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Ach, süße Heimat – du bist immer nur interessant gewesen, als du längst verloren warst. Und als es dich gab, hat man nicht darüber reden müssen. Dass sie alle wieder über dich reden, müsste also ein Hinweis darauf sein, dass du gerade sehr fern bist. Aber am meisten Heimat war stets in der Ferne – für die wandernden Gesellen oder die Historiker einer vermeintlichen Ordnung, die es nur in der Unordnung gibt, und für die fern der Heimat, die erst dort imaginieren, wo sie herkommen. Und doch: Dass sie dich wieder beschwören, muss doch etwas bedeuten. Und obgleich wir ein bisschen ermattet sind von der Diskussion um dich: Wir widmen dir ein Kursbuch, weil irgendwas dran sein muss, dass sie alle danach suchen, was du nie warst, aber wonach es offensichtlich irgendwie drängt – und nicht nur die, die dich romantisch aufladen, sondern auch die, die sich fragen, wie lebbar diese Welt eigentlich ist und sein könnte. Und für wen sie wo Heimat sein kann. Oder sein soll. Oder sein will. Oder sein muss. Ach, süße Heimat! Mit Beiträgen von Naika Foroutan, Adrian Lobe, Dirk von Gehlen, Michael Brenner, Jürgen Dollase, Michael Haas, Maxim Biller, Katja Gasser, Georg Seeßlen, Robert Misik und Levi Israel Ufferfilge. Kunststrecke von Eran Shakine.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Inhalt
Armin Nassehi Editorial
Katja GasserBrief einer Leserin (25)
Georg SeeßlenDahoam is DahoamnisBayern als Mythos, Ideologie und Ware
Maxim BillerMax in PalästinaEine Erzählung
Michael Haas»Wenn ich komponiere, bin ich wieder in Wien«Exilmusik und Rückkehr
Dirk von Gehlen Heimat hackenWie das Internet eine neue Begriffssoftware schreibt
Adrian LobeNeue Heimat InternetHeimweh nach dem Netz
Eran ShakineA Muslim, a Christian and a Jew
Naika ForoutanHeimat. Erde. Migration.Mein kulturelles Code-Switching
Michael BrennerEin Zuhause, aber keine HeimatEine kleine Geschichte jüdischer Zugehörigkeitsgefühle
Levi Israel UfferfilgeWenn ich dich vergäße, JerusalemVon einem jüdischen Nachhause
Robert MisikWoher kommst Du?Heimat zwischen politischer Aufladung und gefühligem Selbstverständnis
Armin NassehiWoher kommst Du nicht?Sieben Exkursionen in eine Soziologie der Heimat
Jürgen Dollase Schweinshaxe im 3-Sterne-RestaurantÜber das Verschwinden der »Heimatküchen«
Die Autoren
Impressum
Armin Nassehi Editorial
Es heimatet sehr. Alle entdecken die Heimat – als Wunschvorstellung, als Projektionsfläche, als Feind und Albtraum, sogar als ministrables politisches Thema. Kurz vor dem Verfassen dieses Editorials habe ich in einem Bioladen am Münchner Rotkreuzplatz fettige Kartoffelchips gesehen – der Markenname hieß »Heimatgut«. Deutsche Kartoffeln. Da fehlte nur noch ein alter weißer Mann, der sie sich gekauft hätte. Unter uns: Das ganze Gerede um Heimat ermattet uns langsam – deshalb heißt dieses Kursbuch Heimatt. Das hat sich Peter Felixberger ausgedacht, und er hat es damit wirklich gut getroffen.
Und doch lohnt es sich, über Heimat nachzudenken – nicht, was sie wirklich ist, sondern warum sich die Frage stellt und was die Leute mit der Frage anstellen. So unterschiedlich die Beiträge dieses Kursbuchs auch sind – es eint sie alle eine Distanznahme zum Thema. Es wird nicht für oder gegen den Heimatbegriff gestritten, es wird nicht die eine durch eine andere Heimat ersetzt, es wird nicht das eine richtige Verständnis von Heimat propagiert, sondern alle sind in dem Erstaunen darüber verfasst, wie Regionales zu Heimatlichem aufgerundet wird, um es in den Worten von Jürgen Dollase zu sagen, der sich dem Thema von der Kulinarik her nähert. Alle Beiträge weisen je für sich darauf hin, dass der Begriff Heimat zugleich Lösung und Problem ist und ganz offensichtlich auf eine Leerstelle in modernen Gesellschaften verweist, die sehr unterschiedlich gefüllt werden kann. Robert Misik weist darauf hin, dass diese Leerstelle durch jenen »Elefant im Raum« mit Namen Migration derzeit besonders sichtbar wird. Naika Foroutan thematisiert diese Leerstelle, indem sie auf die schwierigen Mehrfachcodierungen verweist. Georg Seeßlen spielt dies am Beispiel Bayerns durch. Mein eigener Beitrag identifiziert die Rede von der Heimat als eine Ersatzhandlung, bei der aber nicht ganz klar ist, wofür eigentlich.
Einen ganz neuen Ort, der unter Heimatverdacht geraten kann, machen Dirk von Gehlen und Adrian Lobe aus: das Internet, jenen ortlosen Ort, an dem sich nicht nur die junge Generation immer häufiger aufhält. »Es gibt im Sinne der reinen Idee von Volk und Heimat keinen Ort auf der Welt, der unreiner ist als das Internet,« schreibt von Gehlen, und Adrian Lobe bemerkt ganz ähnlich, dass im Netz zwar Heimat gesucht wird, aber nicht ganz klar sei, was da an diesem, zum Teil geistlosen Ort gefunden wird. Er ist sich aber sicher: »Der Geist wird immer eine Heimat finden.«
Dass die Arbeit an dieser Leerstelle von Einheit, Einheitlichkeit und alternativloser Zugehörigkeit zu den größten Katastrophen der Moderne geführt hat, wird in den Beiträgen von Michael Brenner, Michael Haas, Levi Israel Ufferfilge und Maxim Biller sichtbar. Die systematische Dementierung der Zugehörigkeit des Jüdischen zum Eigenen ist der Index, den alles Nachdenken über Heimat in deutscher Sprache trägt – und in welcher Sprache gibt es sonst Heimat?
