Frage nach den Frauen überhaupt stellen solle/könne/dürfe, war gar nicht möglich, denn es ging darum, die Frage zunächst überhaupt zu stellen. Heute muss mit Anführungsstrichen begonnen werden. Paula-Irene Villa tut das explizit, um die Gegenstandskonstitution schon schriftästhetisch auf den Begriff zu bringen, während Tatjana Schönwälder-Kuntze in ihrem Beitrag über die Frage der Prominenz von Judith Butler auf dem Gebiet die Idee der Kritik mit imaginären Anführungsstrichen belegt. Und Christina von Braun nimmt ebenfalls die Frage sich verflüssigender Kategorien und die ziemlich stabilen Kritikformen dagegen aufs Korn. Gertrud Lehnerts Perspektive auf die Mode als angebliches »Frauenthema« überrascht mit einer Konsequenz, die ich so ausdrücken möchte: Die weibliche Vielfalt und Sequenzialität des Modischen lässt Frauen als geradezu akzidentell erscheinen, während die Unveränderlichkeit des Modischen des männlichen Anzugträgers gewissermaßen wie die Beharrlichkeit der Substanz erscheint. Unsichtbarkeit als Existenznachweis gewissermaßen. Um Unsichtbarkeit geht es auch bei Jasmin Siri, die über die Unsichtbarkeit rechter Frauen nachdenkt und zu dem Schluss kommt, dass Weiblichkeit hier als Strategie eingesetzt wird. Als Potenzial erscheint Weiblichkeit in dem Beitrag von Barbara Thiessen, die eine Entdramatisierung, aber auch Marginalisierung von Care-Arbeit durch ihre Vergeschlechtlichung diagnostiziert.
Ein wirklich bemerkenswerter Beitrag ist der von Shila Meyer-Behjat. Sie berichtet über die persische Frauenrechtlerin Tahiri, die es 1848 wagte, auf einer Versammlung von Gelehrten ihr Kopftuch zu entfernen und eine Erneuerung von Religion und Gesellschaft zu fordern. Ihren Weg aus der Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit bezahlte Tahiri wenige Jahre danach mit ihrem Leben. Es ist ein historischer Fall, aber auch eine Parabel auf die Asymmetrie der Sichtbarkeit.
Die Bilder der aus Afghanistan stammenden Hamburgerin Moshtari Hilal können geradezu als Parabel auf den Topos Sichtbarkeit versus Unsichtbarkeit gelesen werden, der sich durch dieses ganze Kursbuch zieht. Ihre Frauenporträts sind Skizzen, die eben nicht porträtieren, sondern mit dem Weglassen spielen. Sie reduzieren die gezeigten Gesichter auf etwas Wesentliches, das aber nicht gleich sichtbar wird. Sie bewegen sich, so sagt sie selbst, zwischen theoretischen und therapeutischen Welten und sind auf der Suche nach marginalisierten Identitäten. Ihr besonderer Reiz liegt aber darin, dass sie auf ostentative Identitätszumutungen verzichtet und damit viel Raum für Deutungen und Assoziationen bietet.
Identität ist das Thema von Widad Nabi. Die Geschichten einer »Frau am Spreeufer« der aus Aleppo geflohenen kurdischen Syrerin changieren zwischen der Suche nach konkreter Herkunft und universalen Schicksalen. In einem Interview mit Amnesty International betonte die Autorin in diesem Jahr, wie sehr sich Kriegs- und Zerstörungserfahrungen überall ähneln, sie erwähnt auch die Kriegserfahrung der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, und wie sehr es die Literatur sei, die hier auf Gemeinsamkeiten, ja Universalität der Erfahrung hinweisen könne und müsse. Bewegend ist, wie sie hier berichtet, dass sie sich, auch nach dem Verlust ihrer eigenen Bibliothek, deutschsprachige Bücher gekauft habe, bevor sie ein Wort deutsch konnte – gewissermaßen als ein Versprechen auf zukünftige Zugehörigkeiten.
Ein besonderer Dank gilt Lilly Murmann, die bei der Vorbereitung dieses Kursbuchs einen ersten Aufschlag mit Themen- und Namensvorschlägen gemacht hat und die Konzeption dieses Kursbuchs maßgeblich mitgestaltet hat.
Sonja Zekri schließlich gilt unser Dank dafür, dass sie den 20. Brief einer Leserin geschrieben hat.
