Kursbuch 195 -  - E-Book

Kursbuch 195 E-Book

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Beschreibung

Hat Marshall McLuhan noch recht? Werden alte Medien von neuen Medien nicht verdrängt? Wird das Tablet dem Radio nicht zu Leibe rücken und Youtube dem Kinofilm nichts anhaben? Oder erfassen wir den Bezugsrahmen ganz falsch und müssen die Frage auf einer grundsätzlicheren Ebene ansetzen: Was begreifen wir als Medium? #realitycheck_medien prüft nicht nur, was unsere Realität an Medien hergibt, sondern welche Medien unsere Wirklichkeit erst erzeugen. Neben Essays dieses Mal auch mit zwei Interviews: das eine mit FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube, das andere mit den SZ-Investigativreportern Frederik Obermaier und Bastian Obermayer.

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Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Armin NassehiEditorial

Christian DemandBrief eines Lesers (22)

Frederik Obermaier/Bastian Obermayer» Irgendetwas stimmt da nicht!«Im Gespräch mit Peter Felixberger und Armin Nassehi

Christoph Neuberger Entfesselte KontexteStatus und Konsequenz digitaler Öffentlichkeit

Armin Nassehi»Wir werden es gewusst haben!«Das Internet als Massenmedium

Wolfgang SchmidbauerEine Burg voller NarrenGoogles Irrwege in eine bessere Welt

Jürgen Kaube»Wenn man über alles schreibt, wie bleibt man dann interessant?«Im Gespräch mit Peter Felixberger und Armin Nassehi

Angela KepplerDas Fernsehen lebt!Persistenz und Transformation eines Mediums

Ai WeiweiLaundromat

Patrick BahnersVorbild: David CarrEine Geschichte über Aufrichtigkeit im Journalismus

Alexander GutzmerGrenzübergangDie Frontera als Medium zwischen den USA und Mexiko

Sven MurmannDer Kurs des BuchesNeue Erfüllungsorte der Publizität

Michael HallerNarzissten in der FilterblaseDas Medienverhalten der Millennials

Benjamin MoldenhauerDas Kino bebt!Anmerkungen zu einem anachronistischen Medium

Ulrike DraesnerEin X für ein UDie Autor*in als Leser*in

Die Autoren

Impressum

Armin NassehiEditorial

Nach einem Putsch wird man wohl zunächst die Kasernen und Polizeistationen sowie die wichtigsten Verwaltungseinheiten stürmen. Aber gleich danach, vielleicht sogar vorher, wird man sich der Fernseh- und Radiostationen bemächtigen, die Zeitungen gleichschalten und womöglich die Druckereien kontrollieren. In den Gefängnissen der Türkei sitzen vor allem Journalistinnen und Journalisten ein, auch in Russland sind es Presseleute, die sogar umgebracht worden sind. Die kleine, vor allem kleingeistige Revolution der Rechtsradikalen, die nun als AfD in fast allen deutschen Parlamenten sitzen, hat sich vor allem auf die »Lügenpresse« kapriziert und gestaltet ihre Opferinszenierung wesentlich als Behauptung, in den Mainstream-Medien nicht berücksichtigt zu werden, obwohl derzeit über kaum etwas mehr berichtet wird. Donald Trump, in dessen Amtssitz in D.C. einmal diejenigen saßen, die man – mal mit mehr, mal mit weniger Recht – die »Führer der freien Welt« genannt hat, hat kürzlich in einem Gespräch mit dem Chef der New York Times die Presse als »Feind des Volkes« bezeichnet. So weit würden Kim, Erdoğan, Chamenei oder auch Putin nicht gehen – nicht, weil sie pressefreundlicher wären, sondern weil sie ihre eigene Presse schlicht besser an der Kandare hätten.

Die Konzentration der Autokraten auf die Medien ist kein Zufall, sondern verweist auf deren grundlegende Funktion. Wenn es stimmt, dass wir das meiste von dem, was wir wissen, aus den Massenmedien wissen, dann bestimmt derjenige, der die Medien kontrolliert, darüber, was wir wissen (können und sollen). Umgekehrt: Freie Medien garantieren weniger, dass man mehr weiß, sondern dass es mehrere Varianten dessen gibt, was man über berichtete oder diskutierte Sachverhalte sagen kann. Vielleicht lässt sich das, was die Medien vermögen beziehungsweise was ihre Funktion und Leistung für die Gesellschaft ist, daran bemessen, wie sie eingeschränkt, behindert oder gegängelt werden.

Freilich unterliegen auch freie Mediensysteme durchaus der Kritik, und der Eindruck ist sicher nicht ganz falsch, dass es so etwas wie ein Normalmodell gesellschaftlicher Selbstbeschreibungen gibt, das vor allem durch jene Medien repräsentiert wird, die die größte Reichweite haben. Sie geben damit den Ton dessen an, was sagbar ist. Es war, wie bei so vielem, in der letzten Zeit die Flüchtlingsfrage, die den Aufhänger dafür geliefert hat, wie selektiv Medien über die Gesellschaft berichten. Hier ließ sich – ob zu Recht oder zu Unrecht, ist eine offene Frage – durchaus auch Selbstkritik vernehmen, die aber wiederum in erster Linie ein Medienphänomen ist.