Wir freuen uns ganz besonders über die Erzählung Max in Palästina, die Maxim Biller eigens für dieses Kursbuch verfasst hat. Sie schwebt in der Spannung von Drinnen und Draußen, von Zugehörigkeit und ihrer Dementierung, vom Staunen und der lapidaren Einsicht, wie banal die Dementierung daherkommt.
Dann möchte ich auch den Beitrag von Levi Israel Ufferfilge erwähnen. Wir haben bei diesem Kursbuch das erste Mal einen Call for Papers für jüngere Autorinnen und Autoren geschaltet. Es erging die Aufforderung, uns Konzepte für Beiträge zum Kursbuchthema einzusenden. Auf der Basis von 61 eingesandten Konzeptpapieren haben wir Levi Israel Ufferfilge gebeten, einen Beitrag für dieses Kursbuch zu verfassen. Der 31-jährige Lehrer für Isrealitische Religionslehre und Hebräisch am Jüdischen Gymnasium München beschreibt in seinem Beitrag Wenn ich dich vergäße, Jerusalem, wie sich die Spannung zwischen der jüdischen Diaspora und Israel darstellt. Der Beitrag endet so: »›Und hast du dann nie Heimweh?‹, fragte mich vor zwei Jahren im westfälischen Münster eine Grundschülerin in der Sukkah der jüdischen Gemeinde. ›Doch‹, versicherte ich ihr. ›Ich weiß nur nicht, wonach.‹«
Der nächste Call for Papers für das Kursbuch 199 mit dem Titel Intelligenzen ist übrigens bereits online – bewerbt Euch!
Schließlich möchte ich auf die Kunststrecke hinweisen, auf die Zeichnungen von dem in Tel Aviv lebenden Künstler Eran Shakine, die einen Moslem, einen Christen und einen Juden dabei zeigen, wie sie sich durch die Welt bewegen. Irgendwie wirken die drei verloren, fast matt, Heimatt eben, aber sie mühen sich nach Kräften auf der Suche nach gemeinsamer Zugehörigkeit.
Der geneigten Beobachterin und auch dem mitgemeinten Pendant wird aufgefallen sein, dass die Hauptbeiträge dieses Kursbuchs mit einer Ausnahme aus männlicher Feder stammen. Nichts Neues in dieser alten Heimatt. Werden wir wieder gefragt, ob Heimat vielleicht ein rein männliches Thema sei (vgl. Kursbuch 196)? Vielleicht ist es das – zumindest, wenn man den Textoutput betrachtet. Der Input sah ganz anders aus. Der Anteil der angefragten Autorinnen lag bei zirka 40 Prozent, die zweite Runde eingeschlossen. Sofortige oder auch spätere Absagen haben das vorliegende Ergebnis nach sich gezogen. Gut, dass es am Ende auf die Texte und weniger auf das Geschlecht der Autorinnen und Autoren ankommt – dennoch: Wir bleiben dran (Ihr auch?)!
Umso mehr freuen wir uns darüber, dass Katja Gasser den Stab aufgenommen und den 25. Brief einer Leserin beigesteuert hat.
Katja GasserBrief einer Leserin (25)
Ich schreibe diesen Leserbrief in einem kleinen Dorf, im Süden Österreichs, meiner Herkunftslandschaft. In Ludmannsdorf, einem Dorf an der Grenze, in dem zwei Sprachen koexistieren: Slowenisch und Deutsch. Ich bin aufgewachsen inmitten von Grün. Ich habe dieses Grün als Selbstverständlichkeit wahrgenommen, als etwas, das ist, weil es so ist, wie es eben ist. Als Gegebenheit. Als nichts, was bedroht werden könnte. Als nichts, was verteidigt werden müsste. Als nichts, was besondere Beachtung verlangte. Zugleich in dem Gefühl, sehr früh, dass das, was hier als »natürlich« gilt, mich nicht meint, mich einschüchtert, mich in meinem Welt- und Selbstempfinden mehr bedrängt denn stärkt, mehr ausgrenzt denn eingemeindet. Ilse Aichinger, eine meiner frühen literarischen Lichtgestalten, hat einmal gesagt, dass die Natur dazu da sei, um gekontert zu werden. Diese Natur Ilse Aichingers meint das Einverständnis mit der Welt, wie sie sich einem darbietet. Dieses Einverständnis gedeutet als eine Haltung des »Das versteht sich von selbst« oder »Es ist, weil es eben so ist«. Diesem Einverständnis wohnt immer schon etwas erbarmungslos Nichtrettendes, etwas Menschenzerstörerisches inne. Und weil dem so ist, muss die Natur, in der Aichinger’schen Spielart gedacht, gekontert werden. Das »Natürliche« sei im Grunde »die allerletzte Schmach«, schrieb Roland Barthes einst in Über mich selbst. Und er führt in diesem Kontext den Begriff der Evidenz ein: Das, was evident sei, sei »gewalttätig«, »auch wenn diese Evidenz sanft, liberal, demokratisch vorgestellt wird«.