Sonja ZekriBrief einer Leserin (20)
Möglicherweise wird 2017 in die Geschichte der Frauenbewegung eingehen als das Jahr, in dem das Kursbuch nach 40 Jahren wieder ein ganzes Heft den Frauen gewidmet hat. Sehr viel wahrscheinlicher aber ist es, dass es als das Jahr in Erinnerung bleiben wird, in dem Errungenes verteidigt werden musste.
Um gerecht zu sein: Man darf nicht alles dem Jahr 2017 in die Schuhe schieben. 2016 und 2015 waren ebenfalls keine wirklich glücklichen Abschnitte. Gewiss, die Frage nach einem freiwilligen weiblichen Sex-Verzicht als radikalem Ausweg aus der Unterdrückung, wie Karin Reschke sie im Kursbuch vor 40 Jahren stellte, wird heute nicht mehr ernsthaft diskutiert. Ihre Forderung nach einer Einbindung der Männer in die Gleichberechtigungsbemühungen hingegen ist nach wie vor aktuell, und der Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Benachteiligung von Frauen und weiblicher Not nach wie vor quälend.
Viele der alten Desiderata sind auch die neuen: bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ein Ende der Lohnunterschiede, des Armutsrisikos für alleinerziehende Mütter, mehr Frauen in leitenden Positionen. Das gesellschaftliche Klima hingegen hat sich erkennbar geändert. Es ist sehr viel fortschrittlicher, liberaler, offener, auch für andere Gruppen, deren Stimmen lange nicht zählten: Schwule, Lesben, Transpersonen, Migranten, Kinder von Migranten. Inzwischen müssen sich die Deutschen mit den Besonderheiten von Identitäten auseinandersetzen, von deren Existenz die meisten vor 20 Jahren nicht einmal etwas ahnten, ja, die Identität an sich hat als politische Kategorie – demokratiestärkend wie demokratiegefährdend – eine Bedeutung gewonnen, die sie in der Geschichte kaum je hatte.
Theoretisch könnten sich die Verlierer der weißen patriarchalischen Weltordnung verbünden, zusammen wären sie viele. Und manchmal, selten geschieht das auch, in Amerika beispielsweise beim Womens March nach der Amtseinführung von Donald Trump. Aber das sind Ausnahmen. Oft macht die Vielfalt der Stimmen alles nur komplizierter. Nicht alle haben dieselben Interessen, nicht jede Feministin kämpft für die Interessen von Transfrauen, nicht jeder Ausländer ist frauenfreundlich, nicht jeder Schwule akzeptiert Muslime – und umgekehrt. Keine Gruppe hat bis heute selbst in den fortschrittlichsten Ländern jenen Grad an Gleichstellung erreicht, den sie sich vorstellt, und vielleicht geht das auch gar nicht, weil das Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Gruppen ohnehin immer neu ausbalanciert werden muss. Das schafft manchmal Solidaritätseffekte, manchmal auch nur Konkurrenz.
Dummerweise reichen bereits jene Zugeständnisse mehr als aus, um jene auf den Plan zu rufen, denen die ganze Richtung nicht passt. Rechte Populisten kassieren ein Land nach dem anderen, Polen, Ungarn, Amerika, auch Regionen Deutschlands. Eine erfolgreiche Zukunft ohne die Begegnung mit störenden Fremden und ohne Globalisierung ist denkbar, locken sie. Vielleicht lässt sich mit dem homogenen Nationalstaat auch das Familienmodell aus den Nachkriegsjahren recyceln? Das hat es in dieser Idylle möglicherweise so nie gegeben, aber dadurch wird die Sehnsucht danach nur größer. Gehört zum neuen patriotischen Lebensgefühl nicht doch die Sicherung der Mindestreproduktivität durch die klassische Kleinfamilie? Auf den Plakaten der AfD im Bundestagswahlkampf sah man beispielsweise Frauke Petry (damals noch Parteimitglied) mit ihrem Sohn Ferdinand (»Und was ist Ihr Grund, für Deutschland zu kämpfen?«). Oder: den halb entblößten Bauch einer Schwangeren, links unten ihr lachendes Gesicht, darüber die Sätze: »Neue Deutsche? Machen wir selber.«
Vor ein paar Jahren noch wäre diese Lebensborn-Idylle, dieses Brutmaschinen-fürs-Vaterland-Ideal, undenkbar gewesen. In den Erschütterungen des Nach-Brexit-, Nach-Trump-Jahres war es nur eine Ungeheuerlichkeit unter vielen.