Wir setzen in diesem Kursbuch eine Ebene tiefer an – oder höher? Wie auch immer. Wir haben einen #realitycheck_medien im Sinn, wenn man so will: eine Art Selbstcheck, denn auch das Kursbuch ist ein Medium. Aber es geht nicht ums Kursbuch, sondern um die Frage der Medialität der Medien, die in den Beiträgen grundlegend und exemplarisch behandelt wird. Grundlegend zum Beispiel in den Interviews, die die beiden Herausgeber des Kursbuchs mit Bastian Obermayer und Frederik Obermaier von der Süddeutschen Zeitung und mit dem für das Feuilleton zuständigen Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Jürgen Kaube, geführt haben. Mit Obermayer und Obermaier, die mit ihren Recherchen zu den Panama Papers zu Weltruhm gelangt sind, haben wir erstaunlicherweise kaum darüber gesprochen, sondern über ihr grundlegendes Verständnis von investigativem Journalismus. Im Gespräch mit Kaube geht es vor allem um die Frage, welche Bedeutung das Feuilleton in einer Zeit haben kann, in der es nicht mehr nur um die Künste für ein ohnehin informiertes Publikum geht.

Christoph Neuberger haben wir gebeten, den grundlegenden Wandel des Mediensystems in den Blick zu nehmen. Für ihn ist es vor allem die Digitalisierung, die den Journalismus in eine Identitätskrise gestürzt hat. Ganz anders blickt Wolfgang Schmidbauer auf das Internet. Mit Bezug auf Adalbert Stifters gleichnamige Novelle nennt er das Netz eine »Narrenburg«, in der alles durcheinandergerät, weil es keine sinnvollen Selektivitäten mehr gibt. Weniger soziologisch ausgedrückt: Es fehlt der Mechanismus des Weglassens. Michael Haller beschäftigt sich mit den individuellen Auswahlstrategien und Praktiken des Umgangs mit der neuen Medienwelt, insbesondere bei der jüngeren Generation. Seine Auswertung aktueller Studien zeigt, dass sich hier keine katastrophischen (im Sinne von radikal richtungsändernden) Veränderungen ergeben, sondern eher behutsame Anpassungen. Mein eigener Beitrag interessiert sich für die Anpassungsleistungen des Mediensystems an das Internet und dessen massenmediale Leistungen.

Eine der Grundthesen der Medienwissenschaften besteht darin, dass neue Medien die alten nicht ablösen, sondern ergänzen und zum Teil verändern. So hat das Radio nicht die Zeitung verdrängt, ebenso wenig das Fernsehen das Radio oder die internetbasierte Form des Lesens dasjenige von bedrucktem Papier. Das Fernsehen war sicher für eine kurze, aber bestimmende Phase das Leitmedium schlechthin, weil es die Bildsprache revolutioniert hat – und das Besondere digitaler Medien besteht wohl darin, für eine geradezu ubiquitäre Verfügbarkeit von Bildlichkeit gesorgt zu haben. Das Fernsehen ist nicht verschwunden, hat es aber mit veränderten Zeitverhältnissen zu tun – so jedenfalls kann man den Beitrag von Angela Keppler deuten, die die »Persistenz« des Fernsehens beschreibt, dabei aber vor allem die Folgen der Speicherung und wiederholten Abrufbarkeit fernsehförmiger Formate betont. Benjamin Moldenhauer setzt auf die Persistenz des Kinos als eines medialen Erfahrungsraums mit ganz eigenen Logiken. Er zeigt in seinem Beitrag, wie sich auch hier Generationserfahrungen des Mediums bemächtigen, ohne das Medium selbst zu verdrängen

Patrick Bahners’ Stück über David Carr ist nur auf den ersten Blick ein Porträt des berühmten Journalisten der New York Times, der 2015 verstarb. Es ist auch ein Porträt einer sich verändernden Zeitungs-/Medienlandschaft. Bahners beschreibt eindringlich, wie die Qualität des Qualitätsjournalismus immer auch eine reflexive, eine selbstreflexive Form ist. Der Gegenstand des Mediums ist das Medium selbst, ohne damit bloß selbstbezüglich zu sein. Ebenso ist Alexander Gutzmers Studie über die Inszenierung der Grenze zwischen den USA und Mexiko mehr als eine Rekonstruktion einer medialen Inszenierung der Frontera, sondern eine Studie über die Medialität selbst, also darüber, wie sich die reale Grenze und ihre mediale Darstellung wechselseitig ermöglichen.

Sven Murmann ist Buchverleger und Verleger des Kursbuchs – und macht in seinem Beitrag über den »Kurs des Buches« aus seiner Parteilichkeit keinen Hehl. Das hindert ihn freilich nicht an einer scharfen und auch selbstkritischen Diagnose. Murmann wehrt sich dagegen, das Kulturgut Buch als Insel gegen die Zeitläufte zu immunisieren, sondern nimmt die veränderten Rahmenbedingungen ernst: dass eine sich differenzierende, weniger erreichbare Gesellschaft neue Überlegungen dazu braucht, welche Bücher wen erreichen können und müssen. Und damit ist keine Marketingfrage gemeint, sondern eben die Frage nach dem Kulturgut Buch, die man verfehlt, wenn man sie als bloße Beharrungsfrage stellt. Übrigens: Dass es das Kursbuch heute in dieser Form gibt, ist auch ein Ergebnis solcher Überlegungen von Sven Murmann – das dürfen wir hier nicht ohne Emphase sagen.

Wir freuen uns sehr über die Reflexion von Ulrike Draesner über die lesende Autorin, die in wunderbarer Weise die Grenzen der Zeichen reflektiert und dafür genau das braucht, Zeichen und Bezeichnung.Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat 2016 eine trostlose Grenze überschritten. In das Flüchtlingslager Idomeni. Dort entstand sein radikaler Reality Check der Flüchtlingskatastrophe an der griechisch-mazedonischen Grenze. Bizarre Bilder am Rand der Welt. Post Media.