In einer Art Rhetorik der Evidenz scheint sich mir Wolf Lotter in seinem Beitrag »It’s your economy, stupid« aus dem Kursbuch 197, das sich aus unterschiedlichsten Perspektiven dem Grün widmete, zu verfangen. Diese Rhetorik der postulierten Evidenz führt in Wolf Lotters Text zu einer gegenwärtig durchaus massiv forcierten Denkunschärfe, die unseren politischen Diskurs maßgeblich prägt. Lotter spricht pejorativ von »kollektiven Interessen«, inszeniert diese als Gegenspieler von »Selbstbestimmung«, »Selbständigkeit«, »Selbstverantwortung« und »mehr Freiraum für alle« und kommt zu dem Schluss, dass die Grünen nicht zuletzt daran krankten, dass sie nicht entschieden genug an einem »Zivilkapitalismus« arbeiteten, an einer »neuen Ökonomie der Selbstverantwortung«, die endlich die »alte Tante Kollektiv«, den »deutschen Ungeist der Einheit«, »die ganze autoritäre Grundlage dieser autoritär gebliebenen Kultur« abgestreift hätte. Wolf Lotter markiert den eigenen Denkansatz als radikal antihierarchischen und emanzipatorischen und meint, damit die ideologisch grundierte Herrschaftsstruktur seines eigenen Sprechens verschleiern zu können. Diese ideologisch gegerbte Herrschaftsstruktur seines eigenen Sprechens – sie gibt sich unter anderem darin zu zeigen, dass in ihr, ganz nebenbei, der Begriff der Solidarität entsorgt wird: Sie, die Solidarität, tritt hier rhetorisch nur mehr als »alte Tante Kollektiv« gewandet auf, die das Individuum samt Vielfalt einschränkt und einengt und »echte Transformation« verhindert. Was aber bedeutet »echte Transformation«? Wem dient etwa das Krankreden eines sozialökonomischen Sicherheitsbedürfnisses von Menschen? Wem nützt die Verachtung von »Verbeamtung«, von der Lotter spricht, und wem die Überhöhung des Freiheitsstrebens des Individuums? Schutz und Hilfe: Kein Mensch kommt ohne sie aus, dafür braucht es keine ökonomische Bildung.
Die Natur ist ohne unsere Fähigkeit zu solidarischem Empfinden, ohne »die alte Tante Kollektiv«, nicht zu retten. Die Natur, die heute gekontert werden muss, ist jene, die technologischen Fortschritt samt Zerstörung der Idee des Wohlfahrtsstaates und Vereinzelung als natürliche Vorgänge tarnt. Das heißt keineswegs, dass man automatisch technologiefeindlich und rückwärtsgewandt ist. Es heißt nur, dass man nicht bereit ist, den Menschen auf einen einzigen Aspekt seiner Fähigkeitsvielfalt zu reduzieren und damit zuzulassen, dass seine Komplexität allein auf die flexible Verwertbarkeit in einem ökonomischen System hin reduziert wird, das den Glauben an so etwas wie Gesellschaft längst hinter sich gelassen hat. Es heißt nichts anderes, als Widerstand gegen eine Unterwerfung des Menschen unter ein angeblich selbst ersehntes System, das all jene, die etwa über kein kreatives Potenzial verfügen, als Nutzlose aussortiert. Das Besingen der »Selbständigkeit« und der »Selbstbestimmung« scheint gegenwärtig mehr denn je jener armselige Rest zu sein, den man den Nichtherrschenden, der Unterschicht nicht zuletzt, vorsetzt, damit sie moralisch beschäftigt und dadurch bei Laune bleiben.
Die Idee, dass es Gesellschaft nicht gibt, ist alt, sie ist ein ideologisches Konzept, das immer schon dazu angetan war, die Kluft zwischen jenen, die sich im Reichtumvermehren üben, und anderen, für die nur Armut abfällt, zu vergrößern. Das heißt ebenfalls nicht automatisch, dass man kapitalismusfeindlich ist – die Kritik am unreflektierten antikapitalistischen Reflex und die historische Kontextualisierung sind richtig und wichtig. Es indiziert vielmehr die gesellschaftspolitisch motivierte Nichtbereitschaft, für die Vielfalt die Vorstellung von Gemeinsamkeit zu opfern: Das ist nicht inkonsequent oder feige, wie es Wolf Lotter insinuiert, vielmehr ist es der Einsicht geschuldet, dass Vielfalt allein kein valides gesellschaftliches Konzept ist. Sie, die Vielfalt, braucht einen Kitt, etwas, was die Menschen jenseits ihrer Differenz, deren gesellschaftliche, politische Anerkennung essenziell ist, zusammenhält, ihnen eine Perspektive gibt. Solidarität könne man durch Argumente nicht moralisch erzwingen, schreibt Heinz Bude in seinem jüngsten Buch Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee, noch könne man Solidarität als Therapie für ein verwundetes Ich empfehlen. Und weiter: »Man weiß den Gewinn der Solidarität nur zu ermessen, wenn man die Einsamkeit kennt.« In Zeiten, in denen »exkludierende Solidarität« politisch hoch im Kurs steht, sollte man sich umso intensiver rückbesinnen auf diesen schlichten Satz, den letzten dieses jüngsten Buches von Heinz Bude.
Wie wollen wir leben, wer wollen wir sein in Zukunft? Die gewalttätige Evidenz: Man sollte sie bei diesen Überlegungen als Spielart der Vernunft immer wieder mitbedenken. Und die Zusammenhänge, die sich einem zeigen, auf ihre Bruchstellen hin untersuchen, auf dass nicht zuletzt ihre weltanschauliche Ordnungsstruktur erkennbar werde.