Unterdessen versuchen die Rechten, die Schwachen gegen die noch Schwächeren auszuspielen. Seit der Kölner Silvesternacht haben all jene einen schweren Stand, die Syrer, Afghanen, Iraker mit Blumen empfingen. Köln ist ein Einzelfall, beschwichtigten zwar damals viele, nicht alle jungen Männer aus dem islamischen Raum sind so. Man werde Vorkehrungen treffen, dass sich Derartiges nicht mehr wiederholt, versprach die Politik. Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken verstieg sich sogar zu der romantischen Hoffnung, ein wenig vom »orientalischen Charme« der Neuankömmlinge werde den »Verkehr der Geschlechter« beflügeln – als könne man an erotische Projektionen aus fernen Zeiten anknüpfen, an das Bild eines freizügigen Orients, wie es einst Gustave Flaubert in seinem Reisetagebuch aus Ägypten oder Pier Paolo Pasolini bei den Dreharbeiten zu den Erotischen Geschichten aus 1001 Nacht im Jemen vorschwebte.
Alice Schwarzer, schon vor 40 Jahren im Kursbuch berühmt und umstritten, beschritt nach Köln beherzt den anderen Weg. Sie versammelte in einem Buch (Der Schock – die Silvesternacht von Köln) einige der prominentesten Islamkritiker, die die sexuelle Gewalt gegen Frauen vor dem Dom als geradezu zwangsläufige Enthemmung sexuell frustrierter junger muslimischer Männer deutete, mithin als religionsimmanent.
Zwei Jahre später scheint sich diese These noch düsterer zu bestätigen: Die Zahl der Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffe steigt – und es steigt die Zahl der Flüchtlinge unter den Tätern. Wer als Frau den weiteren Zuzug befürwortet, wirkt da naiv, ja fast leichtfertig.
Aber ist das so? Müssen Frauen sich wirklich entscheiden, können sie nicht beides grundsätzlich ablehnen, Frauenhass und Ausländerfeindlichkeit? Die äußerst hellsichtige britische Feministin Laurie Penny jedenfalls dreht den Spieß einfach um. Sie stellt einen ganz anderen Zusammenhang her, nämlich jenen zwischen Rassismus und Frauenhass: »Dieses reaktionäre Aufbegehren, das sich aktuell gegen den modernen Feminismus richtet, ist zutiefst rassistisch«, sagte sie in einem Interview. Die Schnittstelle von Sexismus und Rassismus treibe die White-Supremacy-Bewegung weltweit voran: »Diese Obsession mit ›unseren‹ Frauen, die vor braunen oder schwarzen Männern beschützt werden sollen. Ein Feminismus, der nicht links und antirassistisch ist, bringt uns nicht viel.«
Natürlich sind nicht alle, die sich Sorgen um die Freiheit der westlichen Frauen machen, Rassisten. Nur sind sie eben auch nicht immer die besten Freunde der Frauen. Die hysterische Sorge um den Schutz der deutschen Frau vor dem dunklen Mann ist von Eigentumsdenken manchmal kaum zu unterscheiden.
Vor allem aber zeigt diese Diskussion, zeigt das Jahr 2017: Frauenrechte sind zu einem politischen Instrument geworden. Spätestens seit die Amerikaner in Afghanistan einmarschierten, weil nach Jahren ungestörter Taliban-Herrschaft die Unterdrückung der afghanischen Frauen keinen Tag länger hinnehmbar war, sind Frauenrechte als politisches Vehikel etabliert. Frauen durften in Saudi-Arabien nicht Auto fahren? Schlimme Geschichte, da graust es den liberalen westlichen Beobachter, und er fühlt sich gleich noch ein bisschen liberaler und westlicher. In Russland werden Schwule und Lesben verfolgt? Er lernt es eben nicht, der Russe, hat er noch nie, nicht die Demokratie und die Toleranz auch nicht.
Wenn sich dann auch einmal im Westen ein Abgrund auftut wie im Fall der sexuellen Übergriffe des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, ist der Schock umso größer: So etwas ist immer noch möglich?
Ist es. Sollte es nicht, schließlich dachten viele, wir wären schon weiter. Dass der Status quo nicht nur ernüchternd ist, sondern sogar gefährdet, das ist die bittere Erkenntnis des Jahres 2017.