Es gibt auch lesende Herausgeber. Christian Demand – auch darüber freuen wir uns sehr – übernimmt diesmal als Herausgeber des befreundeten Merkurs den »Brief eines Lesers«, es ist der 22. Ohne das Kursbuch, sagt Demand, wäre er nicht zum Merkur gekommen. Ich jedenfalls kann meinerseits sagen, dass ich ohne die Lektüre des Merkurs nicht Lesen und Schreiben gelernt hätte (das Kursbuch übrigens eingeschlossen). Das ist eine schöne Symmetrie, die ein wenig davon überschattet wird, dass der langjährige Merkur-Macher Kurt Scheel vor wenigen Tagen verstorben ist, dem diese Art Textform, wie wir sie auch heute noch pflegen, sehr viel zu verdanken hat.

Christian DemandBrief eines Lesers (22)

Ohne das Kursbuch wäre ich nicht beim Merkur gelandet. Schließlich bin ich über das Kursbuch überhaupt erst zum Zeitschriftenleser geworden.

Ich war schon Mitte 20, als mir das erste Heft in die Hand fiel. Die Zeitschriften, die bei uns zu Hause gelesen wurden, waren klassische Illustrierte. Die Bibliothek meiner Eltern war zwar umfangreich, sie enthielt aber fast ausschließlich Bildbände und Lexika zu Kunst und Architektur. Über alles andere unterrichtete das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung.

Anfang der 1980er-Jahre begann ich mit dem Studium. Die intellektuelle Bohrtiefe im universitär neu installierten Fach Kommunikationswissenschaft, für das ich mich eingeschrieben hatte, war niederschmetternd. Das deutlich ansprechendere Niveau in der Philosophie, zu der ich schon bald wechselte, war erkauft durch einen erschreckenden Mangel an lebensweltlicher Dringlichkeit sowie durch Kommilitonen, die daran nichts erschreckend finden konnten.

Während meiner Studienzeit lagen in allen Buchhandlungen in Universitätsnähe die wichtigen Kulturzeitschriften, politischen, literarischen und sozialwissenschaftlichen Magazine ganz selbstverständlich an prominenter Stelle aus. (Es gab mehr davon als heute, Zeitschriften wie Buchläden, oder täusche ich mich?) Ihre programmatisch karg gehaltene Aufmachung strahlte eine intellektuelle Strenge aus, die mich sofort in den Bann schlug. Nach ein paar eher mäßig überzeugenden Anbahnungsversuchen mit der Neuen Rundschau und den Frankfurter Heften verliebte ich mich im September 1986 erfolgreich in das Kursbuch. Geholfen haben dürfte dabei, dass es von allen ausgelegten Heften mit Abstand am besten aussah.

Die erste Ausgabe, die ich von vorn bis hinten gelesen habe, und bei der ich das Gefühl hatte, dass das, worüber und auch wie da geschrieben wurde, mich wirklich anging, war Heft 85 mit dem Titel GAU – Die Havarie der Expertenkultur. Ich weiß das deshalb so genau, weil ich es aufbewahrt habe. Diese Liaison dauerte gut fünf Jahre, wobei ich fast die ganze Zeit über ein treuer Leser war. Die letzte Ausgabe, die ich aufbewahrt habe, ist Heft 106 vom Dezember 1991 – das Kursbuch war mittlerweile vom Rotbuch Verlag zu Rowohlt gewechselt – mit dem Titel Alles Design. Es war ein großartiges, noch immer unbedingt lesenswertes Heft. Und doch erlosch mein Interesse danach zunehmend. Der Sound bezauberte mich immer seltener. Wenig später entdeckte ich den Merkur für mich.

Auch als Macher ist man Leser. Man ist es sogar noch mehr. Das empfiehlt sich in diesem Metier schon deshalb, weil man zur eigenen Arbeit nur selten direkte Rückmeldungen bekommt. Zumindest nicht von denen, für die man sie macht. Tages- und Wochenzeitungen erreichen mehr Leserzuschriften, als sie beantworten können; Funkhäuser und Fernsehanstalten unterhalten eigene Abteilungen zur Bearbeitung von Publikumsreaktionen und -anfragen. Im Vergleich dazu ist das Zeitschriftenmachen publizistischer Blindflug: Wenn beim Merkur in einem Monat drei Zuschriften eingehen, die sich zu Inhalten äußern, ist das schon viel. So misst man die eigene Arbeit zwangsläufig an der der anderen Zeitschriften – ich lese also auch wieder regelmäßig das Kursbuch – und vertraut ansonsten notgedrungen seinem inneren Kompass. Ich bezweifle, dass die Leserschaft der anderen Zeitschriften sehr viel mitteilungsfreudiger ist, es dürfte ihnen also ähnlich gehen.

Noch bis in die 1980er-Jahre erschienen die Flaggschiffe der bundesdeutschen Kulturzeitschriften in mehreren Zehntausend Exemplaren (und das, obwohl der Markt vor der Wiedervereinigung deutlich kleiner war). Das sind aus heutiger Sicht geradezu aberwitzig hohe Auflagezahlen. Sie verliehen zumindest den erfolgreicheren Titeln hinreichend publizistisches Gewicht, um gelegentlich sogar öffentliche Debatten auszulösen beziehungsweise aktiv mitzugestalten, was wiederum die eigene Publizität erhöhte. Da die politischen Fronten überdies für lange Zeit recht eindeutig verliefen, konnte man sich darauf verlassen, dass der Debattenbetrieb im Wesentlichen ihrer polaren Logik folgte: Auf Provokationen von der einen Seite war mit Provokationen auf der anderen zu rechnen – so ergab sich eine Art publizistisches Perpetuum mobile.

Zwar funktioniert die Dynamik öffentlicher Erregung fast schon wieder nach demselben Muster. Allerdings sind die intellektuellen Zeitschriften dabei mittlerweile weitgehend aus dem Spiel. Sie geben im öffentlichen Diskurs die Stichworte nicht mehr vor, dafür ist ihre Leserschaft schlicht zu klein geworden. Es kommt also nicht von ungefähr, dass die regelmäßigen kritischen Zeitschriftenschauen, wie sie hierzulande jahrzehntelang medienübergreifend gepflegt wurden, etwa um die Jahrtausendwende verschwanden.