Ob das Grün, mit dem ich aufgewachsen bin, meinen Sinn für das Gefährdete gestärkt oder geschwächt hat? Jedenfalls hat mich mein zweisprachiges Dorf an der Grenze Folgendes gelehrt: dass die »Provinz des Menschen« (Elias Canetti) universell zu denken ist, ohne geografische Grenzen. Und dass Heimat vor allem dort ist, wo Menschen mit einem mitfühlen und zu Solidarität bereit sind. Selbstverständlich ist nichts, Fortschritt kann auch Rückschritt heißen. Vor allem aber: »Du gibst zu, dass es möglich ist, dass grün nie mehr grün wird, hast es schon zugegeben« (aus Ilse Aichinger: »Wisconsin und Apfelreis«).
Georg SeeßlenDahoam is DahoamnisBayern als Mythos, Ideologie und Ware
I
(Servus beinand.) Gewiss. Alles das, was die großen »Identitäten« schafft, das Volk, die Religion, die Geschichte, die Kultur, die Sitten und Gebräuche, die Traditionen und »Mentalitäten«, das ist zum größten Teil fiktional, in politischem und ökonomischem Interesse fabriziert, Teil symbolischer Ordnungen und Machtverhältnisse. Es hat so viele Wurzeln im Mythos wie in der Geschichte, ist zugleich Körper und Maschine, Original und Abbild, Propaganda und Überlebenskunst. Das Geflecht der fabrizierten Identitäten wird schließlich durch zwei Supermythen zusammengehalten, eine dunkle Yin-Yang-Situation: Nation (männlich-heroisch-maschinell) und Heimat (weiblich-idyllisch-organisch). Es ist allerdings zentriert um ein Tabu: Das Künstliche, das Fabrizierte, das Willkürliche, das Interesse und die Macht – das alles darf nicht ge- und benannt werden. Es soll gewachsen sein, was in Wahrheit fabriziert wurde. So steht den Aussagen »Keine Demokratie ohne Nation« und: »Keine Gesellschaft ohne Heimat« eine Antithese entgegen: »Die Nation ist niemals demokratisch« und: »Die Heimat ist nie sozial.« Es ist eben kompliziert.
Unglücklicherweise können über die Mythen der Identitäten nur Menschen nachdenken, die auf sie nicht mehr angewiesen sind. Nicht unbedingt die »Eliten«, die ohnehin in einer eigenen Welt leben, sondern am ehesten ein progressiver Teil der oberen Mittelschicht, der nur zu bewusst ist, wie wenig territoriales und historisches Herkommen wiegt im Verhältnis zur, nun ja, Klassenlage. Wer Nation und Heimat (von »Rasse«, Ethnie, Kultur oder Hautfarbe ganz zu schweigen) nicht mehr als bedeutende Indikatoren von Identität ansieht, hat entweder etwas verloren oder er oder sie haben sich von etwas befreit. Es kommt auf die Perspektive an. Oder auch auf die Biografie. Denn wird unterwegs etwas anderes verloren, die Gewissheit der Klassenzugehörigkeit etwa, die berufliche Perspektive, das verlässliche soziale Geflecht, dann kehrt, mal nostalgisch, mal neurotisch, mal auch durchaus »faschistisch«, die alte Mythologie zurück, um die Leerstellen zu besetzen. Richtig nachdenken über Heimat kann also nur, wer sie einerseits nicht mehr lebensnotwendig braucht, andererseits aber ein Bewusstsein von Verlust oder Überwindung entwickelt hat. Wie aber kann so jemand beurteilen, ja nur beobachten, was Nation oder Heimat für jemanden bedeutet, der sie dringend braucht? Die Ambiguität des Gegenstands überträgt sich auf die Beobachtung. Das darf man nicht vergessen.
(Jo, geh weida!) Für jede dieser Identitäten gibt es zwei grundsätzliche Erscheinungsformen (und vieles dazwischen): das Heilige und das Karnevalistische. Das eine ist ohne das andere beinahe nicht zu denken. Oder anders gesagt: Vor allem, zum Beispiel, dem das Karnevalistische zu fehlen scheint oder das nur in einer grotesk-sadistischen Form auftaucht, graut uns so sehr wie uns das, was ganz ohne Heiligkeit und Ernst daherkommt, zu wenig Bindung verspricht. Faschisierung lauert, erinnern wir uns an Adornos Beobachtungen, in dieser Dualität des Derben und des Heiligen, das nach Henri Lefebvre in allem »Populären« angelegt ist, aber zugleich ist es, solange alles gut geht, auch ein Aufheben und Aufschieben der Faschisierung. So mag man das Volksfest, und mehr noch seine mediale Inszenierung, zugleich als Antidot und Vorbereitung des Reichsparteitags empfinden. Den politischen Aschermittwoch als Antidot und Vorbereitung der Propagandarede. Den Lokalpatriotismus als Antidot und Aufhebung von Rassismus. Das Bad in der Menge als Antidot und Vorbereitung des Ornaments der Masse. Die Heimatlichkeit als Antidot und Latenz des Nationalismus. Und so weiter. Der Propaganda öffnet sich damit unter anderem das Instrumentarium einer Verheimatlichung der Nation und der Nationalisierung von Heimat. Und mehr noch: Machtpolitik realisiert sich unter bestimmten Bedingungen als Folklorisierung der Politik und Politisierung der Folklore. Bayern, zum Beispiel.