Margarete Stokowski Stadt, Land, Fluss beim Sex Mein Leben als feministische Kolumnistin
Frauen sind die größte Minderheit der Welt. Denn obwohl es weltweit ähnlich viele Frauen wie Männer gibt, gilt auch 68 Jahre nach Simone de Beauvoirs Buch Das andere Geschlecht die Frau häufig immer noch als Spezialfall und der Mann als Normalfall. »Sie ist das Unwesentliche gegenüber dem Wesentlichen«, schrieb Beauvoir über die Frau im Verhältnis zum Mann: »Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: sie ist das Andere.«1
Es klingt etwas hart, wenn man das heute noch so sagt. Es ist immerhin einiges passiert, seitdem Beauvoir diese Sätze geschrieben hat, und selbst sie hatte damals schon das Gefühl, eigentlich sei in der Debatte um den Feminismus bereits »genug Tinte geflossen«. Immerhin war in den Jahrzehnten zuvor auch schon viel passiert.
Man handelt sich heute schnell den Vorwurf ein, sich nur zum Opfer machen zu wollen, wenn man davon spricht, dass Frauen benachteiligt werden. Es kann passieren, dass man als Feministin für genau diese Feststellung als frauenfeindlich bezeichnet wird, weil man angeblich die vielen Fortschritte nicht sieht, die Frauen erkämpft haben. Frauen können heute immerhin genauso mächtige Positionen bekleiden wie Männer, sie können reich und berühmt werden, sie können ins All fliegen oder Kriege führen oder wichtige Rollen in Filmen spielen, in denen Kriege im All geführt werden.
Es gibt auch Leute, die finden, Frauen hätten es inzwischen besser als Männer: Sie leben länger und bekommen eigene Quoten und Parkplätze und Frauenschwimmtage im Hallenbad; es gibt in vielen Ländern ein Frauenministerium, aber kein Männerministerium; und dort, wo es eine Wehrpflicht gibt, gilt sie bis auf wenige Ausnahmen nur für Männer. Das stimmt alles. Und doch: Die Tatsache, dass es um die Lebenssituationen und die Macht von Frauen heute besser steht als zu Zeiten, in denen die bloße Forderung nach gleichen Rechten mit dem Tod bestraft wurde, heißt nicht, dass alles gut ist. Noch lange nicht.
Wer heute über Frauen spricht, muss ständig »immer noch« und »trotz« sagen: Immer noch gehört Frauen weniger Geld, und immer noch erledigen sie die meiste Familienarbeit, immer noch erleben viele Frauen sexualisierte Gewalt, und immer noch reden Leute davon, Frauen seien während ihrer Menstruation nicht ganz zurechnungsfähig – trotz der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte, trotz der (zumindest in Deutschland) verbesserten Rechtslage, trotz theoretisch sehr verfügbarer Informationen über den weiblichen Körper.
Und immer noch gelten »Frauenthemen« als Spezialthemen. In der Literatur lässt sich das gut beobachten. In Buchhandlungen gibt es Regale mit »Frauenliteratur« (mein Lieblingsgenre: »freche Frauen«), aber keine »Männerliteratur«. Ein berühmter Gedichtband, den Marcel Reich-Ranicki zusammengestellt hat, enthält Gedichte deutscher Lyrikerinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart und heißt: Frauen dichten anders – anders als wer?, könnte man fragen, aber ach, man will sich die Blöße nicht geben. Anders als Männer natürlich, der Normalfall. (Nur im Bereich Kosmetik ist es andersrum, da sind Männer das Besondere: Da gibt es Shampoos für trockenes, welliges, glattes, feines, fettiges oder älter werdendes Haar – und für Männer.)
Als Margaret Atwood im Oktober dieses Jahres den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, sagte Eva Menasse in ihrer Laudatio, es würde häufig behauptet, »das Frauenthema« sei ein Lebensthema von Atwoods Büchern. Nun sei es aber erstens so, dass bei Schriftstellerinnen eh genauer hingesehen werde als bei Schriftstellern, wie sie Geschlechterverhältnisse konstruieren. Kaum jemand würde bei einem männlichen Schriftsteller darauf hinweisen, dass seine wichtigen Figuren allesamt Männer sind. Es wäre irgendwie pingelig und am Thema vorbei. Zweitens aber, so Eva Menasse, würde ein Buch eben nicht dadurch ein »Frauenbuch«, dass die Hauptfigur weiblich ist. Ein Roman wie Der Report der Magd kann zugleich von der Unterdrückung der Frau handeln und vom Totalitarismus – von dem man nicht unbedingt behaupten würde, er sei ein typisch weibliches Thema. Wenn Frauen in der von Atwood beschriebenen Dystopie auf die Art betroffen sind, dass sie keine eigenen Pläne mehr haben dürfen, außer Kinder zu gebären, dann ist das ein zentraler Baustein dieses Gesellschaftssystems und nichts für die »Frauenecke«.