Warum glaube ich dennoch an die Zukunft dieser Gattung? Weil ich an das Format glaube. Zeitschriften sind schwerfällig, in digitalen Zeiten sind sie es mehr denn je. Beim Merkur liegt allein zwischen der Abgabe der fertig bearbeiteten Manuskripte bei der Setzerei und der Auslieferung bei den Abonnenten ein Zeitraum von fast zwei Monaten. Immerhin erscheint jeden Monat ein neues Heft. Bei Magazinen, die im Zwei- oder Dreimonatsrhythmus erscheinen, ist der Takt noch einmal deutlich langsamer. (Ganz davon abgesehen, dass viele Hefte erst lange nach ihrem Erscheinen gelesen werden, weil selbst die treuesten Leser auch noch anderes zu tun haben.) Das klingt nach einem Wettbewerbsnachteil, ist aber in Wahrheit ein seltenes Privileg: Es schafft Distanz und entlastet so von vielen lästigen Zwängen des publizistischen Betriebs.

Denn unter solchen Rahmenbedingungen verliert Geschwindigkeit extrem an Bedeutung. Man fühlt keinen Druck, sich an Leitartikelschlachten beteiligen zu müssen, weil alle Meinungen, die man zu einer Sache nur haben kann, bis zum nächsten Erscheinungstermin ohnehin längst durch die Welt posaunt wurden. Man ist den meisten Debatten gegenüber frei genug, so lange abzuwarten, bis sich eine entscheidend neue Perspektive findet. Und ganz sicher muss man nicht auf jeden Jubiläumszug aufspringen. Der langsame Takt eröffnet vielmehr die Möglichkeit, den Themen einen Teil der Komplexität zurückzugeben, die im Prozess ihrer medialen Zurichtung notgedrungen verloren geht. Das scheint mir heute wichtiger denn je, und ich bin zuversichtlich, dass sich auch weiterhin Leser und Leserinnen finden werden, die das genauso sehen. Zumindest solange es noch Büchertische gibt.

Frederik Obermaier/Bastian Obermayer» Irgendetwas stimmt da nicht!«

Ein Gespräch mit den investigativen Journalisten Frederik Obermaier und Bastian Obermayer (Süddeutsche Zeitung), die im Zusammenhang mit den Panama Papers zu Weltruhm gelangten. Von Peter Felixberger und Armin Nassehi

Frederik Obermaier

»Ich komme aus der Ecke Mühldorf in Oberbayern und bin in Polling auf dem Dorf aufgewachsen. Da war naturgemäß wenig los. Das Highlight war das Maibaumaufstellen. Geredet hat man über das Wetter und die Ernte. Ich war der Einzige, der Hochdeutsch gesprochen hat. So richtig habe ich zum Dorfleben nicht dazugehört. Weshalb es mich schnell hinausgetrieben hat nach Burghausen, Altötting oder München – nach damaligem Maßstab also in die weite Welt. Nach dem Abitur habe ich Politikwissenschaft studiert und Journalistik noch dazugenommen. Ich bin in den Jemen gegangen, um Arabisch zu lernen, dann nach Südafrika zum ZDF und nach Kolumbien zum Studium. So entstand der Wunsch, Auslandskorrespondent zu werden. Nach einem Volontariat bei der Süddeutschen Zeitung bin ich in die investigative Recherche reingerutscht. Hans Leyendecker hatte einen Mitarbeiter für eine Hells-Angels-Geschichte gesucht. Nach dieser Recherche hat er mir eine Teilstelle angeboten. Seit fünf Jahren bin ich fest dort.«

Bastian Obermayer

»Ich bin aus Rosenheim, was einem lange in den Knochen steckt. Aus einer Gegend mit einem Medienmonopol, das uns als junge Leute wahnsinnig gemacht hat, weil vieles einfach nie den Weg in die Zeitung gefunden hat, wie zum Beispiel die Abhöranlagen in Bad Aibling. Ich wollte immer Fußballprofi und Schriftsteller werden, war aber für beides nicht gut genug. Dann wollte ich auf Sportjournalist umsatteln, bin aber zum Glück im SZ-Magazin gelandet, wo ich für mich das lange Reportageformat – angefangen bei den Patres im Kloster Ettal bis zu einem SS-Mörder, der an einer Massenerschießung in der Ukraine beteiligt war – entdeckt habe. Daraufhin hat mich Hans Leyendecker gefragt, ob ich nicht in die investigative Recherche wechseln wolle. So war’s.«

Kursbuch: Sie sind beide aus der Provinz in die weite Welt gezogen. Mit dem Impuls, mehr zu sehen, mehr zu erkennen, mehr wahrzunehmen, Grenzen zu überschreiten. Investigativer Journalismus bedeutet Grenzüberschreitung. Steckt dahinter mehr als ein biografischer Impuls?

Frederik Obermaier: Grenzen überschreiten ist vielleicht eine Überinterpretation. Ein Antrieb bei mir waren die Geheimnisse, die es in meiner Familie gab. Offenkundige Anhaltspunkte, über die aber nie gesprochen wurde. Meine Urgroßeltern waren Sudetendeutsche, und ich kann mich noch genau an ein Foto bei meiner Uroma erinnern, auf dem mein schon verstorbener Uropa in einer sehr dunklen Uniform zu sehen war. Niemand hat je über seine Nazivergangenheit geredet. In einem anderen Zweig der Familie wurde nie groß erzählt, wer eigentlich der Vater diverser Kinder ist. Zu wissen, wer wo herkommt, war im bayerischen Hinterland für den Umgang miteinander grundlegend wichtig. Mich hat das alles sehr früh sehr interessiert, und mit meiner Neugier bin ich natürlich ständig an Grenzen gestoßen. Das wurde mein Antrieb: nicht voranzukommen, aber zu spüren, dass da doch irgendetwas ist. Hier würde ich die Parallele zum investigativen Journalismus sehen. Oft ist der Auslöser auch hier ein diffuses Gespür, eben ein Gefühl, dass da irgendetwas nicht stimmt. Um dem dann nachgehen zu können, braucht man natürlich die Freiheit, über Monate hinweg eine Geschichte zu recherchieren.