II
(San mia eppa mia?) Was Bayern anbelangt, scheint uns indes alles noch um einen erheblichen Anteil mehr nicht verschämt, kommerzpolitisiert und ohne Scheu vor Korruption und Bigotterie als anderswo. Identifikation und Ausverkauf sind dort sehr nahe beieinander. Heimat wird hier so unter Überdruck produziert, dass es oft unheimlich und »peinlich« wird. So entsteht der Mythos im Mythos, nämlich der vom »Echten« (der echten »Volksreligion« gegen die Bigotterie, der echten Volksmusik gegen die volkstümliche Industriemusik, der echten Trachten gegen die Pop-Dirndl und Lederhosen mit Smartphone- statt Hirschfänger-Taschen, des echten bayerischen Dialekts gegen das literarische und mediale Kunstbayerisch usw.), das man leicht vom Nachgemachten, Pop-Industriellen und Touristischen unterscheiden würde können. So als könnte man einen kulturellen Rohstoff rekonstruieren, aus dem die Fabrikation erst das erzeugte, was einem leicht unerträglich wird (und legitimiert nur als lukratives Maskenspiel »für die Fremden«). Das, was schon immer da war, oder jedenfalls lange bevor es eben diese Begriffe gab: Heimat und Nation. Und ihren Widerspruch. Weil dem aber jeder genauere Blick in die Geschichte widerspräche, der belegen könnte, dass »Heimat« keine Verwurzelung bedeutet, die über Besitz und Abhängigkeit hinausginge, sondern im Gegenteil kulturelles Instrument der Modernisierung, so wird auch dieser Blick getrübt. Populäre Geschichtsschreibung in Bayern wird ihrerseits ins Pathetische und ins Folklore-Karnevalistische hinein organisiert; kein Wunder also, dass der bayerische Staat kein Interesse an einer fundamentalen Historie hat, wie sich etwa im Jahr 2016 zeigte, als eine Neufassung von Max Spindlers grundlegendem Handbuch der bayerischen Geschichte anstand, der Nachfolger Alois Schmid für diese Arbeit aber keine öffentlichen Gelder erhielt und auf einen privaten Mäzen angewiesen war. Zumindest ungewöhnlich für das Land, das so sehr auf eine eigene Identität setzt, gell?
(Hock di hera, nachad san ma mehra.) An Bayern lässt sich wie an kaum einer anderen Region die Fabrikation von Heimat studieren, die vom Gründungsmythos eines »Stammes« der Bajuwaren (den es nie gegeben hat) bis zur alltäglichen Dahoam is Dahoam-Schmonzette des Bayerischen Fernsehens reicht. Die Fabrikation von Heimat ist hier so militant, weil sie überdeterminiert ist, zugleich nach innen wie nach außen wirkt, seit zwei Jahrhunderten schon als »touristische« Verkaufsfläche und noch länger als Instrument der Soft Power wirkt.
Die Herkunft eines »Volkes« der Bajuwaren liegt vollkommen im Dunkel; da mischen sich Keltisches, Römisches, Syrisches und Armenisches, und das schöne Kuddelmuddel wurde erst in der Christianisierung auf eine Form der »Identität« eingeschworen. Und die Geschichte Bayerns erweist sich als bizarre Abfolge von territorialen Ausdehnungen, Zerfaserungen, Schrumpfungen und wieder von vorn. Ein Fleckerlteppich einerseits, und andererseits ein Pulsieren von Größenwahn und trotziger Reduktion. In seinen geopolitisch besten Zeiten ist Bayern eine »Mittelmacht«, zwischen Großmächten eingezwängt und vom Kleinstaatstatus bedroht. Wenn man mag, kann man in beidem die Wurzeln bayerischer Mythen- und Identitätssucht sehen, dass man kein g’scheites Volk und kein g’scheiter Staat war. Man muss aber nicht mögen.
(Hau eam eine nei, nachad werd er scho no katholisch!) Die bayerische Identität war längere Zeit eher religiös als territorial begründet, auch durch die Versprechungen und Schmerzen einer Säkularisation hindurch, deren Radikalität ebenso als Beweis der Widersprüchlichkeit angeführt wird wie der Umstand, dass der anerkannt reaktionärste Teil der Republik auch Schauplatz der einzigen linken Revolution ist, die diesen Namen verdient. Aus der Religion ist ein allgemeines Empfinden von Katholischkeit, oder mehr noch von Nichtprotestantischsein, in der kernbayerischen Mythologie geworden, was auch in die »neuen« bayerischen Territorien Franken und Schwaben ausstrahlt, und aus der Gleichzeitigkeit von Revolution und Reaktion der Rechtsanarchist in allerlei Ableitungen und Widerspiegelungen, der königstreue Wilderer, der retromanische Rebell. Franz Josef Strauß, der die bayerische Mythologie über Jahrzehnte verkörperte wie kaum etwas anderes, erschien seinen Bewunderern als Wiederkehr der Wittelsbacher Könige und des Räubers Kneißl zugleich, die perfekte Verbindung des Pathetischen mit dem Karnevalisierten, der (sehr stark) Körper gewordene Widerspruchsmythos von Volk und Herrschaft. Als Durchgangsgebiet blieb Bayern stets auf die Assimilierung von Fremdem angewiesen und musste als »Mittelmacht« zwischen imperialen Großmächten solche Assimilationen zugleich nutzbringend verwenden und verleugnen beziehungsweise im Mythos verarbeiten; als starkes »Hinterland« musste es Modernisierung und Beharrung in Bilder packen, die sich immer wieder als geheime Wahrheit und offene Lüge sehen lassen. Bayern bewahrte als Heimat, was Deutschland als Nation verloren gegangen war. In aller Unschuld, wie man so sagt. Es war nach Faschismus und Krieg zugleich Neuanfang und Kontinuität, Exempel und Ausnahme. Zu verstehen durch eine besondere (Kultur-)Geschichte und die Erfahrung in der Erzeugung von Heimatlichkeit.