Der Witz ist: Es gibt keine »Frauenthemen«. Themen werden zu Frauenthemen, weil Männer sich nicht darum kümmern, und nicht, weil sie nicht betroffen sind. Schwangerschaft und Geburt gelten als »Frauenthemen«, aber Männer werden auch Väter. Erziehung und Pflege sind »Frauenthemen«, weil Frauen hier mehr unbezahlte Arbeit leisten. Ungleiche Bezahlung ist ein »Frauenthema«, weil Männer sich zu selten darüber beschweren. Gewalt gegen Frauen ist ein »Frauenthema«, aber sie geht meistens von Männern aus.
Neuverpackung: Aus der Frauenfrage werden Gender-Themen
In früheren Etappen des Feminismus wurde häufig von der »Frauenfrage« gesprochen. Damals war allerdings auch noch eindeutiger auszumachen, um welche grundlegenden Veränderungen es ging: Die Frauenbewegung ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er-Jahre kämpfte vor allem für das Frauenwahlrecht und Zugang zu anderen Bereichen männlicher Vorherrschaft, etwa Bildung und Beruf. In der Frauenbewegung der 1970er-Jahre standen dann andere Themen im Mittelpunkt, hauptsächlich Selbstbestimmung über den eigenen Körper, Schönheitsnormen, das Recht auf Familienplanung, die Neuorganisation von Kindererziehung und Hausarbeit, Gewalt gegen Frauen.
Diese sogenannte »zweite Welle des Feminismus« formierte sich unter anderem aufgrund der Erkenntnis, dass das, was Männer für sexuelle Befreiung oder gar Revolution hielten, überhaupt nicht alle gleichermaßen befreite. Denn einerseits sollte die »Revolution« von 68 sexuell sein, andererseits wurde das Geschlechterverhältnis nicht grundlegend infrage gestellt. Man war zumindest unter Männern der Meinung, die »Frauenfrage« sei ein Nebenwiderspruch, der sich mit der Auflösung des Hauptwiderspruchs – der Klassenfrage – von allein lösen werde: Demnach war es nur im Dienste der Sache, alle politischen Kräfte darauf zu fokussieren.
Doch natürlich zeigte schon die Umdeutung der Geschlechterfrage zur Frauenfrage, dass die Mehrheit der Männer nicht das Bedürfnis verspürte, in dieser Hinsicht eine Emanzipation zu durchlaufen: Viele hofften, sich sexuell befreien zu können in dem Sinne, dass zu ihrer Befriedigung mehr Frauen als vorher zur Verfügung stünden. Frauen sollten sich locker machen. Sie hatten aber bei Versammlungen weiter weniger Möglichkeiten, zu sprechen, weil sie weniger ernst genommen wurden, sie sollten lieber Flugblätter abtippen oder waren nur »die Freundin von«. Wenn man heute liest, was die Frauen, die damals dabei waren und zum Teil in den legendären Kommunen lebten, über die sexuelle Freiheit dieser Zeit sagen, ist das ziemlich ernüchternd: Die meisten hatten sehr wenig Spaß.
»Das stimmt nicht!«, rief einmal ein Mann dazwischen, als ich bei einer Lesung aus meinem Buch Untenrum frei diese meine Sichtweise auf die »sexuelle Revolution« erklärte. Er stellte sich als Zeitzeuge vor, als sogenannter Alt-68er, und wollte sich verteidigen: »Das war so eine super Zeit«, erklärte er. »Ehrlich. Wir waren so frei, alles war so leicht, du konntest jede Frau haben!« Er merkte nicht, dass ein Großteil des ansonsten eher studentischen Publikums davon leicht irritiert oder belustigt war. »Was wir damals gemacht haben«, fand er, »das war gelebte Freiheit! Man spricht immer von 68, aber eigentlich ging das viel länger – bis in die 80er-Jahre, denn da kam Aids. Da war der Spaß vorbei, da musste man aufpassen, das hat richtig genervt.« Ich hätte mir meinerseits kaum eine plakativere Bestätigung wünschen können als diesen Mann im Publikum.
Was wäre heute die »Frauenfrage«? Es gibt sie nicht mehr in dem Sinne, wie es sie früher gab. Es gibt zwar weiterhin Themenfelder, die bearbeitet werden müssen, um die Lebenssituation von Frauen zu verbessern: gleiche Bezahlung, Gewalt gegen Frauen, die Verteilung von Kindererziehung, Pflege von Angehörigen und Arbeit im Haushalt, Abtreibungsrechte (immer noch), Altersarmut, die Situation von Prostituierten, Betreuung von Schwangerschaft und Geburt und viele andere.