Kursbuch: Sie haben auf eine interessante Differenz innerhalb des Mediensystems hingewiesen, nämlich auf die zwischen Oberfläche und Tiefe. Medien beschreiben oft nur die Oberfläche. Gleichzeitig sind die Geschichten, die wir über unsere Welt erzählen, größtenteils Mediengeschichten. Das heißt: Fast nichts von dem, was wir heute wissen, ist nicht über die Medien rückbestätigt. Dekonstruieren Sie in und durch Ihre Arbeit diese medial vermittelten Oberflächenbilder?

Bastian Obermayer: Als investigative Journalisten erfüllen wir weniger eine rein beschreibende Funktion. Wenn ich als Magazinreporter jemanden begleitet habe, war es für mich klar, mehr oder weniger alles aufzuschreiben, was ich gesehen habe. Das meiste davon habe ich nicht groß hinterfragt. Ein investigativer Reporter oder eine investigative Reporterin hinterfragt dagegen ständig: Stimmt das, was mir hier erzählt wird? Sind das verlässliche Angaben? Das Hinterfragen kann natürlich auch nerven, aber bei vielen Medien geschieht genau das zu selten, oft übernehmen sie Aussagen ohne jede Prüfung auf ihren Wahrheitsgehalt. Bei Themen allerdings, die wichtig für unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben sind, braucht es diese distanziert kritische Haltung. Besonders gegenüber Menschen, die eine öffentliche Funktion innehaben und sich deshalb in der Öffentlichkeit rechtfertigen müssen. Das macht den Unterschied. Wenn der Maler nebenan behaupten würde, dass er jede Form von Schwarzarbeit ablehnt, aber sonntags immer sein Arbeitszeug in den Wagen packt, hat man unter Umständen eine Vermutung, geht aber der Sache nicht weiter nach. Der Mann ist nicht so relevant, dass man sein womöglich widerrechtliches Tun öffentlich machen müsste. Wenn aber jemand, der in ein Amt gewählt wurde, Dinge tut, die nicht mit dem übereinstimmen, was er sagt – dann sind wir da und hinterfragen die Sache. Bei mir sind es übrigens weniger die Geheimnisse in der Familie als der Umstand, dass meine Mutter von München aufs Land gezogen ist, Mitte der 1980er-Jahre, also in den Zeiten von Wackersdorf. Sie war natürlich die einzige linksalternativ-grüne Frau im Dorf und für alle die »grüne Hexe«. Von ihr habe ich einen sehr ausgeprägten Sinn für Ungerechtigkeit übernommen. Franz Josef Strauß war für sie der absolute Feind. Wenn ich böse wäre, würde ich ihr unterstellen, dass sie nicht sonderlich traurig war, als er gestorben ist. Auch der Atomunfall in Tschernobyl war für uns ziemlich prägend, weil wir danach lange Zeit vieles einfach nicht mehr durften.

Kursbuch: Ein Streiter also für Gerechtigkeit?

Bastian Obermayer: Ja, mit einer wichtigen Einschränkung: Selbst wenn etwas schreiend ungerecht ist, muss man ohne Schaum vor dem Mund recherchieren und alles in Ruhe anschauen, sonst macht man Fehler. Die Wut kann nur der Antrieb sein, noch genauer zu recherchieren. Interessant übrigens, dass wir ähnliche Erfahrungen gemacht haben, Frederik – wusste ich gar nicht. Im Fußballverein musste ich Bayerisch lernen, weil ich als »Preiss« sonst nie akzeptiert worden wäre. Wenn du dich in so einer Umgebung nicht anpassen kannst, wirst du nie Teil des Ganzen werden. Trotzdem habe ich nie so richtig dazugehört. Und als ich dann später aufs Gymnasium ging, habe ich mich sogar noch weiter separiert. »Die vom Gymi« waren eben angeblich anders.

Kursbuch: Wenn man den Kontext mit der Geschichte einer anderen Person herstellt, überschreitet man dennoch eine Grenze. Nicht im Sinne einer schlichten Oberfläche, sondern als Durchdringen vielschichtiger, kontroverser und komplexer Wirklichkeiten. Wie bekommt man als investigativer Journalist überhaupt das Gefühl, dass man umfassend in die Tiefe recherchiert? Oder anders gefragt: Leidet man nicht daran, dass nur die Oberfläche angekratzt wird? Die Panama Papers blieben als riesige Datenrecherche letztlich doch auch auf der Ebene unter der eines konkreten Eindringens in die Lebenswelten der Betroffenen.