(Da Kini und de Wuidara.) Die dunklen Wurzeln aus Migrations- und nomadischen Bewegungen und die Modernisierung als prekäres Königtum zwischen allen Fronten haben die Bayern ihrer Geschichte nie verziehen, weshalb sie schon von daher extrem anfällig sind für Legenden und Mythen, was die jeweiligen Herrscher, die weltlichen wie die geistlichen, weidlich ausgenutzt haben. Denn die Herstellung der Heimat Bayern ist zugleich überaus perfekt gelungen wie durch ihre flachen Wurzeln extrem anfällig. Die Inszenierung von Sitte, Brauch und Heimat ist hier, so viel Dialektik muss sein, so notwendig, weil die Gefahr der »Entwurzelung« größer ist als sonst wo.
Von der Unter- zur Überidentifikation ist es nur ein Fabrikationsschritt; der Mangel wird zum Antrieb. Alles, was manisch produziert und bezeichnet wird, ist Symptom eines Fehlens: Heimat. Der Mangel wird freilich spürbar erst durch die historische Sonderstellung des Landes. Es ist weder eine Nation noch eine Großmacht, aber es ist auch kein »Kleinstaat« im mitteleuropäischen Flickenteppich. Bayern ist eine Mittelmacht, die in ihrer Geschichte immer wieder von Anfällen von expansivem Größenwahn und von reduktionistischem Kleinmut geplagt wurde, von heute noch spürbarer Dialektik von (»nationaler«) Selbstüberschätzung und (»heimatlichem«) Minderwertigkeitskomplex. Bayern musste (extrem) Heimat werden, weil es keine Nation werden konnte. Aber es wurde Heimat in einer Nation und für eine Nation. Eingezwängt zwischen die Großmächte Preußen und Österreich, in ungeliebter Abhängigkeit und mit Allianzen (wie in der napoleonischen Zeit), die kaum in eine große Erzählung zu packen waren und deswegen geradezu manisch ins Episodenhafte aufgelöst wurden. Bayern lässt sich nicht in eine Erzählung packen, deswegen wird es in einer Unzahl von Geschichten aufgelöst. Und auch heute schwankt man hier beständig zwischen einem separatistischen Traum und einer Musterschülerrolle. Ein Vorgang, der seinerseits permanent ernsthafte »politische Erpressung« und folkloristischen Politkarneval miteinander verbindet. Bayern ist zugleich ein stabilisierender und ein störender Faktor im Werden, und, wie es scheint, im Vergehen der deutschen Nachkriegsdemokratie.
(Ma sagt ja nix, ma redt ja bloß.) Bayern wurde, wenn es schon nicht die Macht in Deutschland übernehmen kann, zum Modell und zur Avantgarde der Postdemokratie in unserem Land. Die Wittelsbacher verstanden »ihr« München nicht bloß als offene Residenz, sondern immer auch als Muster und Modell für eine »teutsche« Kultur. Die Politik in Bayern will sich immer einmal wieder nach Berlin hin ausdehnen – und muss dabei scheitern. Denn die Seppls mag man dort lieben und in manchem sogar bewundern, regieren lassen möchte man sich dann aber doch nicht von einem oder einer von ihnen. Denn von Bayern gehen zugleich der mächtige Sog der Heimatlichkeit wie der lasche Wind des Provinzialismus aus. Die bayerische Form des Populismus ist zu retroman noch für den rechten Progressismus. Horst Seehofer hat das so ausgedrückt, dass er »eine große Koalition mit dem Volk« anstrebe. Dies ist Vorwegnahme populistisch-autokratischer Herrschaft so sehr wie es Reminiszenz an die Wittelsbacher Form – der Wechsel zwischen glamourös-abgehobenen und folkloristisch-despotischen Schüben – ist. So wiederholt sich in nun nationalem Rahmen die Geschichte Bayerns als Farce, nämlich in den Wellen von Größenwahn und Rückzug der Politiker. Chancen für eine, nun ja, linksliberale Regierung ergeben sich immer dann, wenn sich die »Konservativen« zu sehr bajuwarisieren. Im Mythos mögen dort alte Antagonismen aufscheinen (wie alle Mythen mit einem historischen Wirklichkeitsrest versehen sind: Preußens kannibalistische Gier, Bayern als Vagina dentata für den post-preußischen Nationalstaat), in der politischen Realität nun eben offenbart sich der Widerspruch zwischen Nation und Heimat als Identitätsraum stets aufs Neue. Dass Bayern schließlich nicht allein für sich, sondern zugleich national und gar universal »Heimat« bedeuten soll, ist der Semiotik der Macht so recht, wie es ihrer Praxis zuwiderläuft. Einfacher gesagt: Die Folklorisierung der Politik und die Politisierung der Folklore haben ihre Grenzen in den Geboten der Außenpolitik. Bayern muss für Deutschland mehr oder weniger verborgener Schatz bleiben, das psychopolitische Rückzugsgebiet, das Perpetuum der Entschuldung. Als die Oberste Heeresleitung im Kriegsjahr 1916 einen Propagandafilm in Auftrag gab, der die feindlichen Lügen von einem deutschen Reich in Trümmern widerlegen sollte, da ließen sie Besucher vom Mars den bayerischen Teil der Nation bereisen, in dem offenkundig die Welt noch zivil und vollkommen in Ordnung war. Und als die Integration der Flüchtlinge aus dem Osten nach dem Zweiten Weltkrieg praktisch nur sehr schwer gelang, da verhießen die Heimatfilme Bewährung und Gemeinschaft für die neuen Besitzlosen, und auf dem Oktoberfestzug durften auch die Brüder und Schwestern aus dem verlorenen Osten mitmarschieren, in ihren Trachten. Als die kulturellen Folgen der Wiedervereinigung und die blühenden Gärten als marktwirtschaftliche Kulissen sichtbar wurden, verhießen popmusikalische Verschmelzungen in der volkstümlichen Musik Trost und Heimat. Wieder einmal wurde (bayerische) Heimat zum Pflaster für die Wunden der Nation. Was kommt als Nächstes? Es hat, vermuten wir, etwas mit Digitalisierung, Fake News und Grenzen zu tun …