Oft redet man dann inzwischen nicht mehr von »Frauenthemen«, sondern von »Gender-Themen«. Frauenbeauftragte heißen inzwischen eher Gleichstellungsbeauftragte, an Universitäten betreibt man eher Gender Studies als Frauenforschung, und in der Politik oder Wirtschaft spricht man häufig nicht von Frauenförderung oder Frauendiskriminierung, sondern von Geschlechtergerechtigkeit.
Das ist alles einerseits gut und richtig und andererseits nicht so hilfreich, wie man meinen könnte. Denn auch wenn es zwar stimmt, dass Frauenthemen immer auch Männerthemen sind, weil sie Gesellschaftsthemen sind, wird »Genderkram« weiterhin oft als »Frauenkram« wahrgenommen: Dann sind Frauen eben Menschen mit Gender – oder haben womöglich nur Feministinnen ein Gender? Manchmal scheint es so. Als die Jugendorganisation der AfD, die »Junge Alternative für Deutschland« einmal eine Facebook-Aktion startete, in der es um »Gleichberechtigung statt Gleichmacherei« gehen sollte, ließ sich eine der Teilnehmerinnen mit einem Schild fotografieren, auf dem stand: »Ich bin keine Feministin, weil ich auch ohne Gender Eier in der Hose habe!«
So lustig das ist, so typisch ist es leider auch. Wenn man über die Probleme redet, die es heute in Bezug auf Gleichberechtigung immer noch gibt, dann kommen immer wieder dieselben Einwände. Es ist kaum möglich, über die Benachteiligung von Frauen in irgendeinem Bereich zu sprechen, ohne dass jemand auf eine bestimmte Frau (oder sich selbst) zeigt und sagt: Aber diese Frau hat dieses Problem nicht! Und das mag tatsächlich stimmen. Das ist unser Glück: dass wir mitten im Fortschritt sind. Aber es ist auch unsere Herausforderung: strukturelle Probleme trotzdem zu sehen. Das heißt, Probleme zu sehen, die sich immer und immer wieder auf dieselbe Art wiederholen, weil sie durch die Art begünstigt sind, wie unsere Gesellschaft funktioniert, weil manche Leute mehr Macht und Privilegien haben als andere. Denn weder ein starker Charakter noch glückliche Umstände machen politische Entwicklungen überflüssig.
Es gibt gleichberechtigte Beziehungen zwischen Frauen und Männern, es gibt Unternehmen mit fairer Bezahlung, und es gibt Frauen, die nicht vergewaltigt werden. Es gibt aber auch jene, für die das alles klingt wie ein sehr ferner Traum.
Immer wieder trifft man Leute, die direkt provoziert sind, wenn sie hören, dass jemand Feministin ist oder Feminist. Sie fangen sofort an, sich zu verteidigen, auch wenn man noch keine zwei Sätze miteinander gewechselt hat. Wer weiß, was ihnen da wieder alles weggenommen werden soll – und das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Es gibt Leute, die ernsthaft denken, Feministinnen wollen statt des Patriarchats eine weibliche Herrschaftsform errichten, in der Männer geknechtet sind und Frauen in allen Dingen das Sagen haben. Das ist natürlich Quatsch. Viel zu viel Arbeit. Nein, Scherz. Es ist tatsächlich Quatsch, weil Feminismus nicht die Umkehrung von Unterdrückungsverhältnissen will, sondern ihre Abschaffung.
Es gibt außerdem – gar nicht so wenige – Leute, die denken, Feministinnen wollen Frauen ihre Mutterschaft madig machen und glückliche Mütter, Ehefrauen und Hausfrauen zu unmündigen, elenden Wesen erklären, die alles kaputt machen, wofür Frauen seit Jahrhunderten kämpfen. Auch das stimmt nicht.
Und dann gibt es Leute, die finden schlicht: »Für mich trifft das alles nicht zu. Ich bin emanzipiert, aufgeklärt und fortschrittlich, und wenn mir jemand sexistisch kommt, hey, das kann passieren, aber dann sag ich eben: Halt die Klappe.« Das sind Leute, die Feministinnen oder Feministen vielleicht nicht provokant finden, aber eben doch etwas abgedreht und übertrieben, einen Tick zu stressig.