Frederik Obermaier: Das zeigt ein grundsätzliches Problem im Journalismus. Ich habe selten das Gefühl, mich mit einem Thema so weit befasst zu haben, wie ich es gerne getan hätte. Aber es ist gut, dass man irgendwann auch zur Veröffentlichung kommen soll. Sonst verliert man sich oft in Details, die für unsere Leser und Leserinnen vielleicht gar nicht so wichtig sind. Für eine Geschichte ändert es womöglich wenig bis nichts, ob eine Firma Sunshine Limited oder Sunshine LLC heißt, hinter der wiederum eine Sunshine Limited steht. Allerdings ja: Dieses Spannungsverhältnis hat man immer, nur lernt man, besser damit umzugehen. Bei den Panama Papers zum Beispiel sind wir über Monate hinweg immer wieder auf den Namen Leticia Montoya gestoßen. Der steht für eine Frau, die Zehntausende Firmen wohlgemerkt auf dem Papier leitet, darunter auch solche, die in den Siemens- oder FIFA-Korruptionsskandal verwickelt sind. Wir kannten die Frau nur vom Papier, also wollten wir genauer wissen, wer sie ist, diese Scheindirektorin – die auch noch ziemlich schlecht bezahlt wird und ganz offensichtlich gar nicht mitbekam, was sie alles unterschrieben hat. Wir sind also nach Panama gereist, in ein Fischerdorf – insgesamt sehr ärmliche Verhältnisse –, und haben versucht, mit ihr zu reden. Sie hat leider nicht in ein längeres Gespräch eingewilligt. Und mit Prominenten und Politikern ist die Kommunikation dann ohnehin nur sehr beschränkt möglich. Wir hatten beispielsweise vor einigen Jahren herausgefunden, dass der Militärstandort Rammstein eine wichtige Rolle im US-Drohnenkrieg spielt. Barack Obama hat dann bei einem Deutschland-Besuch – sozusagen in einer Kommunikation auf indirektem Wege – heraustrompetet, er hätte gehört, dass deutsche Journalisten etwas über den Drohnenkrieg verbreiten würden. Er könne dazu nur sagen, dass von Deutschland aus keine Drohnen starten würden. Aber genau dies hatten wir nie behauptet oder geschrieben. Was wir gesagt haben, war, dass hier eine Steuerungszentrale sei. Ein gutes Beispiel für eine ablenkende Tarnen-und-täuschen-Kommunikation, der man nicht auf den Leim gehen sollte. Nur wenn man so eine Aussage einordnet, statt sie bloß wiederzugeben, können sich Leser und Leserinnen vernünftig eine Meinung bilden.

Bastian Obermayer: Wir würden natürlich gerne öfter mit den Leuten reden. Aber wenn wir auf Leute zugehen, kommen wir in der Regel mit belastendem Material. Sonst würden wir ja gar nicht reden wollen. Einmal habe ich mit einem, der über seine Mutter Bevollmächtigter eines Schwarzgeldkontos war, eine Stunde telefoniert, ohne Vorbedingung. Er erzählte, er habe sich nie gut mit seiner Mutter verstanden und sei nur der Form halber als eines ihrer Kinder als Bevollmächtigter eingetragen worden. Er habe seine Mutter nicht angezeigt – das sei in dem Zusammenhang der einzige Vorwurf gegen ihn gewesen. Ein unterlassener Schritt also, den man von niemandem erwarten könne. Er hat den Sachverhalt so plausibel erklärt, dass wir keinen relevanten Vorwurf mehr sahen. Solche Fälle sind allerdings sehr selten. Normalerweise sitzen wir Rechtsanwälten gegenüber, die in einem sogenannten Hintergrundgespräch Erklärungen abgeben, die sie zwar nicht weiter belegen, aber mit dem Ziel führen, auf diesem Wege einen Verdacht auszuräumen. Was für uns insofern schwierig ist, als wir solche Gespräche, auch wenn sie nicht der weiteren Wahrheitsfindung dienen, natürlich nicht einfach unter den Tisch fallen lassen können.

Frederik Obermaier: Ganz wichtig: Wir suchen mit jedem, dem wir einen Vorwurf machen, das Gespräch, bevor wir etwas veröffentlichen. Und geben ihm die Möglichkeit, nicht nur Stellung zu nehmen, sondern sich mit uns hinzusetzen und darüber zu reden.

Kursbuch: Sie sind aber keine Staatsanwälte. Die haben es leichter, mit den Leuten zu reden, wenn sie ihrer habhaft werden. Interessanterweise tauchen in Ihren Beschreibungen Bezüge und Begriffe auf, die ein Staatsanwalt ebenfalls verwenden würde: Beschuldigung, Entkräftung, Beweise. Und ein ganz wichtiger Begriff bei Ihnen ist Geschichte. Am Ende steht bei Ihnen ja keine Anklage, sondern eine Geschichte, die nicht vor einem Gericht Bestand haben muss. Was ist eine gute Geschichte?

Bastian Obermayer: Letztlich sind wir Unterhalter. Wenn wir das nicht wären, würden wir unsere Recherchen nur so genau wie möglich dokumentieren. Wir müssen sie aber in eine Form bringen, mit der wir den Leser interessieren, ihn berühren und ihm Dinge erklären, die lesbar sind. Dafür brauchen wir ein Narrativ, eine Geschichte nach Fragestellungen wie: Worum geht es ganz zentral, was ist die Überhöhung und was ist die Bedeutung für die Gesellschaft? Und müssen das am Ende auch noch so aufschreiben, dass viele es verstehen.

Kursbuch: In der Narratologie oder Erzählforschung gibt es zwei Regeln, die für eine gute Geschichte gelten. Die eine ist die Kunst des Weglassens, die andere die Kunst, Konsistenz herzustellen. Heißt: Sie müssen eine konsistente Geschichte auf der Basis von inkonsistentem Material erzählen. Sie müssen weglassen, um zu unterhalten. Die Panama Papers erfüllen diese Kriterien auf perfekte Weise.

Bastian Obermayer: Leider geht es am Ende bei uns nicht nur darum, zu unterhalten, das wäre weniger aufwendig. Wir müssen und wollen dabei auch der Fairness genügen. Wir dürfen nichts weglassen, was entlastend ist. An diesem Punkt kontrollieren wir uns gegenseitig. Dann erfolgt die Prüfung mit einem anderen Ressort-Textchef und am Ende mit dem Justitiar. Und der versteht überhaupt keinen Spaß. Die Einfügung »Wurde befragt und hat keine Stellung bezogen« ist nicht gerade leserfreundlich im Text, aber rechtlich unabdingbar. Wir müssen am Schluss immer eine Textversion finden, die fair, zugespitzt, wahrheitsgetreu und unterhaltsam ist und die uns von Schriftstellern und Verfolgungsjournalisten unterscheidet. Bis zum Ende müssen wir ergebnisoffen bleiben und dem Zweifel Raum geben.