III
(Oiwei grod und nachad ummi.) Der Mythos von »Laptop und Lederhose« in CSU-Bayern vermittelt, dass man den technischen und ökonomischen Fortschritt durchaus bejaht, den sozialen und kulturellen aber strikt ablehnt. Das macht Bayern zu einem Reservoir der politischen Retromanie, aber zugleich zu einem Motor der neoliberalen Postdemokratie. Diese CSU hat von ihrem Urmonster FJS ein Dogma und einen Impuls übernommen. Das Dogma lautet: Rechts von der CSU darf es keine Partei, keine Kraft, eigentlich gar kein Thema geben. Wörtlich heißt dieses Dogma (von FJS formuliert): »Rechts von der CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben.« Wenn doch, muss sich die CSU sofort nach rechts breitmachen. Das kann sie gut, da sie sich seit der Entmachtung ihrer in der Tat durchaus sozialen Gründungsgeneration stets nach rechts offenhielt. Wenn jetzt aber doch die AfD auch in Bayern ins Parlament einzieht, dann ist das Dogma gebrochen. Also versucht die CSU nun, den Igel zu spielen und dauernd zu rufen: »I bin scho do«, nämlich eben dort, wo die AfD hinhecheln will. Doch die Heimat wird nun sehr ungemütlich, wenn natürlich noch lange nicht so unbereisbar wie Brandenburg, wo nicht nur Fontane nicht mehr lebt. Zwischen der weiteren Bewegung nach rechts und der Ausgrenzung der ganz, ganz Rechten wird der Weg zur Rekonstruktion des Heimatmythos schwieriger, zumal auch der Machtkampf zwischen Seehofer und Söder Spuren hinterlassen hat. Die Jahre der Wahl waren geprägt von einer Art Endzeitstimmung. Bayern könnte entweder ein ganz normales Bundesland werden oder aber den lukrativen Heimatauftrag für Deutschland verlieren. Eine der Erlösungen kam ausgerechnet vom Vertreter einer (scheinhaften) politischen Konkurrenz, Hubert Aiwanger von den »Freien Wählern«, der, als »Minister für Opfelsoft« liebevoll bespöttelt, immerhin das folkloristisch-karnevalistische Element im Dogma fortführt. Es ist eben nur selten möglich, das Ideal zu erfüllen, nämlich König und Kasperl in einer Person zu sein.
(Geht’s auf d’Seitn, Herrschaftszeiten, jetzt kim i!) Und schon zeigt sich neben dem Dogma wieder der Impuls der bayerischen Einheitsregierung. Dieser Impuls sagt nämlich, dass die CSU sich nicht einfach auf Bayern beschränken lassen können darf. Mit diesem Impuls, von Strauß über Stoiber bis Seehofer, handelt man sich indes mit schönster Regelmäßigkeit narzisstische und andere Kränkungen ein. Diese werden mit gleicher Regelmäßigkeit mit einer Drohung des Separatismus, mindestens aber mit einem sturen Obstruktionismus beantwortet, beides wie immer mit einem erheblichen Anteil an politischer Folklore vorgebracht. Das Schauspiel folgt insofern der inneren bayerischen Verfassung, als es trefflich die Dialektik von Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex oder, anders gesagt, Welteroberung und Provinzialismus ausdrückt, was einer dieser Ministerpräsidenten in die Formel »Laptop und Lederhose« bringen ließ. Dieser Ministerpräsident, Edmund Stoiber, wurde später sehr populär, weil er sich mit einer gewissen Unbeirrbarkeit in dem Versuch, einfache Sachverhalte zu erklären, dermaßen verhaspelte, dass er zum Schöpfer dadaistischer Sprachkunstwerke über Problembären und Flughafenanbindungen werden konnte. Was wiederum eine typische Fehleinschätzung der CSU und ihrer Protagonisten zur Folge hatte: Sind sie nicht drollig, diese Seppls? Derselbe Herr Stoiber sprach im Jahr 1992 angesichts einer ersten »Flüchtlingswelle« von der Gefahr, es werde eine »durchrasste Gesellschaft« entstehen. Und niemand hat gelacht.
Dies also ist das bayerische Paradoxon: Ein bayerischer Ministerpräsident kann nicht Bundeskanzler werden, weil er in zwei verschiedenen politischen Welten lebt. Genau das, was ihn in Bayern populär macht, macht ihn (es kann irgendwann auch eine Sie sein) für den Rest der Republik inakzeptabel. Ein bayerischer Ministerpräsident muss aber unbedingt Bundeskanzler werden wollen, sonst nimmt man ihn nicht ernst. Was also bleibt? Ein mächtiges Erpressungspotenzial. Das Heimatreservoir der Republik ist demnach zugleich ein beständiger Gefahrenherd für die nationale Einheit. Zwar könnte Bayern schon aus verfassungsrechtlichen Gründen niemals unabhängig werden, aber zur Störung eines nationalen Konsenses reicht es allemal. Die folkloristisch-politische Heimatfabrikation erweist sich daher zugleich als Garant und als Widerstand im deutschnationalen Konstrukt. Was wiederum die Konstruktion des Bayernmythos als Einheit von Konservatismus und Rebellentum unterstützt. Heimat und Nation kreisen umeinander in einem endlos geflochtenen Band.
IV
(Da wenns’t ma ned geh’st mit deim Dulljöh!) Nach der »Sommerfrische«, die seit dem 19. Jahrhundert in Bayern der Modernisierungserschöpfung besser verdienender Stadtbewohner dient, nach dem Boom der Heimatliteratur und der Heimatfilme in den 1950er- und 1960er-Jahren, die als Trostangebot und Entschuldungsmedien ihren Dienst versahen, kam es in den 1980er-Jahren, verschärft in den Wiedervereinigungsschmerzen, zu einer dritten Erlösung Deutschlands durch bayerische Volkstümlichkeiten. Diesmal lag der Schwerpunkt auf einer speziellen Form von Musik und ihrer medialen Präsentation.
Wenn eine soziale Erfahrung verloren geht, entsteht eine unerfüllbare Sehnsucht, ein hungriges Loch in der Seele. Das will gefüttert werden. Da es das Volk als konkrete soziale Erfahrung und tragfähigen Mythos nicht gibt, wird es, links wie rechts, klug wie dumm, endlos neu erfunden, beschrieben und gefeiert. Die Frage ist also nicht mehr, wie tümlich das Volk sei, sondern umgekehrt, wie viel Tümlichkeit benötigt wird, damit sich Menschen in praktischen Allzweckhallen, in der radiobeschallten Küche und vor dem Fernseher als Volk fühlen dürfen. Das Zusammenwachsen der beiden deutschen Gesellschaften hat als gemeinsame Kultur nur eben dieses Volkstümliche hervorgebracht, und umgekehrt war das Volkstümliche seit geraumer Zeit die Prophetie eines neuen Deutschlands, eines Deutschlands, das noch weit über die »wiedervereinigte« Bundesrepublik hinausgeht.
Das Herz dieser Kultur der großdeutschen Volkstümlichkeit ist das, was man »Volksmusik« getauft hat. In Wahrheit handelt es sich dabei um ein völlig neues Musikgenre, das aus Fragmenten von Folklore, von Marsch- und Militärmusik, vom deutschen Schlager, von internationaler Popmusik, von Touristenjodlern und Stubenmusi und von bestimmten Produktionstechniken entstand. Diese »Volksmusik« hat insbesondere in den Alpenregionen der Republik und in den Nachbarländern eine lange Tradition; eine gleichsam unterirdische Geschichte ist von der Nachkriegszeit bis zur medialen Explosion des Genres in den 1980er-Jahren zu verfolgen. Die »Volksmusik« mit ihren betont schlichten Botschaften und Melodien (beides im Gegensatz zu dem, was man »authentische« Volksmusik nennen könnte, nämlich eine Musik, in der Anliegen und Aussagen perfekt und »subversiv« verborgen werden) entwickelte sich schon im und neben dem deutschen Heimatfilm der 1950er-Jahre zu einer touristischen Attraktion, wurde Teil einer blühenden Souvenirindustrie als damals bedeutendem Bereich der Sinnindustrie. Die Grenzen zwischen der bieder oder besessen betriebenen Pflege der »echten« Volksmusik und der touristischen Jodlerfolklore waren zu dieser Zeit noch fließend, der Konflikt freilich zeichnete sich bereits ab. Man einigte sich schließlich auf ein geregeltes Nebeneinander; der Bayerische Rundfunk unterhielt zwei unterschiedliche Abteilungen, die eine für »Volksmusik«, die andere für »volkstümliche Musik«. Der Berufsjodler im touristischen »Heimatabend« und der Ethnotraditionalist versuchten damals, einander nicht ins Gehege zu kommen.
Im Fernsehen hatte das Genre einen Nischenplatz und war vor allem als Seniorenprogramm ausgewiesen. Es war ein eher heimlicher Markt, und dass die Original Oberkrainer und der Jodelkönig Franzl Lang zu Beginn der 1970er-Jahre mehr Schallplatten verkauften als die Rolling Stones, schien eher eine bizarre Nachricht für den kulturellen Generationenkampf. Den eigentlichen kulturellen Siegeszug konnte die »Volksmusik« erst antreten, nachdem der deutsche Schlager sein Publikum, vor allem das jugendliche Publikum, weitgehend verloren hatte. Die nationale Popmusik verlor gewissermaßen ihre Mitte; der deutsche Schlager teilte sich in einen »volkstümlichen« und in einen »rockigen« Teil, die freilich dann im (österreichischen wie bayerischen) Alpenpop und »Volksrock« zu Beginn des neuen Jahrhunderts zu einer erneuten Melange wieder zusammenkamen. Heute nennt der Bayerische Rundfunk das »Heimatsound« und bezeichnet damit sehr unterschiedliche Spielarten der populären Musik, die irgendeinen Bezug zur »Von-Hierheit« haben.
Mitte der 1970er-Jahre indes wurde die »Volksmusik« für das Fernsehen entdeckt, und es entstand die Sendung Lustige Musikanten als Matrix für eine Inflation von Hitparaden, Stadel und Grandprix der volkstümlichen Musik. Mastermind hinter dem Volksmusikboom war ein Promoter, der auch schon im deutschen Schlager das Sagen hatte: Hans R. Beierlein. Er ging von zwei Strategemen aus: Die »Volksmusik« musste erstens »jünger«, das heißt, nicht nur von den alten akademischen Vertretern gesäubert werden, die in ihr eine Art Oral History sahen und die mit dem Aufnahmegerät übers Land zogen, um alten Bauern die Erinnerungen an ursprüngliche Weisen zu entlocken, Field Recording