Kursbuch: Was heißt wahrheitsgetreu? Auch und gerade wenn wir an die derzeitige Diskussion um »Fake News« und »Lügenpresse« denken.

Frederik Obermaier: Wir müssen uns bewusst der Objektivität annähern. Natürlich hat jeder von uns seine subjektiven Blickwinkel, die wir umfänglich thematisieren, um dem Leser die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes Bild zu machen. Im Internet haben wir diesbezüglich mehr Möglichkeiten als in der gedruckten Zeitung, wie zum Beispiel Links auf Originaldokumente und Reports oder ausreichend Platz, belastende Mails oder ähnliches Material komplett zu zeigen. Alles natürlich nur, solange keine Privatinformationen darin enthalten sind. Die Art von Berichterstattung, die wir betreiben, ist ein gutes Gegenmittel zu allen Vorwürfen rund um die »Lügenpresse«. Wir legen offen, woher unsere Informationen stammen. Wir machen Verdachtsberichterstattung, sagen also nicht: »Dieser Mann ist korrupt«, sondern: »Es gibt viele Anhaltspunkte, dass dieser Mann mutmaßlich korrupt ist.« Wir machen aber auch kein »he said, she said«, sondern wir wollen es einordnen und kritisch hinterfragen. Unsere Arbeit ist sicher in der Nähe der Aufklärung durch Staatsanwälte und Ermittlungsbehörden angesiedelt, aber es gibt einen erheblichen Unterschied. Für einen Richter oder Staatsanwalt gibt es zwei Kategorien: legal – illegal. Für uns gibt es viel mehr Kategorien. Nur weil etwas legal ist, heißt es für uns nicht, darüber nicht zu berichten. Viele Schweinereien sind legal, zum Beispiel, wenn große Konzerne durch Schachtelkonstrukte ihre Steuern auf 0,0-irgendwas drücken. Es ist wichtig, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, weil es illegitim sein kann. Auf dieser Grundlage passiert dann politische Meinungsbildung. Jeder kann sich eine Meinung dazu bilden, ob er bei der nächsten Wahl eine Partei unterstützt, die an dieser Schweinerei etwas ändern will.

Kursbuch: Was Sie hier beschreiben, setzt einen ziemlich kompetenten Leser voraus. Gibt es dieses bürgerliche Lesepublikum überhaupt noch, das differenzierte Erörterungslagen verstehen will?

Frederik Obermaier: Diesen Leser gibt es in einer großen Zahl. Wir hatten hausintern immer wieder die Debatte, ob unsere Stücke vielleicht zu lang sind und es dafür womöglich keine Leser mehr gibt. Online kann man übrigens sehr gut erkennen, wie lange unsere Leser dranbleiben. Und siehe da, gerade die langen Stücke finden oft sehr viele Leser. Mehr als 30 Minuten Lektüre sind keine Seltenheit. Kurzum: Es gibt ein Publikum für lange, hintergründige Lesestücke. Dort wird dann nicht selten weiter geprüft und verglichen. Die Leser nehmen es nicht als die letzte Wahrheit, was wir schreiben.

Bastian Obermayer: Das richtige Wort ist eher, wir müssen aufrichtig berichten. Wir müssen transparent klarmachen, was wir wissen und was nicht, wie die Faktenlage ist und wie wir etwas einordnen. Und wir dürfen per se nicht mehr Be- als Entlastendes verwenden. Für uns ist eine Leitfrage: Würden wir es den Betroffenen auch so ins Gesicht sagen können? Wir stehen ja spätestens seit Panama selbst unter medialer Beobachtung. Es gibt Leute, die sich freuen würden, wenn wir einen Fehler machen. Das heißt für uns, wir müssen in unseren E-Mails noch mehr als früher auf den richtigen Tonfall achten. Den Menschen, die wir anschreiben, schildern wir im ersten Absatz immer unseren Eindruck des Sachverhalts. Dann stellen wir dazu Fragen und geben den Leuten genügend Zeit, mit Bedacht zu antworten. Außerdem muss klar sein, was unser hauptsächlicher Vorwurf ist. Wir schießen also nicht 48 Fragen ab, die in nur einer Stunde zu beantworten seien – weil wir ansonsten ohne Stellungnahme drucken würden. So etwas gibt es nämlich auch in unserer Branche.

Kursbuch: Das, was Sie tun, ist auf den ersten Blick moralisch einwandfrei. Das moralisch Gute ist aber nicht für jeden gleichermaßen gut. So könnte Ihre Gesellschaftskritik auch von rechten oder neurechtsbürgerlichen Kreisen instrumentalisiert werden.

Frederik Obermaier: Ganz klar, dies ist eine anhaltende Debatte, die wir untereinander, in unseren Familien und unserem Team führen. Der Kern der Panama-Recherche war, dass es eine Parallelwelt gibt, in der man sein Geld und sein illegitimes Treiben vor der Öffentlichkeit verstecken kann. Und das Eintrittsgeld in diese Parallelwelt ist relativ hoch. Dort sind die Reichen und Superreichen. Und nicht der Handwerker, der unten gerade den Eingang des soziologischen Instituts streicht. Natürlich könnte unsere Arbeit das Narrativ »Die da oben machen eh, was sie wollen« stärken. Noch schlimmer aber wäre es, wenn Medien etwas verbergen würden, was einem bestimmten politischen Narrativ entgegenläuft. Wir müssen unabhängig von jedweder politischen Couleur berichten, dann kann jeder für sich entscheiden, wie er das einordnen will.

Bastian Obermayer: Natürlich liefern wir auch Stammtischmunition nach dem Motto: Die dürfen alles und wir nichts. Gutes Beispiel: Wir haben gerade einen Handwerker für einen Wanddurchbruch in unserer Wohnung gesucht. Erstaunlich viele haben ganz selbstverständlich vorgeschlagen, das schwarz zu machen. Im Einzelfall mag das nun nicht relevant sein, aber es ist im Ansatz dasselbe wie die 140 Millionen Euro, die eine Milliardärsfamilie hinterzieht, und sehr wahrscheinlich kommt in Summe am Ende sogar viel mehr zusammen. Gemeinsam haben beide Fälle, dass jemand entscheidet, den Gesellschaftsvertrag oder das, was wir rechtlich vereinbart haben, auszuhebeln und sich darüber hinwegzusetzen. Möglicherweise wird das durch unsere Berichterstattung verschärft, weil Leute sagen: Die da oben machen es sowieso, warum also wir nicht? Darauf können wir aber keine Rücksicht nehmen. Was die Leute mit unseren Erkenntnissen machen, liegt nicht mehr in unserer Hand. Wir verfolgen deshalb auch jeden Tipp, egal welche Partei oder Institution er betrifft.

Kursbuch: Sie haben gerade auf eine komplizierte Sache hingewiesen, die wir die Darstellbarkeit der Welt nennen könnten. Das betrifft ja auch Sozialwissenschaftler. Wie beschreiben wir eigentlich diese Welt? Oder anders gefragt: Können Sie sich vorstellen, investigativ am Uninteressanten zu arbeiten?

Frederik Obermaier: Aber genau das haben wir gemacht. Wir haben uns eines der vermeintlich uninteressantesten Themen, die es gibt, herausgesucht: Steuerspar- und Steuerhinterziehungsmodelle. Da hätte ich vor einigen Jahren noch gegähnt. Es geht um Ltd. und LLC, Foundation und Trust. Wir wollten zeigen, warum diese Begriffe für unsere Gesellschaft wichtig sind und wie wir sie verständlich übersetzen können. Denn die Konsequenz daraus ist, dass in manchen Ländern zu wenig Geld für Erziehung und Schulen vorhanden ist, um nur eine direkte Konsequenz zu nennen, oder dass ganze Landstriche in Afrika geplündert werden und dort noch immer Hunger herrscht.

Kursbuch: Es gibt natürlich immer unmittelbare Konsequenzen, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Beispielsweise gibt es in Lateinamerika viele Reiche und Superreiche, deren Familien von Kindesentführung und Lösegeldzahlungen bedroht sind. Panama war immer das liberale Land in der Region, um sein Familienvermögen zu verbergen und es der Sichtbarkeit im eigenen Land zu entziehen. Wie würden Sie dieser Einordnung begegnen?

Bastian Obermayer: Unser Vorwurf ist nicht, dass Leute dort ihr Geld parken. Wenn sie dies tun und die Erträge daraus ordentlich versteuern, ist das überhaupt keine Geschichte. Ich habe auch Verständnis dafür, dass Menschen manchmal – etwa in autoritären Staaten – ihr Geld im Ausland in Sicherheit bringen wollen. Solange es ordentlich versteuert wurde, ist das auch nicht weiter vorwerfbar. Auch wenn das natürlich nur die Reichen tun können. Übrigens: Deutsche Banken dürfen zwar deutschen Bürgern nicht, aber ausländischen Staatsbürgern schon bei der Steuerhinterziehung helfen. Man verstößt damit nicht gegen deutsches Recht. Die UBS beispielsweise hat oder hatte ihren Südamerika-Desk in Hamburg. Wir haben in den Panama Papers einige Konten gefunden, die von Hamburg aus gemanagt wurden. Die Bank hätte ja in diesem Zusammenhang bei jedem Kunden einen Beleg anfordern können, dass das Geld versteuert wurde …

Kursbuch: Wir wollten nur ausdrücken, dass moralische Aufladungen sehr unterschiedlich für eigene Begründungsgeschäfte verwendet werden können.

Frederik Obermaier: Keine Frage. Und deshalb müssen wir diesen Argumenten auch nachgehen. Die Argumentation hört man in Lateinamerika übrigens sehr oft. Aber Reichtum und Superreichtum sind in Lateinamerika in der Regel sichtbar: große Häuser, große Autos oder Jachten. Das Argument, das Geld im Ausland aus Sicherheitsgründen verstecken zu müssen, ist mit Blick darauf schon nicht mehr ganz so stichhaltig. Schauen wir nach Deutschland. Hier kam es über Heiko Maas zur Diskussion um ein Transparenzregister. Heißt nichts anderes, als dass jeder nachschauen kann, wem die Firma XY gehört. Das hätte unter anderem den Vorteil, dass man weiß, mit wem man Geschäfte macht. Am Ende kam ein Register, aber längst nicht so transparent, wie es sein sollte. Nur Leute mit berechtigtem Interesse können darin nachschauen. Der Grund hierfür ist der Einfluss deutscher Familienunternehmen, die auf die Bundesregierung während des Gesetzgebungsprozesses eingewirkt haben. Sie wollen nicht, dass jemand weiß, welche Firma wem gehört. Angeblich aus besagten Sicherheitsgründen. Es ist aber keineswegs durch Studien nachgewiesen, dass es einen entsprechenden Zusammenhang gibt. Die Ukraine hat zum Beispiel eines der transparentesten Unternehmensregister. Ein negativer Einfluss in dieser Hinsicht ist bislang dort nicht wissenschaftlich belegt. Es ist deshalb unsere Aufgabe, das Thema wieder aufzugreifen und einzuordnen.

Bastian Obermayer: